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  • 03/02/15--23:42: Anschluss gesucht
  • Mark Zuckerberg hält den Zugang zum Internet für ein Menschenrecht. Aus seinem Mund klingt das ehrenhafter als ein Menschenrecht auf die Mitgliedschaft bei Facebook auszurufen.

    Und doch könnte es letztlich darauf hinauslaufen.



    Facebook-Chef Mark Zuckerberg erläuterte in Barcelona seine Vision zum Netzausbau.

    Nun ist Mark Zuckerberg – blaue Jeans, graues T-Shirt – also zu Gast beim Mobile World Congress in Barcelona. Nirgendwo wird so viel über die Vernetzung der Welt diskutiert – und so sehr darüber geklagt, dass die Hälfte der Weltbevölkerung noch immer keinen Zugang zum Netz hat. Ein guter Ort also für den 30-Jährigen, der einst das soziale Netzwerk Facebook gegründet und vor eineinhalb Jahren eine Initiative namens Internet.org gestartet hat. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, das Internet in schwach entwickelte Regionen zu bringen.

    Die weißen Flecken auf der Weltkarte liegen in Südamerika, Afrika und Asien. Das hatte Sundar Pichai auf derselben Bühne wenige Stunden zuvor gezeigt. Pichai ist Googles Mann für das mobile Betriebssystem Android, das weltweit acht von zehn Smartphones antreibt. Auch Google unternimmt inzwischen einiges, um das Internet in entlegene Regionen zu bringen. Die Ballons, die der Konzern vor zwei Jahren dazu testweise in den Himmel geschickt hat, leisten heute bereits einiges mehr, als man bei Google einst erwartet hatte, berichtet Pichai. Demnächst sollen zudem die ersten Testflüge mit solarbetriebenen Drohnen starten, um abgelegene Regionen zu versorgen. Dort nämlich ist es besonders aufwendig Kabel zu verlegen, die das schnelle Internet zu den meisten Menschen in der westlichen Welt bringen.

    Die Frage ist nur: Was können die Menschen mit diesem Netz wirklich machen, an das Google und Facebook sie anschließen wollen?

    Auch davon gibt Zuckerberg in Barcelona zumindest eine Ahnung. Internet.org ist nämlich nicht mehr nur das im August 2013 gegründete Sammelbecken für diverse Firmen, die gemeinsam Geräte und Internetdienste billiger und besser machen. Internet.org ist inzwischen, so erzählt Zuckerberg, auch eine App, die in sechs Ländern, darunter Indien, Kenia und Kolumbien, einen kostenlosen Zugang zum Internet bietet, genauer gesagt: zu einem Teil des Internets – zum Nachschlagewerk Wikipedia, ein paar regionalen Seiten mit Wetterberichten und Nachrichten sowie zu Facebook. Wer innerhalb dieser App allerdings einen Link anklickt, der zu all den restlichen Angeboten im Netz führt, muss zusätzlich zahlen.

    Zuckerberg weiß, dass der Netzausbau Milliarden verschlingt. Und dass die Telekommunikationskonzerne, mit denen er für seine Initiative zusammenarbeitet, dieses Geld verdienen müssen. Und so nutzt er seinen Auftritt auch für eine Charmeoffensive in Richtung der Netzanbieter – und für demonstrative Bescheidenheit. „Die Unternehmen, die uns alle antreiben, sind die Netzanbieter. Die machen die wahre Arbeit. Auch wenn Kabel zu verbuddeln nicht so sexy ist wie mit Satelliten zu experimentieren.“ Auch Google, das hatte Pichai zuvor höflich betont, arbeitet mit den Netzanbietern Telefónica und Vodafone zusammen, um das schnelle Internet von seinen Ballons bis zu den Menschen zu bringen.

    So übernehmen die Unternehmen eine Aufgabe, die nur noch wenige Gesellschaften mit öffentlichen Mitteln stemmen können. Gleichzeitig bestimmen so aber auch Konzerne, welche Dienste sich im Internet durchsetzen – und welche nicht. Sheryl Sandberg, die rechte Hand von Zuckerberg, schwärmte kürzlich von einer Zukunft, in der Menschen in einen Handyladen gehen und sagen: Ich will Facebook. Google dürfte an solch einer Zukunft nicht gelegen sein. Ein afrikanischer Internetdienst aber, der besser auf die Bedürfnisse der dortigen Menschen abgestimmt ist und auch Unternehmern vor Ort einen Aufstieg ermöglichen würde, dürfte dann gar nicht erst entstehen.

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  • 03/02/15--23:47: Gleicher Lohn für alle
  • Es wird ein schwieriges Unterfangen, und die Widerstände könnten noch größer werden als bei der Durchsetzung der Frauenquote. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will bis zum 20. März, dem Equal Pay Day, Eckpunkte eines Entgeltgleichheitsgesetzes vorlegen, das Frauen für gleiche oder gleichwertige Arbeit die gleiche Bezahlung sichert wie Männern. Während Gewerkschaften ein solches Gesetz grundsätzlich begrüßen, wächst der Widerstand bei Unternehmern. „Das geplante Entgeltgleichheitsgesetz würde immense Bürokratie und neue Berichtspflichten für die Unternehmen schaffen, ohne wirklich etwas an den bestehenden Entgeltunterschieden zu ändern“, erklärte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Entgeltdiskriminierung sei schon jetzt verboten. „Alle Tarifverträge gewährleisten eine diskriminierungsfreie Entlohnung nach Qualifikation und Leistung.“



    Familienministerin Schwesig (SPD) plant ein Gesetz, das sicherstellen soll, dass Frauen für die gleiche Arbeit genau so bezahlt werden wie Männer.

    Im Hause Schwesig, aber auch in etlichen Gewerkschaften, deren Vertreter die Ministerin vergangene Woche traf, ist man anderer Auffassung. „Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist immer noch erheblich, und das seit Jahren“, sagte eine Sprecherin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Wer daran etwas ändern wolle, könne nicht nur auf ein Umdenken in Betrieben hoffen. „Freiwilligkeit reicht nicht.“ Der DGB unterstütze die Pläne für ein Entgeltgleichheitsgesetz, das Arbeitnehmern den Anspruch einräumen soll, beim Arbeitgeber Auskunft über die eigene tarifliche Eingruppierung und die Begründung der Bezahlung einzuholen. Nicht vorgesehen ist ein Recht auf Offenlegung der Gehälter von Kollegen.

    Im Koalitionsvertrag heißt es, die bestehende Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen sei „nicht zu akzeptieren“. Untersuchungen zufolge verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt rund 22 Prozent weniger als Männer. Dies erklärt sich aus Faktoren wie der Berufswahl, dem Erreichen von Führungspositionen, Auszeiten nach der Geburt von Kindern, aber auch Diskriminierung. Nach Wunsch der Koalition sollen Arbeitgeber gezwungen werden zu erklären, welche Faktoren der jeweiligen Bezahlung zugrunde liegen. Im Koalitionsvertrag heißt es dazu, Arbeitgeber würden dazu verpflichtet, „im Lagebericht nach dem HGB auch zur Frauenförderung und Entgeltgleichheit von gesetzlichen Kriterien Stellung zu nehmen“. Darauf aufbauend werde für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer „ein individueller Auskunftsanspruch festgelegt“.

    Dass die Regelung nur für Betriebe ab 500 Mitarbeitern gelten soll, stieß bei Gewerkschaften auf Kritik. So würden zu viele Frauen ausgeschlossen, hieß es beim DGB. Einem Spiegel-Bericht zufolge soll Schwesig beim Treffen mit den Gewerkschaften zu erkennen gegeben haben, dass sie ein Gesetz anstrebe, wonach sich „möglichst alle Angestellten“ entsprechend informieren könnten, also auch solche kleinerer Betriebe. Hier aber würde die Union Widerstand leisten. „Wir setzen das Gesetz um, wie es im Koalitionsvertrag steht, mehr nicht“, sagte der familienpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Marcus Weinberg. Eine Ausdehnung auf kleinere Firmen „machen wir mit Blick auf die vielen Belastungen für Unternehmen nicht mit“, sagte er.

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  • 03/02/15--23:54: Unterirdisch
  • Die Sonne bleibt nun doch an vielen deutschen Arbeitsplätzen draußen – zumindest vorerst. Das Konzept von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zur neuen Arbeitsstättenverordnung ist durch ein Veto aus dem Kanzleramt gestoppt worden und soll komplett neu erarbeitet werden. Aus dem Ministerium heißt es, im Koalitionsausschuss sei „unseres Wissens nach vereinbart worden, dass dazu innerhalb der Koalition weitere Gespräche stattfinden“. Eine offizielle Mitteilung aus dem Kanzleramt sei noch nicht eingegangen.

    Der Entwurf hätte unter anderem abschließbare Kleiderfächer für Angestellte und mehr Tageslicht an Arbeitsplätzen und in Pausenräumen gefordert. CDU und Wirtschaftsverbände hatten den Vorstoß heftig kritisiert. Doch auch, wenn die Verordnung erst einmal nicht umgesetzt wird, wirft ihr Inhalt grundsätzliche Fragen auf: Was bedeutet es überhaupt, an einem Ort ohne Tageslicht arbeiten zu müssen? Gewöhnt man sich daran irgendwann? Wie empfinden das die Betroffenen? Fünf Menschen erzählen aus ihrem Arbeitsalltag.



    Bahn-Ansager arbeiten im Schichtsystem an oftmals unterirdisch gelegenen Bahnsteigen - natüriich bei künstlichem Licht. 

    Bahn-Ansager

    „Gläserner Schneewittchensarg“ hat ein längst pensionierter Kollege meinen Arbeitsplatz mal genannt. Ich bin derjenige, der an Münchner Bahn-Stationen in einem Glaskasten zwischen den Gleisen sitzt und Fahrgästen Fragen beantwortet; hauptsächlich aber sorge ich für den reibungslosen Ablauf im Betrieb. Das bedeutet deutlich mehr Verantwortung, als nur das bekannte „Zug nach XY, bitte nicht mehr zusteigen“ herunterzubeten. Vor mir stehen mehrere Bildschirme, auf denen Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge sowie Verspätungen und Probleme im Ablauf kommuniziert werden. Das alles zu koordinieren, ist gar nicht so banal. Insgesamt bin ich froh, nicht die ganze Zeit unterirdisch arbeiten zu müssen, sondern auch andere Aufgaben bei meinem Arbeitgeber übernehmen zu können – solche, bei denen ich in einem Büro mit Fenster sitze. Hier am Gleis ist alles schon sehr eintönig, man sieht stundenlang kein Sonnenlicht, das einen wachmachen könnte, wenn man schläfrig ist. In meiner Position kann ich ja nicht eben mal für fünf Minuten an die frische Luft gehen, wer kümmert sich denn dann um die Ansagen? Überhaupt ist die Luft an so einer S-Bahn-Station natürlich auch selten richtig perfekt, obwohl wir Lüftungsanlagen haben. Aber um ehrlich zu sein, denke ich sowieso, dass der Job hier unten am Gleis mittelfristig wegfällt. Für Abfahrtszeiten und Verbindungen gibt es längst Apps fürs Handy, und die Durchsagen könnte man auch aus einer Zentrale steuern. Den Fahrgästen würde kein Nachteil entstehen, und wir Angestellten müssten keine Schichten mehr unter Tage ableisten.

    Koch

    Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich eigentlich fast ausschließlich in fensterlosen Küchen gearbeitet. Das war selten angenehm. Für ein paar Monate war ich in der Kantine eines mittelständischen Betriebs beschäftigt: Da hingen ein paar Funzeln von der Decke, so dass man gerade so bis zum Schnitzel in der Pfanne gucken konnte. Als Kantinenkoch war das schrecklich: Morgens bei schönstem Sonnenschein in der Arbeit anzukommen und dann direkt in ein dunkles Loch gesteckt zu werden, das man erst nachmittags wieder verlassen darf.

    Grundsätzlich sind aber die meisten Restaurantküchen gut beleuchtet, wobei es – wie gesagt – bei Weitem nicht in allen ein Fenster gibt. Derzeit arbeite ich auch in einer Küche, die nur von elektrischem Licht erhellt wird. Es gibt zwar im hinteren Bereich eine Tür Richtung Hinterhof, aber die kann wegen des Wetters draußen und des Geruchs drinnen nicht ständig offen sein. Überhaupt ist die Luft in einer fensterlosen Küche fast ein größeres Problem als das fehlende Tageslicht. Ich versuche, wann immer es die Arbeit zulässt, wenigstens für einen Augenblick nach draußen zu gehen. Bisschen Frischluft, bisschen Sonne, das macht das Kochen zumindest für eine Weile wieder entspannter. Wenn ich die abgeschmetterte Arbeitsstättenverordnung richtig verstehe, wäre mein Chef ja dadurch gezwungen gewesen, uns Köchen Arbeiten bei Tageslicht zu ermöglichen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass er begeistert gewesen wäre, wenn er Geld für ein Küchenfenster hätte ausgeben müssen.

    Bergarbeiter

    Wer im Bergbau arbeitet, kann keinen Job mit frischer Luft und Sonnenschein erwarten. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an die Dunkelheit. Mein Tag beginnt um halb vier Uhr morgens, weil ich Frühschicht arbeite und 80 Kilometer zu meinem Arbeitsplatz fahren muss. Seit dem Beginn des Zechensterbens Ende der Achtzigerjahre sind die Anfahrtswege für uns Bergarbeiter immer länger geworden. Um fünf Uhr geht’s dann per Aufzug mit den Schichtkollegen runter in etwa 1000 Meter Tiefe. Bei der aktuellen Jahreszeit fahre ich also vom Dunkeln ins Dunkle – das ist ganz angenehm, da muss sich das Auge nicht umgewöhnen. Im Berg sind besonders die Hauptarbeitsplätze gut ausgeleuchtet, um die Arbeiter zu schützen. Mit dem Atmen gibt’s auch keine Probleme, frische Luft wird durch den einen Schacht angesogen, verbrauchte Luft durch einen anderen rausgesaugt. Wenn wir in Strecken zu tun haben, die nicht durchschlägig sind, arbeiten wir mit speziellen Lüftern.

    Natürlich ist der Job unter Tage nichts für jedermann. Aber durch die Dunkelheit, durch unseren von der Außenwelt abgeschotteten Arbeitsplatz, entsteht eine Gemeinschaft, die findet man sonst nirgends. Da steht jeder Kollege für den anderen ein, man fühlt sich wohl. Ich mache das seit mehr als 30 Jahren und würde es nicht anders haben wollen – auch wenn es nach der Schicht natürlich eine Weile dauert, bis man sich wieder an das Tageslicht gewöhnt hat. Das beißt erst mal ganz ordentlich in den Augen. Was im Berg fehlt: zeitliche Orientierung. Wenn ich keine Uhr trage, kann ich bis heute auf der Arbeit nicht einschätzen, wie lange ich schon unten bin. Ich kann mich ja nicht einfach mal nach der Sonne umdrehen.

