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  • 12/08/15--06:59: Ein Mal ein Mann sein
  • Der selbstgebastelte Penis ist etwas klein geraten und sitzt nicht richtig zwischen den zwei Unterhosen. Der Bartkleber spannt auf der Haut. Es ist verdammt heiß in Jackett und Hut zwischen 30 anderen Leuten, die zu Schlagermusik herumwuseln und mit Schminke, Haargel und Kunst-Bartstoppeln hantieren. Isabelle starrt mich mit offenem Mund an. „Oh mein Gott, du siehst aus wie Norbert Pfeiffer!“, ruft sie. „Ein früherer Klassenkamerad von mir. Er spielt Cello und studiert jetzt Physik“. Perfekt. Ich erinnere jemanden an einen echten, lebendigen Mann, den sie kennt! Ich heiße allerdings Joshua Janssen, promoviere in Philosophie und höre mich sehr gerne selbst reden, während ich in meinen Seminaren vor den Studierenden auf und ab schreite und ihnen Hegels Dialektik erkläre. Das zumindest ist meine Drag-King-Persönlichkeit.



    Voll männlich!

    Drag bedeutet, einer der zahlreichen Entstehungsgeschichten zufolge, „dressed resembling a girl“ oder auch „dressed resembling a guy“ („angezogen wie ein Mädchen/ Typ“). Spätestens seit der US-amerikanischen Casting-Show „RuPaul’s Drag Race“ haben Drag Queens endgültig ihren Platz im öffentlichen Bewusstsein. Mit ihrem hyperaufwendigen Make-up, den schwindelerregenden High Heels und den extravaganten Outfits geht es vielen Drag Queens nicht darum, in der Öffentlichkeit als Frau wahrgenommen zu werden. Drag ist vielmehr eine eigene Kunstform, es zu praktizieren hat daher auch nicht unbedingt etwas damit zu tun, transgender oder transsexuell zu sein. Die meisten Drag Queens definieren sich in ihrem Alltag als Männer, es gibt aber Menschen aller Geschlechter, auch Frauen, die als Drag Queens auftreten. Drag Kings dagegen sind noch weitgehend unbekannt. Dabei begannen lesbische Frauen in England und den USA bereits Anfang der Neunziger Jahre damit, überzogene Formen von Männlichkeit darzustellen.

    Verena Läcke, 28, praktiziert Drag seit 2011, als King und als Queen. Der Drag-King-Workshop, den sie heute in Berlin für Stipendiaten und Stipendiatinnen der Heinrich-Böll-Stiftung leitet, ist ihr zwanzigster. Inspiriert von Freunden, die ab und an als Drag Queens und Tunten auftraten, dachte sie sich, es müsse analog dazu doch auch Drag Kings geben, und probierte es einfach mal aus. „Ich wollte wissen, ob Menschen tatsächlich anders auf mich reagieren, wenn sie glauben ich sei ein Mann“, sagt sie. Schnell stellte sie fest, dass dazu mehr gehört, als sich einfach nur männlich konnotierte Kleidung anzuziehen.

    Gleich zu Anfang warnt uns die Studentin der Politik-, Gesellschafts- und Rechtswissenschaften, dass wir viel mit Stereotypen hantieren werden. Weil die meisten von uns in der Regel als Frauen gesehen werden, müssen wir übertreiben, damit die Männlichkeit, die wir darstellen wollen, wirklich ankommt. Da ist es am einfachsten, sich erst einmal an Macho-Klischees zu orientieren. Wie das funktionieren kann, hat Verena sich nicht nur durch scharfe Beobachtungen, sondern auch durch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema erschlossen.

    Zum Stylen mischen wir uns unter die Teilnehmenden aus dem Tunten-Workshop im Raum nebenan


    Verena beginnt mit ihrem Lieblingsthema: Bartkunde. Dann zeigt sie uns, wie wir uns Schatten schminken, um unser Gesicht kantiger aussehen zu lassen, wie wir unsere Brüste abbinden oder sie durch einen falschen Bauch kaschieren, wie wir uns einen Penis basteln, für ein authentisches Gefühl beim Gehen, und was wir mit langen Haaren anstellen können. Stolz zeigt sie uns ein Foto von einer früheren Teilnehmerin, deren blonde Haare ihr bis zum Po reichten. Auf dem Foto sehe ich einen coolen, gutaussehenden jungen Typen mit einer Mütze über seinem Iro. Challenge accepted!

