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  • 10/28/15--08:15: Was ganz Altes in neuer Form
  • Mit einer Crowdfunding-Kampagne wollen Felix Durst, 27, und David Ziegler, 29, eine Wasserflasche im Buchformat auf den Markt bringen. Das "Aquabook". Praktische Begründung: Passt besser in Rucksack und Laptoptasche. Schöner Nebeneffekt: Vermeidet die bekloppten PET-Flaschen. Bisschen Marketing-Gedöns schwingt aber schon auch mit. Ein Anruf.




    Das "Aquabook"
     
    jetzt.de München: Klingt ja schon ein bisschen nach Grundkurs BWL: Einfach mal etwas ganz Altes in einer neuen Form herausbringen. Braucht die Welt echt eine Trinkflasche im DIN-A5-Format?
    Felix Durst: (lacht) Das weiß ich nicht. Das muss die Welt im Zweifel selbst entscheiden. Nein, ganz ehrlich: Das Aquabook ist eine clevere Alternative zur herkömmlichen Flasche. Es ist super praktisch, weil man es gut mitnehmen kann, ohne dass die Tasche ausbeult oder wichtige Akten zerknittern. Zudem bietet es ein innovatives Design, das die Blicke auf sich zieht.
     
    Wieso wurden Flaschen dann nicht schon früher rechteckig und flach produziert?
    Weil es für die Getränkeindustrie billiger ist, auf bestehende Formen zurückzugreifen. Deren Verhältnis von Materialaufwand, Oberfläche und Fassungsvermögen ist natürlich besser als das unseres Formats. Für uns spielt das aber eine untergeordnete Rolle, weil wir keine Einwegflaschen produzieren. Uns geht es nicht darum, möglichst günstig zehn Millionen Flaschen herzustellen – sonst hätten wir uns für eine Kugelform entschieden. Wir wollen eine nachhaltige Trinkflasche anbieten, die man jahrelang benutzen kann.
     
    Bisschen sieht sie aus wie der Wassertank einer Kaffeemaschine, oder?
    (Lacht) Wir haben schon viele Assoziationen zu hören bekommen – in erster Linie war das aber nicht der Wassertank oder der Benzinkanister. Der Flachmann schon eher. Wir haben aber noch von keinem gehört: „Das ist ja total hässlich“ oder „total unnütz.“ Die härteste Kritik kam von meinem 81-jährigen Stiefopa, aber der ist jetzt auch nicht unbedingt die Zielgruppe.
     
    Was hat er denn gesagt?
    Es gibt schon runde Glasflaschen – wieso müssen wir jetzt unbedingt eine buchförmige machen?
     
    Und: Was hast du ihm geantwortet?
    Ich bin davon überzeugt, dass es für wiederverwendbare Flaschen einen Bedarf gibt. Man spart Geld, man schützt damit die Umwelt und das Design ist mal was Neues.
     
    Das Aquabook soll zu 100 Prozent in Deutschland hergestellt werden, das Material kommt aber aus den USA. Warum?
    Der Kunststoff von dort wurde extra für wiederverwendbare Trinkflaschen entwickelt. Die Leute kennen das Material und vertrauen ihm. Produzieren lassen wollten wir aber in Deutschland, weil wir dann schnell mal hin können, wenn was ist. Und weil wir auf Deutsch kommunizieren können. Außerdem ist die rechtliche Handhabe leichter.

    Ist Plastik überhaupt ein Material, das eure Zielgruppe anspricht?
    Ich glaube, da muss man ein bisschen differenzieren. Kunststoff ist ein toller Werkstoff, aber jeden Schinken und jeden Schokoriegel doppelt und dreifach damit zu umwickeln, halte ich für vollkommen überzogen. Für unser Produkt ist es gut geeignet: Man kann es über Jahre verwenden, im Gegensatz zu Glas wiegt es nicht viel und zerbricht auch nicht so leicht. Kaputt gehen darf das Aquabook nämlich auf keinen Fall. In einer Tasche mit dem Laptop und wichtigen Unterlagen – das wäre der GAU.
     
    Euch fehlen noch gut 15 000 Euro zur erfolgreichen Crowdfunding-Finanzierung. Glaubst du, das wird noch was?
    Auf jeden Fall. Wir hatten gerade erst Halbzeit und sind schon bei mehr als 60 Prozent. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir mindestens 100 Prozent – wenn nicht sogar mehr – erreichen werden. Wenn das alles so klappt, wollen wir im Januar in Produktion gehen.

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    Neulich, als diese Sache mit dem Heiratsantrag war, da habe ich mich fast über den Lauren Mayberry-Hype geärgert. Weil ich dachte: mal wieder die Feminismus-Falle. Für die nicht Elektropop-Fans hier: Lauren Mayberry ist die 28-jährige, sehr kluge Sängerin der schottischen Band Chvrches, die 2013 im Guardian einen hochinteressanten Textüber den Umgang des Internets mit weiblichen Popstars veröffentlicht hat. Die widerliche Fananfragen ("machst du's anal?") auch mal bei Facebook veröffentlicht und gemeinsam mit anderen Frauen das feministisch angehauchte Blog-Kollektiv TYCI betreibt. Kurz: Es gibt Gründe, warum stets Lauren Mayberry zitiert wird, wenn man mal ein kluges Zitat zum gesellschaftlichen Umgang mit Frauen sucht. Warum also Feminismus-Falle?
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    Weil alles, was  Mayberry tut, sofort in diesen Kontext gerückt wird. Bei der Sache mit dem Antrag ging es um dieses Video:
    https://www.youtube.com/watch?v=u3b4psaTcc8

    Darin hört man, wie ein Fan auf einem Konzert Mayberry einen Antrag macht und sie ihn ziemlich schroff mit den Worten "Wie oft funktioniert das bei dir, dass du wildfremden Frauen einen Heiratsantrag machst?" abweist. Später erklärte sie in einem Interview, der Typ habe bereits die ganze Zeit das Konzert gestört, was ihre Reaktion mehr als verständlich macht. Was mich allerdings daran nervte: Die ganze Aktion bekam sofort einen feministischen Überbau. Der Heiratsantrag sei eine "Microagression" gewesen, ein Beispiel, wie Männer Frauen nicht akzeptieren und sie habe sich dann im Namen der Frauenwelt mit ihrem Mikrofon gewehrt. Weil sie halt keinen Schritt mehr tun kann, ohne dass ihr Handeln sofort in einen feministischen Kontext eingeordnet wird.

    Umso positiver, dass Mayberry der Welt jetzt tatsächlich wieder etwas zu sagen hat. Im heute erschienenen Lenny-Letter, dem Newsletter von Lena Dunham, erzählt Mayberry in einem Essay von einer ihrer vergangenen Beziehungen, in der sie schlecht behandelt wurde. Genau genommen schreibt sie:

    "Everything became my fault. I was careless. I was stupid. I was selfish. I was not trustworthy. I was a weak person who would fail at anything she tried so I shouldn’t bother. He hated me, but then he loved me and I was the best person in the world — until I wasn’t anymore."

    Mayberry tat das, was viele Frauen in solchen Beziehungen erst mal tun: sich schämen. Sie, die Frau, die ihren Freunden schnell erzählte, dass sie in ungesunden Beziehungen seien, steckte auf einmal selbst in einer. Also begann sie, die ganze Wahrheit vor Freunden zu verheimlichen und steckte immer mehr in der Beziehung fest. Erst als der Typ mehrmals über ihrem Kopf mit der Hand gegen die Wand schlug, realisierte sie, was los ist. Beendete die Beziehung, tauschte die Schlösser ihrer Wohnung aus. Und schreibt nun darüber. Um zu zeigen, dass so etwas jedem passieren kann. Auch Frauen wie ihr, die immer als stark und unabhängig wahrgenommen werden. Und dass man dann Hilfe braucht und drüber reden muss. Und dann merkt man wieder: Der Hype um Lauren Mayberry ist halt doch gerechtfertigt.

    charlotte-haunhorst

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  • 10/29/15--01:46: Durchdrehen? Film drehen!
  • Wenn diese Woche die neue EP der Münchner Band Claire erscheint, könnte es sein, dass in einem kleinen litauischen Städtchen jemand seinen Laptop öffnet, der schon lange auf diesen Moment gewartet hat. Vielleicht ist er sogar der Erste, der auf „Play“ klickt, wenn die Band die letzten Kapitel ihres dazugehörigen Kurzfilms veröffentlicht – schließlich ist er darin die Hauptperson. Wahrscheinlich ist er gespannt, wie die Band die Geschichte erzählt, die er mit einem Anruf im Dezember 2014 doch noch ins Gute drehte. Seine Hilfe machte aus einem Albtraum für die Band schließlich einen Krimi mit Traumende. Wie das alles genau ablief, weiß nur er: der mysteriöse Anrufer aus der Kleinstadt Raseiniai in Litauen, dessen Identität immer noch ein Rätsel ist.




    Ruhig bleiben und den Albtraum in Kunst verwandeln: Claire haben den Diebstahl ihres Equipments in einem Film und einer EP verarbeitet.
     
    Die Albtraumgeschichte beginnt im September 2014. Claire – die Medien nennen sie damals seit einer Weile die „Münchner Band der Stunde“ – sind für die ersten eigenen UK-Shows in London. Am Tag des ersten Gigs klingelt das Telefon. Die Tourmanagerin ist dran. Sie könne den Sprinter nicht finden, den sie gerade holen wollte. Die Band hatte ihn in der Nacht in einer Wohngegend geparkt, um 4 Uhr früh, nach langer Fahrt von München. Nach einer Weile wird klar: Die Managerin hat sich nicht in der Straße geirrt. Der Transporter hat nicht im Parkverbot gestanden, also hat ihn auch niemand abgeschleppt. Nein, jemand hat ihn geklaut. Samt Inhalt – dem gesamten Equipment der Band. „In dem Moment ist uns allen richtig schlecht geworden“, erinnert sich Sängerin Josie. Aus der Vorfreude auf die erste Show der Tour wird Verzweiflung. Das Konzert am Abend wird abgesagt. Aber das ist das kleinste Problem.
     
    Einer Band auf einen Schlag all ihr Equipment zu klauen, das ist in etwa so, als würde man einem Fußballprofi die Füße abhacken. Musiker tüfteln jahrelang an ihrem Sound, an einem Klang, der sie unverwechselbar macht. Jede Gitarre klingt ein bisschen anders, jeder Verstärker und jedes zwischengeschaltete Effektgerät verändern den Klang. Manche Songs lassen sich überhaupt nur mit einem bestimmten Set-Up live umsetzen. Sich einfach eine Klampfe und ein Schlagzeug zu leihen und loszuschrammeln, ist ab einem bestimmten Niveau unmöglich. Das Problem verstärkt sich noch, wenn eine Band viele Drum-Maschinen und Synthesizer einsetzt, und wie Claire ihre Musik auf einem elektronischen Soundgerüst aufbaut. Ohne das eigene Equipment fällt dieses Gerüst zusammen. „Das ist ein gewachsenes System, in dem viel Zeit und Arbeit stecken. Man bastelt da ja immer weiter dran rum“, sagt Keyboarder Messel. „Das genau so wieder nachzubauen, ist quasi unmöglich.“ Und teuer. Das Equipment einer fünfköpfigen Band kostet schnell mehr als ein Mittelklassewagen.

