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  • 02/19/15--23:58: Die Übersetzerin
  • Es gibt viele Menschen da draußen, die gern Kathryn Cicolettis Leben hätten. Ihr altes Leben. Sie studierte Wirtschaft an der University of California in Berkeley, zog nach New York, fing an der Wall Street an. „Ich war 24 und bin durch die City gerannt und habe ganz allein Hedgefonds-Manager interviewt, von denen man in der Zeitung liest“, sagt sie. „Es war ziemlich aufregend.“ Sie wurde die jüngste Senior-Analystin in ihrem Team bei der Bank Julius Bär und später beim Vermögensverwalter GAM. Sie flog zwischen Los Angeles und New York hin und her, bekam viel Lob und viel Geld. Mit Mitte 30 verdiente sie mehr als eine halbe Million Dollar.



    Mit 37 war Kathryn Cicoletti die jüngste Senior-Analystin bei Julius Bär und ebei einem Vermögensverwalter, nun betreibt sie eine eigene Website mit Finanzthemen.

    Aber sie wollte nicht mehr. Sie hatte genug von inhaltslosem Geschwätz über Finanzen und all der Wichtigtuerei, sie wollte etwas dagegen unternehmen. Zwei Jahre ist es nun her, dass sie in das Büro ihres Chefs in New York marschierte und ohne Zögern verkündete: „Ich gehe.“ Ihr Chef hat sie erst nicht ernst genommen. „Nimm ein Sabbatical, krieg den Kopf frei, komm dann wieder“, hat er gesagt. „Solche Jobs verlässt man eben nicht einfach so, das ist sehr ungewöhnlich“, sagt Cicoletti. Aber sie wusste, was sie wollte. „Es war ein großer Schritt. Aber definitiv der richtige Schritt für mich.“ Die 37-Jährige hat ihr eigenes Unternehmen gegründet, es heißt „Makin Sense Babe“ und ist eine Website, auf der Cicoletti Finanz- und Anlagethemen in eine Sprache übersetzt, die jeder versteht. Ihr Motto: „Die Finanz-Seite für Nicht-Finanzleute. Finanzleute nerven.“ Sie macht sich in Video-Sketchen über Jargon, die Liebe zu völlig unübersichtlichen Grafiken und halb-gare Marktprognosen lustig. Damit hat sie eine Marktlücke getroffen – ihre Zuschauerzahlen wachsen, Menschen bei Twitter und Facebook sind voller Lob. Das Magazin Forbes verglich sie bereits mit dem legendären Komiker Jon Stewart aus der „Daily Show“. „Ich will den Leuten etwas beibringen. Und zwar auf eine lustige und unterhaltsame Art und Weise über ein so langweiliges Thema wie Finanzen“, sagt Cicoletti. „Sogar ich finde es langweilig, wie über Finanzen geredet wird – und ich war 13 Jahre lang in der Branche.“ Neben den Videos verschickt sie einen Newsletter, Abopreis: zwölf Dollar. Der ist locker geschrieben, widmet sich aber ziemlich ernsthaft der Frage, wie man sein Portfolio am besten aufbaut, was sich hinter Aktienfonds oder Geldmarktfonds verbirgt, was Inflation wirklich bedeutet oder welche Konsequenzen man aus dem steigenden Dollarkurs ziehen sollte. „Ich habe über die Jahre hinweg gemerkt, dass es eine riesige Diskrepanz gibt zwischen den Dingen, die man wissen muss für seine Anlageentscheidungen und den Dingen, von denen man glaubt, dass man sie wissen muss“, sagt sie. „Die Leute machen so viele Fehler, dabei ist es eigentlich nicht so schwer, das eigene Portfolio zu verwalten. Viele Menschen wissen noch nicht einmal, in was sie alles investiert haben.“

    Das liegt auch daran, dass Anlageberater, Finanzkommentatoren in Fernsehnachrichten und alle anderen Investmentprofis, mit denen normale Menschen zu tun haben, die Dinge extra kompliziert machen, sagt Cicoletti, die in Los Angeles wohnt. „Manche Finanzleute merken das gar nicht mehr, sie leben in ihrer eigenen Welt und wissen überhaupt nicht, wie andere Leute reden“, sagt sie. „Und wenn man ehrlich ist, wissen selbst in der Branche gut die Hälfte der Leute nicht, was sich hinter manchen dieser großen Worte verbirgt. Man wiederholt sie einfach und redet so nachdrücklich wie möglich und hofft, dass keiner nachfragt.“ Und meistens fragt keiner, sagt sie, denn zum Fragen gehört Mut – schließlich gibt man zu, dass man etwas nicht verstanden hat. „Manche Finanzleute wollen außerdem gezielt die Menschen mit ihrer Sprache verwirren, um wichtig zu klingen“, sagt sie. Schließlich würde keiner einen Anlageberater bezahlen, wenn er denkt, dass er die Arbeit selbst erledigen kann. „In der Branche sehen das viele so wie ich. Es ist die Wahrheit und sie wissen das. Und sie wissen, dass ich es weiß.“

    Von ihren ehemaligen Kollegen sei niemand beleidigt, dass sie sich nun über sie lustig macht. „Ich attackiere ja nicht einzelne Leute, sondern mache Witze über die Industrie insgesamt“, sagt sie. „Viele meiner ehemaligen Kollegen haben das gleiche Problem mit der Finanzindustrie, bleiben aber drin wegen des Geldes. So wie ich auch den Großteil der Zeit.“ Die Kunden von „Makin Sense Babe“ sind Leute, die nicht in der Finanzbranche arbeiten, aber das Gefühl haben, jetzt endlich mal ihre Finanzen in den Griff bekommen zu müssen und verstehen wollen, was mit ihrem Geld geschieht. Viele seien Anwälte, Ärzte, Kleinunternehmer oder Ingenieure, sagt sie, die nicht genug Zeit haben, alle Finanznachrichten zu verfolgen und Analystenreports zu lesen. „Es gibt eine Menge Leute, die nichts über ihre Finanzen wissen und das auch nicht ändern wollen. Die sind natürlich nicht meine Zielgruppe.“

    Sie musste viel lernen am Anfang. Per Internet hat sie sich beigebracht, wie man eine Website programmiert, Listen mit E-Mailadressen verwaltet und Videos schneidet. Sie hat Kurse über das Schreiben von Sketchen bei der Stand-Up-Truppe Upright Citizens Brigade belegt. Ihr Leben ist nicht weniger anstrengend geworden, sie reist zwar weniger, arbeitet aber mehr als vorher, „im Prinzip nonstop“, sagt sie. „So etwas kann man nur machen, wenn es einem wirklich Spaß macht. Aber wenn ich am Sonntag arbeite und den Rest meiner Woche plane, freue ich mich auf all die Dinge, die anstehen. Es fühlt sich anders an als vorher.“

    Sie hat inzwischen eine Handvoll Freiberufler, die Teilzeit für sie arbeiten. Es läuft gut, sagt sie. Zahlende Abonnenten hat sie weniger als 1000, aber es geht aufwärts. „Das stabile Einkommen vermisse ich nicht, ich lebe jetzt in einer anderen Welt. Es ist interessant, wie schnell sich das Gehirn an neue Lebensumstände anpasst.“ 

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  • 02/20/15--00:10: Tagesblog - 20. Februar
  • 17:13 Uhr Ich gehe nun und freue mich auf jeden Besucher, der uns morgen Abend bei unserem Leseabend besuchen kommen mag!





    16:36 Uhr
    Was frag'n die sich'n schon wieder für'n Scheiß, wird sich mancher Leser vielleicht denken, wenn er den Titel unserer brandneuen Jungs-Mädchenfrage liest: "Jungs, wie fühlt ihr euch nach dem Bart-Kahlschlag?", ABER let me tell you: It is Poesie!




    Abgemessert, weggerazort: Bart weg! Und wie ist das so?

    16:09 Uhr
    Hi Hitler!




    Hier im Original. Hier gefunden.

    14:51 Uhr
    Manchmal fragt man sich ja: Wo eigentlich ist das Dekolletée geblieben? Sind wir alle so prüde geworden? Oder sind Titten einfach nicht mehr so aufregend? Mrs. Charlotte Ro..., äh, Haunhorst hat diese Sache mal unter die Lupe genommen. Hier geht's zum großen Brust-Report.



     
    Kein echtes, nur ein Stock-Dekolletée, denn alle anderen sind einfach out of fashion!

    13:12 Uhr
     Was ich aber eigentlich sagen wollte: Kennt jemand den Menschen, der diese Zeichnungen macht? Ich wünschte, es gäbe ein Buch von ihm. Oder einen Kalender. Würd ich sofort kaufen.

    Das ist aktuell mein Lieblingsbild:






    Und hier ein Video:

    http://www.youtube.com/watch?v=KO7VRcysogs

    13:10 Uhr
    Heute kann man sich endlich wieder lebendig fühlen (Himmel über München vom Hochhaus aus gesehen):





    11:09 Uhr
    Total modern und auch so klug, dieses Amerika. Jetzt dürfen Frauen mit Waffe an die Uni gehen, wegen Gefahr!

    Welcher Ohrwurm windet sich da in unser aller Ohr? Na klar, der hier:

    http://www.myvideo.de/watch/5133440/Spektacoolaer_Meine_kleine_Schwester

    10:50 Uhr
    Übrigens, wertvoller Nachtrag (finde ich!) zum ersten Post von heute morgen: Das hier ist jeden Tag mein allererster Gedanke.





    10:46 Uhr
    Nicht, dass irgendetwas auf dieser Welt das Zwangssteuer-Prinzip des Rundfunkbeitrags rechtfertigen würde, aber manchmal ist es schon gut, dass es die Öffentlichen-Rechtlichen gibt: Über die Falschbehauptungen von Frontex über das Flüchtlingsschiff "Blue Sky M". 

    10:38 Uhr
    Ein griechischer Künstler namens "Stefanos" hat mit seinem eurokritischen Projekt "Euro Banknote Bombing" bemalte Geldscheine in Umlaufe gebracht. Auf den darauf abgebildeten Euro-Gebäuden liest man etwa Tags wie "The end is nigh" oder sieht Menschen hinausstürmen, sich erhängen etc. Schon mal jemand einen der Scheine in die Finger gekriegt? Mehr drüber lesen kann man hier.






    09:51 Uhr
    Eine meiner neuen Lieblingsgören (what?) im Biz ist ja ab jetzt Charlie XCX.

    Sie sagt: "Irgendwo gibt es immer einen Sack im Anzug, der dich verarschen will, weil er denkt: ‚Was weiß die Kleine denn schon?‘ Ich sage solchen Typen nur ‚Ihr könnt mich alle mal.‘"

    und:

    "Ich weiß, dass diese Songs und meine Texte manchmal etwas albern und doof sind und die inhaltliche Tiefe von Kinderreimen haben. Genauso wollte ich es. „Sucker“ soll so kommerziell wie möglich sein und mich fest etablieren. Das ist mein Plan. Und überhaupt: Die berühmtesten und erfolgreichsten Popsongs sind die, die sich am dümmsten anhören."

    Aber ich will ja nicht alles verraten. Hier das Interview mit der, die "I love it" innerhalb von 30 Minuten geschrieben hat und Icona Pop verkauft.

    Und so sieht sie aus:




    Coole Sau: Charli XCX

    09:26 Uhr Morgen! Achso, hab ich ja schon gesagt. Meine ganz persönliche Lektüreauswahl in Sachen Nachrichten:

    Das teuerste Haus Münchens wurde verkauft, die alte Thomas-Mann-Villa. Wäre auch was für mich gewesen, hätte ich das nötige Kleingeld aufgebracht.

    Schweden möchte jetzt (angeblich) seine Vögel umbenennen, genauer gesagt: die Vögel, die echt voll rassistische Namen haben! Kaffernsegler, Negerfink, Zigeunersegler, äh, -vogel und so. Ich sage: Jeder, wie er's braucht.

    Tony Blair hat einen guten Job abgestaubt, er wird Berater der serbischen Regierung. Sein Gehalt dafür bekommt er von den Arabischen Emiraten. Auch hier passt die Frage: Wie bitte?

    Ein neues Gutachten warnt vor dem TTIP.

    Überraschung: Schon wieder neue Überwachungs-Enthüllungen.


    09:10 Uhr
    Morgen! Wir haben es alle nicht einfach im Leben, deshalb sage ich: Macht es wie Jake.




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  • 02/20/15--00:11: Akrobat des Freihandels
  • Spitzenreiter ist nach wie vor „mcr 42“, seit drei Wochen schon. „Wie wird sichergestellt, dass nationale Gesetze nicht durch Klagen privater Institutionen verhindert, abgeschwächt oder sogar aufgehoben werden?“, fragt mcr42 anonym. Oder dass Staaten wegen ihrer Gesetze „zu Strafzahlungen verurteilt werden können“. Von 750 eingereichten Fragen ist das unter Sozialdemokraten eine derjenigen, die auf jeden Fall am Montag geklärt werden sollen, bei einer gut dreistündigen Parteikonferenz über „Transatlantischen Handel – Chancen und Risiken“. Genau wie die Frage nach dem Schutz europäischer Standards, oder jene nach den Schiedsgerichten. Die SPD lässt über die Fragen gerade im Internet abstimmen.



    Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel muss auch parteiintern viel Kritik aushalten.

    Es ist der Versuch, das Unbehagen zu kanalisieren – und keiner hat daran größeres Interesse als Sigmar Gabriel. Denn der SPD-Chef findet sich rund um die umstrittenen Handelsabkommen Ceta und TTIP – das eine mit Kanada, das andere mit den USA – in einer denkbar unangenehmen Lage. Als oberster Sozialdemokrat kann er die vielen Vorbehalte in der eigenen Partei kaum übergehen, als Wirtschafts- und mithin Handelsminister aber muss er größtes Interesse an beiden Abkommen haben: Sie sollen schließlich den transatlantischen Handel beleben und so der heimischen Exportwirtschaft nutzen. Obendrein ist das EU-Kanada-Abkommen Ceta schon fertig ausverhandelt – Raum für große Änderungen sieht die EU-Kommission nicht mehr. Ganz im Unterschied etwa zur Parlamentarischen Linken in der SPD.

    An diesem Freitag will sie ihr Positionspapier zu Ceta veröffentlichen, es liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Darin fordert die Gruppe, mit fast 90 Abgeordneten die größte Untergruppe der SPD-Fraktion, massive Nachbesserungen an dem Abkommen mit Kanada. Und zwar in all jenen Punkten, die auch bei der Abstimmung im Netz derzeit eine große Rolle spielen.

    Beispiel Schiedsverfahren: Der Ceta-Text sieht sogenannte Investor-Staat-Schiedsverfahren vor, kurz ISDS. Sie würden es ausländischen Investoren erlauben, internationale Schiedsgerichte anzurufen, wenn sie sich unfair behandelt fühlen. „Solche ISDS-Verfahren lehnen wir ab“, schreibt die Parlamentarische Linke in ihrem zehnseitigen Positionspapier. Nationale Gerichte täten es auch.

    Beispiel Sozialstandards: Das Abkommen, so fordert die Parteilinke, müsse „die Einhaltung und Umsetzung von Sozial- und Nachhaltigkeitsstandards verbindlich festschreiben“. Das solle verhindern, dass kanadische Firmen durch laxere Vorgaben billiger anbieten können. Doch schon bei den sogenannten Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO klafft eine Lücke: Kanada hat bisher nur sechs von acht Normen unterzeichnet. Nötig seien Vorgaben, die den Handelspartner zur Durchsetzung aller Normen zwingen, fordern die Abgeordneten.

    Beispiel Regulierung: Ceta soll EU und Kanada auch bei künftigen Standards enger aneinander binden. Dazu haben beide Seiten eine „Regulatorische Zusammenarbeit“ verabredet. Doch die SPD-Linke befürchtet, das könnte zu Lasten nationaler Befugnisse gehen. Auf keinen Fall dürften die Rechte von Parlamenten oder Regierungen beschnitten werden – etwa wenn es darum geht, Gesetze zum Schutz ihrer Bürger zu erlassen. Die Vertrags-Formulierungen dazu aber seien „eher vage“, kritisiert das Papier. „Gute Handelsabkommen können die Globalisierung in die richtige Bahn lenken“, sagt Carsten Sieling, der Sprecher der Parlamentarischen Linken. „Der CETA-Entwurf muss aber noch an vielen Stellen verändert werden.“

    Ob das noch geht? Gabriel hatte erst Ende November im Bundestag ein flammendes Plädoyer für das Abkommen gehalten – und die Hoffnungen auf große Veränderungen gedämpft. Zwar werde man versuchen, Teile von Ceta nachzubessern. „Aber den Glauben, wir hätten es im Kreuz, gegen den Rest Europas den Investitionsschutz komplett wieder aus den Verhandlungen herauszunehmen, den habe ich nicht“, sagte Gabriel. Deutschland dürfe „keine nationale Bauchnabelschau betreiben“. Auch EU-Handelskommissarin Margot Wallström sieht bestenfalls noch Chancen zum Feinschliff am fertigen Abkommen. Viele EU-Länder teilen ihre Sicht.