    Wir wühlen uns durch Westen, Hüte und Trainingsjacken, schnippeln Kunsthaar für den Drei-Tage-Bart und stopfen Watte in Kondome. Einige Teilnehmende wissen schon genau, was für ein Drag King sie sein wollen: ein Independend-Filmemacher, ein Antifa-Macker, ein jugendlicher Hip-Hopper. Linda möchte gar keine Rolle spielen, sondern einfach ausprobieren, ob sie neue Seiten an sich für ihren Alltag entdeckt. Ente möchte sich so geschlechtlich uneindeutig wie möglich stylen und einen „langanhaltenden Eindruck der Verwirrung“ hinterlassen.

    Zum Stylen mischen wir uns unter die Teilnehmenden aus dem Tunten-Workshop im Raum nebenan. Es bricht ein Durcheinander aus Paillettenkleidern, Glitzerlidschatten, Bartkleber und Haargel aus. Ein Drag King zieht einer Tunte den Lidschatten, ein anderer lässt sich sein Dekolleté mit „Brusthaaren“ dekorieren, eine Tunte dückt einem Drag King einen Kuss auf die Wange während andere fleißig Fotos machen. „Da muss noch mehr Gel rein, das muss fettiger wirken“, berät eine Teilnehmerin die andere zu ihrem „Männerpferdeschwanz“. Dazu läuft Helene Fischer, bis ein paar Drag Kings es nicht mehr aushalten und Hip-Hop anmachen.


    >>>> "'Mich ekelt mein Drag-Charakter gerade richtig an', sagt Linda. Ich kann sie verstehen."
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    Als alle gestylt sind, versammeln sich die Kings im Kreis um Verena, die sich in der Zwischenzeit sehr überzeugend in „Rainer Asbach Flecken“ verwandelt hat. „Du“, sagt sie zu mir, „geh mal.“ Ich gehe ziemlich nervös einmal eine Runde in der Mitte des Kreises. Dabei gebe ich mir Mühe, meine Schritte so bestimmt wie möglich zu setzen, meine Schultern breit wirken zu lassen, den Oberkörper steif zu halten, unwirsch zu gucken. Es herrscht Stille, alle beobachten mich und ich bin froh, als ich wieder an meinem Platz stehe. „Gelaufen bist du schon ganz gut“, urteilt Verena. „Aber du bist den Blicken ausgewichen. Es ist wie bei Hunden: Wenn du dem Blick standhältst, bist du das Alphamännchen“.



    Unsere Autorin (l.) und ein weiterer Drag King

    Wir sollen alle eine Runde im Raum umhergehen. „Ihr weicht einander aus“, stellt Verena fest. „Es gibt Studien, dass Frauen dazu neigen, Männern auf der Straße auszuweichen. Jetzt noch mal, nicht ausweichen, nicht lächeln, nicht entschuldigen! Ihr habt das Recht, da zu stehen, wo ihr steht, warum solltet ihr euch entschuldigen, wenn jemand in euch rein läuft?“ Wir sollen uns vorstellen, dass alles, was wir anfassen oder betreten, sei es der Boden oder ein Stuhl, uns gehört. Und dass wir den anderen überlegen sind. „Überzieht in eurer Vorstellung das, was ihr darstellen wollt, dann kommt vielleicht die Hälfte davon rüber“, erklärt sie den geschockten Drag Kings.

    Wenn wir uns unterhalten, sollen wir dem Gegenüber nicht so viele Bestätigungs-Signale geben. Verena macht vor, wie wir im Gespräch unsere Macht demonstrieren und unser Gegenüber sogar manipulieren können: „Hast du verstanden?“, sagt sie ruhig aber sehr bestimmt zu mir und durchbohrt mich dabei mit ihrem Blick. „Hast du mir zugehört? Bist du sicher, dass du mir zugehört hast?“ Ich spüre, wie ich nervös und unsicher werde. Verena wirkt unglaublich machtvoll.

