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    Was den Bewohnern von Huaraz im schlimmsten Fall blüht, können sie sich auf bunten Karten anschauen, Forscher der Universität von Texas in Austin haben sie entwickelt. Die Flutwelle kommt darauf von Osten in die peruanische Stadt und breitet sich dann nach Norden und Süden aus. Den Simulationen zufolge könnte sie bis zu 50 Meter hoch sein, sie wird alles mitreißen. Auch das Haus von Saúl Luciano Lliuya. „Man muss etwas tun, bevor es zu spät ist“, sagt er. „Das Problem wächst von Jahr zu Jahr.“

    An diesem Montag bekommt deshalb der Essener Stromkonzern RWE Post von Lliuya. Seine Hamburger Anwältin hat das Schreiben aufgesetzt, es ist ein juristisch einmaliger Vorgang. Ein Kleinbauer aus den Anden verlangt darin von einem deutschen Konzern Schutz gegen Folgen des Klimawandels – zu dem dieser Konzern nach Ansicht des Kleinbauern massiv beigetragen hat. „Es ist eine komplizierte Beweiskette“, sagt Roda Verheyen, die Lliuyas Ansprüche in Deutschland vertritt. „Aber die Mitbeeinflussung durch RWE ist unstreitig.“
     


    Ein Bauer aus Peru wirft den RWE vor, massiv an den Überflutungen in Huaraz schuld zu sein. Mit seiner Klage möchte er vor allem, dass Vorsorgemaßnahmen unternommen werden

    Die Beweiskette beginnt im Jahr 1898, als der Essener Konzern gegründet wurde, und sie endet bei einer Lagune gut 20Kilometer von Huaraz entfernt. Ein Gletscher speist die Lagune, doch durch die Erderwärmung schmilzt er schneller. Das Volumen, so stellten die texanischen Forscher im vorigen Jahr fest, hat sich binnen 40 Jahren verdreißigfacht. Das strapaziert nicht nur den Damm, der den See zum Tal hin abschließt. Es vergrößert auch die Gefahr, dass eine Lawine die Katastrophe auslöst. 1941 waren schon einmal Eis und Geröll in die Lagune gestürzt, in Huaraz starben durch die Flutwelle seinerzeit etwa 6000 Menschen. Wie ein Kanal leitet ein Tal das Wasser direkt dorthin. Heute leben 35000 Menschen in der roten Zone – mit dem höchsten Risiko.

    Gelegentlich führt Lliuya Touristen in die Berge, vier-, fünfmal im Jahr. Man könne dort, sagt er, den Gletschern beim Schmelzen zuschauen. „Ich habe mich immer gefragt, wie man die Verursacher zur Verantwortung ziehen kann.“ Dann stieß er auf die Entwicklungsorganisation Germanwatch, sie unterstützt ihn nun. „Wer andere schädigt, hat Pflichten“, sagt Germanwatch-Kopf Christoph Bals.

    Aber hat er auch Pflichten im fernen Peru? Grenzüberschreitende Klagen habe es in der Vergangenheit schon öfter gegeben, sagt Lliuyas Anwältin Verheyen. Wegen des sauren Regens etwa zog ein polnischer Bauer vor Gericht, verlangte Schadenersatz von deutschen Emittenten. Er unterlag, weil sich nicht nachweisen ließ, aus welchen Schornsteinen die Schadstoffe kamen. Genau deshalb fordere der Peruaner nun keinen Schadenersatz, sondern Vorsorge gegen die Folgen. Berufen kann er sich dabei sogar auf das Bürgerliche Gesetzbuch, und dass er dies darf, liegt wiederum an einer EU-Verordnung. Juristisch ist das alles Neuland.

    Teuer würde es für RWE nicht. Europas größter CO₂-Emittent soll sich nur entsprechend seinem Anteil an den globalen Emissionen an der Entschärfung der Lagune beteiligen, mit geschätzt 0,47 Prozent. Bei 3,5 Millionen Euro Kosten wären das 17000 Euro. Doch auch das wäre der Beginn einer Flutwelle – für Klimasünder.

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    Wer wissen möchte, wie es in China um das Amt des Umweltministers bestellt ist, kann nachlesen, was der frühere Amtsträger Zhou Shengxian zu sagen hatte. Der gab 2013 zu Protokoll, sein Ministerium sei „eines der vier peinlichsten Ministerien der Welt“. Er musste machtlos zusehen wie der Wirtschaftsboom die Spitzenposition Chinas als eines der verschmutztesten Länder der Erde zementierte. Doch in diesem Jahr soll alles anders werden. Gerade tagt in Peking der Nationale Volkskongress NVK. Und im Zentrum der Aufmerksamkeit steht mit einem Mal die Umweltpolitik – und der neue Umweltminister Chen Jining.

    Die neue Aufmerksamkeit erklärt sich durch eine Entwicklung der vergangenen zwei Jahre: Der katastrophale Smog setzte ein Umdenken auch bei der Parteiführung in Gang. Staats- und Parteichef Xi Jinping droht allen Umweltverschmutzern, sie würden „mit eiserner Faust bestraft“. Das liegt aber ganz konkret auch an der Wucht, mit der kurz vor Beginn des Kongresses der von der Journalistin Chai Jing produzierte Dokumentarfilm „Unterm Firmament“ in die Debatte geplatzt war. Die Dokumentation über den Smog wurde im Internet in nur wenigen Tagen 200 Millionen Mal angesehen. Dort wurde er gefeiert – bis die Zensur zuschlug.



    Smog ist eines der größten Umweltprobleme Chinas. Versuche, dagegen anzugehen, werden von der Regierung systematisch verhindert

    Der neue Umweltminister durfte in diesem Zusammenhang gleich seine erste Lektion lernen. Chen Jining ist, anders als sein Vorgänger, kein altgedienter Politkader, er ist ein Neuling im Staatsapparat. Bislang war er Präsident der Pekinger Tsinghua-Universität. Am Tag nach der Veröffentlichung von „Unterm Firmament“ hatte er der Filmerin Chai Jing eine Glückwunsch-SMS geschickt. Beobachter spekulierten sogar, ob sein Amt die Produktion des Films heimlich unterstützt hatte. Als Chen dann aber zu seiner Pressekonferenz beim Nationalen Volkskongress antrat, da hatte die Zensur schon zugeschlagen. Der neue Umweltminister schaffte es, eine Stunde lang den Film – zu dem Zeitpunkt noch immer Gesprächsthema Nummer eins in China – mit keinem Wort zu erwähnen.

    Da steckte Chen Jining also schon mittendrin in einem Apparat, der sich tatsächlich Reformen wünscht, weil er den Unmut des Volkes spürt, der aber gleichzeitig aus Furcht vor Kontrollverlust die Freiräume für Gesellschaft und Bürger einengt. Der Apparat hat soeben erst ein neues Umweltgesetz verabschiedet. Die Gesetzgebung wird überhaupt seit Jahren schon als vorbildlich gelobt. Doch der Apparat selbst hat seine eigenen Gesetze bislang ignoriert. Das neue Gesetz ermutigt nun „gesellschaftliche Organisationen“ ausdrücklich, Umweltverschmutzer vor Gericht zu bringen, gleichzeitig nehmen aber die Repressalien gegen regierungsunabhängige Organisation ständig zu.

    Die vergangene Woche war wieder eine Woche der widersprüchlichen Signale. Premier Li Keqiang versprach eine Umkehr bei der Kohlepolitik: China verbraucht im Moment so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, die Emissionen sind Hauptverursacher von Smog und Klimagasen. Tatsächlich scheint der Kohleverbrauch in diesem Jahr erstmals seit 15 Jahren gesunken zu sein. Wind- und Solarenergie sollen auf Rekordkapazitäten ausgebaut werden: bis zum Jahr 2020 sollen es 200 Gigawatt beim Wind (heute 95), und 100 bei der Sonne sein (heute 26). Der neue Umweltminister wandte sich sogar mit einem Appell direkt ans Volk: „Seid nicht bloß Beobachter“, sagte er am vergangenen Samstag. Als aber am Tag darauf zwei Bürger in Xi’an mit selbstgemalten Schildern demonstrierten („Smog verursacht Krebs“ und „Die Regierung muss den Smog beseitigen“), da wurden sie sofort von der Polizei festgenommen und über Nacht festgehalten.

    „Chinas linker Fuß will nach Norden, Chinas rechter Fuß will nach Süden“, so beschrieb diese Woche die Bürgerrechtlerin Cao Yaxue die Widersprüche. „Und beide Füße haben dasselbe Ziel: die Bewahrung der Einparteien-Herrschaft der KP.“

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    Es gibt einige Aufregung um den Philosophie-Lehrstuhl an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität, den einst Martin Heidegger und Edmund Husserl innehatten. Der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer will aus der Stelle eine Juniorprofessur machen, also einen jüngeren Wissenschaftler berufen und keinen renommierten Heidegger- und Husserl-Forscher. Im Fach und in der interessierten Öffentlichkeit sehen das viele als Verrat am philosophischen Erbe. Nicht nur an dem der Freiburger Universität, sondern an dem der kontinentalen Philosophie.



    Der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer will aus dem Philosophie-Lehrstuhl eine Junior-Professur schaffen - für Teile der Öffentlichkeit Verrat am Erbe Heideggers. 

    SZ: Herr Schiewer, warum schätzen Sie das berühmte philosophische Erbe Husserls und Heideggers denn so gering?
    Hans-Jochen Schiewer: Wir schätzen dieses Erbe überhaupt nicht gering. Wir gehen nur schlicht dazu über, auch hier eine Tenure-Professur zu etablieren. Das heißt, wir bieten einem jüngeren Forscher eine befristete Professur an, die bei entsprechender Forschungsleistung nach einer ersten Phase entfristet werden wird. Die Leistung wird bei uns von einem externen Experten-Gremium begutachtet. Der Grund für die Veränderung ist, dass wir etwas für die Planbarkeit von wissenschaftlichen Karrieren tun wollen. Das ist an unserer Universität inzwischen ein ganz normales Instrument.

    Sie können die Aufregung also nicht verstehen? Immerhin unterstützen eine Online-Petition gegen Ihr Vorhaben mittlerweile mehr als 2000 Philosophen aus der ganzen Welt, darunter Jean-Luc Nancy, Judith Butler, Dieter Henrich, Rüdiger Safranski, Markus Gabriel und Ralf Konersmann, also eine stattliche Reihe bekannter Namen der deutschen und internationalen Gegenwartsphilosophie.
    Nein, ich verstehe die Aufregung ganz und gar nicht. Weil wir die Professur ja auch nicht streichen, sondern mit dem Schwerpunkt Neuzeit und Moderne als Tenure-Professur wieder ausschreiben. Zudem wird sie so gut ausgestattet sein wie derzeit kaum eine andere Professur an unserem Philosophischen Seminar. Der künftige Stelleninhaber wird als Leiter einer Nachwuchsgruppe über bis zu zwei Mitarbeiterstellen und eine halbe Sekretariatsstelle verfügen können.

