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  • 12/25/15--23:00: Meine Oma, der Flüchtling




  • "Flüchtlingskinder hatten in unserer Gegend einen schlechten Ruf, weil sie noch ärmer als der Rest waren."


    Maria Bohm, 76, floh von Serbien nach Niederbayern:

    „Einen Moment im Jahr 1945 werde ich nie vergessen, dabei war ich da erst fünf Jahre alt. Ich kann mich noch ganz genau an die Worte des Mannes erinnern. Meine Eltern, meine ältere Schwester, ihr Baby und ich waren bei einem Bauern in Niederbayern untergebracht. Besser gesagt, die Amerikaner zwangen ihn, uns aufzunehmen. Er war ein sehr gemeiner Mann, die Situation dort war schlecht. Wir teilten uns zu fünft ein Zimmer und wir Kinder durften drei Monate lang nicht raus zum spielen. Aber: Wir waren auf seine Gnade angewiesen. 



    Maria Bohm (Vorderreihe, 3. v. r.) nach ihrer Flucht in Niederbayern und heute.


    Wir saßen also eines Abends bei dem Bauern zum Essen, die Milchsuppe stand in einem großen Kessel auf dem Tisch und alle aßen mit der Kelle daraus. Als mein Vater nach einem Teller fragte, sagte der Bauer: ‚Wie ich sehe, bist sogar ein richtiger Feinschmecker. Nix kriegst!‘ Wir fühlten uns gedemütigt. Er wollte uns nicht bei sich haben. Und wir wollten nicht dort sein. Aber wo sollten wir hin?

    Im Oktober 1944 sind wir aus dem heutigen Serbien geflohen. Dort lebte meine Familie seit Generationen. Ich, meine Schwester und ihr Baby konnten auf dem Planwagen eines Nachbarn mitfahren, meine Mutter ist die ganze Strecke bis nach Schlesien gelaufen. 

    Mein Vater war zu der Zeit bei der Wehrmacht in Deutschland stationiert. Zweimal ist er dort abgehauen, hunderte Kilometer umhergeirrt, um uns zu suchen und uns für ein paar Tage zu begleiten. Ein Mal sogar nur für eine Nacht. Meine Mutter hatte wahnsinnige Angst, dass die Wehrmacht meinen Vater erschießt, wenn sie merken, dass er nicht mehr da ist. Von Schlesien aus ging es in einem Viehwaggon weiter nach Deutschland. Drei Tage waren wir in dem Zug eingeschlossen, ein alter Mann starb darin. Meine Mutter erzählte noch Jahre später davon. 

    Die ersten eineinhalb Jahre in Deutschland wurden wir von Lager zu Lager geschickt, kamen dazwischen immer wieder mal bei Bauern wie dem gemeinen in Niederbayern unter. Gott sei Dank waren nicht alle so wie er. Wir waren auch ein paar Wochen in einer Außenstelle des ehemaligen KZs Flossenbürg untergebracht, das zu dem Zeitpunkt erst seit Kurzem leer stand. Ein paar Monate vorher waren dort noch Juden ermordet worden, jetzt waren wir dort. Es gab fast keine Betten oder Pritschen, die Essensversorgung war miserabel. Das war auch die Zeit, als meine Mutter gemeinsam mit einer anderen Frau zum Betteln um Essen auf die umliegenden Höfe ging. Die Einheimischen haben sehr unterschiedlich reagiert. Bei manchen gab es zwei Eier und einen Löffel Schmalz, andere haben die Vorhänge zugezogen und nicht aufgemacht.

    In Serbien hatten wir ein schönes Haus, viel Platz, wir mussten uns um Dinge wie Essen oder Kleidung nie Gedanken machen. Und jetzt ging meine Mutter plötzlich betteln. 

    Von der Kleidung her gab es auf jeden Fall Unterschiede zu den Einheimischen. Auch wenn alle unter dem Krieg litten, so war ich mit Sicherheit schlechter angezogen als die anderen Kinder. Mein Kleid für den ersten Schultag bestand aus einer umgenähten Wehrmachtsdecke. Manche hänselten mich deswegen. Aber das war mir damals egal, ich mochte es sehr. 

    Flüchtlingskinder hatten in unserer Gegend einen schlechten Ruf, weil sie einfach noch ärmer als der Rest waren. Aber das wurde einem nicht direkt gesagt, das waren mehr die Blicke und die Ermahnung an die einheimischen, bayerischen Kinder, nach Hause zu kommen und nicht mit uns zu spielen. Für die Erwachsenen war das sicher auch nicht leichter. Als meine Eltern nach Monaten Arbeit auf einem Gutshof fanden, wurde die ganze Situation langsam besser. Die Einheimischen sahen, dass wir mindestens genauso hart arbeiteten wie sie. Dadurch wurde das Misstrauen geringer.“

    patrick-wehner

    [seitenumbruch]

    "Verzweifelt ging ich ans Seeufer und überlegte lange, hineinzugehen"


    Erika Jarchov, 97, ist von Frankfurt Oder nach Schleswig-Holstein geflohen:

    Im Juni 1945 kamen wir in Gleschendorf in Schleswig-Holstein an. Es war das Ende der mehrmonatigen Flucht von uns vier Frauen: meiner Mutter, meiner Schwester, meiner Cousine und mir. Oder eigentlich fünf, denn ich war 27 und im achten Monat schwanger. Mit einem Mädchen, wie sich herausstellen sollte. Männer gab es in unserer Familie nicht mehr. Mein Vater, mein Bruder und der Mann meiner Schwester waren gefallen. Mein Mann war an der Ostfront. Am 30. Januar wurde der Befehl erteilt, dass Frauen und Alte Frankfurt an der Oder verlassen müssen. Also machten wir uns auf den Weg. Zunächst war auch meine 90-jährige Großmutter dabei. Mit dem Zug wollten wir nach Berlin. Vor Fürstenwalde fielen die Bomben. Also rannten wir raus. Wir konnten nur mitnehmen, was wir am Körper trugen.



    Erika Jarchov mit ihrem Urenkel

    Zunächst kamen wir in U-Bahn-Schächten unter. Dann ging es zu Fuß zu unserer Tante in Pritzwalk. Dort erlag meine Großmutter den Strapazen der Flucht. Doch wir konnten nur kurz ausruhen. Die Russen kamen immer näher. Und was die mit Frauen machten, wollten wir uns gar nicht vorstellen. Meine Tante bat uns, ihre 14-jährige Tochter mitzunehmen. Weiter ging es mit  Fahrrädern und zu Fuß. Irgendwie über die Elbe kommen, dann vielleicht nach Schleswig-Holstein, wo eine Freundin meiner Schwester wohnte. Wir schlugen uns durch, stachen Spargel oder rupften Kartoffeln. Dafür gab es Suppe und Wasser. Die Russen blieben uns im Nacken. Manchmal kamen sie nur Stunden später in dem Ort an, den wir gerade verlassen hatten. Einige Zeit verbrachten wir in einem Lager der Engländer auf freiem Feld. Ein paar Wochen lebten wir im Haus eines Straßenarbeiters. Behandelt wurden wir eigentlich überall gut. Viele Menschen halfen uns. Das hatte bestimmt auch mit meinem Zustand zu tun, der unübersehbar wurde.

    Als wir endlich in Gleschendorf ankamen, fand ich sofort Arbeit, denn ich war Englischlehrerin. Und Englisch wollten jetzt alle lernen. Ich gab Privatstunden, dafür bekam ich Milch, Kaffee, Brot und manchmal ein bisschen Geld. So brachte ich unseren Frauenhaushalt anfangs durch. Ablehnung erlebten wir nur ganz vereinzelt. Am schlimmsten traf es mich, als ich den Mann der Gemeindeverwaltung fragte, ob es nicht ein Zimmer gebe, wo ich mit dem Baby unterkommen könne. Er antwortete barsch: „Ich kann mir auch kein Zimmer aus den Rippen schneiden. Im Pönitzer See ist Platz genug.“ Verzweifelt ging ich ans Seeufer und überlegte lange, hineinzugehen und nicht mehr wiederzukommen. Aber was wäre, wenn mein Mann zurückkommen und erfahren würde, dass ich und sein Kind, das er nie gesehen hat, es bis hierher geschafft haben – und ich dann aufgegeben habe? Also machte ich weiter, bekam meine Tochter, arbeitete. Während die anderen Frauen sich um sie kümmerten, wurde ich Lehrerin. Mein Mann kam nie zurück. Er war in Ostpreußen von einem Granatsplitter getroffen worden, wie ich Jahre später erfuhr. Meine Tochter aber wurde mein Lebensglück.

    Heute bin ich vierfache Groß- und dreifache Urgroßmutter. Ins Elternhaus in Frankfurt an der Oder konnten wir nicht zurück, denn als Ehefrauen von Offizieren hätten wir dort nicht arbeiten können. Als wir es nach der Wende doch noch zurückbekamen, vermieteten wir es. Meine Heimat ist jetzt hier in Schleswig-Holstein.

    constantin-wissmann

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    "Der Mann, der uns bei der Flucht half, war ein amerikanischer Offizier. Meiner Mutter habe ich nie erzählt, dass er mich kurz vor der Flucht vergewaltigt hat."



    Ingeborg Heidler, 87, floh aus dem Egerland, heute in Tschechien, nach Stuttgart:

    „Ich war in meiner Familie die erste, die geflohen ist. Wir lebten damals im Egerland, in der ehemaligen Tschechei. Ich war 17 Jahre alt. Es ging uns gut, wir besaßen eine Porzellanfabrik bei Karlsbad. 1945 sollte ich zur Zwangsarbeit nach Russland eingezogen werden. Ich war verrückt vor Angst, weil ich dachte, dass ich von dort vielleicht nie wieder zurückkommen würde. Der Mann, der uns bei der Flucht half, war ein amerikanischer Offizier. Meiner Mutter habe ich nie erzählt, dass er mich kurz vor der Flucht vergewaltigt hat. Er konnte uns retten, also schwieg ich. Wir flohen sieben Tage und sieben Nächte lang, versteckten uns in Vieh- und Tankzügen, immer in der Angst, entdeckt zu werden.

    Als wir uns endlich trauten, aus den Tanks zu schauen, sahen wir lauter Köpfe vor uns – wir waren erleichtert, nicht die Einzigen zu sein. Die ganze Zeit klammerte ich mich an meinen winzigen Koffer, darin nur eine Zahnbürste und Unterwäsche; meine Mutter hatte einen Pelzmantel dabei.


    Ingeborg Heidler damals und heute.

    Sobald wir in Stuttgart ankamen, waren wir auf einmal von Autos der Amerikaner umringt. Wir alle mussten eine Nacht ins Gefängnis, weil wir fünf Minuten nach der Sperrstunde ankamen. Hier hofften wir bei meinem Onkel unterzukommen, wussten aber nicht, ob er noch lebt. Als wir an seine Türe klopften, rief er von der anderen Seite: ‚Kommt nur rein, ich habe gerade von euch geträumt!‘ Meine Mutter kehrte dann kurze Zeit später wieder zurück zu meinem Vater und meinem Bruder, bis sie 1946 schließlich aus Egerland vertrieben wurden.

    In Stuttgart wurde ich aufgenommen wie eine Tochter. Wir hatten wirklich großes Glück. Ich kochte und putzte für die vierköpfige Familie, sodass die Nachbarn dachten, ich sei die Haushaltshilfe. Als meine Eltern ein Jahr später mit meinem kleinen Bruder nachkamen, lebten wir in zwei winzigen Dachkammern, hatten keine Toilette und wuschen uns in der Küche. Die Zimmer gehörten eigentlich anderen Familien. Deswegen zeigten die Leute mit dem Finger auf uns. Wir waren immer ‚die Flüchtlinge‘, die anderen den Platz wegnahmen. Das war hart.

    Keiner konnte sich vorstellen, wie wir alle in ein Land passen sollten. Vergewaltigungen waren nicht selten – ich schmierte mir deswegen manchmal Asche ins Gesicht und stopfte meine Kleider mit Kissen aus, um älter auszusehen.

    Wir waren sehr arm, lebten dicht gedrängt. Manchmal gab es deswegen Streit mit den Nachbarn, die oft selbst Flüchtlinge waren. Zu Essen gab es oft nur trockenes Brot. Aber in den Flüchtlingskasernen war es noch viel schlimmer. Ich hatte großes Heimweh, vermisste die Wälder und die Natur. Aber ich hatte Hoffnung, dass es durch die Arbeit besser würde. Ich hätte gerne studiert, hatte aber kein Abitur, also fing ich eine Ausbildung zur Dolmetscherin an. Ich lernte wie verrückt. Nach meinem Abschluss ernährte ich ein Jahr lang die ganze Familie. Mein Vater war mit 50 zu alt, um eine Anstellung zu finden.

    Meinen Eltern fiel es schwerer als uns Kindern, die Flucht zu verarbeiten. Sie hatten ihre ganze Existenz aufgegeben, zu Hause eine erfolgreiche Fabrik geführt – und hatten hier plötzlich nichts. Einmal fand mein Vater 1000 Mark in einem alten Anzug. Aber unser Geld war nichts mehr wert. Es brauchte sicher drei, vier Jahre, bis wir uns integriert hatten. Mein Onkel, auch ein Fabrikant, half uns mit allem. Er gab meinen Eltern Arbeit in der Fabrik. Ich weiß nicht, was wir ohne ihn gemacht hätten.

    Seitdem war ich ein paar Mal im Egerland. Es ist immer noch meine Heimat. Auch wenn ich akzeptiert habe, dass ich dort nicht mehr leben kann. Bis heute weiß ich nicht, wo ich zu Hause bin.“

    sina-pousset

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    "Vor der ganzen Klasse wurde ich für mein schlechtes Deutsch gedemütigt"



    Friedhelm Höckendorff, 78, ist von Pommern nach Schleswig geflohen:


    „Es war der 21. Juni 1946, die Sonne war gerade aufgegangen, als meine Eltern meine beiden Schwestern und mich zur Flucht weckten. Ich war neun Jahre alt. Wir lebten auf einem Bauernhof nahe Stolp (polnisch Slupsk) in Pommern. Pommern gehörte jetzt nicht mehr zu Deutschland, die Russen vertrieben systematisch Familien aus ihren Häusern. Meine Eltern hatten 30 000 Zloty an einen Polen gezahlt, der die Flucht Deutscher aus den Ostgebieten organisierte. Aus Bettlaken und Handtüchern hatten sie Rucksäcke gefertigt und ihre Sparbücher in die Seitentaschen eingenäht. Die Rucksäcke lagen in einem vierrädrigen Handwagen. Daneben, in einige Wolldecken eingewickelt, mein acht Wochen alter Halbbruder Dieter. So zogen wir los.


    Friedhelm Höckendorff nach der Flucht im selbstgenähten Mantel und rechts heute.

    Nach zehn Kilometern Fußmarsch stiegen wir in einen Güterwaggon, der uns ins Massenlager Stettin-Frauendorf brachte. Wir fühlten uns wie Vieh. Kinder schrien, Mütter stillten, in einer Ecke stand ein Eimer, in den man sich entledigen konnte. Im Flüchtlingslager wurden wir von russischen Soldaten gefilzt. Wer noch Wertsachen hatte, dem wurden sie weggenommen. Die Sparbücher wurden aus unseren Rucksäcken geschnitten, obwohl ich nicht glaube, dass die Soldaten etwas damit anfangen konnten.

    Schließlich gerieten wir nach Schleswig-Holstein und lebten wochenlang inDurchgangslagern. Zusammengepfercht mit anderen Familien hausten wir in turnhallenartigen Räumen oder fensterlosen Dachböden auf Holz oder Stroh. Die Menschen kämpften um Nahrungsmittel und Toiletten. Mütter waren überfordert mit der Erziehung ihrer Kinder. Einmal beobachtete ich eine Frau, die ihren Stiefsohn an einem Balken festband und mit einem Gürtel verprügelte.

    In einem Barackenlager nahe des Schlosses Gottorfs in Schleswig lebten wir schließlich drei ganze Jahre lang. Not macht erfinderisch, sagt man: Des faden Lageressens überdrüssig, gingen wir Kinder Beeren und Ähren sammeln und sogar jagen. Mit einigen älteren Jungs zusammen fertigten wir Floße, Reusen und Angeln, um in der Schlei Fische und Wildenten zu fangen. Trotzdem mussten wir oft hungrig zu Bett. Besonders schlimm war der erste Winter, der zu allem Unglück auch noch der kälteste seit Jahrzehnten war. Doch war diese Zeit auch abenteuerlich und erlebnisreich. Ich erinnere mich gern daran.

    In der Schule war ich gut. Doch unser Lehrer, ein alter, kriegsversehrter Mann, war nicht gut auf Flüchtlingskinder zu sprechen. Vor der ganzen Klasse wurde ich für mein schlechtes Deutsch gedemütigt. Ein Schlüsselerlebnis: Ich nahm mir vor, Lehrer zu werden und niemals einen Schüler bloßzustellen. Viele Jahre später wurde ich Direktor einer Grund- und Hauptschule.

    Im folgenden Sommer verdorrte die Ernte auf den Feldern. Hinzu kam, dass die Bevölkerung von Schleswig-Holstein durch uns Heimatvertriebene von 1,6 auf 3,6 Millionen angestiegen war. Alle litten Hunger. Bei den Schulspeisungen entlud sich der Frust der Einheimischen. Wir wurden oft als ‚Flüchtlingspack‘ beschimpft. Ein Mitschüler schleuderte mir einmal seine Essensdose gegen den Kopf. Die Narbe habe ich heute noch.

    Nach drei Jahren bezogen wir eine eigene, winzige Wohnung. Mein Vater arbeitete bei der Bahn. Wir lebten von der Hand in den Mund. Wenn der Kohlehändler seine Ware ausfuhr, versuchten wir Briketts zu stehlen, um unsere Wohnung zu heizen. Unsere Lebensumstände waren dürftig, aber ich trat der Evangelischen Jungschar bei, lebte mich ein und fühlte mich schon bald in Schleswig zu Hause.“

    mercedes-lauenstein
    [seitenumbruch]

    "Ein Beamter sagte: ‚So lange ich hier arbeite, haben Sie als Flüchtling gar nichts zu fordern.‘"


    Annemarie Haunhorst, †83, ist von Schlesien nach Melle geflohen. Ihre Enkelin war vor ihrem Tod auf ihren Spuren unterwegs:

    Im April dieses Jahres war ich das erste Mal in Schweidnitz. Die Stadt heißt heute Świdnica, aber die deutschen Grabsteine vor der Friedenskirche erinnern noch daran, dass Świdnica früher zu Deutschland gehörte. In jene Friedenskirche ging meine Großmutter Annemarie bis 1945 regelmäßig mit ihrer protestantischen Großmutter. Danach musste sie flüchten.

