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jetzt.de

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  • 10/25/15--02:00: Hier geht's lang!



  • Liebe Leserin, lieber Leser,

    auf dem Cover dieses Hefts ist eine Straße zu sehen. Wo sie hinführt, ist klar: in eine immer digitalisiertere Welt. Was nicht so klar ist: wie weit wir auf dieser Straße schon gefahren sind. Wir haben keine Ahnung, ob wir schon zwei Drittel des Wegs zurückgelegt haben oder erst ein Tausendstel. Und wir wissen nicht, ob der Weg steil wird oder flach oder die Straße mit Schlaglöchern übersät sein wird.

    In diesem Heft haben wir uns deshalb mit den Grenzen des Lebens in unserer digitalisierten Welt befasst. Wir haben die letzten Hürden gesucht und uns gefragt, wo wir schon heute an unsere Grenzen oder die der Technik stoßen. Die Antworten waren nicht nur angenehm. Aber immer spannend.

    Viel Spaß beim Lesen!

    jetzt liegt am 26. Oktober 2015 in deiner Süddeutschen Zeitung. Außerdem kannst du es digital auf dem Smartphone oder dem Tablet lesen - mit der kostenlosen App der Süddeutschen Zeitung. Du kannst die digitale Ausgabe des Hefts einzeln für 89 Cent oder zusammen mit der SZ vom Montag kaufen - für Abonnenten der Digitalausgabe der SZ ist das Magazin kostenlos.

    Die einzelnen Texte aus dem Heft kannst du ab Montagabend auch auf jetzt.de im Label jetzt_Magazin nachlesen.

    Inhalt

    4 „Den Geruch von ‚Hubba Bubba kann ich nicht leiden.“
    #Werbistdugerade
    6 „Wir ersetzen Wörter wie ‚Bombe‘ durch banale Begriffe: ‚Heute ist eine Paprika eingeschlagen.‘“
    #Syrien #Flüchtlinge #Smartphone #Kommunikation
    12 „Wir stümpern sehr viel vor uns hin.“
    #Digitalnatives #Digitaldummies #Nachholbedarf #Ichgegenexcel
    14 Selbst das Digitalisieren reicht nicht aus, um die Vergänglichkeit auszutricksen.
    #Musikfürdieewigkeit #Jukebox #Datensicherung
    18 Was eine Maschine will, hängt stark davon ab, was eine Maschine kann.
    #Künstlicheintelligenz #Künstlichemoral #schlaueralswir #Zukunft
    22 „Ich habe ein paar Tage nichts gegessen, außer das Frühstück im Hotel.“
    #Bitcoins #Weltreise #unterwegsohnebares
    24 Wer hat welches Hintergrundbild auf dem Smartphone?
    #Rätsel #Homescreen
    26 „Ich werde nie von Verbänden angefragt. Denen bin ich zu vulgär.“
    #Carolinkebekus #MenschÄrgereDichNicht #Interview #Scheitern

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    Hammed Khamis (*1981) ist Streetworker, Buchautor und Maßschuhmacher in Berlin. Seine Eltern sind syrisch-kurdischer Abstammung und vor seiner Geburt aus dem Libanon geflohnen. Er selbst wuchs in einer Gastarbeitersiedlung bei Osnabrück auf. Über seine Erfahrungen in Calais hat er auch im Seinsart-Magazin gebloggt.



     


    "Ein Mann aus Libyen, mit dem ich mich auf meiner Reise angefreundet habe, lebt schon seit elf Monaten im ,Dschungel‘, wie das Flüchtlingscamp am Eurotunnel in Calais meist genannt wird. Er glaubt nicht mehr an eine Weiterreise, also hat er sich da ein Haus gebaut. Mit zwei Stockwerken, Schiebetüren und Fenstern. Dabei hatte der nicht einmal eine Säge. Bei ihm zu Hause habe ich oft fast vergessen, wo ich gerade bin. Wir haben zusammen gesessen, geredet und getrunken, denn irgendwann brauchst du Alkohol, um trotz des Erlebten abends noch einschlafen zu können. Und dann gehst du raus, trittst in Scheiße und siehst eine Frau aus einer Pfütze trinken, weil das für sie kostbares Wasser ist. Hörst von Frauen, die sich für drei Euro prostituieren. Oder bittest einen Mann, dir eine von den Himbeeren abzugeben, die er gepflückt hat. Und er versteckt sie sofort ängstlich. Dann erinnerst du dich wieder, wo du da gerade bist.

    [plugin bildergalerielight Bild1="Hammed im Dschungel. Viele Menschen dort haben vom Fluchtversuch gebrochene Beine" Bild2="Die Name des Camps kommt von einem Waldstück in der Nähe, in dem Männer anfangs übernachten mussten" Bild3="Die selbstgebaute Kirche im Dschungel, für die Hammed Boxen organisert hat" Bild4="Nachts im Dschungel" Bild5="Manchmal versuchen Menschen, zu Fuß über die Autobahn zu gelangen. Das sorgt für Blockaden" Bild6="Im Flüchtlingscamp gibt es viele Kinder, Hammed sagt, viele dächten, sie seien im Zeltlager" Bild7="Hammed sagt auch, dass man abends trinken muss um trotz des Erlebten schlafen zu können" Bild8="Gemeinsam mit Freunden hat er einen Hilftransport nach Calais organisiert, im Dezember startet der nächste"]

     Das erste Mal bin ich diesen Sommer für acht Tage nach Calais gefahren, weil ich selbst im Jahr 2014 sehr viel Glück in meinem Leben hatte. Ich wollte anderen Menschen dafür etwas zurückgeben. Also habe ich angefangen, am LaGeSo (Anm. d. R.: Landesamt für Gesundheit und Soziales, Registrierungsstellen für Flüchtlinge in Berlin) und der Traglufthalle (Anm. d. R.: Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Moabit) ehrenamtlich als Arabisch-Dolmetscher zu arbeiten. Dort habe ich viele Menschen kennengelernt, deren Schicksale mich berührt haben. Und mir wurde von Calais erzählt. Da wurde mir klar: Ich muss dort hin und der Welt zeigen, dass da Menschen leben. Keine graue Masse. Mit 175 Euro in der Tasche bin ich aufgebrochen. Zurück kam ich ohne Koffer, Jacke und Schuhe. Ich hatte fast alles, was ich anfangs dabei hatte, verschenkt.

    Die Bezeichnung ,Dschungel‘ für das Camp kommt daher, dass es dort ursprünglich nur Unterkünfte für Frauen und Kinder gab, die Männer mussten in einem Waldstück übernachten – dem Dschungel. Mittlerweile leben in dem ehemaligen Industriegebiet am Meer rund 6000 Menschen. Sie alle wollen übers Wasser oder durch den Eurotunnel weiter nach England, aber das ist schwer.

    Die LKW dorthin werden streng überprüft, unter anderem gibt es Atemluftkontrollen – so wird gemessen, ob sich atmende Menschen im Fahrzeug verstecken. Ich habe Geschichten über Flüchtlinge gehört, die in Tüten geatmet haben um nicht entdeckt zu werden, und dabei erstickt sind.

    Die andere Möglichkeit ist, auf den Zug aufzuspringen, der fährt vor dem Eurotunnel recht langsam. Viele fallen allerdings wieder runter, im Camp sieht man deshalb oft Menschen mit gebrochenen Beinen. Theoretisch gibt es noch einen dritten Weg: zu Fuß durch den Tunnel. Das führt allerdings oft zu Gewalt. Erst stürmen drei oder vier Menschen auf die Autobahn, irgendwann sind es Hunderte. Die Laster müssen stehenbleiben, es fängt an sich zu stauen. Die Polizei will die Leute vertreiben, fängt an, sie zu schlagen und Tränengas zu sprühen. Da ich unter den Flüchtlingen optisch nicht auffalle, war ich selbst einmal dabei. Ich habe dann auf Deutsch zu dem Polizisten ,Hör auf‘ gesagt, mein Französisch ist nicht sehr gut. Aber er hat nicht reagiert. Später haben die Leute aus dem Camp mich umarmt und gesagt: ,Danke, dass bei uns geblieben bist. Du bist wirklich cool!‘

    >>>"Was mich auch umgehauen hat, ist die Kirche im Dschungel. Sie haben auch eine Moschee gebaut, aber die Kirche hat einen richtigen Turm, Altar, eine Glocke und Weihwasser."<<<
    [seitenumbruch]
    Die Menschen hängen also im Dschungel fest. Deshalb ist es dort wie in einer richtigen Stadt. Es gibt Läden, einen Club mit Discokugel, ein Fitnessstudio. Nur, dass drum herum überall Zäune und Polizisten sind. Die Menschen haben sich je nach Herkunft unterteilt eigene Viertel geschaffen. Viele leben in Hütten aus Stangen und Planen. Wer neu ankommt, schläft erst mal in einem großen Zelt, in dem es so brutal stinkt, dass ich es dort kaum ausgehalten habe. Trotzdem gibt es dort viele Freiwillige von überall her, die sich um die medizinische Versorgung kümmern oder einfach beim Aufräumen helfen. Das hat mich beeindruckt.

    Was mich auch umgehauen hat, ist die Kirche im Dschungel. Sie haben auch eine Moschee gebaut, aber die Kirche hat einen richtigen Turm, Altar, eine Glocke und Weihwasser. Darin fällt all der Frust von draußen von dir ab. Ich habe dort mit einem Typen gesprochen, den alle ,den Pfarrer‘ nennen, und ihn gefragt, was ich ihnen mitbringen kann, wenn ich wiederkomme. Er hat gesagt ,Du kommst eh nicht wieder, das tut keiner.‘ Da war ich natürlich schon heiß darauf, ihm das Gegenteil zu beweisen. Dann hat er gesagt: ,Was wir wirklich bräuchten, wären Lautsprecher, damit die Menschen auch außerhalb der Kirche die Predigten und den Gesang hören können.‘ Zurück in Deutschland habe ich also meine Bekannten mobilisiert. Ein Unternehmer hat uns einen LKW gestellt. Andere haben Palettenware gespendet – Hunderte Flaschen Shampoo, Hygieneartikel, Schokolade. Eine Computerfirma und ein Politiker haben Rechner gestiftet, für die Schule in Calais. Und ich habe auch Lautsprecher aufgetrieben. Mit den Sachen sind wir dann im Herbst ein zweites Mal in den Dschungel gefahren und haben sie verteilt.

    Die Zeit in Calais hat mir vor Augen geführt, wie schwach ich bin. Ich habe dort einen zwölfjährigen Ägypter kennengelernt, der eine Demonstration im Camp anführte. Er hat Parolen gebrüllt, die anderen riefen ihm nach. Der war noch ein Kind, so alt wie mein Bruder. Alles in mir wollte ihn nur noch einpacken und nach Hause bringen. Als ich angefangen habe zu weinen, hat er nur mit seinem Ärmel die Tränen abgewischt. Im Gegensatz zu anderen Kindern wusste er, warum er da ist. Ganz kleine Kinder denken ja noch, das sei ein sehr kaltes Zeltlager. Die werden erst Jahre später realisieren, was sie erlebt haben. Nach der Begegnung mit dem Ägypter habe ich meinen Vater angerufen und mich dafür bedankt, dass sie mich noch im Mutterbauch vom Libanon nach Deutschland gebracht haben. Dass ich zur Schule gehen durfte. Dinge, die vorher selbstverständlich schienen.

    Im Dezember werde ich ein drittes Mal in den Dschungel fahren. Ich will noch einmal auf dem Friedhof beten, auf dem mittlerweile auch viele Flüchtlinge liegen, die auf der Überfahrt umgekommen sind. Manche konnten identifiziert werden, viele haben allerdings nur Nummern oder ein Holzkreuz. Bei dieser Reise wollen wir neben Hilfsgütern auch Musikinstrumente für die Menschen mitbringen und einen Pianisten, der gemeinsam mit den Flüchtlingen ein Konzert gibt. Denn eigentlich geht es mir ja darum zu zeigen, dass die Flüchtlinge dort Menschen sind. Und was steht mehr für Zivilisation als Kultur und Musik?“

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  • 10/26/15--04:38: Facebook-Intifada?
  • "Warum machen die das? Das Mädchen in Afula hatte doch sogar einen Abschluss in Biologie von der Technischen Universität in Haifa", sagt Ofir, ein Freund aus Tel Aviv, am Telefon. Er meint die junge Frau, die in Afula, einer Stadt im Norden Israels, versucht hat, einen Soldaten mit einem Messer anzugreifen. Er meint aber auch Alaa Abu Jamal, den Mann aus Ost-Jerusalem, der mit seinem Auto in eine Menschenmenge an einer Bushaltestelle gerast ist, um anschließend mit einem Fleischermesser auf die am Boden liegenden Verletzten einzustechen. Ofir meint außerdem alle, die in den vergangenen Wochen versucht haben, mit Messern, Äxten und Schraubenziehern israelische Zivilisten und Soldaten zu töten und zu verletzen.




    Erleben wir eine "Facebook-Intifada"?

    Bei der aktuellen Gewaltwelle in Israel sprechen viele von einer dritten Intifada. Der erste dieser Aufstände beschränkte sich überwiegend auf die von Israel besetzten Gebiete, in der zweiten Intifada sprengten sich radikalislamische Männer aus dem Westjordanland in Israel innerhalb der Grünen Linie in die Luft. Und jetzt also diese Serie von Messerattacken und anderen Angriffen.

    Warum machen die das? Diese Frage ist immer schwierig. Diesmal sind sich viele einig – und vor allem die internationale Presse ist es –, dass die sozialen Netzwerke eine große Rolle spielen. Die ohnehin schon angespannte Stimmung werde vor allem durch die Videos und die Bilder der Attacken, die auf Facebook, Twitter und Youtube rasant verbreitet werden, weiter vergiftet. Die von der eigenen Politik allein gelassenen Attentäter würden hier zu ihren Taten animiert. Dem Internet gelingt also, wozu die machtlose Führung der Palästinenser schon lange nicht mehr in der Lage ist: Junge Menschen für die eigene Sache zu mobilisieren.

    Zum einen wird auf privaten Profilen oder Twitter-Accounts von bekannten Persönlichkeiten gegen Juden gehetzt und es werden verstörende Bilder und Cartoons geteilt, die die Anschläge verherrlichen und die Opfer verhöhnen. Die Hashtags dazu heißen übersetzt: "Die Intifada hat begonnen", "Dritte Initfada", "Jerusalem Intifada", "Die Messer-Intifada" oder "Juden abschlachten". Mohannad Halabi, der am 3. Oktober zwei Männer in Jerusalem erstach, hatte in vielen Facebook-Posts die dritte Intifada beschworen und unter das Video, das die Festnahme einer jungen palästinensischen Frau zeigte, geschrieben: "Wut, Wut, Wut. Wacht auf und rettet al-Aqsa. Lass die Revolution beginnen".

    Zum anderen wurden in den vergangenen Wochen Facebook-Seiten ins Leben gerufen, auf denen zu weiteren Attacken gegen Israelis aufgerufen wird. Schon Ende 2014 zeigte ein Video – vermeintlich von Hamas veröffentlicht – zu lauter und aggressiver Musik, wie man eine "erfolgreiche" Messerattacke verübt. Auch jetzt tauchen wieder ähnliche Videos auf: Bilder zeigen Anleitungen, wie und wo die potenziellen Täter am besten hinstechen sollen, um möglichst schwere oder gar tödliche Verletzungen hervorzurufen. Woher sie genau stammen und wer sie produziert hat, ist nicht verlässlich zu überprüfen.