    Sie könnten aber auch einen renommierten Husserl- und Heidegger-Forscher als herkömmlichen ordentlichen Professor berufen. Warum tun Sie das nicht? Warum sollten wir? Um das Signal zu senden, dass Freiburg weiterhin das Zentrum ist für die Philosophie, die Husserl und Heidegger weltberühmt gemacht haben.
    Wir haben ja in Deutschland nun seit Jahren die Diskussion um das sogenannte akademische Prekariat, also herausragende junge Wissenschaftler, denen keine Perspektiven aufgezeigt werden. Die Tenure-Professur ist so eine Perspektive, weil sie schon in einer frühen Karrierephase den Weg zu einer Regelprofessur ebnet. Maßgeblich sind dafür die wissenschaftlichen Leistungen, die der Forscher in seiner Zeit als Juniorprofessor erbringt und die als gleichwertig zu einer Habilitation angesehen werden. Außerdem wird diese Juniorprofessur, wie gesagt, sehr gut ausgestattet sein.

    Aber warum steht die Nachwuchsförderung gerade jetzt im Vordergrund?
    Sie steht nicht aus heiterem Himmel im Vordergrund. Die Nachwuchsförderung ist seit Jahren eines der Grundanliegen unserer Universität. Wir wollen zunehmend mehr Stellen einrichten, auf die man früher berufen werden kann als auf die volle W-3-Regelprofessur.

    Es gibt Kritiker, die sagen, dass gerade in Zeiten, in denen etwa Heidegger noch einmal neu gelesen werden muss, weil bislang unbekannte, antisemitische Notizen aufgetaucht sind, in Freiburg nicht philosophische Nachwuchsförderung, sondern Heidegger-Forschung auf höchstem Niveau stattfinden muss.
    Aber warum sollte jemand, der zwischen 30 und 35 Jahren alt ist, nicht in der Lage dazu sein, auf diesem Feld exzellente Forschung zu betreiben? Wir werden den künftigen Inhaber der Juniorprofessur mit aller Sorgfalt aussuchen. Und gerade weil wir doch jetzt jemanden aus einer ganz anderen Generation berufen, verspreche ich mir ganz besonders viele gute Effekte und viele neue, auch unvoreingenommene Sichtweisen.

    Die Hermeneutik und Phänomenologie, die Lehre von der Interpretation von Texten und eine an unmittelbaren Bewusstseinserfahrungen orientierte Philosophie, werden in Freiburg also gerade nicht geschwächt?
    Gar nicht. Ganz im Gegenteil: Sie werden sogar gestärkt. Die Tenure-Professur wird mit der Nachwuchsgruppe ja besser ausgestattet sein als die Regelprofessur.

    Sie sparen dabei natürlich auch Geld.
    Nein, der aktuelle Inhaber des sogenannten Heidegger-Lehrstuhls, Günter Figal, hat nur einen einzigen Mitarbeiter.

    Aber Sie könnten ja auch eine W-3-Stelle mit zwei Mitarbeitern einführen.
    Das werden wir aber nicht tun. Warum soll man immer nur nach den längst Etablierten Ausschau halten, wenn auch Jüngere exzellente Forschung betreiben können?

    Natürlich um mit dem Etablierten sichtbar den Forschungsschwerpunkt zu stärken. Abwegig ist der Gedanke ja nicht, einen renommierten Phänomenologie-Experten zu berufen und so klarzumachen, dass Freiburg Zentrum der Phänomenologie und Hermeneutik bleibt.
    Ich brauche aber doch keinen renommierten Phänomenologie-Experten, um phänomenologische Grundlagenforschung zu gewährleisten.

    Nein? Kann das jeder gleich gut?
    Sehen Sie, wir bauen das Husserl-Archiv aus und haben das Bernhard-Waldenfels-Archiv eingeworben – es gibt wirklich keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die phänomenologische Forschung in Freiburg ein Schlüsselthema bleibt. Und wir haben nicht vor, auch diesen Vorwurf gab es ja, unser philosophisches Seminar zu einem Zentrum für angelsächsische analytische Philosophie zu machen.

    Warum ist die Stelle dennoch nicht unmissverständlich als eine Professur für Phänomenologie und Hermeneutik ausgelegt, Logik und Sprachphilosophie soll der neue Tenure-Professor offenbar ja auch noch lehren?
    Den ganz genauen Zuschnitt der Professur wird die Struktur- und Entwicklungskommission der Universität erst noch beschließen. Und wer wollte sagen, dass Logik und Sprache keine Themen der Phänomenologie und Hermeneutik sind. Fest steht bislang nur, dass es eine sehr gut ausgestattete Tenure-Professur für die Philosophie der Neuzeit und Moderne sein wird. Das war, ist und bleibt der Forschungsschwerpunkt dieser Professur.

    Was halten Sie eigentlich von der Online-Petition gegen Ihre Pläne, die auch an die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer gerichtet ist? Offenbar scheinen Ihre Argumente einer großen Zahl von Kollegen überhaupt nicht einzuleuchten.
    Der Initiator Markus Gabriel, der in Bonn Philosophie-Professor ist, hat nie mit mir gesprochen. Keiner, der dort unterschrieben hat, hat sich mit mir bislang unterhalten. Aus unserer Sicht ist viel mehr Gewicht hinter dieser neu konzipierten Professur, wenn ein herausragender Nachwuchswissenschaftler exzellent ausgestattet loslegen kann.

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  • 03/16/15--01:03: Das Land im Farbfilm
  • Weiße Wolken ziehen über einen hellblauen Himmel, eine gelbe U-Bahn legt sich vor dem Berliner Fernsehturm in die Kurve. Sehr bunt ist das Cover der Anthologie „Wir vergessen nicht, wir tanzen“, in der junge deutsche und israelische Autoren über das jeweils andere Land schreiben. Am Leseforum Israel in Halle 4 der Leipziger Buchmesse stehen viele solche bunten Bücher. Ihre Nachbarn sind die Bände mit den Schwarz-Weiß-Fotografien, die historischen Dokumentationen.



    Israel war hochaktuelle, viel gelesene und lebhaft diskutierte Schwerpunktthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

    Der Historiker Dan Diner, der sein neues Buch vorstellt, kommt oft auf diese Nachbarschaft zurück. Wir leben mit dieser Doppelprojektion, sagt er, bei der auf der einen Seite dieser dokumentarische Schwarz-Weiß-Film läuft, mit den nicht vergehenden Schreckensbildern, und daneben der Farbfilm über die jungen Israelis in Berlin, das Strandleben in Tel Aviv.

    Der Messeschwerpunkt „1965 bis 2015. Deutschland – Israel“ klingt nach Schwarz-Weiß-Film. Sein Anlass ist das 50. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Und Dan Diner hat in seinem neuen Buch „Rituelle Distanz“ noch weiter zurückgegriffen. Wie ein Kulturanthropologe, der eine Zeremonie zwischen verfeindeten Völkern dem „close reading“ unterwirft, hat er die Verhandlungen zwischen Deutschland und Israel über das „Wiedergutmachungsabkommen“ im September 1952 untersucht. Sie fanden 13 Jahre vor dem Botschafteraustausch statt, wurden – mit dramatischen Szenen in Israel – zum Skandal, als sie bekannt wurden. Sie waren der Ausgangspunkt für alles Folgende, geboren aus der Not des jungen, in seiner ökonomischen Existenz bedrohten Staates Israel, für die notwendige Unterstützung sich ausgerechnet an das Land wenden zu müssen, das zum Gegenstand von Abscheu und Verachtung geworden war. Dan Diner braucht aber nicht lange, um von seinem historischen Gegenstand auf die aktuellen Farbfilme zu kommen. Er erzählt, wie sich bei den Verhandlungen 1952 in Luxemburg deutsche Juden gegenüberstanden, die Englisch sprachen, weil Deutsch als Verhandlungssprache verboten war, aber ihren schwäbischen Akzent erkannten und sich als Schüler desselben Stuttgarter Gymnasiums erkannten. Wie kommt es, fragt er, dass noch vor zehn, fünfzehn Jahren junge Israelis Erholung in Südostasien oder Lateinamerika suchten, möglichst weit weg nicht nur vom eigenen Land, sondern auch von den Schwarz-Weiß-Filmen über die Vergangenheit? Dass sie seit einigen Jahren aber nach Berlin reisen, nach Europa?

    Seine Antwort: Zu Israel gehört, dass es ein herausgerissenes Stück Mitteleuropa ist, das Deutschland einschloss, einschließlich seiner Sprache, die bis zum Nationalsozialismus auch eine jüdische Sprache war. Die jungen Israelis reisen in einen Farbfilm, dessen aktuelle Attraktionen – die Kulturszene, die relativ günstigen Mieten – die Neuentdeckung der alten Linien zwischen Berlin und dem versprengten Mitteleuropa in Israel begünstigen.

    Überall, wo in Leipzig Amos Oz mit seinem aktuellen Roman „Judas“ auftrat, ob bei der Verleihung des Preises an seine Übersetzerin Mirjam Pressler oder in der „Langen Nacht der deutsch-israelischen Literatur“, war diese Verbindung anwesend. Einer der Gewährsmänner für die von Oz’ Hauptfigur vorgenommene Neudeutung des Verräters Judas, der zu einer der Zentralfiguren des Antijudaismus und Antisemitismus avancierte, ist der aus Litauen stammende Gelehrte Joseph Klausner, Oz’ Großonkel. Sein Roman, der in den späten 1950er-Jahren in Jerusalem spielt, ist eine Reflexion über die Staatsgründung 1948, entwirft Innenansichten des jungen Israel. Er ist das literarische Gegenstück zur dramatischen, von Menachem Begin und Golda Meir bekämpften, von der Not erzwungenen Annäherung an Deutschland.

    Avi Primor, der in Leipzig seine Autobiografie „Nichts ist jemals vollendet“ vorstellte, sang das Loblied auf die Unvermeidlichkeit, die in Israel 1952 die Kritiker Ben Gurions bekämpften: dass aus den Verhandlungen mit Deutschland Annäherung an Deutschland werden könnte. Die deutschen Investitionen in Israel, der Austausch von Technikern, Wissenschaftlern, Managern sei der Kern dieses Prozesses gewesen, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nur die Ratifizierung dieses im Kern sozialen, gesellschaftlichen Prozesses. Primor traf im Ariowitsch-Haus, das 1931 als Altenheim für die orthodoxen Juden Leipzigs eingeweiht und 2009 als jüdisches Kultur- und Begegnungszentrum neu eröffnet wurde, auf Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer und sprach mit ihnen über jenen Staat, für den der Themenschwerpunkt der Messe nicht zutraf: Die DDR hat nie diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen. In Primors Autobiografie gehört sie zu den Feindesländern Israels.

    Die DDR war aber ein Land, in dem viele Kommunisten in der politischen wie kulturellen Elite zugleich Juden waren. Gysi verwies auf eine rhetorische Operation, die zum einen die hemmungslose Kritik Israels als Hort des „Zionismus“ und Büttel des Imperialismus begünstigte, zugleich aber die Integration der Juden in das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus erlaubte. Sie bestand darin, die Begriffe „Juden“ und „Israel“ in der offiziellen Sprache so weit wie möglich auseinanderzurücken. Der Rückblick auf die Geschichte der Juden in der DDR unter den Bedingungen der Dauerkritik am Staat Israel war auf dieser Messe mehr als nur ein Nebenstrang. Der Historiker Hendrik Niether stellte sein Buch „Leipziger Juden und die DDR. Eine Existenzerfahrung im Kalten Krieg“ (Vandenhoeck & Ruprecht) vor, eine genaue Erkundung der Welt, in der zeitweilig der Philosoph Ernst Bloch und der Literaturwissenschaftler Hans Mayer lebten, ehe sie in die Bundesrepublik gingen.