    Kurze Zeit darauf berichtete ich meiner Oma von meiner Reise: Dass an der Kathedrale mittlerweile eine hässliche Papst-Statue steht und ich die Flurstraße, in der sie früher wohnte, wegen der neuen Straßennamen leider nicht gefunden hatte. Bei meiner Oma kamen die alten Erinnerungen hoch. Sie erzählte:



    Annemarie Haunhorst in dem Kleid, wegen dem eine Frau aus Melle einen Wutanfall bekam. Rechts bei ihrer diamantenen Hochzeit.

    „Im Februar 1945, ich war noch keine 13, pochte es bei uns an der Tür. Davor stand deutsche Militärpolizei mit Gewehren, im Volksmund auch ‚Kettenhunde‘ genannt. Sie sagten, wir hätten zwei Stunden Zeit, um unsere Sachen zu packen. Nicht mehr als ein Koffer pro Person. Dann sollten wir zum Bahnhof gehen, ein Zug würde uns wegbringen.

    Mein älterer Bruder war zu diesem Zeitpunkt in Norwegen in Kriegsgefangenschaft, meine Mutter war bereits alt und schwer krank. Mein Vater durfte nicht mit uns kommen, er leitete das Telegrafenamt in Schweidnitz und der Betrieb dort sollte aufrecht erhalten werden. Er sagte noch, die Polen oder Russen würden ihm sicher nichts tun, schließlich sei er ja für sie von Nutzen. Als wir meinen Vater das letzte Mal am Bahnhof sahen, hatte er einen kleinen Jungen an der Hand, der nur sagen konnte, dass er „Paul“ heiße. Er hatte seine Eltern verloren. Mein Vater wollte sich um ihn kümmern. Dann stiegen wir ein in einen Güterzug, von dem wir nicht wussten, wohin er uns bringen würde.

    Wir waren acht Tage unterwegs, viele Menschen auf engem Raum mit wenig zu Essen. Ich hatte Angst, aber da meine Mutter so krank war, riss ich mich zusammen. In Tschechien wurden wir in einen anderen Zug verladen, der brachte uns nach Erfurt. Dort kamen wir in ein Lager.

    Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt sehr schwach. Sie blutete ständig aus dem Unterleib, es gab keine Medizin. Ich versuchte, sie zu pflegen. Zum Glück wurde uns in Erfurt ein Zimmer bei einer netten, alten Frau zugeteilt, die auch sehr gläubig war und mich in die Kirche mitnahm.

    Irgendwann in dieser Zeit bekamen wir Nachricht von meinem Bruder: Er war aus Norwegen geflüchtet und lebte nun bei seiner Verlobten in der Gegend von Hildesheim. Von da an versuchten wir, einen Schein zu beantragen, der uns den Zuzug in die Westzone erlaubte, zu meinem Bruder. Der zuständige Beamte sagte jedes Mal, wenn ich kam: ‚So lange ich hier arbeite, haben Sie als Flüchtling gar nichts zu fordern.‘ Das hat mich fast verzweifeln lassen. Ich bin dann mehrmals illegal durch den Wald über die Grenze gelaufen. Da meine Mutter für diese Reisen zu krank war, war allerdings klar, dass wir einen offiziellen Zuzugsschein brauchten.

    Im Frühjahr 1948 wurde uns dieser schließlich doch genehmigt. Erst kamen wir bei meinem Bruder unter, dann wurden wir ins niedersächsische Melle verlegt, bei der Familie eines reichen Fabrikbesitzers sollte angeblich Platz für uns sein. Als wir dort klingelten, machte uns niemand auf. Stattdessen hörten wir jemanden sagen: ‚Oh Gott, bloß keine Flüchtlinge.‘ Das Amt hat dann nicht darauf beharrt, dass wir dort wohnen, sondern uns einer anderen Familie zugeteilt.

    Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur noch ein Kleid. Irgendwann hat meine Mutter mir ein neues gekauft, obwohl wir uns das eigentlich nicht leisten konnten. Eine Frau aus dem Ort sah mich darin. Ihr Sohn hat mir später erzählt, wie sie zu Hause wütend das gleiche Kleid aus ihrem Schrank riss und darauf rumtrampelte. ‚Ich trage nicht das Gleiche wie ein Flüchtlingsmädchen‘ hat sie gesagt.

    In Melle erfuhr ich auch, dass mein Vater tot ist. Er hatte einen Treppensturz und war im Telegrafenamt nicht mehr nützlich. Das letzte Mal wurde er in Schweidnitz gesehen, wie er im Müll nach Essbarem suchte. Er bekam dann eine Angina und starb. Vielleicht hat sein geschwächter Körper das verschimmelte Brot nicht mehr vertragen.“ 

    An dieser Stelle fing meine Oma an zu weinen. Mein Opa hielt ihr die Hand. Die Flucht hatte auch etwas Gutes: In Melle hat meine Oma meinen Opa kennengelernt. 1954 heirateten die Beiden. Da sie kaum Geld hatten, überließ meine verwitwete Uroma ihnen ihren Ehering. Meine Oma hat darin den Spruch „Für meine Mutter“ eingravieren lassen.

    Meine Oma Annemarie ist am 17. Juni 2015 überraschend verstorben. Ihren Ehering hat sie mir vermacht. Ich trage ihn jeden Tag. 

    charlotte-haunhorst



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    "Wie viele meiner Generation habe ich wenig über meine Vergangenheit gesprochen."


    Helga Klose, 80, floh zweimal in ihrem Leben:

    "Im Januar 1945 war ich zehn Jahre alt. Ich lebte mit meiner Mutter, meinen zwei älteren Schwestern und zwei jüngeren Brüdern in unserer niederschlesischen Heimat Liegnitz (polnisch Legnica). Mein Vater war im Krieg. Die Front rückte näher. Weihnachten war ausgefallen.

    Liegnitz befand sich im Chaos. Es herrschte Angst vor der Roten Armee und ein eiskalter Winter. Tausende Flüchtlinge strömten aus dem Osten in die Stadt. Unsere Familie hatte Glück. Eine Tante, die bei der Bahn arbeitete, informierte uns über den letzten offiziellen Zug, der Liegnitz am 31. Januar Richtung Thüringen verlassen würde.



    Helga Klose heute.

    Der Zug stand weit außerhalb der Stadt. Als meine Mutter sich mit uns fünf Kindern dorthin auf den Weg machte, fragten Nachbarn: „Wollt ihr jetzt schon weg?“ Viele von ihnen kamen später nicht mehr aus der Stadt raus.

    Die Fahrt von Liegnitz nach Altenburg hätte normalerweise wenige Stunden gedauert. Doch wegen zerstörter Bahngleise und Tieffliegerangriffen musste der überfüllte Zug immer wieder stehen bleiben. Wir waren drei Tage unterwegs. Jedes Kind hatte einen Rucksack dabei. Pro Familie war ein Koffer erlaubt. Unseren hatte meine Mutter glücklicherweise mit Brot gefüllt, sodass wir nicht hungern mussten. Wasser, auch das für das Milchpulver meines neun Monate alten Bruders, holten wir aus der Kühlung der Lokomotive. Davon wurden wir alle krank.

    Dennoch hatten wir großes Glück. Unser Zug blieb von Luftangriffen verschont. Noch heute muss ich daran denken, wie meine Geschwister und ich uns bei jedem Tiefflieger voller Angst unter die Sitze warfen.

    Endlich am Bahnhof Altenburg angekommen, wurden wir Flüchtlinge durchgezählt. Kurz vor unserer Familie wurde eine Grenze gezogen. Wie wir später erfuhren, erneut Glück für uns. Denn die Leute vor uns kamen in ein Dorf, das heftig bombardiert wurde. Wir wurden einem Großbauern aus Molbitz zugewiesen. Die nächsten fünf Jahre sollten wir bei ihm wohnen und arbeiten.

    In dieser Zeit hatten wir kein fließendes Wasser. Wir Schwestern schliefen gemeinsam auf Strohsäcke. Und wir mussten jeden Tag auf dem Feld helfen. Dafür erhielten wir Zuckerrüben, Mehl oder Kartoffeln. Ich hatte damals oft Bauchweh vor Hunger. Kleider und Schuhe waren Mangelware. Doch von den Menschen in Thüringen fühlten wir uns gut aufgenommen. Ich denke, das lag auch daran, dass wir als tüchtig und ehrlich galten. Meine Mutter ermahnte uns beispielsweise, dass wir Eier oder Äpfel, die wir auf dem Grundstück fanden, immer beim Bauern abgeben sollten. Das haben wir auch getan. Viele Jahre später erkannte der Bauer meine Schwester bei einem Klassentreffen in Altenburg wieder. Er lief auf sie zu und umarmte sie.

    In der Schule freundete ich mich mit der Tochter des Bürgermeisters an, die mir Brot mit Fett  mitbrachte. Bei ihrer Oma durften wir manchmal für eine Viertelstunde in den Garten zu den Johannisbeersträuchern. In dieser Zeit lernte ich, Johannisbeeren mit Ameisen zu verspeisen. Dass ich eine gute Schülerin war, gab mir Selbstbewusstsein. Der Rektor war von meinen Leistungen so beeindruckt, dass er mir für das Gymnasium ein Taschengeld anbot.

    Wie viele meiner Generation habe ich wenig über meine Vergangenheit gesprochen. Erst seit ein paar Jahren dringt immer mehr an die Oberfläche. Vieles ist nicht verarbeitet. Doch diese Zeit hat mich gelehrt, worauf es im Leben ankommt.

    In meinem Mann habe ich jemanden gefunden, der mich versteht. Als wir uns beim Tanz in Altenburg kennen lernten und feststellten, dass er ebenfalls aus Liegnitz geflohen war, schweißte uns das ein Leben lang zusammen. Gemeinsam flohen wir später ein weiteres Mal – aus der DDR."

    nadine-gottmann




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    Wer schreibt?
    Jens und seine Freunde von früher. Genau genommen hat keiner mehr einen Überblick, wer überhaupt noch in der Chatgruppe ist und wer irgendwann entnervt ausgetreten ist. 

    Und warum und wie?
    Weil man spätestens am 27.12. doch die Freunde von früher treffen muss! Gemeinsam trinken gehen, in früheren Zeiten schwelgen… Schööön! Aber wer ist eigentlich der Organisator?

    Und wie sieht das konkret aus?



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  • 12/26/15--23:00: Da muss Spezi rein!
  • Es gibt in München eigentlich nur zwei Gewissheiten. Erstens: Die Isar fließt von Süden nach Norden. Zweitens: Alle Münchner mögen Spezi. Kein Getränk schweißt mehr zusammen, denn außerhalb Bayerns ist das Spezi nur schwer zu bekommen. Auf Münchner Facebook-Seiten oder Instagram-Accounts sind Spezifotos deshalb Like-Magneten. Und im Gegensatz zum Hellen, dem anderen Münchner Getränkeklassiker, passt ein Spezi in jeder Lebenslage, in jedem Alter und zu jeder Uhrzeit (Übrigens: Über die Frage, ob es der, die oder das Spezi heißt, konnte sich die Redaktion nicht einigen. Aus Neutralitätsgründen haben wir uns für das Neutrum entschieden.).





    Nur eines hat uns gewundert: Warum gibt es, obwohl die Münchner doch ihr Spezi so lieben, quasi keinen ordentlichen Spezi-Drink? Was alleine schon so grandios schmeckt, muss doch auch in Mixgetränken brillieren! Was so viel Münchner Seele in sich trägt, muss doch die Barkeeper der Stadt inspirieren!
     
    Wir haben den Mangel erkannt und beschlossen, ihn zu beheben. Dazu haben wir ein paar der besten Barkeeper Münchens besucht und ihnen eine Aufgabe gegeben: Erfindet uns einen Drink mit Spezi. Die Ergebnisse, das sei schon verraten, waren überraschend und geschmacklich ziemlich grandios. Und die Recherche hat ganz nebenbei noch den ultimativen Beweis erbracht, dass Spezi das beste Getränk des Planeten ist. Selbst wenn man so viele Spezidrinks getrunken hat, dass man mit einem ordentlichen Kater aufwacht, wünscht man sich in der Früh nichts sehnlicher als: ein kaltes Spezi.

    Klaus St. Rainer, Die Goldene Bar: „Minga 75“





    Die erste Station ist die Goldene Bar. Denn wenn’s hier nicht klappt, dann gar nicht. In der Goldenen Bar können Kunstkenner im Anzug und Eisbachsurfer in Badehose nebeneinander sitzen. Der Chef, Klaus St. Rainer, hat früher bei Charles Schumann gearbeitet, trägt aber (unter anderem) ein 1860-Tattoo auf dem Unterarm. Zur Begrüßung stellt er erst mal einen Steinkrug auf die Theke. Eis rein, Spezi drauf, ein paar Tropfen „Sexy Bitters“ (die hauseigene Variante des Bitterlikörs Angostura, den viele Barkeeper benutzen) und frische Orange. „Das ist der Sexy-Spezi, den haben wir schon auf der Karte“, sagt er. Einen richtigen Drink will er sich aber auch einfallen lassen.
     
    Er überlegt kurz, erklärt die Aufgabe seinem Kollegen an der Bar, woraufhin aber erst mal ein allgemeines Gespräch über die Großartigkeit von Spezi beginnt. Dabei fällt der Satz, der Klaus die Idee liefert: „Spezi ist der bayerische Champagner.“ Und dann geht alles ganz schnell: „Wir machen einen Minga 75, also eine Variante des French 75. Das ist ein Cocktail-Klassiker aus den Dreißigerjahren: Gin, Zitronensaft, Zuckersirup, zwei Spritzer Bitters. Eigentlich füllt man dann mit Champagner auf. Aber wir nehmen stattdessen Spezi.“
     
    Den ersten Versuch schüttet Klaus in ein Sektglas. Mit dem Geschmack ist er zufrieden – frisch, der Gin kommt durch, das Bittere passt sehr gut zu der Orangennote des Spezi – nur „die Farbe ist halt echt schlimm“. Für einen Barkeeper zählt eben auch die Optik. Aber auch dafür hat Klaus eine Lösung. Er verschwindet kurz im Keller und kommt mit einer Kiste goldener Kelche zurück. Gold schlägt braun. Hier natürlich erst recht.




    Rezept „Minga 75“


    3 cl Duke Gin
    2 cl frischer Zitronensaft
    1 cl Zuckersirup
    2 Spritzer Sexy Bitters (alternativ: Angostura)
    Shaken, auf Eis in den Silberkelch,
    mit Paulaner Spezi auffüllen


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    Stefan Gabanyi und Jörg Krause, Bar Gabanyi: „Deer’s Neck“





    „Eins sag ich dir gleich: Bei uns wird das pure and simple.“ Stefan Gabanyi ist kein Freund von zu viel Schnickschnack. Er mag seine Bar dunkel und seine Drinks ohne Schäumchen und Chichi. Gabanyi, der aussieht wie eine Mischung aus Lemmy Kilmister und Abraham Lincoln, berät sich mit seinem Barkeeper Jörg Krause in Sachen Spezi. Seiner Stimme hört man an, dass er sich seit 20 Jahren intensiv mit Whiskey beschäftigt, immer wieder dringen Satzfetzen über den Tresen. Von einem Spezi-Sirup ist die Rede und davon, dass man damit eine Variante eines Old Fashioned machen könnte. Dann vertagt man sich. Ein paar Tage später hat er genug experimentiert:
     
    Auf dem Tresen steht ein Longdrink-Glas, darin eine Orangenschale, Eis und eine dunkle, prickelnde Flüssigkeit. Gabanyi zählt die Zutaten auf: „Spezi, Jägermeister und zwei Spritzer Chocolate Bitters.“
     
    Jägermeister und Spezi? Die Kombination klingt ein bisschen, als hätte jemand auf einer WG-Party die allerletzten Reste zusammengeschüttet. Sie schmeckt aber um Galaxien besser als man denkt: erstaunlich erfrischend, die derbe Kräutersüße des Jägermeisters ist im Hintergrund verschwunden, stattdessen überrascht ein bisschen Schoko-Aroma. „Die Kräuter geben die Verbindung. Es muss da zwischen den Kräutern im Spezi und im Jägermeister irgendeine Überschneidung geben“, sagt Gabanyi. Deshalb funktioniere der Drink so gut. Außerdem passe so ein vergleichsweise simpler Longdrink gut zum Spezi: „Spezi ist ja der Münchner Durstlöscher.“
     
    Gekommen sei die Idee seinem Kollegen Jörg Krause, erzählt Gabanyi. Als sie den Sirup für den eigentlich geplanten Old Fashioned mit Whiskey gemischt hatten, habe die Mischung nicht genug nach Spezi geschmeckt. „Dann ist uns aufgefallen: Das hat was von Jägermeister.“ Der Name ist an einen Longdrink-Klassiker namens Horse’s Neck angelehnt. Wegen des Jägermeister-Etiketts ist aus dem Pferde- eben ein Hirschnacken geworden.




    Rezept „Deer’s Neck“


    Eis und Orangenspirale ins Glas
    4 cl Jägermeister
    2 Spritzer Chocolate Bitters
    Mit Spezi auffüllen, umrühren


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    Emanuele Ingusci, Barroom: „Kingston Lemonade“






    Emanuele Ingusci zu fragen, ob er einen Drink aus Spezi mixen würde, kostet Überwindung. Sein Barroom ist zwar keine 30 Quadratmeter groß, aber man findet hier so viel geballte Cocktail-Ernsthaftigkeit wie sonst wahrscheinlich nirgends in München. Drinks mixen ist hier Präzisionsarbeit, da wird keine Sekunde kürzer in einem Glas gerührt, als es das Rezept vorsieht. Wer will, bekommt eine Beratung, deren Genauigkeit man sich bei komplexen Aktienkäufen wünschen würde. Bestellt man etwa einen speziellen Lavendel-Drink, weist einen der zweite Barkeeper höflich darauf hin, dass man Bescheid geben solle, wenn das Lavendelaroma überhandnehme. Er werde „den Drink dann korrigieren“. Ob man hier etwas mit Spezi anfangen kann?
     
    Man kann. Barkeeper-Ehre. Manuele sagt, er werde sich was einfallen lassen. Ein paar Tage später stellt er eine Blechdose auf den Tresen. „Das ist eine Kingston Lemonade.“ Kingston? Was hat Spezi bitte mit Jamaika zu tun? Nichts. „Aber die Basis des Drinks ist weißer Jamaika-Rum“, sagt Emanuele. „Und auf der Insel habe ich oft erlebt, dass die Leute aus allen möglichen Gefäßen trinken – abgeschnittene Plastikflaschen, Kanister oder eben Dosen. Der Name passt also auch zur Optik.“ Die weiteren Zutaten: Limettensaft und ein bisschen Triple Sec, weil der Orangenlikör gut zum Spezi passt.
     