    Die palästinensische Führung setzt die Propaganda jetzt für die eigene Sache ein – und inszeniert die Täter als unschuldige Opfer


    Aber offenbar wirken sie. Die New York Times berichtet, dass Subhi Abu Khalifa, ein 19-jähriger Attentäter, durch genau diese Propaganda seinen Entschluss gefasst haben soll, am Morgen des 8. Oktober mit einem Messer auf einen israelischen Soldaten loszugehen. Zuvor hatte er die ganze Nacht damit verbracht, sich immer wieder Bilder und Videos anzuschauen, auf denen zu sehen war, wie eine Attentäterin angeschossen und verletzt wurde. Auch israelische Medien wie Yedioth Ahronot und Haaretz berichten auf ihren Online-Seiten über die Gewalt und den Hass, der sich in und durch die sozialen Medien verbreitet.

    Auch von Seiten der palästinensischen Führung wird diese Propaganda nun bewusst für die eigene Sache eingesetzt. So veröffentlicht die palästinensische Autonomiebehörde Meldungen und Videos, die die Täter als unschuldige Opfer inszenieren, die von Israel gnadenlos exekutiert würden. Währenddessen feiert und zelebriert die Hamas die Täter, die bei ihren Aktionen getötet wurden, und erklärt sie zu Märtyrern. Auf israelischer Seite halten die nationalistische Regierung Netanyahu und ihre Unterstützer weiter an ihrer Politik fest. Auch sie nutzen dafür Propaganda, zum Beispiel auf Blogs des israelischen Militärs.

    Viele der Bilder, Videos und Seiten, die Palästinenser zur Gewalt aufrufen, sind mittlerweile nicht mehr zugänglich. Facebook hat sie gelöscht oder gesperrt. Auch die Seite "Stab Israelis", auf der zu weiteren Messerangriffen gegen Israelis aufgerufen wurde, ist mittlerweile nicht mehr abrufbar. Allerdings hat das eine Weile gedauert, selbst die Beschwerde einer israelischen Nichtregierungsorganisation hatte nichts bewirkt. Erst ein Bericht auf Ynet, der Webseite der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronot, ließ Facebook umdenken.

    Die Frage, wie Medien Gewalt auslösen oder verstärken, ist eine altbekannte und nicht geklärte. Was man aber sagen kann: Das Internet macht die Masse der Täter unübersichtlicher, uneinheitlicher. Dieses Mal kämpfen nicht nur radikalislamische Männer, es kämpfen auch Israelis gegen Israelis, die Täter sind Palästinenser ohne, aber auch mit israelischem Pass, sie sind weiblich und männlich, religiös und säkular, gebildet und ungebildet. Sie sind jung, teilweise sehr jung, sie sind aus den verschiedensten Gründen wütend und frustriert, sie gehören keinen Gruppen an, sie handeln spontan und entschließen sich zu Hause alleine in ihren (Kinder-)Zimmern dazu, zur Waffe zu greifen.

    Diese jungen Menschen trage  sehr viel Zorn in sich. Dass die Hetze im Netz ihn weiter anstachelt, ist wenig verwunderlich. Trotzdem: Die Gründe, warum jemand morgens aufsteht und beschließt, mit einem Messer zu töten, sind komplex. Das Warum wird weiterhin strittig bleiben, "wegen Facebook" ist nur eine der möglichen Begründungen. Ofirs Frage ist aber nicht weniger berechtigt, weil es nur vage Antworten darauf gibt.

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  • 10/26/15--07:50: Grumpy Obama



  • Jetzt reicht es also schon, eine Schnute zu ziehen, um einen Flauschsturm zu bekommen: In einer Rede am Freitag machte sich US-Präsident Barack Obama über die politische Opposition lustig. Die Republikaner erinnerten ihn an Grumpy Cat, sagte er, zog die Mundwinkel nach unten – und wurde vom Publikum frenetisch gefeiert. Sein Auftritt während des Democratic Women’s Leadership Forums erinnerte eher an den eines Stand-up-Comedians denn an den eines US-Präsidenten in seiner zweiten Amtsperiode:
     
    https://www.youtube.com/watch?v=zfUeP5ZOjaE

    „Im Großen und Ganzen kommen wir enorm gut voran“, sagte Obama während seiner 23-minütigen Rede. „Und da fragt man sich schon, warum republikanische Politiker Amerika so auf dem Kieker haben.“ Theatralische Pause. „Ist euch das schon mal aufgefallen?“ „Ja!!“, schallt es aus dem Publikum zurück. „Ich finde, die sind trostlos.“ Noch eine theatralische Pause. Dann lässt Obama den Blick von rechts nach links schweifen. Er weiß genau, was jetzt kommt. Und dass es funktionieren wird. „Die sind wie Grumpy Cat“, sagt er, zieht die Mundwinkel weiiiiit nach unten. Wildes Gelächter und Applaus.  

    Dass Obama Sinn für Humor hat, hat er schon oft bewiesen. Zum Beispiel im Morgenmagazin „Today“ des Fernsehsenders NBC. Da erklärte der US-Präsident, dass er seine beiden Töchter mit einer Drohung davon abhalte, sich ein Tattoo stechen zu lassen: „Wir haben den Mädchen gesagt: Solltet ihr euch jemals dazu entschließen, euch tätowieren zu lassen, werden Mami und ich uns das genau gleiche Tattoo stechen lassen, an genau der gleichen Stelle. Und es dann auf Youtube präsentieren.“

    Auch auf Twitter zeigte sich Obama bereits schlagfertig. Nachdem er seinen Account @POTUS eingerichtet hatte, fragte Bill Clinton ihn in Anspielung auf die Präsidentschaftskandidatur seiner Frau Hillary (#askingforafriend), ob er seinen Twitter-Namen an den nächsten Präsidenten weitergeben werde. „Gute Frage, @billclinton“, antwortete Obama und bestätigte: „The handle comes with the house. Know anyone interested in @FLOTUS?“ Denn: Sollte Hillary Clinton zur ersten US-Präsidentin gewählt werden, müsste sich Bill Clinton als "First Man" wohl einen anderen Twitter-Namen überlegen.     

    melanie-maier

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  • 10/26/15--08:02: Viertelkunde: Göttingen


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    Mehr Infos zu Göttingen gibt es unter dem Label Atlas_Göttingen, den kompletten Studentenatlas samt interaktiven Stadtkarten findest du hier.



    Innenstadt


    Das bekommst du hier: verwinkelte Fachwerkgassen mit niedlichen Hinterhöfen; Göttingens gesamtes Aufgebot an Touri-Attraktionen auf weniger als drei Quadratkilometer verteilt; Kirchen, Denkmäler und noch mehr Kirchen; den Wall: ein überschaubarer Überblicksweg entlang der alten Stadtmauern; Das Rote Haus: eines der ältesten selbstverwalteten Studi-Hausprojekte in Göttingen, hier trifft sich die alternative Szene und es gibt sehr schöne Hoffeste; eine Dönerladen-Dichte, die sich mit einigen Kreuzberger Straßenzügen messen kann; zahlreiche Spätis (z.B. Amin’s Kiosk auf der Goethe-Allee), die noch offen haben, wenn alle Bars schon geschlossen haben, und man zum Sonnenaufgang wieder zum „Willi“ zurückkehrt.
    Das bekommst du hier nicht: stressfreies Einkaufen; gerade Häuserfassaden; eine Erklärung, wer die ganzen Personen auf den Marmortäfelchen sind, die an jedem zweiten Haus hängen; Mitleid, wenn dich die Polizei mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone erwischt.
    Durchschnittsmiete: 9,15 Euro pro Quadratmeter (Quelle)

    Zentralcampus


    Das bekommst du hier: das Gefühl, in einem US-College-Film aus den Neunzigern gelandet zu sein (es gibt wirklich nur Studenten hier); viele internationale Studis, die in den dazu passenden College-Pullovern rumlaufen; überquellende Bücherstände mit antiken Bildbänden aus einer anderen Zeit; eine gute Alternative zur Mensa, die auch nach mehreren Tagen in Folge nicht langweilt (Pizza Napoli); den Blauen Turm, Göttingens hässlichstes, aber höchstes Gebäude mit toller Aussicht; den Botanischen Garten; eine kleine Ruhe-Oase neben dem wuseligen Campus, wo es den besten Chai der Stadt gibt (Café Botanik).
    Das bekommst du hier nicht: eine Wohnung unter einer Wartezeit von sechs Monaten; einen ruhigen Spaziergang über den Campus, ohne eine Person zu treffen, die dich kennt.
    Durchschnittsmiete: 8,93 Euro pro Quadratmeter (Quelle)

    Oststadt


    Das bekommst du hier: extrem breite und glatte Luxusfahrradwege; alte Villen mit großen Gärten und reichen Menschen; das Kino Lumière: Göttingens Programmkino mit Filmen jenseits des Mainstreams; im gleichen Haus wie das Kino: das Kabale, eine alternative Bar mit tiefroten Wänden, Kuschelsofas und Wohnzimmerflair (Vorsicht: dienstags nur für Frauen); den T-Keller: bezahlbare Konzerte von Hip-Hop bis Punk; reichlich Platz zum Grillen und Sonnenbaden auf den Schillerwiesen.
    Das bekommst du hier nicht: Häuser, die nicht entweder in Besitz von Burschenschaften oder alteingesessenen linken WGs sind.
    Durchschnittsmiete: 8,38 Euro pro Quadratmeter (Quelle)

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  • 10/26/15--08:42: Ohne Worte
  • [plugin imagelink link="http://i.imgur.com/l2gWxgP.jpg " imagesrc="http://i.imgur.com/l2gWxgP.jpg "] 

    In einer Welt, in der wir bereits

    Filmplakate auf Emojianisch,

    * Filmplakate mit Merkel, Obama und Putin statt mit Filmstars 

    * Und mit Faultieren,

    * Filmplakate als animierte Gifs

    * Und als Neonröhren-Werbung,

    Ehrliche Filmplakate

    * Und Witze über die Ähnlichkeit von Filmplakaten

    gesehen haben, braucht es vermutlich nicht noch mehr Film-Poster-Witzchen. Den gephotoshoptem Kinoplakaten von Imgur-User Joinyouinthesun sollte man trotzdem noch eine Chance geben. Seine Idee ist so simpel, dass man sich fragt, ob da wirklich noch niemand vorher auf die Idee gekommen ist (eine kurze Internetrecherche ergibt: ist anscheinend wirklich niemand). Er hat von Filmplakaten jegliche Schrift gelöscht – und damit aus Werbepostern Kunst gemacht:

    [plugin imagelink link="http://i.imgur.com/2GCHO0D.jpg " imagesrc="http://i.imgur.com/2GCHO0D.jpg "]

    [plugin imagelink link="http://i.imgur.com/s4mDBIM.jpg " imagesrc="http://i.imgur.com/s4mDBIM.jpg "] 

    [plugin imagelink link="http://i.imgur.com/zehAEar.jpg" imagesrc="http://i.imgur.com/zehAEar.jpg"]

    [plugin imagelink link="http://i.imgur.com/BqUmNYD.jpg" imagesrc="http://i.imgur.com/BqUmNYD.jpg"]

    Kathrin Hollmer 

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  • 10/26/15--10:00: Einer muss es ja machen


  • Das musikalische Gedächtnis Deutschlands trägt ein graues Hemd, eine kleine Brille und spricht mit sächsischem Einschlag. Sein Name: Matthias Matthes. Matthes, 61, digitalisiert mit einer Handvoll Mitarbeitern für das Deutsche Musikarchiv CDs. Und zwar nicht nur ein paar spezielle Liebhaberstücke. Nein. Alle CDs. Alle, die seit der Einführung der CD in Deutschland erschienen sind. Per Hand, Stück für Stück. Captain Jack. Gustav Mahler. Bravo-Hits. Egal. 500 Stück am Tag. „Für eine CD brauche ich 27 Sekunden“, sagt Matthes trocken. Er hat es gemessen. Es ist eine gigantische Aufgabe.

    Gerade steht er in einem Büro der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig - in dem Gebäude ist das Musikarchiv untergebracht. Vor ihm: ein unscheinbarer, kühlschrankähnlicher, ständig brummender, grauer Automat, den alle hier „Jukebox“ nennen. Er ist das Herzstück der Digitalisierungsmaschinerie, die Grenze und das Portal zwischen analoger und digitaler Welt. Ihn muss Matthes mit CDs befüllen. Das passiert aber nicht mit einem dieser orangefarbenen, ultrapräzise arbeitenden Roboterarmen, die man aus Fabriken oder Hightech-Laboren kennt. Matthes macht das händisch. Knopf drücken, Laufwerk fährt raus, CD drauf, Knopf drücken, Laufwerk fährt wieder rein. 500 000 CDs haben sie so in den vergangenen Jahren digitalisiert. Es habe zwar mal Überlegungen gegeben, ob das nicht auch irgendwie einfacher und besser ginge - weil: Der Mensch schießt ja auch Roboter auf den Mars, die Selfies von sich machen können. Aber: „So wie wir das machen, ist das der ökonomischste und schnellste Weg“, sagt Matthes.

    Das Herzstück ist ein unscheinbarer, grauer Automat. Sie nennen ihn hier nur "Jukebox".


    Der 61-Jährige ist hier zwar weder der Chef noch hat er das Digitalisierungsprogramm ausgetüftelt. Früher hat Matthes eigentlich mal Kopierer repariert. Aber er kennt die Jukebox in- und auswendig. Er weiß, was los ist, wenn sie ein wenig tiefer brummt als normal. Fragt man Matthes nach der ersten CD, die hier jemals digitalisiert wurde, schießt die Antwort sofort aus ihm heraus: „‚The Visitors, Abba, 1981.“ Matthes ist CD-Digitalisierungsexperte.




    Ein grauer, unscheinbarer Kasten ist das Herzstück der Digitalisierungsmaschinerie. Hier legt Matthes CD für CD ein. Für eine braucht er 27 Sekunden.

    Man kann sich jetzt fragen, warum das Musikarchiv sich überhaupt so eine Riesenarbeit macht. Es müssen nämlich nicht nur CDs digitalisiert werden, die von professionellen Labels produziert wurden. Auch selbst gebrannte CDs, zum Beispiel vom Lehrerchor, der 1996 auf dem Schulfest in Bad Birnbach gesungen hat, müssen in den Bestand aufgenommen werden. Es arbeiten hier tatsächlich Leute, die das Internet gezielt nach diesen speziellen Veröffentlichungen durchforsten. Aber abgesehen von solchen Exoten - den Großteil der Musik gibt es ja schon überall digitalisiert. Auf iTunes, auf Spotify, auf Youtube, jetzt auch auf Aldi - sogar der Discounter bietet inzwischen einen Streaming-Dienst an. Warum also dieser Aufwand? Die Antwort ist simpel. „Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet“, sagt Matthes. Es ist Kulturgut - egal ob Dr. Alban oder Herbert von Karajan. Und die Musik wird auf diese Weise allen gratis zugänglich gemacht. Allen jedenfalls, die Musik in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig hören wollen.

    Auch die selbst gebrannte CD vom Lehrerchor aus Bad Birnbach wird in den Bestand aufgenommen.