    Chaim Noll, 1954 als Hans Noll, Sohn des Schriftstellers Dieter Noll, in Ostberlin geboren, ging den jüdischen Wurzeln seiner Familie nach. 1983 reiste er nach Westberlin aus, lebt seit 1995 in Israel. Er las aus seinen Erinnerungen „Der Schmuggel über die Zeitgrenze“. André Herzberg, Ex-Sänger der Band Pankow, hat über seine jüdische Herkunft einen Familienroman („Alle Nähe fern“) geschrieben.

    Fluchtpunkt aller dieser Reminiszenzen aber ist das aktuelle Israel, das Land im Farbfilm, in dem Schreckensmomente nicht weniger verlässlich auftauchen als in den historischen Dokumentationen. Ayman Sikseck, arabischer Israeli, der auf Hebräisch schreibt, kann vom Hass berichten, der seinesgleichen im Alltag entgegenschlägt. Amos Oz machte kein Hehl daraus, dass er selber häufig als „Verräter“ attackiert wird. Und dass zwei Tage nach dem Ende der Buchmesse in Israel ein neues Parlament gewählt wird, war in Leipzig überall zu spüren. Scharf attackierten Avi Primor und Carlo Strenger, Psychologe an der Universität in Tel Aviv, die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu. Das Schwerpunktthema der Messe, die mit einem Besucherrekord von 186000 Gästen endete, war nicht historisch, sondern aktuell.

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  • 03/16/15--01:11: Alles eins
  • Im Kuppelsaal von Hannovers Kongresszentrum steht ein drahtiger Chinese und gibt eine Lektion in Sachen Zukunft. Jack Ma, der Gründer des E-Commerce-Giganten Alibaba, hat die Bühne betreten bei der Eröffnung der Cebit 2015. Mit Spannung hat das Publikum seinen Auftritt erwartet. Spätestens seit Ma im Herbst Alibaba an die New Yorker Börse gebracht hat und zum reichsten Mann Chinas aufgestiegen ist, herrscht reges Interesse an jedem Satz, den er spricht. Zehn Minuten hat Ma Zeit, aber das reicht ihm, um ein Weltbild von morgen zu entwerfen, in dem Daten in Gegenstände fließen und Dinge in intelligente Geschöpfe verzaubern. „Die Maschine muss sprechen“, sagt Jack Ma, „die Maschine muss denken.“



    Alibaba-Chef Jack Ma ist prominenter Gast auf der Cebit in Hannover, China ist Partnerland.

    China ist Partner der Cebit, die an diesem Montag beginnt. Und zwar laut Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, „der stärkste Partner, den wir jemals hatten“. Frese sagt: „Die chinesische Industrie wird sich hier als globaler Lösungsanbieter zeigen.“ Alle können also was von China lernen, was einerseits seltsam klingt, denn Chinas Partei-Regierung zeigt ja auch, dass sie ihre Zensur-Gepflogenheiten an die digitale Welt angepasst hat. Aber wenn man Jack Mas Rede vom Sonntag bedenkt, kann man sich tatsächlich vorstellen, dass viele Ideen für die nächsten hundert Jahre aus China kommen.

    Die Vision von den sprechenden Maschinen ist jedenfalls in Arbeit. Das „Internet der Dinge“ ist ein großes Thema bei der Cebit. Der Mensch feiert sich als Schöpfer einer neuen Welt, in der Alltagsgegenstände durchdrungen sind von künstlicher Intelligenz. Die Telekom hat mit der Rad-Firma Canyon ein Fahrrad gebaut, das den Zustand seiner Einzelteile erfasst und diese per Klick selbständig nachbestellt, wenn sie verschlissen sind. Dieses Rad wird bestimmt eines Tages sprechen.

    Samsung hat einen Spiegel entwickelt, der nicht nur den zeigt, der in ihn hineinschaut, sondern in lebensechter Farbgebung die neuesten Kollektionen der Mode-Industrie einblendet. Irgendwann wird wohl auch dieser Spiegel sprechen. Märchen werden wahr. Wobei der Text im Konsumzeitalter natürlich anders geht als bei den Brüdern Grimm. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – „Du bist die Schönste im ganzen Land. Aber mit diesem sündteuren Versace-Strickjäckchen siehst du noch tausendmal schöner aus.“

    Die Cebit ist überschrieben mit dem Motto „d!conomy“. Diese Wort-Satzzeichen-Schöpfung zeigt, worum es gerade geht: um die Verschmelzung von digitaler Welt und Wirtschaft. Alles kann auf Dauer Teil eines gigantischen Marktplatzes werden – das Auto, das Fahrrad, der Spiegel an der Wand. Der Handel nach Daten dringt immer tiefer in die Privatsphären ein.

    Kultur-Pessimisten müssen das nicht schön finden. Aber erstens bringt der digitale Wandel auch viele nützliche Neuerungen; das Telekom-Rad zum Beispiel erkennt Stürze und kann im Notfall Hilfe rufen. Zweitens kann man der Wirtschaft ja kaum verwehren, nach neuen Chancen zu greifen. Das IT-Gewerbe wirkt jedenfalls ziemlich dynamisch. Erstmals seit 2001 ist die Cebit wieder größer als im Vorjahr. „Sie wächst in der Fläche um mehr als fünf Prozent bei stabiler Zahl der Aussteller von 3300 aus 70 Ländern“, sagt Frese. Die Messe hat das Angebot für den Mittelstand erweitert. 350 Start-ups stellen sich vor. Zukunftsdenken in den verschiedensten Bereichen bekommt ein Forum, von Stadtplanung bis Landwirtschaft.

    Und China soll einer der Schrittmacher sein in dieser Ideenfabrik. Jack Ma sagt: „Nicht die Technologie verändert die Welt. Die Träume hinter der Technologie tun es.“ Und der Telekommunikationsausrüster Huawei aus Shenzhen zeigt, wie er die neuen Wunderwelten denkt. Die Firma stellt ein digitales Informationssystem für Fußballstadien vor, bei dem Fans abgefahrene Video-Einstellungen aus dem Spiel und Fußballer-Daten abrufen können. Und die Vereine können die Stadionbesucher mit den neuesten Trends aus dem Fanartikel-Verkauf versorgen. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind schon Huawei-Partner. Diesen Montag soll der nächste Bundesliga-Deal vorgestellt werden. Eines Tages werden wohl auch die Sitze im Stadion zu uns sprechen.

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  • 03/16/15--01:34: Die Erbkrankheit


  • jetzt.de: Mir ist beim Lesen deines Buches aufgefallen, dass ich gar nicht weiß, ob ich mal erbe.
    Julia Friedrichs: Das haben mir auch viele erzählt. Die wollten zum Beispiel eine Wohnung in der Großstadt kaufen, merkten, dass das eine halbe Million kostet, und dann sagten die Eltern: Kein Problem, kannst du von uns haben. Die fielen aus allen Wolken.

    Woher kommt das viele Geld unserer Elterngeneration überhaupt?
    Unsere Eltern konnten, sofern sie gute Jobs in Westdeutschland hatten, in den Siebzigern und Achtzigern enormen Wohlstand aufbauen. Man hat gut verdient, musste nicht fürs Alter vorsorgen, weil die Renten gesichert waren, und bekam hohe Zinsen, wenn man sein Geld angelegt hat. Ich war überrascht, dass aus normalen Lebensläufen von Ärzten oder Verwaltungsbeamten zwei oder drei Millionen Euro resultierten!

    Für uns ist es kaum möglich, so ein Vermögen anzuhäufen, oder?
    Es ist zumindest viel schwerer. Und der Staat hat sich entschieden, Arbeit steuerlich viel stärker zu belasten als Vermögen und Erbe fast gar nicht. So ist ein Ungleichgewicht entstanden.

    "In unserer Generation macht es zum ersten Mal wieder einen Unterschied, ob du Erbe bist oder nicht"


    Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty sagt, die Generation der zwischen 1970 und 1980 Geborenen wird die erste seit dem zweiten Weltkrieg sein, bei der das Erbe das Leben mitbestimmt. Du gehörst zu dieser Generation – merkst du's schon?
    Erbe spielte in meinem Leben bisher keine Rolle und ich dachte, so sei es auch bei meinen Freunden. Und dann wurden langsam alle sesshaft, haben Kinder bekommen und Freunde von mir kauften plötzlich Häuser für eine halbe Million Euro. Ich habe mich gefragt: Wie kriegen die das hin? Da wurde das Erbe auf einmal Thema.

    Habt ihr darüber gesprochen?
    Viele wollten nicht darüber sprechen, und es wurde mir auch unangenehm, zu fragen. Die, die sich entschieden haben, mit mir zu reden, haben oft gesagt, das sei das erste Mal. Ist ja auch komisch, vor seinen Freunden zu sagen "Du, ich hab eine halbe Million und fühl mich nicht gut damit".

    Wieso ist das so komisch?
    Es ist ein Punkt, der einen trennt. Ich habe eine Erbin getroffen, die ihr Erbe deswegen geheim hält. Sie könnte sich ohne Probleme eine große Immobilie leisten, aber lebt mit einer vierköpfigen Familie in einer 80-Quadratmeter-Mietwohnung. Sie sagt: "Wenn meine Freunde davon wüssten, könnte ich nicht mehr mit ihnen befreundet sein, dann müsste ich ein anderes Leben führen." Die Erbschaft liegt auf dem Konto und wird nicht angerührt. Nicht mal die Kinder wissen davon.

    Erbe sein hat also ein schlechtes Image?
    Ich habe es bei einer Recherche tatsächlich noch nie als so schwierig erlebt, Interviewpartner zu finden. Die Erblasser, also Eltern, Unternehmer, Patriarchen, reden. Aber die Generation der Erben ist eher stumm.

    Warum?
    Zum einen will man nicht zugeben, dass man nicht so sehr der Regisseur des eigenen Lebens ist, wie man immer behauptet. Unsere Eltern haben uns gesagt: "Nimm dein Leben in die Hand!" und uns vermittelt, dass wir frei sind. Später einräumen zu müssen, dass eigentlich die Vergangenheit der Familie bestimmt, wo man wohnt oder welchen Beruf man ausübt, ist schwer. Ein anderer Grund ist, dass es in Deutschland keine Tradition für eine Debatte übers Erben gibt. Geerbtes Geld gilt hier als sehr spezielles Geld, das dem Clan gehört.

    Ist das in anderen Ländern anders?
    In Frankreich oder in den USA wird sehr hart und kontrovers über Erbe diskutiert  – und bei uns viel zu wenig. Dabei ist das ein wahnsinnig wichtiges Thema. Jetzt wird dieses viele Geld vererbt und die ökonomische Architektur der Gesellschaft wird sich dadurch ändern. In unserer Generation macht es für die Frage "Wie willst du leben?" plötzlich einen Unterschied, ob du Erbe bist oder nicht.