    Emanuele ist zufrieden mit seiner Kreation, vor allem im Vergleich zum ersten Versuch: „Ich hatte diesen Karibik-Gedanken und habe zuerst versucht, Spezi mit Kokosmilch zu mischen.“ Er verzieht das Gesicht. „Grausam! Und sah auch wirklich scheiße aus.“ Jetzt erinnert der Drink ein bisschen an Cuba Libre, schmeckt aber raffinierter. Und er hat tatsächlich Limonaden-Charakter: Passt sehr gut zu heißen Tagen auf schattigen Terrassen. Wahrscheinlich sogar aus Blecheimern.




    Rezept „Kingston Lemonade“


    5 cl weißer Jamaica Rum
    2 cl frischer Limettensaft
    2 cl Triple Sec
    Shaken, auf Eis in eine Blechdose,
    mit Spezi auffüllen,
    mit Limetten- und Orangenzesten garnieren



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    Lukas Motejzik, Zephyr: „Spezel“





    Im Zephyr dauert es am längsten, bis das Rezept für den Spezi-Cocktail feststeht. Das liegt aber daran, dass Lukas Motejzik zu viele Ideen hat und immer noch eine weitere Variante ausprobiert. Das passiert schnell in dem Laden. Lukas mixt seine Drinks sonst gerne mit Popcorn, gibt ihnen Schaumdeckel oder serviert sie in einer Papp-Box, wie man sie vom Asia-Take-Away kennt. Hinter der Bar stehen mehr Früchte und Kräuter als in vielen Küchen. Alle paar Minuten röstet Lukas mit einem Bunsenbrenner Thymianzweige.
     
    Jetzt verschwindet er kurz im Hinterzimmer und kommt mit einem kleinen Fläschchen wieder. „Ist noch warm“, sagt er und stellt es auf der Bar ab. „Das ist das Spezel-Cordial“ – ein Sirup, gekocht aus Spezi, Zucker, Zitronensäure und Zimt. Und damit beginnt die Versuchsreihe. Es scheint, als wolle Lukas sein Spezi-Cordial einmal mit jeder Alkoholsorte probieren, die er im Regal hat: mit weißem Rum und Limettensaft – gut. Mit braunem Rum, Limettensaft und etwas Bitterem – auch gut. Mit Tequila, Limettensaft und Salzrand am Glas – erst ziemlich heftig wegen des Salzes. Dann aber auch gut. Dann was ganz anderes: Pimm’s, ein Kräuterlikör auf Gin-Basis, Zitronenschaum und Spezi – auch sehr gut, aber auch sehr sauer.
     
    Letztendlich entscheidet Lukas sich für eine Mischung aus den letzten beiden Varianten: Er mischt Tequila Anejo mit Pimm’s, seinem eingekochten Spezi-Cordial und Limettensaft. Der Drink sieht ziemlich edel aus. Geschmacklich unterscheidet er sich von den anderen vor allem dadurch, dass er nicht prickelt, weil das Spezi eingekocht wurde. Dadurch schmeckt der Drink auch, als sei er etwas stärker. Der Rest ist schwer zu beschreiben, weil sich ziemlich viele Aromen anschleichen, ohne dass eines sich nach vorne drängt. Zusammen sind sie auf jeden Fall verdammt köstlich.




    Rezept „Spezel“


    4 cl Tequila Anejo
    2 cl Pimm’s N° 1
    3 cl Schwipp-Schwapp-Cordial (dafür Spezi, Zucker,
    Zitronensäurepulver und eine Zimtstange
    circa 15 Minuten zu einem sauren Sirup einkochen)
    1 cl Limettensaft
    Shaken und mit Zimtstange und
    Orangenzeste auf Eis servieren

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  • 12/28/15--01:51: Wir haben verstanden 2015
  • Hast du das verstanden?“, wird man oft gefragt, und oft lautet die Antwort: „Nein. Null. Kannst du’s mir bitte noch mal erklären?“ Denn was man verstehen muss, versteht man oft nicht. Dafür versteht man jeden Tag tausend andere Dinge. Nebenbei, zwischendurch.





    Weil das so ist, schreiben wir auf jetzt.de jede Woche zusammen eine Liste, in der alles steht, was wir in den vergangenen sieben Tagen gelernt und verstanden haben, im Privaten, in der Poltik, in der Popkultur. Jetzt, zum Ende des Jahres, haben wir das auch wieder gemacht, nur eben für 52 Wochen statt für sieben Tage. Was ist passiert in 2015? Welche Erkenntnisse haben wir daraus gewonnen? Was hat uns verstehen lassen, dass die Welt ein guter Ort ist, was, dass sie ein schlechter ist? Jetzt veröffentlichen wir die Verstanden-Punkte aus diesem Jahr – dem Jahr des Jahrhundertsommers, der Flüchtlinge, des Terrors, des Jan Böhmermann, der Griechenlandkrise – in dem aber natürlich auch unsere eigenen Leben weitergegangen sind. Vollständig ist diese Liste natürlich nicht. Aber vielleicht findet jeder ein paar Punkte darin, die er oder sie auch versteht. Und stellt sich danach eine eigene Verstanden-Liste zusammen.

    • So nah ist uns das Weltgeschehen noch nie auf die Pelle gerückt.

    • Auf einmal sagen Freunde, die aus dem Nachbarland kommen, Sätze wie: „Wird später, wurde an der Grenze aufgehalten.“

    • Im Radio sagen sie es jetzt auch dauernd: „Stau bei der Einreise nach Deutschland.“

    • Irgendwie haben doch alle Menschen ständig dieses Truman-Show-Gefühl („Das ist doch alles gar nicht echt“, „Irgendwer hat mein Leben geskriptet“, „Demnächst fliegt’s auf!“).

    • Praktisch: Jede Jahreszeit eignet sich als Ausrede fürs Faulsein (Frühjahrsmüdigkeit! Zu heiß zum Arbeiten! Sommer-genießen-Zwang! Herbstdepression! Vorweihnachtsstress! Zu müde, weil zu dunkel!).

    • Zeit heilt halt doch alle Wunden. Merkt man aber nicht jedes Jahr, weil man nicht jedes Jahr Wunden hat, die heilen müssen.

    • Wir haben Helmut Schmidt eigentlich schon seit fünf Jahren nicht mehr zugehört. Oder seit zehn?

    • Günter Grass auch nicht mehr.

    • Harry Rowohlt aber schon noch.

    • Und Jan Böhmermann eh.

    • Apropos: Man kann versuchen, Jan Böhmermann zu parodieren. Aber es wird nicht funktionieren.

    • Einen Witz machen, hat manchmal Konsequenzen. Einen Witz über Hip-Hopper machen immer.

    • Olli Schulz wird die neue Charlotte Roche.

    • Feminismus kann Spaß machen. Beweis: Amy Schumers Film „Trainwreck“ (wenn man darüber hinwegsieht, dass er in Deutschland „Dating Queen“ heißt).

    • Keine Post zu bekommen ist fast immer besser als Post zu bekommen.

    • Hätte man ja 2014 nie gedacht, aber: Vielleicht wählt man 2017 Merkel.

    • Vorausgesetzt natürlich, sie wird bis dahin 95 Prozent ihrer eigenen Partei los.

    • Wenn man mal Menschen beim Lügen zuhören will, muss man nur fragen: „Wie oft wäschst du deine Jeans/deinen BH?“

    • Die Regierung plant einen Bundeswehreinsatz in Syrien und niemand steht auf.

    • Man sollte sehr viel mehr von Anja Reschke sehen.

    • Brille und Schnauzbart sehen leider immer ein bisschen aus wie eine dieser Brille-Nase-Schnäuzer-Schnell-Kostüm-Masken.

    • Joko und Klaas können politisch.

    • Und Youtube ist auch ziemlich politisch geworden.

    • Solidarität auf Facebook wird gemeinhin unterschätzt.

    • Seit den Anschlägen im Januar und November in Paris, zuckt man zusammen, wenn das Smartphone vibriert.

    • Wenn Zschäpe im NSU-Prozess aussagt, vibriert es übrigens alle zweieinhalb Minuten.

    • Eisberge können weinen.

    • Irgendwann klang das mit der Sharing Economy mal gut.

    • Es muss anstrengend sein, sich ständig von seiner Religion distanzieren

    • zu müssen.

    • Wenn die engsten Freunde alle heiraten oder schwanger werden oder beides und man selbst so: Single, Party, Thailandreise – fühlt man sich ein klein wenig wie Peter Pan.

    • Andererseits führt das aber auch zu: Hochzeitseinladungen, Trauzeugenverpflichtungen und einsamen Abenden als Babysitter.

    • Gegen Ende 20 werden alle kinderlosen Freunde zu Babysittern in Ausbildung.

    • Wir brauchen keine Parodien auf die Smartphone-Generation mehr. (Brauchten wir noch nie.)

    • Dachgeschosswohnungen und ein Rekord-Sommer passen absolut nicht zusammen.

    • Der Sommer war so lang, dass man irgendwann vergessen hat, dass er ja irgendwann wieder vorbeigeht.

    • Das führte dazu, dass im August gemachte Partyplänen für Ende September Biergartenbesuche und Draußenfeiern umfassten.

    • Notfalldecken waren jahrelang nur die Dinger, die irgendwo im Auto lagen. Jetzt sieht man sie ständig auf Fotos.

    • Überhaupt: krasses Fotojahr.

    • Man sollte meinen, dass die Menschen vernünftiger werden, je älter sie werden. Leider ist das Gegenteil der Fall: Je älter sie werden, desto eigener, verschrobener und damit streitsüchtiger werden sie.

    • Aus Deutschland kommen wieder gute Serien. Naja, zwei.

    • Das mit Trump kapiert kein Mensch.

    • Obama sieht gut aus, wenn er Weißbier trinkt.

    • Die deprimierende Erkenntnis: Fleiß ist gut. Talent ist besser.

    • Gute Connections sind optimal.

    • Manchmal sind die Geschichten am schönsten, in denen einfach nichts passiert.

    • Man kann die Menschen nicht mehr verunsichern als mit der Aussage, sie nicht verunsichern zu wollen.

    • Telekom- und ähnliche Läden sind nur Franchise-Nehmer, die auch nix dafür können.

    • Nie waren CSU-Parteitage amüsanter.

    • Wenn der kleine Hunger kommt: Lachs gelingt immer. Seelachs eh.

    • Wenn man mächtige, alte, weiße Männer mit Geldscheinen bewirft, sehen sie auf einmal aus wie bemitleidenswerte, alte, weiße Männer.

    • Schöne Bücher sind nicht gleich gute Bücher. Schöne Fahrräder schon eher.

    • Wenn Kollegen verzweifelt sind, schreiben sie die unterhaltsamsten Mails.

    • Menschen ändern sich leider, leider, leider nicht einfach so. Sonst wär’s vielleicht auch zu einfach.

    • Es gibt Heidenau. Und Freital. Und Tröglitz. Und Altena. Und . . .

    • „Schrei nach Liebe“ ist 2015 immer noch aktuell. Leider.

    • Komische Menschen sprechen Modebloggern das Recht ab, sich über Politik äußern zu dürfen (und zu können).

    • Pegida war leider zu früh totgesagt.

    • Das Gute an Pegida: Für Gegendemos gehen wieder viele Leute auf die Straße.

    • Jeden Abend zusammen einschlafen ist das Beste der Welt.

    • Die angenehmsten Zeitgenossen sind die, die nicht die ganze Zeit über sich selbst nachdenken.

    • Erwachsenwerden bedeutet, den Eltern zu sagen, dass man ihren Rat falsch findet. Und sich einen Adventskranz zu kaufen.

    • Man muss mit seinen Großeltern reden, bevor sie von heute auf morgen nicht mehr sind.

    • Wenn bei alten Paaren einer stirbt, ist der übriggebliebene Mensch plötzlich ein anderer als vorher.

    • Ab 27 ist man als Frau in einem Alter, in dem einen Herren über 50 völlig ungeniert anflirten.

    • Darüber empört man sich erst („Was für ein notgeiles Schwein, sich auf so junge Mädchen wie mich zu stürzen!“) und dann kommt die Erkenntnis („Ich bin kein junges Mädchen mehr. Ich bin eine erwachsene Frau.“)

    • Der Mensch braucht für alles einen Sündenbock. Immer.

    • München wird jetzt mehr geliebt.

    • Bei Notfällen merkt man, dass Ordnung, gute Organisation und finanzielle Sicherheit am Ende eben doch gut sind. Egal, wie oft vorher alle „spießig“ gebrüllt haben.

    • Das Internet kann sehr ausführlich und sehr lange über die Farben eines Kleides streiten.

    • Die Schlaghose wird nicht schöner, nur weil man sie alle zehn Jahre wiederbelebt.

    • Die Skinny-Jeans wurde dieses Jahr ja auch mal wieder totgesagt (und wird dann sicher auch bald wiederbelebt).

    • Dschihadisten morden und unterdrücken – und verbrennen Klaviere.

    • Beim IS sind Ersatzreifen verboten: mangelndes Vertrauen in Gott.

    >>> Was wir verstanden haben über: Til Schweiger, Spotify, Ausspähen unter Freunden und vieles mehr. [seitenumbruch]
    • Die Merkwürdigkeit des Til Schweiger: Er baut ein Flüchtlingsheim, er baut doch kein Flüchtlingsheim. Er dreht einen Flüchtlingsfilm – or not?

    • „Wir schenken uns nichts!“ ist immer gelogen. Und am Ende ist immer einer der Arsch.

    • er noch nicht genug Menschenhass verspürt, muss nur mal einer Whatsapp-Gruppe beitreten, mit der etwas organisiert werden soll: Keiner kann lesen, einer ist immer beleidigt, eine weiß alles besser und man selbst schreibt viel zu aggressive Nachrichten.

    • Trolle, ey. War wohl deren Jahr.

    • Wenn alle ein schlechtes Jahr hatten, man selber aber eigentlich ein gutes, fühlt man sich schlecht.

    • Nostalgie hat sehr viel Macht.

    • Noch mehr vielleicht nur ein ausgestreckter Mittelfinger.

    • Man kann sich natürlich gern und gut über Xavier Naidoo aufregen.

    • Man sollte sich dabei nur bewusst sein, dass man fast immer auf die Privatperson einprügelt – und nur ganz selten auf den Künstler.

    • Spotify kennt dich besser, als dir lieb ist. Das merkst du, wenn dein Mix der Woche auf peinlichen, heimlichen Lieblingsliedern basiert.

    • Ein Handwerker im Freundeskreis macht das Leben besser.

    • Ein Anwalt eigentlich auch. Anwälte haben aber keine Freunde.

    • Wenn man nett fragt, bekommt man auf fast alles eine Antwort.

    • Wenn Menschen Kinder bekommen, ist der nächste Schritt: Weihnachtskarten an den gesamten Freundeskreis.

    • Seelenverwandte erkennt man meist schon in den ersten fünf Minuten.

    • Ganz schön oft gedacht: „Haben die denn keine anderen Sorgen?“

    • Fast genauso oft: „Oarrr. Get a life!“

    • Die Dänen haben einen eher gewöhnungsbedürftigen Humor.

    • Merkel und Obama haben beim G7-Gipfel in Elmau vor allem eins geschaffen: ein witziges Mem.

    • Jedes Jahr wird ein bisschen mehr über die Attraktivität (oder Unattraktivität) von Politikern diskutiert.

    • Ausspähen unter Freunden geht anscheinend doch.

    • „Oxi“ heißt „Nein“ auf Griechisch.

    • Und „privilegiert“ ist jetzt ein Schimpfwort.

    • Autos. Schrecklich, schrecklich, schrecklich langweilig.

    • So langsam kriegt man das Gefühl, das mit den vielen tollen Serien könnte bald dann auch wieder vorbei sein (und hofft, dass es nicht so sein wird).

    • Zum Glück gibt es genug, die man noch nicht gesehen hat.

    • Hilft gegen fast alles, was nicht schön ist: alte Sitcoms aus den Neunzigern.

    • Jetzt denken wirklich alle, sie müssten jetzt nach Kuba reisen („Noch mal schnell hin, bevor das so wird, wie der Rest der Welt!“).

    • Wer dieses Jahr nicht auf Kuba war, der war in Sri Lanka.

    • Bei einem Ehrenamt im Flüchtlingsbereich lernt man viel über Flüchtlinge.

    • Aber eventuell noch mehr über Ehrenamtliche.

    • Die Welt dreht sich weiter. Auch im Internet. Auch auf jetzt.de. Auch hier.



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    In dieser Kolumne erzählen junge Menschen, was in ihrem Alter noch nicht geht – und was nicht mehr. Diesmal: Jens, 27




    . . . um damit aufzuhören, Gangsta-Rap-Zitate zu benutzen. Das Thema kam neulich bei meinem besten Kumpel auf. Ich weiß nicht mehr genau, worüber wir gesprochen haben, aber ich glaube, es ging um irgendwas von Lil Wayne. Und mein Kumpel fragte mich, ob ich nicht langsam zu alt für Gangsta-Rap bin. Die Antwort ist: Man ist nie zu alt für Gangsta-Rap! Man kann durchaus auch als Nicht-mehr-Teenager einen guten Musikgeschmack haben und trotzdem manchmal Haftbefehl hören. Und ich werde auch sicher mit 50 oder 60 noch aus seinen Texten zitieren, wenn die Situation danach verlangt. Schlimm sind ja die, die so tun, als würden sie nur noch Chilly Gonzales oder Feist hören, wenn sie Ende 20 sind, dann aber trotzdem Hafti oder Sido feiern – und ihr Spotify-Profil dabei auf „privat“ stellen. Ich habe schon gearbeitet, als viele meiner Freunde noch mitten im Studium waren, dadurch kommt wohl der Irrglaube, ich sei zu erwachsen dafür. Manche glauben wohl, irgendwann ist man auch zu schlau für Hip-Hop. Aber: Hip-Hop ist immer ein bisschen schlauer als du.