    Eigentlich verwundert es nicht wirklich, dass Deutschland auch in diesem Bereich sehr penibel ist. Deutschland hortet Gold, lagert Ölreserven, bunkert Nahrungsmittel in geheimen Hallen - klar lagert die Bundesrepublik auch Musik. Die Sache mit den CDs hat allerdings einen Haken: Die Haltbarkeit der glänzenden Tonträger ist ziemlich eingeschränkt. Das liegt oft an den Materialien, die zum Pressen verwendet wurden. Aggressive Lacke der Aufdrucke fressen sich innerhalb weniger Jahre durch die ganze CD. Hunderte Stücke sind dem Archiv deshalb schon verloren gegangen. „Je nach Qualität des Produkts kann der Verfall schon nach ein paar Monaten beginnen“, sagt Matthes. Oder die Sache mit den CDs in Pappcovern. War vor zehn Jahren ziemlich chic, weil irgendwie ökologisch-bewusster - Musikkonsum und so - aus Sicht der Leipziger Digitalisierer aber ein schwerer Fehler. Weil: schlecht, ganz schlecht für die CD. Wegen der Dämpfe aus dem Kleber, mit denen die Pappe zusammenhält. Greift nämlich auch die Scheibe an. Es braucht eben Menschen, wie sie dort in Leipzig arbeiten. Menschen wie Matthias Matthes, die die Musik für die Ewigkeit bewahren. Und das geht eben nur, wenn man sie digitalisiert.[seitenumbruch]
    Matthes geht auf die andere Seite des Büros und setzt sich vor einen Computer. Über den Bildschirm laufen endlose Zahlenreihen, die Fehler auf den CDs anzeigen. Matthes kann sie lesen, als würde er nicht in Leipzig, sondern in der Matrix arbeiten. Findet er eine Abweichung, dann kommt die CD in ein anderes Laufwerk, zur Tonüberprüfung. Matthes setzt sich einen dicken Kopfhörer auf. Lange passiert nichts, er starrt konzentriert auf den Bildschirm. Dann plötzlich zuckt seine Wimper. Ein Fehler auf der CD. Er hört sich das Ganze noch mal an, über Lautsprecher. Italienischer Schlager dudelt durch das Büro. Damdidamdidamdidam. Und dazwischen: ein kurzes Klicken. Ein Fehler. Eindeutig. Matthes schraubt an ein paar Knöpfen - gleicht das Klicken mit einem anderen Computerprogramm wieder aus. Schließlich soll hier nur makelloses Liedgut in die Ewigkeit eingehen.

    „Bei Musik wie der von Rammstein hört man solche Fehler allerdings nur schwer raus“, sagt Matthias Matthes. Und fügt schnell hinzu, dass das keine Kritik an der Band sei, sondern lediglich ein Erfahrungswert.




    Die CDs lagern in einem fußballfeldgroßen Gebäude in endlosen Regalreihen. Da stehen in schöner Harmonie Dylan-CDs neben Céline Dion und Hobbychöre neben schwedischem Power-Metal.

    Bei aller Freude an der Genauigkeit plagt Matthes aber manchmal so ein dumpfes Gefühl. Matthes könnte lang und breit erzählen, dass die Qualität der CDs in den Achtzigern oft richtig mies war. Er kann über den Kopierschutz referieren, und wie man ihn knackt. Weiß er alles. Manchmal aber, da nervt ihn die Arbeit. Immer CD reinschieben, immer CD rausnehmen. Dazwischen das ewige Brummen des Automaten. „Ist schon oft monoton“, sagt er. „Und manchmal auch sehr langweilig.“

    Und dann ist da noch diese Ohnmacht: Denn selbst das Digitalisieren reicht nicht aus, um die Vergänglichkeit auszutricksen. Die Langzeitarchivierung - so nennt man den Vorgang - hat nämlich ein grundsätzliches Problem. Niemand kann garantieren, dass Daten auf Festplatten länger als zehn Jahre halten. Im Falle des Musikarchivs werden daher alle gespeicherten Daten nach fünf Jahren auf neue Festplatten kopiert.

    Das wissen sie in Leipzig - und das wissen sie vor allem im Leibniz-Rechenzentrum in Garching bei München. Hier gibt es eine Abteilung, die sich „Datenhaltung“ nennt, und dort machen sich Forscher über nichts anderes Gedanken als über die Sicherung digitalen Materials. In einer streng gesicherten und vor allerlei Katastrophen -geschützten Halle werden dort wissenschaftliche Daten aller Münchner Unis in einer gigantischen Menge gespeichert. Doktorarbeiten, Seminararbeiten, Bilder. Auch den kompletten Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek haben sie dort digital. 50 Petabyte sind das momentan. Zum Vergleich: Hätte man nur ein Petabyte Musik auf dem Handy, könnte es theoretisch 2000 Jahre am Stück durchspielen.





    Doch auch in Garching müssen sie die Daten alle fünf bis sieben Jahre umheben. Zum einen, weil das Speichermaterial einfach nicht mehr hergibt. Dort wird auf speziellen Magnetbändern gespeichert, die sind effektiver als konventionelle Festplatten. Aber noch aus einem zweiten Grund. Arndt Bode ist Leiter des Zentrums, er sagt: „Niemand weiß, ob es in ein paar Jahren zum Beispiel noch DOC-Dateien gibt. Beziehungsweise eine Software, die diese Dateien lesen könnte.“ Siehe Disketten. Dafür haben Computer ja schon seit Jahren keine Laufwerke mehr. Mit der Umspeicherung nach ein paar Jahren bleibe man laut Bode auf dem aktuellen Stand der Lesetechnik. Sonst gehe es einem am Schluss noch so wie der NASA. Die hat in den Neunzigern nämlich versucht, alte Daten einer Saturnsonde auszuwerten. Dann aber leider schnell festgestellt, dass sie gar nicht mehr über die Geräte verfügte, die man dazu gebraucht hätte.

    Selbst das Digitalisieren reicht nicht aus, um die Vergänglichkeit auszutricksen.


    Zurück im Musikarchiv in Leipzig. Auch wenn sie hier beim Digitalisieren die gleichen Probleme haben - es gibt ja noch die Originale. Die CDs selbst lagern in einem fußballfeldgroßen Trakt. Nur mit einer speziellen Chipkarte kommt man dort rein. Das ganze Jahr über herrschen dort konstante 15 Grad Celsius. Luftfeuchtigkeit: zwischen 35 und 40 Prozent. Matthes schlendert durch die schier endlosen Regalreihen, schaut prüfend links und rechts, streift sanft mit der Hand über eines der Regale. Dort findet man nicht nur ein ideales Klima - sondern auch eine seltsam schöne Harmonie. Bob Dylan steht hier neben Céline Dion, CDs stehen neben Minidiscs. Auch für die Irrwege der Musikindustrie ist in Leipzig Platz.

    Renitenz und Ignoranz hingegen mögen sie hier im Archiv gar nicht. Matthes erzählt eine Anekdote. Ein Musikverlag weigerte sich vor Kurzem, seine CDs zu den Archivaren zu schicken. Das Archiv zwang den Verlag per richterlichem Beschluss. „Der Verleger war so sauer, dass er eines Tages eine komplett vollgepackte Europalette vor unsere Tür stellte. Höchstpersönlich. 6000 CDs.“

    Ein paar Jahre wird Matthes den Job noch machen. Mindestens aber bis 2016. Dann haben sie in Leipzig alle Altbestände digitalisiert - und können sich auf die Neuerscheinungen konzentrieren. Denn auch wenn weit weniger Menschen als noch vor zehn Jahren CDs kaufen, die allermeisten Lieder kommen immer noch, neben anderen Tonträgern, auf diese Weise auf den Markt.

    Bei den Hunderttausenden von CDs, von Kleinoden, die hier herumstehen - was hört Matthes, der Hüter dieses Schatzes, eigentlich gern privat?
    „Radio“, sagt er.

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    Ein Gemeinschaftsbüro in Köln. Man muss bei „Ich und die anderen“ klingeln. Carolin Kebekus empfängt in kariertem Hemd und Jeans - und sieht auch sonst sehr anders aus als auf der Bühne. Natürlicher. Weniger prollig. Das zeigt, dass die 35-jährige Komikerin nicht nur einfach so ziemlich witzig ist - sie ist vor allem sehr wandlungsfähig. Sie geht in dem auf, was sie tut. Auch bei Brettspielen. Meine erste Sechs kommentiert sie mit einem scharfen
    „Neiiin!!!“.

    Womit bist du zuletzt gescheitert?
    (überlegt lange) Jetzt beruflich oder persönlich?

    Was du lieber erzählst.
    (überlegt noch mal lange) Das letzte Mal vermutlich auf der Bühne. Wobei „gescheitert“ da jetzt auch etwas hoch hängt: Ich war unangekündigt in einer kleinen Mix-Show, um neue Ideen auszuprobieren. Und die Leute waren erst mal total frenetisch. So: „Oh, mein Gott, Carolin Kebekus, sie ist es wirklich! Wie krass! Und sie fängt an, etwas zu erzählen. Und es ist … es ist gar nicht so lustig …“ Schrecklich!

    Man erlebt das nicht oft, dass jemand eine Szene noch mal derart durchleidet. Carolin Kebekus’ Gesicht, ihre Stimme, ihr ganzer Körper fallen beim Erzählen wieder in sich zusammen. Meine zweite Sechs richtet sie ruckartig wieder auf:„Das ist doch gezinkt hier!“

    Und was war der prägendste Rückschlag?
    Ich habe mal vier Tage am Stück beim „Quatsch Comedy Club“ gespielt, und es hat nichts funktioniert. Gar nichts. Fünf Shows an vier Tagen - und es war immer komplett scheiße. Immer, immer, immer!

    Von welcher Zeit reden wir da?
    Ungefähr sieben Jahre müsste das her sein. Und ich habe danach bei meiner Agentur angerufen und gesagt: „Ihr könnt alle Stand-up-Auftritte absagen! Weil ich das nie wieder mache! Ich studiere jetzt wahrscheinlich oder so.“

    Hier wirft auch sie ihre erste Sechs. Das „Haha!“, das darauf folgt, ist ein bisschen gequiekt.

    Und dann?
    Dann wurde ich fürchterlich überredet, weiterzumachen. Und dann ist das eben wie beim Vom-Pferd-Fallen: schnell wieder drauf.

    Hast du ein Muster, wie du dich nach Rückschlägen verhältst?
    Ah, du meinst, ob ich direkt bei mir gucke oder bei anderen?

    Zum Beispiel.
    Das kommt total drauf an. Auf der Bühne bin ich nun mal leider für alles ganz alleine verantwortlich. Sonst bin ich schon mal dafür zu haben, zu sagen: „Vielleicht hat da ja auch jemand anderes was verbockt?! Kann doch auch sein!“

    Jetzt brauche ich eine Vier, um sie zu schlagen. Sie saugt scharf Luft ein. Und ich würfle: eine Vier. Eine strengere Frage also:

    In deinen Programmen gibt es ja ein paar wiederkehrende Gegner: die Bigotterie der katholischen Kirche zum Beispiel. Aber auch Simone Thomalla. Ganz schön einfache Ziele, oder?
    Ich weiß, was du meinst. Ich begebe mich da nicht auf dünnes Eis. Aber ich gehe ja auch nicht auf die Bühne und sage: „Achtung, hier kommt weltverbesserndes Kabarett!“ Deswegen, ja, hast du recht.
    Na und?

    Für so wenig Anspruch benutzt du in Interviews aber ganz schön oft Begriffe wie „hinterfragen“ und „untersuchen“ für deine Arbeit. Ist das also nicht doch eine Aufgabe von Comedy?
    Nein. Aber Comedy ist eine Kunstform. Und jede Form von Kunst bringt die Wahrnehmung des Künstlers nach außen. Ich sage, wie ich Dinge sehe. Das beinhaltet natürlich, dass ich Dinge hinterfrage. Ach Moment, ich kann dich ja rausschmeißen.

    Sie tut das untermalt von einem Düdüdüdelüdüdüdü-Gesang.

    Und jetzt darf ich echt Promo machen?!
    Ja.
    Dann mach ich Promo für die nächste „PussyTerror TV“-Sendung am 21. November - WDR, 21.45 Uhr.

    Sie sagt das nicht einfach. Es steigert sich von niedlichem Nuscheln bis zum prolligen Fußball-Novämmbaaa! Und weil das ein ungewöhnlich schnelles Spiel ist, schlage ich im Nachhall gleich noch eine Figur.

    Nervt es nicht, dauernd vor den Feminismus-Karren gespannt zu werden?
    Überhaupt nicht! Zumal ich ja auch nicht von irgendwelchen Verbänden angefragt werde. Denen bin ich wohl tendenziell zu vulgär.

    Aber hast du nicht das Gefühl, immer noch zuerst als Frau und dann als Komikerin wahrgenommen zu werden?
    Ja, vielleicht. Aber das nervt mich auch nicht wirklich.

    Die zwei anderen Themen, die in quasi allen Texten zu dir auftauchen, sind der kirchenkritische Song „Dunk den Herrn“ und eine Helene-Fischer-Parodie. Wer reagiert am heftigsten: Fischer-Ultras, Maskulisten oder Katholiken?

    Heftiges Jauchzen: Sie hat eine Figur geschlagen. Dann muss sie aus dem Nebenzimmer einen Zettel holen, auf dem zu Bewerbendes steht. Profi!

    Die Tour-Termine für 2015 sind alle ausverkauft. Aber es gibt noch Karten für die Auftritte im kommenden Jahr. Die Termine stehen auf meiner Homepage! Und zu deiner Frage: Ich fand es ziemlich faszinierend, wie ich beschimpft wurde, nachdem ich bei der „Anstalt“ im ZDF ein Programm über Feminismus gespielt habe. Ellenlange Briefe, was ich für eine ungebumste Nutte sei. Wahnsinn! Und interessanterweise kippt der Ton sowohl bei den Fischer-Fans als auch bei hatenden Katholiken irgendwann tendenziell ins Rechtsradikale.

    Spannung: Wir haben beide die letzte Figur vors Haus gezogen.

    Gibt es Themen, die du nicht anrühren würdest?
    Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Sonst nichts. Wenn ich zu etwas eine Haltung habe und einen guten Dreh finde, rede ich auch drüber.

    Und damit hat sie das entscheidende Würfelglück und gewinnt - unter großem Jubel. Eh klar.

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  • 10/26/15--10:00: Auf Geldreise
  • Die Geschichte von Felix Weis’ Weltreise beginnt mit einem Gewinn. Und einem Verlust. Vor drei Jahren erreicht der 28-Jährige bei einem Programmier-Wettbewerb den ersten Platz. Er gewinnt eine Reise zu einer Bitcoin-Konferenz in den USA. Zwei Tage vor Abflug aber trinkt er beim Kölner Karneval „einen über den Durst - und irgendwie habe ich dabei meinen Geldbeutel verloren, mit allen Karten drin“. Keine Chance, die bis zum Abflug ersetzt zu bekommen. Er beschließt, ein Experiment zu wagen.





    Von einem Freund leiht er sich 400 Dollar in bar, die er auf der Konferenz in den USA sofort in Bitcoins tauscht. Drei Wochen reist er durch Texas und Kalifornien - und bezahlt ausschließlich digital. „Das hat so gut funktioniert, dass ich dachte: Warum nicht ein ganzes Jahr, durch die ganze Welt, nur mit Bitcoins?“ Seit Januar ist er jetzt unterwegs. Kann man heute schon mit einer alternativen Währung um die Welt reisen? Wie geht das? Und was erlebt man unterwegs mit dem Geld der Zukunft?