    Lars, ein Protagonist in deinem Buch, hat sich von seinem vorgezogenen Erbe eine große Wohnung gekauft. Er sagt, das Geld seines Vaters gebe ihm Sicherheit und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Bei anderen zeigt sich: Je größer das Erbe, desto kleiner die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Vor allem bei denen, die nicht nur Geld erben, sondern ein Unternehmen.
    Ja, ich habe zum Beispiel mit einem reichen Unternehmersohn gesprochen, der einfach nie den Raum hatte herauszufinden, wer er sein will. Weil immer klar war: Er wird mal der Nachfolger seines Vaters. In so einer Position muss man sich entweder total auflehnen und mit den Eltern in einen Konflikt gehen oder man macht einfach, was sie erwarten. Wobei auch Lars sich nach der Erbschaft verpflichtet gefühlt hat, sein Leben und das, was er mit dem Geld gemacht hat, vor seinem Vater zu rechtfertigen.

    Weil Eltern mit ihrem Vermögen auch ihre Zuneigung zeigen?
    Genau. Bei Lars war es so: Wenn sein Vater keine Zeit für ihn hatte, hat er ihm 50 Mark in die Hand gedrückt. Lars hat immer gesagt "Ich lass meine Gefühle nicht kaufen" – und jetzt ist er total dankbar, dass sein Vater ihm diese Wohnung gekauft hat. Damit hat er quasi in diesen Deal eingestimmt und eingesehen, dass sein Vater so seine Wertschätzung zeigt.

    Gibt es eine Grenze, ab der sich ein Erbe im Leben bemerkbar macht?
    Ein Erbe wird dann relevant, wenn es einem Leben eine Wendung gibt. In der Großstadt würde ich das bei etwa 200 000 oder einer Viertelmillion Euro ansetzen. Wenn man so eine Summe erbt, katapultiert einen das in die Gruppe der sehr Wohlhabenden.

    >>> Warum um Erbe so oft gestritten wird und warum die Politik in Deutschland Erben begünstigt.
    [seitenumbruch]
    Wie oft führt Erbe zu Streit?
    Man sagt, jede zweite Erbschaft bringt eine Familie kurzzeitig ins Wanken, bei jeder fünften kommt es zum Konflikt. Je mehr vererbt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Streit kommt.



    Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen. Diesen Montag erscheint ihr Buch "Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht" im Berlin Verlag (320 Seiten, 19.99 Euro)

    Welche Geschichte hat dich am meisten bewegt?
    Der Fall einer Berlinerin, Lea: Die ist jetzt Mitte 30 und steckt seit acht Jahren in einem Erbstreit. Es geht um etwa zehn Millionen Euro, es gibt fünf Parteien, es ist also für alle genug da  – und das Erbe wird einfach nicht angetreten, weil sie sich so überworfen haben, dass sie lieber selbst nichts haben, als dass der andere was hat.

    Wieso wird es beim Erben so emotional?
    Das Problem ist, dass das Erbe oft als Endabrechnung der elterlichen Gefühle verstanden wird. Die Tochter sieht im Testament, dass es Ungleichheiten gibt und die denkt: "Jetzt ist es schwarz auf weiß, mein Bruder war immer der Liebling!" Obwohl die Eltern vielleicht nur dachten, dass die Tochter im Leben besser klarkommt als der Sohn und das Erbe darum nicht so sehr braucht.

    Laut einer Langzeitbefragung im Auftrag der Postbank hat die Zahl der Erbstreitigkeiten in der Vergangenheit zugenommen. Warum?
    Zum einen, weil mehr vererbt wird. Zum anderen, weil älter vererbt wird, dann haben sich die Familienbande schon gelöst, da streitet es sich leichter. Und es gibt mehr Patchwork-Familien, bei denen es noch komplizierter wird. Ich glaube, das wird sogar noch mehr werden. Auch, weil unser Erbrecht total veraltet ist: Blut zählt immer noch am meisten, unverheiratete Paare werden vom Gesetzgeber wie Freunde behandelt, jede Cousine dritten Grades gilt mehr. Das hat wenig mit unserer Art zu leben zu tun.

    Die Steuervorteile für Erbschaften hast du ja schon erwähnt. Deutschland begünstigt Erben  – und das ist politisch gewollt, oder?
    Ja. Nach zwei Jahren Recherche bin ich mit meinen Sorgen um eine Gesellschaft, die durch das Erbe ungleicher und ungerechter werden könnte, zu den steuerpolitischen Sprechern der Fraktionen gegangen. Das waren bizarre Gespräche! Bis auf die CDU teilten alle meine Sorgen. Wenn ich aber fragte: "Die Erbschaftswelle rollt gerade an was machen wir jetzt?", dann hieß es: nichts. Das Thema sei politisch nicht durchsetzbar, die Mehrheit der Menschen sei gegen eine Erbschaftssteuer, in den Medien sei das Thema nicht vermittelbar. Man müsse abwarten.

    Zahlen und Rechtslage


    Erbengeneration:
    Laut des Instituts für Altersvorsorge und einer Universitätsstudie werden im nächsten Jahrzehnt jedes Jahr 250 Milliarden Euro vererbt, also insgesamt 2,5 Billionen. Allerdings unterscheiden sich die Zahlen je nach Studie stark. Sie bewegen sich zwischen 60 und 300 Milliarden pro Jahr.

    Verteilung:
    Laut Studien und Hochrechnungen besitzt die ärmere Hälfte der Deutschen Bevölkerung ein Prozent des Gesamtvermögens, die reichere 99 Prozent. Den größten Anteil des Vermögens findet man in den oberen zehn Prozent. Die Erbschaften der kommenden Jahre werden diese ungleiche Verteilung zementieren: Mehr als die Hälfte der Deutschen wird nichts erben, acht Prozent bekommen dafür 40 Prozent des Gesamtvermögens hinterlassen.


    Erbschaftssteuer und Steuer auf Kapitalvermögen:
    Geerbtes Geld wird in Deutschland kaum besteuert, im Jahr 2013 im Schnitt mit zwei Prozent. Am gesamten Steueraufkommen hatte die Erbschaftsteuer damit nur einen Anteil von 0,7 Prozent. Seit 2009 werden außerdem die Erträge aus Kapitalvermögen (also z.B. Zinsen) mit nur noch 25 Prozent besteuert. Damit soll Steuerflucht und Steuerhinterziehung bekämpft werden. Er begünstigt aber auch die ungleiche Verteilung des Vermögens, sagen Kritiker – die Reichen würden so immer reicher.


    Unternehmenserbschaft:
    Wer ein Unternehmen erbt und die Zahl der Beschäftigten fünf Jahre lang relativ konstant hält, zahlt auf 85 Prozent des Unternehmenswerts keine Erbschaftsteuer, nach sieben Jahren steigt dieser Wert sogar auf 100 Prozent. Wenn das Unternehmen weniger als 20 Mitarbeiter hat, gilt die 100-Prozent-Regelung sofort. Das führt dazu, dass Unternehmen vor dem Erbfall oft gestückelt werden, um sie steuerfrei an die Nachfolger weiterzugeben. Im vergangenen Dezember hat das Bundesverfassungsgericht die Regelung für verfassungswidrig erklärt, weil Unternehmenserben dadurch überprivilegiert seien. Bis Ende 2016 soll es eine Neuregelung geben. Die Bundesregierung verhandelt derzeit darüber.

    Schenkung:
    Der Freibetrag für eine Schenkung zu Lebzeiten an die eigenen Kinder liegt bei 400 000 Euro pro Kind und kann alle zehn Jahre genutzt werden. Steuerberater raten Eltern darum, möglichst früh mit den Schenkungen anzufangen. Innerhalb von 30 Jahren kann man so zum Beispiel 1,2 Millionen Euro steuerfrei an ein Kind weitergeben.

    Viele Erben haben selbst gesagt, dass sie sich wünschen, dass man sie erleichtert und ihnen in Form einer Erbschaftssteuer etwas wegnimmt.
    Ja, aber die Diskussion wird immer noch von den Alten bestimmt. Ich kann verstehen, dass die sagen: "Das ist meins!" Aber die, die es bekommen, haben einen ganz anderen Blick auf dieses Geld. Und eine größere Bereitschaft, davon was abzugeben.

    Götz Werner, der dm-Gründer, hat seine Unternehmensanteile in eine Stiftung überführt und damit seinen sieben Kindern das Erbe weggenommen.
    Das finde ich eine tolle Reaktion, vor der ich viel Respekt habe. Er möchte, dass seine Kinder ein eigenes Leben führen, und glaubt, dass das nicht geht, wenn sie ein eine Milliarde schweres Unternehmen erben. Gleichzeitig hat er auch gesagt, dass er es dem Unternehmen nicht zumuten kann, dass qua Geburt entschieden wird, wer es weiterführt.

    Es gibt ja auch die These, dass das Erben unsere Generation träge macht und uns die Innovationslust nimmt. Man muss ja nichts dafür tun.
    Ja, Volkswirtschaftler vermuten, dass in Gesellschaften, in denen das Erbe eine große Rolle spielt, die Volkswirtschaft weniger dynamisch und unproduktiver wird. Weil die Erben Angst haben, das Geld zu versemmeln, sind sie sehr viel vorsichtiger und wagen weniger.

    Gibt es dafür schon Belege?
    In Japan, der einzigen schon existierende Erbengesellschaft der Welt. Da haben die Jungen es sehr schwer, ihr Leben selbst zu finanzieren, und die Alten sind sehr wohlhabend. Viele Junge erstarren und erlahmen dadurch, sie gehen das eigene Leben nicht an, sondern leben wie Haustiere bei den Eltern, bis sie Mitte 30 sind.

    Wie können wir verhindern, dass das in Deutschland auch passiert?
    Indem wir darüber sprechen. Eigentlich ist das ja eine tolle Sache: Wir hatten so lange Frieden und Wohlstand, dass es ein großes Privatvermögen gibt. Wir sollten debattieren, wie wir damit so umgehen, dass wir eine positive Gesellschaftsvision entwickeln.

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    Und dann ist die Pizza halt kalt. Aber das Instagram-Foto spielt perfekt mit Schärfe und Unschärfe, der Bildausschnitt ist genau richtig gewählt und der Filter unterstreicht das Ganze auch noch. Für einen Post, egal ob auf Facebook, Twitter oder Instagram, vergessen wir schon mal, uns um die Person gegenüber oder um das zu kümmern, was wir da eigentlich fotografisch festhalten: den Teller, die Aussicht oder das Schaf, das wir gleich streicheln wollen. Jetzt ist das meistens nicht so schlimm (außer, wenn das Schaf einfach wegläuft, bevor man es streicheln kann). Einer neuen Studie zufolge nimmt der Kampf um die digitale Aufmerksamkeit aber zum Teil gefährliche Ausmaße an.