    Teufelskreis: ohne Auftritte kein Geld, ohne Geld kein neues Equipment, ohne Equipment keine Auftritte.


    Die Londoner Polizei macht den Musikern keine Hoffnungen. Autodiebstahl sei in der Gegend ein Klassiker, auch wenn sie aussehe wie ein gediegener Vorort. Drei Tage später folgt die Gewissheit, dass der Transporter längst ganz woanders ist: Die Polizei entdeckt ihn auf Bildern, die eine Überwachungskamera am Morgen der Tat im Süden Londons aufgezeichnet hat. Die Straße führt in Richtung Küste.
     
    Wieder zu Hause beginnt für die Band eine harte Zeit. Sie haben keine Instrumente, können keine Konzerte spielen. In Zeiten sinkender Erlöse durch CD-Verkäufe sind die aber die Haupteinnahmequelle. So geht der Teufelskreis weiter: ohne Auftritte kein Geld, ohne Geld kein neues Equipment, ohne Equipment keine Auftritte.
     
    Auch die Kreativität kommt ins Stocken. Claire können nicht richtig proben, neue Ideen nicht richtig ausarbeiten, nicht an einem zweiten Album basteln. „Der Diebstahl hat uns mindestens ein halbes Jahr zurückgeworfen“, schätzt Josie. Vielleicht kann man also wirklich sagen: Was der anonyme Anrufer aus dem litauischen Provinzkaff Raseiniai in Gang setzte, war die Rettung von Claire.
     
    Es ist der 25. November 2014. Bei der Booking-Agentur der Band klingelt morgens das Telefon, eine Mitarbeiterin nimmt ab. Sie versteht nicht, was der Anrufer will, er spricht nur gebrochenes Englisch. Aber die paar Begriffe, die sie aufschnappen kann, reichen: Claire – Instruments – Lithuania.

    „Wir dachten zuerst, es verarscht uns jemand.“


    Claire besorgen sich einen Dolmetscher und schicken auf Litauisch eine SMS an die Prepaid-Handynummer, die auf dem Display der Booking-Agentur erschienen war. Ob der Anrufer die Infos noch mal per Mail schicken könne? Und tatsächlich: Am Abend kommt eine Nachricht an. Darin ist der Ort beschrieben, an dem die Instrumente der Band angeblich lagern. Dazu der Hinweis, sich an die örtliche Polizei zu wenden, die das Hehlerversteck hochnehmen könne.
     
    „Wir dachten zuerst, es verarscht uns jemand“, sagt Josie. „Wir haben echt eine Weile gebraucht, bis wir dran geglaubt haben, dass uns da eventuell ein wertvoller Hinweis erreicht hat.“

    >>>Die litauische Polizei findet den angegebenen Ort, einen Nachtklub, und stürmt das Versteck.<<<
    [seitenumbruch]
    Aber so war es. Die litauische Polizei findet den angegebenen Ort, einen Nachtklub. Sie stürmt das Versteck und stellt so gut wie alles sicher, was der Band gestohlen worden war. „Wir haben denen eine Liste mit allen geklauten Gegenständen geschickt. Nach ein paar Wochen bekamen wir die Liste zurück: Hinter fast allem stand der Vermerk ‚Found‘. Sogar hinter dem schwarzen Gaffa-Tape.“




    Die Polizei entdeckt den gestohlenen Sprinter auf Bildern einer Überwachungskamera. Die Straße führt in Richtung Küste.
     
    Die Jungs der Band fahren selbst nach Litauen, um ihre Sachen auf dem örtlichen Polizeirevier abzuholen. Da setzt das Kopfkino ein. Sie wissen: Hinter den Kleinstadt-Fassaden passieren obskure Dinge, leben Verbrecher, die womöglich noch Schlimmeres tun als Transporter zu klauen. Ihre Fantasie verändert ihren Blick, sagt Messel: „Wir fragten uns bei jedem Menschen, den wir auf der Straße sahen: Ist das einer der Diebe? Einer der Typen, die unsere Sachen verticken wollten? Oder ist das der anonyme Anrufer?“
     
    Aus diesem seltsamen Gefühl sind die neue EP und der Film entstanden. Aus der Unwissenheit, wer dieser Mensch ist, der ihnen geholfen hat. Genauso, wie man sich als Bestohlener ausmalt, wer einen beklaut hat, grübelte die Band, warum der Anrufer ihnen half, ihr Eigentum zurückzubekommen. Geld steckte offenbar nicht dahinter. Also wurden die Theorien abstruser. Verwandelten sich in drehbuchartige Schnipsel: Wollte er den Hehlern schaden? Sich rächen?
     
    https://www.youtube.com/watch?list=PLDGM4yrTp74D4R1I3mV1zqTE2Uz7dF-k-&v=87oGJEcHaqs

    „Wir haben relativ bald beschlossen, dass wir diese Geschichte in Musik und in einem Film verarbeiten wollen“, sagt Messel. „Um die Ereignisse in etwas Positives umzumünzen und um filmisch mal mehr zu machen als nur ein Musikvideo. Dann wurde schnell klar: Der Clou an der Sache ist: Wer ist dieser Typ? Warum hat er uns geholfen?“

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht Janis, ein junger Autoschrauber, Typ Schmalbrust in Unterhemd mit Goldkettchen.


    Das erste Kapitel des Films, seit Montag online, lässt schon erahnen, in welche Richtung Claire ihre Gedanken laufen ließen. Im Mittelpunkt steht Janis, ein junger Autoschrauber, Typ Schmalbrust in Unterhemd mit Goldkettchen. Die Geschichte wird sich, so viel ist nach den acht Minuten klar, um eine Autowerkstatt drehen, in der geklaute Wagen vertickt werden und in der Janis offensichtlich der Underdog ist. Er erledigt Botengänge mit Diebesgut und ist verliebt in eine Tänzerin in einem Kleinstadt-Stripclub. „This is what we are made of“, singt Josie, während Janis mit geklauter Hehlerware übers Land fährt. Die Musik sagt: Dieser Junge ist ein guter Typ, der in einer Scheißwelt lebt.
     
    Überhaupt, die Musik. Klingt irgendwie anders als die auf dem ersten Claire-Album. Stellenweise zaghafter. Repetitiver, flächiger. Die Songs bauen sich langsamer auf und sind weniger auf den Refrain aus, der im Ohr bleibt. Als wollten sie sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen. Es könnte sein, dass manche Claire-Fans ein bisschen enttäuscht sind, wenn sie die EP ohne den Film hören. Alleine ist sie nicht so eingängig, wie man es gewohnt ist. „Wir haben die Musik parallel zum Drehbuch geschrieben“, sagt Josie. „Letzten Endes ist sie ein Soundtrack. Ich bin sehr gespannt, wie die Leute reagieren.“
     
    Vielleicht gibt es noch einen Grund für die Soundveränderung: Die Synthie-Sammlung der Band ist gewachsen, weil sie in den Monaten ohne ihr Equipment schon teilweise Ersatz gekauft hatten. Könnte also sein, dass sie bei der nächsten Tour auf zwei Transporter aufpassen müssen.

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    Die Autorin und Regisseurin Mia Grau und der Gestalter Andree Weissert haben eine Website namens Atomteller online gebracht. Auf dieser Website kann man gute, alte Wandteller bestellen. Eigentlich ganz so, wie sie schon bei Oma in der Küche hingen. Nur, dass ihre Motive, naja, etwas moderner ausfallen: Es sind Atomkraftwerke. Untertitel: Biblis, Isar, Krümmel, Brokdorf, und so weiter. Sind ja irgendwie sowas wie die Windmühlen unserer Zeit. Stehen in den idyllischsten Landschaften rum und gehören manchmal irgendwie mit zu dem, was wir Heimat nennen. Ob wir sie nun gut finden oder nicht. Mia Grau erzählt auf der "Über uns" Sektion der Seite, dass ihr die Atommeiler der AKWs Stade, Brunsbüttel und Brokdorf beim Segeln immer schon Wegmarken waren. Und Andree Weissert schreibt, dass er sich schon als Kind fragte, wie so ein kleiner Ort wie sein Heimatort, sich eigentlich so ein großes Schwimmbecken leisten könnte. Natürlich nur durch Atomkraft. "Denkmäler des Irrtums" nennen die beiden Künstler die Anlagen, "Hoffnung von Gestern" und "Folklore von Morgen".

    Das ist eine interessante Perspektive und vielleicht sollte man sich tatsächlich so einen Teller zulegen. Und sei es nur, um ihn später samt der geerbten Heimatidyll-Wandteller von Oma an die eigene Wohnzimmerwand zu hängen und zu beobachten, ob die eigenen Kinder sich überhaupt drüber wundern.



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    Auf der Website Munchies schreibt eine Autorin über ihren Selbstversuch mit der App "Carrot Hunger", die allen, die abnehmen wollen, ordentlich Druck machen soll, dass sie es auch wirklich tun. Seine Benutzer begrüßt die App mit den Worten: "Wenn du fett wirst, werde ich angepisst sein!"

    Man trägt Größe und Gewicht ein, gibt an, wie viel man in welchem Zeitraum abnehmen will und dann notiert man jede Mahlzeit, die man zu sich nimmt, samt Uhrzeit und Mengenangabe. Überschreiten die täglichen Mahlzeiten und Snacks die verordnete Kalorienanzahl, wird die App sauer. Sie schaltet sich in den "Angry Mode", droht mit Werbungsanzeigen auf dem Bildschirm, beschimpft einen, ("You're going to wish you were never born" oder "Du hast dich nicht unter Kontrolle und solltest dich schlecht fühlen!") und bietet an, überflüssige Mahlzeiten durch das Zahlen von einem Dollar wieder aus dem Protokoll zu löschen. Die Autorin des Selbstversuchs resümiert, dass sie die App lustig findet, auch wenn sie gemein ist. Sie zitiert aber auch eine Studie, die feststellt, dass Beleidigungen bezüglich der Figur eines Menschen, diesen Mensch nicht zum Abnehmen bewegen, sondern im Gegenteil dazu, noch mehr zu essen - aus Frust. Besonders sinnvoll sei die App daher wahrscheinlich nicht. Und dann schließt die Autorin mit dem Satz: "Um ehrlich zu sein, ist es aber immer noch um einiges leichter, von einem Cartoon auf deinem Handy ,Fleischhaufen’ genannt zu werden, als von deinem Tinder-Date."

    Hinter den Worten der Autorin schimmert alles in allem eine ziemlich merkwürdige bis schwammige bis dämliche Haltung durch. Wenn man Text und App ernst nimmt, bleibt man etwas ratlos zurück vor soviel Unreflektiertheit. Interessant ist aber: Betrachtet man die App als subversives Kunstprojekt, als Parodie ihrer selbst und damit als Werkzeug, uns unseren kranken Schönheitsideale und unsere Selbstgeißelungs-Kultur vor Augen zu führen, ist sie ziemlich gelungen. Zumal diese Features wie das "Angebot" sich eine Mahlzeit, die man gegessen hat, aus dem Protokoll wieder rauskaufen zu können, ja so irr und beknackt sind, dass man sie gar nicht ernst nehmen kann - sie parodieren die eigenen Milchmädchenrechnungen, mit denen man die eigenen vermeintlichen Alltagssünden so oft rechtfertigt.