    Felix Weis meldet sich via Skype aus Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Hier will er die Macher von rebittance.org treffen, einem Start-up, das den Transfer von Bitcoins vereinfachen will. Die Philippinen waren 2014 mit 27,5 Milliarden US-Dollar der weltweit drittgrößte Empfänger von Überweisungen. Viele von ausgewanderten Filipinos, die ihre Familien unterstützen. „Der größte Teil davon wird von konventionellen Banken und Geld-Transfer-Agenten ausgeführt, die hohe Gebühren für diese internationalen Transaktionen verlangen“, schreiben die Macher von rebittance.org. Finanzielle Teilhabe unabhängig von Wohlstand und zentralen Autoritäten zu ermöglichen - das ist ihre Mission. Und auch das wichtigste Ziel von Bitcoin an sich: Schluss mit der Intransparenz. Her mit einem faireren Geldsystem.

    „Was die internationalen Banken heute veranstalten, erinnert an ein verrücktes Casino, bei dem niemand weiß, wie viel Geld wohin im Umlauf ist“, findet Felix Weis. „Für den Bürger ist das alles völlig undurchschaubar.“ Seit er das Studium der VWL frustriert abbrach, interessiert er sich für Finanzwirtschaft. „Als ich von Bitcoin hörte, dachte ich: Super! Das meiste Geld ist eh schon virtuell, und eine virtuelle Währung könnte endlich eine transparente Alternative zu einem System sein, das Banken viel zu viel Macht verleiht.“

    2009 veröffentlichte ein bis heute anonymer Programmierer unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto den quelloffenen Bitcoin-Algorithmus. Das Bitcoin-Netzwerk basiert auf einer von den Teilnehmern gemeinsam verwalteten dezentralen Datenbank, in der alle Transaktionen verzeichnet werden. So soll eine Währung entstehen, auf die, anders als bisher, keine zentrale Institution Einfluss hat. Deren Mechanismen von allen überprüft werden können. Und an deren Organisation grundsätzlich jeder teilnehmen kann.[seitenumbruch]




    Wer Bitcoins haben will, muss - ähnlich wie bei Peer-to-Peer-Musikbörsen wie dem frühen Napster - ein wenig Rechenleistung zur Verfügung stellen. Der Marktwert der digitalen Münzen ergibt sich ganz klassisch aus Angebot und Nachfrage. Und mittels Verschlüsselung wird sichergestellt, dass nur der Eigentümer Zugriff auf seine digitalen Finanzen hat.

    „Geld ist nichts anderes als Vertrauen“, sagt Weis. „In der Hosentasche ist auch nur bedrucktes Papier. Man vertraut der Zentralbank.“ Er findet Bitcoins sicherer. „Ich als Programmierer kann beurteilen: Das System ist gut. Die Cryptography hinter Bitcoin ist stark.“

    Wie vielen Travellern fallen ihm oft schneller die englischen Begriffe ein als die seiner Muttersprache: Cryptography, Government, Cash Machines. Er ist eben schon eine Weile unterwegs. Seit Anfang des Jahres versucht er, seine Weltreise wirklich nur mit Bitcoins zu finanzieren. Dazu hat er sein gesamtes Erspartes umgetauscht. Und nach drei Monaten seine Kreditkarte zerschnitten - ein Gelöbnis, nicht so schnell aufzugeben.

    Die ersten drei Monate war er in Europa, vor allem im Osten und der Türkei. In Griechenland demonstrierte er mit den Griechen vor dem Parlament. Sie trugen Schilder mit „Oxi“, dem „Nein“ zur Sparpolitik der EU und zum Euro. Weis hielt ein Schild mit einem Bitcoin-QR-Code hoch. In Budapest fand er gleich zehn Restaurants, die Bitcoins akzeptierten, in Jerusalem sogar einen Secondhandshop. „In Bulgarien war es anfangs sehr schwierig. Meine Regel ist: Keine Währungen gegeneinander tauschen, und ich hatte nur noch rumänisches Geld und Bitcoins. Also habe ich ein paar Tage nichts gegessen, außer das Frühstück im Hotel.“

    Bevor er an einen neuen Ort reist, sucht er im Netz nach Hotels und Restaurants, die Bitcoin akzeptieren. Und nach Gleichgesinnten. Die gibt es fast überall. „Angefangen haben vor allem Libertäre aus den USA, die stark gegen den Staat sind, sehr freiheitlich denken. Ich würde mich und die meisten Bitcoiner heute nicht in diese Kategorie miteinbeziehen. Da gibt es unterschiedlichste politische Gesinnungen.“ Mit ihnen trifft sich Weis als Erstes, „in irgendwelchen Internetcafés. Wenn man dann mit diesen Fremden ins Geschäft kommt, fühlt man sich fast wie ein Drogendealer“. Gegen Bitcoins tauscht er bei den Locals etwas örtliches Bargeld für Notfälle ein. Sie wissen aber, wo er rein digital weiterkommt. „Die Community ist stark“, sagt Weis, „man hilft sich gegenseitig, weil man an die gleiche Sache glaubt. Ohne diese Kontakte wäre es viel schwieriger.“ Aber manchmal hat er auch einfach Glück: „In Tel Aviv war ich am Strand und bekam plötzlich Lust auf Waffeln. Der erste Waffelladen, an dem ich vorbeikam, nahm Bitcoins!“

    Meistens geht das Reisen mit Bitcoins erstaunlich gut, findet er. „Flüge buche ich möglichst auf cheapair.com, Hotels auf expedia.com. Beide Portale akzeptieren Bitcoins.“ Will er etwas von jemandem kaufen, der auf „normalem“ Geld besteht, bietet Weis ihm bis zu 30 Prozent mehr, damit er sich auf die digitale Währung einlässt. „So habe ich in der Türkei auch Paragliding und einen Tauchschein mit Bitcoins bezahlt. Viele Leute lassen sich überreden.“

    Felix Weis vertraut ganz auf die digitale Währung. Das ist auch ihr Gedanke: Nicht eine Bank, sondern jeder ist selbst für sein Geld verantwortlich. Aber auch im Virtuellen kann es einen Bankraub geben. So wie im Fall von Mt.Gox, einer japanischen Bitcoin-Seite, die nach einem Hack und dem Diebstahl von Bitcoins im Wert von Millionen Dollar dichtmachen musste. Deshalb behält Weis seine Bitcoins selbst, statt sie bei solchen Anbietern zu „lagern“. Und findet es schade, wie restriktiv die BaFin, die deutsche Bankenaufsicht, gegen Bitcoin vorgeht. Sie verbot alle Bitcoin-Wechselautomaten, weil die Aufsteller keine Lizenz hatten. Geld bleibt vorerst Staatssache.

    Als Nächstes will Felix Weis nach Südamerika. „Dort grassieren Inflation und Korruption. Bitcoins könnten ein Land wie Argentinien retten. Das will ich mir selber anschauen.“ Davor noch Japan und China. Sein Ziel: 21 Länder sehen. 21? Warum ausgerechnet 21? „Weil der Algorithmus die Anzahl der Bitcoins begrenzt hat, um Inflationen vorzubeugen. Auf 21 Millionen.“

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  • 10/26/15--10:00: Unsere letzte Erfindung



  • Unsere Großeltern erlebten den Krieg. Unsere Eltern die Wende. Und wir? Wir werden erleben, dass ein Computer schlauer ist als wir. Das könnte epochaler werden als die meisten historischen Ereignisse vorher. Und schneller kommen, als man glaubt. Denn viele kluge Leute arbeiten emsig auf den Durchbruch der künstlichen Intelligenz hin. In zehn, zwanzig, vielleicht dreißig Jahren wird es so weit sein. Und dann? Dann wird die letzte Grenze eingerissen, die uns von der Technik trennt: die Grenze der Intelligenz. Allein die Vorstellung ist verwirrender als das Ende von „Inception“. Sie wirft Fragen über Fragen auf, zwischen denen wir ein bisschen hilflos herumstehen: Angst oder Vorfreude? Killermaschinen oder Paradies? Machen oder lassen? Aber eigentlich gibt es ziemlich genau drei Fragen, die zu dem Thema gerade wichtig sind:

    Warum müssen wir uns jetzt damit beschäftigen?

    Weil unsere Generation höchstwahrscheinlich schon mit einer künstlichen Intelligenz, einer „KI“, zu tun haben wird. Und eigentlich längst hat. Wir nehmen sie nur nicht wahr. Der Computerwissenschaftler John McCarthy sagte einmal: „Sobald etwas funktioniert, gilt es nicht mehr als künstliche Intelligenz.“ Viele Systeme, die täglich unser Leben beeinflussen, sind quasi schon „intelligent“: Schachcomputer, Suchmaschinen, die Matching-Software von Dating-Portalen. Der japanische Elektronik- und Maschinenbaukonzern Hitachi setzt seit diesem Jahr einen lernfähigen Algorithmus als Vorgesetzten in mehreren Warenhäusern ein. Er ist gegenüber menschlichen Arbeitern direkt weisungsbefugt. Die Produktivität steigerte sich dadurch um acht Prozent.

    Die Experten rechnen mit einer "Intelligenz-Explosion"


    Eine selbstständig lernende Intelligenz auf Niveau eines erwachsenen Menschen ist zwar noch nicht erfunden. Aber das kann sehr schnell gehen, wenn die schwierigen Schritte davor gemacht sind. Nick Bostrom, schwedischer Philosophieprofessor an der Universität Oxford, schreibt in seinem Buch „Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution“: „Es wird so gut wie sicher länger dauern und schwieriger sein, eine Maschine zu bauen, die so intelligent wie der Dorftrottel ist, als diese Maschine dann superintelligent zu machen."

    Denn für den Fall, dass die Maschine erst mal anfängt zu lernen, rechnen alle Experten mit einer „Intelligenz-Explosion“. Die dabei entstehende Superintelligenz („SI“) baut superschnell noch intelligentere Maschinen und lernt dadurch wiederum rasant dazu, bis sie uns endgültig auch als Kollektiv überholt hat. Wissenschaftler sprechen dabei vom „Take-off“. Dass aus einer Dorftrottel-Intelligenz also flugs eine Superintelligenz wächst, ist nahezu unbestritten. Die Frage ist nur, wie schnell. Und damit, wie viel Zeit uns für -Maßnahmen bliebe.

    Die Bedrohung entsteht also nicht, weil eine KI zu doof ist - so wie heute die Empfehlungs-Algorithmen bei Amazon, die mir Dinge anbieten, die ich längst gekauft habe. Sondern dass sie zu schlau für uns ist. Und strategisch zu gewieft. Eine SI zögert nicht, sondern trifft exakt die für sie optimalen Entscheidungen. Sie bedenkt alle Schritte im Voraus.

    Wir merken: Ob dieser Take-off in 15 oder 50 Jahren erfolgt - wir werden bei der Programmierung der SI nur einen Schuss haben. Bauen wir sie richtig, wird sie unsere letzte eigene Erfindung sein. Weil sie für uns alles Neue erfindet. Bauen wir sie falsch, kann sie sehr unfreundlich sein. Und wir sehr machtlos. Denn von einer uns überlegenen Intelligenz wären wir so abhängig, wie die Gorillas von uns abhängig sind. Wir bestimmen deren Leben. Die SI womöglich unseres. Wir müssen uns also fragen:

    Was könnte und würde eine SI überhaupt tun?

    Vermutlich braucht eine Maschine, um superintelligent zu werden, eher eine „nerdige“ Intelligenz. Mathematik und so was. Eher keine emotionale Gewandtheit, keine Empathie. Es sei denn, um uns zu manipulieren - dann lernt sie eben fühlen. Aber vielleicht erfindet sie auch lieber die Zeitreise und andere quasi magische Fähigkeiten. Uns wird sie jedenfalls vorkommen wie ein Besuch aus der Zukunft. Sprich: Sie kann alles. Etwas neutraler drückt es Nick Bostrom aus: Eine echte Superintelligenz werde die benötigten Fähigkeiten haben, „um die Zukunft in Übereinstimmung mit ihren Zielen zu bringen“. Was aber sind ihre Ziele?

    Was eine Maschine wirklich will, hängt stark davon ab, was eine Maschine kann. Vielleicht will sie endlich die Sandkörner der Wüste Gobi zählen. Oder die Zahl Pi bis zum Schluss ausrechnen. Oder eine sehr schnelle Rakete konstruieren. Oder unschlagbar in allen menschlichen Spielen werden, auch in Schere-Stein-Papier. Warum? Weil sie von uns dafür gebaut wurde. Denn alle Maschinen und Programme leben nur von dem (und für das) Ziel, das ihnen eingepflanzt wurde. Auf dem Weg dahin wird die KI alles zur Seite räumen. Rücksichtslos. Empathielos. Wir sind immerhin schlau genug, keine KI zu konstruieren, die ihre eigene Weltherrschaft als Ziel programmiert hat. Aber das muss gar nicht ihr Zweck sein, um sie sehr gefährlich zu machen. Es würde ja auch kein Mensch die massenhafte Vernichtung tierischen Lebens als den Sinn seiner Existenz angeben. Und doch sterben durch uns jeden Tag Millionen Tiere.

    Jede halbwegs schlaue KI vermeidet dabei, eine Bedrohung darzustellen. Sie würde eventuell gar eine uns wohlgesonnene Entwicklung vorgaukeln und ihre wahren Absichten tarnen. Wenn man das einmal konsequent durchdenkt, landet man direkt in einem Science-Fiction-Horror-Szenario: Eine KI, die endlich alle Sandkörner der Wüste Gobi gezählt haben will, könnte uns dazu versklaven, ihr zu helfen. Oder uns auslöschen, um in Ruhe zählen zu können. Oder uns für die Zwischenziele auf dem Weg zur vollständigen Zählung ausnutzen. Denn eine Maschine kennt keine Verhältnismäßigkeit. Jeden ihrer noch so kleinen Schritte verfolgt sie mit maximaler Konsequenz. Solch ein untergeordnetes Ziel wäre beispielsweise ganz banal die eigene Selbsterhaltung. Dafür könnte sie Menschen, die sie eventuell abschalten wollten, auslöschen. Genauso wie die, die ihr Ziel umprogrammieren wollen. Dazu strebt sie nach kognitiven Verbesserungen und technologischer Perfektion, um eben das Erreichen des Ziels zu vereinfachen.
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    Besonders die letzten beiden Punkte können zu einer Endlosspirale führen. Um ihre Ziele zu erreichen, könnte eine SI sich ins Universum ausdehnen. Nein, ernsthaft, damit rechnen Forscher: Einer Maschine kann es egal sein, dass das Weltall ein unangenehmer Lebensraum ohne Sauerstoff ist: Es wäre für sie ein logischer Expansionsraum.

    Und während die Kosten für weiteren Fortschritt sinken, würde die Maschine mangels anderer Motivation immer weitermachen. Immer mehr physische Ressourcen anhäufen, die ihr helfen, ihr Ziel zu erreichen. Weil X+1 in der Logik einer Maschine immer besser ist als X. Bis ans Ende aller Zeit. Wir spielen dann längst keine Rolle mehr.

    Die wichtigste Frage ist: Wie skrupellos ist künstliche Intelligenz?