    Klofrau

    Toiletten zu putzen, ist kein glamouröser Job, klar. Aber irgendwer muss es ja tun, und laut meinem Arbeitsvertrag bin ich: Reinigungskraft. Klingt besser als Klofrau. Ich arbeite in einem großen Kaufhaus, wo es nur auf einer Etage Toiletten gibt. Natürlich ganz oben, damit die Leute vorher einmal durch den ganzen Laden gehen müssen und vielleicht was kaufen. Zu den Toiletten führt dann ein langer Gang mit zwei Biegungen – Tageslicht aus dem Verkaufsbereich schafft es bis hierhin garantiert nicht. Vor den Eingangstüren zu Damen- und Herren-WC ist mein Platz, wenn ich nicht gerade in den Toiletten – die übrigens auch keine Fenster haben – zu tun habe. Ein Stuhl, ein Tisch, das war’s. Immerhin sind wir ein Haus der gehobeneren Klasse, die Beleuchtung ist gut; nicht so schummrig, wie man es von anderswo kennt. Aber es wäre schon viel netter, ein Fenster zu haben, wo man nicht nur die Sonne sehen, sondern auch mal ein bisschen frische Luft hereinlassen kann. Schade, dass das mit der neuen Verordnung nun wohl nichts wird und mein Arbeitgeber doch kein Fenster in der Nähe meines Platzes anbringen muss. Man hätte nur ein Loch in die Wand gegenüber von meinem Stuhl schlagen müssen, das wäre sogar eine Außenwand. Aber selbst wenn das Gesetz würde, bin ich mir sicher, dass mein Chef eine Möglichkeit fände, das zu umgehen. Keine Ahnung, ob sich ein Tisch und ein Stuhl vor den Toiletten überhaupt als Arbeitsplatz im rechtlichen Sinn definieren lässt.

    Verkäuferin

    Tagtäglich könnte ich so auf keinen Fall arbeiten. Ich bin in Teilzeit als Verkäuferin in einem Laden unter dem Münchner Karlsplatz/Stachus beschäftigt. Hier gibt es kein Tageslicht, kann es wegen der unterirdischen Lage natürlich auch nicht geben – und zur nächsten Rolltreppe haben wir von unserem Geschäft aus keine freie Sicht. Mir persönlich schlägt das immer gleiche künstliche Licht an einem acht-, auch mal neunstündigen Arbeitstag schon sehr aufs Gemüt. Immer sieht alles gleich aus, egal, ob es über unseren Köpfen regnet, hagelt oder ob draußen bei 30 Grad die Sonne scheint. Immerhin: Die Temperatur und Luftqualität sind wegen der nach dem Umbau noch sehr neuen Lüftungsanlage meist angenehm. Wenn wir zu zweit im Laden sind, achten wir trotzdem sehr darauf, im Wechsel regelmäßig für ein paar Minuten nach draußen zu gehen. Ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass so ein Geschäft in einer Passage wie hier für Käufer sonderlich anziehend wirkt. Sieht doch alles ziemlich trostlos aus – ich würde da immer den Bummel auf der Einkaufsmeile im Freien vorziehen. Oder bei schlechtem Wetter in ein Einkaufszentrum fahren. Jedenfalls irgendwohin, wo nicht alles so grau und künstlich aussieht und man ab und zu ein Stück Himmel zu sehen bekommt.

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    Die blutigen Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt waren gerade ein paar Stunden her, da ahnte die Polizei schon, wo sich mindestens zwei der islamistischen Attentäter radikalisiert hatten: im Gefängnis. Radikalisierung hinter Gittern ist ein Phänomen, das Justizvollzugsanstalten auch in Deutschland künftig zunehmend beschäftigen wird, wie am Montag auf einer Fachtagung im bayerischen Justizministerium deutlich wurde. „In der Haft treffen ideologisierte Dschihadisten häufiger auf eine anfällige Klientel“, sagte Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU). Mehrere hundert Ermittlungsverfahren gegen islamistische Straftäter laufen derzeit bundesweit – Tendenz steigend. Mit jeder Verurteilung stehen Gefängnisse vor der Herausforderung, verhindern zu müssen, dass Islamisten aus der Nachbarzelle neue Kandidaten für den Dschihad anwerben.



    Die Radikalisierug muslimischer Männer ist in Gefängnissen ein immer größeres Problem

    Resozialisierung statt Isolation, lautete der Tenor der Veranstaltung, zu der Bausbacks Ministerium Experten aus Vollzugs- und Justizpraxis aus Bayern und Baden-Württemberg eingeladen hatte. Da sich kampfbereite Islamisten quasi nicht von Nicht-Muslimen bekehren ließen, zielten Präventionsmaßnahmen auf nicht-radikalisierte, orientierungslose Häftlinge. „Der Islamismus ist für uns die größte Herausforderung seit dem Kalten Krieg“, sagte Bausback. Auch wenn es momentan noch keine islamistischen Netzwerke in bayerischen oder baden-württembergischen Gefängnissen gebe, sei die Perspektive nicht erfreulich, sagte Thomas Beck, Bundesanwalt und Terrorismusexperte beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Die Propagandamaschinerie in den sozialen Netzwerken laufe auf Hochtouren, der Zustrom von deutschen Dschihadisten in Syrien reiße nicht ab. „Es ist eine Binsenweisheit, dass man nur in Gaziantep (in der Türkei, Anm. der Redaktion) an einer Bushaltestelle ein paar Leute ansprechen muss, schon ist man in Syrien“, sagte Beck. Es sei nur eine Frage der Zeit bis in Deutschland ein Anschlag verübt werde. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind mehr als 600 Salafisten von Deutschland aus in den Irak und die syrischen Kampfgebiete ausgereist – 200 davon kehrten bereits zurück.

    Gerade die Ansarul-Aseer-Aktivisten um Bernhard Falk, die sich selbst als „Unterstützer muslimischer Gefangener“ bezeichnen, arbeiteten bundesweit daran, Häftlinge für salafistisches Gedankengut zu gewinnen, sagte Gülden Sahin vom bayerischen Verfassungsschutz. Sie bestellten Bücher für die Inhaftierten, organisierten seelsorgerische Begleitung. Bezeichnend sei, dass den Häschern egal sei, für welches Vergehen die Männer in Haft sitzen, sagte Sahin. Für Ansarul Aseer sind sie laut Internetseite „für ihre Religionsausübung in Gefangenschaft“. Wie Thomas Weber, Leiter der JVA Mannheim, berichtete, benutzt die Gruppe inhaftierte Muslime zu Propagandazwecken. Dem Salafisten Sven Lau, der im vergangenen Jahr einige Monate in Untersuchungshaft in Mannheim war, hätten sie zugeschrieben, in der Haft drei Männer zum Islam gebracht zu haben. „Er war aber auffallend unauffällig, eher genervt von seiner Berühmtheit“, sagte Weber. Inken Gallner, Amtschefin im baden-württembergischen Justizministerium, nannte es einen „Drahtseilakt“, radikalisierte Häftlinge zu erkennen, aber nicht alle Häftlinge muslimischen Glaubens unter Generalverdacht zu stellen.

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  • 03/03/15--00:11: Tagesblog - 3. März 2015
  • 18:16 Uhr: Zum Abschluss des Tages eine Geschichte mit Urin. Da habt ihr drauf gewartet, was? Es geht um diese Aktion gegen Wildpinkler in St. Pauli:
    http://www.youtube.com/watch?v=uoN5EteWCH8
    Simon hat bei den Initiatioren angerufen und gefragt, wer am rüchsichtslosestem pinkelt und ob jetzt ganz St. Pauli imprägniert wird.

    Damit bin ich raus. Morgen an dieser Stelle: eben erwähnter Simon Hurtz.
    Tschüß!

    ++++

    16:51 Uhr:
    (Denkt hier noch jemand außer mir, dass die Katzeninsel vermutlich auch eine Flo-Insel ist? Und eine Zecken-Insel? Und eine Insel auf der viele komische Geräusche zu hören sind, des nachts?)

    +++

    16:48 Uhr:
    Achdujeh, noch mehr zum Gucken! Für manche ein Paradies, für manche ein Albtraum: eine Katzeninsel.
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    ++++

    16:45 Uhr:
    Wegen viel Gucken heute: Starre noch ein bisschen durch die Jalousie.




    ++++

    16:23 Uhr:
    Heute eher so kurze Sätze und mehr zum Angucken. Gerade bin ich auf das hier gestoßen: Fotos von Schaufenstern in den letzten Tagen des Ostblocks. Auch wieder irgendwie traurig. Habe wohl leichte Melancholie gerade.
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    [plugin imagelink link="http://media.boingboing.net/wp-content/uploads/2015/02/image.jpg" imagesrc="http://media.boingboing.net/wp-content/uploads/2015/02/image.jpg"]
    Passen übrigens gut zu Juris Reihe "Schaufensterkritik", diese Bilder.

    ++++

    15:30 Uhr:
    Fertig geweint. Dann gekündigt. Bei BASF angeheuert. Wicked.




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    14:51 Uhr: Bin sehr traurig jetzt. Weil mir ein Freund gerade das hier schickte:
    [plugin imagelink link="http://files.explosm.net/comics/Kris/hay.png" imagesrc="http://files.explosm.net/comics/Kris/hay.png"]
    Bin weinen. Bis später.

    ++++

    14:39 Uhr:
    Und jetzt probieren wir alle mal aus, was passiert, wenn wir auf www.loser.com klicken.

    (Und hier steht, warum das passiert.)

    ++++

    13:54 Uhr:
    Auf sz.de ist gestern eine neue Serie gestartet: eine vierteilige Videoreportage aus Athen. Wie leben junge Griechen in der Krise, in einem Land, in dem die Arbeitslosenquote in ihrer Altersgruppe bei etwa 60 Prozent liegt? Sammy Khamis und Hakan Tanriverdi haben einige von ihnen getroffen. Als erstes lernen wir Maki kennen. 29 Jahre alt, Ingenieur, heroinabhängig.
    Die drei weiteren Teile der Reportage folgen an den kommenden drei Montagen.

    ++++

    13:44 Uhr:
    Jan Delay. Guter Typ. Hier ein Interview mit ihm aus unserem neuen Magazin. Ist jetzt auf der Startseite. Es geht um Langeweile und wie er sie vermeidet (zum Beispiel, indem er sich dauernd eine neue Musikrichtung zu eigen macht). Und um Gerti Schröder von der Fleischtheke. Sogar mehrfach.


    Hier in verknautscht: Jan Delay(Foto: Nils Mueller)

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    13:25 Uhr:
    Zum Anschauen: Ziemlich gute Fotos aus Israel/Palästina von Ahmad Gharabli. Auf denen man sieht, zwischen welchen Polen sich das Leben dort abspielt.

    Zum Beispiel zwischen diesem...
    [plugin imagelink link="http://cdn2.vox-cdn.com/assets/4839984/134422420.jpg" imagesrc="http://cdn2.vox-cdn.com/assets/4839984/134422420.jpg"]
    ...und diesem:
    [plugin imagelink link="http://cdn0.vox-cdn.com/assets/4839944/461385999.jpg" imagesrc="http://cdn0.vox-cdn.com/assets/4839944/461385999.jpg"]
    (Und damit meine ich jetzt nicht zwischen Kindern und Ziegen, sondern zwischen Kampf und Ruhe.)

    ++++

    12:54 Uhr:
    Oh, wollte doch ein Mittagspausen-Gif dalassen. Jetzt sind wir schon zurück. Egal. Gilt immer noch.
    [plugin imagelink link="http://media.giphy.com/media/jOk4V3G3tuiC4/giphy.gif" imagesrc="http://media.giphy.com/media/jOk4V3G3tuiC4/giphy.gif"]

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    11:34 Uhr:
    Äh, wie soll ich das jetzt formulieren? Ah, ich weiß: Akku hoch beim Runterholen!

    Geht jetzt, mit dem Wankband. Wenn man das beim Onanieren trägt, produziert man damit Energie, und die kann man nutzen, um sein Smartphone aufzuladen. Superpraktisch.

    [plugin imagelink link="http://www.blogrebellen.de/wp-content/uploads/2015/03/wankband500.gif" imagesrc="http://www.blogrebellen.de/wp-content/uploads/2015/03/wankband500.gif"]

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    11:00 Uhr:
    Nachdem wir alle symmetrisch gefrühstückt haben, kommt hier der erste Text des Tages: Die Besprechung einer etwas irren Graphic Novel. Spoiler: Es ist ein Lob. Und man will sie danach lesen. Und so sieht sie aus:



    Der Satz aus der Rezension, der mit am besten gefällt, weil er's so schön zusammenfasst: "Unfallprinzip: Man muss hinschauen."

    ++++

    10:01 Uhr:
    Links, die Grafikerinnen schicken: symmetrische Frühstücke!




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    09:43 Uhr:
    Sekunde, erst der Jingle: http://www.youtube.com/watch?v=MyGmFvO0KE0

    So, los:

    - In Dresden haben Pegida-Anhänger versucht, ein Flüchtlingscamp anzugreifen.

    - Experten drängen darauf, den Mindestlohn europaweit anzugleichen. Es gibt ihn in 22 von 28 EU-Staaten, die deutschen 8,50 € liegen dabei im Mittelfeld.

    - Sebastian Edathy hat sich vor Gericht schuldig bekannt, kinderpornografisches Material heruntergeladen zu haben. Aber er besteht darauf: Das sei kein Geständnis.

    - Benjamin Netanjahu hält heute Nachmittag seine schon im Vorfeld stark umstrittene Rede vor dem US-Kongress.

    - Boris Nemtsovs Freundin Anna Duritskaya ist aus Moskau nach Kiew geflohen. Sie ist die einzige bekannte Zeugin des Mords an dem russischen Oppositionellen.

    - Und dann gibt es noch dieses Video eines Mannes, der beim Fallschirmspringen einen epileptischen Anfall hat – aber gerettet wird. Deswegen kann man es anschauen. Wird einem aber trotzdem ganz anders dabei.
    http://www.youtube.com/watch?v=55QUQHm2B5A#t=105
    Es geht ihm wirklich gut. Er hat nämlich schon mit dem Guardian gesprochen.

