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jetzt.de

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  • 03/12/15--03:41: Unschuldige Diebe?
  • 7,4 Millionen Dollar Entschädigung müssen Pharrell Williams und Robin Thicke an die Erben des Soulsängers Marvin Gaye zahlen, das entschied nun ein US-Gericht. Der Grund: Ihr Song „Blurred Lines“ sei Gayes „Got To Give It Up“ einfach zu ähnlich. Aber ist das Lied wirklich ein Plagiat? Wir haben über das Urteil mit Heiko Maus, Musikwissenschaftler aus Hamburg gesprochen, der häufig bei Urheberrechtsprozessen als Gutachter im Einsatz ist.




    jetzt.de: Herr Maus, wenn sie Gutachter in dem Prozess um „Blurred Lines“ gewesen wären, hätten Sie genauso entschieden?
    Heiko Maus: Ganz bestimmt nicht. Das Urteil überrascht mich wirklich, ich sehe das ganz anders.

    Und zwar wie?
    Ich sehe in „Blurred Lines“ keine Urheberrechtsverletzung. Das Lied von Marvin Gaye hat kaum eine explizite Melodie, sondern es lebt vom Rhythmus und vom Groove. Darin sind sich die Lieder natürlich schon sehr ähnlich und daran haben sich Pharrell Williams und Robin Thicke auch sicherlich mit Absicht angelehnt. Aber wir sprechen hier eben nur von einem Groove, einem Retro-Style, und der gilt eigentlich nicht als schutzwürdig.

    https://www.youtube.com/watch?v=ziz9HW2ZmmY

    Für sie gehört das also zur gleichen Kategorien, wie der Fall von Daft Punks „Get Lucky“ und einem koreanischen YouTube-Video?
    Im Prinzip schon, ja. Bei „Get Lucky“ war es eben eine sehr einfach Akkordfolge, die zwangsläufig immer wieder von Komponisten genutzt wird, genauso wie eben ein bestimmter Rhythmus oder ein 1970er-Jahre-Stil. Schutzwürdig ist aber nur das, woran man die Eigenleistung und die Schöpfung des Musikers erkennt, etwas Einzigartiges wie zum Beispiel eine markante Tonfolge.

    Pharrell ist jetzt – ich sag mal – nicht der verkopfteste und komplizierteste Songwriter. Das sieht man schon daran, dass gefühlt alle seine Lieder gleich anfangen. Könnte das der Grund sein, dass ihm häufiger Plagiate vorgeworfen werden?
    Das machen viele so, er ist da nicht der Einzige. Aber ja, klar, je einfacher die Musik ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Ähnlichkeiten oder Doppelschöpfungen kommt, dass also zwei Künstler unabhängig voneinander auf die gleiche Idee gekommen sind.


    "Doppelkompositionen gibt es immer, keiner erfindet das Rad neu."



    Wäre ein solches Urteil wie jetzt bei "Blurred Lines" auch in Deutschland möglich gewesen?

    Ich glaube nicht. Das Urteil wurde in den USA ja nicht von einem Richter, sondern von Geschworenen getroffen und ich denke schon, dass die einfach beeinflusst wurden von anderen Sachen als den Fakten. Zum Beispiel, dass Thicke in Interviews posaunt hatte, er habe mitkomponiert und Gaye sei ihr klares Vorbild gewesen und im Gericht sagt er dann, er habe damit nichts zu tun und bei den Interviews sei er auf Drogen gewesen. Und am Ende singt er als Beweis irgendwas vor. Ich kann mir gut vorstellen, dass das die Geschworenen negativ gestimmt hat. Für mich hört sich das an wie eine amerikanische Anwaltsserie. In Deutschland ist das Rechtssystem weniger beeinflussbar, denke ich, die Fakten wiegen mehr und auch die Rechtslage ist ein bisschen anders.

    Wird dieses Urteil in den USA trotzdem vielleicht bei uns irgendwas ändern?

    Wie gesagt, in Deutschland liegen die Dinge ein bisschen anders. Aber es könnte schon sein, dass sich damit etwas verändert. Ich erinnere mich an den Prozess: Kraftwerk gegen Sabrina Setlur. Die Band hat den Prozess gewonnen, obwohl Setlur nur eine zweisekündige Sequenz benutzt hatte. Mehr einen Klang als eine Melodie oder ähnliches. Bis dahin dachte man immer, Sounds könne man nicht schützen. Seit dem Urteil gehen aber immer mehr Künstler gegen Plagiate in diese Richtung vor.

    Gary Moore verlor 2008 auch einen Rechtsstreit. Das Gericht entschied, dass sein Hit „Still Got The Blues“ ein Plagiat des Songs einer deutschen Band sei, von der er vermutlich noch nie im Leben etwas gehört hatte. Gibt es für Künstler denn eine Möglichkeit, sich gegen solche Plagiatsvorwürfe abzusichern? Sonst kann ja bald jeder kommen und sagen, den Groove, den Sound oder die Melodie hatte ich schon vorher.

    Das ist schwierig. Künstler können ihre Kompositionen beim Notar beglaubigen lassen, dann können sie zumindest beweisen, wann sie sie geschrieben haben. Und natürlich können sie Musikgutachter wie mich fragen, wie ähnlich eine Komposition einem bereits existierenden Lied sein darf. Aber Doppelkompositionen gibt es immer und das Rad neu erfinden kann auch keiner. Es war eben eigentlich alles schon da und wenn etwas Mode ist, klingt eben vieles gleich, das war schon im Rock’n’Roll so, oder Ende der 1980er beim Euro Dance. Das war auch alles eine Soße.

    Geht es ihnen oft so, dass Sie die Charts hören und denken: "Oh man, wenn da einer klagen würde, die wären geliefert?"

    Ja, so wie ich mich über manche Urteile wundere, gibt es mindestens genauso viele Fälle, bei denen ich mir denke: "Warum klagt da denn keiner?" Das denke ich vor allem bei Werbemusik. Dort ist es ziemlich üblich, dass Komponisten den Auftrag bekommen etwas zu liefern, "was so ähnlich klingt wie...", weil die Unternehmen oder Agenturen für den echten Song nicht zahlen wollen. Wenn auch das in Zukunft unter Plagiat fällt, könnten viele Werbekomponisten Schwierigkeiten bekommen.

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    Wir würden diesen Text gerne so beginnen: [plugin imagelink link="http://emojipedia.org/wp-content/uploads/2014/05/social-new-years-eve.png" imagesrc="http://emojipedia.org/wp-content/uploads/2014/05/social-new-years-eve.png"]
    Geht aber nicht. Also geht schon, siehe oben, aber halt nur, wenn man so ein Jpeg hier einbindet. Was okay aussieht, aber ungefähr so lässig und unkompliziert ist, als würde man mit dem Fahrrad ein Auto abschleppen. Fakt ist: Es gibt keine Emojis auf der normalen Tastatur. [plugin imagelink link="http://www.company.co.uk/cm/companyuk/images/P7/what_do_all_emojis_mean_pensive-HL5baf.jpg" imagesrc="http://www.company.co.uk/cm/companyuk/images/P7/what_do_all_emojis_mean_pensive-HL5baf.jpg"]Ja, das ist schlimm. Oder wie man heute im Netzjargon sagt: The struggle is real!

    Aber vielleicht ist der struggle auch bald vorbei. Ein paar Entwickler aus Oakland, Kalifornien, sammeln nämlich gerade Geld auf Kickstarter. Für die erste reine Emoji-Tastatur der Welt! Klingt nett, sagst du, aber unbrauchbar, weil man ja dann nur noch Emojis tippen kann? Stimmt, deshalb gibt es dazu ein kleines Programm, das man über die (ohnehin unnütze) Capslock-Taste ein- und ausschaltet. Ist das nicht schön? Nein? Immer noch irgendwie traurig?

    Dann klick doch mal hier und lass dir das Projekt erklären: 

    http://vimeo.com/121100300

    Gern geschehen! 

    jan-stremmel

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    Das hier ist „Moni’s Getränkemarkt“. Auf den ersten Blick ein typischer Münchner Getränkemarkt direkt neben dem Schlachthof. Ein schlichter Name, neben dem eine schnauzbärtige Flasche mit einem Sektglas tanzt. Auch das übliche Sortiment überrascht nicht sehr. Wäre da nicht Monis ausgeprägte Akkuratesse, mit der sie jedem einzelnen Produkt in ihren nicht gerade kleinen zwei Schaufenstern ein neonfarbenes Preisschild gönnt. „Hier wird noch ausgepreist“, denkt man in bestem Supermarktdeutsch. Damit leistet dieses Fenster etwas Seltenes: Wer wissen will, was zum Beispiel ein Spaten-Krug kostet, kann das hier sogar ohne Betreten eines Ladens herausfinden.

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    Tony Abbott macht es einem nicht schwer, ihn nicht zu mögen. Der australische Premierminister leugnet den Klimawandel und schickt Bootsflüchtlinge in Internierungslager nach Papua-Neuguinea. 
     
    Gerade ist er mal wieder wegen seiner Rechtsaußen-Linie in der Kritik. Er plant nämlich, 12.000 Aborigines aus entlegenen Gebieten in Westaustralien umzusiedeln, weil deren Versorgung zu teuer für die Steuerzahler sei. Die Aborigines wohnen dort zwar seit Jahrtausenden (und gehören zu den ärmsten und am schlechtesten ausgebildeten Menschen Australiens), aber: "Wir können ihnen nicht endlos ihren gewünschten Lebensstil finanzieren", findet Abbott.

    Kein Wunder also, dass mal wieder mittelgroßes Entsetzen herrscht in einigen Teilen Australiens. Durch die sozialen Netzwerke rast derweil ein Foto, das die Meinung der liberalen Australier zum jüngsten Abbott-Ausfall knapp auf den Punkt bringt. Es zeigt den Premier bei einem Schulbesuch im vergangenen Jahr. Und einen Jungen in der ersten Reihe, der aus Müdigkeit zum berühmtesten minderjährigen Oppositionellen des Kontinents geworden sein dürfte. 



     









    jan-stremmel

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  • 03/12/15--08:15: Meine Straße: Ridlerstraße
  • Bis vor Kurzem war mir diese Gegend noch total fremd, denn ich habe jahrelang in Neuhausen gewohnt. Einerseits herrscht hier oben im hinteren Westend eine ziemlich kalte, industrielle Stimmung – überall große Bürohäuser, alte Hotels, große Parkplätze, die TÜV-Süd-Zentrale. Und andererseits ist man in ein paar wenigen Schritten in einem ganz anderen Westend mit dem Café Marais und den vielen kleinen Modeläden.