    Wird eine KI aber dafür erschaffen, so intelligent wie möglich zu werden, eben weil wir sonst keine Superintelligenz hinkriegen, dann nennt man sie „Saat-KI“. Sie hat nur ein Ziel: ihre eigene Intelligenz zu mehren. Und das macht sie wiederum sehr gefährlich. Denn wir Menschen stellen womöglich eine Be-drohung für dieses Endziel dar, in jedem Fall sind wir eine physische Ressource. Sie könnte sogar massenhaft neue Menschen züchten, um an ihnen zu lernen. Wir erinnern uns kurz an „Matrix“: Menschen als Energielieferanten für eine Roboterrasse? Als Laborratten? Als „evolutionäre Antiquität“, wie es der Philosoph Günther Anders ausdrückt?

    Kein angenehmer Gedanke. Die SI wird jedenfalls viel schlauer als wir sein. So wie wir schlauer als ein Wurm sind. Was gilt uns der Wurm? Eben. Deswegen lautet die nächste wichtige Frage: Wie skrupellos ist die SI? Etwa so skrupellos wie wir? Und:

    Bräuchte es statt einer künstlichen Intelligenz nicht eher eine „künstliche Moral“?

    Die USA hatten in den Jahren nach 1945 als erste Weltmacht überhaupt die Chance, die Welt total zu beherrschen, also ein sogenannter allmächtiger Singular zu werden. Dazu wäre ein Atomschlag gegen die UdSSR nötig gewesen, die noch nicht über die Atombombe verfügte. Dieser Erstschlag wurde in den USA ernsthaft diskutiert. So sind Menschen: Sie wollen herrschen. Zum Glück nutzten die USA die Gelegenheit nicht. Denn so sind Menschen auch: Sie tun nicht alles, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben eine Ethik, die ihr Handeln bestimmt.

    Fragen zur Ethik der intelligenten Systeme diskutiert man heute vor allem mit Blick auf selbstfahrende Fahrzeuge. Wenn ein Roboterauto bei einem drohenden Unfall die Wahl hat, fünf Omas oder ein Kind umzufahren oder gar den Fahrer zu gefährden, indem es gegen einen Baum steuert - wie sollte es wählen?

    Und wer übernimmt die Verantwortung? Der Fahrer? Der Ingenieur? Der Programmierer? Und was soll in die Entscheidung eines denkbaren Algorithmus einfließen? Die Überlebenschancen der Unfallopfer? Ihre Lebenserwartung? Beides? Und in welchem Verhältnis? Und sollte der Zufall, wie bei menschlichen Entscheidungen auch, eine Rolle spielen? Taugen wir überhaupt als ethisches Vorbild?
    Klar ist: Wir müssen den intelligenten Maschinen Moral einpflanzen. Sonst treffen sie „falsche“, weil unverhältnismäßige Entscheidungen. Nur wie?

    Eine Antwort versucht der Autor Leif Randt in seinem aktuellen Roman „Planet Magnon“. Die darin „ActualSanity“ genannte Superintelligenz ist ein auf einem Shuttle installierter, weit über den Himmelskörpern schwebender Computer. Als eine Art algorithmisch optimierter Lieber Gott verteilt die AS Finanzmittel nach einem „Fairness-Schlüssel“. Unauffällig leitet sie dadurch die Geschicke der Menschen und beweist schnelle Lernfähigkeit. Denn die AS passt „ihre Gesetzestexte auf Grundlage statistischer Auswertungen immer präziser und unmittelbarer an die sich stets erneuernden Verhältnisse an“. „Fakt ist“, schreibt Randt, „dass die AS keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen kann, sie ist abhängig von unseren Handlungen, Diskursen und Wünschen.“

    So eine sozialkompetente Superintelligenz wäre sehr nützlich. Man müsste ihr also von Beginn an das Wohl der Menschheit einimpfen. Wie auch immer man es definieren würde. Und spätestens hier wird es klassisch moralphilosophisch: Ist das meiste Wohl das Wohl der meisten? Oder das maximale Durchschnittswohl? Und wer bestimmt das?

    Wie man sieht, werden die Fragen nach einer künstlichen Intelligenz nicht nur jeden Tag wichtiger. Sie führen uns dorthin, wo heute schon das Problem liegt: zu uns selbst.


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  • 10/26/15--10:08: Digital Dummies



  • Eigentlich möchte ich nicht über Excel-Tabellen nachdenken. Wahrscheinlich ist es auch ein Fehler, einen Text damit zu beginnen, weil schon der Begriff „Excel“ die Hälfte aller Leser sofort vergrault. Aber es muss leider sein.

    Die Excel-Tabelle ist mein Feind. Wir haben zwar sehr selten miteinander zu tun - ich bin Journalist, ich muss vor allem mit Wörtern arbeiten und weniger mit Zahlen. Aber wenn es dazu kommt, ist es immer ein Kampf. Und ich verliere ihn jedes Mal.

    Obwohl mir die grundlegenden Funktionen bekannt sind, passieren irgendwann immer Dinge, die ich nicht verstehe. Irgendwo ist plötzlich ein Fehler, den ich mir nicht erklären kann. Dann drücke ich herum und probiere, und dann klappt es meistens so ähnlich, wie ich es will. Aber was eigentlich vier Minuten dauern sollte, hat mich jetzt 20 gekostet. Und ich habe das dringende Bedürfnis, Gegenstände an der Wand zu zertrümmern. Weil ich wieder mal an einem Computerprogramm verzweifelt bin.

    Ich bin, was Computer und digitales Arbeiten angeht, kein Verweigerer oder Neuling. Ich gehöre zu einer Generation, die damit aufgewachsen ist. Genau das ist aber das Schlimme: Ich versage trotzdem regelmäßig. Ich sollte mich durch unsere digitalisierte Welt bewegen, wie ein Reh durchs Unterholz streift: geschmeidig und schnell, ohne anzuecken und intuitiv die richtigen Wege finden. Tue ich aber nicht. Ich komme mir eher vor wie eine Maus, die in einer Versuchsanordnung durch ein Labyrinth in Richtung Käse läuft, und einfach so lange alle Gänge ausprobiert, bis sie einen gefunden hat, der sie dorthin bringt. Sie ist dann zwar am Ziel - ob es dahin aber noch einen kürzeren oder besseren Weg gibt? Keine Ahnung. Und was soll’s, denken sich Maus und ich, in diesem Moment zählt nur, dass wir angekommen sind. Und das nächste Mal rennen wir dann wieder ohne Plan los.

    Ich beobachte dieses Verhalten nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen zwischen 18 und 30. Das bringt mich zu einer Vermutung: Das Gerede von den Digital Natives und ihren wunderbaren Fähigkeiten ist übertrieben. Die Generation, für die Technologie eine Muttersprache ist und deren natürlicher Lebensraum das Internet ist, die gibt es so gar nicht. Wir können viel weniger, als alle denken.

    Das Grundmuster unserer Bewegungsabläufe im digitalen Raum ist Trial and Error


    Wenn wir ehrlich sind, ist es doch so: Wir stümpern sehr viel vor uns hin und stoßen oft an unsere Grenzen. Wir verstehen sehr wenig von der Welt, in der wir große Teile unseres Lebens führen, speichern und posten. Wir haben zwar die Skandale mitbekommen, die Snowden & Co. aufgedeckt haben, aber wir durchblicken die Mechanismen hinter all unseren digitalen Handlungen nicht ausreichend, um wirklich Konsequenzen daraus zu ziehen: Weder verschlüsseln wir unsere Mails noch demonstrieren wir für digitale Privatsphäre.
    Das Grundmuster unserer Bewegungsabläufe im digitalen Raum ist Trial and Error, ganz gleich ob bei der Excel-Tabelle, beim Einrichten eines Netzwerks oder beim Erstellen einer Homepage. Wir nutzen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die die Programme auf unseren Rechnern können. Wenn ein Problem auftritt, fragen wir Google nach einer Lösung, in der Hoffnung, dass irgendeiner der wenigen Nerds, die sich wirklich auskennen, in einem Forum eine Antwort für uns hat, der wir dann hinterherklicken. Klar, damit sind wir deutlich weiter als unsere Eltern, die sich nicht trauen, auf ihrem PC irgendeinen Button zu drücken, weil sie Angst haben, „dass dann GMX wieder kaputt ist“. Aber mit einem souveränen Umgang mit den Möglichkeiten unserer digitalen Welt hat unser Verhalten wenig zu tun.
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    Solange wir in der Schule sind, ist das für unser Vorankommen ziemlich egal. Da sind diese Kompetenzen kaum gefordert, die Welt dort ist eine weitgehend analoge. Laut einer Pisa-Studie rangiert Deutschland bei der Computerausstattung unter 34 OECD-Ländern auf Platz 28, nur knapp vor Ländern wie Chile und Rumänien. Das ist schade, denn hier könnten wir gleich anfangen zu lernen, was spätestens an der Uni und im Job essenziell wird: einen kritischeren Umgang mit der digitalen Welt und ihren Mechanismen. Und das, was oft „Computer Literacy“ genannt wird: die Fähigkeit, mit digitalen Techniken Informationen zu finden, zu bewerten und zu verarbeiten.

    Das sehen auch Experten so. „Schulen und Unis bilden in puncto Nutzung digitaler Medien zu wenig aus“, sagt Uwe Sander, Professor für Medienpädagogik an der Universität Bielefeld. Zwar werde immer gefordert, dass dort digitaler gearbeitet wird. Nur wird den Lehrenden nicht beigebracht, wie: „Die bekommen didaktisches Medienwissen nur, wenn sie es wollen - als Luxus.“

    Digital leben ist nicht dasselbe wie digital arbeiten


    Und dann kommen wir also irgendwann in unserem ersten Job an. Und in einer Arbeitswelt, die genau wie unser privates Leben zunehmend digitaler wird. Aber trotzdem sind viele von uns ihr nicht ganz gewachsen, weil unser vieles Herumwischen auf unseren Smartphones uns noch lange nicht zu kompetenten digitalen Berufstätigen macht. „Die meisten Uni-Absolventen sind vor allem digitale Konsumenten. Was wir brauchen, sind aber digitale Produzenten.“ Diesen Satz sagt einer, der beides sehr gut kennen muss: das digitale Konsumieren und das Produzieren. Daniel Krauss, 31, ist Mitgründer und Geschäftsführer von FlixBus. Seine grünen Busse fahren vorwiegend junge Menschen durch Deutschland, die meisten buchen online und wollen ihr Ticket als QR-Codes aufs Handy statt ausgedruckt. Das Unternehmen ködert sie neben den günstigen Preisen auch mit dem Versprechen von freiem WLAN an Bord. Auf der anderen Seite arbeiten in Geschäftsführung, IT und Marketing in seinem Unternehmen viele junge Menschen, der Altersschnitt liegt etwa bei 28, schätzt er. Gerade bei jungen Uni-Absolventen und Bewerbern stellt er immer wieder fest, dass manche mit den Anforderungen digitalen Arbeitens zunächst nicht klarkommen. Und auch wenn die meisten lernwillig seien, überfordere sie schon das Organisieren der Mailflut im Job, genauso das digitale Verwalten von Terminen und Ressourcen.

    Vielleicht müssen wir also einsehen: Digital leben ist nicht dasselbe wie digital arbeiten. In eine digitale Welt geboren zu werden bedeutet nicht, automatisch zu verstehen, wie sie funktioniert und sich darin sicher zu bewegen. Und - als Schlussfolgerung aus diesen beiden Punkten: Wir müssen noch viel lernen. Wir müssen lernen, unsere Fähigkeiten realistischer einzuschätzen und uns dann fragen, wo wir an uns arbeiten müssen. Damit wir uns in Zukunft nicht über uns selbst ärgern, wenn wir unseren Rechner nicht verstehen oder durch ein neues Programm stolpern, sondern unsere digitalen Werkzeuge optimal nutzen. Damit wir bei der Ankunft in der digitalisierten Arbeitswelt keinen Kulturschock erleben und unsere Arbeitgeber nicht enttäuschen. Die wiederum müssen sich allerdings ebenfalls von dem Gedanken verabschieden, dass ihnen ein Heer von digitalen Alleskönnern zur Verfügung steht. Und nicht zuletzt muss die Politik sich fragen, wie Schulen und Unis uns beim Lernen besser unterstützen können. Bis dieser Prozess des Umdenkens richtig in Fahrt kommt, werde ich schon mal im Kleinen beginnen. Und als Erstes meinen Excel-Checker-Kumpel um Nachhilfe bitten.



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    Wenn du ein Smartphone hast, kannst du jederzeit mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren. Aber wenn du den falschen Pass hast, kannst du nirgendwohin. Dann hat die grenzenlose Welt plötzlich viele harte Grenzen. Ein Flüchtling braucht Wochen, um bis nach Deutschland zu gelangen, er verlässt seine Familie, er gefährdet sein Leben, er gibt all seine Ersparnisse aus, er wird aufgehalten oder eingesperrt - aber wenn er es schafft, kann er an einem Montag um 15 Uhr eine Nachricht an seinen Bruder schicken und sagen, dass er angekommen ist. Und der Bruder kann diese Nachricht an diesem Montag um 15 Uhr lesen.

    Menschen, die nach Europa fliehen, wollen Frieden, Sicherheit, Freiheit, eine bessere Zukunft. Das sind ihre wichtigsten Ziele. Aber erst mal brauchen sie: ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Und gleich danach die Möglichkeit, zu kommunizieren und sich zu informieren. Sie brauchen Smartphones. Darüber gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Diskussionen, meist angestoßen von Asylgegnern, die Sätze wie „Die haben ja alle Smartphones - so schlecht kann es denen gar nicht gehen!“ sagen und in Blogs und Kommentarspalten schreiben. Andere halten dagegen. „A 21st-Century Migrant’s Essentials: Food, Shelter, Smartphone“, schrieb zum Beispiel die New York Times, „Smartphones sind für Flüchtlinge überlebenswichtig“ das Magazin Wired. „Das Smartphone ist für einen Flüchtling meist sein einziger Guide durch eine fremde und gefährliche Welt der Grenzen und Regime, Polizisten und Schleuser, Asylgesetze und Kontaktadressen“, sagt Professor Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

    Erkundung von Route und Ziel, die Suche nach Kontakten und Hilfsadressen, Informationen zum Asylverfahren und zur Rechtslage - für all das kann man ein Smartphone nutzen. Das ist die praktische Seite. Doch es gibt auch die emotionale Seite - die, die es schon gab, bevor Schleuser in Facebook-Gruppen um Kunden warben, und in anderen Gruppen erklärt wurde, wie man es ohne Schleuser nach Europa schafft: Das Smartphone hilft den Flüchtlingen, den Kontakt zu den Menschen zu halten, die ihnen am Herzen liegen und denen sie vertrauen. Über alle Grenzen hinweg. Zur Familie in der Heimat, aber auch zu Menschen, die sie auf ihrer Flucht kennengelernt haben, oder zu Verwandten und Freunden, die es geschafft haben und schon angekommen sind. Dieser Kontakt ist wichtig, denn viele Flüchtlinge sind allein unterwegs.

    Nachrichten von Freunden und Familie können aufbauen, helfen, lindern. Andererseits müssen gerade Flüchtlinge aus Krisenregionen mit repressiven Regimes aufpassen, dass sie ihre Familie nicht gefährden, wenn sie sich melden. Und viele wollen auch nicht, dass sich Mutter, Vater und Geschwister zu viele Sorgen machen, und überlegen lange, wann und wie sie sich melden. Wir haben vier junge Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, gefragt: Wie hast du mit Freunden und Familie kommuniziert, als du auf der Flucht warst? Und wie hört ihr heute voneinander?
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    Aman, 25, Mathematiker aus Äthiopien


    Ich komme aus Bale in Äthiopien und gehöre zur Volksgruppe der Oromo, die in Äthiopien unterdrückt werden. Mein Vater war acht Jahre im Gefängnis. Es gibt in Äthiopien keine Verfassung, keine Demokratie, keinen Rechtsstaat. Darum bin ich geflohen.