    Aber leider wird diese App eben nicht als Kunstprojekt verkauft. Sondern als lustiges Werkzeug für latent essgestörte Hipster. Und damit bleibt sie, was sie ist: Die traurige Diagnose einer wahnsinnigen Gesellschaft.



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    Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:
     



    Fumiko, 28, Journalistin


    Die Türkenstraße hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann: ein altes Kino, das Arri, die beste Eisdiele Münchens, Ballabeni, eine Wiese zum Eisessen zwischen der Pinakothek der Moderne und dem Museum Brandhorst, süße kleine Cafés, Klamottenläden für Hipster mit Geld, daneben alteingesessene Kramläden, schöne alte Häuser, immer mehr Bars und viele Plätze zum Draußensitzen.
     
    Außerdem hat die Straße ihre ganz eigene Klangkulisse. Zum Beispiel am Brandhorst: Wenn da der Wind geht, dann pfeift es so durch die Stäbe – das ist ein total weirdes, irgendwie magisches Geräusch. Oder im Sommer, abends, wenn es ganz heiß war und die Stäbe langsam abkühlen: dann knacken die so. Ich sitze dann total gerne davor, esse mein Eis vom Ballabeni und höre zu.

    Am Arri-Kino mag ich, dass es noch eine alte Steckschrift über dem Eingang hat und dass es auch drinnen irgendwie toll aussieht, mit dem Foyer, in dem man vor dem Film noch etwas sitzen kann. Und alle, die da arbeiten, sind total nett. Und das Programm ist eh immer super zusammengestellt.
     
    Auf den großen Holzstufen vor dem Kunstakademie-Café sitze ich gerne. Da kann man hervorragend Mittag essen. Das ist nicht teuer und immer von bester Qualität. 
     
    Im Eiscafé Adria gibt es auch köstliche Pasta mit frischen Tomaten, die man, wenn man möchte, direkt gegenüber an die Mauer vor der Türkenschule serviert bekommt. Dort sitze ich im Sommer gern mit Freunden und einer Flasche Wein. Außerdem gibt es im Adria das beste Spaghettieis. Die machen noch richtige weiße Schokolade drauf, nicht Kokosraspel. Das beste Schnitzel gibt es im Georgenhof. Mein Haus- und Hofcafé aber ist der Laden, da gibt es eine unschlagbare Spaghetti Bolo und eine großartige Schokotarte. Wenn Pius hinter der Bar steht, quatsche ich immer gerne mit ihm. Setzt man sich zu ihm, weiß man auch gleich, was demnächst in der Gegend so geht. Er ist das Orakel des Viertels.
     
    Über dem Laden wohnte immer ein sehr berühmter Künstler, der nur einen einzigen Finger bewegen kann. Er macht so ein bisschen kitschige 3-D-Kunst, im Schaufenster vom Ballabeni kann man die im Winter sehen. Aber seine Werke sind extrem beliebt, deshalb hängt er auf Geburtstagen von Leuten wie Jay Z oder P. Diddy ab. Der suchte immer wieder Studenten, die ihn pflegen. Ich habe ihn allerdings lang nicht mehr gesehen und sein großes Auto steht auch nicht mehr in der Straße.
     
    Überhaupt gibt es in der Türkenstraße viele Charaktergestalten. Die alte Frau aus dem grünen Haus rechts neben dem Tengelmann zum Beispiel, mit ihrem Hund Cindy. Die geht immer spazieren und quatscht einen auch gern mal an. Abends sitzt sie vorm Café Puck und trinkt ihr Bier. Dabei besteht sie darauf, dass es ein Radler und kein Bier ist. Sie erzählt auch gern von den vielen Männern, die sie schon überlebt hat. Und sie trägt immer Käppi.
     
    Gegenüber vom Laden ist ein Studentenwohnheim in einem wunderschönen Altbau. Da gibt es, wenn Fußball ist, ab und an inoffizielle Kneipenabende. Man muss nur klopfen und ein wenig Glück haben. Bier: ein Euro. Ein paar Läden weiter ist die Fox Bar, ein ganz netter Laden, der immer eine gute Alternative ist, wenn man mal keine Lust auf Boazn oder Wirtschaft hat.
     
    Der Suckfüll ist natürlich eine totale Institution in der Türkenstraße und hat mir schon oft in akuter Haushaltsnot weitergeholfen. Da gibt es einfach alles, was man brauchen könnte, quasi Haushaltswarenladen, Mini-Baumarkt und Schlüsseldienst in einem. Und die haben richtig viele Angestellte, die alle ganz genau Bescheid wissen in ihrem Fachbereich. Hoffentlich wird es den Suckfüll noch lange geben.
     
    Im Schreibwarenladen Zuerl kaufe ich gern Postkarten, die haben welche mit alten Münchenmotiven, drucken aber auch eigene. Außerdem haben sie die schönsten Kassenzettel überhaupt: zweifarbig gedruckt, rot und schwarz. Super ist auch, dass es in der Türkenstraße einen Apothekenautomaten gibt, an dem man Tag und Nacht die wichtigsten Sachen kriegt.
     
    Als Kind wollte ich immer im Türkenhof wohnen, da sind die Häuser so bunt und süß. Sollte man sich mal ansehen, einfach in den Hinterhof der Gastwirtschaft Türkenhof gehen. Man kann in der Türkenstraße auch gut auf ein paar Dächer klettern, ohne all zu vielen Menschen zu begegnen. Beeindruckend ist auch, dass die Türkenstraße so viele Hinterhäuser hat, zwei Reihen sogar. Und ein ganzes Heizkraftwerk hat hier auch noch Platz, zwischen Türken- und Amalienstraße steht ja so ein riesiger Kessel.

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  • 10/30/15--06:09: Vergiss mein Gesicht

  • Gerade noch Tierbilder, jetzt der Ex beim Feiern: Das Internet kann grausam sein.

    Der Finger scrollt und an deinen Augen rauschen vorbei: ein Katzenvideo, ein Zimmergesuch, irgendwas von der Tagesschau, die Party vom letzten Wochenende. Und dann ist es plötzlich so, als hätte dir jemand ein bisschen Dynamit in den Bauch gelegt und einfach gezündet. Auf der Timeline das Gesicht, was vor ein paar Wochen noch auf deinem Kissen lag, ganz nah. Jetzt sitzt dieser Mensch neben Fremden und hebt einen Shot zur Decke. Bumm, macht das Dynamit. Das Gute daran: Google+ weiß, wie beschissen das ist. Deswegen bietet der Internetgigant in seiner Android-App jetzt eine Funktion an, die bestimmte Gesichter ganz einfach aus dem digitalen Alltag ausradiert.

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    Die Androidfunktion wirft die Frage auf: Sind wir wirklich glücklicher, wenn wir Expartner aus unserem Leben löschen?

    Die Memory- oder Rediscover-Funktion, über die Facebook und Google+ verfügen, ist Russisch Roulette für Frischgetrennte: Auf Knopfdruck werden hier Momente der letzten Jahre präsentiert. Das kann die Sauftour mit den Kumpels sein, oder, auch so ein Dynamit-Moment, ihr beide, glücklich, irgendwo am Strand. Bumm. Google+ umschifft solche Momente dank der Gesichtserkennung. Facebook könnte das theoretisch auch: Über den Beziehungsstatus könnte der Algorythmus mit Gesichtserkennung ein bisschen zur Heilungsphase beitragen und diese Menschen aus den Timelines und Rediscover-Momenten löschen. Ist das die Zukunft der digitalen Trennung?

    Liebeskummer ist ein Kampf. Man schaut sich alte Bilder an und liest SMS, löscht dann die Nummer, ignoriert Anrufe und fängt später doch an, den anderen auf Facebook zu stalken. Das einzige, was nach einer Trennung hilft, ist Abstand. Was einem Social Media an die Fingerspitzen legt, ist Nähe, Informationen in Echtzeit. Vielleicht ist es besser, wenn es diese Möglichkeit künftig gar nicht gibt, man sich nach der Trennung einfach ausradiert, so wie Jim Carey Kate Winslet in The Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Einen eben noch geliebten Menschen einfach löschen – so ganz glücklich war damit auch Carey nicht.

    Google+ kann jedoch zunächst mal als Knautschzone fungieren, so wie das Wohnzimmer der besten Freundin oder das Sofa bei den Eltern. Hier gibt es nichts mehr, was dich an diese eine Person erinnert. Das ist für die erste Notversorgung hilfreich.

    Die Realität aber kann Google nicht auslöschen. Früher oder später, das ist Trennungsgesetz, ploppt dieses eine Gesicht irgendwie ganz überraschend auf. Nicht auf der Timeline, sondern in der echten Welt. Und dann ist es vielleicht gut, wenn man den Dynamit-Moment vorher am Bildschirm schon mal geübt hat.

    sina-pousset

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    Dass Amerika eine sehr eigene Waffenpolitik pflegt, ist bekannt. In vielen Staaten dürfen Bürger in der Öffentlichkeit Waffen tragen. Was der Sicherheit des Einzelnen dienen soll, erleichtert ihm aber auch die Begehung eines Gewaltverbrechen: Die Gefahr, dass jemand mit einer legal erworbenen Waffe einen Amoklauf verübt, zum Beispiel an einer Schule, ist hoch. Um dem vorzubeugen, werden an vielen öffentlichen Schulen Polizeibeamte eingesetzt, die für die Sicherheit der Schüler sorgen sollen. Man nennt sie "School Resource Officers" (SRO).

    In einer offiziellen Mitteilung, die sechs amerikanische Schul-Organisationen gemeinsam herausgegeben haben, werden diese School Resource Officers als wertvolle Menschen beschrieben, die den Schülern nicht nur Sicherheit gewähren, sondern ihnen auch moralisches Vorbild amerikanischer Gesetzestreue dienen. Die Realität sieht meist anders aus: Die SROs greifen nicht nur dann ein, wenn es gefährlich wird, sondern auch bei gewöhnlichen Ruhestörungen im Unterricht, Schulhof-Streitigkeiten und anderen harmlosen Alltagsrangeleien, wie sie an Schulen täglich vorkommen. Die SROs mahnen ihre ungezogenen Schüler dann aber nicht nur, sondern verhaften sie oft gleich. Kritiker der SRO-Strategie sprechen daher auch von dieser als einer "School-to-prison-Pipeline": Wer Schüler bei jeder Kleinigkeit abführt, kriminalisiert sie.

    Seit dieser Woche bezeugt die Existenz der sogenannten School-to-prison-Pipeline ein Video im Netz. Darin will ein School Resource Officer eine Schülerin im Klassenzimmer abführen, weil sie den Unterricht gestört hat. Einer ihrer Klassenkameraden filmt die Szene. Es sieht so aus, als würde der Officer sie zuerst bitten, aufzustehen. Sie ignoriert ihn. Daraufhin schreitet er zur Tat, packt sie, stößt sie zuerst auf den Boden und zieht sie in eine Ecke des Klassenzimmers, um sie zu verhaften. Er behandelt sie, als sei sie ein schwer bewaffneter Drogenboss.

    http://www.youtube.com/watch?v=Tq4BR5KHuqA

    Was hier passiert, beschreibt das Nachrichtenportal Vox mit den treffenden Worten: „as often happens with law enforcement, resources that are supposed to be used for a rare occurrence often get used for more common occurrences simply because they're there.“ Heißt: Die Polizisten verhaften, weil sie halt eh da sind und sonst nix zu tun haben.