    Genau dieser Kontrast ist es auch, der die Gegend so interessant macht. Spaziergänge sind hier total spannend. Ganz oft verlaufe ich mich auch noch, weil mir die Gegend so wenig logisch vorkommt und die eine Straßenecke sich manchmal so sehr von der anderen unterscheidet, dass man glaubt, plötzlich in einer ganz anderen Stadt gelandet zu sein.

    Gleich bei mir gegenüber ist das Stragula, eine sehr nette, familiäre Kneipe, in der regelmäßig Poetry-Slams und Lesebühnen veranstaltet werden. Da kann man gut ein Feierabendbier trinken und sich über die täglich wechselnde Karte freuen. Es gibt Hausmannskost und hervorragende Pommes. Ansonsten gehe ich zum Essen gerne ums Eck ins Café Westend. Die haben riesige Portionen und gute Pancakes.

    Einkaufen kann man gut auf dem Wochenmarkt am Gollierplatz– Donnerstags ist der immer – und bei dem türkischen Supermarkt in der Ligsalzstraße. Bei dem gibt es die besten Geflügelwiener, super Fladenbrot und eine große, frische Obst- und Gemüseauswahl.

    Gleich bei mir um die Ecke, in der Anglerstraße, ist die Rollerzentrale, ein toller, alteingesessener Vespa-Laden, zu dem ich meine Vespa schon zur Reparatur gebracht habe, als ich noch in einem Münchner Vorort wohnte. Daran vorbei zu gehen, macht mich immer ganz nostalgisch.

    Worauf ich mich jetzt schon freue, ist der Flohmarkt am Georg-Freundorfer-Platz. Der kommende ist am 18. April und von da an gibt es fast jeden Monat einen. Außerdem möchte ich mich im Sommer möglichst oft mit Freunden am Gollierplatz zum Tischtennisspielen treffen – und im Bavariapark, um Boule zu spielen.

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    jetzt.de: Joris, es heißt, dass du beim Songschreiben gerne Rotwein trinkst, stimmt das?
    Joris: Ja, ich bin tatsächlich ein großer Fan vom Schreiben nachts bei Wein und Kerzenschein.

    Ganz schön kitschig.

    Möchte man meinen, aber wenn man die Wohnung gesehen hätte, in der ich die Songs für mein aktuelles Album geschrieben habe, hätte man da überhaupt nichts Kitschiges gefunden. Neben Wein und Kerzen gab’s dort vor allem Fertigpizzen und Zigarettenrauch. Der Boden war aufgerissen, und es waren noch Überbleibsel eines Wasserschadens vorhanden.



    Hat auch kein Problem mit Songs von Pur: 
    Joris. 


    Geht man die Tracklist deines Albums durch, möchte man dennoch einen Hang zum Kitsch vermuten:
    „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“, „Sommerregen“, „Bis ans Ende der Welt“, „Herz über Kopf“. Klingt alles stark nach Schnulzen-Pop.
    Ich gebe zu: Einen Titel wie „Sommerregen“ könnte man auch Andrea Berg zuordnen. Aber ganz ehrlich: Ich habe einfach nur geguckt, welche Worte am besten zur Musik passen. Und dass am Ende fast alle Titel Gegensätze ausdrücken, war so auch nicht geplant.

    Aber du versuchst auch nicht, Kitsch bewusst zu umgehen, oder?

    Zumindest habe ich keine Angst davor. Hatte ich noch nie. Ich bin zum Beispiel fast gar nicht mit deutschsprachiger Musik aufgewachsen, habe immer viele englischsprachige Songs gehört, Coldplay, Paolo Nutini und so. Aber als ich irgendwann Schlagzeug spielte, hatte ich keine Probleme damit, beim Üben auch mal ein Stück von Pur zu begleiten. (lacht)

    Wann findest du Kitsch denn doof?

    Wenn er ganz offensichtlich nicht ehrlich ist. Wenn man merkt: Da wird gerade so eine parfümierte Welt aufgemacht, eine künstliche Stimmung erzeugt. Kitsch ist doof, wenn er gewollt ist.

    Und welcher Kitsch gefällt dir?

    Philipp Poisel ist oft kitschig, und einiges von ihm würde ich mir auch nicht jeden Tag anhören. Aber es gibt ein paar Songs von ihm, bei denen ich anfangen könnte zu heulen. Einfach, weil ich ihm glaube.

    https://www.youtube.com/watch?v=OTdmgRkaFHM "Herz über Kopf" von Joris.

    Viele finden Kitsch romantisch. Wie definierst du Romantik?

    Romantik ist für mich ein Mix aus schönen Erlebnissen und gleichzeitig ganz viel Traum. Romantik ist nichts, was irgendwann mal zu hundert Prozent greifbar sein wird. Es hat immer mit Bildern, zu tun, die es ausschließlich im Kopf geben kann. Romantik ist deshalb eher ein Wunsch und ein Verlangen.

    Welche Musik findest du romantisch?

    Zum Beispiel die von Angus & Julia Stone. Deren Songs sind für mich purer Sex. Ich finde aber auch Damien Rice sehr romantisch. Eigentlich alles, was ein bisschen melancholisch ist.

    Melancholie gleich Romantik?

    Melancholie ruft zumindest immer den Wunsch nach Geborgenheit in mir hervor, also nach Zweisamkeit. Romantik alleine ist, glaube ich, ziemlich langweilig.

    Du hast mal gesagt, du wärst allgemein „ein Herz-Mensch“. Auch nicht ganz unkitschig. Was bedeutet das denn?

    Das heißt erstmal nur, dass ich in meinem Gefühlsleben eher auf mein Herz höre.

    Und was war deine letzte Herzensentscheidung?

    Mein Gitarren-Amp.

    Und wenn du auf die Bühne gehst? Kannst du den Kopf auch ausschalten?

    Es wäre schlimm, wenn ich das nicht könnte. Meine Band und ich sind ja ständig im Sprinter unterwegs und stehen nur einen winzigen Teil unserer gemeinsamen Zeit auf der Bühne. Das wollen wir dann einfach genießen.

    Geht das denn? Raus aus dem Sprinter, rauf auf die Bühne und sofort romantisch sein?

    Wir haben vor den Auftritten mit der Band so ein Ritual, das uns hilft, runterzukommen.

    Nämlich?

    Yoga! Wir machen alle zusammen Yoga. Das entspannt und schweißt uns noch mal richtig zusammen. Wenn ich danach raus gehe und spiele, denke ich wirklich an nichts mehr.

    Joris' Album "Hoffnungslos Hoffnungsvoll" erscheint am 21. April 2015

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    Es gibt ein neues Produkt von Apple. Einen Laptop, der sehr dünn ist. Und sehr teuer. Und der nur einen einzigen USB-Anschluss hat. Ein paar Menschen, die sich mit Technik gut auskennen, sagen jetzt: Abzocke! Und fragen: Was soll das? 

    Zum Beispiel die hier: 








    Zum Glück ist jetzt ein Video aufgetaucht, in dem ein Mann (es muss sich dabei um eine Art europäischen Chef-Ingenieur handeln, er spricht fließend andalusisches Spanisch) - in dem dieser Mann jedenfalls erklärt, wie es dazu kam. Also zu der Entscheidung, nur einen USB-Anschluss einzubauen. Und den Laptop dann auch noch in Gold anzubieten. Die Geschichte ist nämlich zum Totlachen!

    https://www.youtube.com/watch?v=KHZ8ek-6ccc

    (Übrigens: Unser Spanisch ist hier wegen Gelächter & Zahnlücke nicht ganz trittsicher - aber grob übersetzt erzählt der Mann, wie er in einem Restaurant mal ein paar Paella-Pfannen spülen sollte. Er wollte besonders schlau sein und stellte sie am Strand ins Wasser. Aber dann kam die Flut. Und alle Pfannen waren weg. HAHAHAHAHA!)  

    jan-stremmel

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  • 03/13/15--00:59: Fühl dich wohl
  • Eine Karrieremesse vor wenigen Wochen. Philipp Benkler betritt im Kapuzenpulli die Bühne, Hunderte Top-Absolventen schauen zu ihm hoch, junge, ambitionierte Menschen auf der Suche nach dem passenden Berufseinstieg. Sie treffen auf große Namen: 15 Unternehmen, darunter Commerzbank, Deutsche Bahn und BASF sind angereist und werben am Vorabend des Messetages um die besten Köpfe. Der seit Jahren beschriebene „War for Talents“, der Kampf um Talente, auf dieser Messe kann man ihn besichtigen.



    Ein Leben für die Firma? Das kommt bei der jungen Generation nicht mehr an, denn sie will einen Job, der Spraß macht und Freiraum lässt.

    Benkler hat fünf Minuten Zeit, um die Vorzüge seines jungen Münchner Unternehmens Testbirds zu präsentieren, dessen Geschäftsmodell es ist, Crowd-basiert Apps und Webseiten zu testen und zu optimieren. Anders als die übrigen Unternehmen zeigt er statt eines aufwendigen Image-Films ein paar Folien, eine davon mit einem komplizierten Organigramm, wie man es von Konzernen kennt. „Wenn Sie in solchen Strukturen Karriere machen wollen“, sagt Benkler, „dann sind Sie bei uns falsch.“

    Später bewerten die Zuhörer die Vorträge der Unternehmensvertreter. Benkler belegt den zweiten von 15 Plätzen – und kann sich am nächsten Tag kaum vor potenziellen Bewerbern retten, die am Testbirds-Stand ihre Lebensläufe abgeben wollen.

    Der typische Werdegang eines hochqualifizierten Uni-Absolventen ist noch immer vorhersehbar. Nach dem Studium legt er Anzug und Krawatte an, arbeitet 60 Stunden pro Woche in strengen Hierarchien, bekommt dafür ein ordentliches Gehalt – und hat kaum Zeit, es auszugeben. Das jedenfalls bieten viele Konzerne. Sie versprechen zwar individuelle Karriereplanung, zeitgemäße Vereinbarkeit von Beruf und Familie, punkten mit ihrer Marke – doch vieles davon ist nur gut klingende Werbung.