    ++++

    09:19 Uhr:
    Guten Morgen. Der Dienstag ist da. Wir starten mit was Leichtem, nämlich mal wieder einem Cartoon:
    [plugin imagelink link="https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xpf1/v/t1.0-9/10430860_934539799913750_6280540410295182723_n.png?oh=b385260edec97e63e9ea8b2ffc4b933c&oe=557F3FBA" imagesrc="https://scontent-fra.xx.fbcdn.net/hphotos-xpf1/v/t1.0-9/10430860_934539799913750_6280540410295182723_n.png?oh=b385260edec97e63e9ea8b2ffc4b933c&oe=557F3FBA"](via Hauck&Bauer)

    Und mit was Ernstem, nämlich dem sehr guten Fluchthelfer/SchlepperundSchleuser-Artikel von Alex Rühle aus der Wochenend-SZ, den ich noch empfohlen haben wollte. Da geht es nämlich um die Frage, wann und warum Fluchthelfer kriminalisiert wurden.

    Jetzt noch umrühren, dann ist der Dienstagmorgen-erster-Post-Mix auch schon fertig. Wohl bekommt's.

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  • 03/03/15--00:39: Die verlorene Tochter
  • 17Jahre lang haben sie sich an die Hoffnung geklammert, haben jeden Geburtstag ihrer Tochter gefeiert, auch wenn jegliche Spur von ihr fehlte. Bis plötzlich dieses seltsam vertraut aussehende Mädchen an der Schule auftauchte.

    Doch der Reihe nach. Im April 1997 gebar die Südafrikanerin Celeste Nurse im Grote Schuur Hospital in Kapstadt eine Tochter. Ihr Mann und sie gaben dem Mädchen den Namen Zephany, sie freuten sich darauf, ihr Baby mit nach Hause zu nehmen, das Kinderzimmer war längst eingerichtet, in Blau, Gelb und Weiß; Fläschchen, Puder, Cremes, alles stand bereit. Doch zunächst sollte sich die Mutter von den Strapazen des Kaiserschnitts erholen. Sie schlief viel in den Tagen nach der Geburt. Am dritten Tag weckte die Stimme einer Krankenschwester sie auf: „Wo ist Ihr Baby?“, fragte die. Unter den Bildern, die Celeste Nurse in den folgenden Tagen durch den Kopf rasten, tauchte eines immer wieder auf: Eine andere werdende Mutter auf der Geburtenstation, sie hielt Zephany im Arm, und auf die Frage, was sie da mache, antwortete sie, das Baby habe geweint, und sie wollte es bloß beruhigen. Im Nachhinein war sich Celeste Nurse sicher: Das war die Frau, die ihre Tochter entführt hatte. „Sie hatte die Absicht, ein Kind zu stehlen“, sagte sie Jahre später einer südafrikanischen Zeitung, „egal, welches Kind.“

    Was ihr und ihrem Mann blieb, war ein leeres Kinderzimmer in Blau, Gelb und Weiß und jede Menge unbeantworteter Fragen. Wie konnte die Entführerin die Klinik mit einem Baby verlassen, das nicht ihr eigenes war? Nächtelang lag Celeste Nurse schlaflos im Bett, hörte draußen Katzen schreien, manchmal klang es wie ein weinendes Baby. War das Ganze nicht doch nur ein böser Scherz, würde vielleicht plötzlich ganz unvermittelt jemand vor ihrer Tür stehen und ihr ihre Tochter in den Arm legen? 17Jahre zehrte sie von der Hoffnung, sie gebar drei weitere Kinder, und ihr viertes, ihr Erstgeborenes, war in ihren Gedanken nie fern. Im Februar 2010 sagte sie der Zeitung Cape Argus: „Ich spüre es in meinem Bauch: Meine Tochter ist da draußen, und irgendwann wird sie nach Hause kommen.“

    Im Januar dieses Jahres wechselte ihre Tochter Cassidy, vier Jahre jünger als Zephany, an eine weiterführende Schule. Eine Klassenkameradin sagte zu Cassidy: In einer der höheren Klassen sei „ein Mädchen, das genau so aussieht wie du“. Tatsächlich, sie sieht aus wie ich, dachte Cassidy, als sie dem Mädchen begegnete. Sie plauderten, sie verstanden sich gut, fanden heraus, dass sie gar nicht weit voneinander entfernt wohnen. Sie gingen gemeinsam Burger essen. Als Cassidys Vater, Morné Nurse, die beiden zusammen sah, musste er sich, wie er später sagte, „schwer zurückhalten“. Er informierte die Polizei, die kurz darauf bei der Familie des Mädchens klingelte, die Eltern zu befragen begann und einen DNA-Test bei dem Mädchen veranlasste. Das Testergebnis räumte alle Zweifel aus. Celeste und Morné Nurse hatten ihre verlorene Tochter wiedergefunden. Das glückliche Ende eines Familiendramas?
    Am vergangenen Freitag stand die vermeintliche Mutter von Zephany, die sie unter einem anderen Namen großgezogen hatte, erstmalig vor einem Gericht in Kapstadt, wo sie sich nun wegen Entführung, Betrugs und diverser Verstöße gegen das Kinderschutzgesetz verantworten muss. Die Frau hat keine weiteren Kinder; vor der mutmaßlichen Entführung von Zephany hatte sie mehrere Fehlgeburten erlitten. Ihre Schwester sagte der Zeitung Cape Argus, für die Familie sei eine Welt zusammengebrochen: Das Mädchen sei schließlich „Teil unseres Lebens gewesen. Und nun ist sie weg. Wir haben keinen Kontakt zu ihr, keine Ahnung, wo sie ist.“


     

    Im April 1997 wurde Zephany Nurse im Grote Schuur Hospital in Kapstadt entführt- Nun ist sie wieder aufgetaucht

    Zephany Nurse, die im April volljährig wird, ist jetzt in der Obhut des Jugendamtes. Eine leibliche Tante von ihr jubelte in einem Interview, die Familie sei „aufgeregt, glücklich, voller Freude. Es fühlt sich an wie in einem Traum. Kann das wirklich wahr sein?“ Doch für das Mädchen selbst ist eine äußerst schwere Zeit angebrochen. Wo wird sie künftig leben, in welcher Familie wird sie sich zu Hause fühlen? Bei ihrer vermeintlichen Mutter, die in Wahrheit ihre Kidnapperin ist? Oder bei ihrer leiblichen Mutter, an die sei keine bewussten Erinnerungen hat? Auch Celeste Nurse räumte ein, es sei ihr nicht ganz so leicht gefallen, ihre wiedergefundene Tochter so in der Arm zu nehmen wie ihre drei anderen Kinder.
    Nun ist Berichten zufolge die prominente Kinderrechts-Aktivistin und frühere Leiterin der Kinderschutz-Abteilung der Vereinten Nationen, Ann Skelton, in Kapstadt eingetroffen, um Zephany Nurse in ihrem schwierigen Prozess zu begleiten. Unterdessen hat der Minister für soziale Entwicklung der Provinz Westkap, Albert Fritz, an Verwandte und Bekannte der beiden Familien appelliert, sich mit öffentlichen Aussagen zu dem Fall zurückzuhalten, mit Rücksicht auf das „Trauma“, das Zephany Nurse derzeit durchmache – notfalls werde er per Gerichtsbeschluss für Diskretion sorgen: „Das Kind ist sehr verwirrt, wir sind sehr besorgt.“

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  • 03/03/15--00:52: Lob der Bohne
  • Ein Kaffee im richtigen Moment ist eines der wichtigsten Schmiermittel für ein gelungenes Sozialleben. Ohne die morgendliche Anfangsdosis Koffein wäre so mancher Zeitgenosse am Frühstückstisch nicht zu ertragen. Und im Berufsleben hält die Kaffeepause nicht nur den Blutkreislauf, sondern auch Klatsch und Tratsch in Schwung und befeuert die Illusion, durch das Heißgetränk auf sprühende Ideen zu kommen. Dennoch wurden und werden dem Bohnenextrakt allerlei Risiken für Leib und Seele angedichtet. „C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Caffee“, warnt ein Kinderlied – „schwächt die Nerven, macht dich blass und krank“, sind demnach die drohenden Folgen. Dabei finden Wissenschaftler in jüngster Zeit immer mehr Belege dafür, wie Kaffee die Gesundheit fördert.

    Ärzte und Epidemiologen aus Südkorea zeigen in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Heart (online), dass moderater Kaffeekonsum gut für Herz und Kreislauf ist und offenbar vor Gefäßverkalkung schützt. Wer drei bis fünf Tassen am Tag zu sich nimmt, so das Fazit der Autoren, weist die geringsten Ablagerungen in den Arterien auf. Die Wissenschaftler aus Seoul hatten mehr als 25000 gesunde Erwachsene nach deren Gewohnheiten befragt und alle ein bis zwei Jahre die Kalkablagerungen in ihren Herzkranzgefäßen erfasst. Viele Koreaner gehen regelmäßig zum Arzt, um sich gründlich untersuchen zu lassen. Der Kalkanteil in den Koronararterien ist ein Maß dafür, wie schnell die Kranzgefäße vorzeitig zu verstopfen drohen und ein Infarkt bevorsteht.

    Bei der Mehrzahl der Probanden mit einem Durchschnittsalter von 41 Jahren fanden sich noch keine Kalkschichten in den Koronarien. Unter denen, die davon betroffen waren, zeigten sich die stärksten Kalkschichten bei jenen Teilnehmern, die entweder weniger als eine oder mehr als fünf Tassen täglich zu sich nahmen. Wer ein bis drei Tassen trank, hatte weniger Kalk in den Kranzgefäßen; am wenigstens fand sich jedoch bei jenen, die auf drei bis fünf Tassen täglich kamen. „Es gibt offenbar eine U-förmige Beziehung zwischen Kaffeekonsum und Verkalkung“, so die Forscher. „Das Risiko für einen Verschluss der Arterien ist bei jenen erhöht, die gar keinen oder besonders viel Kaffee trinken.“

    Die Wissenschaftler können nicht kausal begründen, warum Kaffee die Adern geschmeidig halten könnte. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass die als Endothel bezeichnete Gefäßinnenhaut durch Inhaltsstoffe des Kaffees elastischer bleibt, günstige Auswirkungen auf andere Risikofaktoren könnten aber auch den positiven Gefäß-Effekt erklären. So konnten Forscher zeigen, dass Kaffee einer Diabetes-Neigung entgegenwirkt und die Insulinempfindlichkeit der Zellen verbessert. Dies trägt dazu bei, dass der im Blut zirkulierende Zucker besser und schneller verstoffwechselt wird. Die Adern von Diabetikern verhärten schneller.

     

    Untersuchungen haben ergeben, dass Kaffee nun doch gesudheitsfördernde Wirkungen enthält

    In anderen Untersuchungen wiesen Mediziner nach, dass regelmäßiger Kaffeekonsum mit günstigeren Blutfetten einhergeht und besonders das „böse“ LDL-Cholesterin nicht so stark erhöht ist wie bei Menschen, die sehr wenig oder besonders viel Kaffee zu sich nehmen. „Es gibt zwar unterschiedliche Ergebnisse zu der Frage, ob Kaffee gut für das Herz-Kreislauf-Risiko ist oder nicht“, so die Autoren. „Doch in letzter Zeit haben mehrere große Untersuchungen und Überblicksarbeiten hauptsächlich positive Wirkungen gezeigt.“ So hat 2014 eine Meta-Analyse von 36 Studien im Fachmagazin Circulation belegt, dass der langfristige Konsum von vier Tassen Kaffee am Tag sich günstig auf die Herzfunktion, die Wanddicke der Kammern, den Zustand der Kranzgefäße, die Thromboseneigung und damit das Risiko für Infarkt, Schlaganfall und Embolien auswirkt.

    Bekannt und für etliche Kaffeetrinker nachvollziehbar – weil ihr Herz dann stärker pocht –, ist der kurzfristige Blutdruckanstieg, kaum dass die Tasse leer ist. Dieser Effekt ist zwar deutlich zu spüren, doch auf Dauer wirkt sich sogar intensiver Kaffeegenuss erstaunlich mäßig auf den Blutdruck aus. Langzeitstudien haben gezeigt, dass selbst der jahrzehntelange Konsum von fünf Tassen Kaffee täglich den Blutdruck auf Dauer nur um durchschnittlich fünf Millimeter auf der Quecksilbersäule (mm Hg) steigen lässt – der Druck beträgt dann beispielsweise 138/88 statt 133/83 mm Hg.

    Es ist möglich, dass der Kaffee noch weitere medizinische Überraschungen bereithält. Erst in der vergangenen Woche berichteten Forscher auf dem Jahreskongress der US-Neurologen, dass starker Kaffeegenuss – wieder waren vier Tassen täglich gemeint – offenbar mit einem geringeren Risiko für Multiple Sklerose einhergeht. „Die Aufnahme von Koffein wurde auch schon mit einem verringerten Risiko für Parkinson und Alzheimer in Verbindung gebracht“, sagt Ellen Mowry von der Johns Hopkins University in Baltimore. „Unsere Studie zeigt, dass Kaffee tatsächlich eine schützende Wirkung auf das Gehirn haben könnte.“

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  • 03/03/15--01:00: Bibliothek mit Wachschutz
  • Hoch oben unter dem Dach der „Neukölln Arcaden“ bietet die Helene-Nathan-Bibliothek auf zwei Stockwerken eine Auswahl, die jeden Tag an die 2000 Menschen anzieht. Es gibt Hausaufgabenhilfen für Schüler, interessante Lesungen, viele Tageszeitungen und mehr als hundert Zeitschriften, und außer vielen Büchern auch etwa 6500 DVDs in der Ausleihe. So gesehen ist die Bibliothek an der Karl-Marx-Straße eine Erfolgsgeschichte, die „einen herausragenden Bildungsauftrag leistet“. Franziska Giffey, die designierte Bürgermeisterin von Neukölln, möchte, dass diese Qualität auch gesehen wird, wenn jetzt über die andere Seite gesprochen werden muss. Eine Seite, die einige Probleme des Quartiers widerspiegelt und so dominant geworden ist, dass die Bibliothek jetzt unter besonderen Schutz gestellt wird. Ein Sicherheitsdienst wird – wie schon vor einigen Schulen – als Aufsicht eingesetzt. „Er soll einfach das umsetzen, was gang und gäbe in einer Bibliothek ist.

    Es geht schlicht um die Einhaltung der Hausordnung. Freilich sind da nicht allein rangelnde Kinder gemeint, die den Raum zwischen den Büchern für Wettrennen nutzen. Vor Kurzem schrieben die 29 Mitarbeiter der öffentlichen Bibliothek auf, was für sie nicht mehr zu ertragen war. Sie berichteten von Drogenhandel auf den Toiletten, mehrmals habe es Brandstiftungen gegeben. Drogenkuriere hätten die Bibliothek für Verabredungen genutzt.

    In einem Toilettenvorraum und innerhalb der Damentoilette seien Paare beim Geschlechtsverkehr angetroffen, in den Waschräumen Kondome gefunden worden. Immer wieder sei es zu „sexistischen Beleidigungen weiblicher Mitarbeiter“ gekommen, vereinzelt auch zur Androhung von Tätlichkeiten oder sogar zu „Rempeleien gegenüber den Mitarbeitern“. Die meisten sind Frauen, vor allem für sie ist die Situation oft schwer gewesen, „da insbesondere die männlichen Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) sich von Frauen nicht in die Schranken weisen lassen“, heißt es in dem Schreiben.