    Im Schuljahr 2011/2012 wurden in ganz Amerika an SRO-bewachten Schulen 92 000 Schüler verhaftet. Auffällig dabei übrigens: Es waren unverhältnismäßig viele Schwarze unter ihnen. Verschiedene Studien wollen das mit „unterbewusster Voreingenommenheit“ erklären. In einer von ihnen werden Tests beschrieben, in denen Polizisten in Video-Simulationen auf Verdächtige schießen sollten. Waren diese schwarz, drückten die Polizisten schneller ab. Dominique Oliver, ein schwarzer Elite-Student aus Baltimore, sagt, dass die Ungleichbehandlung durch die Polizei schon im Alltag zu spüren ist: Er kennt keinen Schwarzen, der noch nie von der Polizei kontrolliert wurde. Jedes Mal, wenn er vor die Tür geht, rechnet er damit, kontrolliert zu werden. Durch die School Resource Officers wird der Justiz-Rassismus auch in die Schulen getragen.



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    Liebe Jungs,
     
    ihr seid vielleicht mal an dieser Werbung vorbeigelaufen, die derzeit in der Innenstadt Münchens hängt. Es ist eine Werbung für ein Kaufhaus. Ein Mann sitzt auf einem Motorrad und sieht sehr derb und männlich aus. Darunter steht: Männer suchen keine Jacken. Männer suchen das Abenteuer. 





    Saudämlich. Aber man kennt die Masche ja. Es gibt Werbung dieser Art ja auch immer wieder für Frauen. Das weibliche Pendant zu dieser Werbung wäre dann halt das umgekehrte Klischee: Frauen suchen nicht das Abenteuer. Frauen suchen Jacken.
     
    Obwohl es so oll ist, müssen wir uns immer wieder schrecklich aufregen, wenn uns sowas begegnet. Wir denken dann all diese Feminismus-Gedanken über Geschlechtergerechtigkeit, reflektieren über Normen und Bildmacht und billige Werbetricks und hohle Klischees - und sind am Ende ganz unglücklich darüber, dass ein solcher schubladendenkenfördernder Quatsch anscheinend im Mainstream immer noch so wahnsinnig gut zieht. Und sich daran vielleicht einfach nie etwas ändern wird. Da können wir noch so tolle Ideale haben, Judith Butler lesen und uns schwören, unseren Kindern in spe niemals irgendwelche Geschlechterklischees anzuerziehen - am Ende wird unsere gefühlte Modernität immer nur verlachtes Nischenverhalten bleiben. Der Pulk will anscheinend was anderes. Der Pulk will rosa für die Frauen, blau für die Männer.
     
    Wie denkt ihr darüber? An euch ist die zitierte Werbung immerhin gerichtet: Brummmm, Motorrad, Schlamm, Abenteuer, who needs jackets anyway? Mann ist der Mann! Spricht euch das an? Seht ihr das und denkt: Yo, ganz genau so. Oder denkt ihr (das hoffen wir): WTF?

    Oder ist es euch egal? Raus damit, erzählt uns von den Gefühlen und Gedanken, die solche antiquierten Werbekampagnen und Männlichkeitsbilder in euch hervorrufen.
     
    Liebe Grüße,
     
    das andere Geschlecht

    >>>Die Jungsantwort von Jakob Biazza <<<
    [seitenumbruch]
    Liebe Mädchen,

    ich suche erst mal das Abenteuer, mache mich bei euch UND den männlichen Kollegen unbeliebt und sage: Klar spricht uns das an. Deshalb machen die das. Die Werber. Nennt es Fatalismus. Oder Selbstaufgabe. Mir egal. Ich glaube nämlich nicht an viel, aber ich glaube an die absolute, grausige Macht der Werbung und derer, die sie sich ausdenken. Ich glaube, dass diese widerlichen Kreaturen genau so sind, wie Frédéric Beigbeder sie in „39,90“ beschreibt. Und ich glaube, dass die uns alles verkaufen können. Alles! Denkt an Furby, Bierhelme oder die Stoffe, die angeblich im Conditioner sind und Schäden an den Haaren auffüllen. Was ist dagegen schon eine Rindslederjacke für Männer?!





    Das vorweg geschickt wirkt es vielleicht etwas weniger naiv, wenn ich im zweiten Schritt sage: Natürlich spricht uns das auch nicht an. Sätze, die der Welt erklären, was Männer wie warum machen, um echte Männer zu sein, haben für uns in etwa die Wahrhaftigkeit und Ästhetik von Sätzen, die mit „Ganz ehrlich“ oder „Ich habe ja nichts gegen Ausländer“ anfangen. Vordergründig. In den Arealen unseres Gehirns (sage ich jetzt mal; was weiß ich schon von Gehirnen ...), mit denen wir auch Bücher lesen, Diskussionen führen oder uns voll ironische Genderwitze über Judith Butler ausdenken. Aber in den Arealen drunter? Puh. Wer kann schon ermessen, was das da anrichtet?!

    Was ich sagen will: Ja, wir halten das für Schubladenmüll mit einem kapitalen S. Aber ob unsere Reptilienhirnbereiche das auch wissen, da bin ich ein bisschen unsicher. Dieses Motorrad, die gute Frisur im Fahrtwind, Brumm und Schlamm – ich kann mir leider vorstellen, dass sich das schon irgendwo reinfrisst. Und von dort seltsame Signale sendet. Kernige, vollbärtige Signale. Schwer zu sagen, wer die hört. Schwer zu sagen auch, ob das Stereotype erschafft, unter denen wir irgendwann aktiv leiden.

    Momentan hält sich die Pein für die meisten von uns halt in Grenzen. Und ich fürchte, das erklärt auch schon in großen Teilen, warum wir uns über all das nicht so schrecklich aufregen müssen wie ihr: Wir haben bei den Geschlechterklischees, die die Werbung bedient, eindeutig das bessere Los gezogen. Saufen, rauchen, erobern, Motorräder, Karren, Knarren – irgendwie macht das ja schon mehr Spaß als kleine Hündchen in großen Taschen rumtragen und Nagellackentferner. Man kann damit eher arbeiten und spielen. Kann es im Grundsatz ablehnen – und trotzdem im Stillen ein bisschen damit sympathisieren. So dumm und unfair das alles auch sein mag.

    Und: Man darf ja auch nicht vergessen, wie weit wir seit den Fünfzigerjahren gekommen sind ...

    http://www.youtube.com/watch?v=4ZxcKjzDxks

    Und jetzt gehe ich shoppen. Es wird kalt in München. Da brauche ich eine warme Jacke. Weich und flauschig wäre schön. Leder aber halt auch.

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  • 10/31/15--00:00: Wir haben verstanden: KW 44
    • Der lustigste Café-Betreiber der Welt lebt in Dublin und droht damit, alle Veganer zu erschießen, die seinen Laden betreten.

    • Veganer finden das nicht witzig.

    • Aber was finden Veganer schon witzig?!

    • Wenn sich eine Band auflöst, kann das tatsächlich ein bisschen wehtun.

    • Wenn (österreichische) Politiker nicht zugeben wollen, dass sie planen, an ihren Grenzübergängen Zäune zu errichten, sprechen sie von "festen, technischen Sperren".

    • Es gibt auf Facebook eine "Others-Inbox".

    • Und die verschwindet bald.

    • Das Prinzip "Sonntagsbraten" ist eigentlich super. Man muss es nur aus dieser sonntagsfressenden Eltern-im-Vorort-besuchen-(und-Tante-Karin-ist-auch-da)-Welt befreien und den Braten selbst machen und Freunde einladen.





    • Tiervideos werden sehr viel erträglicher, wenn man die Protagonisten – zum Beispiel – als "verfickt" und "verhurt" bezeichnet.

    • Es ist unmöglich, das Video mit dem verfickten Hasen und dem verhurten Reh nicht süß zu finden.

    • Sachen in nur einer Farbe anzuziehen, sieht ziemlich scheiße aus. 

    • Egal, um welche Farbe es sich handelt.

    • Mama hatte Recht: Nasses Laub + Fahrrad = Gefahr.

    • Die Nachnamen mancher Menschen passen einfach zu gut zu ihrer Profession: Felix Durst heißen und eine neue Trinkflasche entwerfen - Schicksal?!

    • Man kann auch in der S-Bahn Freundschaften schließen.

    • Zecken überleben auch im Wasser.

    • "Du bist wie deine Mutter" ist der Tod jeder Diskussion.

    • Vorhänge sind die Augenbrauen eines Zimmers.

    • Der Spotify-Werbejingle hat ähnliches Aggressionspotenzial wie ein Weckerklingelton.

    • Wer einmal Netflix erlebt hat, kann nie wieder zurück zu kinox.to.

    • Manchmal passieren Dinge, die sonst nur in Filmen passieren, auch im eigenen Leben.

    • Ein neuer Pulli ist ein entscheidender Faktor im Kampf gegen die Herbstdepression.

    • Mit Füller geschrieben sieht auch eine Einkaufsliste nach Literaturnobelpreis aus.

    • Äpfel und dunkle Schokolade schmecken aus dem Kühlschrank noch besser.



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    Das ist... 


    Stephan Urbach, Hacker, Ex-Pirat und Aktivist. Und seit neuestem: Buchautor. Tatsächlich ist er in Deutschland schon seit einigen Jahren ein bekanntes Gesicht. Bei der Piratenpartei hatte er neben einigen Ämtern eine Ehrenmitgliedschaft inne, er engagierte sich gegen das 2012 geplante Handelsabkommen ACTA und saß mit am Tisch, als Karl-Theodor zu Guttenberg in einem Café in Friedrichshain eine Sahnetorte ins Gesicht bekam. Seine größte Rolle war aber wahrscheinlich diejenige, die er als ferner, eigentlich unbetroffener Europäer im Arabischen Frühling spielte. Als Teil der Hackergruppe Telecomix schuf er eine technische Infrastruktur, über die die Bilder der Revolution überhaupt erst aus den Krisenländern heraus und in die Nachrichten der Welt kamen.

    Der kann...


    Protest auf allen Kanälen. Ob auf der Straße gegen ACTA, als Politiker in der Piratenpartei oder online – als Hacker im Arabischen Frühling. Dabei geht er aber immer seinen eigenen Weg: Nachdem er schon beim Bundesparteitag der Piraten im November 2012 das Gefühl hatte, seine linke Partei würde „am rechten Rand schöpfen“, hielt er es noch ein halbes Jahr aus, dann verließ er die Partei.  

    Auch als Hacker im Arabischen Frühling hörte er auf seine eigene Schmerzgrenze: Als Mensch, der bereits Depressionen hatte, fand er sich mit massenweise Videos sterbender Menschen konfrontiert. Irgendwann starben Menschen, die in den langen Nächten, die er nur vor dem Rechner verbracht hatte, zu seinen Freunden geworden waren. Der ganze Druck gipfelte in einer „sehr, sehr schweren, depressiven Episode“ mit Selbstmordgedanken. Irgendwann brach er ab. Seine Erlebnisse hat Stephan Urbach in „Neustart – aus dem Leben eines Netzaktivisten“ autobiografisch aufgearbeitet. Der Titel lag nahe: „Ich habe mich neugestartet“, sagt Stephan Urbach, „daher Neustart.“

    Der geht...


    wahrscheinlich gerade einen Kaffee trinken. Oder eine rauchen. Beides tut er nämlich ziemlich oft und irgendwie auch leidenschaftlich. Natürlich bedient er damit Hackerklischees, aber das ist ihm wohl egal. Schließlich ist die Kaffeetasse für ihn schon so sehr Markenzeichen, dass sie es ins Logo seiner Homepage geschafft hat.

