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  • 03/17/15--10:29: Periode, igitt?
  • "Die weibliche Periode darf kein Tabu mehr sein!", findet Dilek Özyildirim:   



    Die Aktivistin Elone hat Damenbinden mit feministischen Parolen beschriftet und an Laternenpfähle geklebt. Okay, das hat bei mir auch erstmal ein Augenrollen ausgelöst: Oh je, noch so ein Feministengedöns, wie bei den Femen-Mädels, die immer mit ihren Brüsten wackeln und Politiker anbrüllen. Man kann über die Binden-Aktion denken, was man will, aber eines hat Elone damit definitiv erreicht: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist immer gut. Das regt Gedanken an. Fördert den Dialog.

    Auf einer der Binden steht: “Imagine if men were as disgusted about rape as they are with periods”, zu Deutsch: „Stell dir vor, Männer fänden Vergewaltigungen genauso ekelhaft wie die Periode.“

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    Ja, die Aussage ist ziemlich polarisierend. Will Elone damit sagen, dass sich Männer tatsächlich mehr vor der Periode ekeln als vor Vergewaltigungen? Quatsch. Oder doch?

    Zum einen gibt es da einen Trend, den ich bedenklich finde: Der neue Kult um „Rape-Analogien“. Es gibt ein ganzes Memegenre, das sich dem „Raping“ widmet. Zum Beispiel dieser Satz aus dem Urban Dictionary:„Dude, I totally raped your ass during that last game of Age of Empires“.  Das Wort “Rape” ist salonfähig geworden. Männer scheinen sich im sprachlichen Gebrauch also schon mal nicht so sehr davor zu ekeln. Bei der Periode fängt es aber damit schon an: Kaum jemand spricht über die monatliche Blutung. Stattdessen läuft der ganze Prozess meist heimlich und schön unbemerkt ab, sodass es ja keiner mitkriegt und sich davor ekeln muss.

    Die Menstruation ist eines der letzten und hartnäckigsten Tabuthemen vieler Kulturen. Sie wird als “Beschmutzung” gesehen, totgeschwiegen und höchstens unter Frauen in engem Kreise thematisiert. Und das auch ungern, denn man ekelt sich ja selbst davor, was da aus einem rauskommt. In Ländern, in denen Frauen keinen Zugang zu Tampons und Binden haben, werden sie während ihrer Tage komplett aus der Gesellschaft ausgesschlossen und als unrein bezeichnet. In so ziemlich jeder monotheistischen Religion ist die menstruierende Frau negativ aufgeladen. Und auch dort, wo man aufgeklärt, sucht eine ganze Industrie nach Mitteln, die monatliche Blutung so geheim wie möglich zu halten: Bindenhersteller tüfteln an immer leiser auzufreißenden Bindenverpackungen. Pads gibt es jetzt mit Aloe Vera Duft. Spritzen, die die Periode für mehrere Monate aussetzen, sind schon längst auf dem Markt. Die Periode wird wie eine Krankheit behandelt, die es schnell zu heilen oder zu verstecken gilt.

    Ich finde: Wer die Menstruation eklig findet, findet auch Frauen eklig. Denn sie gehört zum Frausein dazu. Und mal ganz ehrlich: Es ist doch nur Blut. Es ist weder schmutzig, noch irgendwie besonders. Wir ekeln uns ja auch nicht vor blutenden Wunden. Da kommt ein Pflaster drauf und fertig. Wieso dann dieses Theater um die Periode? Klar, sie ist nicht gerade angenehm, die Schmerzen und der hygienische Aufwand rauben Kraft und Nerven. Aber nur weil etwas unangenehm ist, muss man es nicht tabuisieren.

    Männer können die Periode nicht verstehen, weil sie sie nie am eigenen Leib erleben. Viele ekeln sich also davor, weil sie es nicht kennen. Und da Männer nun mal für lange Zeit die Maßstäbe für alles gesetzt haben, hat sich diese Ablehnnung auch auf die Frauen übertragen. Warum ekeln sich Männer eigentlich nicht vor ihrem Sperma? Es gibt unzählige Cumshot-Videos, in denen Männer mit ihren Sekreten spielerisch Frauengesichter gestalten. Aber andersrum: Frauen, die auf Männer menstruieren? Undenkbar.

    Dieser Ekel vor uns selbst kann nicht gesund sein. „Reinheit“ ist ein Begriff, der nichts mit dem Menschen zu tun hat. Die Periode schön zu reden oder zu verstecken, hilft niemanden. So entstehen bloß falsche Vorstellungen davon und vom Frausein generell. „Sekret-Feministinnen“ benutzen radikale Methoden und über deren Stil kann man sich streiten. Aber sie wirken. Sie schocken und lösen Gefühle aus, vom Ekel bis zur Neugier. Sie zeigen den weiblichen Körper so wie er ist.
    [seitenumbruch]
    "Es ist total okay, die Periode eklig zu finden", sagt Nadja Schlüter:



    Irgendwann hat das angefangen. Irgendwann wurde es Trend, Feminismus mit sehr Körperlichem und Intimem zu verbinden. Zum Beispiel mit Periodenblut und allem, was zum Themenfeld "Menstruation" gehört. Die Message von der Gleichberechtigung der Frau oder der Kampf dafür wird dann mit einem T-Shirt mit einer blutenden Vagina drauf befeuert. Oder eine Künstlerin schreibt feministische Botschaften auf Binden. Oder eine Frau ruft sehr laut so etwas Ähnliches wie: „Ja, ich habe meine Tage, verdammte Scheiße!“ durchs Internet. Oder es wird mit blutverschmierten Hosen gegen das Patriarchat demonstriert. Oder es gibt angebliche Trends wie das "Free-Bleeding": keine Binden und Tampons mehr benutzen, sondern einfach laufen lassen.

    Das soll wohl wuchtig sein. Besonders mutig, weil irgendwie schmutzig, aber mit „Eben gar nicht schmutzig, sondern total normal!“-Haltung. Das Intime und die Sekrete sind dann Medium für die Botschaft. Aber oft geht es auch darum, dass diese Dinge selbst „enttabuisiert“ werden sollen. Und das ist leider: peinlich. Und schießt am Ziel vorbei.

    Man sagt gern, dass alles, was Aufmerksamkeit generiert, gut ist. Elone, die Künstlerin, die Damenbinden mit feministischen Botschaften drauf in der Öffentlichkeit verteilt, hatte wohl genau diesen Gedanken. Weil das Auge der Passanten von einer Binde gestört wird, man ist halt irritiert, wenn etwas am Laternenpfahl statt im Slip klebt. Und weil sie irritiert sind, gehen die Menschen näher ran und lesen, was draufsteht, auf der Binde. Okay. Kann man machen. Aber dann steht auf einer der Binden zu Beispiel: „Stell dir vor, Männer fänden Vergewaltigungen genauso ekelhaft wie die Periode.“

    Diese Botschaft sagt zum einen „Vergewaltigung ist ekelhaft“. Da kann natürlich keiner was gegen sagen. Sie sagt aber gleichzeitig, dass es falsch ist, dass Männer die Periode ekelhaft finden. Das schwingt Empörung über diese Tatsache mit. Und die nimmt der anderen, der wichtigeren Botschaft, den Wind aus den Segeln.

    Denn zum einen würde ich es bezweifeln, dass die meisten Männer die Periode überhaupt „ekelhaft“ finden, das ist ja schon ein sehr starkes Wort. Sagen wir lieber „unangenehm“, das nämlich bestimmt. Und zum anderen, und darauf will ich eigentlich hinaus, bin ich der festen Überzeugung, dass es okay ist, die Periode unangenehm zu finden. Und zwar für beide Geschlechter. Ein Mal im Monat zu bluten macht Frauen keinen Spaß und Periodenblut sieht weder schön aus noch riecht es gut oder fühlt sich gut an. Es nervt. Es nervt Frauen und Männer. Und das ist völlig in Ordnung. Man muss nicht darauf beharren, wie „natürlich“ das alles ist. Man darf die Nase rümpfen, wenn einem der Geruch aus dem offenen Mülleimer entgegenschlägt. Man darf als Frau Tampons unauffällig in der Hosentasche verschwinden lassen. Und man muss es blöd finden dürfen, wenn Künstlerinnen Binden an Laternen kleben, ohne, dass man gleich verklemmt oder unemanzipiert ist. Der total offene Umgang mit der Monatsblutung hilft niemandem. Frauen nicht, Männern nicht, dem Feminismus nicht. Er ergibt auch einfach keinen Sinn. Wir enttabuisieren ja auch nicht das Urinieren und Defäkieren. Wir haben ja auch lieber keine Rotze am Ärmel. Schon mal was von Kulturleistung gehört? Dass Sekrete privat bleiben ist meines Erachtens eine ziemlich schöne.

    Jetzt kann man natürlich sagen: urinieren und defäkieren und sich die Nase putzen, das müssen alle, egal welchen Geschlechts. Bluten, das müssen nur die Frauen. Also muss man darauf aufmerksam machen, wegen Ungleichheit und so! Nein, muss man nicht. Denn die Periode ist ja kein menschengemachter Unterschied der Frau zum Mann, kein soziales Konstrukt, über das aufgeklärt werden müsste. Es ist einer der wenigen biologischen Unterschiede, mit denen wir uns noch rumschlagen müssen. Und die lassen sich, im Gegensatz zu den sozialen, nicht ausmerzen, indem man drüber spricht. Sondern indem man sie verschweigt. Diskret damit umgeht.

    Zum Schluss noch Folgendes: Wenn ich miese Laune habe und jemand deswegen in süffisantem Ton „Kriegst du deine Tage, oder was?“ sagt – dann muss ich leider explodieren. Weil das geschmacklos ist. Und sexistisch. Dagegen hilft nur eines: Den Menschen klarmachen, dass sämtliche Kommentare, die irgendeinen Teil des Charakters auf irgendwas Geschlechtspezifisches zurückführen, Schwachsinn sind. Was allerdings nicht dagegen hilft: Die Periode an sich zu thematisieren. Das macht es vielleicht sogar noch schlimmer. Weil man damit ihren Ruf als monatlicher Ausnahmezustand zementiert.

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  • 03/18/15--00:30: Die Rechnung, bitte
  • Bei Starbucks läuft es ungefähr so: Ein Frappuccino geht über die Ladentheke, etwa in der Filiale in Berlin am Brandenburger Tor. Profit daraus fließt aber in die Niederlande. Dort hat die Kaffeehauskette zwei Firmen gegründet, die Starbucks Coffee EMEA BV und die Starbucks Manufacturing EMEA BV. Sie rösten Bohnen und liefern sie in die Nachbarländer – dafür muss die Filiale in Berlin bezahlen. Das Geld bleibt aber nicht in den Niederlanden. Die Starbucks Coffee EMEA BV muss wiederum Lizenzgebühren überweisen: an die Alki LP, eine britische Firma. Der Gesellschaft gehört das „intellektuelle Eigentum“ des Konzerns, also die Marke Starbucks und das Design, durch das Kaffee-Fans von Weitem den Laden am Brandenburger Tor erkennen.



    Einige Großkonzerne machen es wie Starbucks: Durch Umwege entgehen sie der Steuerpflicht. Nun will die EU Kommission dagegen vorgehen

    Gewinne fließen aus Deutschland in die Niederlande nach Großbritannien, durch viele Gesellschaften, hin und her – bis niemand mehr nachvollziehen kann, wie und ob Konzerne überhaupt noch Steuern zahlen. Das, was für normale Bürger absurd klingt, ist von den 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nicht anders gewollt. In den nationalen Hauptstädten ist man bedacht, sich über Steuerwettbewerb möglichst viele Standortvorteile zu sichern. Über die Jahre hat dieser Steuerwettbewerb des rein rechnerisch größten Binnenmarktes der Welt ruinöse Züge angenommen. Die Staaten hatten ihre Grenze trotz allem nicht dafür geöffnet, damit große Unternehmen das Finanzamt prellen können. Doch genau das geschieht. Der Schaden umfasst jährlich zig Milliarden, sagen Experten.

    Die Europäische Kommission will jetzt umfassend gegen die gewerblichen Steuertrickser vorgehen – und an diesem Mittwoch ein Gesetzespaket verabschieden, das den ruinösen Steuerwettbewerb zwischen den Mitgliedsstaaten einzudämmen hilft. Der Entwurf liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Danach sollen die Mitgliedsstaaten einander künftig automatisch informieren, wenn eine nationale Finanzbehörde mit international tätigen Konzernen wie Starbucks eine Steuerabsprache trifft. Auch die Behörde muss informiert werden. Die Daten sollen vierteljährlich ausgetauscht werden. Genannt werden sollen die Namen der beteiligten Firmen im In- und Ausland, die wesentlichen Inhalte und die betroffenen Mitgliedsstaaten. Rechtlich geht es um Steuervorentscheide. Behörden legen darin fest, wie eine Firma voraussichtlich veranlagt wird, bevor das Geschäftsjahr abgelaufen ist und später der tatsächliche Steuerbescheid kommt. Die Finanzbeamten sollen erklären, wie sie zu ihrer Entscheidung gekommen sind.