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    . . . für Grundsatzdiskussionen oder absolute Meinungen. „Wäre es nicht besser, im Sozialismus zu leben?“ So was haben wir als 16-Jährige ewig diskutiert. Immer mit dem Ergebnis: Es wäre besser. Aber so einfach ist es nun mal nicht. Das hat nichts mit politischer Verdrossenheit zu tun, sondern damit, dass man reflektierter wird und erkennt, dass es bei den meisten Themen verschiedene Seiten gibt – und dann kommen einem absolute Meinungen schwachsinnig vor. Das betrifft nicht nur Diskussionen über Politik. Ich kenne Leute, deren Musikgeschmack sich auf ein Genre beschränkt und die Sachen sagen wie: „Die Musik kann man doch nicht hören.“ Doch, kann man wohl! In die gleiche Kategorie gehören Captain-Obvious-Aussagen wie: „Ey, es ist so krass, wie immer alles auf der Welt nur ums Geld geht.“ Ach was! Genauso geht es mir, wenn Leute sagen, dass man doch eigentlich was machen müsste: „Man müsste doch eigentlich was für die Flüchtlinge machen!“, „Man müsste beruflich was Eigenes aufziehen!“ Früher hab ich sicher auch so geredet. Heute denke ich: „Quatsch nicht, mach einfach!“

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  • 12/31/15--00:00: Glück im Kopf
  • Bis vor drei Zeilen habe ich nicht daran geglaubt, dass dieser Text an dieser Stelle stehen wird. Dass ich ihn fertig bekomme. Dass die Kollegen ihn gut finden. Eigentlich denke ich nie, dass irgendetwas gut für mich ausgeht. Pessimistisch nennen das manche. Ich bevorzuge: realistisch. Ich bin gerne darauf vorbereitet, dass die Dinge schlecht laufen könnten, und positiv überrascht, wenn sie es doch nicht tun (was gar nicht so selten der Fall ist). Ich finde das vernünftig. Nur: Glücklich macht mich das nicht.




     
    Ich bewundere die Kollegin, die selbst bei den aussichtslosesten Projekten ruft: „Das wird gut!“ Es wird nämlich immer gut bei ihr. Ich bewundere meine Oma, die über den misslungensten Teig sagt, dass der Kuchen hinterher sicher ganz toll wird. Er wird nämlich immer ganz toll bei ihr. So will ich denken. Ich will Optimistin werden. „Völlig überambitioniertes Projekt, klar!“, will ich eigentlich nachschieben. Aber das wäre hier ja kontraproduktiv.
     
    Wenigstens bin ich nicht allein. Das Thema Optimismus ist seit Jahren so präsent wie sonst höchstens noch Veganismus. Es gibt Hunderte Studien, die belegen, dass Optimismus automatisch zu Erfolg führt. Dass Optimisten gesünder und länger leben, mehr Freunde haben, beliebter sind und bessere Beziehungen führen. Es gibt sogar Tee in der Sorte „Purer Optimismus“, mehrere Apps und natürlich Bücher. Viele Bücher. Auf Amazon finde ich mehr als 8000 zum Thema. Ich klicke, natürlich, als erstes auf: „Smile or die – Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“. Kein guter Start. Ich will ja lernen, positiv zu denken. Und habe dafür sieben Stationen auf meinem Plan.
     

    Der Verein


    Als erstes rufe ich Peter Breidenbach an. Er ist Rechtsanwalt, Heilpraktiker und Familientherapeut und hat 2009 den Verein „Optimisten für Deutschland“ gegründet. Die Facebook-Seite hat knapp 60 000 Fans, sein Buch „In 30 Tagen Optimist!“ ist bereits in der dritten Auflage erschienen. Als ich ihn frage, wie Optimismus gehe, lacht er. „Als die Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Brasilien fuhr“, sagt er, „haben die Spieler nicht über die heißen Temperaturen vor Ort oder ihre verletzten Kollegen geklagt, sonst wären sie nie Weltmeister geworden. Sie haben an sich geglaubt. Und das ist Optimismus.“
     
    Optimismus hat also mit Selbstvertrauen zu tun. Beneide ich bei anderen immer. Bei mir selbst: wackelige Angelegenheit. Breidenbachs Rat: „Schreiben Sie 20 Dinge auf, die Sie an sich mögen oder die Sie geschafft haben, und kleben Sie den Zettel an Ihren Badezimmerspiegel.“
     
    20 Dinge sind viel. Meinem Freund fällt schneller etwas ein, zusammen schreiben wir die Liste voll. Beim Zähneputzen am nächsten Morgen lese ich, dass ich zuverlässig bin (habe ich aufgeschrieben). Und dass ich gute Ideen habe (hat er hingeschrieben). Bereits nach dem Haareföhnen ist mir so viel Eitelkeit peinlich und ich stecke die Liste in meinen Kalender. Auf dem Weg zur Arbeit denke ich trotzdem: Eigenlob tut ziemlich gut.
     

    Die Selbstüberschätzer


    Optimismus liegt mir auch deshalb nicht, weil ich Angst habe, mich zu überschätzen und ja, mich zu blamieren. Bei Pessimisten ist das Angst-Zentrum im Hirn vergrößert, habe ich in den Optimismus-Ratgebern gelesen, die für die Recherche seit ein paar Wochen auf dem Nachttisch liegen. Dass ich mich lieber unterschätze, hat aber auch Vorteile: Ich werde nie bei einer Casting-Show teilnehmen und auf der Bühne gedemütigt werden oder am Roulette-Tisch Geld verlieren. Andererseits werde ich auch nie eine Casting-Show oder viel Geld am Roulette-Tisch gewinnen.
     
    Prof. Dr. Christian Schicha ist Medienwissenschaftler und beschäftigt sich seit 2010 mit den Motiven von Teilnehmern an Casting-Shows und Sendungen wie „Big Brother“. „Bei vielen Teilnehmern kann man nicht mehr von gesundem Optimismus sprechen, der sie da auf die Bühne treibt. Das ist einfach Selbstüberschätzung, und ich finde, dass man vor allem junge Teilnehmer vor sich selbst schützen sollte“, sagt er. Und bewundert doch auch das Selbstvertrauen der Teilnehmer: „Da ist die Lust, etwas auszuprobieren und das Beste für sich herauszuholen, größer als die Angst vor einer Blamage, das verdient Anerkennung.“
     
    Es muss ja nicht gleich die Casting-Show sein. Es gibt jeden Tag Dinge, die aussichtslos erscheinen und die ich deshalb gar nicht erst versuche. Zum Beispiel meine Lieblings-Hamburger Olli Schulz und Fahri Yardim fragen, wie man Optimist wird.
     

    Die Hamburger


    In Hamburg leben Studien zufolge nämlich die optimistischsten Menschen Deutschlands. Olli Schulz und Fahri Yardim haben übrigens beide zehn Minuten nach meiner Anfrage abgesagt. So viel zum positiven Denken. Der Sprecher vom ersten Bürgermeister Olaf Scholz jedoch antwortet mir nach wenigen Minuten, er sei „optimistisch“, dass mir Herr Scholz einen Tipp geben kann. Kurz vor Abgabetermin schickt er immerhin ein Statement: „Hamburg ist eine Ankunftsstadt. Hierher kommen seit Jahrhunderten und bis heute Bürgerinnen und Bürger, die ein besseres Leben für sich und ihre Kinder erhoffen. Diese Hoffnung speist sich aus dem Optimismus, dass es auch klappen wird, wenn man sich anstrengt. Dieser Optimismus prägt die Stadt bis heute – auch wenn es um ganz große Herausforderungen wie die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele geht. Wir sollten uns große Dinge zutrauen.“ Vielleicht liegt es also an München, an Bayern, dass das mit mir und dem Optimismus nicht klappt. Ich kann jetzt nicht nach Hamburg ziehen. Aber ich lerne: Einfach mal naiv etwas zu versuchen, kann etwas bringen – und sei es auch nur ein Bürgermeister-Zitat.

    >>>Peter Neururer sagt: "Egal, wie beschissen meine Situation ist, es gibt immer noch Möglichkeiten."<<<
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    Die Neurowissenschaft


    Eines der Optimismus-Bücher auf meinem Nachtkästchen trägt den Titel „In jedem steckt ein Optimist. Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen.“ Auf Amazon hätte ich fast nicht draufgeklickt. „Esoterik-Quatsch!“, dachte ich mit Blick aufs Cover (und bestellte es dann, weil ich ja Muster durchbrechen will). Die Autorin, die irische Professorin für Psychologie und Neurologie Elaine Fox, sagt tatsächlich vieles, das sich nach Selbsthilfegruppe anhört: „Pessimisten übersehen das Positive in ihrem Leben“, zum Beispiel. Sie hat allerdings wissenschaftlich belegt: Das Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit daran, alles Negative zu speichern.




     
    Ich denke zurück, was mir aus den vergangenen Wochen in Erinnerung geblieben ist. Ich war an meinem Geburtstag krank, was superfies ist, denn ich liebe Geburtstage! Ich musste einen Kurztrip absagen, weil ich arbeiten musste. Ich erinnere mich an viel Stress, einen geplatzten Auftrag, viel zu viele Abende zu Hause statt unterwegs.
     
    Bin ich einfach unzufrieden? Oder sind tatsächlich nur meine optimistischen Hirnregionen ein wenig eingerostet? Letzteres ließe sich wieder umkehren. Neurowissenschaftler wie Elaine Fox empfehlen, jeden Abend aufzuschreiben, was man tagsüber Erfreuliches erlebt oder geschafft hat. Ich notiere: ein gutes Interview geführt. Zwei tolle Menschen kennengelernt. Mit einem lieben Menschen Kaffee in der Sonne getrunken. Mit einem anderen lieben Menschen einen schönen Abend verbracht. Optimistisch fühle ich mich deshalb noch nicht. Aber noch einmal etwas positiver. Ähnlich wie schon beim Eigenlob-Zettel am Spiegel. Ich schlafe ziemlich zufrieden ein.
     

    Die App


    Positive Wahrnehmung kann man angeblich auch mit „CBM“ steigern. CBM ist kein Medikament, sondern steht für: „Cognitive Bias Modification“, die Korrektur von Wahrnehmungsmustern. Natürlich gibt es dafür eine App, mehrere sogar. Ich lade mir eine aufs Handy: Auf einem Bildschirm voller mürrisch dreinguckender Menschen muss ich immer auf das eine lachende Gesicht drücken. Am Anfang muss ich ziemlich lange nach dem einen versteckten Lächeln suchen, dann geht es immer schneller. Nach jeder Runde Gesichterklicken werde ich gelobt: „Gut gemacht, jetzt atme tief ein und du bist startklar.“
     
    Das Gehirn soll sich so darauf einstellen, in jeder Situation das Erfreuliche herauszufiltern. Davon spüre ich noch nichts. Dafür macht die App ein wenig süchtig, wie „Flappy Bird“ oder „Doodle Jump“. Das ist praktisch, weil das Training angeblich erst nach zwei Monaten und drei bis vier Mal Training pro Woche wirken soll. Optimist werden braucht also auch Zeit.
     

    Der Feuerwehrmann


    Der Fußballtrainer Peter Neururer wird in der Branche „Feuerwehrmann“ genannt, weil er gern von abstiegsbedrohten Vereinen angeheuert wird. Er muss doch wissen, wie man Optimismus lehrt. Ein Anruf also: In seiner Telefon-Warteschleife läuft „Born to be wild“ und als erstes lobt er meine freundliche Stimme. Wie baut so einer also demotivierte Spieler auf? „Ich kenne keinen Profi-Fußballer, der nicht motiviert ist“, sagt er. Deshalb vermittle er auch nur „realistische Zuversicht“: „Den Spielern muss klar sein, dass es jedes Jahr einen Meister gibt. Alle anderen Vereine werden nicht Meister, ein paar werden sogar absteigen.“ Optimismus bedeutet für ihn, sich realistische Ziele zu setzen. „Egal, wie beschissen meine Situation ist, es gibt immer noch Möglichkeiten. Alles andere wäre unrealistisch. Ich kann aber nicht, wenn wir als Tabellenletzter noch zehn Spiele in der Saison vor uns haben, sagen: ‚Wir gewinnen jetzt alle zehn Spiele, um nicht abzusteigen‘. Es geht immer um das nächste Spiel. Ich muss überzeugt sein: Das werden wir gewinnen!“ Und wenn er auch mal einen schlechten Tag hat? „Das habe ich nie. Gerade bin ich allerdings unzufrieden. Ich habe keine Aufgabe, meine gute Laune beim Aufstehen ist jetzt dosierter“, sagt er. „Ich kann mir keinen Job suchen, denn als Trainer wird man gefunden. Aber ich weiß, das wird passieren.“
     
    Zuversicht ist das wohl. Ein noch größerer Begriff als Optimismus. Bevor ich aufgebe, frage ich meine Freunde auf Facebook, wie das geht mit dem Zuversichtlichsein. Und stoße auf Sandra aus Brasilien. Sie ist Unternehmensberaterin in New York.
     

    Das Vorbild


    Im vergangenen Jahr starb Sandras Verlobter. Mit 30 Jahren. An einem Herzinfarkt während eines Basketballspiels. Drei Monate vor ihrer Hochzeit.
     
    Und in Sandras Skype-Profil steht: „The state of being happy“. „Ich weiß, ich werde mich wieder verlieben und wieder heiraten“, sagt sie, als wir skypen. „Als mein Verlobter starb, war ich so allein, so verloren. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich nicht die Wahl, mein Schicksal zu bestimmen. Da habe ich beschlossen, optimistisch zu sein.“
     
    Kann man das: einfach akzeptieren, was passiert ist, und entscheiden, dass man ab jetzt alles nur noch positiv sieht? „Ich habe mir mein zukünftiges Leben vorgestellt und mich entschieden, nicht aufzugeben. Manchmal verliert man. Das ist eine banale, aber wichtige Erkenntnis. Darum muss man alles andere schätzen und nicht daran festhalten, was man verloren hat. Das war die größte und wichtigste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“
     
    Bisher habe ich Optimismus vor allem in der Bestätigung von außen gesucht. Und ihn gefunden: Auf der Liste am Spiegel, die mein Freund viel schneller füllen konnte als ich. In einem Mittagessen mit Kollegen, die mich motiviert haben, mich mehr zu trauen. In der SMS einer Freundin. Sandra hat einfach entschieden, optimistisch zu sein. Forscher behaupten übrigens, wir hätten gar keine Wahl: Wir seien alle Optimisten, das sei uns nur nicht bewusst. Sonst würde niemand heiraten, rauchen, bei Rot über die Ampel gehen oder überhaupt morgens aufstehen. Ich bin also unterbewusst schon Optimistin. Vielleicht muss ich das nur noch auf die bewussten Entscheidungen anwenden, die ich jeden Tag treffe. Vielleicht heißt Optimismus, die Zweifel aushalten. Weiterschreiben, trotz eines geplatzten Auftrags. Weiterspielen, auch wenn man glaubt, man hat schon verloren. Weiter machen. Raus kommt man eh nicht. Dann kann man genauso gut das Beste draus machen. Und so schlimm sind die Zweifel gar nicht. Sonst wäre dieser Text nie erschienen.

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  • 12/31/15--23:00: Die Ex-Freundschaft



  • Maria ist noch im Schlafanzug und fängt gerade an, sich am Küchentisch zu schminken. Vor ihr stehen: ein Spiegel, das dreckige Geschirr vom Sonntagsfrühstück und ihr Smartphone, angelehnt an eine Kaffeetasse. Sie zieht einen Lidstrich, dann klingelt es. Auf dem Handybildschirm erscheint neben einer vollgestellten Spüle ein Mann – zumindest der nackte Oberkörper eines Mannes. Nach einer rudimentären Begrüßung sagt er zu Maria: „Ich will Pfannkuchen machen. Kannst du mir helfen?“

    Der Mann, der da um Küchentipps in Echtzeit bittet, war mal Marias Freund, aber das mit der Liebe ist lange her. „Gefühlt eine Ewigkeit“, habe ich sie oft sagen hören. Deshalb hat Maria auch kein Problem mit der unvorteilhaften Froschperspektive ihrer Kamera oder damit, sich während des Videotelefonats die Wimpern zu tuschen und Abdeckstift auf einen Pickel am Kinn aufzutragen. Ähnlich unangestrengt wirkt ihr Ex-Freund: Er erzählt ohne Aussparungen von einer Party, dem Kater am Tag danach und der Uni – und mit seinem Bauchansatz geht er um, als wüsste er nichts von dessen Existenz. Am erstaunlichsten aber ist die Sprache, in der die beiden miteinander reden: Maria, sonst super-eloquent, spart sich jegliche Höflichkeitsfloskeln. Sogar mit Pronomen geizt sie. Dafür machen die beiden Anspielungen und Witze, die für Außenstehende unmöglich zu durchschauen sind.

    Als ich diese Szene vor ein paar Wochen vom Sofa meiner Freundin Maria aus beobachtete, war ich erst einmal irritiert. Nach dem Auflegen erfuhr ich dann, dass die beiden mindesteins einmal pro Woche auf diese Art und Weise kommunizieren, seit sie nicht mehr in derselben Stadt wohnen. Davon erzählte Maria so begeistert, dass ich bald verstand: die beiden verbindet eine besondere Beziehung. Ich möchte sie Ex-Freundschaft nennen – und erklären, warum sie so wunderbar ist. Vielleicht sogar die wunderbarste aller Freundschaften.

    Vorweg: Eine Beziehung nach der Beziehung, wie Maria sie pflegt, beginnt immer mit einem Ende, mit der Trennung zweier Menschen. Das tut meistens sehr weh, egal, ob man selbst Schluss macht oder mit einem Schluss gemacht wird. Besorgte Bekannte warnen also gerne davor, befreundet zu bleiben. „So kommt ihr nie übereinander hinweg“, sagen sie. Oder: „Ihr landet nur wieder im Bett.“

    Ist der Trennungsschmerz überwunden, kann man gemeinsam die Vertrautheit zurückerobern, die man während der Beziehung aufgebaut hat


    Unberechtigt sind diese Einwände nicht. Dafür lässt sich aus ihnen die oberste Regel der Ex-Freundschaft ableiten: Auf jeden Fall eine Schonfrist einhalten! Erst wenn der Schmerz und das Vermissen nach einer Weile schrumpfen, wird an ihrer Stelle Platz für etwas Neues sein. Erst wenn man den anderen nicht mehr als Partner zurückhaben will, kann man auf einer anderen Ebene mit ihm glücklich werden. Und damit kommen wir zum schönen Teil:

    Ist der Trennungsschmerz überwunden, kann man gemeinsam die Vertrautheit zurückerobern, die man während der Beziehung aufgebaut hat. An sie wird eine herkömmliche Freundschaft niemals herankommen.

    Sicher können sich Menschen auch in platonischen Beziehungen sehr nah sein – bestimmte Grenzen überschreitet man jedoch nur als Paar: Man sieht den anderen mit einem Blick an, der Verliebten vorbehalten ist, ein Blick, dem nicht einmal der kleinste Leberfleck entgeht und. Man schläft miteinander und regelmäßig zusammen ein. Auf der anderen Seite regt man sich unverhältnismäßig über Kleinigkeiten auf und verletzt sich auf eine Weise, wie das ebenfalls nur Verliebte können. Diese Einzigartigkeiten einer Beziehung führen dazu, dass man über die Macken, Ängste und Sehnsüchte eines Partners so viel weiß wie über die keines anderen Menschen. Außer natürlich: über die des Ex-Partners. In Sachen Intimität übertrifft eine Ex-Freundschaft platonische Beziehungen somit um Längen, ähnlich wie es eine Partnerschaft tut.