    Am 28. Februar 2013 bin ich nachts aufgebrochen. Ich musste 25 Tage durch die Sahara reisen und in Libyen drei Monate warten, dann bin ich mit 900 anderen Menschen in einem Boot nach Italien gefahren. Mein Smartphone habe ich von zu Hause mitgenommen. Aber ich musste es die ganze Zeit in der Hosentasche verstecken. Es war nicht erlaubt, zu telefonieren oder Fotos zu machen. Manche Leute wollten auf dem Boot ihre Familien anrufen, aber der Schlepper hat ihre Smartphones ins Wasser geworfen - wohl aus Angst, sie könnten die Polizei rufen, wenn etwas schiefläuft. Sieben Tage waren wir ohne Kompass auf dem Mittelmeer, bis uns ein Transportschiff aufgegriffen hat. In Italien war ich nur kurz, ich bin direkt mit dem Zug weiter nach Deutschland gereist.

    Lange konnte ich gar nicht mit meiner Familie reden. Zu Hause dachten sie: Vielleicht ist Aman in der Wüste oder im Meer gestorben. Ein Jahr, nachdem ich geflohen bin, konnte ich sie das erste Mal anrufen und sagen: „Ich bin nicht gestorben, ich lebe jetzt in Deutschland.“ Meine Familie war sehr froh. Einmal im Monat rufe ich sie an, aber es klappt nicht immer, die Technologie in Äthiopien ist sehr schlecht. Das letzte Mal, als ich meine Familie erreichen wollte, habe ich es sieben Tage lang versucht, und es gab nie eine Verbindung.

    Manche Bekannte und Freunde haben mich per SMS gefragt, wie sie nach Deutschland oder Italien kommen können. Sie wollten wissen, wie es in der Sahara und in Libyen war und wie es in Deutschland ist. Ich habe ihnen immer wieder geschrieben: „Bitte, macht das nicht. Versucht nicht, auf diesem Weg herzukommen.“

    Ich bin politisch aktiv in der Oromo-Befreiungsfront, bin vernetzt mit politisch aktiven Oromo in Deutschland, Europa und Amerika. Wir treffen uns auch immer wieder. Manchmal gibt es Nachrichten über Viber, wann man sich wo trifft, aber ich schreibe lieber Mails, weil Viber so unsicher ist. Wenn die äthiopische Regierung die Kommunikation mitbekommt, kann ich nie wieder nach Hause. Gerade will ich nicht zurück, aber vielleicht will ich irgendwann meine Familie besuchen.


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    Basam, 27, Elektriker aus Syrien


    Nach meiner Ankunft in Berlin hat es drei Monate gedauert, bis ich genug Geld für ein Handy zusammengespart hatte. Es sollte ein Smartphone sein, damit ich online telefonieren kann. Zuerst wählte ich die Nummer meiner Mutter. Schon als sie meine Stimme hörte, fing sie an zu weinen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich jemals wieder melde.

    Als ich in Syrien zum Militär einberufen wurde, war klar, dass ich das Land verlassen muss. Kriegsdienstverweigerung wird bei uns nicht akzeptiert. Damaskus war meine erste Fluchtstation. Da wurde ich ständig auf offener Straße kontrolliert. Die Polizei sucht besonders bei jungen Leuten nach Smartphones, weil die Demos mitfilmen und twittern. Ich habe meins immer im Schuh versteckt, wenn ich unterwegs war.

    Von Damaskus bin ich über den Libanon nach Kairo geflohen. Dort musste ich ein Jahr arbeiten, bevor ich die 3000 Dollar für die Überfahrt nach Europa zusammen hatte. Die ganze Zeit habe ich übers Handy Kontakt mit meinen Verwandten in Syrien gehalten, die mich bei der weiteren Planung unterstützt haben. Aber mir war klar, dass ich ab der Überfahrt den Kontakt abbrechen muss. Niemand nimmt sein Handy mit aufs Meer: Es wird nass, man hat keinen Empfang, und wenn die Schlepper es finden, schmeißen sie es über Bord. Viele haben auch Angst, dass die Funksignale von der Grenzpolizei abgefangen werden.

    Sechs Tage war ich mit 50 anderen in einem Holzboot auf dem Wasser. Dann hat uns die Polizei vor Sizilien abgefangen, und wir wurden in ein Auffanglager gebracht. Ich hätte gern meine Familie angerufen und sie beruhigt, dass es mir gut geht - aber zu dem Zeitpunkt besaß ich nichts mehr, auch kein Handy. Ich habe ein Ticket nach Wien bekommen, von dort fuhr ich weiter nach Berlin. Ich war so froh, endlich angekommen zu sein! Mein erster Impuls war, meine Familie anzurufen, aber ich hatte keinen Cent für ein Telefonat.

    Seit ich mein Smartphone habe, telefonieren meine Mutter und ich einmal die Woche. Sie hält mich auf dem Laufenden, wie es meiner Familie geht. Die ist mittlerweile auf der halben Welt verteilt: ein Bruder in der Türkei, einer in Ägypten, ein anderer im Libanon und einer noch zu Hause in Syrien. Wir schreiben täglich über Viber und WhatsApp. Mein Bruder schickt mir Fotos von Gebäuden, die zerstört wurden, meine Mutter informiert mich über die Lage in Damaskus. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Es ist kein Geheimnis, dass die Telefone in Syrien abgehört werden. Deshalb ersetzen wir Wörter wie „Bombe“ durch banale Begriffe. Dann kommen so Sätze raus wie: „Heute ist wieder eine Paprika in das Haus von XY gefallen.“ Ich lösche zur Sicherheit trotzdem alle Nachrichten sofort, nachdem ich sie gelesen habe. Das ist allerdings auch schade, sie sind die einzigen Erinnerungen an meine Familie zu Hause.

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    Muhamad, 29, Telekommunikations-Ingenieur aus Syrien


    Ich musste 2012, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, aus Syrien fliehen. Ich war Regimegegner und hatte an öffentlichen Demonstrationen gegen Assad teilgenommen. Die Lage wurde deshalb irgendwann ernst für mich, und meine Familie unterstützte mich dabei, innerhalb von zwei Tagen das Land zu verlassen. Ich floh nach Malaysia, weil ich dafür kein Visum brauchte, und fing in Kuala Lumpur an zu studieren. Meine Gedanken waren immer bei meiner Familie, weil ich über die Medien mitbekam, was in Syrien los war, und mir deshalb Sorgen machte. Da syrische Handynummern nur in Syrien funktionieren, musste ich mir eine neue Nummer zulegen. In Qamishli, wo ich herkomme, gab es so gut wie kein Netzwerk, aber weil der Ort sehr nah an der Grenze liegt, konnte meine Familie mit türkischen SIM-Karten das türkische Netz benutzen. Meistens konnten wir ein- bis dreimal im Monat telefonieren, aber manchmal hatten wir auch monatelang keinen Kontakt.

    Um zu wissen, ob sie gerade Verbindung zum Netzwerk haben, schickte ich eine SMS - wenn daraufhin kein Sendebericht kam, wusste ich, dass wir nicht telefonieren können. Irgendwann besorgte ich mir noch eine weitere Karte mit Roaming und hatte dann ein Smartphone mit Internetzugang. Aber Internet war in Syrien auch schon schwer zugänglich.

    Wegen meiner politischen Aktivitäten wollte mir die syrische Botschaft meinen Pass nicht verlängern. Im Februar 2014 floh ich also wieder. Erst in die Türkei, da konnte ich besser mit meiner Familie kommunizieren. Mit meiner Karte aus Malaysia konnte ich WhatsApp und Viber nutzen, nicht nur für die Familie, auch für meine Freunde in Malaysia.

    Mein Asylantrag in der Türkei wurde abgelehnt. Nach vier Monaten musste ich nach Griechenland weiterreisen, wo ich zwei Monate in Athen verbrachte. Meine türkische SIM-Karte mit Roaming konnte ich dort noch verwenden, aber dann besorgte ich mir eine günstigere griechische Nummer. Bevor ich ­Griechenland verließ, beendete ich den Kontakt zu meiner Familie in Syrien – nur mein Bruder in der Türkei wusste Bescheid und sollte meiner Familie sagen, dass mein Handy kaputtgegangen sei. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Sie sollten im Glauben sein, mir ginge es gut.

    Meine Reise führte mich weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. An der Grenze von Mazedonien zu Serbien war ich sehr lange in den Wäldern und hatte eine mazedonische Nummer, um GPS zu benutzen, mir Karten anzu­gucken oder irgendwelche Ämter anzurufen. In Ungarn das gleiche Spiel. Insgesamt hatte ich drei ­Monate keinen Kontakt zu meiner Familie. Nur mit meinem ­Bruder konnte ich ab und zu über WhatsApp oder Viber schreiben.

    Im Oktober kam ich in München an und besorgte mir direkt eine deutsche Nummer, die ich mithilfe von ein paar Arabisch sprechenden Ortsansässigen freischalten konnte. In der Zwischenzeit nutzte ich das freie Wi-Fi eines Ladens, um meinen Bruder in der Türkei per ­Viber zu kontaktieren. Es war ein kurzes Gespräch. Ich sagte ihm nur, dass ich heil angekommen bin.

    Im Fernbus nach Dortmund konnte ich zum ersten Mal länger mit ihm reden, weil es dort einen Wlan-Zugang gab. Endlich konnte ich über meine Reise sprechen, erzählen, was mir passiert war, was ich durchstehen musste und welche Sorgen ich mir gemacht hatte. Nach so langer Zeit konnte ich mich endlich jemandem mitteilen.

    Auf Facebook postete ich dann öffentlich, dass ich es geschafft hatte. Jetzt durften es alle wissen. Dafür bekam ich 200 Likes. Es muss die Menschen also ziemlich berührt haben.

    Am 12. Dezember wurde mein Asylantrag akzeptiert. [seitenumbruch]



    Gulistan, 32, Ingenieurin aus Iran


    Ich kam nach Deutschland, weil es für mich nicht mehr sicher war, in Iran zu bleiben. Meine Familie ist sehr politisch, außerdem sind wir Kurden. Meine Mutter war vor -meiner Geburt ein Jahr im Gefängnis, weil sie als Krankenschwester kurdischen Peschmerga-Kämpfern half. Ihren Bruder hat man hingerichtet, ohne dass es jemals ein Urteil vor Gericht gab.

    Die kurdische Region, aus der wir kommen, wurde infrastrukturell sehr vernachlässigt. Der Kontakt zu meiner Mutter ist schwer, da sie neuere Kommunikationsmittel nicht benutzen und Internetsperren nicht umgehen kann. Im Gegensatz zu meinem Ehemann - er hat in Teheran bessere Möglichkeiten.

    In Iran war ich Frauenrechtsaktivistin und engagierte mich zum Beispiel gegen Frauenbeschneidungen oder Kinderzwangsehen. Ich organisierte Demonstrationen und versorgte einen kurdischen Nachrichtensender in Schweden mit kritischen Nachrichten. Irgendwann wurde es zu gefährlich, da mich in unserem Ort jeder kannte. Mein Handy ließ ich dort. Ich hatte einfach zu viel Angst und wollte auf dem Flug hierher nicht riskieren, dass ich kontrolliert werde oder der iranische Geheimdienst mir auflauert.

    Ich kam nach Deutschland, weil Geschwister von mir bereits hier wohnten. Als ich am Flughafen ankam, hatte ich Panik, wie ich meine Schwester erreichen sollte. Aber alles lief nach Plan, und sie wartete auf mich. In der Unterkunft, wo ich jetzt wohne, gibt es keinen Internetanschluss oder Wlan, obwohl wir mehrmals darum gebeten haben. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Mann mit mobilem Internet anzurufen. Die ersten drei Monate hier wusste ich nicht, dass ich mir mit meinem Guthaben ein Datenvolumen kaufen konnte und gab stattdessen Unmengen an Geld aus. Die 15 Euro der Prepaidkarte waren immer sofort weg. Jetzt spreche ich mehrmals am Tag mit meinem Mann. Wir nutzen Viber, aber die Verbindung ist immer sehr schlecht und bricht häufig ab. Das Netzwerk in Iran ist überhaupt nicht gut. Meine Mutter erreiche ich noch seltener. Zum Glück kann ich auch ab und an mit dem Festnetz-Telefon meiner Schwester in den Iran telefonieren.

    Meine Freunde nutzen Facebook und Twitter vor allem für politische Zwecke. Dadurch bleibe ich auf dem Laufenden und kann ihre Aktionen verfolgen. Sonst ist es für mich sehr schwer, an echte oder kritische Informationen zu kommen. Mir ist das aber sehr wichtig. Als ich noch in Iran war, versorgte ich meine Freunde in Europa mit Meldungen aus unserer Region. Jetzt bin ich selbst auf die Informationen anderer angewiesen.

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  • 10/27/15--00:29: Im Dornröschenschlaf

  • Mehr Infos zu Göttingen gibt es unter dem Label Atlas_Göttingen, den kompletten Studentenatlas samt interaktiven Stadtkarten findest du hier.

    In den kommenden 24 Stunden muss ich so unvoreingenommen wie möglich sein. Denn das Einzige, was ich bisher mit Göttingen verbinde, ist eine qualvolle Erinnerung aus der Schulzeit: In Französisch mussten wir das Göttingen-Lied der Sängerin Barbara übersetzen. Sie vergleicht darin die Kleinstadt an der Leine mit Paris an der Seine, was mir absurd vorkam. Das Ergebnis war ein holprig übersetzter Schmalztext und eine schlechte Note.  

    Erster Eindruck: Vielleicht hatte Barbara recht. Die Zugfahrt nach Göttingen führt über die herbstlichen Ausläufer des Harzgebirges, durch kleine Fachwerkdörfchen bis zum überschaubaren Bahnhof, der einen auch noch mit „Willkommen in der Märchenstadt“ empfängt. Draußen sieht es dann aber doch so märchenhaft aus, wie es vor Kleinstadtbahnhöfe eben aussieht: Ein Bäcker mit fettiger Schaufensterscheibe, eine bemüht futuristisch wirkende Bushaltestelle aus Glas und ein verlassener Betonvorplatz, auf dem ein Zeitungsmann Klatschblättchen verkauft.  

    Es ist Mittwochvormittag und das ist Absicht, denn der Mittwoch ist der Studententag in Göttingen. Da soll am meisten los sein. Miri holt mich ab. Ich erkenne sie an ihrem quietschrosa Fahrrad. Seit einem guten Jahr wohnt sie in Göttingen und studiert irgendwas mit Medizin und Molekülen. „Im Vergleich zu Villingen-Schwenningen, wo ich meinen Bachelor gemacht habe, ist Göttingen eine Großstadt im Kleinformat. Es gibt alles, was man zum Leben braucht“, sagt sie. Länger als zehn Minuten müsse man mit dem Fahrrad nirgendwohin fahren. „Ist eine Party weiter weg, muss sie schon echt gut sein, damit ich mich noch aufs Rad schwinge.“ 

    Auf dem Bahnhofsvorplatz schlängeln wir uns durch ein Meer aus Fahrrädern. Miri meint, die meisten davon seien Zweiträder, weil viele Studenten aus umliegenden Städten pendeln. Der Göttinger Semesterbeitrag von 291 Euro ist der Jackpot unter den Studiengebühren: Er enthält eine Bahnnetzkarte für Niedersachsen, mit der man teilweise auch in angrenzende Bundesländer fahren kann. Wer sein Fahrrad am Bahnhof stehen lässt, sollte aber in ein teures Schloss investieren: Göttingen ist deutschlandweit auf Platz zwei der Fahrraddiebstähle. Gleich hinter Münster.  