    In der SPD hatten Gabriels Äußerungen seinerzeit viel Ärger verursacht, bis hin zu einer hitzigen Aussprache in der Fraktion. Wenn nun diesen Montag Gabriel, Malmström, DGB-Chef Reiner Hoffmann und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der Parteizentrale auflaufen, dann auch, um diesen Streit zu entschärfen – und dem SPD-Chef seinen Spagat zu erleichtern.

    Gabriel selbst schmiedet seit Monaten schon Allianzen, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Schon im September verabschiedete die SPD-Spitze zusammen mit dem DGB ein Papier, das Anforderungen an das EU-USA-Abkommen TTIP festlegte. Es liest sich in Teilen ganz ähnlich wie die Positionen der Parlamentarischen Linken zu Ceta. Nur ist Ceta eben schon ausgehandelt, TTIP dagegen noch lange nicht. Jüngst trafen Verhandler zur achten Verhandlungsrunde zusammen; wie viele noch folgen werden, ob es jemals einen Abschluss gibt – keiner weiß es. Auch einen eigenen „TTIP-Beirat“ hat Gabriel eingerichtet, mit Befürwortern und Gegnern des Abkommens mit den USA – just am Donnerstag trat er wieder zusammen. Und per Mail erklärte er unlängst den Genossen den Stand der Dinge. Der SPD-Chef lässt nichts unversucht – zumal am Ende ein Parteikonvent die Abkommen absegnen soll.

    Deshalb auch wird Gabriel diesen Samstag in Madrid eintrudeln, beim Treffen der sozialdemokratischen Parteichefs Europas. Ließe sich hier so etwas wie eine gemeinsame Haltung auf Linie der deutschen Sozialdemokraten vereinbaren, so das Kalkül, dann wären auch Änderungen am Vertrag mit Kanada leichter. Wenn aber nicht – dann hat Gabriel ein Problem.

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    “I don’t wanna go to School/ I just wanna break the Rules” – wer das “Dschungelcamp” gesehen hat, kennt zumindest den Refrain des aktuellen Charli-XCX-Hits „Break the Rules“. Die knallige Popnummer aus Charlis neuem Album „Sucker“ war in der Sendung in diesem Jahr Titelsong. Charlotte Emma Aitchison will Erfolg, um jeden Preis. Dafür schreibt die 22 Jahre alte Engländerin schlicht gestrickte, plakative Popsongs. Gleichzeitig sieht sie ihre Vorbilder aber im Punk. Wie passt das zusammen? Sehr gut, findet sie.





    jetzt.de: Charli, bist du eigentlich stolz drauf, den Titelsong für eine Trash-Sendung wie das Dschungelcamp geliefert zu haben?
    Charli XCX: Wenn ich Erfolg haben will, dann muss ich für diesen Erfolg alles tun, was ich vertreten kann. Ich selbst käme niemals auf den Gedanken, in dieser Dschungelshow mitzumachen. Das wäre mir viel zu eklig. Und eigentlich ist die Aussage meiner Nummer sowieso das krasse Gegenteil von dieser Sendung.

    Wie meinst du das?
    Im Dschungel geht es darum, sprichwörtlich alles zu schlucken und sich an die Spielregeln zu halten. In meinem Song geht es darum, auf die Regeln zu scheißen. Ich war immer schon stur und lasse mir nicht gern von anderen etwas sagen.

    https://www.youtube.com/watch?v=p90ARvbAM4Q

    Muss man stur sein, um ein Popstar zu werden?
    Es hilft, wenn du deine persönlichen Vorstellungen vom Leben hast. Ich wusste zum Beispiel ab dem Tag, an dem ich ein Video von Britney Spears sah, dass ich Musik machen will. Mit 14 habe ich mein erstes Album rausgebracht. Wenn du als Teenager plötzlich auf eigenen Beinen in einer Welt unterwegs bist, die von 30- oder 40-jährigen Männern beherrscht wird, musst du sehr selbstbewusst sein. Sonst gehst du unter und gerätst vielleicht sogar in gefährliche Situationen. Mir blieb nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich erwachsen zu werden.

    Was für Situationen waren das?
    Blöde Anmachen. Plumpen Sexismus. Irgendwo gibt es immer einen Sack im Anzug, der dich verarschen will, weil er denkt: ‚Was weiß die Kleine denn schon?‘ Ich sage solchen Typen nur ‚Ihr könnt mich alle mal.‘ Ich bin eine junge Frau, aber ich bin weder dumm noch naiv.

    Haben deine Eltern sich keine Sorgen um dich gemacht?
    Die kamen meistens mit, als ich auf Partys und Raves auftrat. Mum war anfangs sehr reserviert, während mein Vater diese Abende immer schon cool fand. So lange meine Noten in Ordnung waren, haben sie mich gewähren lassen. Ich bin schließlich Einzelkind, ich bin es gewohnt, meinen Willen durchzusetzen (lacht).

    Warum hast du deinen Song „I love it“ an Icona Pop verkauft, anstatt ihn selbst zu singen?
    Ich bereue das bis heute nicht, es war die richtige Entscheidung. Ich wollte keinen fetten EDM-Song singen, ich war froh, als Icona Pop ihn nahmen. Ich habe ja auch was davon gehabt. „I love it“ war eine Art Eintrittskarte für mich. Und ich hatte sowieso nur 30 Minuten Arbeit mit dem Song, dann war er fertig.

    30 Minuten?! Geht das Schreiben bei dir immer so schnell?

    Die guten Songs gehen am schnellsten. Je mehr Zeit ich mit einem Lied verbringe, desto mehr geht die Spontaneität verloren und desto weniger eingängig wird es.

    Dein neues Album „Sucker“ ist viel lauter und rotziger als das knapp zwei Jahre alte „True Romance“. Hast du dich bewusst neu orientiert?
    Zu Zeiten von „True Romance“ war ich sehr verliebt und wollte das zum Ausdruck bringen. Zurzeit spielt die Romantik bei mir keine Rolle. Ich bin gerade lieber alleine. Ich gerate traditionell dauernd mit Jungs in irgendwelchen Ärger, deswegen möchte ich mich fürs Erste zurückhalten. Für die Suche nach einem neuen Freund bin ich gerade eh viel zu beschäftigt.

    Die neuen Songs sind nicht nur weniger romantisch, sondern auch knalliger.
    Ich wollte mehr Punk in meine Musik bringen. Ich liebe Green Day oder Weezer, und es war eine Supersache für mich, dass Rivers Cuomo, der Sänger von Weezer, mit mir den Song „Hanging Around“ geschrieben hat.

    Was gefällt dir an Punk?
    Bands wie die Ramones und die Hives bewundere ich dafür, wie packend und direkt sie ihre Emotionen rauslassen. Diese Songs zünden einfach immer. Und was Rivers angeht: Ich war fasziniert, wie sehr er sich für Popmusik-Strukturen interessiert.

    „Sucker“ ist aber weder Punk noch Indie-Rock, sondern eher Pop irgendwo zwischen Britney Spears, Katy Perry und Lily Allen. Wird das Album deinem eigenen Anspruch gerecht?
    Ja. Ich weiß, dass diese Songs und meine Texte manchmal etwas albern und doof sind und die inhaltliche Tiefe von Kinderreimen haben. Genauso wollte ich es. „Sucker“ soll so kommerziell wie möglich sein und mich fest etablieren. Das ist mein Plan. Und überhaupt: Die berühmtesten und erfolgreichsten Popsongs sind die, die sich am dümmsten anhören.

    Das Album „Sucker“ ist am 13.2. erschienen, ab 26.2. ist Charli XCX auf Tour.



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  • 02/20/15--01:55: Bienendienst
  • Die Frau im Büro der Deponie Erfurt-Schwerborn ist genervt, man muss das verstehen. Es geht hier draußen eher selten um Millionensubventionen, San Francisco und Barack Obama, aber jetzt: dauernd. „Ich sage Ihnen, was ich auch allen anderen schon gesagt habe“, sagt die Frau ins Telefon, Pause, Seufzen, „Herr Maul ist nicht da, Sie können ihn am Handy anrufen, aber das ist wahrscheinlich aus.“ Stimmt: Das Handy von Herrn Maul ist aus, den ganzen Donnerstag lang ist nur eine automatische Ansage zu hören. Thomas Maul aus Erfurt-Schwerborn ist über Nacht ein gefragter Mann geworden, und daran ist tatsächlich Barack Obama Schuld. Und, ja: Die ganze Geschichte ist so unglaublich, wie sie im ersten Moment klingt.



    Auf dem Weg nach Amerika: Die Erfurter Biene soll die Kollegin aus den USA retten.


    Eigentlich ist Thomas Maul der Deponiegärtner in Erfurter Stadtteil Schwerborn, seit 2011 arbeitet er an der Renaturierung des Geländes mit. Irgendwann hat er festgestellt, dass dort so viele verschiedene Pflanzen wachsen, dass es für Bienen eine wahre Freude ist, weshalb er in seiner Eigenschaft als Hobby-Imker mit dem Ansiedeln von Bienen auf dem Deponiegelände begonnen hat. Inzwischen wuseln dort sieben Völker mit rund 60000 Bienen, die jedes Jahr erheblich mehr Honig als gewöhnliche Durchschnittsbienen produzieren, wie es heißt. Zur Hand geht Maul der pensionierte Uni-Professor Werner Bidlingmaier aus Weimar, und der wiederum hatte, so berichtet die Thüringer Allgemeine, kürzlich Besuch eines Kollegen aus den USA.

    In den USA ist seit Monaten das Bienensterben ein wichtiges Thema, erst im Sommer hatte das US-Präsidialamt darauf hingewiesen, dass das rätselhafte Bienensterben wirtschaftlich bedenklich sei: Dank der Bestäubung der Bienen würden jedes Jahr Agrargüter im Wert von mehr als 15Milliarden Dollar wachsen, aktuell aber betrage der Verlust 20Prozent, Tendenz steigend. Wenn das nicht aufhöre, könne das Bienensterben zu einer ernsthaften Bedrohung für die USA werden. Nach seiner Rückkehr aus Thüringen schrieb der beeindruckte US-Forscher deshalb einen Brief an das Weiße Haus mit dem Hinweis, dass da in Deutschland ein Mann sei, der es geschafft habe, aus den Bienen viel mehr rauszuholen als irgendjemand sonst.

    Und nun beschloss Obamas Amt als Maßnahmen gegen das Bienensterben: Es wird eine Million Dollar zur Verfügung gestellt, und Thomas Maul wird eingeladen.

    Drei Wochen soll Maul in San Francisco sein, er soll den Amerikanern erklären, wie er das in Erfurt-Schwerborn gemacht hat, Professor Bidlingmaier begleitet ihn. Am Samstag geht sein Flug, auch deshalb hat er sein Handy ausgeschaltet. Er muss sich vorbereiten: auf nicht weniger als die Rettung der USA.

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  • 02/20/15--02:04: Diktatoren-Samba
  • Unter allen langlebigen Diktaturen Afrikas ist die von Teodoro Obiang die langlebigste. Seit 35 Jahren beherrscht er das winzige Äquatorialguinea, das er wie seinen Privatbesitz führt. Da das Land die drittgrößte Ölförderung Afrikas hat, wird Obiangs Vermögen von der Zeitschrift Forbes auf 600 Millionen Dollar geschätzt; genau weiß man es nicht, denn Transparenz gehört nicht zu seinen Prioritäten. 3,5 Millionen Dollar dürften in jedem Fall nicht viel Geld für ihn sein. Diese Summe soll der Diktator nun für den Karneval in Rio gespendet haben – um Reklame für sein Land zu machen. Seitdem wird in Brasilien heftig darüber gestritten, ob der weltberühmte Karneval käuflich sei.

    Empfängerin von Obiangs Zuwendung war die Sambaschule Beija-Flor (Kolibri). Alljährlich wetteifern die Sambaschulen um den Titel der besten Show. Dieser ging in diesem Jahr unangefochten an Beija-Flor, die ein prachtvolles Defilee mit Tänzerinnen, Trommlern und riesigen Motivwagen mit bunten Impressionen aus Afrika präsentierte – unter besonderer Erwähnung Äquatorialguineas. Der Verein bekam von der Jury am Mittwoch 269,9 von 270 möglichen Punkten.



    Tänzer aus der brasilianischen Karnevalsgruppe 'Beija-Flor': Die Gruppe mit der "besten Show" soll von Äquatorialguineas Diktator Teodoro Obiang 3,5 Millionen Dollar erhalten - und Werbung für sein Land gemacht haben.


    Sponsoring ist nicht unüblich beim Karneval, Brauereien werben dort, auch die unverdächtige Schweiz hat Geld für eine Samba-Show ausgegeben. „Bei knapp 30 Grad Hitze lieferte Vorjahressieger Unidos da Tijuca den Zuschauern den Winter aus Europa, genauer aus der Schweiz, frei Haus. Auf einem Wagen war eine Eisfläche installiert, auf dem Schlittschuhläufer Samba tanzten“, berichtete die Schweizerische Depeschenagentur SDA dazu. Aber ein Diktator wie Obiang? Eines hat er erreicht: Seitdem OGlobo von der Spende berichtete, weiß jeder Brasilianer, was „Guiné Equatorial“ ist. Reporter folgten der Diktatorenfamilie auf Schritt und Tritt, berichteten, dass sie im Copacabana Palace logierte und ein Bankett für 40Personen ausrichtete, das 24000 Euro gekostet habe. Zudem wurde gemeldet, dass die Bevölkerung Äquatorialguineas bettelarm sei und kaum ein anderes Land eine so hohe Kindersterblichkeit aufweise. Kritiker landeten dort im Kerker.

    Entsprechend die Entrüstung: „Unser Karneval ist zu einer Industrie verkommen“, schimpfte Roberto DaMatta, Autor eines Buches über den Karneval: Die Sambaschule habe ihr Prestige verkauft an einen Diktator. Beija-Flor-Präsident Farid Abraao gab zu, man habe Zuschüsse erhalten, nannte aber keine Beträge. Ein anderer Sprecher der Sambaschule sagte, es habe lediglich „kulturelle Unterstützung“ gegeben, um das Bild Afrikas zu verbessern. Das ist durchaus naheliegend: Die Hälfte der Brasilianer hat afrikanische Wurzeln, in Musiktraditionen wie der Samba ist das gut erkennbar.

    Doch ausgerechnet Äquatorialguinea ist als Referenz ungeeignet. Es war spanische, nicht portugiesische Kolonie, was sich bis heute auswirkt. Teodoro Obiang etwa soll beim Abendessen auf seiner spanischen Paella bestanden haben, die in Brasilien nur schwer erhältlich ist. Und auch die gesponserte Show sei nicht wirklich gelungen, sagte die Anthropologin Alba Zaluar zu OGlobo. Sie sei zwar farbenprächtig und schön gewesen, trotzdem habe der Umzug sie wütend gemacht. Denn er habe nichts anderes gezeigt als Afrika-Klischees.

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  • 02/20/15--05:45: Zur Brust genommen
  • Wenn man in diesen Tagen in Berlin durch die Friedrichstraße spaziert, sieht man an den weiblichen Schaufensterpuppen und auf den Werbeplakaten der Modeläden viele kurze Kleider, bauchnabelfreie Tops und tiefe Rückenausschnitte. Letztere reichen in manchen Fällen beinahe bis zum Steißbein. Was man hingegen gar nicht mehr sieht: tief ausgeschnittene Dekolletés. 