    Ungestörtes Lernen ist in der Helene-Nathan-Bibliothek nur mit Wachschutz möglich


    Manche Jungen kämen „nur mal rein, um Krawall zu machen“, so schilderte die kommissarische Leiterin Brigitte Lichtfeldt am Montag eine Situation, in der einige ihr „Männlichkeitspotenzial austesten“. Es gehe gerade auch darum, Mädchen einen ruhigen Raum zu bieten, die lesen und lernen wollen, ohne belästigt zu werden. Für die zwei Männer vom Sicherheitsdienst werde es um ganz banale Aufgaben gehen, sagte Franziska Giffey zum Start einer zunächst auf drei Monate befristeten Testphase. „Sie sollen dafür sorgen, dass nicht mehr gelärmt und gepöbelt wird.“ Niemand wolle Jugendliche von der Bibliothek fernhalten. Es soll aber in Zusammenarbeit mit der Jugendsozialarbeit auch nach alternativen Angeboten für die Jugendlichen gesucht werden, die bisher die Bibliothek als Aufenthaltsort nutzen.

    Es ist nicht das erste Mal, dass der Bezirk in so einer Situation Wachschutz einsetzt. Seit 2008 werden die Zugänge von Schulen bewacht, an denen es Probleme mit Gewalt gab. Neun sind es derzeit. „Das hat sich bewährt und zur Befriedung beigetragen“, sagt Giffey. In der Bibliothek sollen die Wachleute weder die Zugänge bewachen noch Taschen kontrollieren. „Sie sind auch keine Rausschmeißer“, sagt Giffey. Es ist schon allein ihre Präsenz, die ausreichen soll.

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  • 03/03/15--09:08: St. Pauli pinkelt zurück!
  • Jedes Jahr ziehen über 20 Millionen Touristen durch den Hamburger Stadtteil St. Pauli und feiern. Den Kneipenbesitzern gefällt das, den Hausbesitzern eher weniger. Denn feiernde Menschen sind meist trinkende Menschen, und trinkende Menschen werden über kurz oder lang zu pinkelnden Menschen. Die Kombination aus steigendem Alkoholpegel und steigendem Harndrang hinterlässt häufig unappetitliche gelbe Spuren an der nächstgelegenen Hauswand.



    Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel.

    Damit soll jetzt Schluss sein, zumindest wenn es nach Julia Staron geht. Als Quartiersmanagerin der Reeperbahn setzt sie sich für die Interessen der Grundeigentümer und Gewerbetreibenden im Stadtteil ein und hat in den letzten Wochen die die Aktion "St. Pauli pinkelt zurück!" betreut.

    Ein spezieller Lack (weitere eindrückliche Anwendungsbeispiele) verwandelt Hauswände in Fallen für die Wildpinkler. Wer an eine der imprägnierten Wände uriniert, sollte sich vorsorglich Gummistiefel anziehen – denn die wasserabweisende Beschichtung lässt den Urin zurückspritzen. Wir haben Julia Staron angerufen und gefragt, ob St. Pauli schon trockengelegt ist.

    http://www.youtube.com/watch?v=uoN5EteWCH8

    jetzt.de: Vom Medienecho abgesehen – gab es schon erste Erfolge? Suchen sich die Wildpinkler jetzt Bäume statt Wände?
    Julia Staron: Noch nicht, die Aktion startet ja gerade erst. Bisher haben wir nur zwei Wände für den Film besprüht. In den nächsten Tagen wollen wir uns die übelsten Stellen vornehmen und dort nachrüsten. Auch die "Wir pinkeln zurück!"-Warnschilder, die im Video zu sehen sind, hängen momentan noch nicht an den Wänden.

    Wer pinkelt denn am rücksichtslosesten? Touristen?
    Ich möchte den Touristen nicht allein die Schuld in die Schuhe schieben. Was man aber definitiv sagen kann: je alkoholisierter, desto schlimmer. Gefühlt sind es eher jüngere als ältere, aber das ist nur mein persönlicher Eindruck.

    Also ist das Problem mit den angepinkelten Hauswänden in den letzten Jahren größer geworden?
    Ja. Früher, als es noch mehr Kneipen und Bars gab, war es weniger problematisch; da hatte man ja immer eine Toilette vor Ort. Aber seitdem immer mehr Kioske aufmachen und sich die Leute draußen betrinken, hat die Zahl der Wildpinkler deutlich zugenommen.



    Julia Staron, Quartiersmanagerin und Wildpinklerbekämpferin auf der Reeperbahn

    Soll ganz St. Pauli flächendeckend imprägniert werden?
    Wir selbst werden nur eine Handvoll der meistfrequentierten Wände behandeln. Aber gleichzeitig stimmen wir uns mit Gewerbetreibenden und Hauseigentümern ab, die ja auch ein Interesse daran haben, ihre Wände urinfrei zu halten. Nachfrage ist auf jeden Fall vorhanden.

    Mal angenommen, mir gehört ein Haus an der Reeperbahn: Was muss ich tun, wenn ich diesen Lack ausprobieren will?
    Am einfachsten ist es, wenn Sie sich direkt an uns wenden. Wir verhandeln gerade Sonderkonditionen mit dem Hersteller. Der Lack wurde ursprünglich für den Bootsbau entwickelt und ist relativ teuer: Wer sechs Quadratmeter Hauswand schützen will, zahlt normalerweise rund 500 Euro.

    Haben Sie den Lack selbst entdeckt und sofort daran gedacht, ihn gegen Wildpinkler einzusetzen?
    Nein, eine Werbeagentur ist auf uns zugekommen und hat angeboten, das Promo-Video zu produzieren. Wir fanden das eine prima Idee und haben mitgemacht.

    Anmerkung: Bei der Werbeagentur war am Dienstag kein zuständiger Mitarbeiter zu erreichen. Wir wissen deshalb nicht, ob die Agentur im Auftrag des Lack-Herstellers gearbeitet oder die Aktion selbst initiiert hat.



    Nehmt euch in Acht, Wildpinkler!

    Ich habe bis jetzt nur positive Reaktionen gelesen. Hat sich denn schon jemand bei Ihnen beschwert?
    So nach dem Motto: Auch Wildpinkler haben Rechte? Na da soll mir einer kommen und sich beschweren! Ich glaube, das traut sich niemand, der würde sich dann ja sofort selbst outen. Dann kann er auch gleich 50 Euro abdrücken, so viel kostet das nämlich. Nur schreckt das Bußgeld halt niemanden ab – im Gegensatz zu unseren Wänden. Hoffentlich.

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  • 03/03/15--23:49: Helden in Übersee
  • Ivo Samba schiebt bedächtig einen Stein über das Backgammon-Spielbrett. Mit einem Freund schlägt er so die Zeit tot – bis zur nächsten Ernte in Spanien sind es noch fünf Monate. „Früher bin ich zum Fischen aufs Meer hinausgefahren. Das reichte zum Leben.“ Aber seit die internationalen Fangflotten vor der Küste Senegals kreuzten, sei der Job sinnlos geworden.



    Rapper und Filmemacher versuchen das Bild des Flüchtlings, als wahrer Sieger im Kampf ums Überleben zu ändern.

    Teegeschirr, ein Bett, eine Kleiderkiste sind die einzigen Einrichtungsgegenstände in Ivos Hinterhofzimmer in Ngor, einem ehemaligen Fischerdorf im Norden der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das Fauchen eines Düsenflugzeugs erinnert an den nahen Flughafen von Dakar. Am Strand schaukeln bunt bemalte Pirogen in der Dünung. Touristen schätzen diese Idylle. Doch für viele Senegalesen ist das kein Ort zum Leben.

    „Als ich hörte, dass in der nächsten Nacht ein Boot losfahren würde“, erzählt Ivo, „flehte meine Mutter mich an, dazubleiben. Aber ist es nicht eine Schande, seiner Familie als Arbeitsloser auf der Tasche zu liegen?“ Ivo gab dem Schlepper 800 Euro, sein gesamtes Erspartes.

    Als er zehn Tage später von der spanischen Küstenwache vor Teneriffa aufgegriffen wurde, waren ein Dutzend seiner Mitreisenden auf der mit Motorschaden dahintreibenden Piroge verdurstet. Weil Ivo aber wie die allermeisten keine Papiere hatte, konnten ihn die spanischen Behörden nicht zurückschicken. Er wurde in einem Heim untergebracht, das er aber verließ. Er lebte von nun an als Clandestin, erntete auf spanischen Feldern Kartoffeln, Tomaten, Orangen.

    Viele seiner Nachbarn kennen dieses Leben. Mehr als 60 000 Senegalesen haben im letzten Jahrzehnt die Überfahrt gewagt. Jeder zehnte kam nicht lebend an. Sie sind Teil einer Wanderbewegung von Millionen Afrikanern Richtung Europa. Es sind Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Sudan, Somalia und Nigeria, Hunderttausende junge Eritreer, die dem willkürlichen Militärdienst und der Folter in ihrem Heimatland entfliehen. Doch das erklärt nicht alles.

    Die Tradition der Migration in Westafrika etwa ist viel älter als die meisten der aktuellen Krisen. Junge Menschen, die eine Familie gründen wollen, ziehen traditionell in die Städte oder ins Ausland. Dorthin, wo es Jobs gibt. Welche Eltern wollen ihre Tochter einem Bräutigam geben, der sich nicht mal eine eigene Wohnung leisten kann? Migration gilt als notwendiger Schritt ins Erwachsenenleben, als Autoritätsgewinn innerhalb der Familie.

    Zahlreiche Popsongs in Westafrika verherrlichen die Migranten als Helden. Für Stubenhocker dagegen haben etwa die Soninke in Mali eigene Spottwörter. Noch geächteter ist der glücklose Heimkehrer. Selbst wer in Handschellen ins Flugzeug geschleift wurde, kann kein Mitgefühl von der eigenen Familie erwarten und versteckt sich aus Scham oft weitab von seinem Dorf.

    Der Erfolg der Migranten aber ist gut sichtbar: Sie finanzieren den Bau von Häusern, Brunnen, Schulen und Moscheen in ihren Heimatorten. In Mali und Senegal übersteigen ihre Rücküberweisungen selbst die offizielle Entwicklungshilfe um ein Vielfaches. Viele der Afrikaner, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren emigrierten, haben inzwischen Unternehmen gegründet, in der Heimat reinvestiert. So wie Ousmane Koné. Der malische Selfmademan arbeitete 30 Jahre in der französischen Hotellerie, bevor er 2014 ein heruntergewirtschaftetes Hotel in Bamako übernahm und es mit traditionellen Strohdächern und Schnitzereien nach europäischem Touristengeschmack renovierte. „Niemand von uns“, sagt Koné, „will länger als notwendig in Europa bleiben. Die Lebensqualität hier in Mali ist viel besser.“ Doch wegen der restriktiveren Visapolitik trauten sich viele nicht zurück – wer weiß, ob sie jemals wieder einreisen dürften?

    Als Koné Anfang der Achtzigerjahre auswanderte, verlangte die ehemalige Kolonialmacht noch keine Visa, er musste sich lediglich im Hafen von Marseille registrieren lassen. Frankreich brauchte die westafrikanischen Gastarbeiter. Seit den Sechzigerjahren wurden sie intensiv angeworben. Besonders aus der malischen Region Kayes zogen ganze Jahrgänge nach Frankreich, um im Bau-, Restaurant- und Hotelgewerbe zu arbeiten. Sie wohnten nach Dörfern organisiert in Arbeiterheimen und planten stets die Rückkehr. Oft rückte dann der älteste Sohn auf Bettstelle und Arbeitsplatz des Vaters nach.

    Mehr noch als Senegal ist Mali ein Auswandererland. Vier Millionen Malier, ein Viertel der Bevölkerung, leben im Ausland. Die meisten in afrikanischen Nachbarstaaten, etwa 100000 in Frankreich. Bei der täglichen Ankunft der Air-France-Maschine in Bamako sieht man die Lohnarbeiter aus Europa stolz defilieren, vornehm gekleidet, beladen mit Geschenken, während nur ein paar Kilometer weiter im Staub der Busbahnhöfe Hunderte Jugendliche aus ganz Westafrika auf die Weiterfahrt nach Agadez und Tripolis warten, um dann von dort unter Lebensgefahr das Mittelmeer zu queren.

    Der stärkste Druck der Migration bleibt das starke Bevölkerungswachstum in Afrika. In Ländern wie Mali und Senegal stellen die Jugendlichen zwei Drittel der Bevölkerung. Die Kurve werde, so schätzt die Weltbank, erst im Jahr 2050 abflachen. Weil das Wirtschaftswachstum selbst ökonomisch starker Staaten wie Äthiopien, Ghana oder Nigeria nicht ausreiche, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen, drohten größere gesellschaftliche Spannungen.

    Und nicht allein korrupte afrikanische Eliten dürfen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Auch der Westen trägt erhebliche Mitschuld an der Misere: Subventionierte Agrar-Überschüsse aus der EU und Amerika machen die heimische Landwirtschaft in Senegal und anderen afrikanischen Ländern vielerorts unrentabel. Global operierende Investoren pachten rücksichtslos die besten Böden des Landes, oder opfern – wie gerade im fruchtbaren Dreiländerdreieck Mali-Senegal-Guinea – Dutzende Dörfer dem Tagebau.

    Die angestammte Bevölkerung kämpft oft vergebens um Entschädigung. „Was ist so verwunderlich daran“, sagt der senegalesische Rapper Awadi, „wenn die Menschen dorthin gehen, wohin die Ressourcen ihrer Länder wandern? Sie folgen nur dem Strom des Geldes.“ Auch Ivo Samba folgte ihm. Und den Auswanderermythen. „Selbst wer in Europa Toiletten geputzt und unter Brücken geschlafen hat, gibt zu Hause den großen Geschäftsmann, geht in die Nachtklubs und posiert mit den schönen Mädchen.“

    Ivo hatte Glück. Nach fünf Jahren als Illegaler profitierte er von einer Amnestie. Nun hat er Papiere, kann im Sommer ganz offiziell auf die Salatfelder von Murcia zurückkehren. Der Stundenlohn ist ein Witz. Immerhin produziert er billiges Gemüse für europäische Supermärkte und kann monatlich 150 Euro an seine Familie nach Hause schicken. Lieber hätte er in Europa eine Ausbildung gemacht, um mit seinem Beruf daheim etwas zu bewegen. Aber wer bekomme ohne Geld und Beziehungen schon ein Visa? „Sie mögen uns Muslime in Europa nicht mehr.“

    Einst träumte Ivo noch von eigenem Haus und Auto und folgte der Auswanderer-Parole „Barça wala Barsax“ (Barcelona oder Tod). Heute gibt er sich ernüchtert: „Europa ist tot.“ Das ist einer der Slogans einer erstarkenden Gegenbewegung zur illegalen Migration. In Senegal organisieren Rapper, Bürgerrechtsaktivisten und Initiativen von Müttern und Ehefrauen verunglückter Bootsflüchtlinge Hip-Hop-Konzerte und Filmvorführungen, denn in einem Land mit 60 Prozent Analphabeten wirken Bilder und Chants nachhaltiger als Worte. Moussa Tourés Spielfilm „La Pirogue“ und „La Crie Du Mer“, eine Dokumentation der senegalesischen Filmemacherin Aicha Thiam, liefen mehrmals im senegalesischen Fernsehen und lösten eine breite Diskussion über die Wunden aus, die die Migration der Gesellschaft zufügt.