    Die anderen Staaten können im Bedarfsfall ausführlichere Informationen verlangen. Die kompletten Steuervorentscheide will die Europäische Kommission nicht automatisch verschickt sehen – das sei zu aufwendig. Auf Anfrage muss ein betroffenes Land die zusätzlichen Daten innerhalb einer Frist liefern. Sieht sich ein Staat durch einen Steuer-Deal benachteiligt, kann es bilateral protestieren. Die Steuerpolitik bleibt weiterhin eine hoheitliche Entscheidung der einzelnen Länder. Tritt die EU-Richtlinie in Kraft, können Staaten, aus denen Gewinne abfließen, dank der dann verfügbaren Informationen möglicherweise auch die eigenen Gesetze besser anpassen, um Schlupflöcher zu schließen. Dabei hilft es, dass die Kommission auch über Altfälle informieren lassen will, die bis zu zehn Jahre zurückliegen.

    Theoretisch können EU-Staaten diese Steuervorentscheide bereits austauschen, das wird jedoch nicht praktiziert. Deswegen ist es wichtig, dass der Gesetzesentwurf zum automatischen Datentausch verpflichtet. Dann liegen sie jedem Land zumindest vor. Handelt ein Konzern einen Deal mit einer europäischen Steueroase aus, ist dieser bisher für Außenstehende praktisch nicht zu durchschauen.
    Der Entwurf könnte zum ersten Mal strenge europäische Standards auf dem Gebiet der Konzernbesteuerung setzen. Doch den Vorschlägen aus Brüssel müssen sich noch die europäischen Regierungen anschließen. Das wird nicht einfach. „Leider ziehen viele Mitgliedsstaaten kurzfristige Vorteile im Steuerwettbewerb einem langfristigen Rahmen für ein stabiles System vor“, sagt der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer, der für die Liberalen als Sonderberichterstatter in einem Ausschuss die Steuertricks der Konzerne aufklären will. Länder wie Luxemburg, Niederlande und Irland profitieren davon, dass sie internationale Konzerne durch Steuerrabatte ins Land locken – auch wenn die Regierungen das lieber „wettbewerbsfähige Steuerpolitik“ nennen. Und andere Staaten ziehen nach. Großbritannien beispielsweise bietet eine Steuersubvention, die vor Kurzem Starbucks überzeugt hat, die Europazentrale aus den Niederlanden nach London zu verlegen. Der Frappuccino wird sich an neue Umwege gewöhnen müssen.

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  • 03/18/15--00:41: Gedopt im Büro
  • Stress und Leistungsdruck treiben immer mehr Menschen zum Doping am Arbeitsplatz. Bis zu fünf Millionen Beschäftigte putschen sich nach Schätzungen der Krankenkasse DAK manchmal mit verschreibungspflichtigen Medikamenten auf. Regelmäßig dopen sich den Zahlen nach knapp eine Million Berufstätige. Das geht aus dem Gesundheitsreport 2015 der DAK-Gesundheit hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.



    Bis zu fünf Millionen Gesunde nehmen beim Arbeiten Medikamente.

    Nach Angaben der Krankenkasse lag die Zahl der Berufstätigen, die eigentlich gesund waren, aber trotzdem leistungssteigernde Mittel oder Stimmungsaufheller für das sogenannte Hirndoping einnahmen, bei knapp drei Millionen. Das entspricht einer Steigerung in den vergangenen sechs Jahren um zwei Prozentpunkte auf 6,7 Prozent der Beschäftigten. Die Kasse geht jedoch von einer Dunkelziffer von bis zu zwölf Prozent oder rund fünf Millionen Beschäftigten aus, die schon einmal derartige Substanzen missbräuchlich eingenommen haben.

    Auslöser für den Griff zur Pille sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Vier von zehn Dopern gaben laut Studie an, bei konkreten Anlässen wie Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente zu schlucken. Männer versuchten damit vor allem, ihre beruflichen Ziele noch besser zu erreichen. Auch wollen sie nach der Arbeit noch Energie für Freizeit und Privates haben. Frauen nehmen solche Medikamente am ehesten zur Stimmungsaufhellung und um Ängste abzubauen. Am häufigsten greifen Beschäftigte zu Medikamenten gegen Angst, Nervosität und Unruhe (60,6 Prozent) sowie zu Mitteln gegen Depressionen (34 Prozent). Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. Mehr als jeder Zehnte erhofft sich von Betablockern, die vom Arzt eigentlich bei Bluthochdruck oder Herzerkrankungen verschrieben werden, Hilfe gegen Stress, Nervosität und Lampenfieber. Zu den eingesetzten Mitteln zählt auch der Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin. Methylphenidat wird vor allem zur Behandlung von ADHS verwendet. Gesunde nehmen die Pillen, um Wachheit und Konzentration zu verbessern.

    Auch wenn man noch nicht von einem Massenphänomen sprechen könne, seien Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings nicht zu unterschätzen, mahnte DAK-Chef Herbert Rebscher. Denn: „Wunderpillen gibt es nicht.“ Entgegen der gängigen Meinung seien es in erster Linie nicht Top-Manager oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Hochleistungen bringen wollten – das Problem liege ganz anders: „Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit, desto höher ist das Risiko für Hirndoping.“ So hätten bei den Beschäftigten mit einer einfachen Tätigkeit bereits 8,5 Prozent Stimulanzien eingenommen, bei Gelernten oder Qualifizierten seien es 6,7 Prozent gewesen und bei Hochqualifizierten 5,1 Prozent. „Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, stellte DAK-Chef Rebscher klar.

    Ein Großteil der Menschen kommt über Ärzte an die Mittel. Aber auch Freunde, Bekannte oder Familienangehörige seien oft bereit, solche Medikamente weiterzugeben. Ein zunehmender Faktor sei außerdem der Internethandel. Die Krankenkasse wertete für ihren Report Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten aus und befragte zusätzlich 5000 Berufstätige im Alter zwischen 20 und 50 Jahren.

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    Damit Bruce Schneier für einen kurzen Augenblick seine ruhige Art vergisst, reicht es aus, wie der Chef des US-Inlandsgeheimdienstes FBI zu argumentieren. Etwa so: Haben Strafverfolgungsbehörden recht, wenn sie davor warnen, bald im Dunkeln zu tappen, weil sich Verbrecher immer stärker in den digitalen Raum verziehen? „Bullshit“, platzt Schneier in die Frage. „Das stimmt einfach nicht. Wenn man das FBI nach Beispielen fragt, werden sie plötzlich seltsam still. Wo sind denn all diese unaufgeklärten Verbrechen?“ Noch nie sei es so einfach gewesen, Menschen auszuspionieren, sagt Schneier am Telefon: „Wir leben im Goldenen Zeitalter der Überwachung“.

    Schneier ist 52 Jahre alt und zählt zu den bekanntesten Kryptografie-Experten. Als Edward Snowden NSA-Dokumente an Journalisten weitergab, wandten sich diese unter anderem an Schneier, um die Powerpoint-Präsentationen zu verstehen. Anfang März hat er sein neues Buch veröffentlicht, der Titel lautet: „Data and Goliath“, Daten und Goliath also. Kaum auf dem Markt, landet es schon auf der Bestseller-Liste der New York Times. Schneier schreibt seit Jahrzehnten über Verschlüsselung, Daten und Privatsphäre. Doch seit knapp zwei Jahren, in denen intensiv über Geheimdienste und deren Abhörwut diskutiert wird, hat sich seine Rolle verändert. Mittlerweile wollen viele Journalisten mit ihm reden, Mitglieder des US-Kongresses haben ihn zu Erklärstunden eingeladen.

    In kurzer Zeit hat sich die Welt grundlegend verändert. Es legt sich eine neue Schicht über die Realität – die der Daten: War es noch vor zehn Jahren undenkbar, aus Massen Datensätzen auf einzelne Individuen zu schließen, gilt heute das Gegenteil. Die Analystengruppe IDC schätzt, dass ein US-Bürger pro Jahr fast zwei Terabyte Daten produziert, knapp fünf Gigabyte jeden Tag. Das Buch von Schneier kommt zu einer Zeit, in der das Internet dabei ist, die Welt auf eine neue Art zu umspannen. In Zukunft werden auch jene Gegenstände an das Netz angeschlossen sein, mit denen Menschen nur oberflächlich in Berührung kommen, wie etwa Heizungen.

    Schneiers Buch könnte die neue Blaupause für Überwachungsgegner werden. Detailliert schildert er, wie Geheimdienste und Unternehmen an die Daten kommen und was sie damit anstellen. Die Akribie, die Schneier dabei an den Tag legt, vermittelt den Eindruck, dass es ihm gelungen ist, Material, das für eine Enzyklopädie ausreichen würde, auf 320 Seiten zu schrumpfen. Wer dieses Buch liest, dem muss mulmig werden – alleine durch die Auswahl von konkreten Fällen, die er schlicht nacherzählt. Zum Beispiel, wie die Firma einer Taschenlampen-App heimlich Standortdaten gesammelt und diese angeblich an Marketing-Unternehmen weiterverkauft hat. Die Summe der Beispiele macht aus vermeintlichen Einzelfällen ein Prinzip, macht aus Geheimdiensten wiederholte Rechtsbrecher.
    Beim Lesen stellt sich automatisch die Frage, ob und wie man sich als Einzelperson gegen die Überwachung wehren kann. Die Antwort lautet: nur teilweise. Schneier beschreibt in einem eigenen Unterpunkt zwar das Instrumentarium für ein digitales Schutzschild. Man kann sich Techniken aneignen, um sicher zu kommunizieren, zum Beispiel mit dem anonymen Web-Browser Tor durch das Internet surfen oder seine E-Mails mit PGP verschlüsseln. Durchgesetzt haben sich diese Techniken jedoch nicht – und sie sind teilweise sehr benutzerunfreundlich.

    „Meine Vorschläge betreffen nicht das Kernproblem“, sagt Schneier. „Dein Handy weiß alles über dich. Aber zu sagen: ‚Na dann lass es zu Hause‘, ist realitätsfremd. Wir brauchen diese Geräte, um am sozialen Leben teilhaben zu können.“ Schneier beschreibt sich selbst als Kurzfrist-Pessimist und Langfrist-Optimist und sagt, der effektivere Weg sei es, dass sich Menschen der Überwachung bewusst werden. „Das Beste, was wir tun können, ist darüber zu reden und uns zu empören.“



    Die Überwachung durch mobile Geräte kann nur teilweise verhindert werden. 

    Seit Snowden nehme er persönlich wahr, dass sehr viel anders über diese Themen diskutiert werde. Am Ende würden Menschen nicht durch „magische“ Technik geschützt, sondern durch Gesetze, die die Privatsphäre der Individuen absichern. „Das ist ein politischer Prozess, und das Gesetz bewegt sich nur langsam. Ich glaube, das wird eine Generation dauern, bis wir das Problem in den Griff bekommen“.
    In der Überwachungsdebatte gibt es Schneier zufolge einen falschen Gegensatz: die Vorstellung, dass man sich zwischen Sicherheit oder Privatsphäre entscheiden müsse. Wer vor Terroranschlägen geschützt werden will, so das Argument, müsse auf Privatsphäre verzichten. Schneier widerspricht dem. „Wir alle haben Wohnungstüren, die wir mit Schlössern absichern. Warum machen wir das? Damit wir mehr Privatsphäre haben. Wir geben weder das eine auf noch das andere. Sicherheit und Privatsphäre sind keine Gegensätze, sie bedingen einander“. Der massenhaften Überwachung durch die NSA setzt er gezieltes Ausspähen entgegen.

    Die Rolle der NSA sieht Schneier ganz grundsätzlich kritisch. So habe der Geheimdienst effektiv dazu beigetragen, die Sicherheit im Internet zu unterminieren. Nachdem Bilder aufgetaucht sind, auf denen zu sehen war, wie Mitglieder einer NSA-Sondereinheit Pakete abgefangen haben, um an Produkten der Firma Cisco herumzudoktern, sei das Vertrauen in die Technologie fürs Erste zerrüttet. Hinzu kommt, dass die NSA Software-Sicherheitslücken sammelt – um sie gegebenenfalls zu nutzen, nicht etwa, um betroffene Hersteller zu informieren. Dieses Verhalten der NSA findet Schneier grob fahrlässig. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Geheimdienst zerschlagen werden. Während er das Abhören von Regierungsmitarbeitern ausdrücklich bejaht, da dies eine stabilisierende Wirkung haben könne, sollten Terrorismus-Ermittlungen nicht über NSA-Datenbanken abgewickelt werden.

    Schneier schreibt, dass seine Empfehlungen eher „langfristig“ seien. Realistisch sind sie an diesem Punkt längst nicht mehr, wenn man bedenkt, dass die NSA pro Jahr mehrere Milliarden Dollar aus einem Geheimbudget verwendet, um exakt diese Form der Überwachung noch zu intensivieren. „Für die nahe liegende Zukunft wird das Abhören sehr einfach bleiben“, schreibt Schneier. Das hingegen ist schon sehr viel realistischer. Das Goldene Zeitalter hat gerade erst begonnen.

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  • 03/18/15--00:45: Die allerletzte Folge
  • Robert Durst ist nicht zu sehen, er hat sich gerade auf die Toilette verabschiedet. Seine tiefe, dumpf blubbernde Stimme ist jedoch zu hören, weil das Mikrofon an seinem Hemd noch immer eingeschaltet ist: „Jetzt haben sie dich erwischt. Was für eine Katastrophe. Was zur Hölle habe ich gemacht? Sie alle getötet, natürlich.“ Der amerikanische Multimillionär Durst könnte damit gleich mehrere Morde gestanden haben. Das jedenfalls suggeriert die sechsteilige Dokumentation „The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst“, deren letzte Folge am Sonntag vom Bezahlsender HBO ausgestrahlt wurde. Durst wurde am Samstag in einem Hotel in New Orleans festgenommen, er soll nun nach Los Angeles überstellt werden.