    Das ist seltsam. Liest man nicht ständig davon, wie übersexualisiert unsere Gesellschaft sei? Von jungen Mädchen, die gedankenlos Nacktbilder verschicken und von Miley Cyrus, die auf Instagram dauernd ihre Nippel meint zeigen zu müssen? Ginge es nach diesen Beobachtungen aus der Medienwelt, müssten Brüste gerade ziemlich in sein. Sind sie aber nicht. Tatsächlich gelten Frauen, die heute mit tiefem Dekolleté rumlaufen, als billig. Als  „Daniela Katzenberger“-Typ: talentfrei, aber clever genug, auf ihren Silikonbrüsten eine Karriere aufzubauen. Die Durchschnittsfrau, deren Leben nicht von einer eigenen Realityshow begleitet wird, lehnt sowas ab. Sind Brüste also aus der Mode?

    Professor Stefan Hirschauer ist Soziologe und Genderforscher an der Universität Mainz. Er hat sich viel mit der Soziologie unseres Körpers und Geschlechterrollen beschäftigt. Am Telefon sagt er als erstes den Satz: „Ich glaube, dass ihre These nicht stimmt. Aber die Beobachtung ist trotzdem interessant.“ Hirschauer ist der Meinung: „So lange es Bikinis für Fünfjährige gibt, sind Brüste immer noch hoch im Kurs.“ Für ihn ist das weibliche Dekolleté Teil eines Gendercodes, der sich bei allem Gerede von Gleichberechtigung und Emanzipation nicht wegdenken lässt: Männer haben eine Brust, Frauen tragen sie. Das ist insofern einleuchtend, als dass die Brüste bei Frauen einen sexuellen Reiz setzen. Entblößt eine Frau ihre Brust, hat das noch immer eine andere Wirkung, als wenn ein Mann es tut.




    Ward seit Jahren kaum mehr gesehen: Das Dekolleté

    Gleichzeitig hat Stefan Hirschauer aber auch einen interessanten Denkansatz dafür parat, warum es uns so seltsam vorkommt, wenn Frauen in unserem Umfeld sich tief dekolletieren. Er sagt: „Frauen können schlecht Karriere machen, wenn sie die ganze Aufmerksamkeit auf ihre Brüste lenken. Das gilt, wo es auf Leistung ankommt, als aufdringlich und Zeichen von Schlampigkeit oder Prolligkeit.“ Also doch das Katzenberger-Phänomen: Wer Brüste zeigt, dem wird direkt Sachkompetenz abgesprochen. „Über eine Richterin, die sich erst einmal einen großen V-Ausschnitt in die Robe schneidet, würden alle sagen, dass sie spinnt“, sagt Hirschauer. Aus seiner Sicht gilt das aber auch für Männer: „Ein Richter, der mit Goldkettchen ins Gericht zu kommt, wäre damit ebenfalls schlecht beraten“, sagt Hirschauer. Aus Hirschauers Sicht können Männer das Problem des unangemessenen Outfits allerdings leichter umgehen, da sie in vielen Berufen eine entidividualisierende Uniform tragen: den Anzug. Frauen haben bei der Wahl ihrer Kleidung viel mehr Spielraum.

    Warum Brüste im beruflichen Kontext gar nicht erst richtig auftauchen, wäre somit geklärt. Aber wie sieht es bei der Abend- und Freizeitgarderobe aus? Gefühlt ging vor zehn Jahren jede Frau mit tief-ausgeschnitten Neckholder-Top in den Club, heute trägt man sowas nur noch am Strand. Was hat sich da verändert in unseren Kleidungsgewohnheiten des Alltags?

    Kein Dekolleté = Emanzipierte Frau?


    Barbara Vinken, Professorin für allgemeine Literaturwissenschaft an der LMU München, hat 2013 das Buch „Angezogen. Das Geheimnis der Mode“ veröffentlicht. Sie geht darin der Frage nach, warum wir uns kleiden, wie wir uns kleiden. Am Telefon erklärt sie, die aktuelle Mode orientiere sich am Typ der garçonne, einer Frau mit knabenhaftem Körper: schlanke, lange Beine und wenig oder keine Oberweite.

    Aus ihrer Sicht handelt es dabei keinesfalls um einen kurzlebigen Trend, sondern um eine langfristige, historisch nachvollziehbare Entwicklung: „In der Mode gab es auf dem Weg zur modernen Frau eine Verlagerung der erotischen Zone: Früher wurde das Dekolleté betont, nun sind es die Beine und der Po. Man könnte auch sagen: Die Frauen eignen sich die männliche erotische Zone an.“

    Denn vor der Französischen Revolution und der Renaissance wurden bei Männern stark die Beine betont, die berühmten Bilder vom Sonnenkönig Luis XIV. in einer Art Leggings verdeutlichen, was Vinken meint. Dass wir heute an Frauen verstärkt kurze Röcke mit blickdichten Strumpfhosen, statt Riesendekolletés sehen, kann dementsprechend auch als modische Annäherung der Frau an den Mann betrachtet werden. Wenn das Dekolleté dabei auftaucht, dann aus Vinkens Sicht immer nur als Zitat einer vergangenen Zeit – wie es zum Beispiel beim Dirndl der Fall ist.

    Warum wir das Dekolleté allerdings als "prollig" empfinden, kann auch Barbara Vinken nur vermuten. "Rousseau schrieb über die sehr tiefen Dekolletés der Adeligen, dass diese sich so entblößten, um nicht mit den Bürgerinnen verwechselt zu werden. Das Volk galt Rousseau als tugendhaft, die Aristokratinnen sahen im Kontrast dazu aus wie Huren“, sagt Vinken. In den 70er Jahren könnte diese Sichtweise sich gewandelt haben: „Damals gab es in Deutschland eine starke Pornowelle; in der heilen Bergwelt, in Dirndl und Lederhose, war die Welt noch in Ordnung, Männer Männer und Frauen Frauen, die Holz vor der Hütten hatten. Diese Filme hatten etwas Superspießiges und vielleicht haben die ausladenden Dekolletés seitdem den Beigeschmack des Prolligen", sagt Vinken.

    Sind die versteckten Brüste heutzutage also vor allem ein Zeichen der gebildeten, emanzipierten Frau, die arbeiten geht? Und das Riesendekolleté das Erkennungszeichen von Frauen aus einer Lebenswelt, in der man von Männern gar nicht als gleichberechtigte Frau wahrgenommen werden will?

    Intuitiv möchte man widersprechen: Was ist mit den Feministinnen der Femen-Gruppe, gelten die nicht als gebildet? Was ist mit Rihanna? Oder Scout Willis, die Tochter von Action-Schauspieler Bruce Willis? Letztere zwei laden auf Instagram Bilder ihrer Brüste hoch, um gegen die dort herrschende Zensur zu protestieren. Sind die deshalb Prolls?

    Vielleicht geht die Antwort so: Die Brüste, die wir in den Medien oder auf sozialen Netzwerken sehen, haben mit unserer alltäglichen Lebenswelt nur begrenzt zu tun. Es gibt sie auf Gala-Empfängen und Instagram, dem privaten roten Teppich unserer Zeit, und dort stehen sie für eine freizügige, vielleicht tatsächlich 'übersexualisierte' Gesellschaft. Sie etablieren fragwürdige Körperideale und animieren gerade junge Mädchen zu ungesunden Selbstbildern. Mit der Realität der jungen Erwachsenen, der arbeitenden Frau hat das allerdings nicht mehr viel zu tun.

    Oder, wenn man der Argumentation des Soziologen Hirschauer folgt: Würde Rihanna in ihren Outfits in einem Gerichtssaal auftreten, würde sie keiner mehr ernst nehmen. Umgekehrt gab es ja zum Beispiel auch eine Riesendiskussion, als Kanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren in der Oper in Oslo ihr Dekolleté zeigte. Vermutlich sind wir dann doch alle ein bisschen mehr Angela Merkel als Rihanna - es wäre eigentlich okay, die Brüste häufiger zu zeigen. Aber man zettelt damit direkt eine Diskussion über den eigenen Körper und nicht über den Intellekt an. Angela Merkel hatte das Kleid zumindest nie wieder an.


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    Die Mädchenfrage:




    Ich sag’s gleich: Ich hab ja keinen! Und werde mit etwas Glück auch nie einen haben. Aber ihr, ihr tragt ihn ja seit einiger Zeit sehr gern. Auch das sag ich gleich: Find ich gut. Bart ist gut. Steht euch. Dafür gibt es Beweise.

    Weil der Bart schon länger und immer noch modisch ist, hattet oder habt ihr also fast alle einen, sogar, wenn er eher spärlich ausfällt. Ihr experimentiert damit herum, konturiert, lasst euch mal einen Vollbart stehen, mal einen Schnäuzer. Obwohl ich ja selbst gar keinen will, bin ich darauf schon ein bisschen neidisch.

    Vor allem gibt es da eine Sache, bei der ich mich wirklich frage, wie sich das anfühlt: der Kahlschlag. Die gute alte komplette Nassrasur. Der Moment, wenn ihr nach einer Phase mit viel Haar im Gesicht auf einmal keines mehr habt. Das ist wohl ein Gefühl, das ich niemals werden haben können, ein Moment, der mir verwehrt bleibt.

    Am nächsten käme ich dem Gefühl wohl, wenn ich mir den Kopf rasierte. Will ich aber gerade nicht. Was könnte dem noch ähnlich sein? Vielleicht ist es so wie damals, als ich mir so fies das Kinn aufgeschlagen habe und dann nach zwei Wochen kein Pflaster mehr brauchte, aber die Stelle noch ganz empfindlich und die Haut ganz rosa und fein war? Oder wie damals, als meine feste Zahnspange entfernt wurde und der ganze Kopf auf einmal viel leichter war und mir meine Zähne so glatt vorkamen? Vielleicht auch so wie wenn man an einem heißen Sommertag einen Berg raufläuft und sich oben in einem kalten Bach das Gesicht wäscht und mit den nassen Händen die Haare nach hinten streicht?

    Vielleicht aber auch ganz anders. Ihr müsst es ja wissen. Und darum stelle ich keine weiteren Mutmaßungen an, sondern sage: Jungs, beschreibt mal, wie sich frisch rasiert anfühlt. Mit allen Details. Bitte.

    >>> die Jungsantwort von christian-helten
    [seitenumbruch]
    Die Jungsantwort von christian-helten:



    Ich bin überzeugter Bartträger. In meinem Gesicht steht immer irgendwas zwischen Fünftage- und Dreimonatebart.

    Ich bin zufrieden mit diesem Gesichtsarrangement. Sieht besser aus als die glatte Variante und spart Zeit. Aber manchmal, vielleicht ein Mal im Jahr, rasiere ich mir die Wangen glatt. Weil ich sehr große Lust drauf habe. Die Gründe sind nicht tiefschürfend oder weltbewegend, es sind eher kleine Dinge. Aber du  wolltest ja Details.

    Abwechslung


    Erstens gleicht der Rasur-Drang ein bisschen der Lust, sich zu verkleiden oder eine ungewohnte Klamotte anzuziehen. Wie ein überzeugter Kapuzenpulliträger es genießt, sich für eine Hochzeit mal in seinen schicken Anzug zu werfen, finden wir Bartjungs es gut, uns ab und an in unser glattes Ich zu verwandeln. Weil es Spaß macht und weil wir irgendwann ein bisschen vergessen, wie wir ohne Bart eigentlich aussehen. Macht uns das jünger? Gescheiter? Cooler? Wie genau sieht unser Kinn gleich wieder aus? Sind wir unter den Haaren vielleicht ein bisschen fett geworden am Hals?

    Die Rasur


    Das Tolle am Abschneiden eines Barts ist, dass es sich ein bisschen wie Zauberei anfühlt. Der Rasierschaum ist wie das rote Tuch eines Zauberers, hinter das wir uns begeben, um als jemand anders wieder hervorzukommen. Eine richtige Verwandlung, für die es kein langes Warten braucht wie etwa beim Züchten eines Barts, sondern nur wenige Momente.

    Ausnahmen: Die ersten zwei, drei Male: Da legen wir auf dem Weg zur Glätte jeden erdenklichen Zwischenstopp ein und dokumentieren ihn fotografisch: Die Koteletten-Kinnbart-Kombo, den Homer-Simpson-Bart, den Musketier, den Mexikanischer-Drogendealer-Schnauzer und, klar, wir machen auch ein Bild mit Hitlerbärtchen und Scheitel, über das wir erst sehr lachen und dann sehr erschrecken.

    Hallo Haut!


    Ja, und dann sind sie weg, die Haare. Dann ist da nur noch Haut. Ungewohnte, glatte , ziemlich helle Haut. Sie kommt uns sehr verletzlich vor (manchmal ist sie ja auch ein bisschen verletzt), schutzlos, wie etwas, das jetzt mit viel Bedacht und Vorsicht behandelt werden muss. Wir sind deswegen ziemlich sanft beim Auftragen unserer Aftershave-Lotion, sie fühlt sich angenehm kalt an, und wir nehmen viel mehr, als wahrscheinlich nötig wäre.

    Dann schauen wir uns an. Wir entdecken die Narbe aus der achten Klasse wieder und die kleine Delle am Kinn. Wir streicheln mal drüber, um zu testen, wie sie sich anfühlt. Sehr weich, in eine Streichelrichtung aber auch manchmal ein bisschen kratzig, wenn wir nicht richtig gegen den Strich rasiert haben. Überhaupt fahren wir uns in den ersten 24 Stunden nach dem Kahlschlag die ganze Zeit über die Haut. Wegen des Reizes des Neuen, aber auch, um festzustellen, ob es schon wieder Nachwuchs gibt im Gesicht.

    Draußen


    Das Beste ist aber der Moment, in dem wir zum ersten Mal rausgehen. Wenn das Draußen die Stellen berührt, die sonst von Haaren bedeckt sind, ist das ein sehr überraschendes Gefühl. Temperaturunterschiede gab es dort nämlich sehr lange nicht, es konnte uns dort kein Regentropfen anplätschern, kein Lufthauch streicheln, kein Fahrtwind kühlen, kein Sonnenstrahl wärmen. Es ist, als würde unsere Haut erst jetzt wieder richtig existieren.

    Rückbesinnung


    Spätestens am nächsten Morgen ist es aber vorbei mit dem Wonnegefühl. Weil jetzt der Hals juckt, sich rötet, die „Hautirritationen“ auftauchen, denen unser Aftershave doch laut Werbespot eigentlich „zuverlässig vorbeugt“. Weil da vorne rechts ein Pickel sitzt und rot in die Welt blinkt, deren Licht er früher nie erblickt hätte im Schatten des Vollbarts.

    Und dann wissen wir wieder, warum wir uns so lange nicht glatt rasiert haben.



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  • 02/20/15--09:18: Wir haben verstanden: KW 8



  • Ein Herd ist viel leichter als man denkt.

    Auch die Niagarafälle können zufrieren.

    Wer im Jahr 2015 mit einer Kippa auf dem Kopf durch Paris läuft, muss damit rechnen, antisemitisch angefeindet zu werden.

    Wer im Jahr 2015 mit einer Kippa auf dem Kopf durch Berlin läuft, nicht.

    Ach ja, in München auch nicht.

    Man käme ja von selbst nicht drauf, Honig auf die Pizza zu machen. Aber wenn es das im Restaurant gibt, sollte man es probieren. Schmeckt nämlich super. Vor allem, wenn der Honig auch noch scharf ist.

    In der Sauna bestaunt man ja doch immer wieder den Effekt, dass man nicht merkt, dass man nackt ist, weil alle nackt sind. (Merkt man sonst eigentlich nie, dass man angezogen ist, weil alle angezogen sind? Mal drauf achten!)

    Es dauert 15 Stunden und vier Minuten, das gesamte Berliner S-Bahn-Netz abzufahren. Wenn man Mathematiker ist.

    Wenn man ernsthaft drüber nachdenkt, sich doch wieder eine Katze anzuschaffen, dann fühlt sich das erschreckend sesshaft an.

    Dass es Produkte gibt, von denen du nicht mal ansatzweise weißt, wo du sie kaufen kannst, fällt dir zum Beispiel auf, wenn dein Vater Meisenknödel in den Baum vor deinem Balkon hängt. Meisenknödel!

    Als nächstes fällt dir dann übrigens auf, dass es in deinem Hinterhof überhaupt gar keine Vögel gibt.

    Aktueller Lieblingssatz: “Ist ein Grower!”

    Wenn den jemand über einen Witz sagt, der erst ein bisschen lustig ist und dir nach ein paar Wiederholungen Tränen abringt: Für die kommenden Minuten besser nichts Wichtiges vornehmen. Einen Grower beim Namen zu nennen, lässt ihn nämlich noch weiterwachsen!

    Dieser Vertipper ist ein Grower:




    Es gibt Menschen, die sich Bots programmieren, die für sie twittern.