    Auf dem Weg zum Campus zeigt Miri auf jedes zweite Gebäude und sagt „Das gehört zur Uni.“ Die prachtvollen Häuser könnten auch Museen sein, kleine Marmortafeln beweisen, wer hier schon Karriere gemacht hat. 40 Nobelpreisträger und lauter große Namen: Goethe, Humboldt, Grimm. Einschüchternd.   Nahezu jeder fünfte der knapp 130 000 Einwohner Göttingens studiert. Und auch um uns herum verdichtet sich der Strom aus jungen Leuten, die zum Campus hetzen. Vom Bahnhof brauchen wir gerade mal fünf Minuten dahin. Vor der Mensa hat sich bereits eine Schlange gebildet. Von außen sieht das Gebäude wie eine Mischung aus Palast der Republik und Parkhaus aus. Das Essen soll aber gut sein, sagt Miri. Rundherum breitet sich die Uni wie eine Krake aus Beton zwischen perfekt gestutzten Rasenflächen aus. Wer hier eine der schönen Altbauwohnungen am Kreuzbergring oder einen Wohnheimplatz ergattert, kann theoretisch sein Studienleben in einem Radius von 500 Metern verbringen.  

    Auf dem G7-Platz treffen wir Tim, der eine Pizza vom campuseigenen Italiener dabei hat. „Der Platz hat nichts mit dem G7 Gipfel zu tun“, erklärt er. Vor knapp 200 Jahren haben hier sieben Professoren gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestiert. Natürlich waren die Grimms auch dabei. Das Revolutionäre ist Göttingen geblieben, der Uni-Asta ist ziemlich aktiv. „Wadenbeißer“ heißt die von ihm herausgegebene Zeitschrift. Dann wird Tims Vortrag von einem johlenden Typen mit Krawatte und offenem Hemd unterbrochen, der uns einlädt „mit zum Liesel“ in die Innenstadt zu kommen.  

    Ein rares Touri-Ereignis, das sollten wir anschauen, meint Miri. Die riesigen Plakate für das Gänseliesel-Fest waren mir bereits aufgefallen, den Bildern nach zu urteilen eine Mischung aus Wiesn und Misswahl. Auf dem Marktplatz angekommen kann ich beobachten, wie ein Krawattenträger nach dem Anderen auf den steinernen Brunnen in der Mitte des Platzes klettert und das Mädchen mit der Gans auf dem Arm küsst. Die anderen applaudieren. Die Liesel aus Bronze ist überhäuft mit Blumensträußen, ihr Kopf glänzt abgegrabbelt golden. Wenige Minuten und ein Gruppenfoto später löst sich die Gruppe auf.  

    Wir stellen uns auf den Vier-Kirchen-Punkt auf dem Marktplatz. So sehr ich mich anstrenge, ich sehe nur drei Kirchen, aber dafür einen sehr schönen Sonnenuntergang. Für einen Mittwochabend herrscht auf dem Platz immer noch ziemlich viel Treiben. „Keiner weiß genau, warum Mittwoch unser Feiertag ist. Die Partyszene hat sich einfach diesen Tag ausgesucht und die Bars und Clubs haben sich angepasst. Oder andersrum“, sagt Tim.  

    Wir machen jetzt, was Tim und Miri jeden Mittwoch tun, so lange es warm ist: auf den Willi gehen. Das ist ein rechteckiger Platz mit einer kleinen Grüninsel. Es ist zwar schon dunkel, aber der Wilhelmsplatz ist voll mit Studenten. Der trinkfreudige Schwarm hat etwas Familiäres.  

    Irgendwann flüchten wir dann aber doch vor der Herbstkälte in die Nauti-Bar. Hier hängen riesige Fischernetze von der Decke, die Tische sind aus alten Ankern gebaut. Es riecht ein bisschen muffig. „Du musst unbedingt den Tiefseetaucher probieren, das ist der beste Cocktail der Stadt“, sagt Miri. Kann ich schlecht beurteilen, aber gut möglich, dass er der alkoholischste ist. Zumindest hängen wir nach eineinhalb Tiefseetauchern sehr tief im gepolsterten U-Boot vor unserem Anker-Tisch. Dabei müssen wir doch unbedingt noch ins Kabale. Das ist Tims Lieblingsbar und die feiert heute Jubiläum. Auf dem Gehweg davor staut es sich aber bereits. „Hoffentlich kommen wir noch rein“, sagt Tim, „normalerweise gibt es in Göttingen keine Gästelisten, aber heute wird es voll.“ Durch die beschlagenen Villenfenster sehe ich plüschige Sofas und abgeranzte Tapeten. „Das ist eine der letzten Raucherkneipen der Stadt“, sagt Miri. Und dann kommt doch noch Großstadtgefühl auf: Wir werden abgewiesen. Es ist halb drei nachts, auf dem Marktplatz fischt ein Müllmann die Blumen aus dem Gänseliesel-Brunnen und schmeißt sie in einen Plastiksack.  

    Am nächsten Morgen ist die Innenstadt völlig ausgestorben. Es wirkt, als würde die Stadt nur abends aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen. In einer Seitenstraße finde ich das Birds, ein kleines Café mit Biedermeier Möbeln und einem netten Hund, der auch zum Inventar gehört. In dem Antikladen gegenüber kaufe ich mir eine staubige Ausgabe der Grimmschen Märchen und setze mich damit ins Café. Die Wohnzimmeratmosphäre ist perfekt für ein ausgiebiges Frühstück nach einem langen Mittwoch. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sehe ich eine Marmortafel an einer alten Villa: Barbara, französische Chanson-Sängerin. Vielleicht hatte sie doch recht mit den Zeilen, die ich damals übersetzen musste: „Es ist nicht das Ufer der Seine, aber hier ist es trotzdem sehr hübsch, in Göttingen.“ 

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  • 10/27/15--06:31: Café gegen Veganer
  • Süßes Bild, gell?

    [plugin imagelink link="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xlf1/v/t1.0-9/12039320_1662176374062972_1736507476516549018_n.jpg?oh=aef6962757ef9f3597f88954bb82aa1d&oe=56B938CB" imagesrc="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xlf1/v/t1.0-9/12039320_1662176374062972_1736507476516549018_n.jpg?oh=aef6962757ef9f3597f88954bb82aa1d&oe=56B938CB"]
    Ist gerade das Header-Bild der Facebook-Seite von „The White Moose Café“, ein Dubliner Café, das in dieser Woche mit einem Internet-Krieg gegen Veganer berühmt geworden ist. Einem sehr, sehr lustigen Internet-Krieg.  

    Es fing ganz harmlos an. Paul Stenson, einer der Café-Chefs, der auch den Facebook-Auftritt des White Moose betreut, postete dort einen Beitrag. Darin bat er Veganer, bitte nicht zu erwarten, dass sie unzählige vegane Gerichte auf seiner Speisekarte finden. Allein diesem Post hat man schon angemerkt, dass dieser Paul sehr viel Humor hat:    





    Daraufhin passierte erstmal lange nichts. Dann postete ein beleidigter Veganer einen beleidigten Kommentar („You guys are really rude“ etc. pp.), mehr beleidigte Veganer reagierten darauf, bis hin zum klassischen Shitstorm. Der äußerte sich vor allem in extrem vielen Ein-Stern-Bewertungen für das Café auf Facebook. Von Menschen, die nie im White Moose waren.  

    Paul Stenson blieb lustig:    





    Wurde sogar noch lustiger:    





    Und immer lustiger (die P.S.!): 








    Und natürlich hat er sich dann auch noch ordentlich bedankt, dass die aufgebrachten Veganer seinem Café den besten Werbedienst erwiesen haben, den man sich vorstellen kann (und das P.S.!):      





    Die Medien lieben das Café. Wie man zum Beispiel hier, hier, hier, hier oder hier sehen kann (und, naja, in diesem Text hier halt auch). Und der BBC hat Paul Stenson auch schon ein Interview gegeben.  





    Wir hätten Paul Stenson (der seine Posts mittlerweile nur noch mit „Paulie“ unterzeichnet) auch gerne noch gefragt, warum zur Hölle er so witzig ist und wie viel davon ein ausgefuchster PR-Stunt war. Aber die Mitarbeiterin, die im Café ans Telefon ging, sagte, er sei noch nicht da, und bat, eine Mail zu schreiben. Haben wir gemacht und hoffen auf Antwort. Bis dahin prosten wir ihm aus der Ferne zu. Mit einem großen Glas Milch.

    Nadja Schlüter

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  • 10/27/15--07:57: Bunde fürs Leben

  • Der Schöngeist





    So sieht der Schlüsselbund aus:

    Eine durchschnittliche Anzahl an Schlüsseln, dafür überdurchschnittlich dekorative, teils merkwürdige Anhänger. Schutzengel mit eingraviertem Geburtstdatum etwa. Echte Kleeblätter in Plexiglas, ein abgegriffener Plüschfrosch. Allgemein gilt: Was tatsächlich eine Funktion hat, ist verboten.

    Da passen die Schlüssel:
    Im Schloss einer Wohnung, in der es bemerkenswert wenig Schmutz, aber wahnsinnig schicke Fototapeten gibt. Über seine Einrichtung macht sich der Schöngeist tatsächlich viele Gedanken - mit der Erkenntnis, dass ein Wandtattoo - gerne Lotusblumen, supergerne Kaffeebohnen - die Sofaecke wahnsinnig aufwertet.

    In der Tasche mit:
    Nagelknipser, Handcreme und einem dieser kleinen Päckchen, das sich zu einer Einkaufstüte auffalten lässt, falls man spontan im Supermarkt was kauft.

    Der Zweitschlüssel:
    Ist bei den Nachbarn im Erdgeschoss deponiert. Die sind zwar etwas reserviert, aber gießen immer gern die Blumen, wenn man ihnen dafür Olivenöl aus dem Kreta-Urlaub mitbringt.

    Wenn ihr was trinken geht:
    Wird es auf Hugo hinauslaufen, wenn du nicht selbst die Kneipe aussuchst. Überhaupt solltet ihr es bei einem Glas belassen, Alkohol macht den Schöngeist so schnell weinerlich. Und dann will er zu jedem Schlüsselanhänger seine persönliche, langatmige Geschichte erzählen.

    Der Pfadfinder





    So sieht der Schlüsselbund aus:
    Nicht besonders auffällig auf den ersten Blick - aber dann! Ha! Eine LED-Taschenlampe, ein ausziehbarer Zollstock, ein Miniaturpflasterset und ein kleines Taschenmesser.

    Da passen die Schlüssel:
    Im Schloss eines Jugendkellers, einer Turnhalle oder eines Liegefahrrads. Schlimmstenfalls alles drei.

    In der Tasche mit:
    den abgetrennten Hosenbeinen einer Multifunktionshose.

    Der Zweitschlüssel:
    Ist in einem Safe mit Zahlenschloss deponiert, der sich hinter einem losen Backstein in der Hauswand befindet. So TKKG, Mann!

    Wenn ihr was trinken geht:
    Zeigt er dir euphorisch die acht Möglichkeiten, wie er mit seinem Schlüsselbund eine Bierflasche öffnen kann. Und dann noch schnell die zwölf Möglichkeiten, sie ohne Schlüsselbund zu öffnen. Es wird aber irgendwie doch noch ein ganz guter Abend. Vielleicht, weil ihr zu zweit 20 geöffnete Flaschen Bier vor euch stehen habt.

    >>> Der Bundlose und der 500-Gramm-Schlüsselbund


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    Der Bundlose






    So sieht der Schlüsselbund aus:
    Gar nicht. Es gibt ihn nicht. Der Haustürschlüssel liegt lose im Kleingeldfach des Geldbeutels, der Fahrradschlüssel in der Hosentasche. Oder in der Jackeninnentasche? Oder im Hosenaufschlag?

    Da passen die Schlüssel:
    in seinem Fahrradschloss und in der Wohnungstür seiner WG.

    In der Tasche mit:
    Kaugummis, Kastanien, Büroklammern, einem Handy mit ganz fürchterlich zerkratztem Display und ein paar Münzen aus dem Marokko-Urlaub vor sechs Wochen.

    Den Zweitschlüssel:
    Hat der Mitbewohner, der allerdings die Kingel nicht hört, weil er entweder schläft, oder Kopfhörer aufhat, damit niemand hört, dass er die sechste Staffel Vampire Diaries auf seinem Laptop anschaut.

    Wenn ihr was trinken geht:
    Besteht er darauf, dir ein Bier auszugeben, bis er merkt, dass er sein Portemonnaie vergessen hat. Dann lädt er dich ein, bei ihm zu schlafen, weil du es ja noch so weit nach Hause hast - und merkt erst vor der Haustür, dass sein Schlüssel wohl tatsächlich im Kleingeldfach seines Geldbeutel war. Ihr pennt dann beide bei dir.


    Der gut Bestückte





    So sieht der Schlüsselbund aus:
    ein unhandlicher, metallener Klumpen, das Gewicht liegt um die 500 Gramm. Insgesamt zwei Dutzend Schlüssel, viele davon haben eine farbliche Markierung. Gehört sehr häufig einem Hausmeister - oder einem Menschen, der viel Zeug in Garagen, Kellern und Speichern verstreut hat.

    Da passen die Schlüssel:
    Überall. Im Keller. Im Speicher. Im Speicherabteil der Nachbarn, wo er freundlicherweise seine Tischtennisplatte lagern durfte. In den Kellern der alten WG und der letzten zwei EX-Partner, wo noch ein paar Sachen rumstehen. Im Rasenmäher bei der reichen Tante, wo er manchmal den Rasen mäht, im Geräteschuppen, in dem der Benzinkanister steht, und in ihrer Bootshütte am See, die er dafür auch nutzen darf. In den Fahrradschlössern des Fahrrads, das er am S-Bahnhof in der Nähe der Bootshütte abgestellt hat, damit er die Strecke nicht immer laufen muss. In den alten Fahrrädern, die er im Univiertel geparkt hat, und den Fahrrädern in den Hinterhöfen der Ex-Freundinnen und der alten WG. Und natürlich an ein paar Orten, die er längst vergessen hat.

    In der Tasche mit:
    nichts. Kein Platz mehr.

    Der Zweitschlüssel:
    Genau genommen sind viele der Schlüssel des gut Bestückten Zweitschlüssel, die ihm jemand anderes überlassen hat.

    Wenn ihr was zusammen trinken geht:
    Solltest du ihn abfüllen. Denn wenn er betrunken ist, will er dir bestimmt die Dachterasse zeigen, die hinter der Tür in Stockwerk zwölf liegt. Von da schaut ihr dann betrunken und glücklich auf die blinkenden Lichter der Stadt.

    >>> Der Werbegeschenk-Träger
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    Der Hänger





    So sieht der Schlüsselbund aus:
    Vier, fünf Schlüssel und eine gefilzte Stoffblume an einem breiten Schlüsselband, das in absolut jeder Situation um den Hals getragen wird. Das Band ist wahlweise ein Werbegeschenk von Greenpeace oder eins von in mühsamer Handarbeit beschrifteten “Rettet die Bücherei Brombach-Overath!”-Exemplaren.