    14 Prozent der Teilnehmer sagten, sie hätten für einen „besonders ausgefallenen Post“ schon einmal ihre Sicherheit riskiert. Als Beispiel wird ein Teilnehmer zitiert, der mitten auf dem Hollywood Boulevard beobachtete, wie Leute, die ein Foto machten, erst in letzter Minute Autos auswichen. Immer wieder wird über riskante Selfies breichtet, zum Beispiel auf Bahngleisen vor heranfahrenden Zügen.

    Die ersten haben nach der Meldung über die neue Studie bereits Empörungsgesänge angestimmt. Endlich wieder ein Grund, gegen die aufs-Smartphone-starrende Generation zu schimpfen! Dabei kennen wir das nicht erst, seit es soziale Netzwerke gibt: Schon in der Grundschule gab es da diese Kraft, die uns regelmäßig zu Mutproben verleitet hat. Das ist dämlich und unnötig – und menschlich. Facebook sorgt eigentlich nur dafür, dass die Kraft der Mutprobe nie schwächer, sondern – weil das Publikum hier viel größer ist als eine Schulklasse – immer größer wird.

    Die Kollegen von der "Wired" haben die Studie illustriert:

    [plugin imagelink link="https://www.wired.de/sites/default/files/socialmedia1.jpg" imagesrc="https://www.wired.de/sites/default/files/socialmedia1.jpg"] 
    In der Studie gaben 58 Prozent der Befragten an, dass sie für ein Foto schon mehrmals einen schönen Augenblick „in echt“ verpasst haben. Drei von vier Befragten gaben an, dass sie wegen sozialer Netzwerke ab und zu unaufmerksam gegenüber Freunden seien, 25 Prozent sogar während „intimer Momente“. (Quelle)

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    Das ist…

    Stav Shaffir, auch „Gingit" genannt, „die Rothaarige“. Sie ist das Enfant Terrible des israelischen Parlaments, das als Mitglied des Finanzausschusses genau schaut, wohin das Geld des Steuerzahlers verschwindet. Den Kollegen gefällt es eher weniger, sich plötzlich vor der mit 29 Jahren jüngsten Abgeordneten in der Geschichte der Knesset rechtfertigen zu müssen.

    Die kann...
    mitreißende Reden halten, Menschen mobilisieren und ihre Knesset-Kollegen in den Wahnsinn treiben.

    Stav Shaffir studierte zunächst in London Soziologie und Journalismus und arbeitete dann als Journalistin – neben ihrem Master in Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität von Tel Aviv. Dann kam der Sommer 2011: Stav Shaffir und andere junge Israelis schlugen auf Tel Avivs bekanntem Rotschild-Boulevard Zelte auf und forderten den sozialen Wandel. Stav tauschte Stift und Block gegen Megafon und Plakat und organisierte von nun an einen der größten Proteste des Landes: Bis zu einer halben Million Menschen protestierten gegen steigende Mietpreise und horrende Lebenshaltungskosten.

    Doch weil die Politiker darauf kaum reagierten, kehrte Stav den Zelten den Rücken und marschierte stattdessen schnurstracks in die Knesset, um die Sache selbst zu erledigen. Sie schaffte es bei den Wahlen 2013 auf Anhieb für die Arbeiterpartei Awoda ins israelische Parlament.

    Im Finanzausschuss stellte sie fest, dass die Kollegen hier jährlich Millionen von Schekel Organisationen und Firmen zuschachern. Auch die jüdischen Siedlungen im Westjordanland heimsten so zusätzlich zum jährlichen Budget einen großen Batzen Geld ein – ohne dass die Bevölkerung davon wusste. Stav begann, endlose Fragen zu den Ausgaben zu stellen. Sie rief Freunde, Bekannte und Anhänger auf Facebook dazu auf, die Geldtransfers zu verfolgen und zu veröffentlichen.

    In einer Rede vor leeren Parlamentsreihen, aber dank Youtube doch von Tausenden gesehen, erteilte sie den Rechten vor einigen Wochen eine Lektion in Sachen Zionismus: „Hört auf, euch mit uns über Zionismus zu streiten. Denn echter Zionismus bedeutet, das Budget an alle Bürger des Landes gleichmäßig zu verteilen. Echter Zionismus bedeutet, sich um die Schwachen zu kümmern. Echter Zionismus ist Solidarität, nicht nur im Kampf, sondern im täglichen Leben.“

    http://www.youtube.com/watch?v=mfyFlK5bkPU
    Englische Untertitel lassen sich in den Einstellung anschalten

    Die geht...

    zielstrebig Richtung Kabinettstisch: Denn in ihrer ersten Runde als Abgeordnete hat sie sich so wacker geschlagen, dass die Mitglieder der Arbeiterpartei sie für diese Wahl auf Platz zwei der Liste wählten – direkt hinter der ehemaligen Vorsitzenden Shelly Yachimovich. Sollte nun ein mitte-links-Bündnis die Regierung stellen, könnte Stavs Name ins Gespräch kommen. Und selbst, wenn es diesmal noch nichts werden sollte mit einem Ministerposten – Stav Shaffir wird gewiss nicht still auf ihrem Parlamentsstuhl sitzen und zuhören, was die anderen zu sagen haben.

    Wir lernen daraus, dass...

    die Politik nicht aus allen ehemaligen Straßenrebellen unzugängliche Anzugträger macht. Stav Shaffir lässt sich weiter auf Demos blicken, zeigt auf Facebook ihre private Seite (zum Beispiel zum Jahrestag mit ihrem Freund Tal) und bleibt mit dem, was sie sagt, glaubwürdig – weil sie im Parlament den Mund aufmacht und sich nicht von den alten Hasen mit einem „Das haben wir schon immer so gemacht“ abwimmeln lässt.

    Nur Google weiß über sie, dass...
    jeder eigentlich schon alles weiß. Wer wie Stav seit vier Jahren im Licht der Öffentlichkeit steht und unermüdlich Interviews gibt, der hat schon fast alles verraten. Und was die Medien noch nicht geschrieben haben, verrät das Fotoalbum auf Facebook. Zum Beispiel dass die heute rebellische „Gingit“ als Soldatin in der israelischen Armee vor vielen Jahren noch braune Locken hatte und brav und unschuldig aussah.
    [plugin imagelink link="https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xap1/v/t1.0-9/s720x720/1461746_10152645405556608_9170343861707605838_n.jpg?oh=7f97abfb806ec51bd362d114b4266c88&oe=55BD7C5C" imagesrc="https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xap1/v/t1.0-9/s720x720/1461746_10152645405556608_9170343861707605838_n.jpg?oh=7f97abfb806ec51bd362d114b4266c88&oe=55BD7C5C"]

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  • 03/16/15--06:47: Heiße Männer mit irgendwas




  • Es macht schon Spaß – fast tinderesk – durch den Instagram-Account "Menandcoffee" zu wischen. Da ist ein Typ oben ohne mit einem Kaffeebecher in der Hand und einem Hund im Arm. Ein anderer steht nur in Boxershorts da, hält eine Tasse in der Hand und schaut verträumt aus dem Fenster. Ein weiterer gießt Milchschaum in seinen Kaffee. Und alle sehen dabei unverschämt gut aus. So gut, dass mehr als 131.000 Leute diesen Account abonniert haben. Das überrascht nicht mehr so sehr, seit vor kurzem der Account "Hotdudesreading" (mehr als 450.000 Abonnenten) durch die Medien gereicht wurde: mit Männern, die in der U-Bahn oder irgendwo sonst in der Öffentlichkeit Bücher lesen.

    Bei den lesenden Hipster-Jungs kann man ja noch hineininterpretieren, dass die Instagram-Nutzer(innen) sich über die vermeintlich gebildeten weil belesenen Männer freuen. Doch was ist die Botschaft hinter Fotos von sexy Männern mit so etwas Banalem und Alltäglichen wie Kaffee, mit Hunden oder Katzen? Vielleicht eine dezente Persiflage auf die Kombination "heiße Frauen plus irgendwas", die wir zur Genüge kennen und hassen: aus jeder Bier-, Auto- oder sonstigen Werbung, die vermeintlich eher Männer ansprechen soll. Achso, den "Schwester"-Account "Womenandcoffee" gibt es natürlich bereits.

    (via Designtaxi

    kathrin-hollmer

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    Als Essen:





    Gastfreundschaft:





    Beworben von unbekannten Politikern:





    Feuer und Flamme:




    [seitenumbruch]Kopfschmuck:





    Hymnenschreiber:





    Möchtegern-Actionhelden:





    [seitenumbruch]Carlo Cokxxx Nutten:





    Erfahrung mit Großprojekten:





    Innovationen zu Wasser:





    [seitenumbruch]Entspanntes Verhältnis zum Rauchverbot:





    Ausgehfein:





    Am Ende doch Geschmackssache?






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    http://www.youtube.com/watch?v=2f_kavukuKI

    "Hey Tiffany, was für einen Eckladen, Nagelstudio oder Reinigung betreiben deine Eltern?" Schallendes Lachen, Musik wie aus dem Comic.
    "Ethan, sind deine Eltern Geschwister? Weil dein Gesicht behindert aussieht." Vereinzeltes Lachen, die Musik wird leiser, langsamer.
    "Keiner mag dich. Tu’ allen einen Gefallen. Bring dich um." Stille. Das Mädchen, das den letzten Satz mit zitternder Stimme vorgelesen hat, guckt traurig in die Kamera und geht aus dem Bild.

    In der US-Late-Night-Show von Jimmy Kimmel gibt es schon länger ein festes Format, in dem Prominente "Mean Tweets" (Läster-Tweets), untersetzt von Sitcom-Lachern und lustiger Musik, vorlesen. Zuletzt erzählte in der Show Obama Blondinenwitze über sich selbst. Die meisten Prominenten (nicht alle!) gehen humorvoll mit den teilweise unfassbar unsachlichen Beleidigungen um. Humor und diese Kommentare nicht so ernst zu nehmen, schien die beste Art, um damit umzugehen. Eine Kampagne des Netzwerks "Canadian Safe Schools" über Cybermobbing stellt das Ganze nun in Frage. In einem Video lesen Jugendliche böse Tweets über ihr Aussehen oder ihre Herkunft vor, und plötzlich haben Läster-Kommentare gar nichts Lustiges mehr. Im echten Leben, als normaler Jugendlicher, ohne Fangemeinde im Rücken, sind "Mean Tweets" einfach nur: verletzend. Das Video greift die Hater-Kultur im Netz grandios und eindringlich auf – so eindringlich, dass einem klar wird, dass Hasskommentare am Ende vielleicht einfach niemals witzig sind.

    kathrin-hollmer


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  • 03/17/15--01:02: In Trümmern
  • Es gibt sie noch: die Sonne. Zumindest zwischendurch. Am Montagmorgen kommt sie heraus und viele nutzen das, um ihre Kleider zu trocknen, Matratzen, was sie eben retten konnten. Manche haben begonnen, Reste von Maniokwurzeln zu suchen, die sie in die Erde stecken können, damit bald wieder neue Knollen wachsen. Es ist ja nichts übrig, was sie jetzt noch ernten könnten.



    Kinder spielen in den Ruinen in Port Vila, der Hauptstadt von Vanuatu. 