    Manche dieser Bots twittern dann Todesdrohungen.

    München braucht dringend einen neuen Konzertsaal – für Popmusik.

    Wenn man abends auf der Couch mal Weiß- statt Rotwein trinkt, hat man am nächsten Morgen sehr viel mehr Mails mit Themenideen im Postfach.

    Nicht alle davon sind gut.

    Autofahren, ohne Scheibenwischwasser, im Winter: ungefähr ab der zweiten Woche ein durchaus riskanter Dreisprung.

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    Name: Dennis Plauk 

    Alter: 33

    Geburtsort: Dorsten

    Wohnort: Essen

    So erkläre ich meinen Job meiner Oma: Ich mache eine Zeitung für Rocker

    Mein liebster Wochentag: Montag jedenfalls nicht
    Aktuelles Projekt:Visions #265




    0:00 Uhr: Hallo Sonntag, hallo Februar, hallo Sommer. Zuhause gibt’s den ersten Schnee des Jahres, hier in Neuseeland eine Gartenparty. Segen der Südhalbkugel. Habe eindeutig die beste Zeit für diese Interview-Reise erwischt.





    0:15 Uhr: Und die nettesten Gastgeber: The Jury And The Saints sind eine Punkband aus Auckland und wollen Visions ihr Land zeigen. Heute steht der Höhepunkt unseres dreitägigen Roadtrips an, eine Mottoparty im Surfer-Hotspot Mount Maunganui. Schicker Villenvorort. Blick auf den Pazifik. Dresscode Hawaii. Die Band soll für die Outdoor-Beschallung sorgen. Mal gucken, ob sie die Leute knacken. Vor allem Banker und Ärzte sollen auf der Gästeliste stehen.





    0:25 Uhr: In dem Moment, als Jesse, Rowan, Ivan und Marty mit ihrer Mission beginnen, drehen die Leute durch. Nicht ein bisschen, sondern so, als gäbe es kein Morgen. Pogen, brüllen, suhlen sich in einer großen Staubwolke. Einer lässt die Hosen herunter, ein anderer steht plötzlich auf einem Surfboard und wird über die Köpfe der Leute getragen.





    0:30 Uhr: Gitarrist Rowan wirkt nicht so, als könnte er glauben, was hier gerade abgeht.





    0:35 Uhr: Der Tanzstil der Leute kippt langsam Richtung Kampfsport. Bandfrontmann Jesse geht ein paar Mal in Deckung, nimmt es ansonsten aber gelassen. Vor dem Konzert hat ihn ein Mädchen gefragt: „Habt ihr eine Setlist?“ Und er so: „Nein, aber mit Glück haben wir eine halbe Stunde, bis jemand eingreift.“





    0:50 Uhr: Gute Prognose. Nach 25 Minuten klopft das Ordnungsamt an und händigt Gastgeber Paul eine Verwarnung wegen „exzessiven Lärms“ aus. Später im Bus der Band macht der Wisch die Runde. Kann es einen besseren Beleg für eine perfekte Punkparty geben?





    1:20 Uhr: Allenfalls Martys Drumsticks, die am Ende des infernalischen Punkrock-Quickies zerborsten auf der Snare liegen. „Während der Show dachte ich, ich hole mir echt blutige Hände, dabei habe ich nicht mal einen Splitter abbekommen.“ Wäre ihm aber garantiert egal gewesen.





    9:30 Uhr: The Jury And The Saints wissen, wie man feiert – und danach gründlich aufräumt. Rowan hat die Staubbeseitigung zur Chefsache erklärt.





    10:45 Uhr: Katerfrühstück in Mount Maunganui. Fishburger & Fries. Im Hintergrund läuft Rugby, „das können wir Kiwis besser als Fußball“, sagt Ivan. Neben ihm sitzt Raji, der den Gig vergangene Nacht gefilmt hat. Bevor einem hinterher keiner glaubt.





    12:30 Uhr: Stichwort Raji – das blühende Leben! „Von da oben sieht man am besten. Könnt ihr schon klettern?“ Offenbar eine rhetorische Frage, die dem Aufstieg auf den Hügel über Mount Maunganui vorausgeht. Geantwortet hat nämlich keiner, losgelaufen sind alle. Will sich wohl keiner als Erster die Blöße geben. Lieber hochschleppen als schlappmachen.





    12:45 Uhr: „Irgendwie doch nicht so schön hier, trüber Tag. Lasst uns mal weiter!“ Mein Entsetzen über die neuseeländischen Wetterverhältnisse hält sich bei 21 Grad und nach wochenlangem Eis-von-der-Windschutzscheibe-Kratzen vor dem Weg ins Büro in Grenzen.





    14 Uhr: Unterwegs nach Raglan, auf der anderen Seite der Nordinsel Neuseelands. Gestern auf der Party meinte eine: „Als Gott die Welt erschaffen hat, fing er mit Raglan an.“ – „Nettes Kompliment, aber ein bisschen übertrieben“, sagt Marty. Der Schlagzeuger lebt in dem malerischen Küstenort, Gott ist ihm aber noch nicht ins Haus gekommen.





    17.00 Uhr: Dabei wäre er ein guter Gastgeber. Marty am Grill. Heute ist unser letzter gemeinsamer Abend, er und seine Frau schmeißen ein großes Barbecue für alle. Morgen früh müssen die Jungs zurück in ihre Dayjobs. Gefühlte Rockstars sind sie nach gestern Nacht schon, nur der Gehaltsscheck sieht das anders.





    19:30 Uhr: Noch mehr Besuch! Ben ist der Drummer von Parkway Drive aus Australien und kommt gerade von einer vierwöchigen Backpacker-Tour durch Neuseeland zurück. Rowan verliert keine Zeit, ihm das Video von letzter Nacht zu zeigen. Die meisten Sätze, die ab jetzt aus Bens Mund kommen, fangen mit „Was zur…“ an.





    19:30 Uhr: „Äh, guckt mal hier – ein Buch!“ Ivan lenkt unterdessen Martys Kinder ab.





    22:00 Uhr: Da bist du ja endlich, Jetlag! Zwölf Stunden Zeitunterschied zwischen hier und zu Hause fordern ihren Tribut. Das Foto, das ich vorhin auf der Fahrt geschossen habe, brauche ich nicht mehr. Vielleicht ja dann in ein paar Tagen zurück in Deutschland, wenn ich um drei Uhr nachts hellwach im Bett liege und nur noch Schafezählen hilft.

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  • 02/22/15--06:00: Die glitzernde Stadt ist nah
  • Wichtigster Tag der Woche:
    Sonntag. Weil: 1. März. Und damit gefühlt fast nicht mehr Winter. Der Frühling ist nah. Und damit die glitzernde Stadt.

    Kulturelles Highlight:
    Hängt momentan in meinem Wohnzimmer: Ein Bild von our very own Juri Gottschall. Eines aus seiner Parkhausserie. Krasse Farben hat das – und es entwickelt eine verwirrend urbane Ruhe, wenn man länger draufschaut. Ach so: Wenn man es im richtigen Winkel fotografiert, sieht es außerdem so aus, als stünde meine Couch im Parkhaus ...





    Politisch interessiert mich:
    Momentan alles, was mit dem IS zu tun hat. Die auf perfide Weise geniale PR-Strategie, die die entwickelt haben. Die für mich immer noch absolut verwirrende militärische Macht. Die agitatorische Gewalt. Wie können Menschen sich derart radikalisieren? Kann/darf/soll/muss/man denen militärisch beikommen? Das hat so viele Dimensionen – politische, psychologische, ethische, soziologische. Krasse Zeit!

    Soundtrack:
    Zitiere mal schnell den Helten: „Das wird, da leg ich mich schon jetzt im Februar fest, die Platte des Jahres.“ Gemeint hat er „Schick Schock“, das neue Album der österreichischen Band Bilderbuch. Und weil das eine Woche später erscheint als geplant, kann ich’s noch mal ankündigen und sagen: Hat er recht, der Helten.

    Und dann kann ich sagen: Hab ich jetzt allerdings auch schon ein paar Wochen am Stück gehört. Deshalb freue ich mich auf „Chasing Yesterday“, das neue Album von Noel Gallagher And The High Flying Birds, wie – na ja, irgendwer, der sich ganz, ganz, ganz doll auf irgendwas freut eben! Sehr!

    Wochenlektüre:
    Ich muss jetzt ganz schnell noch das sehr schöne „Miss Blackpool“ von Nick Hornby auslesen. Und dann kann ich endlich mit dem neuen Herman Koch anfangen: „Sehr geehrter Herr M.“ heißt das. Koch galt, da war er noch Comedian im Fernsehen, als witzigster Mensch der Niederlande. Dann fing er an Romane zu schreiben. Und wer zum Beispiel mal „Angerichtet“ gelesen hat, der kann erahnen, wie nah wirklich gute Comedy und stahlkalt geschildertes Drama beieinander liegen. Und wenn man das merkt, dann bekommt man erst etwas Angst und dann wird der Schauer irgendwann sehr wohlig.
     

    Kinogang:
    Das wiederum lässt sich schwierig an: Weder bin ich sonderlich heiß auf „Asterix im Land der Götter“ (3D), noch packt mich die Geschichte des erfolgreichsten Scharfschützen des US-Militärs spontan – obwohl in „Sniper“ Bradley Cooper mitspielt. Und Clint Eastwood Regie führt. Hm. Vielleicht gebe ich dem doch eine Chance. Aber erst, nachdem ich mir endlich „Birdman“, „Wild Tales“ UND „St. Vincent“ angeschaut habe.




    http://www.youtube.com/watch?v=99k3u9ay1gs

    Geht gut diese Woche:
    Mit Blick auf das, was ich mir da vorgenommen habe, offensichtlich ins Kino gehen. Und lesen.




    Keine Chance hat diese Woche:
    Damit dann wohl ausufernde soziale Interaktion. Geht auch mal gut!

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  • 02/22/15--23:55: Warten nach dem Sturm
  • Alle warten auf den Segen aus Rom. Auch Weihbischof Anton Losinger, der sich seit Wochen gedanklich auf seine Schlüsselrolle bei der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) vorbereitet. Als hauptamtlicher Kirchenvertreter soll er sich künftig um die Geschicke der Hochschule kümmern, die seit sieben Jahren in einer Dauerkrise steckt. So hat Kardinal Reinhard Marx entschieden. Dafür braucht es aber eine Satzungsänderung. Und die muss der Vatikan genehmigen.



     
    „Viele Professoren schämen sich, an einer katholischen Uni zu sein“, sagt der Eichstätter Bischof Losinger.

    Vor mehr als drei Monaten hatte sich Marx mit den bayerischen Bischöfen darauf geeinigt, dass die KU einen hauptamtlichen Stiftungsratsvorsitzenden bekommt. Bisher hatte der viel beschäftigte Marx dieses Amt selbst geleitet und das operative Geschäft seinem ebenso viel beschäftigten Generalvikar Peter Beer überlassen. Der musste als Katastrophenmanager zwischen dem Zusammenbruch des Weltbild-Verlages, der führungslosen KU und weiteren Baustellen manövrieren. Voraussichtlich, so ist zu hören, wird er künftig als Losingers Stellvertreter fungieren. Unklar war zunächst noch, ob Marx weiter Großkanzler der KU bleiben wird. Inzwischen sieht es so aus, als würde er auch dieses Amt an Losinger abgeben. Der in Augsburg promovierte Theologe und Volkswirt, so heißt es, soll ein Büro in Eichstätt beziehen und mehrere Tage in der Woche präsent sein. Offizielle Erklärungen gibt es aber erst nach dem Nihil Obstat aus Rom.

    Die nächste Freisinger Bischofskonferenz findet am 4. März statt. Spätestens dann soll die Änderung der Statuten vollzogen sein. Die Zeit drängt. Nach dem Rücktritt des Präsidenten Pater Richard Schenk vor einem Jahr und einer gescheiterten Neuwahl im vergangenen Sommer wird die Universität derzeit von einem fünfköpfigen Interimspräsidium geleitet, das Marx eingesetzt hat. Die Germanistin Gabriele Gien hat nur knapp zwei Jahre Zeit, die Weichen neu zu stellen. Wenn 2016 ein neuer Präsident gewählt werden soll, muss diesen Sommer die Ausschreibung erfolgen.

    Ein Himmelfahrtskommando, sagen manche; die letzte Chance, die Gräben der Vergangenheit zu schließen und einen Neustart vorzubereiten, meinen andere. „Eichstätt ist eine innerlich zerrissene Universität“, sagte der dortige Bischof Gregor Maria Hanke im Bayerischen Rundfunk. „Viele Professoren schämen sich, an einer katholischen Universität zu sein.“ Das mag überspitzt sein – immerhin haben sich alle Gremien auf einen Zukunftsplan geeinigt. Wahr ist allerdings, dass einige längst resigniert haben und auch jene, die immer noch an ihre Uni glauben, langsam zweifeln, ob in Eichstätt, einer Hochschule, die zu zwei Dritteln vom Staat finanziert wird, je demokratische Verhältnisse einziehen. Auch jetzt kann nur wieder orakelt werden, ob neben der Stiftungssatzung auch die Grundordnung der Universität geändert wird, und ob die Gremien der Hochschule einbezogen würden. „Die Bischöfe lassen sich Zeit“, sagt ein Dekan, „Zeit, die wir nicht haben“.

    Nun hat Kardinal Marx bei der Jahresfeier im November versichert, die Hochschule solle „autonom“ handeln. Andererseits müssen alle Veränderungen vom Stiftungsrat abgesegnet werden. Es wird an Losingers Geschick hängen, wie gut diese Gratwanderung gelingt. „Uns liegt daran, einen regelmäßigen Austausch zu pflegen“, sagt Gabriele Gien. Bisher mussten die Fakultäten oft Wochen oder Monate warten, bis sie das Placet für eine Berufung erhielten. „Uns alle interessiert brennend: Wer ist künftig der Lordsiegel-Bewahrer?“, sagt ein Professor.

    Völlig zerrüttet war zuletzt das Verhältnis zwischen Stiftungsrat und Hochschulrat, der laut Bayerischem Hochschulgesetz wie ein Aufsichtsrat fungiert und den Präsidenten wählt. Das Gremium ist führungslos, seit der Münchner Philosoph Wilhelm Vossenkuhl das Handtuch geworfen hatte. Er war erbost über die „Parallelgesellschaft“, die an den Gremien vorbei ein Interimspräsidium bestellte. Weitere Mitglieder folgten ihm. Von den acht externen Posten im Rat sind derzeit nur drei besetzt. Für eine Neubesetzung will sich Gien mit Senat und erweiterter Hochschulleitung beraten. Dass eine nicht-gewählte, vom Träger installierte Präsidentin den Hochschulrat beruft, ist intern umstritten. Doch Gien setzt auf Transparenz: „Ich hoffe, dass die konstruktiven Kollegen sich da mit Ideen einbringen“.

    Und die Finanzen? Derzeit liegt Vieles auf Eis, sogar Routineanträge werden nicht mehr bewilligt, weil nicht klar ist, wie viel Geld künftig zur Verfügung steht. „Wir stehen zu dieser Universität auch in schlechten Zeiten und werden alles tun, sie nicht nur zu erhalten, sondern auch profiliert weiter zu entwickeln“, sagte Marx im November. Die Bischofskonferenz betonte, sie werde die Unterstützung intensivieren, „insbesondere bei der Ausprägung des katholischen Profils und bei der Finanzierung“. Doch was heißt das? Wollen die Bischöfe eine forschungsorientierte Universität, die diesen Namen verdient, oder eine katholisch geprägte Lehranstalt. Nur wenn das bald geklärt ist, werden sich überhaupt Kandidaten finden, die das Ruder des angeschlagenen Schiffes übernehmen wollen.