    Es liegt nahe, zu fragen: Was hat die Ex-Freundschaft, was einer Liebesbeziehung fehlt? Nichts, müsste man darauf antworten. Der Mehrwert einer Ex-Freundschaft liegt nämlich gerade in dem, was sie im Gegensatz zu einer Partnerschaft  nicht hat.

    Erklären lässt sich das am Beispiel Maria: Mit ihrem aktuellen Freund teilt sie vieles. Trotzdem würde sie sich niemals schminken oder so uncharmant sprechen, wenn sie mit ihm skypt. Der Grund ist: Vertrautheit ist nicht nur das vielleicht Schönste an Partnerschaften überhaupt, sondern hat auch eine gefährliche Seite. Sie heißt Gewohnheit, und wird oft als Falle fürs Liebesleben empfunden. Erst nach einer Trennung verliert sie ihre Zähne. Denn dann muss man den anderen nicht mehr begehren und – noch wichtiger – sich nicht mehr darum bemühen, begehrenswert zu bleiben. Das ist also das Beste an einer Ex-Freundschaft: Endlich kann man die Vertrautheit, vor der man sich in der Beziehung immer auch fürchten musste, voll genießen. All die Macken und Schwächen, die sich natürlich schon angedeutet haben, darf man offen zeigen. Denn wozu noch bemühen? Weshalb Charme und Schamgefühl bewahren.

    Es ist ganz egal, von welcher Seite sie sich zeigen – wenn es zwei Menschen geschafft haben, nach einer Trennung einen Teil der Zuneigung füreinander zu bewahren, dann können sie sich dieser Beziehung sehr sicher sein. Obwohl sie etwas Wunderbares gewonnen haben, gibt es nichts mehr zu verlieren.

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  • 01/01/16--23:59: Wenig westerwellig
  • Gespräche über Konstantin Kuhle laufen meistens so ab: „Eigentlich würde ich ja nie FDP wählen. Aber . . .“ Aber Konstantin sei so nah an den Problemen echter Menschen. Aber Konstantin sei trotz Jurastudium gar kein Schnösel im Polohemd, sondern jemand, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen würde. Aber Konstantin sei eben ein lockerer Typ.

    Spätestens beim letzten Satz kommen schlechte Erinnerungen hoch. „Lockerer Typ“ in Verbindung mit „FDP“ – das wollte Guido Westerwelle auch sein. Und am Ende trug er Schuhe mit einer 18 druntergeklebt und fuhr mit dem Guidomobil durch die Republik. Und überhaupt: die FDP? Ist die nicht tot?

    Die FDP selbst sagt, und das muss sie natürlich: Nein, wir sind nicht tot. Wir erfinden uns gerade neu. Und dass wir 2013 aus dem Bundestag geflogen sind, war eine super Chance. Der 26-jährige angehende Jurist Konstantin Kuhle, seit vergangenem Frühjahr Vorsitzender der Jungen Liberalen (JuLis), soll dabei, neben dem FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner, das Gesicht dieser Neuerfindung sein.



    Liberal, aber anders: Konstantin Kuhle

    An einem kalten Samstag im November, im ICE Richtung Hamburg, sieht dieses Gesicht müde aus. Schatten unter den Augen und Dreitagebart. Konstantin reist gerade von einem Vormittags-Termin in Marburg, bei dem er, obwohl aus der Kirche ausgetreten, als Redner über Religionspolitik eingeladen war, zu einem nächsten nach Stade. Gestern war er in Rheda-Wiedenbrück, morgen ist er in Berlin. Jetzt entschuldigt er sich kurz und verschwindet noch in Sakko und Hemd und mit seinem schmuddeligen Eastpak-Rucksack in der Toilette. Heraus kommt er im Hoodie. „Bucerius Law School“ steht da drauf, eine private Jura-Hochschule in Hamburg. Ansonsten würde Konstantin locker als Politikstudent durchgehen, der in irgendeinem AStA sitzt.

    Konstantin halst sich fast mehr auf, als er schaffen kann – aber er  findet seinen Job halt „geil“


    Gerade ärgert sich über sich selbst. Eigentlich hatte er einen Mietwagen gebucht – allerdings auf den falschen Tag. Nun muss er Bahn fahren, das mach alles umständlicher, und andauernd vibriert sein Handy, weil irgendjemand etwas will. Man könnte jetzt sagen, das ist Konstantins Job. Aber eigentlich ist er hauptberuflich juristischer Referendar, für den Job bei den JuLis gibt es gerade mal eine Aufwandsentschädigung. Freund und Freizeit muss er zwischendurch unterbringen.

    Als Konstantin endlich alle Nachrichten abgearbeitet hat, legt er das Handy beiseite. Die Zugfahrt nach Stade dauert da noch gute fünf Stunden. Fünf Stunden Zeit also, um Konstantin Kuhle kennenzulernen und sich im Gespräch immer wieder zu fragen: „Ist der wirklich bei der FDP?“ Denn er sieht nicht nur nicht so aus. Er klingt auch nicht so.

    Konstantin hat viele Themen im Kopf, über die er reden möchte: Flüchtlingspolitik („AfD-Style steht da nicht zur Debatte“), Angela Merkel („Ich habe Respekt davor, dass sie Haltung zeigt“), Politikverdrossenheit („Die Leute machen es sich zu einfach, wenn sie sagen, die Jugend würde die Politik nicht interessieren“) und sein Herzensthema, die Bildungspolitik („Warum sind wir da immer noch so Mittelmaß? Und so sozial ungerecht?“). Außerdem: Digitalisierung, eines der Themen, mit denen die FDP neue Wähler gewinnen will.

    Nebenbei erfährt man etwas über sein bisheriges Leben. In der Schule hat er ein Auslandsjahr in Ecuador absolviert, eine kleine Ethno-Geldbörse zeugt von dieser Zeit. Beim Zivildienst hat er Altkleidercontainer ausgeleert. Sein Vater ist Kapitän bei der Handelsmarine, die Mutter Lehrerin – und bis vor Kurzem haben beide nie die FDP gewählt. Für die Law School musste er einen Studienkredit aufnehmen. Er mag Theaterspielen und verwendet ziemlich häufig das Wort „geil“. Er scheint schnell für Sachen zu brennen, vielleicht sogar für mehr, als er schaffen kann. „Aber ich finde meinen Job geil“, sagt Konstantin und man merkt, wie er jetzt aufdreht, weil er es schon wieder gesagt hat.

    Ist die ganze Sache mit der neuen FDP wirklich neu? Oder ist das alles nur cleveres Rebranding?


    Wo ist die FDP-Kühle? Das altbekannte „Leistung muss sich lohnen?“ Nur einmal kurzes Aufhorchen beim Thema Flüchtlinge: „Es muss einen Unterschied machen, ob man sich anstrengt oder nicht.“ Aha! Direkt schiebt er hinterher: „Das klang jetzt sehr westerwellig, nicht wahr?“ und grinst breit über seinen Witz. Er erklärt, dass jeder, der in Deutschland arbeiten und leben wolle, auch eine Chance dazu bekommen müsse und nicht direkt abgeschoben werden dürfe. Und er wünscht sich legale Fluchtmöglichkeiten und humanitäre Visa für Flüchtlinge.

    Kurz vor Stade zeigt Konstantin stolz eine Powerpoint-Präsentation auf dem Handy: das neue Logo der JuLis, extra designt von einer Agentur. Da ist schon noch Gelb drin, aber auch viel Magenta. „Ich find’s richtig geil“, sagt Konstantin und schenkt einem direkt noch eine seiner neuen Visitenkarten. Er wischt immer wieder in der Präsentation vor und zurück, um noch die türkise Variante zu zeigen. Die Frage drängt sich auf: Ist diese ganze Sache mit der neuen FDP wirklich neu? Oder ist das alles cleveres Rebranding und der Inhalt bleibt der gleiche?

    Zumindest Konstantin glaubt man, dass er es ernst meint. Dass er wirklich von einer neuen FDP träumt. Vielleicht hat das auch mit seinem Weg in die Partei zu tun – der war nämlich Zufall. Aufgewachsen im niedersächsischen Nirgendwo wurde er als 13-Jähriger in der Einbecker Fußgänzerzone von den Jungen Liberalen angesprochen: „Die haben mir angeboten, mich nach den Sitzungen nach Hause zu bringen, da fuhr ja kein Bus mehr.“ Er ging hin. Es gefiel ihm dort. Er fälschte sein Geburtsdatum, trat so noch vor seinem 14. Geburtstag den JuLis bei und wurde dadurch, anders als bei anderen Jugendorganisationen, automatisch auch Partei-Mitglied. Mit 17 war er bereits stellvertretender Landesvorsitzender der JuLis Niedersachsen, mit 20 Beisitzer im Bundesverband. Eine sehr gerade Politikerkarriere.

    Bis die FDP 2013 aus dem Bundestag flog. Und auf einmal klar wurde: Da macht in den kommenden vier Jahren erst mal keiner mehr Karriere. Da macht man außerparlamentarische Opposition, sammelt die Scherben auf. Für die meisten Machtmenschen der Moment, einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft anzunehmen. Dirk Niebel macht jetzt Rüstung, Philipp Rösler irgendwas beim Weltwirtschaftsforum.

    >>>> „Während des Wahlkampfs war ich wütend auf die FDP. Als sie dann rausflog, war ich nur noch traurig. Aber ich hab darin auch eine Chance gesehen. Und da hatte ich Bock drauf!“
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    Konstantin war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und stand kurz vorm ersten juristischen Staatsexamen. Er hätte woanders Karriere machen können. Stattdessen wurde er nach dem Uniabschluss Bundesvorsitzender der JuLis. „Während des Wahlkampfs war ich wütend auf die FDP. Als sie dann rausflog, war ich nur noch traurig. Aber ich hab darin auch eine Chance gesehen. Und da hatte ich Bock drauf!“ In der Nacht nach der Wahlniederlage gab es mehr als 100 neue Mitgliedschaftsanträge bei den JuLis, die Mitgliederzahlen sind mit etwa 10 000 seitdem konstant – was aus Konstantins Sicht gut ist, da jedes Jahr automatisch viele austreten, wenn sie 35 werden.

    In Stade fragt Konstantin am Bahnhof nach dem Weg zum Hotel – sein Internet ist gedrosselt, aufstocken wäre zu teuer. Das mit dem Hotel ist auch eine Ausnahme. Denn seit die FDP-Gelder knapper geworden sind, heißt es auch bei den JuLis: sparen! Wenn möglich soll man bei Freunden auf der Couch schlafen.

    Ein JuLi beim Christopher Street Day? Ein älterer Herr sagt: „Das hätte es früher nicht gegeben.“


    Im Veranstaltungssaal warten bereits etwa 50 junge Leute. Viele Karohemden und Ringelpullis, die wenigen älteren Gäste tragen Hemd und Sakko. „Mist, wir haben Philipp verpasst“, sagt Konstantin. Er meint Philipp Rösler, auch Niedersachse und Ex-JuLi. Dann muss er selbst auf die Bühne, Thema ist „35 Jahre JuLis Niedersachsen“. Der Moderator stellt die Diskutanten dem Publikum vor, nur bei Konstantin sagt er: „Der letzte Gast ist euch ja allen bekannt: Konstantin, schön, dass du da bist.“ Das Publikum jubelt. Der Moderator fragt ihn halbernst, ob die JuLis eine neue Mutterpartei bräuchten. Konstantin trinkt einen Schluck Bier aus der Flasche und sagt: „Dass wir die FDP weiterhin unterstützen, auch beim Wahlkampf, haben wir doch bereits direkt nach der Wahlniederlage entschieden. Das verbietet uns nicht, selbst zu denken.“ Wieder Applaus. Als Sitznachbar Patrick Döring, ehemaliger FDP-Generalsekretär und Vorstandsmitglied eines Konzerns für Haustierversicherungen, nach der Zukunft der FDP gefragt wird, bepöbelt er erst einmal die Medien. Höflicher Applaus. So einer wie Döring funktioniert hier nicht mehr so richtig. Nach der Diskussion läuft „Freiheit“ von Westernhagen, an der Wand flimmern alte Fotos entlang. Viel Wahlkampf, viel Jägermeister. Auf einem Foto: Konstantin mit den JuLis beim Christopher Street Day. Ein älterer Herr in der letzten Reihe sagt zum Sitznachbarn: „Das hätte es früher nicht gegeben.“

    Am nächsten Morgen steht Konstantin trotz Feierei bis drei Uhr Früh pünktlich um Viertel vor acht am Bahnhof. „Morgens geht bei mir besser als nachmittags“, sagt er und switcht im Zug wieder vom Hoodie zum Jackett. Ob er auch auf den Döring switchen und ein bisschen rumpöbeln könne, wenn das Publikum es erwarte? „Wenn Populismus bedeutet, politische Überzeugungen auch mal auf einfache Worte runterzubrechen, dann mache ich das natürlich. Aber es müssen halt meine Überzeugungen sein.“

    Er mag den Straßenwahlkampf: Da kann man die Leute packen, wenn sie nicht damit rechnen


    Das ist natürlich eine Politikerantwort. Aber Konstantin hat wirklich Potenzial, zu überzeugen. Er ist ein guter Rhetoriker. Gestern, in Marburg, sagte eine Organisatorin: „Es war eine Freude, dir zuzuhören und etwas von der angekündigten Wende bei der FDP spüren zu können.“ Und er ist kampflustig, jemand, der nach eigener Aussage gerne dorthin geht, wo fast alle gegen ihn sind: „Nur dann kann man die Leute mit guten Argumenten richtig überraschen.“ Deshalb möge er auch so sehr den Straßenwahlkampf. Weil man da die Menschen packen kann, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Und er scheut auch die Provokation nicht. Das zeigte eine Kampagne kurz nach der Wahlschlappe 2013. Da posierten er und seine Kollegen im Stil der Kommune 1 mit nackten Hintern an einer Wand. Selbstironischer Slogan: „Wer hätte gedacht, dass wir Liberalen mal die Werte der 68er verteidigen müssen?“ Das Bild wurde von Facebook gelöscht, die JuLis forderten ihr Recht auf Nacktheit – und blieben im Gespräch. Auch, dass die FDP im vergangenen Mai auf dem Bundesparteitag mit 62 Prozent für die Legalisierung von Cannabis gestimmt hat, geht aufs Konto der JuLis.

    Als Konstantin gegen elf Uhr in der Bundesgeschäftsstelle der FDP in der Berliner Reinhardtstraße ankommt, haben sich dort schon alle Menschen versammelt, die jetzt noch in der FDP wichtig sind. „Freiheitskonvent“ heißt die Veranstaltung, Christian Lindner wird über die Digitalisierung reden. Das ist ziemlich clever, denn seit dem Untergang der Piratenpartei besetzt niemand mehr dieses Thema. Tatsächlich sitzen in der ersten Reihe zwei Ex-Piraten, die gerade öffentlichkeitswirksam die Partei gewechselt haben.

    Konstantin kennt viele Leute hier, dauernd klopft ihm jemand auf die Schulter und will smalltalken. Das ist gut für ihn. Denn wenn es mit der FDP und dem Bundestag 2017 klappen soll, wenn alle Rheda-Wiedenbrücks, Stades und Marburgs abgearbeitet sind, dann will Konstantin doch sicher hier hin: nach Berlin. Oder? „Erst mal will ich erreichen, dass junge Menschen wieder stolz sein können, wenn sie auf dem Campus oder in der Schule sagen ‚Ich bin bei den JuLis‘.“ Das ist natürlich keine Antwort auf die Frage. Er kann ja nicht für immer der Vorsitzende einer Jugendorganisation bleiben. Aber auch bei genauerem Nachbohren: So richtig will Konstantin mit der Antwort nicht rausrücken.

    Im Jahr 2024 müsste er bei den JuLis altersbedingt austreten. Wahlen gäbe es bis dahin genügend. Und vielleicht ist Konstantin da ja am Ende doch ein typischer FDPler: So viel arbeitet er sicher nur, wenn es sich am Ende auch lohnt.

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    Cyril, 24


    Ich habe mal als Nebenjob für eine Firma einen Transporter gefahren. Leider habe ich unterschätzt, wie groß so ein Auto ist und nach ziemlich kurzer Zeit war einer der Seitenspiegel abgefahren. Eigentlich war mein Plan: verschweigen und das Auto so abgeben, als sei gar nichts weiter passiert. Das ging nur leider nicht so gut, denn ich musste auf die Autobahn. Und so ein Transporter hat ja keinen normalen Rückspiegel. Ich konnte also überhaupt nichts mehr sehen. Deshalb musste ich reumütig meinen Chef anrufen, um ihm das Problem zu beichten.

    >>>"Kurze Zeit später klingelte die Polizei Sturm und kam mit vorgehaltener Waffe in die Wohnung meiner Freunde."<<<
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    Sebastian, 22


    Ich war bei Freunden zu Hause und wir haben uns bei Youtube Telefonstreiche angehört. Da gab es so eine vorgefertigte Aufzeichnung, die man am Telefon abspielen konnte: Ein Typ, der ziemlich aufdringlich behauptet, dass ihm ein Hans Geld schulde und er jetzt zu ihm kommen und es sich holen wolle. Wir kannten tatsächlich einen Hans, also haben wir bei dessen Vater angerufen und das Ding abgespielt. Was dann passierte, hätten wir wirklich nicht gedacht: Kurze Zeit später klingelte die Polizei Sturm und kam mit vorgehaltener Waffe in die Wohnung meiner Freunde. Sie hatten die Nummer zurückverfolgt und gingen von einer echten Erpressung aus.
     
    >>>"In Folge dieses Kennenlernens haben sich dann nach diesem Abend beide Männer von ihren Freundinnen getrennt."<<<
    [seitenumbruch]


    Heike, 35


    Ich habe auf einer Party einem Freund eine Bekannte vorgestellt. Er war zu dieser Zeit mit einer anderen Freundin von mir zusammen. Später habe ich eine weitere Bekannte einem anderen Freund vorgestellt, der auch eine Freundin hatte. In Folge dieses Kennenlernens haben sich dann nach diesem Abend beide Männer von ihren Freundinnen getrennt. Mein freundliches Bekanntmachen hat also indirekt zwei Beziehungen zerstört und für sehr viel Schmerz gesorgt. Das tut mir heute noch leid, obwohl ich natürlich überhaupt nichts dafür kann.