    Wir lernen daraus, ...


    wie das Internet eine neue Revolutionslogik schafft. Menschen, die nicht mal vor Ort sein müssen, verschlüsseln Informationen und schicken sie in die Welt. Da kann es schon einmal passieren, dass ein kleiner Hacker und Ex-Pirat aus Deutschland eine entscheidende Rolle in einer Revolution einnimmt, die in 4000 Kilometern Entfernung passiert.  


    Nur Google weiß über ihn, dass...


    er einen Magneten im Finger hat. Den hat sich Stephan Urbach im April 2013 in seinen linken Ringfinger implantieren lassen und seine Twitterfollower mit Fotos von der Prozedur versorgt. Warum ein Mann einen Magneten im Finger will? Der Bildzeitung sagte er, es wäre eine Erweiterung der Sinne, da er jetzt neben tasten, riechen, schmecken, sehen und hören auch elektromagnetische Felder wahrnehmen könne. Außerdem ließen sich so Nadeln besser aufheben.   

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  • 11/02/15--03:09: Raus aus der Diktatur?



  • Nicht einmal der Einstieg in dieses Gespräch ist harmlos. „Mein Name ist Sithu Maung“, sagt der junge Mann. „Ich war 19, als mich die Militärregierung verhaftete.“ Der 27-Jährige mit den kurzen dunklen Haaren und der silbernen Beamten-Brille möchte seine Geschichte erzählen. Da ist keine Zeit für Smalltalk. Die Geschichte handelt davon, wie ihn seine Regierung jahrelang einsperrte, weil er sich Veränderung wünscht. Und von der Beharrlichkeit eines jungen Menschen, der seine eigene Karriere aufs Spiel setzt, weil er will, dass es anderen besser geht. Weil er sich Demokratie, Freiheit und Bildung wünscht.

    Beim ersten Treffen mit Sithu Maung vergangenen Dezember trägt er ein blaues Hemd und einen Longhi, den traditionellen Wickelrock Myanmars. Er studiert Wirtschaft in Yangon, der größten Stadt Myanmars, das einst Burma hieß, aber immer noch keinen Namen gefunden hat, der zu einem freien Land passt. Den jetzigen hat 1989 das Militärregime gewählt, das das ehemals fortschrittliche Burma in ein armes Entwicklungsland verwandelte.   Nichts an Sithu Maung ist jugendlich oder gar studentisch. Er plant, bei der Parlamentswahl am 7. November 2015 für einen Sitz zu kandidieren. Sithu Maung hat große Hoffnungen, dass die Wahlen ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie sind, dabei steht ein Teil des Ergebnisses schon fest: Ein Viertel der Parlamentssitze ist für die Partei reserviert, in der sich die Funktionäre der früheren Militärdiktatur Myanmars versammeln. Bei diesem ersten Treffen weiß Sithu Maung auch noch nicht, dass er selbst bald erleben wird, wie schwer der Wandel von einer der ausdauerndsten Diktaturen der Welt hin zu einem demokratischen Staat ist. Dass guter Wille dabei nicht reicht.

    Als Treffpunkt hat Sithu Maung ein Café an einem künstlichen See ausgewählt. Gegenüber von dem Café steht das Haus von Aung San Suu Kyi, Myanmars berühmtester Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin. 15 Jahre lebte sie dort unter Hausarrest, blickte auf denselben künstlichen See, auf den Sithu Maung jetzt schaut. Für ihn ist Aung San Suu Kyi eine Heldin, sie machte ihn neugierig auf Politik und ließ ihn der werden, der er jetzt ist.  

    Studenten wie Sithu Maung sind der Motor der Oppositionsbewegung in Myanmar.


    Auf seinem Smartphone hat Sithu Maung Reden gespeichert, die er halten will. Es geht um Minderheiten, um Toleranz und Mitbestimmung. „Ich glaube, dass die Wahlen das Wichtigste sind, was unserem Land derzeit passiert“, sagt Sithu Maung.

    Studenten wie Sithu Maung waren und sind der Motor der Oppositionsbewegung in Myanmar. Das weiß auch die Regierung. Bis 2013 hat sie Erstsemestern verboten, im Zentrum Yangons zu studieren. Aus Angst, sie könnten einander politisieren und sich zusammenrotten, wie sie es in der Geschichte des Landes immer wieder getan haben: 1920, als die erste Unabhängigkeitsbewegung entstand. Oder 1988, als bei einem Volksaufstand tausende Mönche, Studenten und Demonstranten starben oder im Gefängnis verschwanden.

    Für Politikerin Aung San Suu Kyi war dieses Aufbegehren der Bevölkerung das Schlüsselereignis, dass sie aus ihrem sicheren Exil in Großbritannien zurückkehren ließ. Sie gründete die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die größte und bedeutendste Oppositionspartei des Landes. Die Regierung stellte sie dafür unter Hausarrest. Mittlerweile leben viereinhalb Millionen Menschen in Yangon, darunter knapp 15000 Studenten. Ihr Campus reiht sich im Norden der Stadt an einer Allee auf.

    Das Schlüsselereignis für Sithu Maung war die Safran-Revolution 2007. Damals war er im zweiten Jahr an der Universität für Wirtschaft in Yangon eingeschrieben. Er erlebte, wie einige Aktivisten der 88er-Revolution aus dem Gefängnis freigelassen wurden und direkt junge Oppositionelle um sich scharten. Die Idee: Sie wollten die Studentenvereinigung aufleben lassen, aus der einst Aung San Suu Kyis Partei hervorgegangen war. Die Regierung hatte sie verboten. Doch der Mythos der politischen Opposition war für die jungen Studierenden stärker als die Angst vor dem Gesetz. Sithu Maung machte mit.

    Kurz darauf hob die Regierung den Ölpreis an. Arbeiter konnten es sich nicht mehr leisten, zur Arbeit fahren, Studenten nicht in die Universität. Buddhistische Mönche, die große Autorität im Land genießen, marschierten aus Protest friedlich durch die Straßen. Die Studenten schlossen sich an, es folgten tausende Bürger. Längst ging es um mehr, als um überteuertes Benzin. Die Menschen liefen gegen die Übermacht der Regierung an.    

    Friedensnobelpreisträgerin San Suu Kyi hielt eine Rede auf seinem Balkon. 


    Dann kam der Tag, an dem Sithu Maung seine erste Rede halten sollte. Eine ganze Nacht feilte er daran. „Du darfst keine Angst haben“, redete er sich ein. Er erinnerte sich daran, wie die zierliche Aung San Suu Kyi vor vielen Jahren auf dem Balkon seiner Eltern stand. Er war noch ein Kind, unter ihr die Masse der Zuhörer, die sie in ihren Bann zog. Viele in seiner Familie sind Anhänger ihrer Partei. Sithu Maung aber wollte mehr sein: ihr Mitstreiter.

    Also griff er zum Mikrofon. Wohlwissend, dass er sich damit gewissermaßen selbst auf die Fahndungsliste des Militärs setzte. In seiner Rede forderte er, dass die Militärregierung mit der Opposition zu sprechen beginnt. Das Gegenteil passierte. Die Regierung fing an, auf die Demonstranten zu schießen. Elf Menschen starben laut Regierung. Die Vereinten Nationen gehen von mehr als 70 Toten aus.

    Überall in der Stadt tauchten Fotos von Mönchen und Aktivisten auf, die verhaftet werden sollten. Sithu Maungs war auch dabei. Als die Polizei bei seinen Eltern auftauchte, war Sithu Maung weg. Also nahmen sie die Eltern mit. Ihr Vergehen: Die Tür nicht schnell genug für die Männer geöffnet zu haben, die ihren Sohn verhaften wollten. Ihre Strafe: Sechs Jahre Gefängnis. Tage später nahmen sie auch Sithu Maung fest.

    Er macht eine Pause, als er davon spricht. „Ich protestierte für die Freilassung politischer Häftlinge und wurde deshalb selbst einer“, sagt er. „Witzig.“ Er lacht. Aber sein Lachen klingt traurig.

    >> Auf der nächsten Seite: Wofür Sithu Maung verurteilt wurde und was das mit seiner Karriere machte >>
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    Ein Gericht verurteilt Sithu Maung zu elf Jahren Haft. Im Prozess wurden Paragraphen wegen unerlaubter Versammlungen, Randale, Verunglimpfung von Religion und Störung der öffentlichen Ruhe herangezogen. Sithu Maung sagt, er habe nie einen fairen Prozess bekommen. Er wurde gefoltert. „Körperlich und seelisch.“ Sein Gefängnis befand sich in der Grenzregion zu Bangladesch. Dort, wo buddhistische Mönche Muslime auf offener Straße attackierten und umgekehrt. Sithu Maungs Familie ist muslimisch, eine unterdrückte Minderheit im buddhistischen Myanmar. Seine Eltern haben sich nie getraut, ihren Sohn im Gefängnis zu besuchen.

    2012 erlässt die Regierung eine Amnestie für politisch Inhaftierte. Auch Sithu Maung kommt frei: Vier Jahre und sechs Monate hatte er da bereits im Gefängnis verbracht. Über diese Zeit redet Sithu Maung nicht viel. Lieber berichtet er davon, wie ihn ein Menschenrechtsbeauftragter der Vereinten Nationen dort besuchte. Ihm erzählte er, dass die Wachen ihn schlechter behandelten, weil er politische Gefangene ist. Er spricht über dieses Treffen wie über einen Erfolg. Gewissermaßen ist es das auch: Einflussreicher politischer Häftling gewesen zu sein, ist so etwas wie ein Titel. Er wird für eine Karriere im neuen Myanmar hilfreich sein.

    Seine Partei wird Sithu Maung nicht aufstellen. Er hat die falsche Religion. 


    Es gibt ein Foto von Sithu Maung, geschossen am Tag seiner Freilassung. Er trägt ein weißes, Hemd, eine Blumengirlande um den Hals, ist umringt von Freunden und Anhängern, die seinen Namen rufen. Er streckt seine Faust in die Höhe und sieht erleichtert aus. Nur war er mit seiner Freilassung nicht rehabilitiert: Sein Studium, mit dem er vor seiner Haft fast fertig war, durfte er nicht beenden. Erst als ein hochrangiger Politiker sich für ihn einsetzte, konnte Sithu Maung zurück an die Uni.

    Aber anstatt in Vorlesungen zu sitzen, gründete er neue Studentenvereinigungen. Er glaubt, dass eine Gesellschaft sich nur verbessern kann, wenn sich zuerst das Bildungssystem ändert. Wenn es freien Zugang zu Literatur gibt. Und eine Debattenkultur. Manche Dozenten, sagt er, ließen in ihrem Unterricht nicht einmal Fragen zu. Deshalb üben die Studenten nun untereinander zu diskutieren. Sithu Maung spricht gutes Englisch, dabei hat sein Englischlehrer ihn gerade durchfallen lassen. Er sei nicht gut genug und zu selten anwesend.   Tatsächlich ist Sithu Maung oft unterwegs, berät sichmit Mönchen darüber, wie sie zwischen Buddhisten und Muslimen vermitteln können. Reist in entfernte Universitäten, um Mitglieder für seine Studentenvereinigungen zu werben. Der, der Bildung für so wichtig hält, hat selbst keine Zeit dafür. 