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    17:05 Uhr: Und schon ist der Tag wieder rum! Das ging fix heute. Wir haben Feierabend und Lust auf Pizza. Am Besten mit Oskargewinnern drauf, dann geht vielleicht ein bisschen des Erfolg und Glamours auch in unser Fleisch und Blut über. Ob es wohl die Jennifer Lachs-rence, die Sard-Ellen oder die Brot-Pit wird, weiß man noch nicht genau. Wir berichten morgen! Hmjam! (Lucia)

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    ++++

    16:30 Uhr:
    Auch wenn man es ob des todesgrauen Nachmittags leicht vergessen kann, haben wir es bald in den März geschafft (wie auch Jakob sehr treffend in seiner ab heute in Kraft tretenden Wochenvorschau festgestellt hat). Zeit für einen Frühjahrsputz, finden wir. Dabei bitte die Katze nicht vergessen! (Lucia)

    http://www.youtube.com/watch?v=C-EZa1OTEYA

    ++++

    16:10 Uhr:
    Nach einem orgasmisch guten Kaffee sind wir doch zurückgekehrt. Sonst hättet ihr vielleicht unseren Tagesblog geerbt. Doch was passiert eigentlich mit den Daten eines Verstorbenen? Kann man digitale Archive, wie Itunes-Mediatheken erben? Was postmortaler Persönlichkeitsschutz ist und wie Facebook auf den Tod reagiert, haben wir hier gelesen. (Lisa)


    ++++

    15:30 Uhr:
    Und zack, ist schon 15 Uhr durch... Zeit für ein Newsupdate:


    ++++

    14:20 Uhr: Und noch mehr zum Thema Futter: Neuer Text! Jan hat mit Prof. Dan Jurafsky vom Linguistik-Lehrstuhl der Stanford-Universität zur Sprache in Gastro-Kritiken und Speisekarten geredet. Herausgekommen ist ein ziemlich schönes Interview über sexuelle und Junkie-Begriffe, mit denen Nahrung oft umschrieben wird.

    ++++

    14:10 Uhr (Lucia): Zurück aus der Mittagspause, wo es unter anderem "3 gekochte Landeier in grober Senfsaatsoße auf Rahmspinat und Kartoffelpüree" gab. Ein sehr aufregendes Gericht! Da die Eier allerdings in der senfigen Soße schwammen, sahen sie eher aus wie Schwimmeier oder Soßeneier. Wie auch dieses hier:

    [plugin imagelink link="http://giant.gfycat.com/SharpGiganticEchidna.gif" imagesrc="http://giant.gfycat.com/SharpGiganticEchidna.gif"]


    ++++

    13:20 Uhr:
    Nach der ganzen Gewalt hier brauchen wir erstmal Beruhigung. John Legend und Common performten bei der Oscar-Verleihung den Song "Glory" aus dem Martin-Luther-King-Drama "Selma". Da flossen schon ein paar Tränchen im Publikum. Zurecht. Oscar für den Film-Song des Jahres.

    http://soundcloud.com/ni-ma-40/glory-john-legend-feat-common 
    Der beste Soundtrack kommt vom französischen Komponisten Alexandre Desplat im Film Grand Budapest Hotel. Dieser Titel hat uns besonders gut gefallen. Und jetzt machen wir erstmal Mittagpause. Bis gleich! (Lisa)

    http://www.youtube.com/watch?v=RRQ4s4uWlEA
    ++++

    12:30:
    Und gewaltverherrlichend geht es gleich weiter: Im türkischen Parlament haben sich Abgeordnete eine Schlägerei geliefert. Grund ist ein geplantes Sicherheitsgesetz. Wir stellen uns das so vor:

    http://www.youtube.com/watch?v=wo-7WLJUIFU

    ++++

    11:30 Uhr:
    Wir wachen langsam auf. Durch die Fensterfront des SZ-Hochhauses zeigt sich sogar eine Art Sonne. Ansonsten geht es hier noch recht montäglich zu.
    Gerade im Netz entdeckt: In Schweden hängen Menschen Handtaschen an Statuen. Grund dafür ist dieses Foto:

    [plugin imagelink link="http://40.media.tumblr.com/52e1e3cf99a77deed7155aba8356a19e/tumblr_nk6emfJFQN1rary66o1_400.jpg" imagesrc="http://40.media.tumblr.com/52e1e3cf99a77deed7155aba8356a19e/tumblr_nk6emfJFQN1rary66o1_400.jpg"]

    Der mutigen Frau, die hier auf dem Foto von Hans Runesson aus dem Jahre 1985 mit ihrer Handtasche auf eine Neonazi-Glatze eindrischt, sollte eigentlich in der schwedischen Stadt Växjö ein Denkmal gesetzt werden. Nun hat sich die Stadt doch dagegen entschieden, da das "gewaltverherrlichend" wirken könnte. Also reagieren die Schweden prompt mit Handtaschen-Behängungen an bereits vorhandene Statuen. Immerhin! (Lucia)

    ++++

    10:30 Uhr: Ein halbes Jahr hat unser Autor Josef die Start-Up Gründer Julian und Hannes und Meeresbiologe Wolfgang begleitet. Falls der Garnelenbauernhof gelingt, gibt es als erstes Nudeln mit Garnelen für alle Unterstützer der drei Gründer. Die Chancen für das Projekt "Bayrische Garnele" stehen allerdings nicht so gut. Warum, das lest ihr hier. (Lisa)


    Das sind Julian und Hannes, zwei der bayerischen Garnelen-Bauern, die ihre kuriose Idee in die Tat umsetzen wollen.

    ++++

    10.10 Uhr:
    Soo, jetzt noch schnell die jetzt-Seite in der heutigen SZ lesen. Da geht es nämlich um Garnelen in Bayern. Jetzt fragt ihr euch bestimmt: "Wo ist denn da Meer?". Erfahrt ihr gleich! (Lisa)

    ++++

    10:00 Uhr:
    Nachrichten-Check: 

    ++++

    9:20 Uhr:
    Guten Morgen, liebes jetzt.de! Habt ihr gut geschlafen? Heute ist Praktikanten-Power angesagt: Lucia und Lisa führen euch durch den Tag - mit noch müden Augen, denn heute Nacht wurden die Oscars verliehen.

    Oscarreif war aus Deutschland nur der Dokumentarfilm CitizenFour: Filmemacherin Laura Poitras sagte auf der Preisverleihung: "Die Informationen, die Edward Snowden offenlegt, enthüllen nicht nur eine Bedrohung für unsere Privatsphäre, sondern für unsere Demokratie an sich". 

    Mit 4 Oscars war Alejandro G. Iñárritu mit seinem Film "Birdman" der Abräumer der Nacht. Hier findet ihr alle Gewinner. (Lisa)

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  • 02/23/15--00:03: Außendienst
  • Reinhold Beckmann war noch Talkmaster, da saß seine Zukunft schon neben ihm. In einer seiner letzten Sendungen hatte er im August 2014 Songül Tolan zu Gast, Berliner Doktorandin der Volkswirtschaft und Sprecherin des Zentralrats der Jesiden. Zwischen Gastgeber, Experten und Politikern sprach sie über den Genozid des Islamischen Staats an ihrer Volksgruppe, vom Exodus aus dem Irak, von Oldenburg, wo ihre Familie wohnt. Es ging auch darum, dass Männer aus Deutschlands jesidischen Gemeinden in den Nahen Osten ziehen und dort nicht wie Hunderte deutsche Dschihadisten mit der IS morden, sondern gegen diese Horrormiliz kämpfen. Ihr Bruder besuchte gerade ein überfülltes Flüchtlingslager.



    Back to the roots: Beckmann wird wieder Reporter

    Ende September 2014 wurde die Gesprächsreihe Beckmann dann wie geplant eingestellt, nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten. Wegen der ARD-internen Konkurrenz hatte er auf einen ungünstigeren Sendeplatz wechseln müssen, es gibt in Deutschland ja so viele Großinterviewer: Jauch, Maischberger, Will, Illner. Oder Markus Lanz, in dessen Runde Reinhold Beckmann vor seinem Neustart ins Journalistenleben kürzlich an das Drama der Jesiden erinnerte und auf seinen Film hinwies. Denn an diesem Montag hat die Reportagesendung #Beckmann in der ARD Premiere, und diesmal reiste er mit Songül Tolan selbst hinein in diese Tragödie im Zweistromland. Titel: „Unser Krieg? Deutsche Kämpfer gegen IS-Terror.“

    Der Name #Beckmann klingt dabei ein wenig gewollt, irgendwie nach Journalismus 2.0, wird aber von den Machern mit dem Hinweis auf einen umfangreich begleitenden Webauftritt und einen steten Dialog mit den Zuschauern erklärt. Auch haben Beckmann und sein Co-Autor Helmar Büchel das Thema natürlich nicht entdeckt, die Katastrophe von Jesiden und IS geht seit Monaten durch die Nachrichten. Mutige Gesandte von Zeitungen, Magazinen und Sendern wagen sich schon länger ins Krisengebiet, gewöhnlich mit kleineren Budgets. Aber diese unfassbare Geschichte von Gotteskriegern und Verfolgten ist es allemal wert, auch diese 45 Minuten lang erzählt zu werden. Und wer würde mehr Aufmerksamkeit finden als einer der bekanntesten deutschen Fernsehmänner zur besten Sendezeit im Ersten?

    Das Experiment, #Beckmann mit so schwerem Stoff aus einem blutigen Knäuel der Weltgeschichte zu beginnen, ist bereits ein Verdienst der Crew. Man hätte es einfacher haben können, als das für viele Uneingeweihte verwirrende Grauen im Nordirak nahe Syrien und der Türkei zu erkunden. IS, Jesiden, Peschmerga, Kurden, Schiiten, Sunniten – „komplex“, sagt Reinhold Beckmann, 59, der für #Beckmann weite Teile seiner Redaktion ausgewechselt hat. Der junge Beckmann hatte zwar einst Filmbeiträge gemacht, ehe er die Fußballshow ran übernahm und dann die Sportschau, ehe er zu einem der populärsten Fragesteller und Unterhalter der Republik wurde. Zwischendurch veröffentlichte er Dokumentationen über Gerhard Schröder, Udo Lindenbergs Mauertournee bei Erich Honecker oder Brasilien vor der WM 2014. „Ich wollte ein journalistisches Format“, sagt er. „Mit dem Filmemachen habe ich vor 30 Jahren begonnen und eigentlich nie damit aufgehört. Talk vermisse ich nach 16 Jahren im Moment nicht so sehr.“

    Am Freitag vor Folge eins von #Beck-mann sitzt Beckmann erschöpft im Schneideraum, draußen nieselt der Winter auf Hamburg, und spricht seinen Text auf erschütternde Bilder. Denn ein klimatisiertes Studio ist das eine. Ein eiskaltes Schlachtfeld oder zumindest eine Randzone am Schlund der Hölle sind etwas anderes, das weiß jeder Krisenberichterstatter. „Das durchdringt dich“, sagt Beckmann, „da begegnen dir existenzielle Fragen.“ Einen ersten Teil der Grenzerfahrung bestreitet er mit seinem Team an der Seite der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die ihn in der Transall und im Panzerwagen nach Bagdad und Erbil mitnimmt. Die Politikerin kommt da recht tough weg, die Begleiter waren beeindruckt von ihrer Standfestigkeit, die Werbung mag manchem missfallen. Sie erläutert Beckmann, weshalb die Bundeswehr Ausbilder zu den Peschmerga ins Kurdengebiet schickt und Waffen, obwohl es dafür kein Mandat von UN und Nato gibt. „Wir, die deutschen Pazifisten, mischen uns jetzt ein – halten wir das durch, passt das zu uns?“, fragt der ehemalige Zivildienstleistende Beckmann.

    Ministerin von der Leyen verweist auf deutsche Verantwortung und darauf, dass man das Vorrücken der IS unterschätzt habe. Ungefähr 50000 Fanatiker hat das Kalifat des Schreckens unter Waffen, darunter geschätzt 600 Deutsche. Der Krieg habe längst seine Fühler nach Europa ausgestreckt, erinnert Beckmanns Stimme aus dem Off. Und der Krieg kommt auch aus Bad Oeynhausen oder Oldenburg, wo viele deutsche Jesiden leben. Immer mehr ziehen mit ihren irakischen Verwandten gegen den Islamischen Staat an die Front.

    Das Hamburger TV-Team begleitet Männer durch Checkpoints und Ruinen, die in Deutschland Jurastudenten oder Gärtner waren und nun die alte Heimat vor diesen schwarzen Rittern bewahren wollen. Manche von ihnen tragen deutsche Gewehre, oft ist es zu spät. Er sei auch bereit, „für Deutschland zu kämpfen“, sagt einer. Ein anderer in Bundeswehrjacke will lieber „für was Gutes sterben als in Deutschland von einem Auto überfahren werden“.

    Irgendwann wird mit bloßen Händen nach Leichen gegraben, in einer eingekesselten Gebirgsgegend waren Tausende ermordet, verschleppt und versklavt worden. Zwei Söhne erschossener Eltern schweigen, als sie erzählen sollen. Es sind einige der stärksten und deprimierendsten Szenen. Unterhalb des Taurus-Gebirges an den Grenzen zu Syrien und der Türkei hausen Flüchtlinge in verlassenen Rohbauten, ehe zumindest Lastwagen mit Hilfsgütern eintreffen. Zwischendurch laufen Reinhold Beckmann und Songül Tolan die Tränen, und man hört: „Es ist schlimmer, als man es sich vorgestellt hatte.“

    Darf einer, der auch die Krise von Jürgen Klopp und Borussia Dortmund erörtert, darf ein vormaliger Moderator da weinen? Oder sollte sich ein Beobachter möglichst unsichtbar machen? „Das Reportageformat erlaubt, auch mal den emotionalen Kontakt mit den Menschen aufzunehmen“, sagt Reinhold Beckmann, der wieder Reporter ist.

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    Südkorea pumpt staatliche Subventionen in den Ausbau seines Netzes. Einige skandinavische Länder versuchen Bauherren mit steuerlichen Anreizen davon zu überzeugen, dass zu einem neuen Haus auch eine gute Internet-Versorgung gehört. In Deutschland aber ist der Netzausbau Sache der Wirtschaft. Doch der Markt macht es eben nicht: Wenn es ums schnelle Internet geht, hinkt das Land selbst hinter vielen anderen europäischen Ländern hinterher. Zwei Drittel der hiesigen Haushalte haben Zugang zum Internet mit einer Download-Geschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde. Und ob die Regierung ihr Versprechen, bis 2018 auch alle anderen Haushalte mit einem solch schnellen Anschluss zu versorgen, halten kann, ist alles andere als gewiss.



    Der Netzausbau auf dem platten Land geht nur langsam voran.

    Da dürfte das Versprechen der Deutschen Telekom in den Ohren vieler Politiker verlockend klingen: Sie will weitere 5,9 Millionen Haushalte ans Netz mit Download-Geschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde bringen. Damit würde die Telekom bis 2018 etwa 80 Prozent aller Haushalte mit einem solch schnellen Internet-Anschluss erreichen – deutlich mehr als ursprünglich geplant. Und zwar auch jenseits der großen Städte: am Ammersee und im Schwarzwald, in der Eifel und im Spreewald. Mittlere Städte verspricht der Konzern ans Netz zu bringen: Dinslaken, Glücksburg, Heilbronn, Wittenberg.

    Doch die Sache hat einen Haken: Einlösen kann die Telekom ihr Versprechen nur, wenn die Bundesnetzagentur ihr dazu die Hoheit über wichtige Vermittlungsstellen im Netz gewährt, die bisher auch all den anderen Internet-Anbietern offen stehen. Ermöglichen soll dies eine Technologie namens Vectoring. Damit lassen sich die in den Sechzigerjahren verlegten Kupferleitungen aufrüsten. Das ist billiger, als Gräben zu buddeln und neue Glasfaserkabel zu verlegen. Dennoch ist Vectoring umstritten: Einige Experten sehen das Verfahren allenfalls als eine Brückentechnologie. Langfristig, so argumentieren sie, müssten die Haushalte an ein schnelleres und stabileres Netz aus Glasfaser- oder Fernsehkabeln gebracht werden. Vor allem aber kann Vectoring in einem Leitungsbündel immer nur von einem Anbieter eingesetzt werden. Sonst kommt es zu Störungen. Deshalb knüpft die Telekom ihr Versprechen vom schnellen Netzausbau auch an eine Bedingung: Sie will die Hoheit über die Hauptverteiler im Netz. In den nächsten Tagen wird sie einen entsprechenden Antrag bei der Bundesnetzagentur einreichen. Die Telekom muss allen anderen Netzbetreibern Zugang auf die sogenannte letzte Meile gewähren, die von den Hauptverteilern zu den Kunden führt. Zwischen Hauptverteilern und Haus stehen zudem noch die sogenannten Kabelverzweiger. Die Entbündelung der einzelnen Leitungen, die in diesen grauen Kästen zusammenlaufen, hat die Bundesnetzagentur auf Antrag der Telekom bereits vor eineinhalb Jahren aufgehoben. So hoffte sie, die Versorgung der deutschen Haushalte mit schnellem Internet zu beschleunigen. Der deutlich teurere Ausbau von Glasfasernetzen ging schließlich nur schleppend voran. Seither darf der Anbieter, der sich als erstes einen der grauen Kästen für Vectoring gesichert hat, diese Technologie dort ausbauen. Und er muss sie dann allen anderen zur Verfügung stellen.