    Robert Durst hat mit seiner reichen Familie gebrochen. Sein Bruder sagt über ihn: "Er ist ein Psychopath ohne jegliche Emotionen".

    Die Geschichte klingt zunächst einmal recht verständlich: Da hat einer während eines Interviews nicht aufgepasst, er hat sich verraten und sitzt nun im Gefängnis. Durst wird verdächtigt, im Jahr 1982 seine Ehefrau Kathleen ermordet zu haben, sie gilt immer noch als verschwunden. 18 Jahre später soll er seine Vertraute Susan Berman erschossen haben. Im Jahr 2001 hat er seinen Nachbarn Morris Black getötet und später zerstückelt – dass es wirklich Notwehr war, wie er damals glauben machen konnte, wird nun bezweifelt. Die Ermittler in Los Angeles haben Durst, 71, mittlerweile angeklagt wegen Mordes an Berman und anderer Delikte wie Waffenbesitz und Falschaussage. Bei einer Verurteilung droht ihm in Kalifornien die Todesstrafe.

    Wer sich jedoch ein wenig intensiver mit dem Leben dieses Menschen, mit der Entstehung der TV-Dokumentation und Gerichtsakten vergangener Fälle beschäftigt, der muss aufpassen, keinen Gordischen Knoten im Kopf zu bekommen. Was da in den vergangenen 35 Jahren passiert ist, das ist derart irre, dass die Frage erlaubt sein muss, was das für ein Planet ist, auf dem wir leben. Und was für ein Mensch dieser Robert Durst eigentlich ist.

    Wenn reiche Leute groteske Sachen anstellen, dann gelten sie erst einmal nicht als verrückt, sondern als exzentrisch. Wenn sich etwa einer wie Durst als Frau verkleidet und so tut, als wäre er eine stumme Botanikerin. Wenn er in die Mülleimer seiner Kollegen uriniert und beim Diebstahl eines Sandwiches erwischt wird, obwohl er 500 Dollar in bar einstecken hat. Solche Sachen eben, mit denen man durchkommt, wenn sich das Familienvermögen laut Forbes auf 4,4 Milliarden US-Dollar beläuft.

    Robert war das älteste von vier Kindern des Immobilien-Tycoons Seymour Durst, der einst an seinem Bürogebäude in der Sixth Avenue in Manhattan eine Uhr mit dem Schuldenstand der USA anbringen ließ. Im Alter von acht Jahren sah Robert, wie seine Mutter Bernice vom Dach der Familienresidenz fiel – bis heute ist nicht geklärt, ob sie wirklich fiel oder sich gestürzt hatte. „Das habe ich nie vergessen können, das hat mich immer verfolgt“, sagt Robert Durst in der TV-Dokumentation.

    Nach dem Uni-Abschluss arbeitete er im Unternehmen des Vaters. Er fiel dort nicht nur durch Zu-Spät-Kommen, Selbstgespräche und einen Schraubenschlüssel auf dem Schreibtisch auf, sondern auch durch das Umleiten von Firmengeld auf sein privates Konto. Sein Bruder Douglas sagte in einem Interview: „Aus Familiensicht war es einfach nur bizarr, weil sie ihm das Geld doch einfach gegeben hätten.“

    Bizarr war auch, dass sich Robert im Jahr 1981 sieben Hunde zulegte, die er allesamt Igor nannte und die innerhalb eines halben Jahres auf mysteriöse Weise verschwanden. „Wir wissen nicht, wie sie starben und was mit ihren Leichen passierte“, sagt Douglas. „Rückblickend glaube ich jedoch, dass er an ihnen übte, wie er seine Frau umbringen und entsorgen konnte.“ Kathleen Durst verschwand im Januar 1982 nach einem Streit und tauchte nicht mehr auf. Robert galt als verdächtig, wurde jedoch nie angeklagt.

    Im Jahr 1994 kam es zum Bruch mit der Familie, weil sein Vater nicht ihm, sondern Douglas die Leitung der Durst-Organisation übertragen hatte. Ausschlaggebend dafür soll gewesen sein, dass Robert wiederholt in die Mülleimer seiner Mitarbeiter uriniert hatte. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass er mich umbringen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte“, sagt Douglas über seinen Bruder. „Er ist ein Psychopath ohne jegliche Emotionen. Deshalb macht er diese Dinge, damit er stellvertretend die Emotionen empfinden kann.“

    Mit dem Mord an Susan Berman im Jahr 2000, so wird vermutet, könnte Durst versucht haben, sich vor einer Belastung im Fall seiner Frau Kathleen McCormack zu schützen. Berman sollte von der New Yorker Polizei zum Verschwinden von Dursts Frau befragt werden, wurde jedoch wenige Tage nach der Ankündigung des Verhörs erschossen in ihrem Haus in Los Angeles gefunden. Durst galt als Verdächtiger, konnte jedoch scheinbar nachweisen, in jener Woche nicht in L.A. gewesen zu sein. Durch die TV-Doku kam nun heraus: Er könnte damals sehr wohl in Kalifornien gewesen sein. Die Indizien dafür präsentierte Filmemacher Andrew Jarecki in der vorletzten Episode der Serie.

    Es geht noch weiter: Nicht einmal ein Jahr nach Bermans Tod wurde der Rumpf von Morris Black in einem Fluss entdeckt, später fand die Polizei Arme und Beine in einer Mülltüte im gleichen Fluss. Robert Durst gestand, seinen damaligen Nachbarn getötet und zerstückelt zu haben – jedoch aus Notwehr und nach dem Genuss von reichlich Whisky. Durst gab sich zu dieser Zeit als stumme Botanikerin aus, die in einer 300-Dollar-Wohnung im texanischen Galveston wohnte. Gefasst wurde er während seiner Flucht durch die USA, weil er – obwohl er 500 Dollar in bar bei sich hatte – ein Sandwich und Pflaster geklaut hatte. Sein Anwalt Mike Ramsey sagte damals laut Gerichtsakten, dass sein Mandant in Panik gehandelt habe: „Sein Freund ist tot, er liegt auf dem Boden einer Wohnung, die ein Milliardär gemietet hat, der sich als Frau kleidet. Wer würde diese Geschichte glauben?“ Die Geschworenen glaubten es. Sie sprachen Durst tatsächlich frei.

    Nun also gibt es das gemurmelte Geständnis während der Interviewpause, das laut Rechtsexperten vor Gericht zugelassen werden dürfte, weil Durst einer Veröffentlichung all seiner TV-Aussagen zugestimmt hatte. Dazu kommt neues Beweismaterial, das Jarecki der Polizei übergeben hat: ein Umschlag mit der Handschrift von Durst, die eklatante Ähnlichkeit hat mit jener eines anonymen Briefs, der 2000 auf Bermans Leiche hinwies. Bei beiden Schriftstücken ist zudem „Beverly Hills“ falsch geschrieben: „Beverley Hills“.

    Offiziell heißt es, der Zeitpunkt der Verhaftung habe nichts mit der Ausstrahlung der Doku zu tun. Aus dem Umfeld der Polizei von L.A. ist aber zu hören, dass sehr wohl ein Zusammenhang bestehe, weil Durst seine Flucht geplant haben soll, nachdem er die vorletzte Folge gesehen hatte.

    Hat da also ein mutiger Dokumentarfilmer für televisuelle Gerechtigkeit gesorgt? Nun, ganz so einfach ist es nicht. Jarecki hatte im Jahr 2010 den fiktiven Film „All Good Things“ gedreht, mit Ryan Gosling als Hauptfigur, die an Durst erinnert. Daraufhin nahm Durst Kontakt zu Jarecki auf und schlug ihm eine Dokumentation vor. Nun gibt es eine Debatte über den Zeitpunkt der Interviews und wann Jarecki die Polizei über das vermeintliche Geständnis und andere Beweise informiert hat. In einem Interview mit der New York Times am Montag gab sich der Regisseur unsicher. Seitdem beantwortet er Gesprächsanfragen mit Absagen, unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen.

    Durst dürfte sich nun vor Gericht verantworten müssen. Er könnte jedoch, darauf verweisen Rechtsexperten, durchaus erklären, dass seine Aussage auf der Toilette nur ein Witz, ein sarkastisches Selbstgespräch oder ein gestresster Ausruf gewesen sei und deshalb nicht als Geständnis gewertet werden könne. Sein Anwalt Chip Lewis jedenfalls sagte bereits: „Ich bin von diesen Entwicklungen nicht gerade überwältigt. Wir werden die Fakten im Gerichtssaal präsentieren.“ Diese groteske Geschichte, sie ist noch lange nicht vorbei. Schon die Auslieferung nach L.A. verzögert sich, weil es in Louisiana auch noch Anklagen gegen Durst gibt. Wegen des Besitzes einer Pistole und von Marihuana.

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    Die Köpfe sind vernebelt. Abends vom Alkohol, tags von der Zukunft, an der sich die Besucher der „South-by-Southwest Interactive“ in Austin, Texas, berauschen. Eine Überzeugung scheint die 30000 Teilnehmer des gerade zu Ende gegangenen Digitalparts der „SXSW“ zu einen: Die nächsten Jahrzehnte sind ein wunderbares Versprechen für die Menschheit. Kein Problem scheint unlösbar, vertraut man nur auf den menschlichen Erfindungsreichtum, Gründergeist und die Kraft der Technologie.

    Diese Sichtweise galt einmal als kalifornisch, doch der ebenso unerschütterliche wie unreflektierte Optimismus des Silicon Valley gewinnt überall neue Anhänger. Das liegt nicht nur am Potenzial der Technologisierung. Es hängt auch mit der Aussicht zusammen, in einer globalisierten Welt mit einem Stück Software etablierte Branchen umkrempeln und steinreich werden zu können. Was dazu führt, dass eben auch diese etablierte Branchen inzwischen ihre Vertreter nach Austin entsenden, um dies zu verhindern. McDonald’s etwa ruft Startups auf der SXSW auf, Ideen zur „Zukunft der Restaurants“ vorzustellen.


    Auf dem Digital Festival SXSWin Austin, Texas, haben Gründer und Investoren die Möglichkeit, über die neuesten technologischen Entwicklungen zu reden
    Diese Hoffnung auf Boom unterscheidet die Besucher der „Interactive“ von denen des gleichzeitig stattfindenden SXSW-Festivals für Musik- und Film, deren Teilnehmer noch mit den Folgen der Digitalisierung ringen. Anders das „Interactive“: Man gewinnt den Eindruck, dass hier fast jeder Idee oder Vision eine Chance eingeräumt wird. Dass viele Auftritte nur freundlich verpackte Produktpräsentationen sind, macht das Festival nicht gerade zum Hort kritischen Denkens.

    Was soll man auch erwarten, wenn Investoren die Gründer von Start-ups interviewen, die sie selbst finanziert haben? Oder wenn Google-Diplomat Eric Schmidt Folkloresätze von sich gibt wie „Innovation und Gründergeist sind die Lösung für fast jedes Problem. Und natürlich das Breitbandinternet.“

    Doch verdeckt die umfassende Euphorie jene Felder, in denen wirklich erstaunliche Fortschritte zu erkennen sind. Virtual Reality (VR), also die Anmutung lebensechter 3-D-Umgebungen per Helm, wird demnächst den Massenmarkt erreichen. MIT-Professor Robert Langer, ein führender Kopf der biomedizinischen Technik, skizziert auf der SXSW bereits Systeme intelligenter Medikamente, die mithilfe verträglicher Nanoteilchen wirken könnten.

    Cynthias Breazeal vom MIT Media Lab beschreibt, wie Roboter mit klugen Algorithmen und der Fähigkeit zu Gesichts- und Spracherkennung von unseren Gesichtsausdrücken lernen, um sie zu imitieren. In Zukunft, so Breazeal in ihrer äußerst enthusiastisch vorgetragenen Vision, werden Roboter zu Fitness-Coaches für Erwachsene und Sprachlehrern für Kinder werden. „Wir werden neue Beziehungen erleben“, verspricht sie. Keine Nähe wie zu Menschen, aber auch keine Kälte wie zu aktuellen Maschinen werde man diesen Robotern entgegenbringen. Dass am Tag nach Breazeals Auftritt die vermutlich erste Anti-Roboter-Demonstration weltweit stattfindet, in der gut zwei Dutzend Menschen gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze durch kluge Maschinen protestieren, zeigt die Kehrseite der Utopie.

    Trotz der überwiegenden Glückswallungen wirkt der Investor Bill Gurley von der Firma Benchmark Capital dann aber doch wie ein Spielverderber: „Es gibt keine Angst im Silicon Valley“, sagt er, und das versteht er nicht als Kompliment. „Wir nehmen Risiken in einer Größenordnung auf uns, die bislang unbekannt war“, behauptet er und prognostiziert, dass in diesem Jahr einige „Einhörner“ – gemeint sind Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind – das Zeitliche segnen werden. Todesursache: Geldverbrennung.

    Dass der menschliche Tod dagegen kein Muss, sondern nur „eine Option ist“, glaubt Martine Rothblatt, die transsexuelle Chefin von United Therapeutics. Die bestbezahlte Chefin der USA und Begründerin einer Tech-Sekte glaubt an den Transhumanismus, an die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Sie träumt von digitalen Klonen und dem unendlichen Leben in der Cloud. „Identität wird unseren Körper überschreiten, das wird für die ältere Generation schwer zu verstehen sein“, prophezeit sie vor Tausenden Zuhörern.

    In gewisser Weise vollendet sich in diesem Transhumanismus auch die Vision des Tech-Optimismus: Was gäbe es Gewaltigeres als eine niemals endende Zukunft?