    >>>"Uhr voller Wasser, Glas gesprungen, Bettwäsche verfärbt, Freund stinksauer."<<<
    [seitenumbruch]



    Silja, 24


    Mein Freund hatte sich gerade eine neue Uhr gekauft, auf die er sehr stolz war. Mit einem ziemlich schönen Lederarmband. Als ich neulich das Bett neu beziehen und die Bettwäsche waschen wollte, habe ich leider übersehen, dass diese Uhr unter der Bettdecke lag und habe sie heiß mitgewaschen. Was dann passiert ist, kann sich jeder denken: Uhr voller Wasser, Glas gesprungen, Bettwäsche verfärbt, Freund stinksauer.

    >>>"Und so lagen wir beide Sekunden später gemeinsam im Dreck. Sie hat sich sogar den Kopf an einem Stein aufgeschlagen.<<<
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    André, 23


    Ich war vor einiger Zeit mit meiner Freundin auf einem Volksfest, als es plötzlich extrem zu regnen anfing. Als wir das Bierzelt verlassen wollten, war da eine riesige Pfütze. Natürlich wollte ich sofort den Kavalier spielen und habe meine Freundin spontan auf den Rücken genommen, um sie trockenen Fußes über die Pfütze zu bringen. Leider habe ich den nassen Boden etwas unterschätzt, und so lagen wir beide Sekunden später gemeinsam im Dreck. Sie hat sich sogar den Kopf an einem Stein aufgeschlagen.

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  • 01/07/16--05:26: Mischt euch ein!



  • In der Luft hängt Bierdunst, die Scheiben der U-Bahn sind beschlagen, die Menschenmasse wiegt bei jedem Anfahren der U-Bahn wie eine Welle vor und zurück. Ich stecke mitten in einem Fanblock von Bayern-Fans auf dem Weg zurück nach Hause. Das Spiel lief scheinbar gut, die Stimmung ist ausgelassen, manche singen. Mir gegenüber steht ein kleiner dicker Mann mit randloser Brille und Glatze. Ich wundere mich noch über die seltsamen Punkte darauf und kann kurz nicht einordnen, woher die Hand kommt, die irgendwie unter meiner Jacke ist. Ich brauche einen kurzen Moment, bis ich verstehe, was hier gerade passiert. Und dass das nicht okay ist. Denn der erste Gedanke ist sofort: „Bestimmt ein Versehen, ist ja ziemlich voll hier.“ 

    Dann kommt die Wut und ich werde laut. Was genau ich geschrien habe, weiß ich nicht. Irgendwas mit „Schwein“ und „eklig“. Woran ich mich aber noch sehr gut erinnere, ist die plötzliche Stille in der U-Bahn. Und dass diese eine Minute bis zur nächsten Station, in der ich in einem lächerlichen Versuch dem Mann mit der flachen Hand auf die Glatze haue (leider überhaupt nicht besonders stark), mir vorkam wie eine Ewigkeit. Als die Türen sich öffnen, flüchtet er in das Gedränge auf dem Bahnsteig. In meinem Waggon herrscht immer noch betretenes Schweigen, aus den anderen dringt Gegröle. Ein junger Mann kommt zu mir und fragt mich, ob das gerade wirklich passiert sei. „Ja“, sage ich sehr garstig. Die anderen beginnen wieder, sich zu unterhalten.

    Was mich im Nachhinein so wütend macht, ist nicht nur die Übergriffigkeit des Mannes. Es ist auch diese ganze U-Bahn, die kollektiv weggeschaut hat, obwohl ich laut und deutlich artikuliert habe, was da gerade passiert. An diese Wut erinnere ich mich gerade, wenn in der Debatte über die Übergriffe in Köln die Kommentarleisten überquellen vor Spekulationen und Anschuldigungen. Es gibt genug Berichte von Betroffenen und genug Fragen nach den Tätern da draußen. Wovon die ganze Fragerei aber ablenkt, ist das Thema sexualisierte Gewalt als solches. Als Teil unserer Gesellschaft. Als Problem derer, die davon betroffen sind. Aber auch als Problem derer, die dabei wegsehen.

    Laut werden, handgreiflich werden, Pfefferspray kaufen


    Es wird so getan, als sei der Kölner Hauptbahnhof unter einer großen, gewaltfreien Käseglocke gelegen, bevor eine Bedrohung von außen ihn zu einem Raum der Gewalt und Angst gemacht hat. Als Großstadtkind habe ich viel Zeit an genau solchen Orten verbracht. Dabei war der öffentliche Raum für mich als Mädchen und Frau nie ein sicherer: Der Typ, der nachts im Waggon masturbiert, wenn niemand sonst mehr in der Bahn sitzt. Der Fahrkartenkontrolleur, der anzügliche Bemerkungen über mein Ausweisbild macht. Der Mann, der seine Hand beim Aussteigen viel zu nah an meinem Hintern vorbeiquetscht. So traurig das auch klingt, aber ich habe mich daran gewöhnt, dass in solchen Situationen niemand aufsteht. Und ich habe mir meine eigenen Strategien dafür zugelegt: laut werden, handgreiflich werden, Pfefferspray kaufen.    

    Das mit dem Pfefferspray war meine Idee, ansonsten raten Experten Außenstehenden Ähnliches. Zuerst einmal: Einmischen. Das gibt den Betroffenen die Möglichkeit, sich aus der Situation zu begeben. Wer dafür zu schüchtern ist, sucht sich Verstärkung. Selten passieren diese Übergriffe „im Rudel“ wie es wohl in Köln geschehen ist. Wie man sich einmischt, kommt ganz auf die Situation an. Natürlich sollte man sich nicht ins offene Messer stürzen. Damals in der U-Bahn wäre es aber ein Leichtes gewesen, genug Zeugen zu finden und den Mann anzuzeigen. Oder einfach den Mund aufzumachen, um dem Opfer zu zeigen, dass es nicht allein ist. Das kostet Überwindung, aber Einmischen kann man lernen. Genauso, wie man schon als Mädchen lernt, sich zur Wehr zu setzen. 

    >>> Wieso schreitet so selten jemand ein?
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    Wenn die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker in einer Pressekonferenz Frauen aus welchen Zusammenhängen heraus auch immer rät, „eine Armlänge Abstand“ zu halten, löst das auf Twitter empörte bis belustigte Reaktionen aus. Wenn ich an meine U-Bahn Erfahrung denke, wirkt dieser Vorschlag auch mehr als absurd. Aber er zeigt trotzdem eine Tendenz, die immer wieder auftaucht, wenn es um sexualisierte Gewalt geht: Victim blaming und Pauschalurteile. Die, mit ihren zu kurzen Miniröcken. Die, mit ihren sexistischen Frauenbildern. Dabei ist sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem. Dazu gehören Opfer, Täter, aber eben auch die, die einfach nur dabei stehen. 

    Ich muss nicht besonders tief in meinem Gedächtnis graben, um mindestens zehn solcher Situationen aus meinem Umfeld zusammen zu bekommen. Bei den wenigsten ist jemand aufgestanden und hat geholfen. Da könnte man sich doch mal an die eigene Nase fassen und fragen: Warum lassen wir zu, dass auf offener Straße überhaupt noch solche Dinge geschehen können? Fraglich, ob all jene, die Köln jetzt als Sprungbrett für Flüchtlingshetze und überschwängliche Solidarität im Internet nutzen, damals in der U-Bahn genauso laut geworden wären. 

    Am Ende sollte es keine Rolle spielen, wer hier wen belästigt. Angegrabscht zu werden ist immer scheiße. Aber man kann sich sehr gut verstecken hinter diesen Fragen nach den Tätern. Als wäre das Thema sexualisierte Gewalt gelöst, sobald man sie gefunden hätte. Dann müsste man nicht nach den Erfahrungen so vieler Frauen fragen, die sowas täglich erleben. Dann könnte man einfach aus der U-Bahn steigen und so tun, als hätte man nichts gesehen.

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    Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:



     

    Michi, Texter


    Auf den ersten Blick ist die Adalbertstraße nur die hässliche Schwester von Türken- und Amalienstraße – die Durchgangsstraße der Studenten von der Uni zur U-Bahn. Hier auf den Gehwegen zu gehen, kann nerven. Zumindest zwischen Türken- und Ludwigstraße, weil man immer einem Studentenpulk in die Hacken läuft. Aber man darf diese Straße nicht unterschätzen.
     
    Vorn, an der Ecke Ludwigstraße, ist der legendäre Didi mit seinem Obststand, über den gibt es ja sogar einen Film. Da kann man sich auf dem Weg in den Englischen Garten immer schönes Obst kaufen. An der Ecke Amalienstraße ist ein Tapas-Laden, vor dem im Sommer immer sehr viele Menschen sitzen und essen. Das Essen sieht gut aus, aber es wird wohl nie dazu kommen, dass ich es mal probiere, um mir ein echtes Urteil zu bilden. Denn einmal wurde ich auf dem Gehweg direkt vor dem Restaurant blitzkrank und habe ein paar Gästen und dem Kellner direkt vor die Füße gekotzt. Jetzt kann ich mich da nie wieder blicken lassen.
     
    Regelmäßig essen gehe ich bei Akuo, einem sehr ehrlichen und nicht zu teuren taiwanesischen Imbiss, der von einem Ehepaar aus Taiwan geführt wird. Das ist der erste Laden, der sich an dieser Stelle hält, nachdem dort zahlreiche andere Geschäftsideen nicht funktioniert haben. Am besten bestellt man die Jaozi, das sind gefüllte Teigtaschen, oder das Schweinefleisch mit Paprika.
     
    Super ist auch das Grappolo, die machen hervorragende Pasta. Und direkt unter meinem Haus ist das Mario, einer der ältesten Italiener in ganz München, mit einer filmreifen Achtziger-Atmosphäre. Allerdings muss ich gestehen, dass ich meine Pizza trotzdem lieber bei Lo Studente in der Schellingstraße hole und dann versuche, sie ganz diskret durch unseren Hauseingang zu schmuggeln, ohne, dass mich jemand aus dem Mario dabei erwischt und mir dann böse ist. Denn eigentlich müsste ich den Mario ja unterstützen. Ich will nämlich, dass der bleibt. Es gibt nichts Beruhigenderes, als über einem italienischen Restaurant zu wohnen. Wenn ich die Fenster öffne und unten Teller klirren höre, und dann jemand „Mamma mia“ ruft oder bis spät abends italienische Lieder trällert, das hat schon etwas sehr Tröstliches.
     
    An der Ecke Türkenstraße gibt es ein neues Café, Neues Wieners heißt das, und da gibt’s Mokka im Glas, eine schöne Melange und solche Sachen. Aus irgendeinem Grund kann man da allerdings nicht reingehen, ohne dass sie einem erzählen, dass sie Österreicher sind. Dafür kann man aber toll draußen sitzen, die haben sogar Wärmelampen.
     
    Im Zest an der Türkenstraße sieht man oft Filmleute aus den Arri-Filmstudios. Ein paar Mal habe ich da schon Helge Schneider sitzen sehen oder Matthias Schweighöfer. Wen man natürlich auch immer sieht: Klaus Lemke. Der geht hier am Tag so fünf Mal vorbei, meistens mit seiner Sporttasche. Und wenn mich nicht alles täuscht, wohnt auch Mario Adorf in der Nähe. Zumindest sehe ich manchmal einen Mann mit Jutebeutel über die Straße zum Tengelmann schlurfen, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht.
     
    Wenn man über die Adalbert erzählt, muss man natürlich auch A Kind Of Guise empfehlen, ein Münchner Klamotten-Label, das die Räume der legendären alten Basis-Buchhandlungübernommen hat. Die machen wahnsinnig schicke Klamotten, aber leider haben die natürlich auch ihren Preis. Trotzdem ist es toll, dass die da sind. Die verleihen der Straße einen etwas moderneren Geist und manchmal veranstalten sie kleine Straßenfeste oder ein öffentliches Fußballschauen.
     
    Schräg gegenüber von der Max-Emmanuel Brauerei, deren im Hinterhof versteckter Biergarten natürlich auch ein Klassiker dieser Gegend ist, gibt es an der Ecke zur Nordendstraße das Benko. Das sieht sehr nett aus und serviert ab 18 Uhr täglich eine Suppe, Vorspeisen und ein paar Gerichte.
     
    Und im Sommer fühlt man sich in der Adalbert wie in Philadelphia. Das haben ja alle Straßen der Maxvorstadt, die reißbrettgerade von Osten nach Westen angelegt sind, gemein: Die Sonne wandert genau durch die Straße. Sie geht morgens auf der einen Seite auf, abends auf der anderen unter und flutet sie mit Licht. Wenn dazu dann noch Sommermenschen auf ihren Longboards oder Surfer mit Brett unterm Arm auf ihrem Rad hier durchfahren, kommt einem das schon sehr amerikanisch vor.

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  • 01/08/16--05:17: Schrille Nacht
  • Manche Menschen schlafen nachts. Andere reden dabei. Aidan ist so ein Fall – und glücklicherweise mit einer sehr humorvollen Frau zusammen, die sein nächtliches Gemurmel im Internet dokumentiert. Was Aidan nachts so von sich gibt, schickt sie ihm direkt aus dem Bett per SMS. Zum Beispiel: „Klar würdest du gerne mit Napoleon abhängen.“ Klar.





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    Aidan ist nicht allein: Unter den Posts tauschen sich zahlreiche User über ihre Erlebnisse aus.





    So eine nette Frau wie er braucht aber nicht jeder: mittlerweile gibt es zahlreiche Apps, die das nächtliche Gequassel automatisch mitschneiden.

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    Und woher kommt der Unsinn, den wir da von uns geben? Die Satzfetzen stammen aus Träumen, die beim Übergang verschiedener Schlafphasen an die Oberfläche gelangen. Wie Aidans Vermutung, seine Frau würde seit Monaten seine „Medallien verstecken“ zu deuten ist, weiß vermutlich nur die Angetraute selbst. Die aber schweigt. Auch nachts.

    Sina Pousset



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  • 01/08/16--07:38: Metal im System
  • Hurra für die Wissenschaft: Die Periodentabelle wurde um vier Neumetalle ergänzt. Aber wie sollen die frischgebackenen Elemente Nr. 113, 115, 117 und 118 nur heißen? Diese Frage lässt nicht nur Chemiker grübeln. Denn bei der Namensgebung der Schwermetalle ("heavy metals") haben die Anhänger der gleichnamigen Musikrichtung automatisch Mitspracherecht – finden sie selbst zumindest.

    Zehntausende Heavy-Metal-Fans unterzeichneten deshalb bereits eine Petition, die fordert: Eines der Metalle muss unbedingt „Lemmium“ heißen! Benannt nach der kürzlich verstorbenen Metal-Legende und Naturgewalt Lemmy Kilmister von Motörhead!

    [plugin imagelink link="https://d22r54gnmuhwmk.cloudfront.net/photos/5/xb/cw/QJXbCWjbLNqDnGk-800x450-noPad.jpg?1451934086" imagesrc="https://d22r54gnmuhwmk.cloudfront.net/photos/5/xb/cw/QJXbCWjbLNqDnGk-800x450-noPad.jpg?1451934086"] Vielleicht bald auch als Metall berühmt: Lemmy Kilmister.

    35.000 Metalfans haven die Petition schon unterschrieben– und auch auf Twitter und Co. gibt es Unterstützung. Bleibt zu hoffen, dass sich „Lemmium“ durchsetzt. Es wäre das lässigste Element im ganzen Periodensystem – und würde den Musiker ein für alle Mal unsterblich machen. Wie hätte Lemmy wohl selbst auf diese Nachricht reagiert? Wahrscheinlich exotherm.

    Sina Pousset

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    Die Jungsfrage: 





    Was für ein mieser Start ins Jahr. Als Mann kommt man aus dem Mitschämen für die Artgenossen kaum heraus. Erst benehmen sich die einen in der Silvesternacht wie Gorillas im Böller-Nebel, dann proben ausgerechnet diejenigen aus der "Dirndl-Ausfüllen"-Ecke den #Aufschrei, die sonst unterm Jahr auf Volksfesten die Armlänge Abstand höchstens zu ihrer guten Erziehung einhalten.

    Als mit Gleichberechtigung aufgewachsener, von Mutter und Schwestern erzogener, vielleicht sogar feministisch denkender, jedenfalls: als Frauen respektierender junger deutscher Mann hat man eins kapiert: Es gibt auch 2016 leider immer noch No-Go-Areas für Frauen. Wer Lust auf körperliche und seelische Unversehrtheit hat, geht in kein Bierzelt und durch keine Menschenmenge. Zwischen Volksfest und Silvesternacht bestehen kriminelle Grauzonen, in denen Männer meinen, sie dürften alles. Das ist ziemlich ekelhaft. Aber zum Glück immer ein kleines Stück weit weg. Denn: Wir sind doch anders, oder?

    In unseren coolen Clubs, wo Jungs in bunten Socken verträumt zu Gitarrenmusik tanzen, wo an der Theke über Bourdieu und Craft Beer diskutiert wird, wo alle wissen, dass "Respekt" keine Rap-Combo und "Rape Culture" kein Ballerspiel ist, da wird doch nicht gegrapscht? Jedenfalls, ganz ehrlich, habe ich persönlich nur sehr, sehr selten eine Grapscherei beobachten müssen. Und wenn, sind wir doch alle sofort auf der Seite der Frau und machen dem Bösewicht aber sowas von klar, wo seine Hände zu sein haben. Von Schlimmerem ganz zu schweigen.

    Und doch lugt hinter den selbstgedrehten Zigaretten ein unguter Zweifel hervor: Auch in unseren Freundeskreisen wissen zu viele Mädchen "eine Geschichte" zu erzählen, die meisten sogar mehrere. Auch für unsere Milieus gibt es traurige Statistiken. Sind wir vielleicht doch gar nicht so gut, wie wir denken? Sind wir alle ein bisschen Bierzelt? Also, Mädchen: Wir sind keine Grapscher, oder? Bei uns seid Ihr doch sicher?

    >>>Die Mädchenantwort von Mercedes Lauenstein

    [seitenumbruch]Ich möchte leidenschaftlich glauben, was ihr da sagt. Ich hatte noch nie große Lust auf die Rolle des „schwachen Geschlechts“ und bin es leid, im Wochentakt neue Empörungswellen zum Thema böse Männer vs. hilflose Frauen aufbranden zu sehen. Wenn mal wieder irgendwo von Aufschrei und Feminismus die Rede ist, verdrehe ich die Augen, murmele „alles hysterisch-pauschalisiertes Soziologenblabla“ in mich hinein und bleibe ganz bequem bei meiner Sicht der Dinge: cool ist, wer cool ist. Wer ewig alles seinem Geschlecht in die Schuhe schiebt, ist eine Heulsuse und muss lernen, sich zu wehren.