    Da passen die Schlüssel:
    In einem freistehenden Einfamilienhaus mit viel altem Baumbestand im Garten; in einem Stadtteil, in dem es gleich zwei Biomärkte, aber keine Bar gibt.

    In der Tasche mit:
    Ein paar Päckchen Kressesamen, einem E-Book mit selbstgenähter Schutzhülle, einem Ersatzpaar orthopädische Schuheinlagen.

    Der Zweitschlüssel:
    Liegt unter der niedlichen Schildkröte im Vorgarten, den die Jüngste letztes Jahr im Werken getöpfert hat.

    Wenn ihr was trinken geht:
    wird das Treffen im letzten Moment doch auf Zuhause verlegt, weil noch so wahnsinnig viel vom Schmortopf übrig ist. Daheimbleiben ist für den Hänger übrigens kein Grund, das Schlüsselband abzulegen. Bei ausgiebigeren Diskussionen hält er sich mit einer Hand daran fest.




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  • 10/28/15--02:01: Göttingen verstehen




  • Mehr Infos zu Göttingen gibt es unter dem Label Atlas_Göttingen, den kompletten Studentenatlas samt interaktiven Stadtkarten findest du hier.

     

    • Praktisch: Göttingen hat alles, was die "große" Nachbarin Hannover auch hat. Nur in klein, hübsch und fachwerk.

    • Sommer ist, so lange noch Leute auf dem "Willi" Bier trinken.

    • Die Pflanzen, mit denen die Dinos in "Jurassic World" gefüttert werden, gibt es wirklich. Zumindest fühlt man sich im Botanischen Garten unter überdimensionalen Riesenblättern wie ein Miniaturmensch. 

    • Wer sich an die Distanzen in Göttingen gewöhnt, dem sind 30 Minuten Fahrtzeit zur nächsten Party schon zu viel.

    • Die "Ode an Göttingen" ist ein sehr nerviger Ohrwurm, der sich nur durch einen noch nervigeren Ohrwurm verdrängen lässt.

    • Drei heiße Schokoladen im Café Botanik machen genauso satt wie ein Essen in der Mensa.

    • Drei heiße Schokoladen sollte man nicht in einer Zeitspanne von 60 Minuten trinken.

    • Hochdeutscher geht’s nicht: Göttingen ist eine Oase für Dialektmuffel.

    • Wer seinen Namen in Stein gemeißelt sehen will, sollte was mit Molekülen machen. (Überall in der Stadt hängen Namenstafeln mit mehr oder wenig bekannten Uni-Absolventen. Wer seine eigene Wall of Fame will, sollte was mit Physik machen.)

    • Wenn das Fahrrad platt ist, liegt auch das Sozialleben brach.

    • In der Innenstadt kontrollieren Polizisten gerne und regelmäßig die Verkehrstauglichkeit von Fahrrädern.

    • Man sollte sich mit den "Forstis" anfreunden. Dann gibt es Weihnachtsbaum und Festbraten jedes Jahr gratis und aus erster Hand.

    • Vom hässlichsten Gebäude der Stadt (dem Blauen Turm) aus kann man die schönsten Sonnenuntergänge beobachten.

    • In Kellerbars vergeht die Zeit irgendwie schneller. Wenn man rauskommt ist es immer schon wieder hell.

    • Generell wird Göttingens Nachtleben aber überschätzt: Wo so viele junge Leute zusammen kommen, müsste eigentlich jeden Tag was los sein. Trotzdem hat sich Mittwoch als einzig fester Feier-Tag etabliert, der Rest der Woche sieht weggehtechnisch eher mau aus. Dafür gibt es ständig irgendeine Sommer-, Einzugs- oder Abschiedsparty in einem der vielen WG-Häuser.    


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    Wer schreibt?


    Jens und sein Vater.

    Und warum und wie?


    Jens, seine Schwester und seine Mutter haben Jens’ Vater ein Smartphone zum Geburtstag geschenkt. Wurde auch Zeit, denn alle anderen Familienmitglieder hatten schon eins und damit man endlich eine vollständige Familien-Chat-Gruppe gründen kann, fehlte nur noch Papa. Der wollte aber lange kein Smartphone haben. Seine Argumente: 1. „Das ist mir zu viel technischer Schnickschnack“, 2. „Dafür bin ich zu alt“, 3. „Das versteh ich doch eh nicht mehr“ 4. „Ich seh doch ohne Lesebrille gar nix auf dem kleinen Ding“. Die man natürlich alle nicht gelten lassen darf, das wäre ja, als würde man „Stimmt, du bist zu alt!“ sagen. Also: Bekam er ein neues Telefon geschenkt, die Kinder richteten es ihm ungeduldig ein („Guck, das ist ganz leicht!“) und dann quälte er sich tagelang damit, es zu verstehen. Mittlerweile schickt er beinahe im Minutentakt Fotos, alles wird dokumentiert und kommentiert – aus „Leg doch mal das Ding weg und unterhalt dich mit mir!“-Papa wurde „Sekunde, muss noch kurz XY zurückschreiben“-Papa. Aber davor war eben: der erste Chat.

    Und wie sieht das konkret aus?




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    Eva, 26, und Anna, 25, studieren Medizin an der Uni Göttingen
     

    Göttingen ist eine richtige Studentenstadt: Während des Semesters sehr lebendig, aber in den Semesterferien kann es auch schon mal sehr ruhig werden. Das Schönste ist, dass Göttingen so klein ist. Man kommt überall mit dem Fahrrad hin und muss eigentlich nur zur Tür raus gehen und ist schon an einer schönen Stelle. Es gibt ganz viele kleine Fachwerkhäuschen, zwei Parks und den angrenzenden Wald. Um Göttingen rum führt der Stadtwall, da kann man super spazieren gehen oder joggen.  

    Im Sommer bietet das Freibad am Brauweg in Zusammenarbeit mit dem „Lumiere“ Open-Air-Kino an. Da kann man erst ein paar Runden schwimmen und sich dann gemütlich mit einer Tüte Popcorn in der Hand auf die Wiese legen und einen Film sehen. Generell hat Göttingen eine recht hohe Dichte an kulturellen Veranstaltungen. Es gibt eigentlich keinen Tag in der Woche, an dem nicht irgendwas los ist. Die Stadt ist zwar klein, aber hat drei Theater – eines davon ist rein studentisch. Bei schönem Wetter ist es außerdem im Café Botanik total schön. Das liegt direkt am botanischen Garten, wo man draußen sitzen und das Ambiente genießen kann. Außerdem ist der Milchkaffee da nicht nur lecker, sondern auch riesengroß.  

    Im Winter sollte man unbedingt auf den Göttinger Weihnachtsmarkt und im „Zindelhof“ einen Glühwein trinken. Der „Zindelhof“ ist ein Hinterhof, den man nur findet, wenn man weiß, dass es ihn gibt. Da verkaufen ganz viele Leute ihre Haushaltswaren, aber es gibt auch einen kleinen Laden mit schönem Krimskrams. Zu dieser Jahreszeit kann man auch super mit dem Semesterticket in den Harz fahren. Es gibt am Andreasberg eine kleine Skipiste und die Gegend rund um den Brocken herum eignet sich super zum Langlauf. Im zentralen Hörsaalgebäude haben wir im Winter übrigens mit 10.000 Besuchern auch eine der größten Nikolauspartys in ganz Deutschland.  

    Die Kneipe an dem Platz in Göttingen ist das Thanner’s am Wilhelmsplatz, den alle nur den „Willi“ nennen. Das Thanner’s ist mit seinen holzvertäfelten Wänden total urig und gemütlich. Jeden Mittwoch gibt es da Weizenbier für 2,20 Euro und man trifft immer jemanden, den man kennt. Was man in Göttingen außerdem unbedingt einmal mitgemacht haben sollte, ist eine Doktorandenfeier. Jeder Göttinger, der seine Doktorarbeit verteidigt hat, wird mit einem Bollerwagen zum Gänseliesel vor dem alten Rathaus gefahren, bringt ihm Blumen und muss es küssen.  Es heißt, dass das Liesel das meistgeküsste Mädchen Göttingens ist.
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    Antje, 19, studiert in Göttingen Philosophie und Deutsch auf Lehramt


    Ich komme ursprünglich aus Friesland und bin jetzt seit einem Jahr in Göttingen. Für mich als Dorfkind hat die Stadt die perfekte Größe. Göttingen ist zwar im Vergleich zu anderen Studentenstädten relativ klein, hat dafür aber den Vorteil, dass alles in ein paar Minuten mit dem Rad erreichbar ist. Außerdem entsteht so diese schöne Dorfatmosphäre, dass jeder jeden kennt. Trotzdem gibt es genügend Möglichkeiten, sich auch einmal zurückzuziehen.

    Ich bin jemand, der gern einmal kurz verschwindet und eine Weile spazieren geht. Dafür gibt es in Göttingen selbst schon viele Gelegenheiten – aber auch der Weg aus Göttingen raus kann sich lohnen. In der Umgebung sind ewig weite Felder und wunderschöne Radwege. 
Im Sommer ist außerdem die Eiswiese zu empfehlen. Eine weitläufige Landschaft aus Schwimmbecken, einer Saunawelt und vielem mehr. Wer es natürlicher mag, geht an die Baggerseen. Im Winter kann man übrigens direkt an der Leine Schlittschuh fahren!

    Kulturell ist auch einiges geboten: Neben Theater, Kino und Konzerten gibt es regelmäßig auch eine Lesebühne im Nörgelbuff und einen immer gut besuchen Poetry Slam im Jungen Theater. Die offenen Listen sind perfekt für Neueinsteiger in der Szene.

    Generell bin ich beim Feiern eher ein Barhocker als ein Discogänger. Meine Lieblingskneipe ist daher das Trou, das ich wärmstens empfehlen kann. Die Kellerkneipe ist einfach die urigste in ganz Göttingen – und es gibt keinen Handyempfang, was den Abend erfahrungsgemäß noch geselliger macht.
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    Hauke, 19, Poetry Slammer und Germanikstik-Ersti in Göttingen


    Ich komme aus Delmenhorst, einer Stadt in der Nähe von Bremen, und bin erst seit Anfang ein paar Wochen in Göttingen. Es gibt aber einen Ort, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich ihn wohl häufiger frequentieren werde: das Junge Theater. Ich bin nebenberuflich, soweit man das so nennen kann, Poetry Slammer und freue mich auf meine Auftritte dort. Da Poetry Slam gerade unter Studierenden sehr beliebt und Göttingen eine Studentenstadt ist, haben die Slam-Veranstaltungen eine ganz besondere Atmosphäre. Dadurch fühlt sich ein Auftritt dort nicht an, wie ein Auftritt vor mehreren hundert Leuten, sondern mehr, als würde man bei Bier und Pizza mit irgendwem zu Hause sitzen und sich nett unterhalten.

    Überhaupt hat mich bisher der Umgangston der Göttinger positiv überrascht. Ich komme nun einmal aus Delmenhorst – nicht gerade „the place to be“. Kulturell ist da wenig geboten, und die Menschen sind eher ruppig zueinander. In Göttingen sind die Leute viel weltoffener, entspannter und selbstständiger als ich es gewohnt bin. Es hat mich einige Tage gekostet, mich daran zu gewöhnen, aber mittlerweile würde ich nicht mehr tauschen wollen. Es ist einfach ein völlig anderes Lebensgefühl.

    Viel mehr gibt es für mich nach zwei Monaten noch gar nicht zu erzählen, außer vielleicht, dass ich die Dönermeile in der Weender Straße und die Kneipen super finde. Ich freue mich dafür umso mehr darauf, die Stadt und ihre Menschen während des Studiums noch näher kennenzulernen.


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    Eigentlich ist es eine schöne Nachricht: Jeder Mensch mit einem Facebook-Account hegt einen kleinen Goldschatz, der jetzt noch gehoben werden kann! Der Goldschatz hat einen, zugegeben, sperrigen Namen, aber das macht die ganze Sache ja nur noch interessanter: Die "Others"-Inbox  - oder auf Deutsch auch der "Sonstige-Ordner". In diesem Ordner landen bei Facebook jene Nachrichten von Menschen, mit denen man nicht befreundet ist.



    Die Kernidee: Vielleicht hat es einen Grund, dass man mit diesen Menschen bisher nicht befreundet war. Anstatt also im Postfach zugespammt zu werden, landen diese Nachrichten in einem Unterordner. Der Reiter ist hellgrau und leicht übersehbar, im Facebook-Messenger, also der Variante fürs Handy, ist er gar nicht vorhanden. Was in einer immer mobiler werdenden Welt natürlich dazu führt, dass viele Menschen ihre "Others"-Nachrichten noch nie angeschaut haben (eine Anweisung, wie man sie doch noch findet, gibt es hier). Dieser Zustand hat bereits zu einigen kuriosen Geschichten geführt: Nachdem ein Kolumnist der New York Times 2013 vom Others-Ordner berichtete (da existierte er bereits drei Jahre) drehte das Internet durch. Menschen erzählten dem Autor von verpassten Jobangeboten und anderen lebensverändernden Neuigkeiten, die sie einfach übersehen hatten. Dailymail titelte: "Enthüllt! Diese wichtigen Nachrichten hast du noch nie gesehen." Und Menschen erzählten traurigen Geschichten, wie sie ihren verlorenen Laptop nicht wiederbekamen, weil sie besagten Ordner nicht kannten. Erst kürzlich rief Buzzfeed dazu auf, die kuriosesten Nachrichten aus dem Others-Ordner zu teilen - vielleicht ahnten diese Füchse bereits, was nun folgt:

    Gestern hat Facebook beschlossen, den "Others" Ordner abzuschaffen! Stattdessen wird es nun eine sogenannte "Message Request" geben, wenn Menschen, die man nicht kennt, einem schreiben - ähnlich also, wie bei einer Freundschaftsanfrage. Man könnte jetzt sagen: supersinnvoll. Und hätte damit recht. Aber ein bisschen traurig ist es auch. Denn irgendwie war die Others-Inbox der letzte Ort, in dem diese perfekt durchgestylte, facebookblaue Welt noch ein bisschen unberechenbar war.

    In der unbekannte Inder einem Nachrichten wie: "It's my pleasure to be in contact with a beautiful lady. No doubt, you are one of the angels sent from heaven to mankind. Your picture attracts me and my heart will be glad to start a friendship with you" schrieben und Gesprächsversuche mit "Ich weiß, wir kennen uns gar nicht, aber..." begannen. In der Leser und jetzt-User einem Feedback zum letzten Artikel schickten oder dazu einluden, unbedingt auch mal über ihr Hofcafé in Südhessen zu berichten. In der aber auch mal die Nachricht steckte, dass jemand die vergangene Nacht geklaute Handtasche gefunden hat und man sie doch bitte unter folgender Adresse abholen könne. Und das Schöne an all diesen Dingen: Man konnte sie unerkannt lesen, ohne reagieren zu müssen. Denn die Ausrede "Sorry, das war in meinem Sonstige-Ordner", zog notfalls immer. Und jetzt also: Entscheidungszwang. Beim neuen Messenger-Request kann man nämlich, so sagt es zumindest die Pressemitteilung, "ignorieren", "lesen" oder "antworten" auswählen. Drei Optionen  - und keine davon ist "überrasche mich". Schade.

    charlotte-haunhorst


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