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    Das ist...
    eine 22-jährige Frau aus Saudi-Arabien, die sich AmyRoko nennt. Ihren echten Namen gibt sie nicht preis und auch ihr Gesicht ist verschleiert. Um trotzdem gesehen und gehört zu werden, nutzt sie Instagram und macht die saudi-arabische Social-Media-Landschaft unsicher.



    AmyRokos Markenzeichen ist der Niqab.

    Die kann...
    lustige Sketches drehen und damit über 453.312 Instagram Follower aus aller Welt begeistern. In ihren kurzen Videos spielt sie alltägliche Szenen in Saudi- Arabien nach und gibt dabei einen Einblick in die Welt der Scheichs und ihrer verwöhnten Frauen. Sie spricht sensible Tabuthemen an, angefangen von den konservativen Geschlechterrollen bis zur Luxussucht der Eliten. Mit bissigem Humor macht sie sich über deren aufgesetzte Sprache und übertriebene Kaufsucht lustig.

    Die Unsicherheiten zwischen den Geschlechtern hat sie zum Beispiel in diesem Clip verarbeitet:








    شكلي اذا غازلني احد @warchieff Ein von Amy Roko (@amyroko) gepostetes Video am 17. Feb 2015 um 10:31 Uhr





    Einige einflussreiche Frauen haben sich schon beschwert, weil sie sich von AmyRokos Nachahmungen beleidigt fühlen. AmyRoko hat sich bei ihnen öffentlich auf Twitter entschuldigt. Doch die Mehrheit findet toll, was sie macht, besonders die jüngere Generation kann sich mit ihr identifizieren. Sogar der arabische Sender Al-Arabija hat über AmyRoko berichtet und auf Youtube sind auch noch andere öffentliche Auftritte mit ihr zu sehen. "Ich habe dich im Fernsehen gesehen, du warst toll, intelligent und cool", twitterte eine Userin.

    http://www.youtube.com/watch?v=xS_tTeLVOYI

    Die geht...
    auf eine Karriere als Online-Feministin zu. Mit ihren Videos hat sie schon die Aufmerksamkeit diverser Organisationen auf sich gelenkt und Fernsehsender und Youtube Channel laden sie zunehmend ein, um sich ihre Gedanken anzuhören.  

    Wir lernen daraus, dass...
    die sozialen Netzwerke eben doch nicht nur Katzenvideos und Schminktipps hervorbringen. AmyRoko hat unter schwierigen Bedinungen eine Plattform gefunden, auf der sie sich ausdrücken kann, ohne ihr Leben zu gefährden. Und das auch noch auf eine unterhaltsame Weise. Mit ihrer charmanten Art von Protest macht sie auf die Probleme der saudi-arabische Gesellschaft und die Stellung der Frauen im Land aufmerksam. Ob sie die patriarchalische Gesellschaft so vielleicht sogar verändern kann, bleibt vorerst offen.

    Nur Google weiß über sie, dass...
    sie sich sehr gut vorstellen könnte, irgendwann einmal auch Schauspielerin zu werden– falls jemand eine Schauspielerin mit Niqab suchen sollte.  
     

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    Dieses Plakat kursiert seit gestern Abend im Netz. (via Schiffsmädchenjunge


    jetzt.de: Guten Tag, ich ruf an wegen dem Candle-Light-Dinner.
    Karl-Heinz Kielhorn, Geschäftsführer: (Brummt) Ah ja.

    Gibt’s denn noch einen freien Tisch?
    Ja, ehrlich gesagt überrascht mich das. Ich hätte gedacht, wir bekommen mehr Zuspruch. Vielleicht sind 19,90 Euro für ein Menü doch zu teuer.

    Dabei gibt es ja fünf Gänge.
    Und wenn man die zusammenrechnet, kommt viel mehr raus.

    Vielleicht liegt’s auch am Wochentag? Wer will schon mittwochs auf ein Candle-Light-Dinner.
    Ach, ich dachte, das geht ja nur zwei Stunden, da kann man das schon mal unter der Woche machen. Hab ich mich vielleicht verschätzt. Aber ich muss es wahrscheinlich eh verschieben.

    Warum?
    Ich bin noch im Eishockey aktiv, und am Mittwoch haben wir jetzt ein Playdown-Spiel, von dem ich nichts wusste.

    Ist das Dinner denn mit der McDonald’s-Zentrale abgesprochen?
    Nee, das hab ich mir selbst überlegt, als kleinen Gag. Nächste Woche kommt ja so ein neuer Premiumburger raus, da dachte ich mir: Serviere ich mal einen Abend lang Burger bei Kerzenschein!

    Und zack, einfach schnell ein Plakat entworfen?
    Ja, das ist eine Eigenkreation. Sonst geht das ja über die Marketingabteilung in München. 

    Man fragt sich natürlich als erstes: Gibt’s bei McDonald’s überhaupt Gabeln?
    (Lacht) Nee, aber ich habe extra welche gekauft. Ich betreibe ja mit meinem Sohn zusammen neun Restaurants. Wenn wir das jetzt einmal im Jahr machen, lohnt sich die Anschaffung schon.

    Wissen Sie denn schon, welchen Wein Sie zum BigMac empfehlen?
    Na, Sie denken auch an alles! Aber ja. Als Roten gibt es wahrscheinlich einen Salice Salentino. Und als Weißen einen Riesling. Aber erfahrungsgemäß bestellen die Leute das eh kaum.

    Gibt es bei Ihnen denn öfter Wein?
    Nee, aber ich hab eine Schankerlaubnis und verkaufe Bier. Mehr als fünf Flaschen in der Woche gehen da nie weg. Alkohol wollen die Leute halt nicht aus dem Plastikbecher.

    Also: Weingläser?
    Selbstverständlich. Gibt ja dann auch Tischdecken und Porzellanteller. Und natürlich werde ich 'nen dunklen Anzug tragen, wenn ich die Leute begrüße.

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  • 03/18/15--05:14: Eis im Einsatz
  • „Frisch gebrühten Espresso, Cappuccino“ und „leckeres Eis“ gibt es in der Chillout-Zone, die die Polizei Hessen rund um die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt eingerichtet hat. Mehr als 8000 Polizisten und eine GSG-9-Einheit sind bei der Demo der Blockupy-Anhänger vor dem Neubau der EZB im Einsatz, manche seit einer Woche. Die Situation ist trotzdem schon am frühen Morgen eskaliert. Der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Hessen, Lothar Hölzgen, betreut die Chillout-Zone mit.



     Polizisten im Einsatz - allerdings nicht in Frankfurt, da tragen sie kein Grün. 

    jetzt.de: Herr Hölzgen, eigentlich wollten wir ja über die Versorgung Ihrer Kollegen mit Eis reden – jetzt ist die Lage eskaliert. Wie sieht es denn aus momentan?
    Lother Hölzgen: Wir sind mitten im Geschehen. Wir haben deutlich über 80 verletzte Kollegen, einer davon schwerverletzt nach einer Steinwurfattacke im Krankenhaus. Es gab mehrere brennende Streifenwagen und auch sonst sind Barrikaden, öffentliche Einrichtungen und Mülleimer angezündet worden. Scheiben von Geschäften wurden zerschlagen, Feuerwehrleute angegriffen, Bürger attackiert und die überirdischen öffentlichen Verkehrsmittel fahren auch nicht mehr. 

    Die Stimmung ist also gewalttätiger als erwartet?
    Wir waren darauf eingestellt, dass gewaltbereite Menschengruppen hier aufschlagen. Die Heftigkeit hat uns aber überrascht, auch dass es schon so früh heute Morgen losging mit Frontalangriffen auf das erste Revier in der Zeil. Im Moment ist etwas ruhiger geworden, aber wir sind relativ sicher, dass wir noch nicht die Spitze erreicht haben.

    Wenn es so eskaliert, wird dann die Chillout-Zone überhaupt genutzt?
    Hauptsächlich tauschen sich die Kräfte da über das Geschehen aus. Momentan haben wir aufgrund der Brisanz natürlich relativ wenig Betrieb, weil alle draußen vor Ort sind.
      

    "Selbstverständlich dürfen Polizisten in Uniform ein Eis lecken"



    Es war geplant, dass die Einsatzkräfte heute einen mobilen Eiswagen telefonisch zu sich lotsen können – ein Service der Gewerkschaft. Wie sieht es damit aus?
    Wenn es Ausschreitungen gibt, fahren wir natürlich nicht ins Getümmel und werfen mit Eis um uns. Aber wir kennen die neuralgischen Punkte und haben Insider aus Frankfurt vor Ort, sodass wir an die Kollegen rankommen. Diese Kollegen sagen dann auch immer, ob es gerade möglich ist. Im Übrigen sind auch diejenigen, die bei der Versorgung mithelfen, oftmals Polizisten im Ruhestand, die diese Situationen kennen.

    Also ist es schon okay, wenn ein Polizist im Dienst mal ein Eis schleckt?
    Wenn es möglich ist, dann dürfen die selbstverständlich auch in Uniform ein Eis lecken. Sie glauben gar nicht, wie warm es unter so einer vollen Ausrüstung ist...

    Ist es denn üblich, dass man solche Chillout-Zonen bei größeren Einsätzen einrichtet?
    Bei der Fußball-WM 2006 haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht. „Chillout“ ist ja so ein modernes Wort, aber eigentlich meint es nur einen Rückzugsraum, wo die Polizisten mal bequem sitzen, fernsehen oder die Gedanken schweifen lassen können. Manchmal sind diese Rückzugsorte auch nur Räume mit Stühlen und Sofas, und bei uns gibt’s halt auch noch andere Annehmlichkeiten wie Tischfußball, Eis oder Schaumküsse.

    In der Ankündigung steht, von welchen Marken der Kaffee, das Eis und die Schokoküsse sind. Werden Sie gesponsert?
    Nein, wir finanzieren das über unsere Mitgliedsbeiträge. Die ersten Tage haben auch schon gezeigt, dass das richtig gut angenommen wird. Ich habe bereits gestern einen Hinweis bekommen, dass das Eis langsam zu Neige geht.

    Wann hat ein Polizist bei Blockupy überhaupt Zeit fürs Chillen?
    Die Chillout-Zone hat jeden Tag von 7 bis 22 Uhr geöffnet – in direkter Nähe zum Einsatzgebiet. Wir haben feste Einsatzzeiten und wenn alles normal läuft, werden die auch eingehalten. Es kann aber auch sein, dass die Zeit in Extremsituationen überschritten wird, weil die Kollegen vor Ort noch gebraucht werden. Nach der Schicht gibt es zwölf bis 24 Stunden Pause.



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    Nehmen wir "Bad Luck Brian", den kennt fast jeder im Internet.  

     



    "Bad Luck Brian" ist ein Schüler, der auf seinem Jahrbuch-Foto Zahnspange und Karo-Pullunder trägt und dadurch etwas, nun ja, ungelenk bis unvorteilhaft wirkt. "Bad Luck Brian" ist eines der berühmtesten Memes der letzten Jahre. Immer geht es dabei um Situationen in der Öffentlichkeit, die wegen sehr viel Pech richtig peinlich werden.





    Millionen Menschen haben seit 2012 über "Bad Luck Brian" gelacht. Dabei heißt er in Wahrheit Kyle. Das Foto stammt aus seinem Jahrbuch, ein Schulfreund hat es bei Reddit gepostet. Und Kyle hat gar nicht so viel Pech, wie das Internet seinem Alter Ego "Brian" andichtet. Kyle hat zum Beispiel mal innerhalb einer Woche eine Xbox 360 und eine PSP gewonnen. Und Seth Rogen hat ihn mal auf der Straße erkannt, nur wegen dieses blöden Zahnspangen-Fotos. Heute sieht Kyle so aus:

    [plugin imagelink link="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_in_content_image/wcv4kceq3pigumiqayok.jpg" imagesrc="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_in_content_image/wcv4kceq3pigumiqayok.jpg"]

    Wir wissen das alles, denn hier bei Complex haben sie die Geschichten von zehn Menschen gesammelt, die versehentlich zu Meme-Superstars geworden sind. Unser Prädikat: XXL-lustig. 

    Wenn du also wissen willst, wer das "Overly Attached Girlfriend" in Wahrheit ist...

     



     ...nämlich diese junge Frau... 

    [plugin imagelink link="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_in_content_image/aptlizzwtmslydmwr1ly.jpg" imagesrc="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_in_content_image/aptlizzwtmslydmwr1ly.jpg"]

    Oder wie es kam, dass dieses Foto von "Scumbag Steve"...

     



    ...von seiner Mutter gemacht wurde und er lange nichts von seinem Ruhm wusste. Oder dass die berühmte "Sheltering Suburban Mom"...





    ...in echt eine Romanautorin ist - dann klick mal hier! Unterm Strich lässt sich sagen: Ein Meme zu werden, ist ganz schön blöd. Lässt sich aber auch lukrativ vermarkten, wenn man will. Eine berühmte Meme-Frau erklärt sogar, ihr Ruhm hätte sie dazu gebracht, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Sie war berühmt geworden als "Attractive Convict".

    [plugin imagelink link="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_article_image/wc10yseayydvhihs2hma.jpg" imagesrc="http://images.complex.com/complex/image/upload/t_article_image/wc10yseayydvhihs2hma.jpg"]

    jan-stremmel 

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    Die Münchner Unternehmensberatung "Consulting Cum Laude" nennt sich selbst "Beratung für die Generation Y", will also junge Menschen zwischen 18 und 32 erreichen. Deshalb hat sie ein Marktforschungsunternehmen beauftragt, 1000 junge Europäer zu ihrer Arbeitseinstellung zu befragen. Die Studie wurde online durchgeführt, es wurden Deutsche, Briten, Niederländer und Spanier miteinander verglichen. Roman Diehl, 48, und Marcel Rasche, 24, sind beide Geschäftsführer bei Consulting Cum Laude.





    jetzt.de: Wenn ein Arbeitgeber jemanden sucht, der möglichst viel arbeitet und wenig Widerspruch gibt, aus welchem Land sollte er dann jemanden einstellen?