    Den Wettbewerbern hat das schon damals Bauchschmerzen bereitet. Immer wieder haben sie beklagt, die Telekom würde sich die Hoheit über möglichst viele Kästen sichern, diese dann aber blockieren und eben nicht mit Vectoring aufrüsten.

    Tatsächlich ist Vectoring auch bei der obersten EU-Regulierungsbehörde umstritten, weil diese Technologie die bisherige Ordnung zwischen den einstigen Staatskonzernen, die ihr Netz auch anderen zur Verfügung stellen sollen, und den neuen Wettbewerbern auf den Kopf stellt. Der deutsche Weg wurde deshalb von Brüssel skeptisch beäugt.

    Nun, da sich die Telekom auch noch die Hoheit über die Hauptverteiler und damit das Herzstück in den Netzen sichern will, sehen sich die Wettbewerber in ihren Befürchtungen bestätigt: „Wir haben der Telekom den kleinen Finger gereicht und nun greift sie sich den ganzen Arm“, schimpft etwa Jürgen Grützen vom Verband VATM, in dem sich die meisten Wettbewerber zusammengeschlossen haben. Zwar muss die Telekom die per Vectoring aufgerüsteten Leitungen anderen Anbietern auch zur Verfügung stellen. Somit würden auch die Konkurrenten von dieser Initiative profitieren, heißt es bei der Telekom. Das bedeute allerdings, gibt Grützen zu bedenken, dass die Telekom dann auch die Bedingungen für diese Leitungen diktieren könne. Sowohl beim Preis, als auch bei der Qualität des Internet-Zugangs. Überall dort, wo Wettbewerber über eigene Technologien mit einem schnelleren oder stabileren Anschluss um Kunden werben wollen, wäre dies nicht mehr möglich. Denn ab Hauptverteiler wären die anderen Anbieter auf die Technologie der Telekom angewiesen. Betroffen sind davon vor allem Vodafone und Telefónica, aber auch NetCologne oder Ewetel aus Oldenburg.

    Der Streit tobt vor allem um Regionen, in denen kleinere Anbieter, darunter auch Stadtwerke, bereits die schnelleren und stabileren Glasfaserleitungen verlegt haben. Diese Investitionen, heißt es beim Bundesverband Breitbandkommunikation, müssten geschützt werden. Das Vorhaben sei volkswirtschaftlicher Unsinn, empören sich die Anbieter von Glasfaseranschlüssen.

    Rund um die Hauptverteiler ist die Versorgung ohnehin schon recht gut. Download-Geschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde sind dort bereits möglich – und damit das, was die Regierung als Zielmarke für alle deutschen Haushalte im Jahr 2018 ausgegeben hat. Diese Geschwindigkeit noch einmal zu verdoppeln hätte für die Telekom den Vorteil, dass sie dort auch mit den Kabelnetzbetreibern mithalten kann. Diese hatten ihr in den Städten viele Kunden mit schnelleren Anschlüssen zu einem niedrigeren Preis abgenommen.

    Doch wenn die Bundesnetzagentur den Antrag genehmigt, könnte dies viele andere Wettbewerber bremsen. Die Chance, dass der Netzausbau dann auch auf dem platten Land vorankommt, wo sich die Investitionen kaum rechnen, sie würde dann wohl weiter sinken. 

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    Die Syriza-Parteizeitung Avgi gab am Sonntag mit ihrer Schlagzeile die Linie vor: „Souveränes Land“. Damit wollte das Blatt den Griechen sagen, sie sollten feiern, weil sie nun selbst eine Reformliste für die EU schreiben dürften. Finanzminister Yanis Varoufakis formulierte es so: „Wir folgen nicht länger einem fremden Drehbuch.“ Regierungschef Alexis Tsipras sprach gar von einem „Richtungswechsel“ in der Euro-Zone: Die Last-Minute-Lösung vom Freitagabend sei „für Europa weitaus wichtiger als für Griechenland“. Denn mit ihr stehe Europa für „tragbare Kompromisse“ und nicht für „Unterordnung und blinde Bestrafung“.

    Tsipras’ starke Worte in einer TV-Ansprache konnten aber kaum verbergen, dass auch die Athener Regierung vor einem Richtungswechsel steht. Denn einige der Zusicherungen, die Varoufakis der Euro-Gruppe gab, sind für die Koalition aus Linkspartei und Rechtspopulisten nur schwer zu schlucken. Der linke Flügel von Syriza sei schon „auf den Bäumen“, sagte ein griechischer Reporter, „das Meckern in den eigenen Reihen hat begonnen“. Bitterste Pille für Athen ist wohl, dass das griechische Parlament ohne Absprache mit den Geldgebern keine Gesetze beschließen darf, die Geld kosten.



    Die Syriza-Zeitung Avgi feierte Griechenland am Sonntag als "souveränes Land", das eigene Reformen für die EU schreiben könne. Allerdings muss aus einigen Zusicherungen, die Athen der EU gemacht hat, ein Richtungswechsel der Regierung hervorgehen.


    Allerdings erhält die Regierung eine gewisse „Flexibilität“, wie sie die finanziellen Vorgaben einhalten will. Als „bemerkenswertes Zugeständnis“ der Euro-Länder wertet der griechische Wirtschaftsblog Macropolis auch, dass Athen in diesem Jahr einen deutlich geringeren Haushaltsüberschuss (ohne Kreditzinsen) erwirtschaften muss, als von den konservativen Vorgängern verlangt worden war. Ob damit aber genug Geld übrig bleibt, um all die Wohltaten zu verteilen, die Syriza im Wahlkampf versprochen hat, ist völlig ungewiss. Am vergangenen Freitag hatte Vize-Finanzministerin Nadia Valavani – offensichtlich ohne Absprache mit Brüssel – schon eine großzügige Regelung angekündigt, die allen Griechen, die sofort ihre Steuerschulden begleichen, Nachlässe von bis zu 50 Prozent anbietet.

    Nun muss Tsipras am Montag erst einmal vage Reformzusagen in einer Liste für Brüssel konkreter machen. Dabei soll es vor allem darum gehen, wie Athen Korruption und Steuerhinterziehung bekämpfen will. Tsipras war zudem zuletzt schon von der Syriza-Forderung abgerückt, alle Privatisierungsprojekte zu stoppen. Er nannte gar ein Angebot der deutschen Fraport für 14 Flughäfen „fair“. Der Premier führte hinter den Kulissen auch bereits Gespräche mit den kleinen, liberalen Parteien Potami und Pasok. Bei denen soll es durchaus die Bereitschaft geben, die neue Linie der Regierung zu unterstützen, falls einige der K-Gruppen-Linken oder der Rechtspopulisten Tsipras bei einzelnen Abstimmungen nicht folgen wollen.

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  • 02/23/15--01:00: Die Garnelen-Gang
  • Ich habe das Gefühl, dass wir in den letzten Tagen mehr hätten schaffen können“, sagt Julian. Wolfgang nickt: „Wir müssen vor allem unsere Aufgaben untereinander schneller verteilen.“ Hannes greift zum Filzstift und schreibt „schneller delegieren“ an das Flipchart.

    Die drei Jungs treffen sich an einem Augustnachmittag in ihrem Büro im Münchner Norden. Grauer Teppichboden, eine Pinnwand voller Post-its, eine Tischgruppe mit mehreren Laptops darauf. Im Bücherregal stehen faustdicke Wälzer über Meeresbiologie, Ratgeber zur Aufzucht von Wassertieren, Handbücher für Unternehmensführung – seit Monaten beschäftigen sich Hannes Rosenberger, Julian Müller und Wolfgang Niggl mit nichts anderem. Ihr Plan: Sie wollen Garnelen züchten. In Bayern.

    Wolfgang ist 34 und promovierter Meeresbiologe. Julian, 27, war vor ein paar Jahren noch sein Student. Als Biologen wissen sie, dass die Abwässer von großen Garnelenfarmen in Südostasien und Mittelamerika ganze Korallenriffe zerstören können. „Ich habe schon lange keine Lust mehr, Garnelen aus dem Supermarkt zu essen“, sagt Wolfgang. Aber eine Garnelenaufzucht müsste doch auch nachhaltig möglich sein, haben sie sich überlegt. Und eine eigene Garnelenfarm irgendwo auf dem Land, das wär's doch.



    Zukünftige Garnelenfarmer: Hannes, Julian und Wolfgang (v. l. n. r.).

    Im Herbst 2011 saßen sie mit Hannes, 27, in einem Münchner Biergarten. Hannes und Julian sind zusammen aufgewachsen und haben schon zu Sandkastenzeiten beschlossen, später mal auf einem Bauernhof zu wohnen. Trotzdem haben Julian und Wolfgang eigentlich nur zum Spaß von ihrer Idee mit der Garnelenfarm erzählt. Aber Hannes war sofort begeistert. Er hatte gerade ein Thema für seine Diplomarbeit in BWL gefunden: „Strategieorientierte betriebliche Standortplanung für eine Aufzucht tropischer Garnelen in Deutschland“. Und mit der Garnelenfarm wurde es plötzlich ernst.

    Sie haben sich eingelesen, im Internet recherchiert, mit Professoren gesprochen. Und sie haben sich mit dem „Projekt Bayerische Garnele“ für ein Gründerstipendium beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beworben. Im März 2014 wurde ihr Antrag bewilligt. Bis Juni diesen Jahres haben sie Zeit, eine Modellanlage zu bauen, im kleinen Maßstab Garnelen zu züchten und einen Business-Plan auszuarbeiten. Mit Finanzierungskonzept, Konkurrenzanalysen, Vertriebsmodell. Betreut werden sie dabei von einem Mentor an der TU München.

    Ein Garnelenbauernhof in der bayerischen Provinz – das ist eine sehr kuriose Idee für ein Start-up. „Ein Start-up zu gründen ist wie forschen: Man versucht herauszufinden, ob eine Idee funktioniert oder nicht“, sagt Flörian Nöll, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups. Die Gründerszene wächst dabei mit jedem Jahr: „Für den Zeitraum der letzten zehn Jahre lässt sich sicherlich sagen, dass wir im Moment den Höchststand erreicht haben.“ Dementsprechend schwierig ist es für ein junges Start-up, seine Nische zu finden. „In Deutschland gibt es derzeit etwa 5000 Start-ups“, sagt Nöll, „und jährlich kommen rund 1000 Neugründungen dazu“. Diese Zahl sei relativ, da jedes Jahr auch Gründungen aus dieser Statistik fallen. Weil sie sich als Unternehmen etabliert haben, oder aber, weil sie mit ihrer Idee gescheitert sind. Der Bundesverband setzt dabei eine klare Grenze: Nach fünf Jahren sollte eine junge Firma wissen, ob sie sich am Markt behaupten kann oder nicht. „Ungefähr die Hälfte aller Start-ups überlebt“, sagt Florian Nöll. Für die drei Freunde und ihren Traum von der bayerischen Garnele bedeutet das leider auch: Die Chancen stehen nicht sehr gut.

    Zwei Wochen nach dem Treffen im Büro stehen Hannes und Wolfgang morgens um 7.30 Uhr vor dem Institut für Fischerei (IFI) in Starnberg. Wolfgang tritt aufgeregt auf der Stelle und schaut nervös auf sein Handy: „Endlich geht’s los.“ Sie warten auf Ulrich Pfeffer, einen professionellen Anlagenbauer, mit dem sie heute ihre Modellanlage aufbauen, genauer gesagt: ihre Kreislaufanlage. Dabei sind mehrere Becken miteinander verbunden und das Wasser wird von Becken zu Becken gepumpt. Am Ende läuft es durch einen Schmutzfilter wieder zurück. So muss es nicht ausgetauscht werden, das spart Energie und Wasser.

    Während die Jungs in ihrem Büro die organisatorischen Arbeiten erledigen, passiert im IFI die praktische Arbeit. Seit Juli dürfen sie als Gäste des Instituts zwei Versuchsräume nutzen und für ihr Projekt forschen. „Technisch ist es ohne Weiteres machbar, tropische Garnelen in beheizten Anlagen aufzuziehen“, sagt Helmut Wedekind, der Leiter des Instituts. „Aber für die Kontrolle der biologischen Prozesse in den Zuchtanlagen braucht man Spezialwissen.“ Deshalb berät er die drei Jungs, trifft sich regelmäßig mit ihnen und hilft aus, wenn sie bei fachlichen Fragen nicht mehr weiterwissen. „Versuchsraum 3“ steht an einer der Türen, darunter „Zutritt nur desinfiziert!“ Öffnet man sie, dringt ein quirliges Blubbern in den Gang. Es ist die Sauerstoffanlage der Aquarien. Noch vor dem eigentlichen Testlauf mit der Modellanlage haben Julian, Hannes und Wolfgang eine kleine Lieferung Garnelenlarven bestellt und in herkömmliche Becken gesetzt. Um schon mal auszuprobieren, womit man die Tiere am besten füttert oder wie hoch der Salzgehalt des Wassers sein muss.

    Endlich parkt der Anlagenbauer Pfeffer vor dem Eingang. Hannes und Wolfgang helfen, die unzähligen Bauteile nach drinnen zu verfrachten. Hannes hat sich zuvor noch in die passende Arbeitsklamotte geworfen: Zu seinem weißen T-Shirt trägt er rote Shorts mit Garnelenmuster.
    [seitenumbruch]
    Stundenlang drängen Pfeffer und die beiden Jungs sich um das Stahlgerüst, in dem die riesigen Becken befestigt sind. Sägen Plastikrohre zurecht, drehen Dichtungen in Löcher, schließen das Filterbecken an. Um 16 Uhr ist es dann so weit: Die Anlage steht, alle prosten sich mit ihren Speziflaschen zu. Bis dahin waren sie der Herr Pfeffer, der Herr Niggl und der Herr Rosenberger. Als das erste Becken mit Wasser vollläuft, sind sie der Uli, der Wolfgang und der Hannes.

    „Wenn das Ding jetzt zusammenkracht, ist alles vorbei“, sagt Wolfgang in die Runde. Ein Witz. Dann aber: ein kurzes Knacken, schon zerspringt eines der Becken. Das Wasser strömt zu Boden, Hannes und Wolfgang stürzen vor Schreck aus dem Raum, Herr Pfeffer schaut nach der Ursache. Während Wolfgang in einen Aktivitätsrausch verfällt, nach Putzlumpen und Eimern eilt, steht Hannes einen Moment lang neben sich. Es ist vorbei – zumindest für diesen Abend.

    Start-up-Gründer müssen viele Rückschläge hinnehmen. Gleichzeitig müssen sie weit in die Zukunft denken. Obwohl es noch gar keine Garnelen gibt, geschweige denn eine Garnelenfarm, müssen Hannes, Julian und Wolfgang in ihrem Testjahr alles durchplanen, sie müssen auf eine ungewisse Zukunft hinarbeiten als sei sie schon Gewissheit. Und sie müssen vor der Gründung herausfinden, ob sie als Team harmonieren. „Zwei Drittel aller Start-ups werden von mehreren Personen gegründet“, sagt Florian Nöll vom Bundesverband Deutsche Startups, „da merken viele nach einer Weile, dass das Team nicht funktioniert.“ Beobachtet man die drei Jungs bei ihrer Arbeit, bekommt man aber nicht den Eindruck, als müssten sie sich darüber Gedanken machen.



    Hannes' VW-Bus ist so etwas wie der Firmenwagen des Projekts Bayerische Garnele.

    Im Oktober 2014 sitzen sie in Hannes’ silbernem VW-Bus, auf dem Weg nach Kirchweidach in Oberbayern. Hannes hat den Ort in seiner Diplomarbeit als passenden Standort ermittelt. Unter anderem, weil dort ein Geothermiekraftwerk steht, dessen Abwärme sie zur Beheizung ihrer Anlage nutzen könnten.