    Immer mehr junge Menschen fügen sich aber nicht länger dem Standard: bürokratische Abläufe, undurchschaubare Kommunikationswege – kurz: sie wollen nicht eine kleine Nummer in einem großen System sein. „In großen Unternehmen werden Stellen geschaffen und dann passende Stelleninhaber gesucht“, sagt der Frankfurter Karriere-Experte Thomas Fuchs. „Junge, dynamische Firmen suchen hingegen Leute, die zu ihnen passen, und bauen um sie herum Tätigkeitsprofile nach ihren Fähigkeiten.“ Wer zur Generation der Führungskräfte von morgen und übermorgen gehört, will nicht mehr nur „Stelleninhaber“ sein, sondern sucht mehr: Sinn, Einflussnahme und Spaß an der Arbeit. Gefragt nach den Erwartungen an eine Tätigkeit, sagen mehr als zwei Drittel aller 15- bis 24-Jährigen, sie wollten „einen Beruf, der Spaß macht“. Alle anderen Wünsche sind laut der jüngsten Ausbildungsstudie der Hamburger-Kette McDonald’s weniger wichtig.

    Unternehmen können also gar nicht mehr anders, als sich besser auf die Befindlichkeiten der Nachwuchskräfte einzustellen. Fast 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben laut einer Studie der Managementberatung Towers Watson Schwierigkeiten, sogenannte High Potentials zu gewinnen, also besonders für Führungsaufgaben geeignete Mitarbeiter. Mehr als zwei Drittel kämpfen demnach mit Schwierigkeiten, sie auch zu halten. Das wird zunehmend zum Problem: Bis zum Ende des Jahrzehnts wird das Arbeitsangebot in Deutschland durchschnittlich um 0,4 Prozent pro Jahr schrumpfen, bis 2030 sogar noch schneller, warnte jüngst die Beratungsgesellschaft Boston Consulting.

    Vor allem Jungunternehmen mit wenigen Mitarbeitern fällt es leichter, auf die neuen Bedürfnisse einzugehen, zeigt etwa das Hamburger Unternehmen Jimdo, das Baukästen für Webseiten entwickelt. „In deinem Bereich arbeitest du eigenverantwortlich, deine Ideen sind schwerstens erwünscht“, heißt es unter dem Titel „Warum DU bei Jimdo arbeiten willst“. Distanziertes Siezen ist unerwünscht, das Miteinander preist die Firma entsprechend als familiär – ja, „wie in einer WG“, in der jeder so sein dürfe, wie er ist.
    Um das Wohlbefinden der Kollegen kümmert sich eine „Feelgood-Managerin“, eine Fachkraft fürs Wohlbefinden. Sie nimmt Wünsche, Sorgen und Rückmeldungen auf, organisiert tägliches Joggen oder gezielte Gesprächsrunden zwischen Mitarbeitern, damit „jeder mal mit jedem redet“.

    Feelgood sei viel mehr als eine schicke Kaffeemaschine, sagt Gabriele Korge. Sie forscht am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation daran, wie junge Menschen arbeiten wollen und wie Unternehmen darauf reagieren. Wohlfühlen habe auch mit Fragen zu tun wie: Kann ich effektiv arbeiten? Oder werde ich davon abgehalten, weil ich einen komplizierten Urlaubsantrag ausfüllen muss oder ständig in unproduktiven Besprechungen sitze?

    Dabei muss es nicht gleich ein Feelgood-Manager sein, der sich um die Mitarbeiter kümmert. Große Unternehmen mit Hunderttausenden Mitarbeitern stünden häufig vor dem Problem, potenzielle Führungskräfte schon früh zu erkennen und gezielt nach deren Wünschen zu fördern, beobachtet Wolfgang Doerfler, Deutschland-Chef der Talentmanagement-Beratung DDI. Eine wichtige Rolle müssten dabei Vorgesetzte übernehmen: „Führungskräfte sind zunehmend als Talentscouts gefragt“, sagt er. Dabei komme es darauf an, dass Konzerne die Karriereversprechen auch einhalten.

    „Bisher wird in großen Konzernen nur oberflächlich verändert. Sie geben zwar mehr Geld für Image, Außenwirkung und Wahrnehmung aus“, sagt Monika Kraus-Wildegger von Goodplace.org, einer Plattform, die sich mit neuen Arbeitsformen beschäftigt. „Die Widerstände gegen mehr Freiraum und flexibles Arbeiten sind aber groß: Da hat sich die Generation vor den jetzigen Anwärtern jahrzehntelang abgearbeitet, die Karriere vor Freizeit, Familie und Leben gesetzt – und jetzt kommen junge Menschen und machen das nicht mehr mit.“ Vielen Entscheidern fehle dafür das Verständnis. Weil es den eigenen Lebensentwurf hinterfragt.

    Andere gründen gleich völlig neue Einheiten. Ganz hoch im Kurs steht selbst bei traditionsreichen Firmen die Förderung von unternehmerischem Denken ihrer Mitarbeiter. Der Versandhändler Otto beispielsweise investiert mit der Beteiligungsgesellschaft E.Ventures in Internet-Start-ups und holt sich so junge Unternehmer in den Konzern. Auch das Wohlbefinden soll nicht zu kurz kommen: Wer bei Otto in der Zentrale arbeitet, kann seit vergangenem Frühjahr seine Mittagpause mit Tanzstunden, Filmvorführungen oder Lesungen verbringen. Der Konzern verkauft das so: „Unsere Mitarbeiter sollen sich in unserem Hause wohlfühlen, sie sollen Spaß bei der Arbeit haben, aber auch neue Impulse und Inspirationen für ihren beruflichen Alltag bekommen.“

    Die Wohlfühl-Rhetorik, das Duzen, die Firma als Familie erinnern an Google und Facebook, jene noch nicht besonders alten Weltkonzerne, die für eine Kultur der flachen Hierarchien, starken Förderung und für ihre bunten Büros bekannt sind. Auf der Liste der beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland belegt Google inmitten der Automobilhersteller den zweiten Platz. Diese Konzerne haben erkannt, dass Wohlfühlen, Respekt und Spaß ausschlaggebende Gründe für den wirtschaftlichen Erfolg sind. Weil sich Mitarbeiter geschätzt fühlen, sind sie loyaler, arbeiten lieber und – betriebswirtschaftlich gedacht – effizienter.

    Fraunhofer-Forscherin Gabriele Korge sieht bei großen Konzernen in Deutschland aber noch kaum Bewegung: „Sie sind viel träger, einfach durch ihre Größe“, sagt sie. „Noch gehen ihnen außerdem die Bewerber nicht aus, während kleinere Betriebe nicht genug qualifizierte Mitarbeiter finden und sich etwas ausdenken müssen, Talente zu finden und zu binden.“

    Sie denken sich viel aus, die großen Konzerne, BASF zum Beispiel: Auf der Karrieremesse erreichte die Chemiefirma den ersten Platz für eine Vorführung, bei der Mitarbeiter aus Chemikalien eine Flüssigkeit im Konzern-Rot zusammenmixten. Das Karriereportal im Netz ist so aufwendig aus Texten, Bildern und Videos zusammengebaut, dass es eher einem US-Blog als dem Auftritt eines Chemiekonzerns gleicht.

    Aber es gibt Schranken, die nicht so leicht zu überwinden sind. Wenn in einer Firma mit 200000 Mitarbeitern die Karrieren von zehn Prozent der Kollegen individuell betreut werden sollen, sind das 20000 Menschen. Jungunternehmer wie Philipp Benkler haben es da einfacher. „Wenn mir ein Kollege im Jahresgespräch nicht sagen könnte, auf welches unserer fünf Unternehmensziele er direkten Einfluss hat, hätten wir etwas falsch gemacht“, sagt er.

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  • 03/13/15--01:08: No Logo
  • Das Schönste zum Schluss: Anfang Mai wählen die Briten ein neues Parlament, und getagt und abgestimmt wird nur noch bis Ende März. Doch was die Abgeordneten nun verabschiedeten, wenige Wochen vor Ende ihrer Amtszeit, hat es in sich. Das Gesetz beschert der Regierung in London viel Ärger. Und es könnte die Gesundheitspolitik in ganz Europa beeinflussen. Mit einer üppigen Mehrheit von 367 zu 113 Stimmen beschlossen die Politiker, dass Zigarettenschachteln und Verpackungen anderer Tabakprodukte von Mai 2016 an keine Logos mehr zeigen dürfen.



    Für die Tabakhersteller sind Zigarettenschachteln ohne Logo ein Albtraum.

    Zigarettenhersteller müssen die Markennamen in einheitlicher Schrift auf schmutzig-olivgrüne Schachteln drucken. Auf den Packungen dominieren Warnhinweise und unappetitliche Fotos über Folgen der Sucht. Der Verzicht auf die Logos soll vor allem Jugendliche davon abhalten, mit dem Rauchen anzufangen.

    Die Branche ist empört: Die Entscheidung sei „ein irrationaler und unnötiger Angriff auf das private Eigentum“ der Produzenten, sagt James Barge, Cheflobbyist von Philip Morris. Die Regierung enteigne Firmen, ohne sie zu entschädigen, sagt Jerome Abelman, der den gleichen Posten bei British American Tobacco innehat. „Das ist illegal sowohl unter britischem als auch unter EU-Recht“, ergänzt der Manager des Lucky-Strike-Herstellers. Die Unternehmen kündigen Klagen an.

    Die Konzerne haben ihre Marken über Jahrzehnte mit vielen Werbemillionen aufgebaut und bekannt gemacht – doch wenn die Schachteln keine Logos mehr zeigen, wird diese Investition in Großbritannien entwertet. Das Gesetz, über das kommende Woche noch das britische Oberhaus abstimmt, gilt zunächst nur in England, da für Gesundheitspolitik in den anderen britischen Landesteilen die Regionalparlamente zuständig sind. Die versprechen allerdings, Englands Beispiel zu folgen.

    In Australien führte die Regierung eine vergleichbare Regelung schon im Dezember 2012 ein. Vor zwei Wochen billigte die zweite Kammer des irischen Parlaments ein solches Gesetz, das wie das britische Pendant im kommenden Jahr in Kraft tritt. Andere Länder wagten diesen Schritt bisher nicht, wohl auch, weil die Konzerne Australiens Regierung deswegen in jahrelange Rechtsstreitigkeiten verwickelten. Vertreter von deutschen Ärzteverbänden forderten aber die Bundesregierung jetzt auf, es den Briten und Iren gleichzutun.