    „Es ist mein Traum, Politiker zu werden“, sagt Sithu Maung am Ende des Treffens. „Wirklich, das ist mein Job“. Sithu Maung steigt in den Bus, er will noch zum Geburtstag eines Freundes, alle werden anwesend sein: Politiker, Aktivisten, die Kommilitonen aus der Studentenvereinigung. Für einen Moment ist da etwas Privates, Persönliches in seinem Aktivistendasein. Seine Freundin sitzt neben ihm, ihre langen schwarzen Haare reichen ihr bis zur Hüfte. Sithu Maung hat ihr versprochen, dass sie heiraten werden. Bald, wenn er seinen Abschluss hat. Sobald er Geld verdient, als Abgeordneter.

    Wenige Wochen vor der Wahl dann die Überraschung: Sithu Maung schreibt auf Facebook, dass die Liste der Kandidaten bei der kommenden Wahl online sei. Seine Partei wird ihn nicht aufstellen. Für seinen Wahlkreis tritt ein Unbekannter an. Ein Buddhist. Kein einziger Muslim darf für die Partei von Aung San Suu Kyi kandidieren. Denn nicht einmal sie, die Friedensnobelpreisträgerin, wagt es, neben dem Kampf gegen die Vorherrschaft des Militärs eine weitere Front zu errichten und sich mit den einflussreichen buddhistischen Mönchen anzulegen. Eine entstehende Demokratie ist leicht verletzlich.

    Dabei hat Sithu Maung für diese Kandidatur vieles aufgegeben. Er ist zur Zielscheibe geworden, die Regierung weiß bereits, dass er kandidieren wollte. Er will trotzdem weitermachen. Reden halten Kandidaten beim Wahlkampf begleiten. Wohlwissend, dass er schon verloren hat. Er ist nun politischer Aktivist für die Opposition eines autoritären Staates. Gewinnt seine Partei bei der Wahl keinen nennenswerten Einfluss, verliert Sithu Maung nicht nur den Traum von einer Demokratie. Er verliert seine Zukunft: Ein ehemaliger politischer Häftling braucht einen Beruf, von dem er leben kann. Den bekommt er nur, wenn seine Gegner nicht erneut die Macht erlangen. „Ich werde nicht aufgeben“, sagt er. Die Phrase ist alles, was ihm noch bleibt.


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    Es bringt ja nix, da jetzt drum herumzureden, also kommen wir direkt zur Sache: Liebe Frauen, ihr habt leider das falsche Geschlecht erwischt. Ärgerlich und jetzt auch nur noch schwer änderbar, aber: Um gut Geld zu verdienen, muss man leider ein Mann sein. "Gender Pay Gap" nennt man das dann. Dieser leicht sperrige Begriff bezeichnet dem Statistischen Bundesamt zufolge den "prozentualen Unterschied zwischen abhängig beschäftigten Männern und Frauen mit durchschnittlichem Bruttostundenverdienst". Wem das zu abstrakt ist: Bedeutet, dass beispielsweise Frauen in Deutschland 22 Prozent weniger Geld brutto die Stunde verdienen als Männer. Und ja, dieser Tag Mitte März, an dem viele Menschen mit roten Taschen auf die Straße gehen, auf denen "Equal Pay Day" steht, ist jener, an dem die Frauen dann auch so viel verdient haben wie ihre männlichen Kollegen bereits im Vorjahr.



    Und nun kommt zu diesem ganzen Mist eine weitere, unschöne Meldung hinzu: Es wird nämlich nicht besser mit der Zeit. Und nein, auch ein toller Uniabschluss rettet nicht vor diesen Ungerechtigkeiten. Zumindest in den USA, die eigentlich sogar einen geringeren Gap als Deutschland haben, nämlich in Höhe von 18 Prozent. Eine Auswertung der Washington Post auf Basis von Daten des US-Bildungsministeriums hat jetzt nämlich gezeigt, wie groß die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sechs und zehn Jahre nach dem Unibeginn waren. Das Ergebnis:

    [plugin imagelink link="http://knowmore.washingtonpost.com/wp-content/uploads/2015/10/gender-gap.png" imagesrc="http://knowmore.washingtonpost.com/wp-content/uploads/2015/10/gender-gap.png"]

    Zur Erklärung: Die grünen Punkte sind der durchschnittliche Gehaltsnachteil von Frauen gegenüber Männern kurz nach ihrem Berufseinstieg. Der lilafarbene Punkt ist vier Jahre später, wenn man also bereits einige Berufserfahrung gesammelt hat. Das Auseinanderliegen der Punkte zeigt unter anderem, dass Frauen mit Harvard-Abschluss zum Berufseinstieg bereits durchschnittlich 40.000 Dollar weniger verdienen, als ihre männlichen Kollegen. Vier Jahre später sind es dann 55.000 Dollar Unterschied. Die Zahlen sind bei allen großen amerikanischen Universitäten ähnlich. Einzige Ausnahme: das Haverford College. Frauen von dort verdienten nach ihrem Abschluss durchschnittlich 5000 Dollar mehr als Männer, der Wert lag nach einigen Jahren Berufserfahrung dann gegen null, Männer und Frauen verdienten also gleich viel. Sieht übrigens wirklich nett aus auf der Webseite, dieses Haverford College in Pennsylvania.

    charlotte-haunhorst



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    Preisfrage: Was unterscheidet das hier:
    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/6yKquSnGwI5Ak/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/6yKquSnGwI5Ak/giphy.gif"]

    von dem hier:
    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/UyZX0WLJW8ola/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/UyZX0WLJW8ola/giphy.gif"]

    Na klar: Ersteres, der High Five, wird dem US-Baseballspieler Glenn Burke zugeschrieben. Zweiteres, der Low Five, nicht. Die ganze Geschichte basiert auf diesem Foto, das Burke (rechts) angeblich bei der Vollführung des ersten High Fives mit Kollege Dusty Baker am 2. Oktober 1977 zeigt, nachdem dieser seinen 30. Homerun gelaufen war.

    [plugin imagelink link="http://static.neatorama.com/images/2015-10/world-first-high-five.jpg" imagesrc="http://static.neatorama.com/images/2015-10/world-first-high-five.jpg"]
    Dustys Baker erklärte seine Reaktion auf Burkes neue Geste damals recht trocken: "So I reached up and hit his hand. It seemed like the thing to do."

    Wie wir ja mittlerweile wissen, sind Fotos allerdings nicht immer der ultimative Beweis für irgendwas.  Im Internet kursieren ja zum Beispiel auch Bilder von angeblichen High Fives bei den alten Ägyptern.

    [plugin imagelink link="http://www.motivateusnot.com/resize.php?name=LzM3OC9GaXJzdC1IaWdoLUZpdmUtZXZlci1yZWNvcmRlZC01MzQyODFkOGNjNDEwLmpwZw==&w=550&h=9999&extension=.jpg" imagesrc="http://www.motivateusnot.com/resize.php?name=LzM3OC9GaXJzdC1IaWdoLUZpdmUtZXZlci1yZWNvcmRlZC01MzQyODFkOGNjNDEwLmpwZw==&w=550&h=9999&extension=.jpg"]
    Die Menschen von der Youtube-Reihe "Today I found out" haben sich deshalb jetzt Burkes Erfindung genauer angeschaut und stellen fest: Low Fives gab es, wenn vielleicht auch nicht bei den alten Ägyptern, zumindest schon vorher in der  afroamerikanischen Community. Auch der High Five könnte also schon vor Burkes berühmtem Foto entstanden sein.

    https://www.youtube.com/watch?v=kWtwDFuRfc0

    Aber natürlich hat es trotzdem einen Grund, weshalb die Menschen die Geschichte von Burkes High Five so mögen  - wegen ihm selbst.
    Der 1952 in Kalifornien geborene Glenn Burke war nämlich auch noch der erste offen homosexuelle Baseballspieler in der Geschichte der Major Baseball League. Bereits in den 70er Jahren outete er sich vor seinem Team, 1982 erschien dann eine große Geschichte über ihn im Magazin "Inside Sports". Wie man sich vorstellen kann, keine einfache Sache im Amerika der 70er Jahre. Burke wurde immer wieder angefeindet, auch innerhalb seiner Mannschaft. Man bot ihm hohe Summen an, wenn er doch nur eine Scheinehe einginge. In der "Inside Sports"-Geschichte wurde seine High-Five-Geste deshalb auch als Befreiungsschlag verstanden. Burke selbst engagierte sich auch immer wieder beim Gay Pride, oftmals verteilte er dabei High Fives.

    Trotz dieser tollen Emanzipationsgeschichte nahm das Leben von Glenn Burke leider ein tragisches Ende: Er wurde drogensüchtig und starb schließlich 1995 an Aids. Mit 42 Jahren. 

    charlotte-haunhorst

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    . . . für zusammenpassende Socken. Ich kann nicht nachvollziehen, wie einigen Menschen in meinem Alter die Zeit und das Geld nicht zu schade ist, die man aufwenden muss, um jeden Tag gleiche Socken anzuhaben. Denn zum einen dauert es ewig, bis man für alle Socken nach dem Waschen den passenden zweiten gefunden hat, und hinzu kommt, dass man nie wirklich zu allen überhaupt die passende Partnersocke findet. Was zu Punkt zwei führt: Wenn man alle einzelnen wegwirft, müsste man sich dauernd neue Strümpfe kaufen, und irgendwie fühle ich mich noch zu jung, um Geld für Strümpfe auszugeben. Da trage ich lieber die, die da sind, und freue mich, wenn meine Mutter bei Tchibo mal wieder welche entdeckt und mir schenkt. Nicht falsch verstehen, ich ziehe nicht absichtlich verschiedene Socken an. Wenn ich ein Paar habe, nehme ich natürlich das - diesen Zustand weiß man auf diese Weise auch viel mehr zu schätzen. Und wenn kein Paar da ist, dann suche ich die, die einigermaßen zusammenpassen, zur gleichen Farbfamilie gehören oder eine interessante Komposition ergeben. Heute zum Beispiel habe ich zwei fast genau gleich gestreifte an. Eine davon habe ich sicher mal bei einem Freund mitgenommen, weil ich dachte, sie wäre meine.

    >> Warum Simon aus dem Studentenkühlschrank-Alter rausgewachsen ist, erfährst du auf der nächsten Seite >>
    [seitenumbruch]






    . . . für das kulinarische Loch. In das fällt man für gewöhnlich, wenn man zum ersten Mal von zu Hause auszieht. Daheim haben immer die Eltern für einen gekocht, von einem Tag auf den anderen muss man plötzlich selber ran. Aber es fehlt dann das Geld, die Zeit, das Können. Ich glaube schon, dass es Menschen gibt, in deren Studentenkühlschränken es noch schlimmer aussah als bei mir. Geschmacklich ganz verwahrlosen wollten meine Freunde und ich noch nie, ein bisschen Wert haben wir schon immer aufs Essen gelegt. Trotzdem hatte in der WG aber jeder seine zwei bis drei Gerichte (Nudeln, Käsespätzle, Geschnetzeltes), die wie auf Repeat wiederholt wurden. Mittlerweile muss ich zugeben, dass ich das meiste Geld tatsächlich für Essen ausgebe. Das bedeutet nicht, dass ich penibel auf eine gesunde Ernährung achte oder ausschließlich im Bio-Laden einkaufe. Es ist toll, neue Kochbücher zu kaufen und die Küchen verschiedener Länder auszuprobieren, aber manchmal sind Fast Food oder eine Tiefkühlpizza auch etwas Großartiges. Ich habe zwischen zwei Jobs sogar mal als Hilfskoch gearbeitet, um mir das mal anzusehen. Aber das hat mich nur desillusioniert. So richtig funktioniert das da wegen des Zeitdrucks mit der liebevollen Zubereitung selten. Da koche ich lieber zu Hause weiter.