    Der Wirbelsturm Pam war von einer Wucht, die sich die 367 000 Einwohner auf den Inseln von Vanuatu kaum vorstellen konnten. Der Zyklon hat fast alles fortgefegt, die Gärten mit dem Gemüse, die Bäume mit den Früchten. Vielleicht reichen die Vorräte noch ein, zwei Wochen, schätzt ein Helfer. Wenn überhaupt. 80 Prozent der Insulaner sind Subsistenzbauern, die nun vor größten Schwierigkeiten stehen.

    Sie haben schon viel erlebt hier draußen in der Südsee. Das Leben ist nicht so, wie es westliche Klischees gerne farbenfroh ausmalen: ewig lachende Insulaner mit Blumenketten um den Hals, denen das Glück gleichsam eingepflanzt ist – das war schon immer ein skurriles Zerrbild dieser Welt. Ihr Präsident, Baldwin Lonsdale, hat gerade erst mit bebender Stimme um Hilfe gebeten. Vanuatu ist ein kleines Land, das jetzt ganz von vorn anfangen muss. Lonsdale ist überzeugt, dass der Klimawandel diese Katastrophe mit ausgelöst hat. Er kann sich stützen auf Experten, die damit rechnen, dass im Pazifik künftig stärkere Zyklone wüten werden. Und war Pam nicht auch so einer? Wie viele Opfer es gegeben hat, weiß man nicht. Von 24 Toten sprach die Regierung am Montagabend. Mindestens. Nur eines scheint sicher zu sein: Zehntausende Menschen sind obdachlos.

    Die Welt nach dem Sturm, Entwicklungshelfer Christopher Bartlett erlebt sie an diesem Montag in der Hauptstadt Port Vila. Der Amerikaner leitet das Büro der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Vanuatu. Er ist Meeresbiologe, Sozialarbeiter und seit einiger Zeit auch „Climate Change Adaptation Expert“. Neue Probleme schaffen neue Berufe.

    Schon vor diesem Sturm leitete Bartlett ein Programm, das den Menschen helfen soll, mit Veränderungen des Klimas besser klarzukommen. Sich anzupassen. Von den Einheimischen hat er viel gelernt. Wie sich das Wetter verändert, wie sich jetzt zum Beispiel Regenperioden verschieben. Bartletts Handy geht noch, er kann jetzt erzählen, weil ein einziger Funkmast in Port Vila noch steht. Aber das ist auch so ziemlich das Einzige, was drei Tage nach dem Wirbelsturm funktioniert. Die Wasserversorgung? Zusammengebrochen. Das Stromnetz? Zerstört. Häuser, Brücken, Straßen? Kaputt. Das Krankenhaus? Eine Ruine.

    Es fehle an Medizin, heißt es in ersten Berichten der Vereinten Nationen. In Notunterkünften brauchen sie dringend frisches Wasser. Sonst drohen Seuchen. Und überall fehlt Baumaterial, weil allein auf der Hauptinsel 90 Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört sind. Wenn Bartlett aus dem Fenster seines Büros in Port Vila schaut, sieht er kein einziges Blatt mehr an den Bäumen hängen. Überall türmt sich verbogenes Wellblech. „Zu spüren ist immer noch die Fassungslosigkeit. Die Verwirrung. Der Unglaube, dass es sie so hart getroffen hat“, erzählt Bartlett. Alle wissen, dass das Wetter tückisch sein kann. Aber Windgeschwindigkeiten von 320 Kilometern pro Stunde? Zugleich versuchen sich alle hochzurappeln. Während die Australier Schwerverletzte ausfliegen, sind die Überlebenden damit beschäftigt, aufzuräumen. Sie nageln in Port Vila zusammen, was noch zusammenzunageln ist.

    Aber wie steht es eigentlich um all die anderen Inseln da draußen? 80 kleine Südseewelten, die völlig abgeschnitten sind. Bartlett sagt: „Wir haben keinen blassen Schimmer, was dort passiert ist und wie es den Leuten geht.“ Alle Telefonverbindungen dorthin sind zusammengebrochen, mit dem Boot dauert es zu manchen Inseln mehrere Tage, und das Wetter ist am Montag noch zu schlecht, um das zu wagen. Manche Eilande haben Flugfelder, ob man noch landen kann, ist unklar. Das australische Militär ist auf Erkundungsflügen unterwegs, die UN versuchen, sich ein besseres Bild zu verschaffen. Aber das dauert.

    Viele Kleinstaaten im Pazifik sind vor allem vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Vanuatu allerdings kaum, diese Inseln sind nicht so flach wie andere. Hier liegen einige der höchsten Berge des Pazifiks, zum Beispiel Mount Tabwemasana, 1879 Meter hoch. Die größte Sorge hier ist das Wetter. Und Pam gibt ihnen recht.

    Mittendrin im Chaos steckt auch Desiree Hetzel, Studentin der Universität Köln. Sie erkundet für ihre Masterarbeit, wie die Insulaner den viel diskutierten Klimawandel betrachten. Mit einem so schweren Sturm hat sie natürlich nicht gerechnet. Aber sie hat alles gut überstanden. Was die Leute über das Klima nach Pam denken, ist nun eine interessante Frage. Aber sie kann sie derzeit gar nicht stellen. Denn alle brauchen erst mal wieder ein Dach über dem Kopf. Sie haben jetzt andere Sorgen.

    Hetzler und Bartlett beobachten jetzt vor allem eines: wie sich Menschen gegenseitig unterstützen. „Der Zusammenhalt ist überwältigend“, sagt der GIZ-Leiter. Ohne Nothilfe von außen wird es dennoch nicht gehen. Die Vereinten Nationen deuten aber bereits an, dass mit der Hilfe weitere Probleme auf Vanuatu zurasen könnten. Vor allem dann, wenn es nicht gelingt, die Aktionen aufeinander abzustimmen. In der Nothilfe ist das ein bekanntes Problem. Im ersten UN-Lagebericht über Vanuatu heißt es etwas umständlich: Die humanitären Partner müssten sicherstellen, dass sie die Regierung Vanuatus jetzt nicht überwältigen. Man könnte auch sagen: Ein schwerer Sturm ist schlimm genug. Keinesfalls sollte ihm noch eine Flut unkoordinierter Helfer folgen.

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    Die Europäische Zentralbank weiht am Mittwoch offiziell ihr neues Refugium ein, jene zwei ineinander verdrehten Türme im Frankfurter Ostend. Dass EZB-Präsident Mario Draghi in Feierlaune ist, kann man wahrlich nicht behaupten. Jede Eckkneipe würde eine pompösere Einweihungsparty geben als die größte und bedeutsamste Bank des Kontinents.



    Bestgeschütztes Gebäude am Main: Polizisten rüsten sich für die Demonstration von Blockupy – so wie im vergangenen November.

    Gerade einmal 25 Gäste sind geladen, auch für die allermeisten Journalisten bleiben die Türen geschlossen. Ganz kleiner protokollarischer Bahnhof. Draghis Zurückhaltung hat gute Gründe: Es steht nicht besonders gut um den Euro und Europa, die Auseinandersetzungen in der Griechenland-Krise erreichen immer neue wirtschaftlich und politische Tiefpunkte.

    Eine große Sause mit Musik, Perlwein und Häppchen für Banker und Staatsführer passt nicht wirklich in die Zeit. Und da sind dann noch die Kapitalismuskritiker von Blockupy, die seit Jahren eine große Demonstration zur offiziellen Eröffnung planen und die Bank an diesem Ehrentag am liebsten lahmlegen würden.

    Falls Draghi glaubte, mit der Mini-Zeremonie die EZB-Skeptiker zu besänftigen, ist er enttäuscht worden. Polizei und Behörden erwarten zehntausend Demonstranten aus ganz Deutschland und etlichen anderen europäischen Ländern, von denen die meisten erfahrungsgemäß zwar laut und keck, aber grundsätzlich friedliebend sein dürften.

    Aber es werden sich, das weiß man aus Erfahrung, auch Rabauken auf den Weg machen. Und sie alle werden in der Innenstadt empfangen von etlichen tausend Polizisten, zusammengezogen aus Hessen und anderen Bundesländern. Frankfurt wird spätestens von Mittwoch an eine belagerte Stadt sein, in der bestenfalls ein Großteil des öffentlichen Leben zum Stillstand kommt. Schlimmstenfalls gibt es Randale, zerbrochene Scheiben, verletzte Demonstranten und Polizisten, Provokationen auf beiden Seiten. Alles schon passiert in der Banken-Stadt.

    Blockupy hat zu Protestveranstaltungen in der gesamten City aufgerufen, „Mahnwachen“ nennen sie das. Gern hätten sie auch direkt vor dem Eingang der EZB demonstriert, das aber haben die Behörden verboten, 100 Meter Abstand verordnet. Vor dem hohen Stahlzaun zum EZB-Gelände werden zusätzlich Absperrgitter mitsamt Stacheldraht installiert. Polizeibusse parken seit dem Wochenende vor der EZB und in der gesamten Innenstadt, man will für allfällige Sponti-Aktionen gewappnet sein. In den Depots stehen Wasserwerfer bereit. Die Zugänge zum EZB-Viertel, Wohn- und Arbeitsort Tausender Menschen, werden gesperrt, nur mit Personalausweis kommen die Anwohner durch.

    Die Blockupy-Aktivisten zeigen sich empört über die robusten Sicherheitsvorkehrungen. Ihr Sprecher Frederic Wester sagt, die Behörden wollten den Demonstranten Angst einjagen mit dem ganzen „Bürgerkriegsarsenal“. Polizeipräsident Gerhard Bereswill, erst seit einem knappen halben Jahr im Amt, hatte angekündigt, dass die Polizei friedliche Versammlungen, darunter eine Großdemonstration auf dem Römer und einen Protestmarsch durch die Innenstadt, schützen und kreative Proteste zulassen werde, bei Straftaten aber schnell einschreiten werde.


    Auf dem als besonnen und erfahren geltenden Bereswill ruhen die Hoffnungen auch der schwarz-grünen Landesregierung. Denn vor knapp eineinhalb Jahren hatte sich die Frankfurter Polizei mit einer Einkesselung von Demonstranten einer Blockupy-Aktion viel Kritik eingehandelt, auch von den Grünen, die damals allerdings noch in der Opposition waren.

    Nach dem Regierungswechsel haben sich die Sicherheitsexperten von CDU und Grünen dafür starkgemacht, dass die Polizei Großeinsätze professioneller absolviert und Deeskalation übt. Der Mittwoch wird zur Nagelprobe dieses neuen Umgangs, insbesondere die Öko-Partei hofft, dass die Sicherheitskräfte die Nerven behalten.

    Ein Grüner hat im Übrigen die Ehre, an der seltsamen EZB-Eröffnung teilzunehmen. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir gehört zu den wenigen Rednern, er muss Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vertreten, der in Bundesratsangelegenheiten im Ausland weilt. Er hat dem Vernehmen nach Draghi bitten lassen, doch wenigstens den in Frankfurt ansässigen Finanz- und Wirtschaftsexperten der großen Zeitungen am Mittwoch die Türen zu öffnen. Bislang ist mit Verweis auf die Sicherheitslage nur einigen Journalisten von Nachrichtenagenturen sowie des Hessischen Rundfunks der Zutritt gestattet. An einen Erfolg der Demarche glaubt allerdings kein Mensch.