    Ich weiß sehr wohl, dass das höchstens die Dreiviertelwahrheit ist. Ich finde es zwar schwierig, in unserem Milieu von „Grapschen“ und „Nötigung“ zu sprechen. Aber ich finde es auch schwierig, euch einfach so Recht zu geben, wenn ihr sagt: Wir? Wir doch nicht! Oder: Alles nur Charaktersache, hat mit dem Geschlecht nix zu tun! Das mit den Übergriffen, das spielt sich zwischen euch und uns alles etwas subtiler ab, weniger bedrohlich, koketter. Und da gibt es durchaus das Muster „Mann“ und das Muster „Frau“. Leider.  

    Aber von Anfang an: Erfahrungen aus meinem eigenen Leben und aus vielen Gesprächen mit Freundinnen bestätigen, dass Männer grundsätzlich etwas schief gewickelt sind, wenn es ums Flirten geht. Sie glauben gern, das „Nein“ einer Frau sei nur die erste Aufgabe im großen Liebes-Spiel, dessen Anwärter sich tapfer das finale „Ja“ zu erkämpfen trachtet. Das führt auf Volksfest-Ebene dann zu diesem platten „Lach doch mal“-Ding, aus der nassforschen Überzeugung heraus, eine Frau umwerben zu müssen, erobern, herauszufordern, umzustimmen. Anders gesagt: Ihr „Nein“ nicht für voll zu nehmen. Ich glaube, dass viele Typen denken, Frauen würden sich aus Koketterie zieren. Ein freundlich signalisiertes, augenzwinkerndes „Nein danke, kein Interesse, aber vielen Dank für das Kompliment“ scheint vielen Männern als: „Na, da musst du dich schon bisschen mehr ins Zeug legen“.  

    Wie oft schon habe ich geglaubt, mich verständlich gemacht zu haben, und die Baggerei hörte trotzdem nicht auf? Wie oft habe ich mich selbst schon denken hören: „Alter, warum glaubst du, dass ich das, was ich sage, nicht so meine?“ Tausend Mal! Allerdings: Was genau habe ich denn gesagt? Hab ich wirklich „Nein!“ gesagt? Konnte man meine Gebärden wirklich verstehen, oder konnte nur ich sie verstehen, weil ich halt aus meinem Hirn rausschaue und meinen Subtext mithöre? Ich glaube, dass viele Frauen, und da nehme ich mich nicht aus, oft aus Verlegenheit, Höflichkeit und Gefallsucht eine Spur zu fröhlich, lustig und charmant auf Anmachen reagieren. Und eben doch nicht genau klar machen, wann das Spiel vorbei ist. Die eben nur glauben, ein „Nein!“ signalisiert, in Wahrheit aber ein „Vielleicht...?“ von sich gegeben haben. Das souveräne Mittelmaß zwischen Lässigkeit und Hysterie auszuloten fällt uns verdammt schwer. Erst recht im Suff.  

    Dieses Zusammenspiel aus Männermut und Frauenkoketterie hat in meinem Leben schon zu den denkwürdigsten Situationen geführt. Wie gesagt: „Grapschen“ oder „Nötigung“ wären mir für dieses Verhalten viel zu aggressive Vokabeln, aber es geht in die Richtung: Hände, im Gespräch ungefragt abgelegt auf Schultern, Beinen oder Haarschopf. Kesse Kniffe in Nase und Wange. Zartes über die Wange Streicheln oder unermüdliches Auf-die-Tanzfläche-Gezerre. Und natürlich die Auftritte jener Lustmolche, die um vier Uhr morgens in mein Taxi nach Hause einstiegen um mir, in den extremen Fällen, bis in den Hausflur zu folgen und um Einlass in meine Wohnung zu betteln, „nur noch auf ein Glas Wasser“.  

    Zum Glück ist mir noch nie ein Typ untergekommen, der ein finales Nein nicht akzeptiert hat. Mit den meisten Kerlen war der Weg dahin nur einfach sehr, sehr nervtötend. Einen total im Liebesspiel fiebernden Typen zu erden ist nämlich ungefähr so anstrengend, wie ein überdrehtes Kind oder einen verzogenen Welpen zur Vernunft bringen zu wollen. Oft empfand ich eher Mitleid mit den Jungs, die bei mir nicht landen konnten, weil ihr vermeintlich heldenhaftes Spiel aus meiner Warte so erbärmlich aussah.  

    Was ist die Moral von der Geschicht? Ihr müsst vorsichtiger werden, hellhöriger, anständiger. Aber wir müssen vor allem deutlicher werden. Klartext reden, und zwar glaubwürdig. Bisschen mehr Eier in der Hose haben. Bisschen weniger Angst davor, gleich als hysterisch und empört zu gelten. Cool nein sagen. Gut flirten. Respektvoll fragen, welcher Schritt als nächster denn nun dem Gegenüber genehm wäre. Ehrlich antworten. Schreibt euch einfach mal auf: vorsichtiger nachfragen. Klartext fordern. Klartext respektieren. Wir schreiben uns auf: deutlicher werden. Abgebrühter werden.  

    Es lohnt sich. Die aufregendste, interessanteste, allerbeste, bis heute unübertroffene Nacht überhaupt hatte ich mit einem Typen, der mich gefragt hat, ob er mich anfassen darf, bevor er es getan hat. Ich habe ihn nie wieder gehen lassen.    






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  • 01/11/16--03:48: Streckzeug
  • Streckmittel in Drogen, darüber hat jeder ein bisschen Halbwissen – von „Voll gefährlich, manchmal ist Rattengift im Kokain“ bis hin zu „Hihi, wenn mit Laktose gestreckt wird, müssen Intolerante vom Koks pupsen“ hat man schon alles gehört. Aber was ist wirklich drin in – zum Beispiel – Kokain? Gibt es Streckmittel-Trends? Welche sind gefährlich, welche harmlos? Dr. Björn Ahrens kann diese Fragen beantworten: Er arbeitet seit 13 Jahren als Chemiker im Bereich Toxikologie im Bundeskriminalamt, in dem Wissenschaftler unter anderem sichergestellte Betäubungsmittel analysieren.




    Zusätze, die 2014 in Deutschland in sichergestelltem Kokain gefunden wurden
    Pharmakologisch wirksame Zusätze:
    Levamisol: Mittel gegen Fadenwürmer, zu den Nebenwirkungen gehören Atemnot und Lungenödeme.
    Phenacetin: Fiebersenkendes Schmerzmittel. Wegen seiner leicht euphorisierenden Wirkung (vor allem in Verbindung mit Coffein) soll es teils auch schon zur Leistungssteigerung verwendet worden sein. In Deutschland gelten Rezepturen mit Phenacetin als bedenklich, Herstellung und Abgabe sind wegen der gesundheitsschädlichen, insbesondere nierenschädigenden Wirkung in Kombination mit anderen Schmerzmedikamenten verboten.
    Lidocain:Örtliches Betäubungsmittel. Zu den Nebenwirkungen gehören Unruhe, Krampfanfälle und Herzrhythmusstörungen.
    Coffein: In reiner Form ein weißes Pulver mit leicht bitterem Geschmack, vor allem bekannt als anregend wirkender Bestandteil von Getränken wie Kaffee, Mate-Tee oder Cola. Coffein gilt als weltweit am häufigsten konsumierte pharmakologisch aktive Substanz.
    Hydroxyzin: Arzneimittel zur Angstlösung bei psychischen und körperlichen Erkrankungen, wird u.a. eingesetzt bei Spannungszuständen und Schlafstörungen. Zu den Nebenwirkungen gehören Unruhe, Schwindel, Verwirrtheit, Halluzinationen und Krampfanfälle.
    Diltiazem: Arzneistoff, der bei einer Erkrankung der Herzkranzgefäße, bei bestimmten Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und Schwindel verabreicht wird. Zu den Nebenwirkungen gehören Schlaflosigkeit, depressive Verstimmungen und Halluzinationen.
    Procain: Lokalanästhetikum, das vor allem in der Zahnmedizin eingesetzt wird. Zu den Nebenwirkungen gehören Herzrhythmusveränderungen, bei hohen Dosen Blutdruckabfall, Krämpfe, Atem- und Herzstillstand.
    Pharmakologisch unwirksame Verschnittstoffe:
    Lactose: Milchzucker
    Mannit: Zuckeralkohol
    Glucose: Traubenzucker
     
    jetzt.de: Herr Ahrens, kann man Kokain theoretisch mit jedem weißen Pulver strecken?
    Ahrens: Theoretisch ja, aber es würde schnell auffallen. Wenn man Kokain beispielsweise nur mit Zucker streckt, schmeckt es plötzlich süßlich und nicht mehr bitter. Außerdem wirkt Kokain lokal betäubend. Das ist auch der Grund, warum man es, wie manchmal im Fernsehen gezeigt wird, am Zungentest erkennt: Probiert man mit dem Finger etwas Kokain, macht es die Zunge taub. Ist die Droge zu sehr gestreckt, passiert das nicht mehr.

    Das mit der Zunge ist also nicht nur Wichtigtuerei?
    Das funktioniert wirklich, allerdings nur bei Kokain. Im Fernsehen wird das auch bei anderen Drogen wie etwa Heroin praktiziert, ist aber tatsächlich nicht möglich.

    Warum ermitteln Sie den Wirkstoff- und Streckmittelanteil in sichergestellten Drogen?
    Wenn die Wirkstoffmengen illegaler Betäubungsmittel über bestimmten Grenzwerten, der sogenannten „nicht geringen Menge“, liegen, gehen die Gerichte davon aus, dass nicht nur ein Konsumdelikt, sondern ein Handel mit Betäubungsmitteln vorliegt. Grundsätzlich gilt: je weiter unten in der Handelsstruktur, je mehr Straftäter also daran verdienen wollen, desto höher ist der gestreckte Anteil. Auf Konsumentenebene finden wir selten reinen Stoff.

    Gestreckt wird also, um den Gewinn zu maximieren, oder?
    Genau, und wenn man die Substanzen verdünnt, soll dennoch Qualität vorgetäuscht werden.

    Wie macht man das?
    Zum Beispiel durch Lidcocain, ein synthetisches Kokain, das häufig zur lokalen Betäubung verwendet wird. Die betäubende Wirkung ist sicher der Hauptgrund, warum es zugesetzt wird. Man kann damit eine stärkere Dosierung vortäuschen, weil es leicht bitter schmeckt. Rauschwirksam ist es aber nicht.

    Welche Arten von Streckmitteln unterscheiden Sie?
    Wir unterscheiden zwischen pharmakologisch unwirksamen Verschnittstoffen und pharmakologisch wirksamen Zusätzen. Mit den unwirksamen Verschnittstoffen vergrößern die Dealer die Menge. Meist verwenden sie dafür verschiedene Zuckerarten oder Kreatin, ein Eiweißpräparat, das auch Leistungssportler gerne nehmen. Beim Kokain sind die wirksamen Zusätze in der Regel synthetische Kokaine: Lokal-Anästhetika wie eben Lidocain oder Procain. Wir finden in Kokain aber auch Schmerzmittel wie Phenacetin, selten auch Paracetamol oder Aufputschmittel wie Coffein.

    Gibt es bei Streckmitteln bestimmte Trends?
    Grundsätzlich sind die Zusätze stabil – was sich bewährt, wird so lange wie möglich beibehalten. Heroin wird seit mehr als 30 Jahren vor allem mit Paracetamol und Coffein gestreckt. Kokain wird schon seit bald 40 Jahren mit Lidocain gestreckt. Seit etwa fünf Jahren stellen wir in mehr als der Hälfte der Kokainzubereitungen Levamisol fest, ein Entwurmungsmittel, dem nachgesagt wird, dass es eine bessere Kokainqualität vortäuschen kann.

    Weil es auch die Zunge betäubt?
    Das nicht. Aber wenn man mehr davon zu sich nimmt, erhöht es den Blutdruck, wirkt also aufputschend, das erweckt den Eindruck von besonders wirksamem Kokain. Bei den nicht wirksamen Substanzen ist Zucker das gängigste Verschnittmittel, allen voran Laktose, aber auch Glucose und Dextrose.

    Gibt es regionale Unterschiede bei Streckmitteln?
    Nein, das bestätigen unsere Untersuchungen nicht.

    Wird heute insgesamt mehr gestreckt als früher?
    Nein, das wird schon immer gemacht. Zum Teil, um die Drogenmenge zu erhöhen, aber auch um die Droge überhaupt erst konsumfähig zu machen – bei der Aufnahme von ungestrecktem Heroin besteht zum Beispiel schon beim Erstkonsum die Gefahr der tödlichen Überdosierung.

    Welche Streckmittel sind besonders gefährlich?
    Entscheidend ist: Die schädigende Wirkung kommt von der Droge selbst.

    Aber Lidocain kann zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, Krämpfe, Atemnot, Atemstillstand auslösen . . .
    Bei Überdosierung, ja, aber diese Wirkungen hat das Kokain auch.

    Bevor das Streckmittel gefährlich wird, wird also das Kokain gefährlich?
    Genau. Der Missbrauch der eigentlichen Rauschdroge erzeugt Nebenwirkungen. Wenn behauptet wird, dass Streckmittel die Ursache für die Drogentoten sind, kann ich das nicht bestätigen. Die Ursachen liegen in den Betäubungsmitteln an sich, nur in Ausnahmefällen in den Streckmitteln.

    Man hört auch immer wieder von Kokain, das mit Strychnin versetzt ist, das auch als Rattengift benutzt wird.
    Mir ist nur ein Fall bekannt, in dem tatsächlich Strychnin enthalten war, allerdings in Heroin.
    Wie beurteilen Sie Serien wie den Kokain-Epos „Narcos“ oder die Crystal-Meth-Serie „Breaking Bad“?
    Wirkungsweisen von Drogen in Serien sind heute meistens sehr gut recherchiert. Manches ist aber auch unrealistisch.

    Zum Beispiel?
    Wie schnell sichergestellte Drogen analysiert werden: Der Ablauf von der Sicherstellung über die Analyse bis zur Übermittlung des Befundes ist sehr verkürzt dargestellt. Das dauert in der Realität wesentlich länger.

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    Elias Löwenhardt* war mit der Organisation „Sar-El“, die Freiwilligendienste in der Israeli Defence Force anbietet, drei Wochen beim israelischen Militär. Die Freiwilligen sind dort keine Kombattanten, d.h. sie tragen keine Waffen und kämpfen nicht, sondern helfen etwa in der Küche, im Sanitätswesen, im Nachschub oder bei der Instandsetzung aus.





    jetzt.de: Jetzt, wo du deinen Dienst bei der israelischen Armee beendet hast, wirst du den in deinen Lebenslauf eintragen?
    Elias: Nein, der hat da nichts zu suchen. Ich hatte schon einmal Schwierigkeiten, als ich meine Einstellung zu Israel und der Armee öffentlich gemacht habe.

    Welche genau?

    Ich war auf der Suche nach einem WG-Zimmer und hatte bereits die Zusage. Nachdem ein Bewohner jedoch ein Bild von mir mit israelischen Soldaten auf Facebook gesehen hatte, änderte er seine Meinung und ich durfte doch nicht einziehen.  

    Und du befürchtest ähnliche Reaktionen, wenn du offen damit umgehst, das du bei der israelischen Armee warst?

    Es ist doch so: Alles was mit Israel zu tun hat, ist politisch. Aber ich habe den Freiwilligendienst ja nicht aus rein politischen Gründen gemacht. Sondern eher aus persönlichen.

    Welche waren das?
    Ich wollte mir einen Einblick in das Land verschaffen und es kennenlernen. Ich habe jüdische Wurzeln und auch Familie im Holocaust verloren. Und ich bin der Meinung, dass der Staat Israel der Zufluchtsort für Juden aus aller Welt ist.

    Und du findest, dass die Armee der beste Ort ist, dieses Land kennenzulernen?

    Der Konflikt und ein gewisser Militarismus gehört leider zum Land. Deshalb gilt die Wehrpflicht für fast jeden Bürger hier. Ausgenommen sind arabische Israelis, ultra-orthodoxe Juden und Bürger, die körperlich eingeschränkt sind. Ich wollte ein Teil davon sein oder dem wenigstens näher kommen. Ich habe mir immer gesagt, wenn ich eine Armeeuniform trage, dann die israelische. Israel kann ohne das Militär nicht überleben.

    Wieso nicht?

    Weil Israel sich seit seinen Anfängen im Krieg befindet und von Nachbarn umzingelt ist, die es auslöschen wollen, insbesondere der Iran. Die Armee ist auch keine, die Angriffskriege führt sondern nur zur Verteidigung dient. Das steckt ja schon im Namen – Israeli Defence Force.

    Wie haben Freunde und Familie reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du einen Freiwilligendienst in der israelischen Armee machen möchtest?

    Niemand war wirklich geschockt als ich das erzählt habe. Mein Umfeld kennt mich gut und deswegen waren sie nicht überrascht. Interessanter waren die Reaktionen der Israelis.

    Inwiefern?

    Einige waren verwirrt und fanden es befremdlich, dass ich freiwillig zur israelischen Armee gehe. In Israel muss jeder Junge für drei, jedes Mädchen für zwei Jahre zur Armee. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber fast alle haben es durchgemacht und vielen hat es in der Armee nicht gefallen. Es gab aber auch Leute, die es gutgeheißen haben, dass ich dadurch das Land unterstütze.

    Wie kann man bei Sar-El als Freiwilliger mitmachen?

    Man muss sich bewerben. Ich musste mir ein Gutachten vom Arzt besorgen um zu zeigen, dass ich körperlich fit bin. Außerdem habe ich eine Empfehlung vom Vorsitzenden der deutsch-israelischen Gesellschaft bekommen. Das ist ein Verein, der sich für die Interessen der Beziehungen beider Länder einsetzt. Aber man kann auch zu einem Rabbiner oder zu einem Pfarrer gehen, die einem bescheinigen, dass man im Interesse Israels diesen Dienst machen möchte. Ich habe die Bewerbungsunterlagen mit meinem Lebenslauf und einem polizeilichen Führungszeugnis nach Berlin geschickt, wurde zum Gespräch eingeladen und habe dann ein paar Wochen später die Zusage bekommen.

    Stand da schon genau drin, was du wo machen wirst?

    Nein, bis man in Tel Aviv am Flughafen angekommen ist, weiß man nicht, auf welcher Basis man für die nächsten drei Wochen seinen Freiwilligendienst macht. Nach der Anreise wird man von einer Betreuerin in Gruppen eingeteilt. Ich darf auch niemanden erzählen, wo ich genau war.

    Wie sah dein Alltag aus?