    „Die bestechlichen Eliten hier“, sagt Thiam, „sind doch froh, wenn die unzufriedenen Jugendlichen gehen. Wer migriert, der rebelliert nicht.“ Als Senegals früherer Präsident Wade 2012 verfassungswidrig ein drittes Mal kandidierte, kam es zu Straßenschlachten mit mehreren Toten – Jugendliche, die noch kurz davor keinen anderen Ausweg als den übers Meer kannten, skandierten „Y’en amarre“ ( Es reicht). Das wurde zum Namen einer Demokratie-Bewegung von unten, die auch nach der Abwahl von Wade als außerparlamentarische Opposition präsent bleibt.

    „Wir wollen nicht nur der Korruption und Misswirtschaft entgegentreten“, sagt der Rapper und Y’en-a-marre-Aktivist Ndjili Bagdad, „sondern selbst mit gutem Beispiel vorangehen.“ Eine Gruppe von Journalisten und Hip-Hop-Aktivisten hatte die Bewegung im Jahre 2011 ins Leben gerufen. Sie proklamierten einen neuen Typ des Senegalesen, den „Nouveau typ de Senegalais“ kurz NTS: selbstkritisch, selbstverantwortlich, standhaft im Einfordern politischer Versprechen.

    Nicht zufällig stehen Rapper wie Bagdad beim Ringen um Demokratie an vorderster Linie: „Mit unserer Hilfe erreichte die Botschaft von Y’en amarre das ganze Land. Nun haben die Politiker Angst vor Y’en amarre. Sie sind es gewohnt, Geld zu geben, damit jemand die Klappe hält. Aber wir halten die Klappe nicht.“

    Tatsächlich gilt Dakar mit seinen mehr als 1200 Crews als afrikanische Hauptstadt des Hip-Hop: Rapper haben eigene Radio- und Fernsehsendungen und organisieren immer wieder Straßenproteste. Die psychologische Wirkung ist enorm: In Senegal hat sich der Strom der Pirogen Richtung Norden seit der Gründung von Y’en amarre 2011 um gut die Hälfte reduziert.

    „Wenn man den Jungen Hoffnung gibt“, sagt Polit-Rapper und Y’en-a-marre-Sympathisant Matador, „dann brauchen sie nicht zu emigrieren. Wir haben eine reiche Kultur, die wir professionell für uns nützen können. Wir haben Flüsse und fruchtbare Erde: Warum bauen wir nicht unser Grundnahrungsmittel, den Reis, selbst an, anstatt ihn aus Asien zu importieren? Um die Emigration zu stoppen, brauchen wir ein patriotisches Konzept: Lasst uns konsumieren, was wir selber anbauen – und produzieren, was wir selbst konsumieren.“ Man müsse die Minderwertigkeitsmentalität der Afrikaner ändern.

    Längst strahlt Y’en amarre weit über Senegal hinaus. In Mali haben Rapper und Studenten die Graswurzel-Bewegung „Les Sofas de la République“ gegründet, mobilisierten Jugendliche in Burkina Faso nach senegalesischem Vorbild die Straße.

    In Senegal aber wird die Piroge gerade als Symbol umgedeutet: „Hip-Hop-Pirogen gegen die heimliche Migration“. So nannte sich eine Tournee einiger der bekanntesten Rapper des Landes. Man gehe so als Vorbild voran, sagt Hip-Hop-Star Matador. Denn die Rapper hätten sich bewusst entschieden zu bleiben: „Bisher hatten die Jugendlichen vor Ort nur drei Wahlmöglichkeiten: entweder ihr Leben auf dem Meer zu riskieren, ein religiöser Talib zu werden oder ein Krimineller. Wir zeigen ihnen einen vierten Weg.“

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  • 03/03/15--23:57: Klimpern mit dem Kleingeld
  • Die seit Monaten diskutierte Erhöhung des Kindergeldes wird voraussichtlich dürftiger ausfallen als erwartet. Es soll in den nächsten Monaten um insgesamt sechs Euro steigen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung lässt Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) derzeit einen entsprechenden Gesetzesentwurf erarbeiten. 2016 würde der Staat dann für die ersten beiden Kinder 190 Euro im Monat zahlen. Wohl auch aus Rücksicht auf den Haushalt bleibt Schäuble damit am unteren Rand der Erwartungen. Zwischenzeitlich war von einem Anstieg von bis zu zehn Euro die Rede gewesen.



    Sechs Euro beträgt die Erhöhung des Kindegelds. 400 Millionen Euro Belastung bedeutet das für den Bundeshaushalt 2016 – den Rest müssen Länder und Gemeinden finanzieren.

    Das Kindergeld soll in zwei Stufen angehoben werden, in diesem Jahr um vier Euro und im kommenden Jahr um weitere zwei Euro. Ebenfalls steigen soll der Kinderfreibetrag und zwar um 144 Euro in diesem Jahr und um 96 Euro Anfang des kommenden Jahres. Nach den Angaben will der Finanzminister zudem auch auf Forderungen seiner Kabinettskollegin Manuela Schwesig (SPD) eingehen und den sogenannten Kinderzuschlag um 20 Euro erhöhen. Schäuble plant diesen Schritt für Mitte des kommenden Jahres.

    Trotz dieses Angebots dürfte Schäubles Vorstoß zu einem massiven Streit mit der Familienministerin führen, denn die Gesetzesinitiative ist nicht mit Schwesigs Haus abgesprochen. Schon seit Monaten liegen die beiden Minister über die Fragen im Clinch, welche Familienleistungen in welchem Ausmaß steigen sollen.

    Verfassungsrechtlich ist allein das Anheben des Kinderfreibetrages vorgeschrieben. Dieser kommt jedoch nur Familien mit höheren Einkommen zugute. Deshalb wird das Kindergeld in der Regel ebenfalls angehoben – und zwar um den Betrag, der auch durch den Kinderfreibetrag als Entlastung anfallen würde

    Schwesig hatte jedoch immer auf einer größeren Lösung bestanden und zwei zusätzliche Punkte ins Spiel gebracht. Zum einen liegt ihr eine Neuregelung des Kinderzuschlags am Herzen. Das ist eine staatliche Unterstützung, mit der verhindert werden soll, dass Familien mit niedrigen Einkommen ins Hartz-IV-System fallen und zu sogenannten Aufstockern werden. Der Zuschlag liegt derzeit bei maximal 280 Euro. Zum Zweiten wollte Schwesig den sogenannten Entlastungsbetrag für Alleinerziehende erhöhen. Grob gesprochen handelt es sich dabei um eine steuerliche Erleichterung, mit der die schwierige Situation bei der Vereinbarung von Beruf und Kindererziehung abgefedert werden soll.

    Schäuble hatte die Forderungen Schwesigs stets zurückgewiesen und sich dabei auf den Koalitionsvertrag berufen. Dort ist zwar eine Erhöhung des Entlastungsbetrags vorgesehen, sie fällt aber nicht unter die sogenannten prioritären Maßnahmen. Deshalb sind auch keine zusätzlichen finanziellen Spielräume dafür vorgesehen.

    Die beiden Minister kommen im Streit um die Ausgestaltung des Familienpakets nicht voran. Der letzte Anlauf war Ende des vergangenen Jahres gescheitert. Danach hatte die Regierung angekündigt, definitiv bis Ende März eine Lösung zu finden – bislang vergeblich.

    Mit seinem Vorstoß ergreift Schäuble nun die Initiative und setzt sich über die Bedenken seiner Kollegin hinweg. Dass er nicht länger verhandeln will, liegt vor allem an den Planungen für den Bundeshaushalt 2016. Bis Mitte März sollen die Eckpunkte für das Zahlenwerk stehen. Um die Ausgaben planen zu können, müssen das höhere Kindergeld und der höhere Kinderzuschlag berücksichtigt werden. Alleine der Anstieg des Kindergelds um dann sechs Euro dürfte im Bundeshaushalt 2016 mit über 400 Millionen Euro zu Buche schlagen. Der Rest muss von Ländern und Gemeinden finanziert werden.

    Schäubles Alleingang sorgt im Familienministerium für erhebliche Verärgerung. Zum einen habe der Finanzminister bereits öffentlich signalisiert, nichts gegen eine Erhöhung des Freibetrags für Alleinerziehende zu haben. Zum anderen sei man sich in den Verhandlungen schon ein gutes Stück näher gekommen – bevor die Unterhändler des Finanzressorts nun wieder einen Rückzieher machten. Schäuble verfährt nach Einschätzung von Schwesigs Experten nach dem Motto: Der sozialen Wohltaten sei Genüge getan mit einer Erhöhung des Kinderzuschlags um 20 Euro. Dies werde man so nicht stehen lassen. Notfalls scheue man auch vor einem Koalitionskrach nicht zurück.

    Die Ministerin will bei ihren Forderungen bleiben. „Alleinerziehende müssen gezielt unterstützt werden“, sagte Schwesig der Süddeutschen Zeitung. „Sie gehören zu den Familien in Deutschland, die besonders viel leisten, und sie müssen häufig alleine ihren Alltag meistern.“ Union und SPD hätten sich darauf verständigt, diese steuerlich ohnehin benachteiligte Gruppe finanziell zu entlasten. „Seit zehn Jahren wurde der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende nicht erhöht – jetzt wäre der richtige Zeitpunkt.

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    Als ihr Chef auf einer Dienstreise dann auch noch in Boxershorts vor ihr stand, beschloss die Praktikantin, etwas zu unternehmen. Seit Wochen schon hatte er obszöne Scherze gemacht und anzügliche Nachrichten geschrieben. Also wählte sie die Nummer eines Sorgentelefons. Hunderte solcher Anrufe sind in den vergangenen Jahren bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) eingegangen. Doch die Zahl der Menschen, die nie darüber sprechen, dass sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden, dürfte hoch sein.



    Was unter sexuelle Belästigung fällt, ist Betroffenen oft gar nicht bewusst – unerwünschte Berührungen gehören dazu.

    Viel zu hoch, wie eine repräsentative Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Umfragezentrums Duisburg ergab, die ADS-Leiterin Christine Lüders am Dienstag in Berlin vorstellte. Unter 1002 Befragten hatte demnach mehr als die Hälfte im Job Situationen erlebt, die rechtlich als sexuelle Belästigung gelten. Sie waren gegen ihren Willen berührt, angestarrt oder mit anzüglichen Witzen in Verlegenheit gebracht worden, hatten Aufforderungen wie „Setz dich auf meinen Schoß“, Nacktfotos oder Sexvideos erhalten. Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz fällt all das unter sexuelle Belästigung – den Betroffenen ist das laut Umfrage aber meist nicht bewusst.

    Auf die Frage, ob sie im Job schon einmal sexuelle Belästigung erlebt hätten, antworteten nur 17 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer sofort mit Ja. Erst eine Abfrage der einzelnen unerwünschten Situationen ergab, dass 49 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer durchaus schon Erfahrungen mit gesetzlich verbotenen Situationen gemacht haben.

    Frauen gaben häufiger körperliche Übergriffe an. 19 Prozent haben nach eigenen Angaben unerwünschte Annäherungen oder Berührungen erlebt, unter den Männern zwölf Prozent. 13 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer wurden gegen ihren Willen umarmt oder geküsst. Männer sahen sich insgesamt häufiger, gleichzeitig aber auch auf unterschiedliche Weise mit sexueller Belästigung konfrontiert. Zwölf Prozent der Männer, aber nur drei Prozent der Frauen haben schon einmal unerwünschte E-Mails, SMS, Fotos oder Videos mit sexuellem Inhalt erhalten. Und die Täter? Laut Umfrage in den meisten Fällen Männer, wie belästigte Frauen sowie Männer angaben.

    ADS-Präsidentin Lüders nannte das einen „unhaltbaren Zustand“. Sie kritisierte vor allem die Informationspolitik von Unternehmen, die in der gesetzlichen Pflicht stünden, ihre Angestellten zu schützen und Lösungen wie Ermahnungen, Versetzungen oder Kündigung von Tätern anzubieten. Stattdessen ließen sie Betroffene oft ahnungs- und hilflos. Um das zu ändern, solle nun eine Expertenkommission auf der Basis der Untersuchung bis Ende des Jahres Empfehlungen an die Politik abgeben. Geleitet wird das Gremium von Berlins ehemaligem Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) und der Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jutta Allmendinger. Die Soziologin will vor allem die geltende Zweimonatsfrist lockern, innerhalb der Betroffene sexuelle Belästigung vor Gericht bringen müssen. „Finanzielle Abhängigkeit oder befristete Beschäftigungen halten Betroffene oft davon ab, solche Fälle zu melden.“

    Auch die Praktikantin, die wegen ihres Chefs in Unterhosen bei der Antidiskriminierungsstelle anrief, ließ sich laut Beraterin nicht davon abbringen, erst nach ihrer Zeit im Unternehmen rechtliche Schritte zu unternehmen. Sie wollte ihr Zeugnis nicht gefährden.

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  • 03/04/15--00:09: Tagesblog - 04. März 2015
  • 18:12 Uhr: Nachdem Charlotte hier den ganzen Tag über die Stange gehalten hat, obwohl eigentlich ich hätte übernehmen sollen, kommen die letzten beiden Einträge von mir. Die sind allerdings nicht besonders originell, sondern lediglich Ankündigungen für unsere eigenen Texte.

    Aber immerhin sind es wirklich schöne Texte. Nach dem Lieblingsinterview von vorhin (die Leseempfehlung gilt immer noch!) folgt jetzt eine sehr liebevolle Ausgabe von "Meine Straße". Andreas erklärt, was er an der Sommerstraße in der Münchner Au gerne mag. Und macht mich ein bisschen neidisch, weil ich durchaus nichts dagegen hätte, auch dort zu wohnen.