    Eine offizielle Einweihung ohne fröhliche Gästeschar, dafür mit jeder Menge Blaulicht und Protestgebrüll – nicht sonderlich schön, weder für Draghi und die EZB noch für Frankfurt und die deutsche Politik. Der Präsident muss sich den Vorwurf des Duckmäusertums anhören. Im Kreis der Blockupy-Aktivisten wird die Nicht-Feier als erster Erfolg der Proteste gewertet: „Die Europäische Zentralbank reagiert auf unseren politischen Druck.“ Und in der Montagausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konnte Draghi lesen, die Bank sei vor Randalierern zurückgewichen, sie habe nicht genügend Selbstbewusstsein, sich mit einer hochrangigen Veranstaltung den Kritikern entgegenzustellen.

    Aber wer, bitte schön, wäre gern zu einer hochrangigen Veranstaltung gekommen, zu der die Gäste allenfalls mit Hilfe eines Polizeikordons gelangen oder per Hubschrauber einfliegen müssen? In der Bundesregierung gab es, wie es heißt, jedenfalls keine Enttäuschung über ausgebliebene Einladungen aus Frankfurt.

    Kein Wunder, der Regierung steht alsbald eine Veranstaltung bevor, bei der es weit größere Herausforderungen an die Sicherheit geben dürfte: Anfang Juni treffen sich die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industriestaaten im bayerischen Schloss Elmau.

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  • 03/17/15--01:35: Zeichen der Unruhe
  • Revolutionen haben in China Tradition und veränderten das Land und seine Gesellschaft nachhaltig. Die Xinhai-Revolution stürzte 1911 das Kaiserreich, die kommunistische Revolution bedeutete 1949 die Geburtsstunde der Volksrepublik und mit der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 festigte Diktator Mao Zedong seine totalitäre Macht.

    Beginn und Dauer der digitalen Revolution, die zurzeit im Land tobt, sind indes schwer an konkreten Jahreszahlen festzumachen. Vermutlich hat sie Mitte der Neunzigerjahre mit der Freischaltung des Internets in China einmal klein begonnen. Heute, rund 20 Jahre später, erlebt sie immer neue Höhepunkte. Und: Ihre Kraft zur Veränderung scheint noch lange nicht erschöpft zu sein.



    Die digitale Öffnung Chinas hat eine neue Krankheit hervorgebracht: Die Onlinesucht

    Mit der Entscheidung für die digitale Öffnung ihres Landes hat die allein regierende Kommunistische Partei Kräfte entfesselt, die sie kaum noch beherrschen kann. Eine jahrzehntelang bevormundete Masse hat mit Hilfe des Internets und sozialer Medien damit begonnen, drastischen Einfluss zu nehmen auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes.

    „Die Leute teilen einen Raum miteinander, den sie zuvor nicht hatten: den öffentlichen Raum“, sagt Michael Anti, chinesischer Journalist und Blogger. Soziale Medien bezeichnet er als das Update der Generation Internet. Sie haben aus einer anfänglich losen Vernetzung von Millionen Bürgern eine Kontrollinstanz gemacht.

    Als 2009 der Kurznachrichtendienst Weibo seine Plattform öffnete, schlüpfte die Öffentlichkeit im autoritären China erstmals in die Rolle eines Aufsichtsorgans staatlichen Handelns. Die Bürger haben den Weg in Richtung Zivilgesellschaft eingeschlagen, auch wenn ihr seitdem die Partei aus Angst vor Machtverlust viele Hindernisse in den Weg legt.

    Der Preis für den öffentlichen Raum ist eine schleichende Verkümmerung des Miteinanders in der realen Welt. Nachrichtendienste, Chat-Räume, Videoplattformen oder Rollenspiele bündeln die Aufmerksamkeit vieler Chinesen auch beim gemeinsamen Essen oder Spazierengehen. Kinder werden von vielen Eltern gerne mit digitalem Spielzeug ruhig gestellt. Millionen von jungen Menschen gelten bereits als onlinesüchtig. In Erziehungslagern militärischer Gangart soll ihnen die Krankheit ausgetrieben werden. Die ständige Vernetzung ist eine Quelle der Unruhe in China. Sie hat den Alltag in den großen Städten ungemein beschleunigt. Auch weil die Menschen digitalen Neuerungen offen gegenüberstehen. Was ihnen Komfort und Erleichterung verspricht, wird gerne angenommen. Taxidienste zum Beispiel. Abends ein Taxi in Shanghai am Straßenrand heranzuwinken, ist nahezu aussichtslos. Fahrzeuge ohne Passagiere rauschen an potenziellen Kunden vorbei, weil sie per Mobil-App bestellt wurden. Am Wochenende säumen Wartende etliche Kreuzungen und Straßen und starren auf ihre Smartphones, um zu prüfen, wann ihr persönliches Taxi anrollt.

    Die Digitalisierung erobert auch die chinesische Industrie, die rückständig und wenig automatisiert ihre Trümpfe jahrelang aus einem schier unermesslichen Fundus billiger Arbeitskräfte zog. Doch steigende Lohnkosten zwingen das Land zur Umstrukturierung. Digitalisierung ist der Rettungsanker einer wirtschaftlichen Entwicklung geworden, die ins Stocken geraten ist. Sie soll Produktivität und Effizienz erhöhen und China einige Stufen in der Wertschöpfungskette nach oben katapultieren. Das Land ist weltweit der größte Abnehmer für Industrieroboter.

    Das kostet viele Arbeitsplätze, weil die Automatisierung die Arbeiter zunehmend überflüssig macht. Einen Teil davon hat die IT-Branche bereits ersetzt. Der Onlinehandel fördert den Binnenkonsum und stützt das Bruttoinlandsprodukt. IT-Unternehmen zählen zu den beliebtesten Arbeitgebern junger Chinesen. Firmenbosse von Alibaba bis Xiaomi gelten als Kultfiguren. Sie sind die Ikonen der Gründerszene von Peking bis Shenzhen, wo junge Frauen und Männer in Cafés oder Kellern an Apps, Onlinespielen oder digitalen Dienstleistungsangeboten tüfteln.

    Doch es sind nicht nur die Konzerne, die von der Digitalisierung erfasst sind. Der Trend hat das gesamte Land integriert. Bauern versorgen ohne Umwege über Großhändler die lokalen Haushalte mit frischen Eiern, tibetische Handarbeiten werden privat gegen kleines Geld im ganzen Land angeboten.
    Die Kehrseite für Peking des steigenden Grads an Vernetzung seiner Industrie ist die neue Angriffsfläche, die China dadurch bietet. Die Genossen befürchten Attacken im Cyberkrieg auf die IT ihrer Banken und Top-Unternehmen, gerade auch solche, die das Militär mit Waffen und Technologie versorgen.

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  • 03/17/15--01:39: Die Antarktis wächst
  • Der Schneefall über der Antarktis dürfte mit der globalen Erwärmung zunehmen. Ein internationales Forscherteam hat die bisher weit schwankenden Schätzungen zu dem Phänomen eingeengt und beziffert die Zunahme auf fünf Prozent pro Grad Erwärmung. Die Gruppe um Katja Frieler vom Potsdam-Institut hat in sechs Eisbohrkernen nachvollzogen, wie sich das Ende der letzten Eiszeit auf die Niederschläge ausgewirkt hat. Diese Daten haben die Forscher mit Ergebnissen von 35Klimasimulationen kombiniert. Zuvor kursierten Schätzwerte zwischen praktisch null und 13 Prozent pro Grad Erwärmung (Nature Climate Change, online).



    Die Erderwärmung führt zu verstärkten Schneefall über der Antarktis

    Den Grund für diesen zunächst widersinnig erscheinenden Effekt liefert die Physik: „Wärmere Luft enthält mehr Feuchtigkeit, und das kann zu mehr Niederschlag führen“, sagt Frieler. Dadurch wächst der Eispanzer und es sinkt der Meeresspiegel, weil Wasser in Form von Schnee auf festem Land liegen bleibt. Frielers Kollegin Ricarda Winkelmann rechnet mit einem Absinken des Ozeans in 100 Jahren um etwa drei Zentimeter pro Grad Erwärmung. Sie hat dabei berücksichtigt, dass mehr Schnee den Druck auf das Eis darunter erhöht, schneller zur Küste zu fließen.

    Klimaforscher rechnen zurzeit mit bis zu vier Grad Erwärmung, wenn der politische Klimaschutz nicht bald greift. Trotzdem dürfte der zunehmende Schneefall in der Antarktis den Trend der anschwellenden Weltmeere nur bremsen, nicht umkehren. Zurzeit steigt der Meeresspiegel um drei Zentimeter pro Jahrzehnt. Bis 2100 könnte der Zuwachs laut Weltklimarat einen Meter erreichen.

    Dafür sind auch Prozesse in der Antarktis verantwortlich, wo große Gletscher im Westen des Kontinents rapide schmelzen. Einer neuen Studie zufolge ist aber auch einer der größten Eisströme im bislang stabilen Osten gefährdet, der Totten-Gletscher (Nature Geoscience, online). Eine Forschergruppe um Jamin Greenbaum von der University of Texas hat Kanäle unter dem Eis entdeckt, die das Polarmeer mit dem tiefen Trog verbinden, auf dem das Totten-Schelfeis liegt. Außerdem konnte das Team eine Blase relativ warmen Wassers in passender Tiefe ganz in der Nähe identifizieren. Wenn es in den Trog strömt, könnte der Totten-Gletscher ins Rutschen geraten.

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  • 03/17/15--01:40: Bloß keine Tupperware





  • . . . für Tupperware. Tupperdosen stehen für jegliche Unspontaneität des Lebens. Sie stehen für: Ich überlege mir heute schon, was ich morgen essen werde, damit es gesund ist und ich nicht in Versuchung komme, einfach mal loszugehen und mir ein paar Pommes zu holen. Oder: Ich habe meinen Schatz so lieb, dass ich ihm sein Brot in Herzform schneide und ihm mit auf die Arbeit gebe.

    Ein paar Plastikdosen hab ich zwar auch. Und natürlich kann ich nicht behaupten, dass sie nicht manchmal praktisch sind und dass man vielleicht hier und da theoretisch noch eine gebrauchen könnte. Aber keine Tupperdosen! Die sind noch schlimmer als andere! Da gibt es für alles eine Extradose: für Soßen, Kartoffeln, Müsli, es gibt Tupperdosen für die Aufbewahrung von Plastiklöffeln für Kinder und – mein absoluter Negativ-Favorit – die Bananentupperdose. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich irgendwann nichts Besseres zu tun haben werde, als bei einem Tupperabend in einem Wohnzimmer zu sitzen und mir verzückt Plastikdosen anzuschauen, dann gruselt es mich.