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  • 11/03/15--02:36: Bei Adele geht keiner ran...



  • Früher, da konnte man mal plausible Geschichten rund ums Telefonieren erzählen. Oder noch eher: ums Nicht-Telefonieren. Geschichten von ersehnten, aber ausbleibenden Telefonaten. Serien aus den Neunziger Jahren sind voll von Jugendlichen, die in irgendeinem Gemeinschaftsraum der Familie neben dem Telefon bangen. 1992 sang Max Raabe "Kein Schwein ruft mich an" ("Den Zustand find' ich höchst fatal / Für heut'ge Zeiten nicht normal / Wo jeder nur darüber klagt / Das Telefon an Nerven nagt"). Und 1999 veröffentliche Ildikó von Kürthy ein Buch, in dem die ganze Handlung darauf basiert, dass die Protagonistin auf einen Anruf wartet. Das Buch hieß "Mondscheintarif" und das war wirklich ein Ding – Mondscheintarif, man hat nachts günstiger telefoniert als tagsüber, das ist so Neunziger!

    Heute ruft sich keiner mehr an. Es geht sogar das Gerücht, dass wir das Telefonieren verlernt oder hassen gelernt haben. Ob das stimmt, sei dahingestellt, in jedem Fall schreiben wir uns heute lieber Nachrichten. Da wundert es schon sehr, dass zwei aktuell sehr erfolgreiche Songs uns wieder was vom Telefonieren erzählen: "Hotline Bling" von Drake und "Hello" von Adele. Hat die Popkultur da irgendeinen Knall nicht gehört?

    http://www.youtube.com/watch?v=YQHsXMglC9A

    Carly Rae Jepsens Song "Call Me Maybe" war 2011 gerade noch so auf der Höhe der Zeit, ab und zu hat man sich damals noch angerufen – aber eigentlich hätte auch sie schon "Text Me Maybe" singen müssen. Und heute, im Jahr 2015, erst recht. Darum wirken Adeles Lyrics unfassbar aus der Zeit gefallen: "So hello from the other side / I must have called a thousand times / ... / But when I call you never seem to be home". Dass der Mensch, den sie erreichen will, anscheinend nie "zu Hause" ist, suggeriert ja noch dazu, dass sie ihn auf einem Festnetztelefon anruft. In dem Musikvideo zur Single, das seit der Veröffentlichung am 22. Oktober auf Youtube schon mehr als zweihundert Millionen Mal angeschaut wurde, hält Adele sich erst an einem Klapp-Handy und dann am Hörer eines altmodischen Telefonapparates fest. Und ihr Gegenüber hat ebenfalls ein Klapp-Handy. (Der britische Naturdokumentarfilmer David Attenbourough geht in seiner lustigen Nacherzählung der eröffnenden Videosequenzen auf diese Anachronismen ein: "She hasn't upgraded her handsets since 1999 – Hashtag flip phone!") Drake besingt ebenfalls einen Anruf: "You used to call me on my cellphone / Late night when you need my love". Immerhin hat er ein Handy und singt nicht "You used to call me on my landline". Aber auch er erwähnt keine Textnachrichten, keinen Messenger und keine SMS. Was ist da los?

    Vielleicht ist es Faulheit. Seit Jahrzehnten ist das Telefon in der Popkultur das Symbol für verpasste und manchmal auch gelungene Verbindungen, für Liebe und Liebeskummer, vor allem in der Musik. Ein paar zufällig ausgewählte Beispiele:

    "Ring, ring, why don't you give me a call?  Ring, ring, the happiest sound of them all. Ring, ring, I stare at the phone on the wall"
    (ABBA, 1973)

    "Call me, call me anytime"
    (Blondie, 1980)

    "I just called to say I love you"
    (Stevie Wonder, 1984)

    "Pick up the phone and answer me at last"
    (The Notwist, 2002)

    "Hello, hello, baby, you called? I can't hear a thing, I have got no service in the club, you see"
    (Lady Gaga, 2010)

    Warum also etwas daran ändern, solange es noch alle verstehen? Und warum sich was Neues ausdenken, wenn "call" ein Wort ist, das sich gut singen lässt, lang wie kurz, und das sich auf vieles reimt? "Text" ist dagegen ja eher sperrig und ein gutes Reimwort ist es auch nicht – eine kurze Recherche in einem Online-Reimlexikon ergab 100 Reimwörter für "call" und nur 35 für "text" (und die meisten davon auf diesem Niveau: "coded text", "hyper text", "main text").

    Vielleicht ist der Grund aber auch: Romantik. Vielleicht ist Telefonieren das neue Briefeschreiben. Eine Kommunikationsform, an der man in romantischen Geschichten festhält, weil sie so intensiv wirkt. Eigentlich sind wir ja schon soweit, dass ein Anruf etwas ganz Besonderes ist. So wie es im Telefonzeitalter eine besondere Aufmerksamkeit war, wenn sich jemand hingesetzt und dir einen Brief geschrieben hat, ist es heute ein Zeichen großer Zuneigung, wenn jemand dich einfach so anruft. Je altmodischer das Telefonat wird, desto stärker wird seine Symbolkraft. Auch und gerade in Geschichten und Songs.

    Und vielleicht wissen Adele und Drake auch einfach, dass es vorbei ist mit der Telefoniererei. Sie wissen, dass sie von Gestern singen. "You used to call me on my cellphone", das klingt ja auch sehr nach "aber jetzt nicht mehr (jetzt schreibst du nur noch Nachrichten)". Und dass Adeles Typ nicht ans Telefon geht, liegt möglicherweise daran, dass kaum noch jemand ans Telefon geht. Schon gar nicht ans Festnetztelefon.

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    Stimulier meine Cervix!



    G-Punkt,Nippel, Klitoris – alles Sachen, bei denen wir schon mal gehört haben, dass man als Frau über ihre Stimulation zum Orgasmus kommen kann. Dabei seit Jahren aber schändlich missachtet und zu Unrecht vergessen: die Cervix! Das bezeichnet den Gebärmutterhals und soll, zumindest laut Sexcoach Kim Anami, der Spot to be sein. Problem daran: An die Cervix kommt man nur schlecht ran, weshalb bereits diverse Sex-Gurus Essays und Anleitungen darüber verfasst haben. Wenn man dann soweit kommt (pun intended), soll der Orgasmus über Stunden anhalten. Für mehr Cervix in der Liebe!

    Der Trend geht zum Selbermachen...


    ... und wir haben ihn verpasst! "Sexhacks" sind nach "Lifehacks" der heiße Shit. Supercrazy Beispiele:

    • Befülle deinen Seifenspender mit Gleitgel

    • Realisiere deine Fantasien seit "American Pie" und hab Sex mit einem warmen Kuchen

    • Benutze Gemüse als Dildo (hat ja nen Grund, dass die Industrie sich daran orientiert)

    Wenn man sich das so durchliest, muss man aber doch feststellen: Es hat schon einen Grund, dass wir Sexhacks auch weiterhin nicht propagieren. 

    Das Problem bei dieser Werbung?



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    Ist dann doch relativ offensichtlich: Sie ist sexistisch. Bei vielen Menschen löst das ja nur Schulterzucken aus, nach dem Motto "Kann ja jeder selbst entscheiden, ob ers lustig findet oder nicht". Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat nun in der Schweiz eine große Aufklärungskampagne gestartet. Das zeigt, warum das Problem eben doch größer ist als nur ein Mal von einem miesen Schenkelklopfer genervt zu sein.

    Schluss mit der Freizügigkeit!


    Am Ende noch ein nicht ganz so dramatischer Abschied. Jeder kennt ja das hier:

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    Jep, das sogenannte "Maurerdekolleté", im Englischen auch mit dem schönen Wört "Plumbers crack" bedacht. Das sieht man natürlich nicht nur bei Handwerkern, sondern auch bei Rappern mit Baggys oder Typen in Skinny-Jeans, die einfach zu tief geschnitten sind. Selten ein schöner Anblick und eigentlich ja leicht lösbar - hat ja Gründe, dass man bei Frauen viel seltener den halben Hintern rausgucken sieht (und dann mit Absicht). Top reinstecken oder diese Shaping-Unterwäsche bis zum Bauchnabel anziehen ist nicht umsonst superbeliebt. Ein cleverer 24-jähriger Franzose hat das jetzt auch erkannt und das Prinzip einfach auf Männerunterwäsche angewendet. Voi­là:

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    Das Produkt trägt übrigens den schönen Namen "le sourire du plombier", also "das Lächeln des Klempners".  
    merle-kolber

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    Das ist...


    Essena O’Neill, 19-jährige Instagram-Schönheit. Ihre Posts bekommen Likes im fünfstelligen Bereich, sie hat aktuell fast 700.000 Follower. Bislang versorgte sie die dort mit Fotos ihres perfekten Teenager-Körpers, der sich durch ein perfektes Teeniemädchen-Leben bewegt: glückliches In-die-Kamera-Lächeln, verträumte Blicke im Gegenlicht, Selfies im Kleid vorm Spiegel, Bikini-Fotos am Meer. Hauptsache, man sieht viel blondes Haar, viel weiße Zähne, viel flachen Bauch. Und Produkte, die sie trägt oder zeigt, weil Firmen ihr dafür Geld geben - mit einem Post verdiene sie leicht 2000 Australische Dollar (etwa 1300 Euro), schreibt sie. Aber damit ist jetzt Schluss: Essena kehrt Social Media den Rücken. Macht keine Fotos mehr, will dafür keine Likes und kein Geld mehr. Denn:
     

    Die kann...


    ihr Instagram-Ich nicht mehr ausstehen. Und sie will der Welt jetzt zeigen, wie wenig Echtes auf Profilen wie ihrem zu sehen ist. Sie schreibt: „Ich will einfach, dass jüngere Mädchen wissen, dass das weder das wahre Leben, noch cool oder inspirierend ist. Es ist gekünstelte, gestellte Perfektion, die Aufmerksamkeit erzeugen soll.“

    Um ihre Botschaft zu unterstreichen, hat sie sich ein cleveres Mittel überlegt. Sie schreibt die Bildunterschriften zu ihren Posts neu. Wo früher stand, was für eine gute Zeit sie am Strand hatte, gibt sie jetzt Auskunft über das Making-of der Bilder. Die Fakten, die niemand sieht, die die Perfektion aber sofort zunichte machen, weil sie zeigen, dass dieses schöne Leben in Wirklichkeit harte, nervige Arbeit und Entbehrung bedeutet. Sie zeigen, dass es zum Teil mehr als 100 Versuche braucht, bis das Foto entstanden ist, dass ihre Follower sehen. Dass sie den halben Tag nichts isst, damit ihr Bauch sich nicht mal ein bisschen nach außen wölbt. Dass sie ihre Schwester anschreien musste, damit sie immer noch ein Foto mehr macht.