    Es ist kein Zufall, dass die Regelung in Großbritannien und Irland erst von 2016 an gelten soll. In dem Jahr müssen die Hersteller ohnehin ihre Verpackungen in Europa verändern. Die neue Tabakprodukt-Richtlinie der EU schreibt vor, dass Schachteln dann zu zwei Dritteln von Warnhinweisen und abschreckenden Fotos bedeckt sein müssen. Außerdem verbietet der Rechtsakt Menthol-Zigaretten. Die Staaten haben bis Mai kommenden Jahres Zeit, entsprechende Gesetze zu erlassen.

    In Großbritannien kündigte die Regierung aus Konservativen und Liberaldemokraten schon 2011 an, ein Verbot der Logos zu prüfen. Doch ging es hier lange nicht voran, auch wegen des Widerstands der Industrie. Bei der Abstimmung im Parlament herrschte nun kein Fraktionszwang; Premierminister David Cameron unterstützte das Gesetz, ein gutes Drittel der Abgeordneten seiner Partei, der Konservativen, stimmte gegen den Marken-Bann.

    Die Regierung hatte zuvor Wissenschaftler die Folgen des Verbots in Australien untersuchen lassen. Die kamen zu dem Schluss, dass der Verzicht auf Marken zu einer mäßigen, aber wichtigen Verringerung der Anzahl an Rauchern führt. Die Tabakkonzerne argumentieren, es sei keineswegs bewiesen, dass dank dieses Verbots weniger Australier rauchten. Klar sei allerdings, dass der Marken-Bann den Verkauf gefälschter Zigaretten massiv ankurbele. In Großbritannien setzten Tabakhersteller im vergangenen Jahr geschätzte 27 Milliarden Euro um, der Fiskus kassierte 13 Milliarden Euro Steuern mit der Sucht. Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Bürger das Markenverbot unterstützt.

    Die Zigarettenindustrie wird das sicher nicht von ihren Klagen abbringen. Doch damit muss sich dann je nach Wahlausgang im Mai eine andere Regierung herumschlagen.

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  • 03/13/15--01:10: Verlorene Generation
  • Es ist ein Konflikt, der vom Radarschirm öffentlicher Aufmerksamkeit schon wieder verschwunden ist. Vier Jahre dauert der Bürgerkrieg in Syrien inzwischen, er hat 200000 Menschen das Leben gekostet, unter ihnen geschätzte 10000 Kinder. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind in Syrien und seinen Nachbarländern zwei Millionen junge Menschen auf der Flucht. Welche Not, aber auch welche Hoffnungen sich hinter diesen Zahlen verbergen, stellten Unicef-Mitarbeiter am Donnerstag in Berlin vor.
    Vier Jahre Bürgerkrieg, das sei ein „Jahrestag der Unmenschlichkeit“ , sagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, bei der Pressekonferenz, die ihre Besucher als erstes zwischen die Zelte eines Flüchtlingscamps entführte, per Video. Ein zehn Jahre altes Mädchen guckt da in die Kamera und versucht zu sagen, dass Kinder eine Zukunft haben, auch wenn sie die Eltern verloren haben. Sie bringt den Satz nicht zu Ende, da fließen Tränen, und so ähnlich hören sich auch die übrigen Geschichten an, die vom Leben auf der Flucht erzählen.
     


    Hanaa Singer, Leiterin von UNICEF Syrien macht auf die prekäre Lage der Flüchtlingskinder aus Syrien aufmerksam. Sie fordert mehr finanzielle Mittel, um eine ausreichende Versorgung gewährleisten zu können.

    Insgesamt 14 Millionen Kinder sind im krisengeschüttelten Mittleren Osten von Gewalt betroffen, sagte Hanaa Singer, die Unicef in Syrien leitet. Gewalt könne man auf jedem Marktplatz erleben, wo Kinder in allen Einzelheiten eine Hinrichtung beobachten könnten. Gewalt beginne oft auch mit dem Tod eines Angehörigen, der Kinder schutzlos und traumatisiert zurücklasse. Nach Schätzungen von Unicef-Flüchtlingshelfern hat jedes dritte Flüchtlingskind den Vater verloren, etwa 114000 syrische Kinder wurden auf der Flucht geboren. 50000 Lehrer seien umgekommen oder geflohen, sagte Hanaa Singer, jedes dritte Krankenhaus sei zerstört.

    Wo noch behandelt werde, so die Unicef–Leiterin, treffe man Kinder, die ins Leere starrten und dringend psychologische Hilfe bräuchten. Vielen fehlten Gliedmaßen. „Es gibt einen ganze Generation von amputierten Kindern, die behandelt werden müssen.“ Ein 13 Jahre altes Mädchen habe erzählt, sie könne nicht schlafen, weil sie das Bild ihres getöteten Bruders verfolge. Eltern hätten Probleme mit ihren Kindern, die auf Entwurzelung und dauernde Kriegsszenarien mit Aggression reagierten. Dann wieder treffe man junge Leute, die davon träumten, Informatiker zu werden, trotz allem, oder in der Lebensmittelindustrie reich zu werden.

    Ohne Träume gehe es nicht, aber auch nicht ohne Bares, so Hanaa Singer. „Wir müssen mehr in Dienstleistung investieren, in Bildung und heilpädagogische Ausbildungen.“ Wenn schon der Krieg nicht beendet werden könne, dann wenigstens die Not von Kindern, sagte Unicef-Schirmherrin Daniela Schadt. In Syrien drohe eine „verlorene Generation“ heranzuwachsen. 900 Millionen Dollar braucht Unicef 2015 in Syrien, nur ein Siebtel der Summe ist bisher zusagt. Aus Deutschland kamen zwischen 2012 und 2014 zehn Millionen Euro von privaten Spendern.

    Und die Probleme wachsen weiter. Nach einem Bericht von 21 Syrien-Hilfsorganisationen, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, war 2014 das bislang schlimmste Jahr des Konflikts. Es seien wieder mehr Menschen getötet worden, die Zahl der Hilfsbedürftigen sei massiv gestiegen, Hilfseinsätze würde behindert, so der Bericht. Während 2013 noch 71 Prozent der benötigten Hilfsgelder für Zivilisten flossen, seien es 2014 nur noch 57 Prozent gewesen. Verantwortlich sei der UN-Sicherheitsrat, der keinen Druck auf die Konfliktparteien ausübe, sagte der Oxfam-Syrien-Experte Daniel Gorevan: „Die Resolutionen des Sicherheitsrats sind im Grunde gescheitert.“

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    Süleyman hat Sprechstunde. Neben ihm brüllt ein Bulle von Mann in sein Handy und lässt sich Nummern durchgeben. Die wiederholt er jetzt so laut, dass Süleyman eine nach der anderen direkt in seine alte Schreibmaschine hämmert. Der Klang der Royal 200 geht im Lärm der Autos fast unter, die sich direkt hinter Süleymans Rücken im morgendlichen Berufsverkehr Stoßstange an Stoßstange den Atatürk-Boulevard hinaufquälen.
    Schwer zu sagen, ob man Süleyman Yiğit, 42, ein Mann von sportlicher Statur und sonnigem Gemüt, einen Büromenschen nennen sollte. Die Türken haben jedenfalls einen Namen für Leute wie ihn: Istidacı, Anträgeschreiber. Sein Arbeitsplatz ist die Straße vor der türkischen Sozialversicherungsbehörde SGK. Ein Tischchen, notdürftig zusammengeflickt, ein roter Hocker, schwarze Aktentasche, Tacker, Papier, Stift, die Royal 200 natürlich. Mehr braucht er nicht. Gemütlich sieht das alles nicht aus. Wer etwas von Süleyman will, muss sich weit zu ihm herabbeugen. Trotzdem stehen die Leute Schlange und wedeln ungeduldig mit Dokumenten. Süleyman schreibt ihnen die Anträge und tippt Briefe. Er beantragt Renten, beschafft Krankenversicherungen. Er macht das für all jene, die nicht wissen, wie das geht: Schreiben, einerseits. Verwaltung andererseits. „Der nächste, bitte!“
     


    In der Türkei helfen die sog. Istidacis, die "Antragschreiber" bei den Behördengängen. Reformen in der Bürokratie des Landes sollen den Bürger nunabhängiger von Antragsstellern machen
    „Istidacı“ wie Süleyman haben lange gut vom türkischen Staat gelebt, denn der liebt Bürokratie. Wer sich drinnen in den SGK-Büros umschaut, trifft auf Beamte, die sich dem Zusammenstecken von Papieren mittels Stecknadeln mit einer Leidenschaft widmen, wie man sie nur bei Künstlern vermuten würde. Sie lassen sich dabei auch nicht von einem wachsenden Pulk Wartender aus der Ruhe bringen.

    Ohne Antragsschreiber wie Süleyman waren früher viele Bürger aufgeschmissen. In den 70er-Jahren konnte etwa ein Drittel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben. Die Analphabetenrate war vor allem auf dem Land hoch, und dort bei den Frauen. Zwar hat die Türkei stark bei der Bildung aufgeholt, ganz ausgeräumt ist das Problem aber nicht. Doch nicht nur als Analphabet hatte man es schwer in Amtsstuben. Ein Istidacı wusste immer ziemlich sicher, wie man ans Ziel kommt. Die Istidacı waren auch Straßenanwälte.

    Yaşar Kemal, einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei, am Wochenende starb er, schlug sich in jungen Jahren auch als Istidacı durch. „Istidacı Kör Kemal“, nannten sie ihn, blinder Briefeschreiber Kemal. Er verlor mit fünf Jahren durch einen Unfall ein Auge, daher der Spitzname.

    Süleyman lebt seit 1991 in Istanbul. Er kommt aus Samsun an der Schwarzmeerküste. Dort besuchte er das Handelsgymnasium, schlug sich dann mit Jobs durch. Süleyman stand schon an der Tür von Edelrestaurants und empfing Gäste. Er hat Autos eingeparkt, was man in einer so zugebauten Stadt wie Istanbul tatsächlich lieber Profis überlässt. Aber darin, sich in der Behördenwelt zurechtzufinden, war er besonders gut. Süleyman studierte Vorschriften und Gesetzestexte. Mittlerweile, erzählt er, mache er den Job so lange, dass manchmal Beamte auf die Straße kämen und bei ihm Rat einholten. Frag Süleyman!