    Marcel Rasche: Am einen besten einen Briten (lacht). Die sagen unserer Studie zufolge am ehesten: "Arbeit muss keinen Spaß machen und ist hauptsächlich zum Geld verdienen da."

    Und wenn er jemanden will, der sich persönlich in ein Unternehmen einbringt?
    Marcel Rasche: Die jungen Deutschen sind zumindest momentan die stärksten Innovationstreiber innerhalb eines Unternehmens. Weil dort oft ein großer Unterschied besteht zwischen der Arbeitssituation, die sie gerne hätten, und der, die ihnen angeboten wird. Gleichzeitig beißen sich deutsche Arbeitnehmer durch: Wenn ihnen ein Job keinen Spaß macht, versuchen sie von sich aus, ihn zu verändern.

    Das wundert mich jetzt aber – Deutsche gelten doch eher als risikoscheu, gründen selten Unternehmen. Wie geht das zusammen mit Innovationen?
    Marcel Rasche: Deutsche sind eher in dem Sinne risikoscheu, dass sie nicht kündigen und sagen "Dann gründe ich halt meine eigene Firma!". Deshalb sind wir im europäischen Vergleich auch auf dem letzten Platz, was das Gründen von Start-ups angeht.
    Roman Diehl: Ein Ergebnis unserer Studie war auch, dass die Deutschen das höchste Sicherheitsbedürfnis haben. Sie wollen finanziell abgesichert sein, aber gleichzeitig sind Ihnen ihre Partnerschaften und Freizeit wichtiger, als viel Geld zu verdienen.
    Marcel Rasche: Es geht ihnen nicht um ein hohes, sondern um ein faires Gehalt. Das finde ich immer eine ganz schöne Unterscheidung.

    "Es heißt oft, dass die Generation Y gar nicht arbeiten will. Das kann ich überhaupt nicht bestätigen."


    In der Studie wurden auch junge Spanier befragt, die momentan ja in einem sehr krisengebeutelten Land leben. Wie ist deren Arbeitseinstellung?
    Marcel Rasche: Viele Spanier haben aus der Krise den Schluss gezogen, dass sie Chancen ergreifen müssen, wenn sie sich ihnen bieten. Das kann man positiv sehen – sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Andererseits führt es aber auch zu einem gewissen Opportunismus: Spanier sind die Ersten, die den Studiengang wechseln, wenn sie sich von einem anderen bessere Berufschancen erwarten. Gleiches gilt für den Job. In der Umfrage konnte man außerdem angeben, was einem wichtig ist am Arbeitsplatz, dort gab es die Auswahlmöglichkeit "Dass niemand ausgebeutet wird". Spanier haben das auffällig häufig angekreuzt.



    Roman Diehl und Marcel Rasche leiten die Münchner Unternehmensberatung "Consulting Cum Laude". Dass einer der beiden so jung ist, ist Teil des Konzepts.

    Welche Gemeinsamkeiten der europäischen Generation Y haben Sie gefunden?
    Marcel Rasche:
    Für die jungen Europäer ist persönliche Zufriedenheit wichtiger als Geld oder Anerkennung. Außerdem haben die meisten Teilnehmer gesagt, dass wenn Job und Privatleben nicht vereinbar sind, sie das Privatleben vorziehen würden. Auch ihre Arbeitgeber wählt die europäische Generation Y nicht nach Prestige, sondern nach der Qualität des Arbeitsalltages aus.
    Roman Diehl: Der Wunsch nach Beteiligung an der Entwicklung eines Unternehmens ist auch sehr viel größer als es in meiner Generation noch der Fall war.

    Wie sehen Sie denn Ihre Nachfolger-Generation?
    Roman Diehl: Es heißt oft, dass die Generation Y gar nicht arbeiten will. Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Alle Vertreter der Generation Y, die ich bisher kennengelernt habe, sind auf ihre Art fähig und leistungsbereit. Aber unter anderen Voraussetzungen als die, unter denen meine Kommilitonen und ich damals unsere Karrieren begonnen haben. Wir haben erst mal die Klappe gehalten und 60 bis 70 Stunden die Woche gekeult, um anerkannt zu werden. Die jetzige Generation artikuliert deutlich früher, was sie möchte und was nicht.

    Sind Sie deswegen manchmal neidisch auf die Generation Y?
    Roman Diehl: "Neidisch" ist vielleicht ein gutes Wort, weil es sehr scharf ist. Man denkt sich schon: "Mist, so hätte ich auch gerne gearbeitet." Andererseits: Sich damals so gegen die Arbeitsbedingungen aufzulehnen, wäre ein Affront gewesen. Da war man schnell weg vom Fenster. Die Generation Y hat aber nicht so viele Vertreter und die sind auch noch extrem gut ausgebildet. Die können sich einfach mehr herausnehmen, weil kein Unternehmen mehr sagen kann: "Dann geh doch!" Als Führungskraft muss man also dringend einen Schritt auf sie zugehen, sonst gefährdet man die Weiterentwicklung und Erneuerung seines Unternehmens.

    Inwiefern werden Arbeitgeber zukünftig umdenken müssen?
    Roman Diehl: Dramatisch. Ein Beispiel: In unserer Studie hat ein Großteil der Generation Y gesagt, sie würden attraktive Jobs an unattraktiven Standorten ablehnen. Diese Unternehmen, die es gerade in Deutschland ja in Fülle gibt, werden zukünftig massive Probleme haben, Nachwuchs zu gewinnen. Sie werden flexible Arbeitsmodelle schaffen müssen, zum Beispiel eine Mischung aus Präsenzzeiten in der Provinz und Co-Working-Spaces in Großstädten.

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  • 03/19/15--01:00: Landpartie
  • So locker hat man Ulrich Homburg schon lang nicht mehr gesehen. Eben noch ist der Personenverkehrsvorstand der Deutschen Bahn vom Aufsichtsrat gegrillt worden. Nach Wochen harter Arbeit hatte er den Kontrolleuren sein Konzept präsentiert, wie er den Fernverkehr revolutionieren will. Und tatsächlich scheinen seine Ideen angekommen zu sein. Sichtlich erleichtert und mit federndem Schritt tritt Homburg danach vor die Journalisten, reibt sich kurz die Hände – um dann fröhlich zu verkünden: „Ich freue mich, Ihnen die größte Kundenoffensive in der Geschichte des Fernverkehrs der Deutschen Bahn zu präsentieren.“ Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.



    ICE im Bahnhof von Frankfurt am Main: Was in den Metropolen gang und gäbe ist, soll künftig auch in kleineren Städten der Bundesrepublik normal werden.

    Was sind die größten Veränderungen?

    Die Bahn wird ihr Angebot im Fernverkehr deutlich ausbauen. Züge sollen nicht nur häufiger fahren als bislang, sondern auch mehr Städte anfahren. Bis 2030 soll die Gesamtzahl der gefahrenen Kilometer um 25Prozent zunehmen. Damit will die Bahn 50 Millionen neue Fahrgäste pro Jahr für den Fernverkehr gewinnen. Derzeit sind es knapp 130 Millionen jährlich.

    Welche Städte profitieren?

    Sowohl große als auch kleine, allerdings auf unterschiedliche Art. Sind in der Vergangenheit immer mehr kleinere Städte schrittweise vom Fernverkehr abgehängt worden, weil es sich für die Bahn angeblich nicht mehr rentierte, dort zu halten, so dreht sie diesen Trend jetzt gewissermaßen um. Künftig soll in nahezu allen Städten mit mehr als 100000 Einwohnern mindestens alle zwei Stunden ein Fernzug halten. Dadurch erhalten etwa fünf Millionen Menschen, die bislang keinen Zugang hatten, eine Anbindung an den Fernverkehr. Komplett neu ins Fernnetz aufgenommen werden zehn Städte, darunter Krefeld, Fürth, Trier oder auch Heilbronn. Häufiger angefahren als bislang werden Städte wie Bremen, Nürnberg, Würzburg, Münster oder Stuttgart. Durch dieses neue Konzept entstehen 190 zusätzliche Direktverbindungen aus kleineren Städten in die 50 größten Städte Deutschlands. Homburg ist davon überzeugt, dass allein dieser Umstand der Bahn schon viele neue Kunden bescheren wird. Denn es sei klar erkennbar: „Wenn es zwischen zwei Städten eine Direkt- und eine Umsteigeverbindung gibt, dann entscheiden sich doppelt so viele Fahrgäste für die Direktverbindung.“


    Wie profitieren die großen Städte?

    Die Bahn will die großen Städte auf den Hauptachsen künftig deutlich besser bedienen als bislang. Fuhren ICE-Züge in der Vergangenheit meist im Stundentakt, so sollen sie auf den stark frequentierten Strecken in Zukunft zweimal pro Stunde fahren. „Das ist dann quasi wie eine große ICE-S-Bahn zwischen den Metropolen“, sagt Homburg. Einen Zug zu verpassen, ist dann auch nicht mehr so tragisch, denn der nächste kommt ja relativ schnell.

    Wieso kann die Bahn das Fernverkehrsnetz auf einmal ausweiten?

    Anders als den Nahverkehr, der von den Ländern bestellt wird, fährt die Bahn im Fernverkehr auf eigene Rechnung. Das heißt: Jede Verbindung muss sich lohnen. Steigen an einem Halt zu wenig Fahrgäste ein oder aus, besteht daher die reelle Chance, dass die Bahn ihn nicht mehr anfährt. Aus diesem Grund haben viele Städte in den vergangenen Jahren den Anschluss an den Fernverkehr verloren. Dass die Bahn einige davon nun wieder anfahren will, ja, dass sie glaubt, dass sich das sogar lohnen könnte, liegt an dem neuen Konzept. Künftig will sie ihre teuren ICE-Züge nur auf stark frequentierten Strecken einsetzen – und das flache Land dafür mit IC-Zügen anfahren, etwa mit den neuen Doppelstockzügen, die Ende des Jahres in Betrieb gehen. Sie sind nicht nur in der Anschaffung deutlich billiger als ein ICE, sondern auch im Betrieb. Damit kann die Bahn die Tickets für diese Züge günstiger anbieten als die für einen ICE. Das wiederum soll den Kunden in den kleineren Städten die Entscheidung erleichtern, sich in den Zug zu setzen, statt ins Auto oder in den Fernbus.

    Was ist mit der Bahncard?

    An den bisherigen Bahncards 25, 50 und 100 wird sich nichts verändern. Zusätzlich soll es jedoch von Herbst an eine Drei-Monats-Bahncard geben. „Wir glauben, das ist der richtige Schritt, um die Hürde zu senken für Kunden, die noch nicht genau wissen, wie oft sie fahren wollen“, sagt Homburg. Es wird sie in allen drei Kategorien geben, also als Bahncard 25, 50 und 100. Wie viel genau sie kosten soll, steht noch nicht fest. Sie werde jedoch sicher etwas teurer sein als ein Viertel des bisherigen Bahncard-Preises, sagt Homburg.

    Was ändert sich bei Reservierungen?

    Im Laufe des kommenden Jahres sollen Reservierungen in Fernzügen kostenlos möglich sein. „Der Kunde hat also das Recht, beim Kauf seines Tickets kostenlos gleich einen Platz zu reservieren“, sagt Homburg – und betont: „Das ist ein Recht, keine Pflicht.“ Kunden könnten auch weiterhin einfach fahren, wann sie wollen.

    Wird es teurer?

    Da kommt Homburg erstmals ein bisschen ins Drucksen. Immerhin will die Bahn bis 2030 zwölf Milliarden Euro für neue Züge und für die Modernisierung von alten Zügen ausgeben. Er versichert jedoch, dass man nicht vorhabe, jetzt die ICE-Tickets zu verteuern, nur weil man deutlich mehr billige IC-Tickets anbiete. Auch werde der Wegfall der Reservierungseinnahmen nicht eins zu eins auf den Ticketpreis aufgeschlagen. Aber natürlich wird die Bahn irgendwie auf ihre Kosten kommen müssen – erst recht, da sie künftig den billigsten Sparpreis auf 19 Euro senkt, anstatt bislang 29 Euro. Er kann sogar noch bis kurz vor Abfahrt des Zuges erhältlich sein.

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    Das Verfahren hatte gerade erst begonnen, da gab es kaum noch Zweifel, wie es ausgehen würde. Bereits am Mittwochvormittag positionierte sich der Vorsitzende Richter am Frankfurter Landgericht eindeutig: Der Fahrdienstvermittler Uber verstoße gegen das Gesetz, sagte Joachim Nickel. Und so kam es, dass die nächste Runde im Kampf der Taxibranche gegen den neuen Konkurrenten aus Kalifornien nach viereinhalb Stunden entschieden war. Der Dienst Uber Pop, mit dem das Unternehmen private Fahrer an zahlungswillige Fahrgäste vermittelt, dürfte bald deutschlandweit verboten sein.



    Bringt private Fahrer und Fahrgäste zusammen: Die App von Uber. Das Unternehmen bietet auch einen Limousinenservice und Taxivermittlung an.