    In einem Youtube-Video begründet sie ihren Abschied noch ausführlicher – in neuem, betont ungeschminktem Auftreten und mit vor Bewegtheit und Aufregung zitternder Stimme, später sogar unter Tränen. Sie mache all das für das Mädchen, das sie mit 12 Jahren gewesen ist: Das Mädchen, das die Social-Media-Inszenierungen für die Realität hielt und nichts mehr wollte, als auch so ein Leben zu haben. Das also anfing, sich so ein Leben nachzubauen und abzufotografieren. Das Problem: Ein „Genug“ gab es nicht, sie sei abhängig von Likes gewesen. Hatte sie 1000, wollte sie 10.000. Hatte sie 300.000 Follower, wollte sie 600.000. Und als all diese Menschen ihr folgten, war sie mit nichts anderem mehr beschäftigt, als dieser Aufmerksamkeit gerecht zu werden. „Jeden Tag nur beweisen zu müssen, dass du toll bist – ist das Leben? ... Es hätte so viele Sachen gegeben, die ich stattdessen hätte machen können. Jetzt habe ich keine Ahnung, wer ich bin und was ich eigentlich kann. Ich weiß nichts über echtes Leben, weil ich keines hatte, sondern weil mich nur die Zahlen interessierten.“
     
    https://www.youtube.com/watch?v=gyI2Sugw6Yc

    Die geht...


    mit ihrer Aktion jetzt viral. Das ist natürlich ein bisschen absurd: Die Geschichte des Mädchens, das sich Social Media verweigert, wird genau dort geteilt wie blöd. Ihr Video wurde von seiner Veröffentlichung am Montag bis Dienstag Mittag mehr als 760.000 Mal angeklickt. Auf Youtube kursieren zahllose Antworten auf ihre Abkehr, Medien aus der ganzen Welt berichten über sie, wollen Interviews (bis jetzt hat sie noch keines gegeben). Und natürlich muss man sich ein bisschen wundern, wenn sie in einem Dankesvideo vor Glück weint und ihren Laptop in die Kamera hält, um zu zeigen, wie ihr Mail-Postfach überquillt vor begeisterten Reaktionen. Denn letzten Endes sind das ja wieder bloß Zahlen, über die sie sich definiert, wenn auch mit anderen Inhalten.

    Denn sie hat schon eine neue Webseite online: Letsbegamechangers.com. Der Text über den Zweck ihres Projekts sagt zwar ein weiteres Mal sehr ausführlich, was sie nicht mehr will – ihre Zeit mit Social Media vergeuden – , aber noch nicht, wie sie die gewonnene Zeit dann genau nutzen will. Das meiste klingt sehr vage und an vielen Stellen naiv. Es geht um Gesundheit und Liebe, um eine gerechtere Welt und Veganismus, um Umweltschutz und Selbstfindung und -bewusstein.

    Wir lernen daraus...


    ... dass eine der bewegendsten und drängendsten Fragen heute so geht: Wie viel echtes Leben steckt in unserer Social-Media-Darstellung und wie viel Social-Media-Darstellung steckt in unserem Leben? Natürlich haben sich schon viele Social-Media-Verweigerer und -Verteufler darüber Gedanken gemacht, natürlich gab es schon zahllose Aufrufe, dem Smartphone nicht zu viel vom eigenen Leben abzugeben. Nur kamen die bislang nicht von Menschen, die diese Welt und ihre Mechanismen so gut kennen wie Essena.



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  • 11/04/15--02:59: Rede mit den Leuten!



  • Ich habe eine S-Bahn-Bekanntschaft. Eine junge Frau, etwa in meinem Alter. Ihr genaues Alter kenne ich nicht. Sie hat mich angesprochen, vor ein paar Tagen, am Bahnsteig: Ich wäre gestern doch auch nach Berg am Laim gefahren. Seither sind wir Bekannte. Jeden Morgen gegen 8.20 Uhr begrüßen wir einander am Gleis. Eine gute halbe Stunde lang fahren wir miteinander und reden – über die Arbeit, über das Bahnfahren, aber auch über Privates. Ich weiß nun, dass sie einen Freund hat, dass die beiden ein Haus gebaut haben und dass die Nachbarn toll sein müssen: Als sie eingezogen sind, haben die extra ein Straßenfest organisiert. Einfach so, als Begrüßung. Im Dezember. Es gab Plätzchen, es gab Glühwein, die Stimmung war schön. Meine neue Bekannte und ich reden, als würden wir uns ewig kennen – dabei verbindet uns eigentlich nur unser Arbeitgeber.  

    Bisher sind wir erst einige Schritte gegangen auf dem Weg zu einer echten Freundschaft. Sollte sich aber eine  entwickeln, würde sie sich unterscheiden von vielen meiner anderen Freundschaften. Normalerweise ist es ja so: Die meisten Freunde lernt man auf konventionellem Weg kennen. Im Kindergarten, in der Schule, in der Uni, auf der Arbeit. In Umgebungen also, die man über einen längeren Zeitraum hinweg teilt oder geteilt hat. Denn geteilte Zeit verbindet: Sie schafft Leidensgenossen. Außerdem hat man früher oder später eh keine andere Wahl, als sich mit einem der Anwesenden zu unterhalten. Und der- oder diejenige bleibt einem dann oft sehr lang erhalten.  

    Bei spontan entstandenen Bekanntschaften fehlt diese Zeitkomponente. Man kann die Tage, Stunden und Minuten später nachholen, doch sie begründen diese Art von Freundschaft nicht. Genau das macht sie besonders: Der eigene Wille, die Entscheidung für eine Person ist der Grundstein dieser Freundschaft. Bei "normalen" Beziehungen spielt er zwar auch eine Rolle – kein Mensch ist mit einem anderen befreundet, nur weil der zufällig mal eben da war. Aber im Vergleich zum Zeitfaktor ist seine Rolle eine eher untergeordnete. Für die S-Bahn-Bekanntschaft muss ich selbst aktiv werden: Spreche ich die Person an oder nicht? Beziehungsweise: Setze ich mich am folgenden Tag wieder zu ihr oder nicht? Denn egal, wie oft man dasselbe Ziel hat – man könnte es auch einfach sein lassen. Keinen Schritt auf den anderen zugehen. In unserer Gesellschaft ist es vollkommen okay zu sagen: „Nee, interessiert mich nicht.“ Es ist okay, morgens keinen Smalltalk halten zu wollen, es ist okay, lieber auf das Smartphone oder in die Zeitung oder einfach nur aus dem Fenster zu gucken. Weil ich dem anderen Raum gebe, weil ich ihm Zeit opfere und mich aktiv für ihn entscheide, ist diese Freundschaft – sollte sie die Kennenlernphase überstehen – so wertvoll.  

    Ich habe schon sehr gute Erfahrungen gemacht mit dieser Art von Bekanntschaften. Mit Jenny bin ich seit zweieinhalb Jahren befreundet. Wir lernten uns bei einer Mitfahrgelegenheit von Berlin nach Hamburg kennen. Drei Stunden lang unterhielten wir uns über Partys in Berlin, über unsere coolen schwulen Freunde und darüber, wie viel besser das Fernsehen früher war. Smalltalk eben, aber netter Smalltalk. Unsere vier Mitfahrer schliefen währenddessen. Als wir in Hamburg ankamen, fragte ich sie nach ihrer Nummer. Wir könnten ja mal ein Eis essen gehen, schlug ich vor, in der Eisdiele, von der sie mir erzählt hatte. Eine Woche später stand sie da, vor dem Eisladen. Bis heute waren wir auf zwei Festivals zusammen, ich habe sie in ihrer Stadt besucht, sie mich in meiner. Aus drei Stunden, die wir aus Zufall teilten, wurde eine Freundschaft.

    Wahrscheinlich erzählen Jenny und ich anderen deshalb immer noch so gerne unsere Kennenlerngeschichte. Fast immer sagt jemand: „Verrückt! Und ihr seid noch so gut befreundet?“ Keine Frage, sondern ein etwas ungläubiges Staunen, in dem eine gewisse Bewunderung mitschwingt. Dafür, dass eine von uns den Mut aufbrachte, die andere nach einer zufälligen und eher kurzen Begegnung nach der Telefonnummer zu fragen. Überwindung kostet das schon. Vor der Frage kribbelt es ganz schön im Bauch. Zumal bei jemandem, dessen Reaktion man nicht vorhersehen kann: Ist der andere spontan und freut sich über mein Interesse? Oder findet er mich oberkomisch, weil ich ihm viel zu aufdringlich erscheine? Nicht nur in der Dating-Welt, auch im Bereich der Freundschaft kann man einen Korb bekommen.  

    Für meine S-Bahn-Bekanntschaft muss dieses Kribbeln noch viel doller gewesen sein. Immerhin saßen wir nicht drei Stunden lang in demselben Auto. Wir mussten uns nicht zwangsweise unterhalten. Sie hatte mich erst ein einziges Mal gesehen – und brachte doch den Mut auf, mich anzusprechen. Vielleicht sollte man ja öfter einmal etwas wagen. Leute, die einem total sympathisch erscheinen, einfach ansprechen. Auch, oder vielleicht sogar gerade, in der S-Bahn. Klar – wenn sich der andere tags darauf demonstrativ weit weg setzt, ist das unschön. Es ist aber nicht das Lebensende. Und es kann ja durchaus sein, dass sich etwas aus diesem ersten, vorsichtigen Entgegenkommen entwickelt: eine – allein schon deshalb, weil man sich überwunden hat – ganz besondere Freundschaft.

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  • 11/04/15--04:29: Ehrliche Stars auf Instagram
  • Sagen wir es mal poetisch: Wenn man einen Stein ins Wasser wirft, entstehen drumherum feine Kreise, die schön anzuschauen sind. So ist es oft auch bei viralen Geschichten: Drumherum entstehen feine andere Geschichten und Ideen, die man gerne anschaut. Aktuell im Fall von Essena O’Neill, der australischen Instagram-Schönheit, die keine Instagram-Schönheit mehr sein will und darum transparent gemacht hat, wie anstrengend es ist, für hübsche Fotos zu posieren.

    Ihre Methode, in die Beschreibungen ihrer Bilder zu schreiben, was wirklich dahintersteckt (wenig essen und hundert Foto-Versuche statt schöner Tag am Strand) hat jetzt ein neuer Instagram-Account übernommen. Oder zumindest fast. honest_celebrity_insta ist nämlich ein Wunschdenken-Account, auf dem Fotos von Prominenten neu gepostet und mit ehrlichen Beschreibungen und/oder Gedanken versehen werden, die die Erfinder des Accounts sich natürlich alle nur ausgedacht haben. Das ist ordentlich lustig.



    Kylie Jenner



    Miley Cyrus



    James Franco

    Und ein paar könnten schon auch einfach wahr sein. Warum sonst sollte man sich eine Tasche auf den Kopf setzen, wenn nicht, um lustig rüberzukommen? Und warum sonst sollte man so unbequem sitzen, wenn nicht, um den eigenen Hintern besonders gut in Szene zu setzen?



    Anne Hathaway



    Rihanna

    Vielleicht wird das jetzt auch unser neues Lieblingsspiel: Instagram durchscrollen und sich Bildunterschriften ausdenken. Es gibt sicher sinnvollere Beschäftigungen. Aber auch langweiligere (zum Beispiel Steine ins Wasser werfen).

    Nadja Schlüter

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