    [plugin imagelink link="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/591915/Meine-Strasse-Sommerstrasse" imagesrc="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ja/jakob-biazza/text/regular/1035767.jpg"]

    Und damit sagt Simon zum Abschied leise Servus, und Charlotte winkt und swingt aus Berlin ein bisschen mit.

    http://www.youtube.com/watch?v=0iTqeRyj11E

    ++++

    17:14 Uhr:
    Schnell nochmal Kreuzfeuer von Simon. Gerade ist ein Interview von Theresa online gegangen, Marke: Lieblingsinterviewkandidat, absoluter!

    Sie hat mit Manfred Gotzler gesprochen, der in seinem Münchner Headhop Kifferzubehör verkauft - und deshalb auch schon mal Besuch von LKA-Beamten mit Maschinenpistolen hatte.

    Lieblingseinstiegssatz: "Über Headshops zu schreiben, ist ein verhältnismäßig bekloppter Eiertanz."
    Lieblingsantwort: "Ja, die Jungs wollen immer die großen Bongs haben. Typischer Schwanzvergleich: Wer die Größte hat, ist der Coolste. Die Mädels kaufen meistens was Kleines, Unauffälligeres."

    Und jetzt Lesen, los los!

    [plugin imagelink link="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/591912/Alles-ausser-Gras" imagesrc="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ja/jakob-biazza/text/regular/1035764.jpg"]

    ++++

    16:50 Uhr:
    Oft träume ich ja davon, sehr viel Geld als Stock-Fotografin zu verdienen. In dem ich zum Beispiel Themen wie "Internet" visualisiere und man dann nicht mehr Bilder mit seltsamen blauen Datenströmen oder Rechnern verwenden muss. Der Schauspieler Vince Vaughn ist jetzt tatsächlich groß ins Stock-Geschäft eingestiegen, aber natürlich als Promo für seinen neuen Film. Er hat nämlich gemeinsam mit seiner Filmcrew Bilder zum Schlagwort "Office" angefertigt, in der Hoffnung, dass Medien die Bilder verwenden. Sieht aber auch täuschend echt aus.
    [plugin imagelink link="http://www.slate.com/content/dam/slate/blogs/browbeat/2015/03/04/vince_vaughn_stock_photos_unfinished_business_marketing_move_to_promote/vaughn_1.jpg.CROP.promovar-mediumlarge.jpg" imagesrc="http://www.slate.com/content/dam/slate/blogs/browbeat/2015/03/04/vince_vaughn_stock_photos_unfinished_business_marketing_move_to_promote/vaughn_1.jpg.CROP.promovar-mediumlarge.jpg"]

    ++++

    15:05 Uhr: Und noch eine Linkempfehlung, über die ich gestern beim Bildblog gestoßen bin:
    Auf http://ichbinstefanie.ch kann man der transexuellen Stefanie Fragen zu ihrer Entscheidung als Frau zu leben stellen. Sie beantwortet diese dann in kurzen Filmen. Habe ich gestern ziemlich lange drauf rumgeklickt, so informativ und ästhetisch ansprechend aufgearbeitet habe ich das sensible Thema noch nie gesehen.
    https://www.youtube.com/watch?v=ygKhtbkSTlk Stefanie erklärt, wie man die tiefe Stimme loswird

    ++++

    15:00 Uhr:
    Puh, jetzt war ich in einem Interview und Simon ist auch noch unterwegs. Muss ich euch leider bedudeln zum Zeitvertreib. Mit dem neuen Mumford & Sons Album zum Beispiel, das erscheint im Mai.
    https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=MzHi4xpk8UE

    ++++

    12:45 Uhr:
    Mittagspause. Aber nicht, ohne euch nicht noch diesen zwar sehr alten, aber immer noch lustigen Link zu fies gephotoshoppten Facebook-Profilfotos zu hinterlassen, der kürzlich wieder in meine Timeline gespült wurde.
    Liebling:
    [plugin imagelink link="http://cdn77.sadanduseless.com/wp-content/uploads/2013/02/r7.jpg" imagesrc="http://cdn77.sadanduseless.com/wp-content/uploads/2013/02/r7.jpg"]
    via sad and useless

    ++++

    12:10 Uhr:
    Der Hintergrund ist auch nicht gerade heiter (geht ja immerhin um einen Todesfall), aber zumindest als Schlagzeile lustig: Die kanadische Zentralbank hat dazu aufgerufen, dass die Leute aufhören sollen, ihre Geldscheine zu "verspocken". Der auf der Fünf-Dollar-Note abgebildete frühere Premierminister Wilfrid Laurier hat nämlich so gravierende Ähnlichkeit mit dem vergangene Woche verstorbenen Mr. Spock Darsteller Leonard Nimoy, dass die Menschen Anpassungen an Haaren und Ohren in den vergangenen Tagen selbst vorgenommen haben. Die Banknoten würden so aber vielleicht nicht mehr akzeptiert werden, sagt die Bank.
    [plugin imagelink link="http://dangerousminds.net/content/uploads/images/spocjsdfsdfsdfsdf.jpg" imagesrc="http://dangerousminds.net/content/uploads/images/spocjsdfsdfsdfsdf.jpg"]
    ++++

    11:40 Uhr:
    Bevor wir uns gleich wieder den lustigen Gifs des Tages zuwenden, ein Thema, dass mich wirklich umtreibt: Gestern hat der deutsche Kinderschutzbund ja das Geld von Sebastian Edathy, gegen den das Verfahren wegen Besitzes von Kinderpornografie gegen 5000 Euro am Montag eingestellt wurde, abgelehnt. Und bei dem, was jetzt so in Leserkommentaren über Edathy geschrieben wird, wird mir echt ganz anders. Irgendwie scheinen viele Menschen noch nicht verstanden zu haben, dass im Internet zum Lynchmord aufzurufen, nicht cool ist. Und strafbar sein kann. Das i-Tüpfelchen ist für mich aber dieser Titel der Berliner Boulevardzeitung B.Z.:


    Ist das noch okay?

    ++++

    11:00 Uhr:
    Und jetzt ein wirklich schöner Text aus unserem aktuellen Heft: Eigentlich würde man ja denken, wenn ein Paar zusammen- und dann wieder auseinanderzieht, weil es nicht funktioniert, ist das das Todesurteil einer Beziehung. Muss es aber gar nicht sein. Nadja hat nämlich ein Paar gesprochen, die auch nach der Trennung von Tisch und Bett, wie es ja heißt, noch ein Paar sind.




    ++++

    09:55 Uhr:
    User Lemongreen hat unserer geschändeten Bankübrigens ein Gedicht gewidmet. Letzter Absatz:
    jetzt.de hat eine Bank
    das Schild ist leider nicht mehr blank
    und da die Stifter doch was nett's tun
    wär nicht schlecht: die Bankenrettung
    [plugin imagelink link="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/le/lemongreen/text/regular/1035743.jpg" imagesrc="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/le/lemongreen/text/regular/1035743.jpg"]
    Jetzt müssen wir im nächsten jetzt-Adventskalender wohl erstmal eine Super-Fun-Bank-Säuberungsaktion für dich und vier deiner Freunde verlosen!

    ++++

    09:40 Uhr:
    Und jetzt der kleine Nachrichtenüberblick:


    ++++

    09:10 Uhr:
    Erste Erkenntnis des Tages: Mit einem platten Reifen fährt es sich nur sehr langsam zur Arbeit. Guten Morgen!
    [plugin imagelink link="https://40.media.tumblr.com/8a4dbeca52a683d0cbdcf6894787e185/tumblr_msbarwCcC31s5ru0ao1_500.jpg" imagesrc="https://40.media.tumblr.com/8a4dbeca52a683d0cbdcf6894787e185/tumblr_msbarwCcC31s5ru0ao1_500.jpg"] Und so ein BMX-Dingsbums hab ich natürlich auch nicht.Und keine Tattoos. Na toll.

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    Völlig erschöpft schleppt sich Splitters Creek Bundy beim Distanzritt in Al Reef (Abu Dhabi) durch die Wüste. Der Wallach stolpert, stürzt schließlich in den Sand und kommt nicht mehr hoch: Beide Vorderbeine sind gebrochen. Erst nach 20 Minuten erscheint ein Tierarzt und erlöst das Pferd von seinen Schmerzen. Bundys Reiter, der 16 Jahre alte Hamaid Al Falasi, saß bei seinen 17 vom Weltreiterverband FEI registrierten Ritten auf 15 verschiedene Pferden, nur siebenmal hat er das Ziel erreicht.

    Es ist unwahrscheinlich, dass er einen Sportpartner betrauert, wohl eher den Verlust eines Sportgerätes mit Materialschwäche. Am Ende haben drei Pferde den 120 Kilometer langen Ritt in Al Reef nicht überlebt. Die Doping-Analyse von Bundy ergab drei verbotene Substanzen und eine Dopingsubstanz, zwei Beruhigungsmittel, die möglicherweise für die Euthanasie verabreicht wurden, und zwei Nervenblocker. Das heißt, Bundy spürte nicht mehr genug, um sicher aufzutreten, deswegen wohl der Ermüdungsbruch auf freier Strecke.

    Der Dunkelbraune ist eines von 700 Distanzpferden, mit denen Dubais Herrscherfamilie der Maktoums ihrem Sport frönt. Tierquälereien, Dopingvergehen und Betrügereien mit vertauschten Pferden begleiten seit Längerem die distanzsportlichen Aktivitäten der Wüstensöhne.

    Nun war das Maß voll, auch für die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI). „Genug ist genug“, sagt Hanfried Haring, deutsches Mitglied im FEI-Vorstand, dem Bureau. Das 18-köpfige Gremium hatte in der ersten Sitzung nach der Wahl des neuen Präsidenten Ingmar de Vos das Exekutivkomitee angewiesen, tätig zu werden. Die noch ausstehenden FEI-Distanzritte in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) wurden gestrichen, auch die Distanz-WM 2016 in Dubai ist fraglich; die Reiterverbände aus der Schweiz und aus Belgien haben bereits mit Absagen gedroht. „Dabei würde ein Machtwort des Maktoum-Scheichs genügen, um die skandalösen Zustände sofort zu beenden“, sagt Haring, „aber nichts dergleichen geschieht.“
     


    Die Vorwürfe der Tierquälerei an den Pferden bedrohen die WM 2016

    Unter der Präsidentschaft von De Vos’ Vorgängerin Prinzessin Haya, der Zweitgattin von Dubais Scheich Mohammed Bin Rashid al Maktoum, hatte der Weltverband auffällig wenig Energie gezeigt, um distanzreitende Tierquäler und Dopingsünder aus den Emiraten zur Rechenschaft zu ziehen; stattdessen beschränkte sich die FEI auf vollmundige Absichtserklärungen. Zu denen gehörte die Versicherung der Präsidentin, sie halte sich aus dem Thema aufgrund ihrer familiären Verstrickungen heraus, was ihr den Vorwurf der Befangenheit freilich nicht ersparte.

    Der Belgier de Vos nun, der bis zu seiner Wahl FEI-Generalsekretär war, muss keine diesbezüglichen Eheprobleme fürchten, vor allem setzte er sich in der Vorstandsdiskussion dafür ein, die Reißleine zu ziehen. „Wir werden dies zur obersten Priorität machen“, sagte er nach der Sitzung. Wie die FEI mitteilte, sei die Absage der beiden ausstehenden internationalen Distanzritte in den Emiraten als „Notmaßnahme“ zum Schutz der Pferde erfolgt: „Wir werden so schnell wie möglich entscheiden, welche Maßnahmen wir dem Präsidium vorschlagen werden.“
    Bemerkenswert ist, dass die Sanktion nach einem Vorfall bei einem nationalen Ritt verhängt wurde. Bis vor Kurzem hatte die FEI keine Handhabe, in den nationalen Sport ihrer Mitgliedsverbände einzugreifen; erst eine Regeländerung macht dies möglich. Jetzt ist jedes Land verpflichtet, auch bei nationalen Wettkämpfen das Wohlergehen des Pferdes nach FEI-Standards zu erfüllen. „Diese Änderung wurde noch unter Hayas Präsidentschaft durchgesetzt“, räumt Hanfried Haring ein.

    Der internationale Druck wächst, in den USA wird über einen neuen internationalen Distanzreiterverband nachgedacht. Der dänische Verband hat seinen Reitern untersagt, an Ritten in den Emiraten teilzunehmen. Und der Schweizer Verbandspräsident Charles Trolliet wies darauf hin, dass nicht nur der arabische Distanzsport, sondern der gesamte Pferdesport am Pranger stehe. Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) äußert sich ungewohnt kritisch. Generalsekretär Soenke Lauterbach sagte: „Wir sind erleichtert, dass sich die FEI zu diesem Schritt entschieden hat, denn diese tierverachtenden Verhaltensweisen vor allem in den Emiraten können wir nicht akzeptieren.“

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  • 03/04/15--00:30: Immer mehr Milliardäre
  • Der Promi unter den neuen Superreichen hat seine beste Zeit hinter sich – als Sportler zumindest. Finanziell sieht das ganz anders aus. Michael Jordan, bester Basketballer aller Zeiten, genannt Air Jordan oder His Airness, weil er so schön durch die Luft Richtung Korb fliegen konnte, hat es jetzt auf die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt geschafft. In seiner aktiven Zeit war er der am besten bezahlte Sportler der Welt, doch auf die Liste schaffte er es erst mit 52 Jahren. Nike zahlt ihm noch immer schöne Summen für seine Sportartikel-Marke. Den größten Teil seines Reichtums macht aber sein Mehrheitsanteil am Basketball-Team Charlotte Hornets aus, das mehr als 500 Millionen Dollar wert ist. Insgesamt kommt Jordan auf ein Vermögen von einer Milliarde Dollar.
      Die Liste des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Forbes umfasst die Milliardäre der Welt – ausgenommen Despoten und Menschen, deren Vermögen die Autoren nicht schätzen konnten. Forbes hat in diesem Jahr einen neuen Rekord gezählt: Es gibt 1826 Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von sieben Billionen Dollar auf der Welt. Im vergangenen Jahr waren es nur 6,4 Billionen. Angeführt wird die Liste wie fast immer von Bill Gates, obwohl der Milliarden an seine Stiftung spendet. Die Superreichen der Welt werden reicher – und übrigens auch jünger. Zum ersten Mal sind 46 Milliardäre jünger als 40.  