    Uber darf demzufolge keine Fahrten mehr anbieten, bei denen die Fahrer nicht über eine Taxikonzession verfügen. Ubers Angebot sei in der jetzigen Form wettbewerbswidrig, befand das Gericht. Sollte der Richterspruch Bestand haben, wäre es das Aus für den Kern von Ubers Geschäftsmodell; die klagende Genossenschaft Taxi Deutschland hätte damit ihr Ziel erreicht. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Damit das Verbot einstweilig gilt, verlangte die Kammer von Taxi Deutschland eine Sicherheit über 400000 Euro. „Die werden wir unverzüglich hinterlegen und das Urteil zur Vollstreckung bringen“, sagte eine Sprecherin des Verbunds. Uber kündigte umgehend an, in Berufung zum Oberlandesgericht zu gehen. Solange das Urteil nicht vollstreckt ist, könne das Unternehmen seine Dienste in Frankfurt und München in der gewohnten Form weiter anbieten, hieß es. In Hamburg, Düsseldorf und Berlin ist Uber Pop nach behördlichen Verboten und Gerichtsurteilen ohnehin nur noch sehr eingeschränkt verfügbar.

    Taxi Deutschland hatte sich lange auf diesen Tag vorbereitet, nachdem Uber im September eine einstweilige Verfügung gegen sich aus formalen Gründen kippen konnte. Kaum hatte der Richter entschieden, verschickte der Taxi-Verbund Jubelrufe, ließ seinen Vorsitzenden Dieter Schlenker den Konkurrenten abkanzeln: „Ubers Geschäftsmodell basiert auf Rechtsbruch.“ Das Gericht habe das Personenbeförderungsgesetz und damit die Verbraucherrechte gestärkt. „Es wäre gut, wenn Uber auf eine nächste Instanz verzichtet und die Gerichte nicht unnötig beschäftigt.“

    So schnell wird der Fahrdienst-Anbieter aber nicht aufgeben – dazu geht es um zu viel Geld. Deutschland ist ein wichtiger Markt für das Unternehmen. Auch Uber ließ deshalb nur wenige Minuten verstreichen, um mit dem gewohnten Pathos auf das Urteil einzugehen. Man bedaure die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt, „Uber nicht die Möglichkeit zu geben, einen Beitrag zu besserer und günstiger Mobilität leisten zu können“. Es sei eine Niederlage für die Gesellschaft insgesamt.

    In der Wortwahl findet sich auch der Knackpunkt der Rechtsposition der Kalifornier, mit der sie jetzt zum wiederholten Mal am Personenbeförderungsgesetz scheitern: Man sei eindeutig kein Transportunternehmen, sondern ein technologisch innovatives Software-Unternehmen. Uber sei nur ein Vermittler und bringe Fahrer und Mitfahrer zusammen. Vordergründig tritt Uber also als Unternehmen auf, das die Mobilität in Städten revolutionieren will – wenn es um rechtliche Fragen geht, will man aber lieber nur Technologieanbieter und nicht Mobilitätsdienstleister sein. Wer schon einmal Uber Pop benutzt hat, wird wissen, dass die App das Angebot der Fahrer überhaupt erst ermöglicht.

    Trotzdem hat sich Uber vor wenigen Wochen mit dieser Argumentation bei der EU-Kommission offiziell über die Bundesrepublik Deutschland beschwert. In dem Dokument, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, hat Uber vertrauliche Behandlung beantragt – die hiesigen Behörden sollen nicht erfahren, wer sich da in Brüssel über deutsche Gesetze und deren Auslegung beschwert. In dem 33-seitigen Papier bezieht sich Uber auf die im Lissabon-Vertrag festgeschriebene Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit sowie die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr. Da Uber kein Personenbeförderungsunternehmen sei, werde es unverhältnismäßig diskriminiert. Mehr noch: Das Unternehmen wirft den Gerichten vor, sich bei Inhalt und Zeitpunkt ihrer Verfahren abzustimmen. Deutsche Behörden und Gerichte hätten Ubers Geschäftsmodell „zum Schutz des Taxi-Monopols und der Taxi-Unternehmer vor fremder Konkurrenz den Kampf angesagt“. Nach SZ-Informationen hat Uber die EU-Beschwerde – ebenfalls mit dem Wunsch der Geheimhaltung – im Verfahren gegen Taxi Deutschland vorgebracht. Den Richter beeindruckte das offenbar nicht. Das Urteil kommt für Uber zu einer ohnehin schwierigen Zeit. Rund um den Globus führt das Unternehmen Prozesse und hat Probleme mit den Behörden. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat die französische Polizei am Montag den Frankreich-Sitz Ubers in Paris durchsucht, um dem Verdacht einer „illegalen Organisation“ nachzugehen, die Kunden mit Autofahrern in Kontakt bringt.

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  • 03/19/15--01:28: Richter stärken Mieter
  • Seit mehr als zehn Jahren hat der Bundesgerichtshof (BGH) immer wieder Renovierungsklauseln in Mietverträgen beanstandet, weil sie Mieter benachteiligen. Nun hat er eine Grundsatzentscheidung gefällt, die für die angespannten Wohnungsmärkte in den Ballungsräumen von großer Bedeutung ist, wo auch Wohnungen in schlechtem Zustand vermietbar sind. Die Pflicht zur Vornahme von „Schönheitsreparaturen“ darf dann nicht auf den Mieter abgewälzt werden, wenn die Wohnung beim Einzug unrenoviert war.



    Schönheitsreparaturen sind immer wieder ein Streitfall im Mietrecht. Und vor Gericht.

    Eine solche Klausel im Kleingedruckten des Mietvertrags benachteilige den Mieter unangemessen, entschied der achte Zivilsenat unter Vorsitz von Karin Milger. Denn dadurch wäre er verpflichtet, sämtliche „Gebrauchsspuren des Vormieters“ zu beseitigen – und nicht nur die Abnutzung, die auf seine eigene Mietzeit zurückgeht. Im Zweifel müsste er die Wohnung sogar „in einem besseren Zustand zurückgeben, als er sie selbst vom Vermieter erhalten hat“, argumentiert der BGH.

    Freilich sind damit noch nicht alle Streitpunkte ausgeräumt. Bei der Frage, ob eine Wohnung beim Einzug unrenoviert war, kommt es laut BGH auf einen „Gesamteindruck“ an – und nicht darauf, ob irgendwo ein Kratzer zu entdecken ist. Damit wird Übergabeprotokollen, die beim Einzug erstellt werden, eine große Bedeutung zukommen. (Az: VIII ZR 185/14 ua)

    Noch einen Schritt weiter geht der BGH in einem weiteren Urteil zu den sogenannten Quotenklauseln, in denen geregelt ist, in welcher Höhe der Mieter an den Kosten beteiligt wird, wenn er vor der Fälligkeit einer Renovierung auszieht. Bisher hat das Gericht solche Bestimmungen grundsätzlich akzeptiert. Nach der neuerlichen Entscheidung dürften sie allerdings kaum noch zulässig sein: Der BGH hegt grundlegende Zweifel, ob eine Quotenklausel überhaupt so transparent und verständlich formuliert werden kann, dass ein Mieter beim Einzug vorhersehen kann, welche Kosten auf ihn zukommen. Quotenklauseln dürften damit im Regelfall unwirksam sein – und zwar unabhängig davon, ob der Mieter in eine renovierte oder in eine unrenovierte Wohnung eingezogen ist.

    Der BGH vollzieht damit einen Schwenk, der sich schon 2014 angedeutet hatte. In einem „Hinweisbeschluss“, der aber letztlich nicht in ein Urteil mündete, formulierte der BGH bereits deutliche Zweifel an der bisherigen Linie. Mit den insgesamt drei Urteilen korrigiert der BGH nun seine Rechtsprechung, die auf die späten Achtzigerjahre zurückgeht. In zwei Rechtsentscheiden hatte er damals die Abwälzung der Renovierungspflicht auf den Mieter – beziehungsweise seine quotenmäßige Beteiligung an den Kosten bei vorzeitigem Auszug – auch für die Fälle akzeptiert, in denen die Wohnung beim Einzug nicht renoviert war. Damals waren noch „starre“ Renovierungsfristen erlaubt – üblicherweise drei Jahre für Küche und Bad, fünf Jahre für Wohn- und Schlafzimmer, sieben Jahre für die sonstigen Räume. Zum Schutz der Mieter verfügte der BGH seinerzeit, dass die Fristen erst mit dem Einzug zu laufen beginnen.

    Bereits im Jahr 2004 änderte der BGH seine Rechtsprechung in einem für die Praxis äußerst relevanten Punkt. Starre Fristenpläne, die den Mieter ohne Wenn und Aber zu Schönheitsreparaturen verpflichteten, wurden für unwirksam erklärt. Und zwar deshalb, weil dadurch ohne Ausnahme auch jene Mieter zum Einsatz von Farbe und Pinsel verpflichtet wären, deren Räume nach drei, fünf, sieben Jahren noch tadellos in Ordnung waren – etwa, weil die Wohnung wenig genutzt oder hochwertig tapeziert war. Zulässig waren seither nur noch Regelungen, die Abweichungen vom Fristenplan erlaubten. Die Folge dieser Rechtsprechung wirkt bis heute nach: Zahllose Mietverträge, vor allem solche älteren Datums, enthalten überhaupt keine wirksamen Renovierungsklauseln mehr. Denn ein Rechtsverstoß im Kleingedruckten kann nicht nachträglich korrigiert werden, sondern macht die gesamte Renovierungsklausel zunichte – so will es das strenge, verbraucherfreundliche Reglement zu den „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“. Ulf Börstinghaus, Vorsitzender des Deutschen Mietgerichtstag, weist auf die Konsequenzen dieser unwirksamen Vertragsbestimmungen hin: Theoretisch könnten Mieter mit solchen Verträgen sogar auf die Pflicht des Vermieters pochen, die Wohnung von Zeit zu Zeit in einen vertragsgemäßen Zustand zu versetzen, sprich: die vergilbten Wände zu streichen. Davon werde bisher freilich eher selten Gebrauch gemacht.

    Mit dem Wegfall der festen Fristenpläne war zugleich auch eine klare Rechengrundlage für die Quotenklauseln entfallen. Entsprechende Vertragsbestimmungen waren deshalb kaum noch verständlich zu formulieren. Nach den Worten von Börstinghaus waren sie deshalb vor dem jetzigen BGH-Urteil seit Jahren auf dem Rückzug.

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  • 03/19/15--01:31: Unter Eisbären
  • Dass in Spitzbergen die Sonne nicht scheint, ist ganz und gar nicht ungewöhnlich. Schließlich ist es dort in der monatelangen Polarnacht zappenduster – in Longyearbyen, dem Hauptort der Inselgruppe, ist die Sonne gerade erst am 8.März wieder aufgegangen. Mørketid nennen die Norweger diese dunkle Zeit, besonders spannend findet sie kaum jemand. An diesem Freitag aber verschwindet die Sonne schon wieder: für nur zwei Minuten und 31 Sekunden, bei einer totalen Sonnenfinsternis. Dieses sehr kurze Ereignis wirft seine Schatten schon sehr lang voraus und stellt die kleine Siedlung dieser Tage auf den Kopf.



    Wichtigste Regel für Sonnenfinsternis-Touristen: Niemals mit bloßem Auge in die Sonne schauen. Auch normale Sonnenbrillen bieten nicht genug Schutz, das tun nur Spezialanfertigungen mit Filterfolie.

    Zwar wird das Phänomen auch in Deutschland zu sehen sein, allerdings nur als partielle Sonnenfinsternis. Longyearbyen dagegen liegt so weit im Norden der Erde, dass man dort sowie auch auf den Färöer-Inseln die totale Sonnenfinsternis beobachten kann. Der deutsche Spitzbergen-Spezialist Andreas Umbreit ist dort gerade mit Gästen unterwegs. „Wir sind bereit für ein paar sehr interessante Tage“, sagt Umbreit, „denn jetzt werden vermutlich Gäste hierherkommen, die noch nie in der Arktis waren oder sich mit den lokalen Gegebenheiten beschäftigt haben.“ Dass Longyearbyen per Linienflug erreichbar ist, ändert nichts an der Tatsache, dass es auf dem

    79. Breitengrad und damit in der hohen Arktis liegt: Tiefe Temperaturen, starker Wind, eingeschränkte Infrastruktur und Eisbären sind die Faktoren, mit denen man hier umzugehen wissen muss.

    Schon vor Jahren hat der amerikanische Reiseanbieter Travel Quest restlos alle Gästebetten des Ortes reserviert und erfolgreich vermietet. Alles ausgebucht also, auch wenn die angebotenen Vier-Tage-Pakete bis zu 7000 Euro kosteten. Die Nachfrage aber war noch wesentlich größer, und das hat bei anderen Reiseanbietern und Einzelreisenden zu kreativen Ideen geführt. Einige der circa 2100 Einwohner Longyearbyens haben auf der Onlineplattform Airbnb oder auf Facebook ihre eigenen Wohnungen, Hütten oder Zimmer zur Vermietung angeboten. Zum Preis von bis zu 100000 Norwegischen Kronen, das sind etwa 11000 Euro, für fünf Tage. Sie selbst verbringen die Zeit der Sonnenfinsternis dann fern des Trubels in Zelten, was für die Arktisbewohner nichts Besonderes ist.