    10 bis 20 Lira nimmt er für einen Antrag oder Brief. Er sagt, er komme aus mit dem Verdienst. Viel ist es nicht. Er kommt morgens mit den Beamten und geht nachmittags mit ihnen. Fünf Tage die Woche. Regnet es, sucht er Schutz unter einem Vordach. Sieben, acht Schreibmaschinen habe er schon verschlissen. Wenn wieder eine kaputtgeht, dauert es nicht lange, bis er von Beamten eine Gebrauchte geschenkt bekommt. Es weiß, das ist kein gutes Zeichen: Drinnen brauchen sie die nicht mehr, weil alle Computer haben. Und dann stellt sich natürlich die Frage, wie lange er, der Istidacı, draußen noch gebraucht wird.

    Vor allem die islamisch-konservative AKP-Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan hat sich seit 2002 drangemacht, die Verwaltung zu modernisieren, schneller, bürgerfreundlicher zu machen. Im Justizpalast ist das Ergebnis ganz gut zu bewundern. Dort hat sich die Bürokratie eine kleine, eigene Stadt geschaffen mit Friseur und Bankautomaten. Die Gänge sind breit wie auf einem Flughafen – und viel länger als beim Einchecken wartet man hier auch nicht unbedingt auf seine Dokumente.

    Wer die Leute auf der Straße nach ihren Erfahrungen fragt, hört Lob. Von Veysel zum Beispiel, einem Kurden, das solle jetzt nicht heißen, dass die Beamten nicht noch besser werden könnten. Aber die Bürokratie habe ihren Schrecken von früher verloren. Vieles lässt sich schon per Internet erledigen oder man holt sich dort einen Termin. E-Rendezvous nennt sich das.

    Schöne neue Zeit, Süleyman will sich nicht beschweren. Die Bürokratie habe gelernt. Er sieht es ja an seinen Kollegen, die aufgegeben haben. Er schätzt die Istidacı in Istanbul auf vielleicht noch 25, nicht mehr viele. Hat er Zukunftssorgen? Nein, sagt er: So gut seien die Beamten auch wieder nicht geworden.

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  • 03/13/15--01:26: Nach Ebola die Masern
  • Während der Erreger des Ebolafiebers allmählich auf dem Rückzug ist, droht in Westafrika die Ausbreitung anderer Infektionskrankheiten. Die Seuche hat die ohnehin schon schwachen Gesundheitssysteme der drei am stärksten betroffenen Länder Sierra Leone, Liberia und Guinea so sehr überlastet, dass der Schutz vor Masern, Malaria und anderen Pathogenen vernachlässigt wurde. Viele Impfprogramme konnten nicht weitergeführt werden. An den nun zu erwartenden Krankheitswellen könnten im schlimmsten Fall mehr Menschen sterben als an Ebola, warnen Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Science.



    So sieht der Masern-Virus unter dem Mikroskop aus. Die Masern sind aber nicht die einzige Bedrohung, die durch Ebola verschlimmert wurde.

    Eine Gruppe von Gesundheitswissenschaftler um Justin Lessler von der Johns Hopkins University in Baltimore hat mithilfe eines Computermodells berechnet, welche Folgen allein dadurch entstehen können, dass die Impfprogramme gegen Masern seit fast einem Jahr nur in stark reduziertem Umfang laufen. Im schlimmsten Fall sehen sie 227000 zusätzliche Infektionen in der Region, mit zwischen 2000 und 16000 Todesopfern. Praktisch alle Maserntoten ließen sich jedoch verhindern, wenn umgehend gut organisierte Massenimpfungen starten würden, betont Lessler. Am schnellsten könnten solche Maßnahmen in Liberia greifen, wo seit einigen Wochen keine neuen Ebola-Fälle mehr aufgetreten sind. Solche Impfkampagnen seien jedoch logistisch anspruchsvoll. Regierungen und Nichtregierungsorganisationen müssten eng zusammenarbeiten.

    Für ihre Berechnungen gingen die Forscher davon aus, dass die Routine-Impfungen gegen Masern in den drei Ländern in den vergangenen Monaten um 75 Prozent zurückgegangen sind. Das hätte zur Folge, dass aufgrund des fast vollständigen Zusammenbruchs des Vorsorgesystems eine Million Kinder im Alter zwischen neun Monaten und fünf Jahren ohne Impfschutz gegen Masernviren wären. Bereits vor dem Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika im Dezember 2013 lag die Impfrate in der Region nur zwischen 62 und 79 Prozent, allerdings waren umfangreiche Impfkampagnen geplant, bevor das Ebolafieber diese Vorhaben zunichte machte. Weil die Erreger so extrem ansteckend sind, müsste die Durchimpfung bei mindestens 95 Prozent liegen, um eine Ausbreitung der Viren zu verhindern und sie mittelfristig auszurotten.

    Auch wenn sie ihre Berechnungen nur für das Masernvirus angestellt haben, betonen die Forscher in ihrem Bericht, dass dies nur einer von vielen Erregern sei, die sich infolge der kollabierten Gesundheitssysteme rasant ausbreiten könnten. Auf humanitäre Krisen wie Kriege, politische Unruhen, Hunger- oder Naturkatastrophen folgen oft Krankheitsausbrüche. Infolge des Erdbebens in Haiti im Jahr 2010 etwa erkrankten an die 700000 Menschen an Cholera. Masernepidemien seien oft nur die frühen Folgen, schreiben Lessler und Kollegen. Auch andere Infektionskrankheiten erwachsen im Windschatten von Ebola zu größeren Problemen, als sie ohnehin schon für die Länder darstellen. Die weitgehend ausgerottete Kinderlähmung könnte zurückkehren. Ohne sorgfältige Diagnose und Behandlung fordert auch die Malaria noch mehr Todesopfer als in Zeiten vor Ebola. Auch die Bekämpfung der Erreger wurde notgedrungen über Monate vernachlässigt, genauso die medizinische Versorgung von HIV- oder Tuberkulose-Patienten. Durch Ebola hat aber auch die Versorgung von nicht übertragbaren Krankheiten gelitten.

    Lessler räumt ein, dass das Szenario von einem Rückgang der Impfungen um 75 Prozent vielleicht zu pessimistisch sei. Doch selbst wenn nur 25 Prozent weniger geimpft wurde, könne dies zu einigen Zehntausend Erkrankungen und bis zu 4000 Toten führen. Die exakten Zahlen hält er jedoch für weit weniger wichtig, als dass schnellstmöglich mit Gegenmaßnahmen begonnen werde. „Mit jedem Monat steigt die Gefahr für einen Ausbruch.“ Das unterstreicht Science-Redakteurin Caroline Ash in einem Begleitkommentar: „Die Masern sind nicht die einzige Bedrohung, die durch Ebola verschlimmert wurde, und wahrscheinlich sind sie nicht einmal das größte Problem, aber immerhin können wir mit dem Impfstoff etwas dagegen tun.“

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    Die Jungsfrage:





    Liebe Mädchen,

    natürlich fängt das Problem schon damit an, dass das hier mit Tilo Jung anfangen muss. Dass wir uns also im Kosmos „Jungmoderator (immerhin aber Grimme-Preis-dekoriert) sucht Aufmerksamkeit“ bewegen. Seid also gleich versichert, dass es uns vielleicht sogar mehr weh tut als euch, wenn wir ihm hier jetzt irgendwie zur Seite springen. Aber leider dreht sich der jüngste Sexismus-Shitstorm nun mal um den Journalisten ("Jung und naiv", Krautreporter). Und leider ist es so, dass wir die Aufregung nicht komplett verstehen. Vielleicht finden wir sie sogar heuchlerisch. Augen zu und durch also:

    Keine Diskussion müssen wir wohl drüber führen, dass der Witz – eine Bilderserie, in der eine Frau am Strand ins Wasser getreten wird; versehen mit der Bildunterschrift „Women’s Day“ – weder besonders lustig, noch besonders klug, noch auf irgendeiner Ebene geschmackssicher ist:





    Das ist ja aber auch nicht der Punkt, um den sich die Diskussion dreht. Jungs Arbeitgeber, krautreporter.de, hat vielleicht am besten zusammengefasst, worum es den Kritikern geht. Schließlich musste die Redaktion die ganzen Argumente ja auch für eine Stellungnahme bündeln:

    Dieser Post ist frauenfeindlich. Er kokettiert mit Gewalt gegen Frauen.

    Genau diese angenommene Kausalität ist es nun, an der wir hängenbleiben: Wer mit Gewalt gegen Frauen kokettiert, ist frauenfeindlich. Oder, eine Stufe tiefer gehängt: Wer sexistische Witze über Frauen macht, ist ein Sexist. Ist das so?

    Wir fragen, weil es in anderen Lebensbereichen ja auch nicht so sein muss. Gleich wieder ein paar Stufen höher gehängt: Wer Witze über den Propheten Mohammed macht, ist ja auch nicht zwangsläufig ein Islam-Gegner. Wer sich über den Papst lustig macht, hasst nicht zwangläufig das Christentum oder auch nur die katholische Kirche. Vor drei Wochen war es der Welt noch sehr wichtig, dass Satire alles darf. Und jetzt kommt diese Diskussion und man kann das Gefühl bekommen: nur bei Frauen nicht.

    Darf ein aufgeklärter Geist nicht auch mit Sexismus kokettieren?


    Und das verstehen wir nicht. Beziehungsweise ist uns nicht ganz klar, wie ihr das seht. Wie sich das für euch anfühlt. Ich hätte jetzt gesagt, ein aufgeklärter Geist darf genauso mit Sexismus kokettieren wie mit Religionskritik. So wie Alice Schwarzer mit halbwegs abgeklärter Haltung sehr schlechte Witze - oder noch schlimmer: Essays - über den Viagra-Konsum alter, schlaffer Männer fabrizieren darf, müsste man ja auch über den Intimbereich von Frauen nach der Geburt reden können. Aber wenn der Jung das in seinem - wieder nicht sehr klugen - Format "Penisdialoge" tut, ergibt es ein sexistisches Gesamtbild. Das ist doch ein komischer Unterschied. Oder?

    Das Oder ist nicht rhetorisch gemeint. Das hier soll kein hohles Gezündel sein. Es ist eine ehrliche Frage.