    Als sie aussteigen, schlägt ihnen ein nasskalter Herbstwind entgegen. Der Besitzer des Hofes wartet bereits. Da er anonym bleiben will, nennen wir ihn Herr Huber. Er führt die drei Jungs in den Stall. Die Größe wäre ideal. Wolfgang und Hannes schildern Herrn Huber, was sie vorhaben. Erzählen von den Garnelen und den Becken. Sie sagen ihm auch, dass sie ein wenig umbauen müssten, den Boden begradigen, Büroräume schaffen. Herr Huber spricht es zwar nicht aus, aber man merkt: Das gefällt ihm nicht. Er ist ein eingesessener älterer Herr, gewohnt an seine Umgebung. Ein Bauer aus der Region, der den Stall ebenfalls pachten möchte, wäre ihm wohl lieber – der nämlich will den Stall nur als Lagerfläche nutzen. Nichts umbauen, nichts verändern.

    „Herr Huber, haben wir denn eine Chance?“, fragt Wolfgang. Herr Huber weicht aus, gibt keine klare Antwort. Julian greift deswegen zur emotionalen Strategie: „Es hätte natürlich auch etwas Idealistisches, wenn Sie uns den Stall geben.“ – „Ach, für Idealismus bin ich zu alt.“ – „Aber es wäre doch auch schön, wenn wieder ein wenig Leben auf den Hof kommt.“ – „Nein, das wäre gar nicht schön. In meinem Alter will ich meine Ruhe haben.“ Eine Viertelstunde später stehen Hannes, Julian und Wolfgang an einem Feld in der Nähe des Geothermiekraftwerks, das sie ursprünglich schon einmal für ihre Anlage vorgesehen hatten – dann halt doch Gewerbegrund kaufen und eine Halle bauen. Spruchreif wird ihr Plan ohnehin erst, wenn eine ganz andere Frage geklärt ist: Ob die Tiere überhaupt wachsen. Ob es ihnen während ihres Testjahres gelingt, Garnelen aufzuziehen.

    Der 9. Oktober 2014. Es ist der vorläufig wichtigste Tag für das Projekt Bayerische Garnele. Mehrere Wochen sind vergangen, seit der Riss den Beckenboden gesprengt hat. Mittlerweile ist alles repariert und die Modellanlage kann mit Garnelen bestückt werden. Hannes und Julian sitzen wieder im VW-Bus, diesmal auf dem Weg zum Münchner Flughafen. Seit gestern Abend wissen sie: Um 7.50 Uhr landen ihre Garnelen mit dem Flug DL130 aus den USA. 5000 Larven der Familie „Litopenaeus vannamei“ – besser bekannt als White Tiger Garnelen. Mit diesen Tieren wollen sie herausfinden, ob ihr Traum vom Garnelenbauernhof realisierbar ist.



    Die Garnelenlarven haben Hannes, Julian und Wolfgang extra in den USA bestellt.

    „Live Tropical Fish“ steht auf der Schachtel, sie ist bunt bedruckt mit Fischen, Algen und Sauerstoffblasen. Und überraschend klein. „Die hab' ich mir größer vorgestellt“, wundert sich Julian, als das Flughafenpersonal die Transport-Box auf einem Rollwagen durch das Tor schiebt. „Egal“, sagt Hannes, „lass sie uns schnell ins Auto packen“. Nach dem langen Flug in einer dunklen Box sollten die Larven möglichst kein Sonnenlicht abbekommen und vorsichtig akklimatisiert werden.

    Wer in Bayern einen Garnelenbauernhof aufziehen will, braucht einen langen Atem. Hannes, Julian und Wolfgang merken das immer wieder. Denn sie setzen die Larven zwar erfolgreich in ihre Modellanlage ein – doch im Dezember sterben auf einmal viele von ihnen. Der Kannibalismus in den Becken ist hoch, die Tiere fressen sich gegenseitig auf. Aufgeben wollen die drei deshalb nicht: Ende Januar kommt eine weitere Ladung Garnelenlarven an. Ein neuer Versuch.

    Jetzt haben sie noch drei Monate Zeit, dann läuft die Förderphase des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie aus. Bis dahin wollen sie weiter forschen, um zu verstehen, wie sich Garnelen in solchen Kreislaufanlagen verhalten. „Wir müssen noch viel lernen“, sagt Julian, „das wird auch nach dem Testjahr nicht vorbei sein“.

    Die Jungs vom Projekt Bayerische Garnele können noch nicht abschätzen, ob ihre Garnelenfarm irgendwann Realität wird. Ob die Bank ihnen dafür Geld gibt. Ob es nicht doch eine Nummer zu groß ist. Manchmal zweifeln sie an ihrem Plan. „Jeder rät uns davon ab“, sagt Julian und zuckt mit den Achseln. Es seien hierzulande schon mehr Menschen auf die Idee gekommen, Garnelen zu halten. Viele seien gescheitert.

    Warum glauben sie dennoch, dass es bei ihnen funktionieren könnte? „Weil wir bisher für alles eine Lösung gefunden haben“, meint Julian, „auch wenn wir noch nicht das größte Know-how haben“. „Außerdem sind wir gut vernetzt mit der Uni, das ist viel wert“, sagt Hannes. Wolfgang sieht noch einen anderen Vorteil: „Wir haben ein Jahr Zeit, das alles zu testen. Das hatten die meisten vor uns nicht.“

    Es hängt viel von dem ab, was in den kommenden Monaten in Versuchsraum 3 passiert. Sicher ist nur eins: Wenn sie die ersten Tiere ernten, wollen sie ihre Freunde zum Essen einladen, sagt Julian. „Dann gibt’s Nudeln mit Garnelen.“

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  • 02/23/15--01:07: Ströme jenseits des Ganges
  • Manjeet Kumar möchte Autos bauen. Immer schon war das sein Traum. Aber dort, wo er lebt, baut niemand Autos. Keine Fabrik in Sicht. Wenn er aus der Hütte seiner Eltern blickt, sieht er die fruchtbaren Ebenen am Ufer des Ganges, wo Senf, Zuckerrohr und Weizen angebaut werden. Kumar kommt aus einem kleinen Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh, wo die Frauen Kuhfladen als Brennmaterial trocknen und zu großen Bergen auftürmen. Er kommt aus einer Welt der Bauern, ohne Strom, ohne fließendes Wasser. So ist es hier immer gewesen.

    Kumar aber ist ein Tüftler, er will nicht auf dem Feld arbeiten und Kühe melken, wie all die Generationen seiner Familie zuvor. Also hat er sich durchgebissen in der Schule, hat studiert und einen Abschluss als Ingenieur gemacht, obwohl seine Eltern kaum Geld dafür hatten. Jetzt sucht er einen Job, irgendwo in den Weiten der indischen Wirtschaft: „Mir egal. Ich gehe überall hin, solange der Job irgendwie passt,“ sagt der junge Mann mit der randlosen Brille. „In der Landwirtschaft zu Hause sehe ich keine Zukunft für mich.“

    Indien ist neunmal so groß wie Deutschland und hat 15 Mal so viele Einwohner. Nahezu 1,3 Milliarden Menschen bevölkern das Land, bald schon wird es mehr Inder geben als Chinesen. Und diese Bevölkerung ist vor allem eines: jung. Die Zahl der Menschen, die monatlich auf den Arbeitsmarkt drängen, würde jedem europäischen Minister zwischen Stockholm und Rom chronische Schlaflosigkeit bereiten: eine Million Inder sind es – pro Monat.



    Gespaltenes Land: Slum-Viertel und große Landarmut einerseits, pulsierende Metropolen andererseits. Indiens Premier Modi will das Wirtschaftswachstum festigen - und sich dabei die junge Bevölkerung zunutze machen.


    Auch Indiens Premierminister Narendra Modi schläft nicht viel, drei bis vier Stunden am Tag, wie er sagt. Yoga und eine gute Atemtechnik würden ihm helfen, mit so wenig Schlaf auszukommen. Ansonsten ist er damit beschäftigt, jenes gewaltige Versprechen einzulösen, das ihn vor acht Monaten zum Sieg bei den nationalen Wahlen getragen hat: Entwicklung für Indien. Der große Wandel. Arbeit, Arbeit, Arbeit.

    Dafür streckt Indien nun seine Hand in verschiedene Richtungen über die Grenzen aus. Delhi möchte Partner für den Aufschwung gewinnen, und der indische Staat blickt dabei auch auf Deutschland. Subrahmanyam Jaishankar, Staatssekretär im Außenministerium, empfängt in seinem Büro, er spricht davon, dass Deutschland eine lange Geschichte der Industrialisierung durchlaufen und viele wertvolle Erfahrungen gemacht habe. „Neben den USA können die Beziehungen zu Deutschland und zwei, drei anderen Ländern einen Unterschied für uns Inder machen“. Modi wird im April als Gast die Hannovermesse eröffnen, so wird Indien ins Licht rücken, mit allen Chancen und Hürden, die den aufstrebenden Riesen in Südasien kennzeichnen.

    Gewaltige Aufgaben hat Modis Regierung zu schultern, und dabei darf man keinesfalls die Psyche der jungen Inder außer Acht lassen: „Unsere Menschen sind ruhelos“, sagt Amidabh Kant, Staatssekretär für Industriepolitik und Investitionen im Wirtschaftsministerium in Delhi. Er sagt es nicht einmal, sondern viermal. Er sitzt an einem langen Konferenztisch und entwirft ein großes Bild, wie Indien unter Modi vorankommen will. Und das klingt alles schön und gut: Digital India! Skill India! Make in India! All diese Kampagnen hat Modi losgetreten.

    Besonders die letztere – Make in India – ist Kants Domäne. Und er hat keine Schwierigkeiten, wortgewandt zu erklären, warum sie so viel Gewicht hat: „Manche dachten, Indien könne die industrielle Produktion einfach überspringen und ganz auf Dienstleistungen setzen“. Aber so werde es nicht gehen, sagt Kant. „Wir brauchen neue Fabriken, um Arbeitsplätze zu schaffen. Und das in großem Ausmaß.“

    In Indien erwirtschaftet dieser Sektor nicht einmal ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Das will Modi ändern. Doch damit dies gelingt, muss Indien zunächst massiv in Kraftwerke, Schnellzüge und Autobahnen investieren. Ohne Infrastruktur wird es kaum gehen, wenn man bedenkt, dass es bislang bis zu sieben Tage dauerte, um einen Container von der Hafenstadt Mumbai nach Delhi zu schaffen. Nun hilft japanisches Geld beim Bau einer Schnellzugstrecke, die den Transport künftig auf 24 Stunden verkürzen soll. Ein Anfang ist das, doch noch mehrere industrielle Korridore sind geplant, um den Aufschwung zu beschleunigen.

    Junge Ingenieure wie der Bauernsohn Kumar setzen auf einen solchen Schub, doch es gilt noch jede Menge Hürden aus dem Weg zu räumen. Woher, zum Beispiel, werden die nötigen Investitionen kommen, um den Traum vom Wandel umzusetzen? Das nötige Kapital zu mobilisieren, nennt der Industrie-Stratege Kant vorsichtig „eine Herausforderung“. Denn die Weltwirtschaft boomt nicht, sondern schwächelt eher vor sich hin. Gleichzeitig ist das aber auch ein Grund, weshalb viele nun nach Indien blicken. Im letzten Quartal 2014 verzeichnete die Wirtschaft ein Wachstum von mehr als sieben Prozent. Alle sehen, dass sich Chinas Wachstum allmählich verlangsamt, so rückt Indien als potenzieller künftiger Motor immer stärker in den Blick.

    Fragen an zwei renommierte Wirtschaftsexperten in Delhi: Rajiv Kumar ist Forscher am Centre for Policy Research, Arun Kumar ist Wirtschaftsprofessor an der Jawaharlal Nehru University. Sie teilen sich nicht nur einen Nachnamen, sondern sind sich auch mehr oder weniger einig darin, dass ihr Land ohne massive öffentliche Investitionen kaum vorankommen wird. „Der private Sektor hält sich noch zurück und wartet ab“, sagt der Universitätsprofessor. „Also muss der Staat vorangehen, damit sich später auch private Investoren stärker engagieren.“

    Ansonsten aber gehen die Ansichten der beiden Experten doch auseinander. Die Debatten in Indien sind sehr lebendig. Während Rajeev Kumar Premier Modi auf einem guten Weg sieht und den Ausbau des Industriesektors als essenziell einstuft, gibt sich sein Kollege von der JNU skeptisch. „Wir sehen noch kein klares Bild“, sagt er. „Ein Beispiel: Modi möchte 100 sogenannte Smart Cities schaffen, modern und innovativ. Aber was bedeutet das für alle anderen Städte und die mehr als 600000 Dörfer in unserem Land?“

    Indien bräuchte überall Entwicklung, sagt Arun Kumar, nicht nur in ausgewählten Vorzeigeprojekten. Nur wenn es eine ganzheitliche Politik gibt, die nicht alleine große Firmen fördert, kann Indien nach seiner Ansicht Erfolg haben. „Die Balance ist entscheidend“. Ende Februar stellt die Regierung ihren Haushalt vor, dann werde man sehen, wohin die Reise geht.

    Sorgen, dass die Modi-Regierung zu viel Gewicht auf große Unternehmen lege, weist der Industriestratege Kant im Ministerium zurück: „Natürlich brauchen wir dringend mehr kleine und mittlere Unternehmen, so wie sie es auch in Deutschland gibt.“ Zugleich will er nicht verschweigen, dass es mühsam ist, in Indien als Unternehmer Fuß zu fassen. Auf einem Index der Weltbank, der misst, wie leicht man in einem Land Business betreiben kann, liegt Indien lediglich auf Platz 142 von 189. Hinter Ländern wie Sierra Leone oder Kambodscha.

    „Wir haben schon 54 Regeln aus dem großen Katalog gestrichen“, sagt Kant. „Wir arbeiten daran, alles einfacher und schneller zu machen.“ Dazu gehört auch, die Verfahren transparenter zu machen, was helfen kann, die Korruption einzudämmen. Modi trägt das Gebot guten Regierens wie ein Mantra vor sich her. Daran werden sie ihn messen.

    Verpassen will die Chancen in Indien niemand, aber man sieht auch nur wenige Unternehmen voranpreschen, obgleich Modi schon seit acht Monaten regiert. Das könnte damit zu tun haben, dass er zwar viele kleine positive Schritte angestoßen hat, die großen drastischen Reformen, die viele erwarten, aber noch nicht umgesetzt sind. Ein Beispiel ist der Versuch, den Erwerb von Land für Unternehmen zu erleichtern. Modi hat dazu bereits ein Dekret erlassen, aber um es in ein haltbares Gesetz zu gießen, braucht Indiens Regierungschef das Parlament. Im Unterhaus hat er die Mehrheit, im Oberhaus jedoch nicht. Nur wenn er eine Sondersitzung beider Häuser beantragt, könnte er das durchsetzen. Aber Analysten sagen, er könne diesen außerordentlichen Weg nicht bei jedem Gesetz gehen.

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    SZ: Herr Kretschmann, stellen Sie sich vor, am Tisch sitzt eine Familie aus Kosovo. Sie hat alles aufgegeben in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wie würden Sie ihr erklären, warum in Deutschland kein Platz für sie ist?
    Winfried Kretschmann: Jedes Gesetz ergibt an seinen Rändern Probleme. Aber wenn wir Politik aus Worst-Case-Szenarien heraus machen, verlassen wir den Kerngehalt seiner Regelung. Dann verlieren wir die Mitte der Gesellschaft und brauchen uns nicht zu wundern, wenn Extreme vordringen. Deshalb weigere ich mich, auf so eine Frage einzugehen. Denn ob so eine Familie wieder abgeschoben wird, unterliegt einer sorgfältigen Einzelfallprüfung.

    Die Kosovaren sind ein Randproblem?
    Das habe ich nicht gesagt. Ich habe davon gesprochen, dass jedes Gesetz bei besonderen Situationen an seine Grenzen stoßen kann. Ganz grundsätzlich gilt hier: Wir haben ein Asylrecht, das für politisch Verfolgte gedacht ist. Zurzeit läuft die massenhafte Zuwanderung der Menschen aus Kosovo darüber – das kann aber nicht funktionieren, sie sind nicht politisch verfolgt. Das überfordert und gefährdet das Asylrecht. Wir müssen klar trennen zwischen dem Asylrecht für politisch Verfolgte einerseits und vernünftigen Bleiberechtsregelungen für jene, die hier sind und sich zum Beispiel in Ausbildung befinden andererseits. Genau dazu habe ich mich gemeinsam mit dem Kollegen Bouffier aus Hessen und der Kollegin Dreyer aus Rheinland-Pfalz an die Kanzlerin gewandt. Und wir brauchen endlich ein Einwanderungsgesetz. Alle drei Bereiche sind wichtig.