    Die Inhaberin des Campingplatzes von Longyearbyen, die Niederländerin Michelle van Dijk, hat sich nach langem Zögern entschlossen, den sonst nur während der Sommermonate betriebenen Platz früher zu öffnen. „Ich hatte so viele Anfragen“, erzählt sie, „dass mir nichts anderes übrig blieb.“ Auch sie ist gespannt, wie die Amerikaner, Japaner, Schweden, Niederländer und Italiener, die sich angemeldet haben, mit den vorhergesagten 20 Minusgraden umgehen werden. „Ich habe allen Anmeldern ein langes Informationsmail geschrieben, in dem ich ziemlich viele Gründe genannt habe, nicht zu kommen“, sagt sie. „Eigentlich sagte das ganze Mail aus: Komm nicht. Aber das half nicht viel.“ Mehr als 100 Gäste campieren nun bei ihr.

    Wegen der komplizierten Logistik in dem Holzgebäude auf Permafrostboden gibt es für die Gäste nur zwei Toiletten und eine Dusche. „Aber die Leute kommen ja wegen der Sonnenfinsternis, und nicht, um zu duschen“, sagt van Dijk. Der Zeltplatz bestehe gerade aus einer großen Eisfläche. „Leider hat es vor einigen Wochen getaut, und das auf dem gefrorenen Boden nicht abfließende Wasser hat eine massive Eisschicht gebildet. Darauf ist Campen nicht so schön.“ Das hat eine schwedische Reisegruppe schon festgestellt, sagt Umbreit: „Am Wochenende hatten wir starken Sturm, steigende Temperaturen und Regen. Ich hatte den Guide der Schweden noch gewarnt, dass er sein großes Mannschaftszelt besser befestigen sollte.“ Weil er den Rat nicht beherzigte, musste er sein Zelt in der Nacht auf dem mittlerweile überfluteten Gelände vor dem Wegfliegen retten und überstürzt abbauen – in seiner Unterwäsche. „Das wiederum war eine durchaus respektable Leistung“, sagt Umbreit.

    Reiseanbieter haben wegen der fehlenden Unterkünfte außerdem Flugzeuge gechartert, die am Morgen in Longyearbyen landen und am Abend wieder abfliegen sollen. „Wenn sich das Wetter verschlechtert und diese Flieger nicht wieder abheben können, was hier oft passiert, wird sich die interessante Frage stellen, wo diese Leute unterkommen“, sagt Umbreit.

    Insgesamt werden sich am Tag der Tage wohl mehr als 2000 Touristen in dem kleinen Ort aufhalten. „Da wir die Zahl der privat organisierten Übernachtungen nicht kennen, können wir nur schätzen“, sagt Ronny Brunvoll, der örtliche Tourismus-Chef. Ein Infoblatt weist die Gäste auf die beschränkten Versorgungskapazitäten und vor allem auf eines hin: auf die Eisbär-Gefahr. Die ist in Longyearbyen nicht zu unterschätzen, den Ort sollte man nur in Begleitung eines erfahrenen und bewaffneten Guides verlassen.

    Auf dem außerhalb liegenden Campingplatz müssen die Gäste deswegen eine Eisbärenwache halten, sagt Michelle van Dijk, es gebe schon einen detaillierten Wachplan. Die Sicht zur Zeit der Sonnenfinsternis sollte in Longyearbyen also aus vielerlei Gründen nicht zu schlecht werden.

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  • 03/19/15--01:36: Hauptsache, er will
  • Alle drei Monate bangt Zabih Noor, 19, um seine Zukunft. Um diese Frist verlängert die Münchner Ausländerbehörde dem jungen Mann aus Afghanistan seine Duldung. Ob es beim nächsten Mal klappt? „Ich hoffe es sehr, aber ich weiß es nie sicher.“ Für seinen Ausbilder ist Noor der perfekte Azubi: „Fleißig, pünktlich, talentiert“, sagt Florian Pfeiffer von der Münchner Innung der Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik. Und doch ein Risiko für den Betrieb. Es gibt keine Garantie, dass Noor bis zum Abschluss in Deutschland bleiben darf. Vor fünf Jahren kam er an, allein, auf der Flucht vor Krieg und Perspektivlosigkeit. Nach mehreren Praktika erhielt er seine Lehrstelle.



    Die Karriere eines Flüchtlngs beginnt oft in einer Werkstatt.

    Viele junge Flüchtlinge wie Zabih Noor bringen neben handwerklichem Geschick auch große Motivation mit. Doch die deutsche Bürokratie legt ihnen auf dem Weg in die Arbeitswelt und in die Gesellschaft Paragrafen in den Weg. Nach geltendem Recht ist ein Ausbildungsvertrag für Flüchtlinge kein Garant dafür, hierbleiben zu dürfen. Stellt ein Betrieb sie ein, dann auf eigene Gefahr. Dabei sucht das Handwerk mit immer größerem Aufwand geeignete Bewerber. Im vergangenen Jahr waren zum Stichtag Ende September noch 12800 der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. Zugleich gab es 81000 Bewerber, die nur Absagen kassiert hatten.

    „Natürlich bekommen wir Bewerbungen“, sagt Florian Pfeiffer von der Innung. „Aber nur wenige sind geeignet.“ Viele Betriebe würden deshalb gern auch Flüchtlinge ausbilden. Aber sie zögern, weil sie nicht wissen, ob sie ihre Azubis bis zum Ende der Lehre und danach behalten können.

    Berlin diskutiert über den Fachkräftemangel bereits, voran geht es nicht. Das von SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im Januar geforderte Einwanderungsgesetz spaltet die Union. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist dagegen, CDU-Generalsekretär Peter Tauber dafür. Der Entwurf zielt auf Fachkräfte, die fertig ausgebildet einwandern sollen. Was die Debatte außer Acht lässt: das Potenzial derjenigen, die bereits hier sind.

    „Die Politik hat die Dringlichkeit unseres Problems noch nicht verstanden“, konstatiert Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Aus seiner Sicht vergeudet die Koalition Chancen für den deutschen Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern fordert er ein 3+2-Modell: Flüchtlinge sollen während der dreijährigen Lehre ein Bleiberecht bekommen– und zwei Jahre darüber hinaus, damit sich ihre Ausbildung auch für den Arbeitgeber rentiert.

    Junge Flüchtlinge bergen für das Handwerk auch deshalb großes Potenzial, weil sich immer weniger einheimische Jugendliche für eine Lehre entscheiden. Serkan Engin tourt für die Handwerkskammer München und Oberbayern durch die Schulen und versucht, Jugendliche für eine Lehre zu begeistern. Er sieht den Kern des Problems bei den Eltern: „Viele von ihnen wollen ihre Kinder auf Gymnasium und Hochschule sehen. Handwerk ist für sie etwas, bei dem man sich schmutzig macht.“ Bei Eltern, die hier eingewandert sind, gebe es noch eine andere Hürde, wie Engin aus eigener Erfahrung weiß. Er stammt aus einer türkischen Familie und sagt: „In vielen südlichen Ländern ist das Handwerk ein Hobby, dem man nachgeht, wenn es was zu tun gibt.“ Flüchtlinge punkten deshalb oft mit Vorerfahrungen – Zuwandererfamilien strebten jedoch nach „etwas Besserem“ für ihre Kinder. „Wir müssen den Eltern klarmachen, dass das Handwerk Karrierewege eröffnet.“

    Um die Bedeutung der Eltern weiß auch Heinrich Alt, Vize der Bundesagentur für Arbeit (BA). „Jugendliche brechen die Lehre deutlich seltener ab, wenn ihre Eltern sich in den Betrieben selbst ein Bild machen können“, sagt Alt. Die BA hat die Woche der Ausbildung ausgerufen, ihr Motto „Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen“ soll bei Eltern und Jugendlichen werben und den Trend zum Studium verlangsamen. Für umkehrbar halten ihn weder Alt noch ZDH-Generalsekretär Schwannecke. Der sagt: „Wir haben die Imagebildung zu lange schleifen lassen.“

    Diese Versäumnisse spüren die Branchen bereits. Sie alle werben um Nachwuchs – und legen dabei immer mehr Wert auf Begeisterung und handwerkliches Können als auf Zeugnisse. Viele Lehrstellen stehen Jugendlichen auch ohne Schulabschluss offen – und damit vielen Flüchtlingen. Im Bäckerhandwerk zum Beispiel: Viel wichtiger als Schulnoten sind dort ein Gesundheitszeugnis und die Bereitschaft, nachts aufzustehen. Oder Raumausstatter: Sie brauchen Kreativität und Stilempfinden; Fähigkeiten, die ein Schulabschluss keinem Bewerber garantiert. Wer sich eignet, das erkennen Betriebe durch Praktika. So auch bei Zabih Noor, dem Afghanen. Sein Ausbilder Pfeiffer sagt: „Motivierte Lehrlinge, die wie Zabih ein Ziel vor Augen haben, sind uns die Allerliebsten. Genau solche Bewerber suchen wir.“

    Ein Ziel vor Augen haben auch die Schüler der Flüchtlingsklasse der Münchner Berufsschule zur Berufsvorbereitung. Auf der Internationalen Handwerksmesse vergangene Woche probierten sie sich in Berufen, legten Fliesen, wechselten Reifen. Und vereinbarten Praktika. Sie kamen aus Somalia, Afghanistan, Sierra Leone, Benin. In Deutschland wollen sie sich eine Zukunft aufbauen – und könnten dabei die Nachwuchssorgen im Handwerk lösen.

    Zabih Noor versteht deren Elan. Seine Freunde nennen ihn einen Streber, erzählt er, „weil ich so gut Deutsch spreche und so viel für die Schule lerne. Aber ich habe meinen Weg gewählt, und jetzt will ich ihn gehen.“ Ob Noor sein Ziel erreicht, liegt in der Hand der Behörden. Alle drei Monate aufs Neue.

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  • 03/19/15--03:36: Wirtschaftsflüchtlinge
  • Kann ja eine wichtige Frage werden: „Was tun, wenn die Wildsau kommt?“ Bestimmt fragt der Berliner sich das auch manchmal. Trotzdem schwingt da München mit. Was vielleicht auch daran liegt, dass in dem Raum sonst viel Alpenkitsch in Bilderrahmen hängt. Die Frage steht schräg rechts über der Tür zur Damentoilette, an der ockerfarbenen Wand des Valentin Stüberls, mitten in Berlin-Neukölln, auf einem aus der Bild ausgeschnittenen Artikel. Der Zettel ist relativ klein. Man übersieht ihn leicht, auch, weil er sich sehr gut in die mit Plakaten übersäte Wand einfügt.



    Abends im Valentin Stüberl in Berlin Neukölln.

    Und das Interessante ist nun: Trotz der Bergbilder und der Bierbänke übersieht man auch leicht, dass das Valentin Stüberl eine Kneipe mit bayerischem Einschlag ist. Denn auch sie fügt sich gut ein – ins Stadtbild. Peter Grosshauser, der Wirt, ist Anfang 50, Bayer und Fan von Karl Valentin. Daher der Name. Daher aber auch die Haltung, die er seiner Bar gegeben hat: Wenig „Mia san Mia“, mehr Understatement. Da ist Heimatgefühl. Aber es mischt sich mit lokalen Farben.
     
    Wer Bayern in Berlin sucht, kann inzwischen theoretisch einen beliebigen Späti betreten. Überall wird Augustiner, Tegernseer und Chiemseer verkauft. Seit 2011 gibt es am Alexanderplatz ein gigantisches Hofbräuhaus. Am Gendarmenmarkt in Mitte leuchten die Brauhäuser von Augustiner und Löwenbräu um die Wette und sind immer derart mit Touristen überfüllt, dass die bedirndelten Bedienungen einem nach 19 Uhr selten einen Platz anbieten können. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen – mit Namen wie „Lindenbräu im Sonycenter“, „Paulaner im Spreebogen“ oder „Zur Haxe“.



    Peter Grosshauser ist Wirt im Stüberl. Vorher hat er lange in München gelebt.

    Aber auch abseits der Touristenläden gibt es wohl Nachfrage: Die Bayern mögen Berlin. Im Jahr 2013 waren sie mit 8300 Menschen die drittgrößte Zuzugsgruppe innerhalb von Deutschland. Vor den Schwaben. Nur aus Brandenburg und NRW kamen noch mehr Einwohner dazu. Entsteht da in Berlin also gerade eine bayerische Exklave? Und kompensieren die Auswanderer mit ihren Kneipen Heimweh und Nostalgie? Oder wird das Münchnerische gerade zum Trend? Weil es gelernt hat, sich einzufügen in ein anderes Umfeld?

    "Dürfen ist Pflicht": ein sehr münchnerisches Motto, mit dem man sogar Berliner erobern kann 


    Peter in seinem Stüberl gefällt es so, da wird das „Warum?“ ziemlich egal. Er ist ein Typ, der einem einen Kräuterschnaps anbietet, wenn der Tee aus ist. Auch in München war Peter schon Künstler und Wirt. Ersteres hat sehr gut funktioniert, zweiteres eher nicht. Also ging er nach Berlin. Auch, weil er sich in München immer „wie unter einer Käseglocke“ gefühlt hat. Aber wie das so ist, mit dem Münchner, der seine Stadt verlässt: Er mag das oft aus Überzeugung tun, aber selten ganz. 2008 eröffnete Peter in Berlin sein Valentin Stüberl. 2011 kam am anderen Ende Neuköllns in einem ehemaligen Puff die Liesl hinzu, benannt nach Valentins Partnerin. Er sagt, er habe halt die guten Sachen seiner Heimat mitgebracht („das Bier, die Mentalität“) und die schlechten zurückgelassen („die Enge, das Sich-anpassen-müssen“).
     
    Zwei bayerische Kneipen inmitten von Berlins Szenekiezen also. Aber eben nicht nur bayerische: „Dürfen ist Pflicht“ hat Peter mit Kreide über die Tür zwischen dem Vorderzimmer mit Bierbänken und dem Hinterzimmer für Konzerte geschrieben.
     