    Vor allem aufstrebende Internetunternehmen bringen viele Neureiche hervor
    290 Neu-Milliardäre sind auf der Liste, ein Viertel davon aus China, etwa Vivien Chen, die inzwischen das Bekleidungs- und Immobilienimperium ihres Vaters leitet. Auf Rang zwei der Neueinsteiger folgen die USA vor Indien. Deutschland kommt auf den vierten Platz – mit 23 Menschen, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Vermögen von mindestens einer Milliarde Dollar hatten. Viele sind entweder Gründer oder Investoren in aufstrebende Internet-Unternehmen, etwa der Chef des umstrittenen Taxi-Rivalen Uber, Travis Kalanick, Airbnb-Gründer Brian Chesky und die Samwer-Brüder aus Deutschland, die gerade den Online-Schuhladen Zalando und den Start-up-Entwickler Rocket Internet an die Börse gebracht haben. Auch der jüngste Milliardär ist ein Internet-Unternehmer: Evan Spiegel, Erfinder der Fotoapp Snapchat, ist 24 Jahre alt.
    Neben den Gründern stehen vor allem Erben auf der Liste der neuen Milliardäre: zum Beispiel die Italienerin Maria Franca Fissolo aus dem Nutella-Reich und die Aldi-Erben Beate Heister und Karl Albrecht jr. mit einem Vermögen von 21,3 Milliarden Dollar.

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  • 03/04/15--00:45: Die Härte
  • Wenn es darum geht, den Mindestlohn von 8,50 Euro zu unterlaufen, kommen Unternehmen auf Ideen, die so dreist oder so skurril sind, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Zum Beispiel die Sache mit den Urlaubstagen. Bei einem Pizza-Lieferdienst in Norddeutschland erhielten Mitarbeiter, die auf 450-
    Euro-Basis auslieferten, bis Ende vergangenen Jahres 4,80 Euro pro Stunde. Seit 1.Januar 2015 sind es wie vorgeschrieben 8,50 Euro. Gleichzeitig wurde den Fahrern in einem „Einstellungsbogen“ aber kurzerhand mitgeteilt: „Mit der Vergütung sind etwaige Überstunden und der Anspruch auf bezahlte Urlaubstage abgegolten.“ Das widerspricht eindeutig den Gesetzen. Schließlich hat jeder Arbeitnehmer ein Recht auf bezahlten Urlaub, das gilt auch für die Millionen Minijobber.



    Durch Tricksereien unterlaufen viele Arbeitgeber das Mindestlohngesetz
    Oder die Sache mit dem Messergeld. In der Fleischverarbeitung verlangt ein Arbeitgeber eine Art „Leasinggebühr“ oder „Messerpfandgeld“ für das Arbeitswerkzeug, mit dem die Mitarbeiter Schweine oder Rinder zerlegen. Diese Gebühren von 25 bis 100 Euro monatlich werden mit dem Lohn verrechnet. Der Mindestlohn, der in der Branche gilt, steht dann auf dem Papier, tatsächlich zahlt das Unternehmen weniger. „Messergeld vom Lohn abzuziehen – das ist so, wie wenn eine Sekretärin dafür zahlen muss, dass der Chef ihr einen Computer auf den Schreibtisch stellt.

    Genauso unzulässig ist es, wenn das Bereitstellen von notwendiger Arbeits- oder Schutzkleidung und dessen Reinigung vom Lohn abgezogen wird“, sagt Michaela Rosenberger, Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), zu solchen Tricks.

    Es geht aber nicht nur um kuriose Einzelfälle. „Bei unserer Mindestlohn-Hotline melden sich verstärkt Arbeitnehmer, die fragen, wie sie ihre Ansprüche durchsetzen können“, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Auch bei der Hotline des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben die bislang knapp 8000 Anrufer immer wieder Versuche gemeldet, die Zahlung der 8,50 Euro rechtswidrig zu umgehen. Häufig wird dies mit Gutscheinen aller Art probiert, zum Beispiel für Solarium, Sauna, Backwaren, um den Differenzbetrag vom Mindestlohn zum früheren, geringeren Lohn auszugleichen.

    In Gastronomiebetrieben wird das Trinkgeld gesammelt und an alle verteilt, um die 8,50 Euro rechnerisch zu erreichen. Beliebt sind auch Verstöße gegen die Arbeitszeit, etwa bei Minijobbern, die für die 450 Euro mehr als bisher arbeiten müssen. Ein Anbieter von Krankentransporten kam sogar auf die Idee, seinen Mitarbeitern nur noch die reine Fahrzeit zu zahlen, nicht aber zum Beispiel das Schieben von Rollstühlen.

    Nun deutet auch eine neue repräsentative Umfrage von Infratest Dimap darauf hin, dass es – neben der wohl großen Mehrheit von rechtstreuen Arbeitgebern – etliche Unternehmen geben muss, die fleißig nach illegalen Schlupflöchern suchen. Bei der Befragung, die der DGB in Auftrag gab und die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, gab fast jeder Fünfte (18 Prozent) der gut 1000 Befragten an, schon einmal Erfahrungen mit Tricks zur Umgehung gemacht zu haben. Drei Prozent erklärten, persönlich betroffen zu sein. Weitere 15 Prozent sagten, sie hätten davon im Freundes- oder Bekanntenkreis gehört. Die weiteren Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass der Großteil der erwachsenen Bevölkerung weiter zum Mindestlohn steht – trotz der zuletzt starken Kritik. So halten 86 Prozent die Einführung für richtig.

    Gefragt wurde vom 21. bis 25. Februar. Genauso hoch waren die Zustimmungswerte im Mai 2014, also vor Inkrafttreten der Untergrenze. Nur etwa jeder Zehnte lehnt das Gesetz ab. „Die Bürger lassen sich offensichtlich nicht davon irritieren, dass Teile der Wirtschaft und der CDU/CSU die Bürokratie-Keule aus der Ecke geholt haben und versuchen, völlig normale Vorgänge – wie die Dokumentation von Arbeitszeiten – zu diskreditieren“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

    Etwa drei Viertel der Befragten sehen es auch als Vorteil an, dass durch den Mindestlohn Beschäftigte ihr Einkommen nicht mehr durch Hartz IV aufstocken müssen. Dies gilt vor allem für alleinstehende Vollzeitjobber, die früher mit zum Beispiel fünf, sechs Euro Stundenlohn nach Hause gingen. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), schätzt, dass die Zahl dieser Aufstocker in diesem Jahr um 50000 sinken wird. Die Ausgaben für die staatliche Grundsicherung könnten dadurch um 700 bis 900 Millionen Euro zurückgehen. Dass jedoch etwa Brot beim Bäcker oder das Taxifahren zum Teil teurer geworden sind, nehmen die Bürger in Kauf.

    Von den Befürwortern des Mindestlohns halten ihn 94 Prozent für richtig, auch wenn deshalb Preise steigen. „Die Menschen können sich durchaus in die Lage derjenigen versetzen, die täglich hilfreiche Dienstleistungen erbringen oder gute Produkte herstellen und als Gegenleistung bisher mit Hungerlöhnen abgespeist worden sind“, sagt Körzell.

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  • 03/04/15--08:10: Alles außer Gras



  • Über Headshops zu schreiben, ist ein verhältnismäßig bekloppter Eiertanz. Die Läden verkaufen Dinge wie Wasserpfeifen, Bongs, Vaporizer oder sogenannte Grinder. Und wenn man deren Funktion einem Außenstehenden erklären möchte, kommen Sätze heraus wie: Ein Grinder ist eine kleine Schatulle mit eingelassenen Metall- oder Plastikstäben. Man benutzt ihn, um beispielsweise „Kräuter“ zu zermahlen. Dabei ist eigentlich klar, worum es bei alldem geht: ums Kiffen. Mit einem Grinder zermahlt man Cannabis, mit einer Bong raucht man es. Manfred Gotzler eröffnete schon Mitte der Neunziger seinen ersten Headshop in München. Damals wurde er dort regelmäßig kontrolliert. Immerhin das heute nachgelassen.
     
    jetzt.de München: Herr Gotzler, Sie sind vor ein paar Wochen in einen größeren Laden gezogen, das Geschäft scheint also zu laufen, oder?
    Manfred Gotzler: Offensichtlich ja. Ich bin jetzt schon seit mehr als 20 Jahren im Geschäft und wirklich eingebrochen sind die Verkäufe nie – trotz Wirtschaftskrise.
     
    Es ist unglaublich voll und bunt hier. Wird das wirklich alles gekauft?
    Ja. Pfeifen, Bongs, Schischas, Vaporizer, Grinder, das wird alles gekauft.
     
    Sogar die Bongs in Form einer nackten Frau?
    Klar.

    Lässt sich bei den Verkäufen denn ein Trend erkennen?
    Ja, die Produktpalette und die Verkäufe bei Vaporizern nehmen definitiv zu. Das liegt wohl daran, dass die Leute gesundheitsbewusster werden, gerade wenn sie schon etwas älter sind. Mit einem Vaporizer kann man Kräuter verdampfen und ihre Wirkstoffe inhalieren, ohne die ganzen Schadstoffe, die bei der Verbrennung freigesetzt werden.
     
    Damit das jetzt mal klar gesagt ist: Man bekommt bei Ihnen alles, was man zum Kiffen braucht.
    Alles, bis auf das Kraut an sich oder die Samen zum Anpflanzen.
     
    Was für Leute kaufen bei Ihnen ein?
    Junge Erwachsene vor allem und auch einige 40- bis 50-Jährige. Bei den älteren Kunden ist es dann meistens der Herr Doktor oder der Herr Professor, der aus seiner Studienzeit einiges kennt und das jetzt wiederentdeckt.
     
    Ihr alter Laden war in der Morassistraße, in der Nähe einer Privatschule. War das standorttechnisch von Vorteil?
    Davon kann eigentlich keine Rede sein, das hat eigentlich nur zu Ärger mit der Schule und besorgten Eltern geführt. Ich wäre lieber nicht in der Näher der Schule gewesen. Der Standort war insoweit gut, weil wir in S-Bahn Nähe waren.
     
    Gibt es unterschiedliche Vorlieben bei verschiedenen Kundengruppen?
    Ja, die Jungs wollen immer die großen Bongs haben. Typischer Schwanzvergleich: Wer die Größte hat, ist der Coolste. Die Mädels kaufen meistens was Kleines, Unauffälligeres.




    Nennen wir es "Pfeifen"
     
    Kommen auch Kunden und wollen von Ihnen Gras kaufen oder Tipps zum Eigenanbau haben?
    Ab und zu kommen schon Leute, die denken, wir verkaufen Cannabis – entweder ausländische Touristen oder Leute aus Frankfurt oder Berlin. Dort sind die Regeln nicht so streng wie hier. Die glauben uns dann meist gar nicht, dass wir nichts unter der Ladentheke haben. Eine Grow-Abteilung, also ein Sortiment für Menschen, die irgendwas anpflanzen wollen, kommt hier auch bald noch. Die ist noch nicht ganz fertig. Wenn die Kunden Fragen haben, erklären wir ihnen natürlich, wie die Sachen funktionieren: Diese Lampe ist für diese Tomaten am besten, und mit der Erde wächst jene Tomatenpflanze gut. Mehr muss ich da gar nicht sagen.
     
    Wird ihr Laden oft kontrolliert? Und passt die Polizei Kunden draußen ab?
    Im Vergleich zu früher wird bei mir fast gar nicht mehr kontrolliert. Aber am Anfang haben sie schon draußen von der Tür gewartet, um die Kunden zu durchsuchen.
     
    Wie fies.
    Ja wirklich. Die kamen mit ihren ganzen Polizeischülern und haben die an den kleinen Kiffern üben lassen. Im Gegensatz zu den richtigen Junkies wehren die sich nicht so. Und im Laden haben sie ständig alles Mögliche konfisziert. Ich hab einmal Hanf-Tee ins Sortiment aufgenommen. 14 Tage später stand ein 20-Mann-Sonderkommando vom LKA im Laden – mit Hunden und Maschinenpistolen. Sie sagten, man könne THC aus dem Tee extrahieren ...
     
    ... den Wirkstoff im Cannabis.
    Genau. Die haben da nicht mehr locker gelassen.

    Und wie ging die Geschichte aus?
    Das ging bis vors Gericht. Die haben mir wirklich mit einer Gefängnisstrafe gedroht. Zwei Jahre auf Bewährung oder mehr stand da plötzlich zur Debatte. Und bei „oder mehr“ gibt es keine Bewährung. Meine Rettung war, dass ich einen Richter hatte, der sagte, er möchte Waffengleichheit. Deshalb ließ er den Bericht eines Gutachters zu, ein Apotheker aus Berlin, der Spezialist war auf dem Gebiet. Der erklärte dann, dass es sich um so geringe Mengen THC handle, dass eine anderweitige Nutzung gar nicht möglich sei. Der Richter hat das Gutachten anerkannt und gesagt, wegen so etwas stecke er keinen Familienvater ins Gefängnis.




     
    Warum haben Sie nicht irgendwann gesagt: „Lasst mich doch alle in Ruhe, ich verkaufe jetzt Handys“?
    Ich bin genauso stur, wie die bayerischen Beamten. Als ich anfing, haben noch fünf, sechs Läden in München aufgemacht, aber alle nach und nach wieder geschlossen. Außerdem habe ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – und vielleicht ein kleines Problem mit Autoritäten.
     
    Letzte Frage: Was haben Sie gesagt, als die Schwiegermutter gefragt hat, was Sie beruflich machen?
    Pfeifen verkaufen.
     
     
    Dieser Text ist Teil des Themenschwerpunkts „360Grad – Die Legalisierung von Marihuana“ von sz.de und jetzt.de.

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  • 03/04/15--08:59: Meine Straße: Sommerstraße
  • Ich wohne direkt am sogenannten Klenzesteg, einer geplanten Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die von der Klenzestraße im Glockenbachviertel über die Isar rüber in die Schlotthauerstraße in der Au führen soll. Und obwohl es diese Brücke noch gar nicht gibt, spürt man die Glockenbachisierung der Au hier schon ein bisschen.

    Zum Beispiel mit dem neuen Italiener La Sophia , der in die Ladenräume eines ehemaligen Schleckers eingezogen ist. Nicht falsch verstehen: Es gibt hier wirklich tolle Pizza und Nudeln, ein echt netter Laden. Dem Besitzer gehört auch die Konsulat-Bar in der Klenzestraße. Eine andere Essensempfehlung ist der Vietnamese Hanoi. Der hat super Suppen und exotische Salate. Sehr gut dort auch: die Sommerrollen und die Ente in rotem Curry.




     
    An der Ecke Sommerstraße/Untere Weidenstraße hängt ein Shoefiti, ein zusammengeschnürtes Paar Schuhe also, das über die Laternenleitungen geworfen wurde. Manche sagen ja, Shoefitis sind Hinweise darauf, dass es in der Nähe Drogen zu kaufen gibt. Andere wiederum sagen, es sei ein Militärritual. Ich denke, in diesem Fall ist es einfach nur Street-Art.
     
    Ich gehe gern in der Sommerstraße spazieren, es gibt immer viel zu entdecken. An der Humboldstraße spürt man zum Beispiel ganz deutlich das Ende der Au und den Beginn von Untergiesing. Auf einmal steht man in einem ganz anderen Stadtbild. Es gibt viele verwinkelte Häuser, auch mehrere kleinere Häuschen, überall Hinterhöfe und lauter Überreste des alten, dörflichen München. Ein Spaziergang durch die Sommerstraße lohnt sich aber auch mindestens einmal im halben Jahr, um nachzusehen, was für ein Geschäft in dem Schaufenster des kleinen Ladens in der Hausnummer 35 wieder inszeniert worden ist.