    Winfried Kretschmann ist der erste Ministerpräsident der Grünen. Er regiert seit 2011 eine grün-rote Koalition.


    Ihre Partei argumentiert gern moralisch. Sie selbst sind Christ. Zerreißt es Sie nicht, wenn Sie die beschleunigte Abschiebung der Menschen aus Kosovo fordern?
    Ich stehe da vor keiner Zerreißprobe. Um Ungerechtigkeiten auf der Welt zu beseitigen ist Moral notwendig, jedoch nicht hinreichend. In der Politik sind realistische Lösungen gefragt. So kann es nicht sein, dass in der EU fünf Länder 70 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen. Und ein Land wie die Niederlande macht die Türen zu.

    Für Kosovaren zeigt auch Deutschland wenig Offenheit.
    Die EU muss dort etwas gegen die Fluchtursachen tun. Zwei meiner Minister waren gerade dort, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu erkunden, etwa für eine bessere Ausbildung, für eine effektivere und qualitativ bessere Landwirtschaft oder mehr Kooperation im Hochschulbereich. Das sind wirksame Dinge. Offene Grenzen hat meine Partei früher schon mal gefordert, das musste sie wieder einsammeln, denn mit so einer Position scheitert man.

    Vorigen Herbst waren viele Grüne entsetzt über Ihren Asylkompromiss im Bundesrat. Drei Länder des Balkans sind seither als „sichere Herkunftsstaaten“ definiert. Das Asylrecht soll aber Individuen schützen. Wie kann man da Staaten – zumal solche wie Serbien, in denen Roma kaum Chancen haben – pauschal als sicher definieren?
    Menschenrechte kann man nicht verhandeln. Die Einzelfallprüfung beim Asylrecht gilt weiterhin...

    ...ist aber so gut wie ausgehebelt...
    Nein. Das Bundesverfassungsgericht hat das auch klargemacht. Das Asylrecht garantiert ein individuelles Verfahren, das ist in einigen Fällen nur erschwert und verkürzt. Die Anerkennungsquote lag bei den Ländern, die jetzt als sichere Herkunftsstaaten gelten, schon vorher fast bei null. De facto ändert sich kaum etwas. Und ich habe wesentliche Verbesserungen für die Flüchtlinge erreicht. Sie können zum Beispiel schneller eine Arbeit aufnehmen.

    Wären Sie bereit, auch Kosovo als sicheres Herkunftsland zu definieren?
    Wir erleben, dass der Zuzug aus Serbien keineswegs geringer geworden ist, nachdem das Land zum sicheren Herkunftsstaat erklärt wurde. Wir müssen Lösungen überlegen, die wirksam sind. Dazu gehört an vorderster Stelle die Beschleunigung der Verfahren das wurde jetzt von dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingeleitet. Und es muss darum gehen, die Verhältnisse in Kosovo zu verbessern. Wenn die Leute spüren, dass sie in Kosovo eine Perspektive haben, was aufbauen können, verlassen sie das Land auch nicht.

    Menschen abzuschieben wirkt wenig christlich. Lassen Sie als Politiker die Bergpredigt links liegen?
    Nein. Aber wer ist ein Jünger Jesu, der so radikal seine Nachfolge antritt, dass er ganz nach der Bergpredigt lebt? Wer schafft das? Vielleicht die Mutter Teresa. Unsere Verfassungsordnung ist durch und durch von christlichen Grundsätzen durchwirkt. Ich habe deutlich gesagt: Was das Asylrecht betrifft, ist das Boot nie voll! Schon das hat mir den Vorwurf der Naivität eingebracht.

    Wenn man das ernst meint, hätte man Grund, noch viel mehr zu moralisieren. Wo ist denn die deutsche Politik mit Hilfsmaßnahmen? Wo sind die Rettungsboote im Mittelmeer?
    Deutschland nimmt fast die Hälfte der Flüchtlinge auf, die nach Europa kommen. Baden-Württemberg hat sich bereit erklärt, ein Sonderkontingent von bis zu 1000 schutzbedürftigen jungen Frauen und Mädchen aus Syrien und Nordirak aufzunehmen. Das wird gerade organisiert. Genug ist es ja nie. Aber mit Rummoralisiererei löst man Krisen und Probleme nicht.

    Knicken Sie ein vor Ressentiments, und weil Sie um Ihre Chancen bei der Landtagswahl 2016 bangen?
    Unsinn. Ich lasse mich bei solchen Fragen nicht leiten von der Frage, ob ich dadurch meine Chancen bei der Wahl schmälere oder mehre. Für mich stehen immer die Belange von Land und Menschen im Vordergrund. Natürlich geht es auch darum, wie viel die Bevölkerung mitträgt. Ich werbe für Flüchtlinge, ich werbe für Empathie. Ich habe aber auch erlebt, wie die rechtsradikalen Republikaner früher in Stuttgart in den Landtag eingezogen sind. Ich bin froh, dass es heute anders ist. Aber ich muss auch sagen: Wir haben zu wenig Unterkünfte für Flüchtlinge. Wir wollen sie ja nicht in Zelten unterbringen.

    Wenn man Sie so hört, müssten Sie doch eigentlich den Satz von Horst Seehofer unterschreiben: „Wir sind nicht das Sozialamt für die ganze Welt.“
    Das sind aber die falschen Worte, solche Sätze finde ich bedenklich. Sie schüren Ressentiments, denen wir vorbeugen sollten. Mit einer solchen Polemik gewinnt man keine Menschen dafür, mehr für die Entwicklung von Ländern wie Kosovo zu tun.

    Mit Seehofer gäbe es in der Flüchtlingsfrage keine gemeinsame Initiative?
    So wie er dazu redet, kann ich mir das schlecht vorstellen.

    Ihr Prinzip der „Politik des Gehörtwerdens“ scheint Seehofer nun beim Thema Energiewende zu praktizieren. Er will den Ausbau der Stromtrassen stoppen, weil der Widerstand so groß ist.
    Horst Seehofer und ich haben ein gemeinsames Energiepapier gemacht, weil Bayern und Baden-Württemberg die gleichen Interessen haben. Beide Länder hatten einen Atomstromanteil von mehr als 50 Prozent, und bei der Abschaltung der noch in Betrieb befindlichen AKWs gehen weitere 8000 Megawatt Grundlast vom Netz. Da brauchen wir natürlich Kapazitäten für flexible Gaskraftwerke, aber wir brauchen auch ein gut ausgebautes Leitungssystem. Denn wir wollen am Ende ja nur regenerative Energien. Insofern ist mir Seehofers derzeitige Haltung unverständlich. Und ich halte sie auch nicht für verantwortlich. Die Kanzlerin und der Bundeswirtschaftsminister sind jetzt gefragt, den Netzausbau gegenüber einem Land durchzusetzen, das ihn selber mit beschlossen hat.

    Können Sie ihn verstehen, wenn Seehofer Volkes Stimme nachgibt?
    Der Widerstand ist teilweise stark, aber deswegen darf man nicht einknicken. Die Politik des Gehörtwerdens bedeutet nicht, jedem Protest nachzugeben. Denn es besteht die Gefahr, dass wir dann gespaltene Strompreismärkte bekommen, und es kann wirklich nicht im Interesse der süddeutschen Länder sein, dass wir hier mehr bezahlen. Ausgerechnet wir, die wir die Industrie haben, die den Strom braucht. Insofern ist mir schleierhaft, was die bayerische Staatsregierung umtreibt.

    Diese Politik des Gehörtwerdens: Täuscht der Eindruck, dass Ihnen das Zuhören oft auf die Nerven geht?
    Wenn der 17. Besserwisser kommt, wird es manchmal schon schwer. Gerade die Windkraftgegner tun manchmal so, als hätte ich mich noch nie mit Windkraft beschäftigt. Trotzdem: Ich lobe das Engagement unserer Bürger. Diese Leute sind halt auch aufmüpfig. Man kriegt das nur im Paket: das Engagement und die Aufmüpfigkeit.

    Einer der Gründungsmythen Ihrer Partei hat gerade Jubiläum: Wyhl, 40 Jahre Bauplatzbesetzung, der Ursprung der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Da waren Menschen am Werk, die sich gegen eine gewählte Regierung stellten. Das passt eigentlich so gar nicht zum Politikverständnis, wie Sie es gerade darlegen.
    Als Ministerpräsident bin ich nun mal in einer anderen Rolle. Ich habe einen Eid auf die Verfassung abgelegt. Darin heißt es: Die Exekutive ist an Recht und Gesetz gebunden. Ich sag mal so: Wenn eine Revolution erfolgreich war, legitimiert sie sich ex post. Jetzt, nachdem wir in einem nationalen Konsens aus der Atomkraft ausgestiegen sind, muss man diesen Leuten große Weitsicht attestieren...

    ... waren Sie selbst dabei in Wyhl?
    Ja. Da ging es um Jahrtausendfragen, wenn man allein das Problem der Atommüll-Entsorgung bedenkt. Ich sage immer: Die Narren von heute können die Helden, sie können aber auch die Obernarren von morgen sein.

    Sie selbst sind hier gelandet, im Amtssitz des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.
    Das macht mich sehr zufrieden. Als wir dem Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft einstimmig zugestimmt haben bei der Ministerpräsidentenkonferenz, dachte ich: Winfried, es hat sich schon gelohnt.

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  • 02/23/15--05:00: "Orgasmisch gutes Gebäck"
  • jetzt.de: Herr Professor, Sie haben fast eine Million Restaurantkritiken im Internet verglichen. Und herausgefunden, dass Menschen in schlechten Kritiken die gleichen Sprachmuster verwenden wie Überlebende von Terroranschlägen.
    Dan Jurafsky: Richtig. Wenn man zum Beispiel Blogeinträge von vor und nach dem 11. September untersucht, kann man den Grad der Traumatisierung an der Wortwahl messen.

    Wie schreibt jemand, der traumatisiert ist?
    Er verwendet zum Beispiel mehr Vergangenheitsform als Präsens und erwähnt viele andere Leute. Und die Texte sind oft in der ersten Person Plural verfasst, also „wir“, „uns“, „unsere“. . . Überraschenderweise genau wie viele Gastro-Kritiken mit einem Stern, also der schlechtesten Note.

    Ein mieser Restaurantbesuch traumatisiert uns also wie ein Terroranschlag?
    Nicht ganz so schwer, aber ähnlich.



    Sprache geht durch den Magen.

    So schlimm kann Essen sein?
    Schlimm ist eher das Zwischenmenschliche. Die Menschen schreiben in den Kritiken selten über das miese Essen, sondern fast immer über das Personal: Wie respektlos, unfreundlich oder gemein es war.

    Nicht das Essen, sondern die Kellner machen ein Restaurant also erst richtig schlecht?
    Zumindest bleibt uns ein unfreundlicher Kellner länger in Erinnerung. Wir gehen eben nicht nur in ein Restaurant, um zu essen. Sondern auch, um uns mit Menschen zu umgeben.

    Warum schreiben die Leute überhaupt so gerne Restaurantkritiken im Netz?
    Bei negativen Kritiken sind die Texte eine Art Selbsttherapie. Es fühlt sich besser an, ein schlimmes Erlebnis mit anderen zu teilen. Wenn man schon nichts dran ändern kann, hat man wenigstens irgendetwas unternommen.

    Indem man darüber lästert?
    Genau. Auch Gossip hat ja eine gesellschaftliche Funktion: Dadurch, dass wir uns schlimme Sachen weitererzählen, soll verhindert werden, dass sie wieder passieren. Eine Art Warnfunktion.

    Warum schreibt man dann gute Kritiken?
    Dabei geht es viel ums Angeben. Eine Fünf-Sterne-Kritik zu schreiben, ist eine Art, öffentlich zu prahlen. Diese Texte sind oft sehr lang. Interessant ist, dass sie je nach Preissegment anders aufgebaut sind: Wenn Menschen ein billiges Restaurant loben, beschreiben sie lang und breit, wie sie es gefunden haben. Wenn sie ein teures Restaurant loben, erzählen sie erst mal den Grund für den Besuch, als müssten sie ihn rechtfertigen. Sie erwähnen zum Beispiel, dass es das Geburtstagsessen mit dem Ehemann war.



    Dan Jurafsky leitet den Lehrstuhl für Linguistik an der Standford Universität. Kürzlich erschien sein Buch "The Language of Food", in dem er untersucht, wie Gastronomen und Kritiker über Essen schreiben und sprechen.

    Stimmt es eigentlich, dass Menschen im Internet zu Extremen tendieren? Entweder brutale Kritik oder überschwängliches Lob?
    Nein. Wir haben aber herausgefunden, dass Menschen in ihren Bewertungen – nicht nur auf Gastro-Seiten wie Yelp, sondern zum Beispiel auch auf Amazon – zum Lob tendieren. Vielleicht wollen wir uns lieber an das Positive erinnern. Wenn Menschen Links zu Zeitungsartikeln an ihre Freunden weiterleiten, sind das häufiger positive Artikel. Es ist uns offenbar wichtig, als positiv wahrgenommen zu werden.

    Sie haben auch nachgewiesen, dass positive Restaurantkritiken häufig sexuelle Formulierungen enthalten.
    Ja, die Autoren schreiben zum Beispiel von „orgasmisch gutem Gebäck“ oder „verführerisch sautierter Gänseleber“. Interessanterweise aber nicht in allen guten Lokalen, sondern nur in sehr teuren.

    Warum?
    Vielleicht, weil man teure Restaurants tendenziell mit dem Partner oder für ein Date besucht. Da sind die Gedanken ohnehin schon näher am Sex.

    Wie schreiben die Leute über gute billige Lokale?
    Da tendieren sie zu Drogen-Jargon. Also Formulierungen wie „die Cupcakes machen sofort süchtig“ oder „die Knoblauchnudeln sind meine Droge der Wahl“. Sogar der Vergleich mit Crack taucht häufig auf.

    Seltsam.

    Dachte ich auch! Dann haben wir nachgeschaut, welches Essen auf diese Art beschrieben wird. Es ist fast immer ungesundes Zeug, Chicken Wings, Pizza, Süßigkeiten. Unsere Folgerung: Indem man über Junkfood spricht wie über eine Droge, gibt man Verantwortung ab. Man suggeriert: Der Cupcake hat mich gezwungen, ihn zu essen! Also fühlt man sich weniger schuldig.

    Unterscheidet sich das zwischen Mann und Frau?
    Frauen benutzen diese Art der Formulierung häufiger. Sie werden offenbar stärker dahin gehend sozialisiert, sich schuldig zu fühlen, wenn sie einen Schokoladenkuchen gegessen haben.

    Sie haben auch die Sprache von Speisekarten untersucht – und einen Zusammenhang zwischen Wortwahl und Preisen entdeckt.
    Oh ja, eine meiner liebsten Entdeckungen! Je billiger ein Restaurant ist, desto mehr Worte benutzt es insgesamt, die Karte ist größer. Außerdem wird der Gast oft direkt angesprochen und das Wort „Wahl“ taucht öfter auf.

    Warum?
    Ein billiges Lokal will, dass ein Gast möglichst jeden Tag zum Essen kommt. Eine große Karte oder ein Satz wie „Beilagen nach Ihrer Wahl“ deuten darauf hin, dass der Gast viele Optionen hat. Feine Restaurants funktionieren eher wie ein Theater: Du gehst hin und lässt dich vom Küchenchef überraschen. Viele sehr teure Restaurants haben gar keine Speisekarte mehr.

    Und wenn sie eine haben, verwenden sie weniger Worte?
    Ja, und vor allem wenige Adjektive, die den Geschmack beschreiben. „Köstlich“, „zart“ oder „frisch“ – wenn Sie die in einer Karte finden, können Sie davon ausgehen, dass das Essen günstiger ist.

    Warum?
    Wenn ein Lokal erwähnen muss, dass etwas „köstlich“ oder „frisch“ ist, dann ist das offenbar nicht selbstverständlich. Teure Restaurants wollen ihre Gäste gar nicht erst auf den Gedanken bringen, dass etwas nicht köstlich oder frisch sein könnte.

    Status drückt sich also durch Schweigsamkeit aus.
    Genau. Vor hundert Jahren war es noch andersrum: Da hatten die teuersten Lokale die längsten Karten. Seit viele mittelmäßige Restaurants das adaptiert haben, setzen sich die Premium-Lokale durch minimalistische Karten davon ab. Der berühmte Soziologe Bourdieu hat gesagt: „Wie man seinen Status ausdrückt, ist beliebig. Alles was zählt, ist etwas anders zu machen als der Rest.“

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