    „Das ist mein Motto hier in der Kneipe – gerade weil es auch vom Karl Valentin hätte kommen können“, erklärt er. Sein Tonfall wird da noch ein paar Nuancen bayerischer. Dann zündet er sich noch eine Selbstgedrehte auf der Bierbank an. „Dürfen ist Pflicht“, das meint auch: Bayer sein ist hier okay. Muss aber eben auch nicht sein. Dieses sehr bayerische Motto ist vielleicht tatsächlich geeignet, selbst Berlin zu erobern.



    Im Stüberl gibt es auch Alpenkitsch. Trotzdem ist es keine typische bayerische Kneipe.

    Fünf Kilometer vom Stüberl entfernt, in Kreuzberg, könnte es jedenfalls auch sehr gut über der Tür stehen. Hier betreibt Thomas Nolff das Martinique, eine Kneipe, bei der nicht einmal der Name verrät, was sich dahinter verbirgt. Erst, wenn man den Laden an einem Samstagnachmittag betritt, fügt sich ein Bild zusammen: Im Martinique tragen dann nämlich alle rot. Hier ist das Stammquartier der „FC Bayern Hauptstadt Supporters“ – dem Berliner Fanclub von Bayern München. Heute spielt die Mannschaft gegen Werder Bremen. Dass die Reporterin aus der Gegend um Bremen kommt, stört keinen. Lieber stößt man mit einem Weihenstephan vom Fass darauf an. Was auffällt: Die meisten Mitglieder der Hauptstadt Supporters sind keine Bayern, sondern Berliner. Aber sie sagen: „Wir lieben den Süden“. Deshalb organisieren sie Fahrten nach München, bayerische Abende und Stammtische.

    >>> Der erste Auftritt von "LaBrassBanda" in Berlin und warum bayerischen Traditionen in der Hauptstadt so erfolgreich sind.
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    Wirt Thomas ist Anfang 40, trägt Bayernschürze und Glatze und ist in Bayern aufgewachsen. „Dann habe ich Urlaub in Berlin gemacht und bin nie wieder zurückgegangen.“ 2009 hat er das Martinique eröffnet – sein Vater kommt von der Insel. Seitdem serviert er dort Cross-Kitchen mit kreolischem, schwäbischem und bayerischem Essen. Ähnlich wie Peter aus dem Stüberl hat auch er Traditionen mitgenommen und verändert – so, dass sie in die Hauptstadt passen und gleichzeitig ein Stück Zuhause erhalten bleibt. Die Sache mit dem Fanclub war auch nicht geplant, sondern entstand über eine Thekenfreundschaft: Der Präsident der Hauptstadt Supporters wollte einen Ort für die vielen Bayern-Fans in der Stadt schaffen – Thomas hatte die Räume. „Leider hatte die Kneipe schon einen Namen, bevor wir hier eingefallen sind. Sonst hätte Thomas es ‚Zu Franz‘ oder so nennen müssen“, sagt Präsident Peter heute. Er ist übrigens Berliner.



    Im Martinique in Berlin-Kreuzberg treffen sich die FC Bayern Hauptstadt Supporters.
     
    Ortswechsel zurück ins Valentin Stüberl. Es wird langsam voller. Später steht noch ein Konzert der skandinavischen Band Nezelhorns In An Elephant String an. „Arg kompliziert“ findet Peter den Namen. Die Jungs von der Band – Tunnel in den Ohren und bis zum Adamsapfel zugeknöpfte Hemden – bekommen vor ihrem Auftritt Weißwürste serviert und trinken Helles. An der Theke unterhält sich ein bayerischer Freund von Peter mit dem Barkeeper. „Dürfen ist Pflicht“, sagt Peter immer wieder. Und noch: „Diese Kneipe ist für mich mehr als eine Wirtschaft“.

    LaBrassBanda spielten im Stüberl ihr erstes Berlin-Konzert 


    Wer an die Wände schaut, versteht, was er meint. Über der Tür vom Herren-Klo, ein paar Meter neben der Wildsau, blickt eine Kuh von einem türkis-verblichenen Plakat. „LaBrassBanda“ steht über der Kuh. Die Band hat im Stüberl „Zum Dämmerschoppen“ gespielt. Beginn: 17 Uhr. 2008 war das. Der erste Auftritt der mittlerweile berühmten Band in Berlin. „Das war von der Lautstärke wie bei einer türkischen Hochzeit, das ganze Stüberl hat im Takt gebebt“, erinnert sich Peter. Ein bisschen Angst hatte er schon, dass die Polizei kommt, aber stattdessen hätten die Leute auf der Straße einfach mitgewippt.
     
    Wenn LaBrassBanda heute in der Berliner Columbiahalle vor mehr als 3000 Zuschauern spielen, rufen sie manchmal immer noch „Geh’n wir nachher noch aufs Stüberl?!“ Und dann freut sich Peter. Er steht bei den Konzerten auf der Gästeliste. Oft kommt die Band dann übrigens tatsächlich noch vorbei und sein Laden ist voll.
     


    LaBrassBanda hatten ihren ersten Auftritt in Berlin im Stüberl. Das Tourplakat hängt immer noch an der Wand.

    Peter hegt auch gute Beziehungen zum Münchner Plattenlabel Trikont. Das Stüberl ist mittlerweile einer der ersten Orte, an denen die ihre Bands Berlin erproben lassen. Auch Kofelgschroa haben hier gespielt. Die Kneipe ist also tatsächlich nicht nur eine Wirtschaft – sie ist ein Treffpunkt für alle, die irgendwie mit bayerischen Traditionen in Berührung kommen wollen – sei es über das Essen, die Musik oder auch das Schafkopfturnier, das auf einer Schiefertafel beworben wird. Anders als in den großen Brauhäusern in Mitte trägt hier dabei nur niemand ein Dirndl. Die neuen bayerischen Läden funktionieren ähnlich wie die Musik von LaBrassBanda oder Kofelgschroa: Die Traditionen sind noch spürbar. Der Umgang mit ihnen ist aber unverkrampfter geworden – und damit wohl wieder natürlicher. Peters Kollegin Simi, die im Stüberl kellnert und selbst regelmäßig auftritt, bringt es auf den Punkt: „Traditionen sind ja generell nichts Schlechtes. Man muss nur manchmal den Mut haben, sie weiterzuentwickeln.“ 
     
    Noch mal ins Martinique: Denn auch, wenn viele Gäste aus Berlin stammen – auch Bayern kommen immer wieder hierher. Vielleicht, weil sie nur ein Spiel schauen wollen, vielleicht aber auch wegen der Vernetzung. Kellnerin Julia, 23, und aus München, hat so ihren Job bekommen: „Ich wollte hier eigentlich nur ein Spiel schauen und über das Gespräch am Tresen hatte ich dann einen Job.“ Ihre Beobachtung ist, dass die Bayern sich an den Orten, an denen es heimisches Bier in passender Atmosphäre gibt, halt doch immer wieder zusammenrotten würden. Ihr Chef Thomas glaubt, das läge auch an der Mentalität der Bayern: „Die rücken zusammen. Berlin ist schon sehr anonym, man braucht eine Zeit, bis man hier ankommt. Wenn man sich mit Leuten von zu Hause zusammentut, geht das schneller.“ Viele in dem Lokal sind auch in der Facebook-Gruppe „Bayern in Berlin“ aktiv, in der man sich hilft und austauscht.
     
    Vielleicht ist die Inklusion der Grund, warum die bayerischen Traditionen in Berlin inzwischen so erfolgreich sind. Thomas und Peter sind beide ihrer Heimat verbunden, schließen dabei allerdings niemanden aus. Vielleicht sind sie damit offener als die Wirte in München. Wer möchte, darf gerne mit ihnen LaBrassBanda hören oder Bayernspiele gucken. Wer nur in Ruhe sein Bier trinken möchte, ist aber ebenfalls willkommen.
     
    Eben doch keine bayerische Exklave, vielmehr ein Miteinander. Thomas erzählt: „Als ich damals den Stammgästen erklärt habe, dass das Martinique eine Bayern-Fankneipe wird, haben viele gesagt, sie kämen nicht wieder. Stimmte aber natürlich nicht.“ Wohl, weil sie verstanden haben, dass sie bayerisches Bier trinken können und trotzdem Berliner bleiben dürfen.

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    Das für manche Menschen Spektakulärste an meiner ansonsten ziemlich verschlafenen Straße ist vermutlich die Tatsache, dass der Münchner „Tatort“-Kommissar Udo Wachtveitl hier wohnt. Den sieht man deshalb manchmal beim Tengelmann einkaufen.



    Ann-Kathrin, 30, Moderatorin

    Gleich gegenüber von meiner Wohnung gibt es einen ziemlich abgefahrenen Getränkemarkt. Die Pakete, die dort für mich abgegeben werden, riechen immer nach Rauch, wenn ich sie abhole. Aber irgendwie mag ich den Laden, er hat Style. Im Sommer sitzen die Besitzer gern draußen und quatschen. Sie haben auch einen Hund, einen kleinen Yorkshire Terrier namens Gipsy. Das weiß ich, weil Gipsy immer bellt und seine Frauchen ihn immer rufen. Das gehört für mich irgendwie schon zum Sound der Straße.

    Bei der Bäckerin Helena gibt es die allerbesten Brezn der ganzen Stadt. Auf die lasse ich nichts kommen, auch wenn ein Bekannter von mir diesen Bäcker aufgrund der etwas lieblosen Optik immer total gemein beschimpft. Und hervorragende Pasta gibt es bei La Frattoria, einem Italiener gleich hier um die Ecke in der Schlotthauerstraße.

    Barmäßig geht in der Entenbachstraße leider nichts, aber dafür gibt es das Theater des Jugendwohnheims, i-Camp heißt das. Da stehen immer ganz interessante Menschen davor. Ich gehe oft vorbei und sage mir jedes Mal, irgendwann muss ich mal hin. Habe ich bisher aber leider noch nicht geschafft.
     
    Das Schöne an der Entenbachstraße ist ansonsten, dass es hier so bescheiden und normal zugeht. Und dass sich die Altersklassen so entspannt durchmischen. Da ist das Jugendwohnheim und das Altenstift – und damit all die Omas und Opas, die mit ihren Gehwagen durch die Straße fahren. Und die jungen Menschen, die sie besuchen. Ich komme vom Land und fühle mich da gleich sehr aufgehoben. Und trotzdem bin ich auch schnell unter Leuten, wenn ich möchte. Das Charlie ist nicht weit. Und in der Humboldtstraße haben vor Kurzem einige spannende Läden aufgemacht – zum Beispiel das Türkitsch. Ich bin eigentlich kein großer Fan von Kebap und Köfte, aber da war ich jetzt echt oft. 

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    Zum Anfang vielleicht eine kleine Zahl, die ganz schön Großes erzählt: 44. So viele Wohnungen hat der Berliner Top-Anbieter auf AirBnB nämlich im Portfolio. Martin heißt der. Auf Platz zwei: Frank + Florian. 39 Wohnungen vermieten die beiden – wenn es tatsächlich echte Menschen sind und keine Firma, was gut möglich ist.

    Und jetzt noch eine große Zahl: Würden alle Airbnb-Angebote in Berlin an einem Tag gleichzeitig vermietet, käme dabei ein Tagesumsatz von knapp 645.000 Euro zusammen. 11.701 „Wohneinheiten“ finden sich für Berlin nämlich gerade auf AirBnB, die zusammen 34.418 Schlafplätze ergeben. Macht einen Tagessatz von etwa 55 Euro pro Nacht (in Minimalbesetzung).




    Verteilung der Wohnungen auf die Kieze. Je dunkler, desto mehr.

    Wir kennen diese Zahlen, weil ein studentisches Projekt der FH Potsdam im Rahmen des Kurses „From Reading to Exploring“ die Datenverarbeitungsprogramme angeworfen und sie mit offen zugänglichen Zahlen des Share-Economy-Anbieters befüllt hat. Und weil sie das auf der Seite airbnbvsberlin.de grafisch auch noch sehr, sehr schön aufbereitet haben. Man sollte sich das ansehen. Möglicherweise sogar mit etwas Muße.




    Wo die Top-Anbieter ihre Wohnungen haben.

    Das Ergebnis der Arbeitet lautet übrigens grob gesagt: Mit Share-Economy, dem privaten Teilen von (in diesem Fall) Wohnraum also, hat das alles immer weniger zu tun. Tatsächlich sprechen die Ergebnisse für eine immer größere Professionalisierung der AirBnB-User. Auf der Angebotsseite, wohlgemerkt. AirBnB wird immer gewerblicher genutzt.

    1167 Nutzer bieten nämlich mehr als ein Inserat an. Die zehn größten Anbieter haben zusammen 281 Wohnungen. Im Schnitt hat ein Nutzer immerhin 1,3 Inserate. Was nun durchaus interessante Zahlen sind, wenn man sich fragt, ob derartige Angebote das Mietangebot verknappen.

    Berlin ist übrigens deutschlandweit mit großem Abstand der größte Markt für private Wohnungsanbieter. Dort werden mehr Wohnungen und Zimmer über Airbnb vermietet als in Hamburg, München, Köln und Frankfurt zusammen. Womit wir auch schon wieder bei der Kehrseite der Diskussion wären: Es ist natürlich auch die Nachfrage, die den Markt schafft. Und ein Hotelzimmer kostet im Schnitt eben 80 Euro.

    jakob-biazza

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