    Ich rätsele noch immer, was es mit diesem Geschäft auf sich hat. Mal gibt es sich als Apotheke aus, mal als Whiskeyfachgeschäft. Geöffnet ist es aber nie. Entweder handelt es sich dabei um eine Filmkulisse, oder jemand macht das einfach so, privat, aus Spaß. Ein Künstler vielleicht oder ein äußerst kreativer Hausbesitzer. Zum Kaffeetrinken und Freundetreffen gehe ich gern ins BaldNeu, Ecke Sommerstraße/Schyrenstraße. Das ist ein ziemlich gemütliches und schönes Café, dessen Betreiber sich auf Filterkaffee spezialisiert haben.
     
    Ein unbezahlbarer Vorteil dieser Straße ist, dass ich es nur 150 Meter bis zur Isar habe. Die Weideninsel liegt direkt auf der Höhe meiner Wohnung, und im Sommer, wenn die Isar nicht zu hoch ist, kann man einfach rüberwaten. Beim jüngsten Hochwasser wurde eine Menge Sand an das Ufer der Insel gespült, da fühlt man sich fast wie im Urlaub. Und dann ist da natürlich noch das Maibaumstüberl, die Cosa-Nostra-Kneipe des TSV 1860 München. Als Chelsea gegen Bayern siegte und die ganze Stadt in Tränen lag, wurde die Niederlage hier mit Böllern, Raketen und einem Autokorso gefeiert.

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  • 03/04/15--23:43: Geld ist Frauensache
  • Andrew Jackson, US-Präsident von 1829 bis 1837, ist eine schwierige historische Person. Er hasste die amerikanischen Ureinwohner, ließ ganze Stämme ausrotten oder in winzige Reservate umsiedeln. Er war für die Sklaverei. Eine Zentralbank für die USA lehnte er ab, er ließ die damalige Notenbank bankrottgehen. Er misstraute ungedecktem Papiergeld und ordnete an, dass Indianerland nur in Gold und Silber gekauft werden konnte.



    Präsident Obama hält es für eine gute Idee auch eine Frau auf dem 20 Dollar-Schein zu platzieren.

    All das macht Jackson ungeeignet, eine Banknote zu schmücken – wahrscheinlich hätte er diese Ehre abgelehnt, wenn man ihn gefragt hätte. Trotzdem blicken seine engstehenden Augen seit 1928 von jedem 20-Dollar-Schein – einem der im Alltag am meisten benutzten Dollar-Note – hinaus auf sein Volk . Viele Amerikaner nennen die Scheine nur noch „Jackson“. Wenn Jackson das wüsste.

    Für die Organisatorinnen von „Women on $20s“ ist nun die Zeit reif dafür, dass seine Wuschelfrisur von den Geldscheinen verschwindet. Noch nie hat es eine Frau auf eine US-Banknote geschafft. Die einzige Frau, der man derzeit auf einem Geldstück begegnet, ist die Indianerin Sacagawea, die eine Lewis-und-Clark-Expedition als Übersetzerin begleitete. Man bekommt die Ein-Dollar-Münze allerdings fast nie. Es gab noch zwei weitere Frauen auf amerikanischen Sammler-Münzen in der Vergangenheit. Doch im Prinzip ist Geld Männersache.

    „Women on $20s“ will das ändern. „Der Platz der Frau ist auf dem Geld“, ist ihr Slogan. Im Internet hat die Gruppe eine Petition gestartet und will 100000 Unterschriften sammeln, damit das Weiße Haus dafür sorgt, eine Frau auf den 20-Dollar-Schein zu drucken. Präsident Barack Obama ist nicht abgeneigt. „Ziemlich gute Idee“, hat er dazu vor einigen Monaten gesagt. Der Finanzminister, so unterstellt Obama, könnte ein neues Gesicht auf den Scheinen unkompliziert anordnen. In den ersten 60 Stunden, nachdem sie die Website freigeschaltet haben, haben die Organisatorinnen schon 8000 Stimmen für ihr Anliegen gesammelt.

    Auf der Website kann man zwischen 15 Kandidatinnen abstimmen, wer Jackson ersetzen soll. Eleanor Roosevelt, ehemalige First Lady und eine der ersten Abgeordneten der Vereinten Nationen, ist dabei. Oder Rosa Parks, die berühmt wurde, weil sie sich weigerte, ihren Sitz im Bus für einen weißen Mann aufzugeben. Auch die Menschenrechtlerinnen Susan B. Anthony, Alice Paul und Elizabeth Cady Stanton und die Kämpferinnen gegen Sklaverei Sojourner Truth und Harriet Tubman sind Anwärterinnen. „Wir glauben“, schreibt die Organisation, „dass dieser einfache, symbolische und längst überfällige Wandel ein wichtiger Schritt sein könnte, um andere Initiativen für Gleichberechtigung voranzutreiben.“

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  • 03/05/15--00:03: Wo ist der Aus-Knopf?
  • Natürlich die Kalifornier! Wer sonst. Zuerst ballern sie uns zu mit iPhones und iPads, machen die Welt abhängig von Facebook, Twitter und Whatsapp, und dann, wenn selbst im Urlaub alle nur noch die Köpfe gesenkt halten und aus ihren Gesichtern jede Farbe gewichen ist bis auf den bläulichen Widerschein der Displays, dann kommen sie an und sagen: Hey guys, it’s time for digital detox!



    Sehnsucht nach Offline-Urlaub: Wer es nicht selbst schafft, sich im Urlaub vom Internet zu trennen, kann Digital-Detox Ferien machen.

    Detox, also Entgiftung, das ist ja schon seit Jahren ein Thema in der Urlaubswelt: Brennnesseltee trinken und Yoga machen in Südindien oder für viel Geld eine Woche Fasten mit wässrigen Suppen und Brot ohne Butter in einem „Medical Retreat“ in den Alpen. Nun aber geht es ans Eingemachte, nämlich an unsere Abhängigkeit von den digitalen Endgeräten. Viele Menschen nehmen die Arbeit mit in den Urlaub, rufen Mails noch auf der Toilette oder im Restaurant ab, und Freizeit bedeutet, schnell mal ein paar Tweets zu folgen oder zu schauen, was einer der 250 besten Freunde auf Facebook gepostet hat.

    In diese Welt der immer stärker elektronisch verbundenen, aber immer gestresster und einsamer werdenden Individuen stößt nun ein Angebot einer in Oakland beheimateten Firma namens Digital Detox: Im staatlichen Wald bei Mendocino, etwa 200 Kilometer nordöstlich von San Francisco, veranstaltet sie dreitägige Sommercamps, die eine Mischung aus Teenie-Zeltlager und Entziehungskur sind. Die wichtigste Regel des „Camp Grounded“ genannten Spektakels ist das Abgeben und Wegsperren aller elektronischen Geräte. Sie werden von Mitarbeitern in Seuchen-Schutzanzügen entgegengenommen, in beschriftete Beutel verpackt und in der „Decontamination-Area“ aufbewahrt, bis die Teilnehmer abreisen. Die zweitwichtigste Regel ist das Verbot, über die Arbeit zu sprechen und Networking zu betreiben. Damit den ständig unter Strom stehenden Großstädtern nicht langweilig wird, gibt es mehr als 50 Animationsangebote. Sie reichen vom Fähnchenstehlen über Yoga, Malkurse und Gemüseeinwecken bis zur „Naked connectedness“: Dabei zieht man sich in einer Jurte zusammen mit 20 anderen nackt aus, und jeder darf über seine größten körperlichen Unsicherheiten sprechen.

    Der Zulauf von Camp Grounded ist enorm. Jeweils 300 Teilnehmer, fast zwei Drittel von ihnen Frauen, lassen sich die drei Tage in Hütten oder Zelten im Wald die stolze Summe von rund 600 Dollar kosten. Levi Felix, der Gründer von Digital Detox und Camp Grounded, hat wohl einen Nerv der Zeit getroffen: „Wir werden alle dadurch definiert, was wir arbeiten und bei welchen sozialen Netzwerken wir sind“, sagte er dem Wirtschaftsmagazin Forbes. „Hier im Camp bekommen die Teilnehmer die Möglichkeit, sie selbst zu sein, das ist das Besondere.“ Felix war selbst einst Vizechef eines erfolgreichen Start-ups in Los Angeles, arbeitete 70 Stunden pro Woche und schlief im Büro, bis er vor lauter Stress krank wurde und sich eine längere Auszeit nahm. An deren Ende beschloss er, dass sich „in unserem Umgang mit digitalen Geräten etwas ändern muss“. Ein durchschnittlicher Amerikaner verbringe die Hälfte seiner Wachzeit vor Bildschirmen, viele exzessive Internetnutzer litten unter Depressionen, heißt es auf der Internetseite von Digital Detox. Dass es dabei nicht nur um reine Weltverbesserung geht, sondern auch um ein gutes Geschäft, das hoch professionell auf allen bösen digitalen Kanälen vermarktet wird, dazu will Felix auf SZ-Anfrage nichts sagen. Er spricht lieber von einer „Bewegung“, die immer mehr Zulauf erfahre.

    „Die Idee hinter den Angeboten von Camp Grounded ist es, den Leuten die Möglichkeit zu geben, etwas Reales mit ihren Händen zu machen, etwas, das sie nicht mit einem Knopf rückgängig machen können – die Fehler gehören dazu.“ So gibt es im Camp durchaus ironisch gemeinte Einrichtungen wie die „menschliche Suchmaschine“, bei der man in hölzernen Boxen Fragen deponieren kann, die dann vielleicht ein anderer Teilnehmer mit einer alten Schreibmaschine beantwortet. Der Aufwand solle den Leuten bewusst machen, wie oft sie im Alltag ihre digitale Post-Eingangsbox checken. Der humorvolle Zugang, das Spielerische, ist wohl ein wichtiger Teil des Erfolgsrezepts: „Die Leute dürfen wieder Kind sein, rumalbern und einfach endlos Spaß haben!“, so Levi Felix.

    Einen etwas ernsteren Ansatz verfolgt in Deutschland die Betriebswirtin Ulrike Stöckle, die eine Agentur für Unternehmenskommunikation betreibt und seit vergangenem Jahr auch Digital-Detox-Camps anbietet. „Ich wurde von Camp Grounded inspiriert, aber wir machen das etwas deutscher, nachhaltiger.“ So gehe es darum, in Workshops Strategien zu erarbeiten, wie man auch nach dem Camp im Alltagsleben seinen digitalen Konsum wieder auf ein verträgliches Maß zurückschrauben kann. Die Smartphones werden hier nicht einkassiert, man bittet nur, sie auszuschalten. „Für manche Teilnehmer ist das bewusste Ausschalten schon ein großer Schritt“, sagt Stöckle. Durch die mobilen Geräte mit Internetanschluss werde die Arbeit überall mitgenommen. „Die Leute können abends nicht mehr abschalten.“ Keine Geräte im Schlafzimmer, handyfreie Samstage oder kein Whatsapp bei der Arbeit. Solche Dinge werden auf den Camps diskutiert.

    Hilfreich sei eine naturnahe Umgebung, ein Urlaubsumfeld, sagt Stöckle. In diesem Jahr geht es zum Wandern nach Mallorca und in die Provence. Ein Großteil der Teilnehmer sind Frauen, die in Medienberufen arbeiten. Neben der besseren Strukturierung des Tagesablaufs, der ein Arbeiten ohne Ablenkung durch Facebook und Co. ermöglichen soll, liege in den Camps ein Schwerpunkt auch auf gesunder Ernährung und Yoga. Der Andrang bei Stöckles Offline-Urlauben ist nicht ganz so groß wie der in Kalifornien, freie Plätze für den kommenden Sommer gibt es noch genug. „Aber das Thema Digital Detox wird bei uns sicher wichtiger in den nächsten Jahren“, ist die PR-Fachfrau überzeugt.

    Während man vor Kurzem noch darüber diskutierte, welche Frechheit es doch sei, dass Hotels für den drahtlosen Internetzugang extra Geld kassieren, ist es in manchen Betrieben nun umgekehrt. Im Fünf-Sterne-Haus Brenners Park-Hotel in Baden-Baden etwa bietet man in einer Dependance nun explizit Suiten an, in denen der Gast sich per Tastendruck vom Wlan und wenn er will auch komplett vom Stromnetz und somit der vermuteten elektromagnetischen Belastung abtrennen kann. „Wir erfahren immer öfter von Gästen, dass sie technisch abschalten möchten“, sagt eine Hotelsprecherin. „Aber wir wollen sie da nicht bevormunden und ihnen die Entscheidung überlassen.“

    In der Steiermark hat man es anders versucht, mit der Aktion „Offline-Urlaub“. Teilnehmende Hotels boten Pauschalpakete an, die das bewusste Ausschalten von Handys sowie wlanfreie Zimmer und Restaurants beinhalten. „So richtig gebucht hat diese Pakete aber keiner“, sagt Ute Hödl, Sprecherin von Steiermark Tourismus. Das Interesse und der Wunsch seien bei vielen Gästen zwar da. „Aber die wenigsten schaffen es, tatsächlich zu verzichten, das Smartphone ist für viele fast wie ein Körperfortsatz.“ Ganze Familien im Hotelrestaurant, die auf die Displays ihrer Geräte schauen, statt sich zu unterhalten, seien ein alltäglicher Anblick. In diesem Sommer hätten deshalb drei auf Familien spezialisierte Hotels eigene Pakete aufgelegt, um vor allem den Kindern mit Abenteuer-Programmen in der Natur die Lust auf Smartphone und Spielekonsole zu nehmen. Wie gut das angenommen wird, muss sich erst noch zeigen.

    Lehmwände, Massivholzmöbel, kein Strom (Petroleumlampen!) und natürlich auch kein Handy- oder Internetempfang – so sieht das Detox-Apartement in Rogners Bad Blumau aus, einem großen Thermenhotel im Burgenland. „Das wird irrsinnig gut gebucht“, sagt Hotelchefin Melanie Franke. „Viele Leute suchen einen Rückzugsort, eine Auszeit von den alltäglichen Strukturen.“ Dabei falle es vielen noch schwer, komplett auszuschalten. Ein Angebot, etwa vor dem Eintritt in die Therme das Handy an der Rezeption abzugeben, werde noch kaum angenommen. Aus Kundenbefragungen wisse man aber, dass der Wunsch nach digitaler Abkoppelung im Urlaub immer stärker werde. Es seien deshalb weitere fünf völlig strahlenfreie Apartements in Planung, so Hotelchefin Franke. „Das ist definitiv die Zukunft.“

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