    Denn natürlich verstehen wir, dass es eklig ist, wenn der dicke Chef seiner Sekretärin einen anzüglichen Drecksspruch presst. Aber das ist doch nicht dasselbe, wie wenn wir das tun. Oder Tilo Jung, den man sicher als vieles empfinden kann, aber doch nicht als Bedrohung. Da ist doch kein Machtverhältnis mehr, das er oder wir zementieren könnten. Ihr und wir, das hat doch die plumpen Unterdrückungsmechanismen von früher hinter sich gelassen. Das ist doch keine Geschlechterfeindschaft mehr, sondern Augenhöhe. Und auf Augenhöhe darf man doch Witze übereinander reißen. Lieber gute. Aber auch schlechte.

    Oder übersehen wir da jetzt irgendwas komplett? Ist das am Ende doch noch Blödsinn mit der Augenhöhe? Erklärt bitte mal. Oder, wenn wir jetzt grad echt hart daneben gehauen haben, drescht halt zurück. Tut dieser Kolumne ja auch mal gut.

    >>> Die Mädchenantwort kommt von nadja-schlüter:
    [seitenumbruch]
    Im Impressum der Süddeutschen Zeitung stehen 34 Namen. 28 davon sind männlich. Mein Chefredakteur ist ein Mann. Mein Redaktionsleiter ist ein Mann. Mein stellvertretender Redaktionsleiter ist auch ein Mann. Ich bin übrigens eine Frau. Hi!





    So viel zum Thema „Da ist doch kein Machtverhältnis mehr, das wir zementieren könnten“. Oder so viel noch, damit es auch wirklich, endlich, abschließend mal bei euch ankommt: Doch. D. O. C. H. Da ist noch ein Machtverhältnis, das ihr zementieren könnt. Ihr überseht das nur gerne. Weil ihr so cool mit uns zusammenarbeitet. Weil ihr keine dicken Chefs seid und wir nicht eure Sekretärinnen sind. Weil ihr denkt „Die können doch alles erreichen, was sie wollen!“ Oder sehr brachial gesagt: Weil ihr Männer seid. Ihr habt halt einfach das verdammte Problem nicht.

    Und damit es heute mal so richtig schön trocken-brotig bleibt, machen wir gleich weiter mit dem Thema „Ein aufgeklärter Geist darf genauso mit Sexismus kokettieren wie mit Religionskritik“. Klar, das „Satire darf alles!“-Argument ist natürlich immer ein gutes, Meinungsfreiheit und so. Dein Vergleich von Mohammed-Karikaturen und frauenfeindlichen Witzen hinkt aber trotzdem. Sieht man schon an den beiden Begriffen, die du da benutzt hast. Religionskritik? Klingt sehr nach etwas, das man verteidigen muss, was unter die Meinungsfreiheit fällt. Sexismus? Klingt sehr nach etwas, das aus der Welt geschafft gehört. Auch, wenn man damit angeblich nur kokettiert (was ja an sich schon schwierig ist – mit Rassismus zum Beispiel kokettiert man ja auch eher selten).

    Und dann kann man auch noch mal eins weiterdenken, um zu erkennen, wie sehr dein Vergleich wirklich hinkt: Eine Religion ist ein riesiges weltanschauliches Konstrukt mit unterschiedlichsten Auslegungen, Regelwerken, Ablegern, Ideologien, an denen man sich reiben kann, die vielleicht gegenläufig sind zur eigenen Weltanschauung, sich mit Regeln, an die man sich selbst hält, nicht vertragen und so weiter. Darüber muss man diskutieren dürfen, auch satirisch. Und jetzt ersetz da oben mal „Religion“ durch „Geschlecht“. Merkste was?

    Steht man mit dem Witz für etwas ein, das es wert ist, Gefühle zu verletzen?


    Wobei wir über die Sache mit dem „dürfen“ auch gerne noch mal reden können. Theoretisch, also wirklich ganz abseits von allen Fragen nach gutem Geschmack und gutem Humor, würden wir nämlich schon sagen: Ja, ihr dürft sexistische Witze machen. Aber wir dürfen dann auch was dagegen sagen. Jeder darf gegen alles etwas sagen. Ein Muslim etwas gegen eine Karikatur, die er als islamfeindlich empfindet. Eine Frau etwas gegen einen Witz, den sie als frauenfeindlich empfindet. Was er und sie nicht dürfen: Irgendwo reinrennen und zwölf Menschen erschießen. Um mal im Rahmen deines Vergleichs zu bleiben. Und, das sei der Vollständigkeit halber gesagt: Das macht ja auch keiner von denen. Das machen nur völlig Verblendete, die irgendwo auf ihrem Weg verloren gegangen sind. Aber das ist ein anderes Thema.

    Also: Immer raus damit! Mit allem! Wer einen Witz reißen will, der soll ihn reißen dürfen, wer sich dadurch diskriminiert fühlt, der soll das sagen dürfen, wer zum einen oder zum anderen hält, soll sich auf dessen Seite schlagen dürfen. Im besten Falle weiß dann der Witzreißer am Ende, wie weit er gehen kann und will, ob er mit seinem Witz für etwas einsteht, das es wert ist, Gefühle zu verletzen, Klischees zu bedienen, Rollenbilder zu forcieren, oder nicht. Oder ob er einfach nur einen Fehler gemacht hat.

    Zum Schluss vielleicht noch zwei Gedanken. Erstens: Dass sich beim Shitstorm gegen Tilo Jung hin und wieder im Ton vergriffen wurde, räumen wir gerne ein. Internetdiskussionskultur eben, an der müssen wir ohnehin arbeiten. Aber besser Internetdiskussionskultur als gar keine Diskussionskultur. Und zweitens: Wäre ich Satiriker, dann wäre ich jetzt ja schon ein kleines bisschen beleidigt, dass ihr mein Metier und dieses Foto, das Tilo Jung da gepostet hat, in einem Atemzug genannt habt. Obwohl ihr das natürlich dürft. Aber der Satiriker darf dann auch etwas dagegen etc. pp. Ihr wisst schon.

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  • 03/13/15--05:57: "Oase im Grünen"
  • Falls gerade ein Mailand-Besuch geplant wäre: Giulio hätte Wohnraum in einer „grünen Oase“. Stefano wirbt mit „Blick auf den Park“. Komplett unverstellt. Und Paolo, ein offenbar eher pragmatischer Airbnb-User, bietet eine „Helle und gemütliche Lösung“. Alles für nur neun Euro die Nacht. Rauchen darf man auch überall.





    Die Angebote, die am vergangenen Mittwoch auf Airbnb standen, sind nämlich eine Aktion des italienischen Obdachlosen-Verbands MIA. Die Schlafplätze finden sich in Parks, vor Ladenfenstern oder auf Lüftungsschächten. Dazu gibt es kurze Protokolle, in denen die Obdachlosen von sich und ihrem Weg erzählen. Mit der Aktion #Homelesshome sollen Spenden gesammelt werden.





    Airbnb ist damit zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit in Verbindung mit Obdachlosigkeit in den Medien. Vergangene Woche besuchte der Guardian die Zentrale des Share-Economy-Anbieters in San Francisco. Allerdings nicht, um eine Geschichte über den irrwitzigen Wert des Unternehmens zu machen (laut der jüngsten Schätzung etwa zehn Milliarden Dollar), sondern um die fünf Menschen zu interviewen, die sich kleine Lager in Nischen des Gebäudes eingerichtet hatten. Keines davon kann man auf der Plattform bislang mieten.

    Und keiner von den Interviewten wusste, was das Unternehmen vertreibt. Womit sie auch das in diesem Zusammenhang schon etwas amüsante Airbnb-Motto wohl nicht kannten: "Mach mit uns die Welt zu einem Ort, an dem jeder überall zu Hause sein kann. #OneLessStranger"

    jakob-biazza

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    https://www.youtube.com/watch?v=RDocnbkHjhI#t=126

    Man muss ehrlich sein: Es ist nicht das beste Video, in dem Obama mit Selbstironie kokettiert. Verglichen etwa mit dem Slow-Jam-The-News-Besuch bei Jimmy Fallon, oder natürlich dem „Between Two Ferns“ mit Zach Galifianakis, ist es doch eher niedlich, wie der US-Präsident bei Jimmy Kimmel gemeine Tweets über sich vorliest.

    Aber, und dieses Aber wollen wir bitte mit einem kapitalen „A“ gelesen haben: Die Art, wie er selbst dem ältesten Blondinen-Witz („Wie bringt man Obamas Augen zum Strahlen? Indem man ihm mit einer Taschenlampe in die Ohren leuchtet.“) noch etwas beinahe Unverbrauchtes abringt, verdient unseren Respekt.

    Wir hätten das in Deutschland auch gerne. Deshalb eine Herausforderung an den Kollegen Böhmermann: Lieber Jan, wenn du’s schaffst, dass Angela Merkel in deiner Sendung ein paar von diesen hier vorliest, bringen wir drei Kästen Augustiner in Mainz vorbei!















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  • 03/13/15--09:35: "Sie wollte mehr tun"
  • Ivana Hoffmann sollte eigentlich ihr Fachabitur in Duisburg machen. Stattdessen schloss sich die 19-Jährige vor einem halben Jahr dem bewaffneten Kampf der Kurden gegen den IS an. Vergangenen Samstag kam dann die Meldung, dass Ivana an der syrischen Grenze in der Nähe von Rojava ums Leben gekommen ist.


    Gedenken an Ivana Hoffmann in Duisburg

    Ivana hatte bis dahin überhaupt keinen persönlichen Bezug zum IS-umkämpften Gebiet, ihre Entscheidung war allein politischer Natur: Ivana war Mitglied einer linken Jugendgruppe, die angeblich der türkischen „Marxistisch Leninistischen Kommunistischen Partei“ nahesteht. In einem Video, das die linke türkische Nachrichtenagentur Etha aufgenommen hat, sagt sie: „Mein Entschluss, nach Rojava zu kommen, ist, weil man hier für die Menschlichkeit kämpft, für die Rechte, für unseren Internationalismus, den die MLKP vertritt.“ MLKP-Mitglieder kämpfen im IS-Gebiet zumeist auf Seiten der PKK oder der YPG, die in Europa und der Türkei immer noch als terroristische Vereinigungen gelten.
    Ivanas Freund Thomas (26), mit dem wir über Ivanas Leben gesprochen haben, ist ebenfalls in der linken Szene unterwegs. Er möchte unerkannt bleiben. 

    jetzt.de: Woher kanntest Du Ivana?
    Thomas: Ich habe hier in Duisburg zusammen mit Ivana mehrere Jahre Politik gemacht. Wir haben im Bildungsstreik zusammengearbeitet, waren auf antifaschistischen Demonstrationen, aber auch auf Demonstrationen in Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf - das lag ihr sehr am Herzen. Und wir waren auch gut befreundet und haben viel Freizeit miteinander verbracht.