    [seitenumbruch]




    . . . für Bacardi Breezer. Gemerkt habe ich das vor Kurzem auf einer Party im Studentenwohnheim. In jedem Zimmer gab es ein Motto und ein dazu passendes Getränk. Bei meiner Freundin war es Rave – und eben Alkopops. Jeder, der ins Zimmer kam, hat sich mega gefreut. In unserem Alter hat ja fast jeder mit Smirnoff Ice oder Bacardi Breezer angefangen zu trinken und verbindet damit die Erinnerung an die aufregende Zeit der ersten Partys. Im Prinzip haben wir Alkopops damals aber nur gebraucht, um uns mit dem Zucker den Alkohol schmackhaft zu machen. An den hat man sich mittlerweile gewöhnt, würde ich sagen. Musste man ja, wegen der Alkopopsteuer und des daraus resultierenden Preiszuschlags, den wir uns nicht mehr leisten konnten. Das noch mal zu trinken, war aus nostalgischen Gründen schon super, hat aber auch echt für die nächsten Jahre wieder gereicht. Der Kater nach der Party war ziemlich mies.

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  • 03/17/15--05:45: Kanye tanzt
  • Dass unser Lieblings-Bühnenstürmer Kanye West so ziemlich alles kann, ist besonders ihm bekannt: Super rappen, Traumfrau finden und Lederhosen tragen, kurz auf Twitter ausrasten und dann das passende Mesh-Top für seine Tochter North rauslegen. Aber seit neuestem macht Kanye auch was, das alle lustig finden: Er tanzt. Und zwar nicht auf der Bühne, sondern auf einem eigens kreierten Instagram-Account: dancingkanye.





    Nachdem dort vergangene Woche ein Video des Künstlers hochgeladen wurde, der sich in sandfarbener Schlabberkluft an Breakdance- und Roboter-Moves verausgabt, stellte man begeistert fest: Kanyes Tanz passt ja zu allem! Zu 33 verschiedenen Songs probierte man den West’schen Universalschritt schon aus. Von Hip-Hop-Klassikern wie „It’s All That“ oder A-HA’s „Take On Me“ – Kanye bewegt sich geschmeidigst zu den Beats und bekommt dabei sogar prominente Unterstützung von Chris Brown, Beyoncé oder Michael Jackson.

    http://youtu.be/-MxXWK4tYNc

    In nur einer Woche erreichte der Account 20.000 Follower. Eine göttliche Fügung? Vielleicht. Denn auch wenn uns Kanye auf die Nerven geht, bringt er uns so wenigstens immer noch zum Lachen. Und gibt uns eine kleine Weisheit mit auf den Weg: Wer nervt, den sollte man sich einfach mal im Roboter-Move auf der Tanzfläche vorstellen.  

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    Seit ein paar Tagen verschicke ich Spam-Mails. Ich schreibe fremden Menschen, dass bei ihnen automatische Kontoabbuchungen nicht durchgeführt und Lastschriften von Amazon nicht vorgenommen werden konnten. Wahrscheinlich verschicke ich auch Angebote für Penisverlängerungen. Ich weiß das nicht so genau. Ich bekomme von dem Ganzen nur etwas mit, weil jeden Morgen Dutzende E-Mails mit dem Betreff "Mail delivery failed" in meinem Postfach auf mich warten.

    Das ist erst einmal nervig, weil ich jeden Tag noch mehr Mails als sonst löschen muss. Aber auch beunruhigend. Kann mich am Ende vielleicht jemand verklagen, der angeblich von mir mit komischen Spam-Mails bombadiert wird? Weil er auf seltsame Links klickt und sich damit einen Virus auf seinen Computer holt?

    Ich rufe als erstes beim Kundenservice meines Mailanbieters an. "Ich nehme an, Ihr Account wurde gehackt", sagt der Sachbearbeiter, "da können Sie eigentlich nur eines tun: Ihr Passwort ändern." Im Ordner mit den gesendeten Nachrichten sind allerdings keine, die ich nicht selbst geschrieben habe. Die könnten natürlich gelöscht worden sein, doch in den Zustellungsberichten stehen vor meiner Mailadresse auch seltsame Absendernamen: "Stellvertretender Sachbearbeiter Mail & Media GmbH", "Beauftragter Rechtsanwalt Amazon GmbH", "Zimmermann LTD" und "Inkasso Abteilung GiroPay GmbH".

    Als ich das dem Sachbearbeiter sage, gefällt mir seine Antwort ganz und gar nicht: "Das ist der Super-Gau!" Jemand gebe wohl einfach nur meine Mailadresse als Absender an. "Da kann man gar nichts tun." Dass jemand in einem solchen Fall Probleme bekommen habe, sei ihm aber in den neun Jahren, in denen er bei dem Mailanbieter arbeitet, noch nicht untergekommen.

    Das beruhigt mich nur kurz. Ich ändere mein Passwort und recherchiere weiter im Internet. Dabei stoße ich auf Christian Solmecke, Rechtsanwalt für Medien- und IT-Recht in der Kanzlei Wbs-law. Auch ihm sind noch keine Fälle bekannt, in denen jemand in so einem Fall verklagt wurde. Ausschließen kann er das aber nicht.
    "Im schlimmsten Fall droht Ihnen eine Anzeige von einem Mail-Empfänger", sagt Solmecke. "Das Versenden von Spam-Mails ist strafrechtlich relevant, wenn die Inhalte schädlich (wie bei Phishing Mails) oder illegal (zum Beispiel Kinderpornografie) sind."

    Mein Bauchgefühl war also richtig. Ich muss etwas unternehmen, nur weiß ich immer noch nicht, was. "Wehren können sich Betroffene meist, wenn sie nachweisen können, dass der E-Mail-Account gut gesichert war, das Passwort nicht fahrlässig Dritten zur Verfügung gestellt wurde und keine Kenntnis von der rechtswidrigen Nutzung des Accounts bestand", sagt Christian Solmecke. Hier sei die Haftung vergleichbar mit der eines gehackten e-Bay Kontos. "Nutzer haften nur für die unter Missbrauch ihres Accounts getätigten Bestellungen oder sonstigen Geschäfte, wenn ein rechtswirksamer Vertrag in ihrem Namen geschlossen wurde", so Solmecke. "Daran fehlt es aber beim Account-Missbrauch in aller Regel." Er empfiehlt mir, bei der Polizei Strafanzeige gegen unbekannt zu erstatten. "Die Strafanzeige dient als zusätzlicher Beweis dafür, dass Sie nicht für die Spam-Mails verantwortlich sind." Und ansonsten bleibt mit vorerst wohl nicht anderes übrig, als jeden Morgen sehr viele "Mail delivery failed"-Nachrichten zu löschen.

    Kathrin Hollmer, 26, ist auch deshalb so genervt von ihrem Mailadressen-Missbrauch, weil sie sich eigentlich immer über neue Mails freut – und jedes Mal enttäuscht ist, wenn im Betreff wieder "Mail delivery failed" steht.  

    Fünf Tipps, wenn deine Mail-Adresse für Spam missbraucht wird: 

    1. Sofort das Passwort für den Mail-Account ändern und ein sicheres Passwort (Kombination aus Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen) verwenden. Das Passwort regelmäßig (mindestens alle drei Monate) wechseln.

    2. Zur Sicherheit alle Passwörter – für Facebook, Twitter, Instagram, Online-Shops usw. – ändern.

    3. Die "Mail delivery failed"-Mails als Beweis aufheben.

    4. Damit die vielen Mails nicht nerven, eine Regel im E-Mail-Postfach erstellen, damit die Nachrichten automatisch in einem eigenen Ordner landen.

    5. Bei der Polizei Strafanzeige erstatten.

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  • 03/17/15--09:00: Handgemacht
  • Wenn die Augen die Fenster zur Seele sind, dann sind die Hände zumindest mal der Blumenkasten davor. Sie verbergen, unterstreichen oder verraten, was drinnen eigentlich los ist. Sie fuchteln, winken, ballen sich zur Faust oder werden in langen Pulliärmeln versteckt. Hände sagen Hallo, Tschüss und auf Nimmerwiedersehen. Scrollen sich durch das Wissen der Welt und wischen einmal für die Partnerwahl.





    Gesten sind, wie die Blumen vor dem Fenster, Geschmackssache. Nicht jeder findet dieselben schön, aber oft benutzt man trotzdem die gleichen (siehe das Fingerschnippen von Klasse 5 bis 7). Der Stinkefinger, die vielleicht klarste Nummer der nonverbalen Kommunikation, führt auch mal zu größeren politischen Diskussionen, wie man jüngst bei Jauch bemerkte. Klar sind Handzeichen aber nicht immer: Wenn zum Beispiel ein Harley-Fahrer einem Spanier sein „Rock On“ entgegenstreckt, prallen neben den Mentalitäten eventuell auch Fäuste aufeinander. Im Süden Europas heißt die Geste mit den zwei abstehenden Fingern: Deine Frau betrügt dich.





    Dass man das Gefuchtel des anderen nicht immer versteht, liegt nicht nur an kulturellen Unterschieden, sondern auch daran, dass jede Generation ihre Hände anders benutzt. Statt dem Peace-Zeichen geht heute eher ein Westcoast-Finger-W, und statt übermotiviert Winken tippt der Daumen lieber ein paar Herzchen mehr ins Smartphone. Damit man zumindest im näheren Umfeld nicht den Überblick verliert, was man mit den Händen alles so machen kann, hat der Regisseur Jonas Lindström die wichtigsten Gesten in einem sehr schönen Video gesammelt. High Five, Jonas!

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  • 03/17/15--10:00: Scharf gestochen
  • „Schonmal dran gedacht, wie das in 50 Jahren aussieht?“ – den Satz muss man sich als tatöwierter Mensch oder einer, der darüber nachdenkt, gerne mal anhören. Dass man ein Motiv für immer bei sich tragen möchte, können viele nicht verstehen. Dass man es dann immer noch schön finden soll, auch nicht. Unscharfe Linien und veraltete Phrasen auf faltiger Haut. Schön ist das nicht. Oder doch?

    [plugin imagelink link="http://s3-ec.buzzfed.com/static/2015-03/16/13/enhanced/webdr01/enhanced-8667-1426527063-5.jpg" imagesrc="http://s3-ec.buzzfed.com/static/2015-03/16/13/enhanced/webdr01/enhanced-8667-1426527063-5.jpg"] (Quelle: buzzfeed.com)

    Klar, ob der Anker mit dem Büttenschriftzug „Monika“ sich mit 75 noch so stolz auf dem Oberarm trägt oder das Arschgeweih über dem erschlaffenden Gesäß noch so kleidsam ist, ist eine Frage. Fotos von tatöwierten Senioren zeigen aber auch, dass es darum gar nicht mehr geht. Wie die Porträtierten aussehen ist trotzdem irgendwie: schön. Stark. Und spannend.

    Tattoos sollen nach modernem Verständnis wie Abziehbildchen funktionieren: dekorativ und austauschbar sein. Die, die sich davon nicht beeinflussen lassen, sehen am Ende doch gar nicht so blöd, sondern irgendwie cool aus. Vielleicht, weil es nicht mehr darum geht, ob ein Motiv noch hübsch unverblasst und faltenfrei auf der Haut zu sehen ist. Sondern darum, dass die Motive genau das porträtieren: Menschen mit gelebter Lebenszeit. Und davor braucht man eigentlich keine Angst zu haben.


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