    Um 7.30 Uhr gab es einen Fahnenappell. Danach wurde uns in einem kurzen Briefing erklärt, was an dem jeweiligen Tag ansteht. Gearbeitet wurde bis 17 Uhr, mit Mittagspause. Nach dem Abendbrot gab es Programm, Vorträge oder kleine Filmvorstellungen über die Geschichte und Kultur Israels. Wir haben viel über die Anfänge der IDF gelernt, die sich aus den damaligen Untergrundkämpfern der Hagana gebildet hat, Vorträge über Soldaten bekommen, die im Krieg gefallen sind, und Eindrücke und persönliche Geschichten gehört, wie die hinterlassenden Familien damit umgehen. Das hat einen am meisten mitgenommen.

    >>>> "Eine Freiwillige mit  82 Jahren sagte, dass sie einfach noch ein Abenteuer erleben wollte."

    [seitenumbruch]Was war dein Job?
    Die Arbeit war eher langweilig. Ich war mit anderen Freiwilligen für die Instandsetzung der Werkzeuge verantwortlich. Wir haben Kleinteile sortiert und geschaut, ob die in Ordnung waren oder nicht. Wir haben auch Batterien tragen müssen, die zum Teil 40 Kilo gewogen haben.

    Hattet ihr Kontakt zu richtigen IDF-Soldaten oder wurdet ihr strickt getrennt?

    Wir sind denen auf der Basis oft über den Weg gelaufen und haben uns nett unterhalten.

    Wie viele Freiwillige waren mit dir da und wo kamen sie her?

    Mit mir zusammen haben 300 Personen angefangen und in meiner Gruppe waren zwölf Freiwillige aus acht Ländern. Unter anderem US-Amerikaner, Schweden, Kanadier und Engländer.

    Was war deren Motivation für den Freiwilligendienst?

    Ein Amerikaner war der Meinung, dass seine Regierung nicht genug für Israel tut. Also hat er das sozusagen selbst in die Hand genommen. Ein Schwede war vom Antisemitismus in seinem Land getroffen und wollte mit dem Dienst ein Zeichen setzen. Eine kleine Dame, 82 Jahre alt, sagte, dass sie einfach noch ein Abenteuer erleben wollte.

    Gab es einen gemeinsamen Nenner unter euch Freiwilligen?

    Eine gewisse Affinität zu Israel hat uns alle verbunden. Es ist verboten, über Politik zu reden, aber es war nicht zu vermeiden. Gerade während der Messer-Attacken im Herbst haben wir über Politik und die teilweise einseitige Berichterstattung gesprochen.

    Wie war die Stimmung unter den Freiwilligen während der Messerattacken?

    Die ersten hatten schon stattgefunden als wir unseren Dienst antreten sollten. Trotzdem hat niemand der 300 Teilnehmer aufgrund der angespannten Lage abgesagt. Das Internet auf der Basis war sehr schlecht und die Informationsbeschaffung dadurch limitiert. Natürlich war die Stimmung immer etwas bedrückt, wenn solche Meldungen kamen, aber viele von uns hat das in unserem Entschluss bestärkt, Israel in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.

    Kritiker meinen, dass der Freiwilligendienst, den Sar-El anbietet, eine PR-Strategie des Staates Israels ist um den schlechten Ruf entgegenzuwirken oder  den Konflikt verharmlosen will. Findest du das auch?

    Wir sind Botschafter der Armee. Wir bekommen keine Waffenausbildung oder ähnliches. Wir sollen einfach einen Einblick bekommen und uns in diesem Rahmen unser eigenes Bild machen. Also stimme ich dem schon zu. Deren Ziel ist es aber definitiv nicht, den Krieg zu beschönigen. Unsere Madricha, also unsere Betreuerin, hat uns an einem dieser Vortragsabenden Geschichten von Soldaten erzählt, die von dem Konflikt seelisch ziemlich mitgerissen wurden.

    Hat die Zeit bei der Armee sein Bild von Israel verändert?

    Insgesamt war ich drei Monate in Israel und habe vorher auch etwas gearbeitet. Und ich habe wieder gemerkt, dass Israel ein vielfältiges Land ist und sich das auch im Militär widerspiegelt. Insgesamt sehe ich das Land und die Situation differenzierter und realistischer. Aber am Ende wurde mir bewusst, dass es ein Land ist, das sich zu verteidigen lohnt.

    Durftest du deine Uniformen behalten?

    Nein, die musste ich am Ende meines Dienstes abgeben. Ich durfte aber die Schulterklappen behalten.

    *Name geändert

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    Das Prinzip





    Erinnert etwas an:






    Erste Reaktion beim Anschauen deshalb:


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    [seitenumbruch]

    Die Fragen






    Interaktion mit den Gästen:


    Erst:
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    Dann:
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    Als nächtes:
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    Und als übernächstes:
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    Gerne auch:
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    Am liebsten aber:
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    Die Sendung als Drink


    5cl Jim Beam mit Fritz Cola aufgießen
    "Jack Daniel's Cola" drüberschreiben

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    Stefanie Lohaus, Mitherausgeberin des Missy Magazins und Mitverfasserin des Staments #ausnahmslos

    jetzt.de: Nach Köln gab es es Kritik, dass jetzt keiner einen #Aufschrei startet – ist euer Statement und der Forderungskatalog #ausnahmslos eine Reaktion darauf?
    Stefanie Lohaus: Nein. Es ist eine Kritik daran, dass rechte Populisten und Populistinnen feministische Themen für ihre Anliegen missbrauchen. Kübra Gümüsay, Anne Wizorek und Emine Aslan haben das initiiert und uns alle angeschrieben. Am Mittwoch hatten Anne und ich aber schon für Vice über das Thema geschrieben– und der Artikel war tatsächlich eine Reaktion auf diesen seltsamen Angriff, dass es keinen #Aufschrei gab. Der kam ja von den Leuten, die normalerweise sexuelle Gewalt verharmlosen und Victim Blaiming betreiben. Das ist völlig absurd.

    Es geht euch vor allem darum, dass feministische Anliegen nicht von Populisten und Rassisten missbraucht werden dürfen. Ist das ein gängiges Problem des Feminismus?
    Ja, das ist ein Problem. Dieses ganze Narrativ vom „fremden Mann", der die „weißen Frauen“ bedroht, und dass „weiße Männer“ sie verteidigen müssen, ist patriarchal und rassistisch – in dieser Erzählung geht es nicht um das, was passieren muss, nämlich strukturelle Änderung und Gewaltprävention. Das System muss so verändert werden, dass niemand Angst vor Gewalt haben muss. Wir müssen also an zwei Fronten auf einmal unterwegs sein: gegen Sexismus und gegen Rassismus.

    Ihr kritisiert, dass sexuelle Gewalt jetzt thematisiert wird, weil es vor allem um „Ausländer“ geht. Aber war es nicht eher das Ausmaß der Gewalt, das dafür gesorgt hat, dass das Thema groß wurde?
    Spezifisch war an den Taten in Köln die Form der Organisation, also die Formierung von Gruppen, und dass sie dadurch Diebstähle begehen. Das ist etwas anderes als individuelle Übergriffe – aber eben nur von der Form her. Insgesamt ist es sehr schwierig, das Ausmaß der Gewalt einzuschätzen. Denn oft werden Belästigungen einfach nicht angezeigt. Das heißt: Die Anzeigebereitschaft ist in diesem Fall extrem hoch, das sagt etwa auch der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe: Frauen fällt es leichter, Anzeige zu erstatten, wenn Täter auch medial schon so benannt werden. Es wäre schön, wenn die Anzeigebereitschaft immer so hoch wäre.

    "Gerade für die Geflüchteten und die Muslime, die jetzt unter Generalverdacht stehen, ist es extrem wichtig, aufzuklären, wer die Täter waren"


    Könnte es sein, dass es dadurch langfristig einen positiven Effekt gibt, also die Anzeigebereitschaft in Zukunft generell höher ist?
    Das kommt drauf an, ob wir es schaffen, das Thema langfristig zu etablieren. Wenn das Narrativ „Das sind die Fremden!“ gewinnt, dann verpufft die Anzeigebereitschaft wieder. Es hat also viel damit zu tun, wie die Gesellschaft über sexualisierte Gewalt spricht.

    Darf man dabei nicht über die Herkunft der Täter sprechen?
    Doch, man muss sogar sehr genau über die Täter aufklären. Man sollte nichts verschweigen, aber dann eben auch genau sein! Gerade für die Geflüchteten und die Muslime, die jetzt unter Generalverdacht stehen, ist es extrem wichtig, aufzuklären, wer das war, was deren soziale Hintergründe waren, ob sie schon im Herkunftsland Straftäter waren und so weiter. Und man muss immer im Blick behalten: Der andere Kontext, warum das passiert, ist eben Deutschland!

    Weil die deutsche Polizei versagt hat?
    Zum einen das. Und zum anderen, weil nach deutschem Gesetz der größte Teil der Übergriffe keine Straftaten darstellen. Wenn der Täter zum Beispiel alkoholisiert war, ist das für ihn strafvermindernd. Der Diebstahl wird am Ende wahrscheinlich schwerer geahndet. Darüber müssen wir eben auch sprechen: Das ist unser System, das wir geschaffen haben, und das nicht von außen gekommen ist.

    Ihr stellt Forderungen an alle Bereiche des öffentlichen Lebens. An die Politik, die Gesellschaft, die Medien. Was braucht es vor allem, um die umzusetzen? Zeit? Geld? Bildung?
    Alles davon! Das sind sehr komplexe gesellschaftliche Probleme. Unser Forderungskatalog ist lang, aber da stecken viele Erkenntnisse drin, die die feministische Forschung in den letzten Jahrzehnten gewonnen und diskutiert hat. Er ist also auch ein Anlass für alle, diese Erkenntnisse endlich ernst zu nehmen. Anstatt sie immer noch abzutun mit Aussagen wie: „Alles Hysterikerinnen, die sich über einen dummen Spruch an der Bar aufregen!“

    Läuft es irgendwo schon besser als in Deutschland?
    Ja, in den skandinavischen Ländern. In Schweden zum Beispiel ist die Anzeigebereitschaft viel höher als hierzulande. Und die steigt, wenn man glaubt, dass man Recht bekommt.

    Kannst du mir drei Punkte aus eurem Forderungskatalog nennen, die ich als Einzelperson jetzt sofort umsetzen kann?
    Die Reflexion von Seximus und Rassismus, also dich selbst zu fragen, wen du für was verantwortlich machst. Eingreifen, wenn du Zeugin sexualisierter Gewalt wirst. Und mutig sein und die anderen, vor denen man vermeintlich Angst haben muss, treffen. Raus aus der Bubble!

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    "Let's Dance"



    http://www.youtube.com/watch?v=B2HWuR2mq5M

    In einer der besten Folgen der ohnehin großartigen MTV-Sendung „Celebrity Deathmatch“ (Knetfiguren von Berühmtheiten zerfleischen einander) kämpft Puff Daddy gegen den Nine-Inch-Nails-Frontmann Trent Reznor. Großer Kampf. Viel Blut. Noch mehr Musikerhumor. Und ein paar harte Wirkungstreffer von Reznor. Als er jedoch zum Finishing-Move ansetzen will, greift Puff Daddy in seine Plattenkiste und zerteilt Reznor mit ein paar wurfsternartig herausgeschlenzten Vinyl-Scheiben. Wortspiel des Kommentators: „Again, Puffy is using other people’s records to make his hits!“

    Stark! Weil ja so wahr. Weder als Puff Daddy oder P. Diddy noch unter seinem Geburtsnamen Sean Combs ist der Hip-Hop-Produzent schließlich ein sonderlich subtiler Samplekünstler, der seine Werke aus Einzelbausteinen zusammensetzte. Meistens nimmt er einfach gleich das ganze Playback (siehe „I’ll Be Missing You“). Auch hier: Der Song besteht quasi komplett aus Bowies „Let’s Dance“ – mit ein paar Extra-Drums angefettet und etwas langsamer gepitcht. Und mit The Notorious B.I.G., der den Refrain von Lisa Stansfields „All Around The World“, nun, singt.

    http://www.youtube.com/watch?v=qni6KXVOh2Y

    "Heroes"


    http://www.youtube.com/watch?v=jBuwC4VJi50

    Es ist ja falsch, David Guetta aus Prinzip zu hassen. Der Mann ist schließlich gut in dem, was er tut. Nur das ist manchmal eben etwas offensiv einfach. In Fall von „Just For One Day“: Die Hookline von „Heroes“ nehmen und einen Stampfbeat und ein paar Kirmes-Synthies dazu bauen. Dafür nennt er Bowie wenigstens im Titel …  

    http://www.youtube.com/watch?v=8tja6kTm6BQ

    "Fame"


    http://www.youtube.com/watch?v=J-_30HA7rec

    Bei Jay Z’s „Takeover“ muss man etwas warten – bis Minute 2.40, um genau zu sein –, bis Bowies „Fame“ auftaucht. Und da auch nur der Shout-Part aus dem Refrain. Das Hauptsample stammt vom The-Door’s-Song „Five to One“.

    http://vimeo.com/12125680
       
    Dafür hat Lady Gaga kapiert, wie genial angezeckt und kantig der Originalgroove durch die Szenerie eckt – ein bisschen wie ein Küchenregal auf der Balz nämlich. Und hat ihn für ihr „Fancy Pants“ direkt übernommen. Allerdings mit einer durchaus sehr brauchbaren eigenen Melodie.  

    http://www.youtube.com/watch?v=pnHAlqAQPFg   

    "Win"


    Hier statt Kanten absolute, schmeichelnde „Slow-Jam“-Wonne: 

    „Win“ von David Bowie  

    http://www.youtube.com/watch?v=mB9RSG-56wU
     

    Vs. „Debra“ von Beck  

    http://www.youtube.com/watch?v=YwXeCuhEch8


    "Under Pressure" (Queen)


    http://www.youtube.com/watch?v=a01QQZyl-_I

    Vorab ein schnelles Geständnis: Mir war bis eben nur sehr unterbewusst klar, dass David Bowie bei Queens „Under Pressure“ mitsingt. Obwohl es ja himmelschreien offensiv ist: es sind schließlich ganze Strophen. Und die Bridge. Sei’s drum. Das hat jedenfalls Vanilla Ice draus gemacht:  

    http://www.youtube.com/watch?v=2Tvdm_gTTg4   

    "Changes"


    http://www.youtube.com/watch?v=pl3vxEudif8

    John Frusciantes Album „Smile From The StreetsYou Hold“ ist ein Resultat der ausklingenden Heroinsucht des ehemaligen Red-Hot-Chili-Peppers-Gitarristen. Das merkt man. Es reicht deshalb vielleicht zu wissen, dass bei 54 Sekunden ein kurzer Strahl von Bowies „Changes“ ein wenig Licht in den Song bringt. Wer sich gerade nicht so gut fühlt (oder viel, viel zu gut) darf natürlich aber die restlichen sechs Minuten auch gerne noch hören.  

    http://www.youtube.com/watch?v=ZEAoTZEeWZw 

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    Heute jährt sich die erste Pegida-Demonstration in München. 40 Mal ist die Bewegung seitdem durch die Münchner Innenstadt gezogen. Melissa, 21, stand fast jeden Montag auf der Gegenseite.





    jetzt.de: Melissa, du demonstrierst schon seit einem Jahr fast wöchentlich gegen Pegida. Hat sich denn im Laufe des Jahres irgendetwas dabei verändert?

    Melissa: Man hat schon gemerkt, dass die Zahl der Gegendemonstranten insgesamt eher abgenommen hat. Es gibt natürlich auch ganz große Gegendemos, wie zum Beispiel am neunten November, aber an so „langweiligen Montagen“ sind die Zahlen eher zurück gegangen.

    Wer kommt denn zu den Demos?
    Es ist ein fester Kern entstanden. Es gibt Gesichter, die man immer wieder sieht, sowohl auf der Pegida-Seite als auch bei den Gegendemonstranten.

    Man kennt sich also schon. Grüßt du deine Pegida-Gegner dann?
    Ein paar markante Gesichter erkenne ich schon immer wieder. Ich habe gemerkt, dass die ziemlich verunsichert sind, wenn man sie einfach nett anlächelt. Denn eigentlich wollen sie provozieren und schauen dann lieber gleich weg.

    Wieso gehst du jeden Montag auf die Straße?
    Weil ich es wichtig finde, dass man seine Position vertritt und dass die Gesellschaft und die Menschen, die hierher flüchten, auch sehen, dass die Meinung der Pegida-Sympathisanten nicht von der Mehrheit vertreten wird. Ich habe von Bekannten aus Dresden gehört, dass dort wegen der Pegida-Demos eine schlechte Stimmung herrscht und Leute schon Angst haben. Deshalb konnten angeblich Projekte für Flüchtlinge nicht gemacht werden. Das darf in München nicht passieren. Aber das glaube ich auch nicht, weil es wirklich sehr wenige Pegida-Demonstranten sind. Trotzdem muss man dagegen halten.

    Gab es besonders unangenehme Momente?
    Das krasseste Erlebnis war, als ein Pegida-Demonstrant auf unsere Seite kam und „Ihr gehört vergast“ sagte. Er ist gleich wieder verschwunden, aber das war schon schockierend. Es hat mich aber auch bestärkt, weiter jeden Montag gegen solche Leute auf die Straße zu gehen.

    Wie aggressiv hast du die Stimmung auf den Demos empfunden?
    In Situationen, in denen beide Seiten direkt aufeinandertreffen - meistens sind wir durch Polizei und Absperrungen getrennt - ist die Lage sehr angespannt. Sonst ist es auf unserer Seite deutlich entspannter.

    Hast du auch manchmal Angst?
    Auf den Demos habe ich mich manchmal schon bedroht gefühlt. Zum Beispiel, als ein Mann sich ganz nah an mich gestellt hatte und meinte, dass ich als Frau doch auf der falschen Seite stehe und ob ich nicht Angst habe vor den Männern, die kommen. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich mehr Angst vor ihm habe. Gegenreaktionen bekam ich auch manchmal im Alltag, weil ich an meinem alten Rucksack einen „München ist bunt“-Button trug.

    Hast du für die Demo schon Termine ausfallen lassen?
    Nein, da habe ich dann eher die Demo ausfallen lassen oder bin mal nur ne Stunde hingegangen. In letzter Zeit ist es aber einfach fest in meinem Terminplan.

    Was erwartest du heute Abend?
    Ich glaube, dass es ziemlich witzig wird, weil es unser Gegendemo-Jubiläum ist und die Leute Luftschlangen und Tröten mitbringen sollen.

    Viele Menschen haben an einem Montagabend keine Zeit demonstrieren zu gehen, teilen aber eure Ansichten. Was können diese Menschen tun, um Pegida und Co. nicht das Feld zu überlassen?
    Es gibt ja verschiedene Ebenen, auf denen man sich engagieren kann. Jeder kann auf jeden Fall im Alltag seine Meinung gegen Fremdenfeindlichkeit vertreten und auch dagegen reden, wenn rassistische Sprüche geäußert werden.

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