    Was für ein Mensch war Ivana?
    Sie war ein sehr fröhlicher Mensch und hatte eigentlich immer ein Lächeln im Gesicht. Wenn man sie gesehen hat, ist quasi immer die Sonne aufgegangen. Ihr Kampf-Nachname in Rojava war auch “Güneş”, Sonne. Ivana war sehr beliebt und hatte viele Freunde. Hier in Duisburg Meiderich, wo sie gelebt hat, kennen sie alle. Sie hat alle zum Lachen gebracht.

    Wie hast du die Phase erlebt, bevor sie nach Syrien gegangen ist?
    Gerade in der Zeit, in der es hier in den Medien mehr Berichte über Massaker seitens des IS gab, hat sie sich viel mit dem Thema beschäftigt. Wir haben das auch intensiv diskutiert, an Demonstrationen teilgenommen und Veranstaltungen organisiert. Sie hat aber immer gesagt, dass das zu wenig ist. Dass es nicht genügt, in Deutschland zu sitzen und auf Demonstrationen zu gehen.

    Solidaritätsbekundungen mit den kurdischen Kämpfern gegen ISIS äußern ja viele Linke. Tatsächlich selber in diesen Krieg zu ziehen ist ein viel krasserer Schritt. Warum ist Ivana den gegangen?
    Sie hatte ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Wenn ihr was nicht gepasst hat, wenn sie gesehen hat, dass jemand fertig gemacht oder unterdrückt wird, ist sie immer eingeschritten. Besonders, wenn sie das Gefühl hatte, dass Frauen unterdrückt werden. Genau das ist in Syrien ja ein zentrales Thema. Die IS-Banden ermorden, vergewaltigen und verkaufen Frauen. Das waren sicherlich Beweggründe, die Ivana dazu gebracht haben, dort hinzugehen. Ihr war wichtig, nicht nur zu reden, sondern das, was man für richtig hält, auch zu tun. Sie wollte mehr machen. Sie hat gesagt, man kann nicht untätig hier sitzen, wenn anderswo Menschen ermordet und unterdrückt werden.

    Wie hast Du von ihrem Entschluss, nach Syrien zu gehen, mitbekommen?
    Wir wussten vorher alle nicht, dass sie wirklich dort hingehen würde. Irgendwann war sie einfach weg. Da haben wir dann vermutet, dass sie diesen Schritt gegangen ist. Zum ersten Mal wirklich davon erfahren haben wir, als vor sechs Wochen ein Video veröffentlicht wurde, in dem sie selber spricht. Sie ist da vermummt mit einem Gewehr in der Hand zu sehen und sagt, dass sie an der Front ist. Da spricht sie auch über ihre Beweggründe: Dass sie da ist, um die Menschlichkeit zu verteidigen - und für die Freiheit zu kämpfen. Das war das erste Mal, dass wir wirklich wussten, wo sie ist und was sie dort tut.

    Was war das für ein Gefühl, dieses Video zu sehen?
    Wir waren erst mal froh, dass wir was von ihr gehört haben. Dass wir ihre Stimme gehört haben und sie sehen konnten. Dass wir Gewissheit hatten, wo sie ist und was sie tut. Der Rest war Verwirrung: Auf der einen Seite war ich stolz auf sie, weil sie ihren Weg gegangen ist. Auf der anderen Seite hatten wir natürlich Angst, dass ihr etwas passiert. Dort herrscht Krieg. Sie hat in dem Video aber auch gesagt, dass sie das weiß und dass sie das Risiko kennt und für die Sache in Kauf nimmt.

    Wann hast Du von ihrem Tod erfahren?
    Am Tag nach ihrem Tod ist das auf einigen türkischen und kurdischen Seiten im Internet veröffentlicht worden. Da gab es einen Bericht und auch Fotos, auf denen sie unvermummt war. In dem Video vorher war sie ja vermummt, darum wussten wir direkt: Es ist was geschehen. Weil es ja nicht unproblematisch ist, diesen Schritt zu gehen und dann in der Öffentlichkeit zu stehen. Die Bundesregierung sieht ja beispielsweise die PKK als Terrororganisation und erklärt die Leute, die in Syrien auf kurdischer Seite kämpfen, zu Terroristen.

    Habt ihr damit gerechnet, dass sie nicht zurückkommt, als ihr vor sechs Wochen das Video gesehen habt?
    Wir haben natürlich gehofft, dass ihr nichts passiert und dass wir mehr Videos und anderes von ihr sehen. Das war dann natürlich ein großer Schock. Auch wenn man weiß, dass es die Gefahr gibt.

    Anlässlich der Beerdigung von Ivana Hoffmann gibt es kommenden Samstag eine Gedenkfeier für sie vor dem Rathaus in Duisburg-Hamborn.Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Falls mittlerweile gegen Unbekannt.

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  • 03/13/15--09:55: Wir haben verstanden: KW 11


    • So ein Körper kann sich ans Verschlafen gewöhnen. Besonders fatal: Wenn man montags schon damit anfängt. Dann wird es jeden Tag schlimmer.

    • Es ist schwerer als man denkt, einen schlichten, schwarzen Cardigan zu kaufen.

    • Man sollte im Grunde mehrmals pro Woche ein Philly Cheese Steak essen.

    • Jammern, dass man keinen Balkon hat < Gartenstuhl kaufen und sich damit in öffentliche Grünflächen setzen

    • Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ist jetzt Rapper.

    • Die Dinos ebenfalls.


    http://www.youtube.com/watch?v=-v2mvO7Yq48&t=79
    • Wer sich am allermeisten über Frühling freut: Hunde. Die drehen schier durch. Und dann kriegt man sehr gute Laune, wenn man ihnen bei ihrer guten Laune (im Gras wälzen, in den Bach springen, wie irre hin und her rennen) zuschaut.

    • Clementinen sind größer als Mandarinen.

    • Da denkt man jaherlang, man müsse teure Cremes benutzen – und dann cremt man sich mal ein paar Wochen lang das Gesicht mit handelsüblicher Ringelblumensalbe ein, die es für ein paar Euro in jedem Drogeriemarkt gibt und merkt: That’s the real shit!

    • Ein Degu ist fast so süß wie ein Igel.

    • Wie sauber man eigentlich ist, merkt man, wenn man nach dem Umzug wochenlang keinen Schrubber hat und darum nie wischt, aber trotzdem noch durch die Wohnung gehen kann, ohne dass der Boden klebt.

    • Das Longreads Magazin "Süddeutsche Zeitung Langstrecke" ist jetzt auf Instagram und sammelt unter dem Hashtag #langstrecke Lektüretipps. Mitmachen - und hier am besten direkt bestellen. 

    • Wie verbreitet Drogen sind, merkt man erst, wenn sie plötzlich für kurze Zeit legal werden, wie diese Woche in Irland.

    • Iren sagen zu Pillen Yokes.

    • Frühlingsanfang: Wenn man zu Hause freiwillig Espadrilles statt Lammfellschuhe trägt.

    • Wer behauptet, er würde in der Umkleide nicht andere Körper angucken, der lügt.

    • Eigentlich banale, aber auch wichtige Erfahrung: Man muss nicht jedes Angebot, das man bekommt, auch annehmen. Das gilt in allen wichtigen Bereichen: Job, Sex, Drogen.

    • Geht schlecht, egal wie sehr man strampelt: Mit nassem Dynamo am Rad Licht erzeugen.

    • Die beste EP, die diese Woche erschienen ist:





    • "Fett" ist kein Emoji mehr.



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    Beim Election Observation Project reist eine Gruppe junger Europäer fünf Tage in ein europäisches Land, in dem gerade Wahlen stattfinden. Organisiert wird das Ganze vom europäischen Stundentennetzwerk AEGEE, mitmachen kann jeder, der zwischen 18 und 35 Jahren alt ist, in einem europäischen Land wohnt und fließend Englisch spricht. Das alles traf auf Cono Giardullo (28) aus Rom zu, der uns von seinen Beobachtungen in Estland erzählt hat:

    "Es fühlt sich ein bisschen an wie ein kurzer Erasmus-Aufenthalt."


    „Bei Wahlen in meinem Heimatland Italien verbringt man maximal fünf Minuten in einem Wahllokal, da ist Wählen fast ein bisschen lästig. Du hoffst, dass es keine Schlange vor dem Lokal gibt und willst so schnell wie möglich wieder raus. Wenn du aber Wahlen als Wahlbeobachter siehst, beginnst du zu verstehen, welche Macht wir an der Wahlurne ausüben. Was der Satz „Der Souverän ist das Volk“ wirklich bedeutet. Du sprichst mit Einheimischen, mit unterschiedlichen Ethnizitäten, Alter und sozialem Status über die jeweilige Landespolitik und Europa. Du lernst deine Nachbarn kennen. Diese Erfahrung sollte jeder Europäer einmal machen.





    Anfang März durfte ich als Wahlbeobachter bei den estnischen Parlamentswahlen in Tallin teilnehmen. Dabei habe ich nicht nur viel über Demokratie und das Wählen an sich gelernt, sondern auch über das Land selbst. In Tallin hat die Stadtverwaltung dafür gesorgt, dass wir Wahlbeobachter kostenlose Unterkünfte bekamen – das ist großartig, weil das Projekt bislang auf freiwilliger Basis ohne irgendeine finanzielle Unterstützung läuft. Durch den direkten Kontakt zu den Esten und gemeinsame Aktivitäten wie eine Stadtführung und einen Parlamentsbesuch ist das also auch Kulturaustausch: Es fühlte sich ein bisschen an, wie ein kurzer Erasmus-Aufenthalt.

    Fast alle Wahlbeoachtungs-Missionen von AEGEE fanden bislang in Ländern wie der Ukraine oder in Bosnien und Moldavien statt, also in Ländern, die keine „perfekten Demokratien“ sind, wo es Mängel im Wahlprozess gibt. Das war jetzt in Estland anders. Da hatten wir von Beginn an hohe Erwartungen an die Wahlstandards, weil das Land dem Demokratieindex nach bei 9.5 von 10 Punkten geführt ist. Estland ist außerdem das einzige Land, das ein nationales elektronisches Wahlsystem hat. Bei dieser Wahl beteiligten sich 150.000 Menschen von 1,3 Millionen Wählern auf dem elektronischen Weg. 2005 waren es nur 10.000. Elektronisch bedeutet, dass es sogar so einfach ist, dass du per Smartphone-App wählen kannst. Es gab aber zum Beispiel auch Wahllokale im Supermarkt. Das war anfangs etwas komisch für mich, aber man erklärte uns, dass das für die Leute eine Hürde weniger ist, wählen zu gehen. Und das merkt man auch an der Wahlbeteiligung: Die lag bei 63,5 Prozent – das ist ein sehr guter Durchschnittswert im Vergleich zu anderen europäischen Wahlen.

    Was tun wir auf so einer Mission nun genau? Wir treffen uns meistens an einem Donnerstag mit etwa 20 anderen jungen Europäern in dem Land, wo die Wahl stattfindet und bereiten uns auf den Wahltag, meistens den Sonntag, vor. Das heißt wir sprechen mit Wahlbeobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und der Wahlbehörde, die uns über die Langzeitbeobachtung im Vorfeld briefen und lernen die politische Stadt kennen, dabei hilft uns oft die lokale AEGEE-Hochschulgruppe vor Ort.  

    Am Wahltag selbst gehen wir in Zweierteams in etwa sechs Wahllokale – manche Teams schaffen aber auch zwölf. Die Teams bestehen aus Personen mit unterschiedlichem Geschlecht, Nationalität und Alter. Als Italiener kann ich eine ganz andere Sichtweise auf das Auszählen und den Wahlprozess haben, als mein deutscher Kollege, deswegen müssen wir uns in jedem Formular, das wir ausfüllen, auf ein Ergebnis einigen.  

    "Es ist unglaublich schwer, neutral zu bleiben."



    Wir verwenden auch genau dieselben Formulare wie die Wahlbeobachter der OSZE. Wir prüfen zu Beginn alle Wählerlisten, Umschläge, die Urnen und die Kabinen und schauen, ob das Wahllokal pünktlich geöffnet hat. Danach achtet man mehr auf die Abläufe, also ob die Ausweise geprüft werden, das Personal seinen Aufgaben nachkommt, das Wahlgeheimnis gewahrt wird oder die Stimmabgabe in irgendeiner Form überwacht wird. Im dritten Schritt beobachten wir das Schließen der Wahllokale und den Auszählungsprozess der Stimmzettel, also ob es Unstimmigkeiten gibt und auch wie die Übergabe an die Bezirks-Wahlkommission abläuft. Interessant ist, dass wir auch in jedem Formular angeben müssen, wie viele andere Beobachter da waren und ob man uns in den Wahllokalen alle Fragen beantwortet hat.





    Es ist unglaublich schwer immer nur der Beobachter zu sein, neutral zu bleiben und nicht zu kommentieren. Auch wenn eine kleine Unregelmäßigkeit auffällt, also zum Beispiel zwei Leute auf einmal in einer Kabine sind, darf man nicht intervenieren, muss unparteiisch bleiben. Unsere Aufgabe ist es zu notieren und zu berichten, nicht den Wahlprozess zu unterstützen.

    Generell war die Wahl in Estland sehr frei und fair. Die Esten sprechen sehr gutes Englisch, in manchen Wahllokalen war es aber etwas schwierig zu kommunizieren und wir haben auch sprachliche Schwierigkeiten für die russische Minderheit, die 25 Prozent der Bevölkerung ausmacht, festgestellt: Dadurch, dass es fast keine Wahlunterlagen auf Russisch gab, hatten die es etwas schwerer die Abläufe und das Wahlsystem zu verstehen, das haben wir in unserem Bericht notiert. 

    Das Projekt ist die erste Möglichkeit für junge Menschen so etwas zu erleben, ohne Erfahrungen in der Wahlbeobachtung mitbringen zu müssen, deshalb will ich unbedingt wieder dabei sein. Nächstes Mal am liebsten in Aserbaidschan oder Belarus.“

    Die nächste Wahlbeobachungs-Mission geht Mitte April nach Finnland, weitere nach Großbritannien und in die Türkei folgen
    Dem Projekt und allen Beobachten kann man auf Twitter folgen unter @eop_aegee

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    Wichtigster Tag der Woche:
    Mittwoch. Wäschetag. Ich lebe den Rock'n'Roll.

    Kulturelles Highlight: Ich kann leider nicht vor Ort sein, aber ich verfolge die Leipziger Buchmesse wie ich nur kann. Es ist immer spannend, was für eine Vielfalt an Themen und Personen auftreten. Diese Woche werde ich mir die Ergebnisse der Messe anschauen. Ich freue ich mich auf die vielen Trash-Autoren und ihre Autobiografien. Die Restesammlung aus dem, worüber RTL noch nicht berichtet hat, ist immer einen flüchtigen Blick wert. Zum Beispiel Monica Ivancan, von Beruf Exfreundin, hat ein Buch über das Muttersein geschrieben. Kann's kaum erwarten, darin zu stöbern...

    Politisch interessiert mich…
    …, wie sich Griechenland weitherhin mit dem Schuldenstreit auseinandersetzen wird. Die geforderten Reparationszahlungen zeigen, dass die griechische Regierung nicht nur kreativ, sondern auch offenbar am Rande der Verzweiflung steht. Drohungen bei nichtgeleisteten Zahlungen haben irgendwie einen Nordkorea-Charme, den ich in der EU bislang nicht beobachten konnte und jetzt umso spannender finde. Ob Varoufakis und Tsipras der sowieso schon gebeutelten griechischen Bevölkerung damit einen Gefallen tun, wage ich zu bezweifeln.

    Soundtrack

    Peinlich. Gerade höre ich mir Musicals aus den 60er Jahren an. Nachdem ich Lady Gaga bei der Oscar Verleihung gesehen habe, kam ich auf “The sound of music”, in dem es um Nonnen, Nazis und einen netten Baron geht. Bei langen Zugfahrten total entspannend und das dunkle Wetter kommt einem auch gleich viel heller vor.
    https://www.youtube.com/watch?v=5fH2FOn1V5g

    Wochenlektüre

    Gerade lese ich zum zweiten Mal“Mr. Vertigo” von Paul Auster, in der der amerikanische Traum karikiert wird. Es geht um einen Straßenjungen, der mit einem jüdischen Magier das Fliegen lernt und damit zu einem Star wird. Nebenbei erzählt Auster viel von der amerikanischen Gesellschaft zwischen den 20er und 60er Jahren. Sehr zu empfehlen, nicht nur wegen der herrlich schmutzigen Sprache und der Political Incorrectness.

    Kinogang
    :
    Ins Kino gehe ich immer seltener, da mich die deutschen Synchronstimmen meistens nerven. Aber ich streame in besorgniserregenden Mengen Serien und Shows. Jeden Montag sehe ich mir Last Week Tonight with John Oliver an, dem Zögling von Jon Stewart. Satire-News Sendung aus den USA, die wirklich jedes noch so langweilige Thema auf unterhaltsame Art behandelt. Wie die Heute Show, nur lustig.
    http://www.youtube.com/watch?v=-YkLPxQp_y0

    Geht gut diese Woche:
    Wenn's gut läuft, werde ich neben der Wäsche auch mal staubsaugen. #YOLO, #Partyhard

    Geht gar nicht:
    Kaffee mit einem Strohhalm trinken. Hunderte Jahre von Kaffeekultur und dann das. Das ist eine Entwürdigung dieses göttlichen Nektars und sollte mit zehn Peitschenhieben bestraft werden. 

    Und sonst so: Eat, sleep, rave, repeat. Oder so.


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    Name: Jens Eisel
    Alter:
    35
    Geburtsort:
    Neunkirchen/Saar
    Wohnort:
    Hamburg
    So erkläre ich meinen Job meiner Oma:
    Ich erzähle Geschichten.
    Mein liebster Wochentag:
    Alle, außer Sonntag.
    Aktuelles Projekt:
    Gerade bin ich mit meinem Erzählband unterwegs und arbeite an meinem Roman.




    00:27 Uhr:

    Eigentlich wollte ich einen Freund besuchen, der heute hinterm Tresen steht. Stattdessen
    habe ich mich entschieden, zu Hause zu bleiben, um zu arbeiten. Und jetzt sitze ich vorm Rechner, höre Musik über Youtube und trinke Bier.




    01.37 Uhr
    Letzter Blick aus meinem Fenster. Ich bin müde, etwas angetrunken und habe keinen einzigen Satz geschrieben.




    09:41 Uhr

    Seit einer gefühlten Ewigkeit scheint das erste Mal wieder die Sonne – auch der Hund scheint sich zu freuen.




    12:24 Uhr

    Meine Tochter schläft tief und fest, nachdem sie den ganzen Morgen mit dem Laufrad durch die Wohnung geflitzt ist.




    15:11 Uhr
    Kaffee und Kuchen bei Sabine, wo es den besten Kirschkuchen der Hansestadt gibt. Ich könnte jetzt auch ihren ganzen Namen verraten, tue es aber nicht.




    16:13 Uhr
    Und dann ein Familienspaziergang. Natürlich zur Elbe. Und zum ersten Mal, seit langer Zeit, kann ich mir die Bäume wieder mit Blättern vorstellen.




    16:35 Uhr
    Toni wird in den nächsten Tagen vermutlich hauptsächlich von Schiffen sprechen. In der Kita, bei Opa und im Schlaf.




    17:01 Uhr
    Smutje und ich fahren noch einmal zur Tanke, weil es keine Milch mehr gibt und er Auto fahren liebt.




    18:30 Uhr
    Und am Ende komme ich dann doch noch zum Arbeiten. Nur ein paar Sätze, aber mit denen bin ich mehr als zufrieden.




    19:12 Uhr
    Laufrad fahren, Kuchen, Schiffe. Und beim Abendessen werden die restlichen Reserven verbraten. Denn spätestens in einer Stunde wird sie tief und fest schlafen.




    21:19 Uhr
    Letzte Runde mit dem Hund. Der Tag neigt sich langsam dem Ende. Und während ich durch die Straßen laufe, höre ich die S-Bahn, die im Dunkeln über den Bahndamm rollt.

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