    Ich merke, dass ich als Drag King für die meisten Männer um mich herum wie Luft bin – ein sehr entspanntes Gefühl


    Die Stimmung im Raum ist spürbar gedrückt und angespannt. „Mich ekelt mein Drag-Charakter gerade richtig an“, sagt Linda. Ich kann sie verstehen. Mir ist klar, dass nicht alle Männer Machos sind und dass wir gerade versuchen, zu übertreiben. Doch allein der Gedanke, dass ein Teil der Gesellschaft vielleicht wirklich so oder so ähnlich durchs Leben geht, wie wir es gerade üben – und das auch noch für selbstverständlich hält – ist verstörend. Ähnlich verstörend, wie festzustellen, dass ich tatsächlich ständig auf der Straße ausweiche und zur Seite rücke, wenn ein Mann in der U-Bahn breitbeinig dasitzt. Raum einnehmen ist für mich keine Selbstverständlichkeit. „Ich genieße es gerade eigentlich, einmal dieses Gefühl von Macht zu erleben“, sagt Nathalie.

    30 Drag Kings und Tunten kehren gemeinsam im Falafel-Imbiss ein. „Bitteschön, junger Mann“, sagt der Herr, der dort arbeitet, mit einem Grinsen, als er mir meinen Falafel reicht. Ich bin etwas nervös, als ich mit der U-Bahn nach Hause fahre. Die ganze Zeit über konzentriere ich mich, meine Rolle zu einzuhalten und hoffe, dass mich niemand „entlarvt“. Überrascht stelle ich fest, dass kein Mensch mir Beachtung schenkt. Weder die Riege von Macho-Kerlen, die mir gegenüber sitzt, noch die Betrunkenen am Kottbusser Tor. In meinem femininen Alltagsoutfit hätte ich sicher darauf geachtet, ihren Blicken nicht zu begegnen, ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich zu lenken. Es dauert ein paar Stationen, bis ich realisiere, dass ich als Drag King für die meisten Männer um mich herum wie Luft bin. Ein sehr entspanntes Gefühl.

    Am nächsten Tag ist auf einmal keine Bewegung mehr normal. Jedes Mal, wenn ich mit überschlagenen Beinen da sitze denke ich: was für eine feminine Pose! Bin ich jetzt wieder mein natürliches Ich? Oder spiele ich heute vielleicht auch eine Rolle, nur eben eine andere, vertrautere? Es ist, wie die berühmte Drag Queen RuPaul gesagt hat: „We are born naked and the rest is drag“.

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    Wer schreibt?


    Elena, die Ex von Jens, und Flo, den sie gestern nach mehr Gin Tonic als sonst von einer Bad-Taste-Party mit nach Hause genommen hat.   

    Und wie und warum?


    Vorsichtig, weil sich die beiden eigentlich überhaupt nicht kennen, sich in der letzten Nacht aber schon sehr nahe gekommen sind. Leicht verkrampft, weil sie auf der Party gestern zwar eine ekstatische Hasselhoff-Choreografie hingelegt haben, sich aber nicht sicher sind, ob das am Gin Tonic lag, oder ob das Humor-Level auch so gepasst hätte. Immerhin haben sie nach einer schüchternen Verabschiedung im viel zu hellen Hausflur am nächsten Morgen noch schnell Nummern ausgetauscht. Jetzt beginnt der digitale Eiertanz: Wo anfangen, wenn schon alle Hüllen gefallen sind? Bloß nicht zu direkt rüberkommen. Aber auch nicht zu verklemmt. Witzig, aber nicht zu albern. Der erste Chat ist ausschlaggebend, ob Flo und Elena sich wiedersehen, oder ob es bei einem One-Night-Stand bleibt.

    Und wie sieht das konkret aus?




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  • 12/09/15--01:20: Aufgenommen in München



  • Wenn du irgendwo bist, wo du noch nie warst, dann machst du dort wahrscheinlich ein Foto. Vielleicht machst du auch zwei oder drei. Um dich später an den Ort zu erinnern. Oder um deinen Freunden oder deiner Familie ein Bild zu schicken. Manchmal fotografierst du auch nur ein Straßenschild oder eine Haltestelle, damit du den Namen nicht vergisst und dorthin zurückfindest. Wenn du irgendwo bist, wo du noch nie warst, und ein Foto machst, dann bist du wahrscheinlich ein Tourist.
     
    In unserer Stadt begegnen wir gerade vielen Menschen, die neu hier sind und darum Fotos machen. Sie sind keine Touristen: Allein im ersten Halbjahr 2015 sind 40 600 Flüchtlinge in München angekommen. Im Schnitt etwa 400 Personen am Tag. Die meisten Neuankömmlinge leben in der Bayernkaserne, dem größten Flüchtlingscamp der Stadt, mit Platz für 1200 Menschen. Immer wieder werden dort noch mehr untergebracht. Der Rest lebt verteilt auf weitere Sammelunterkünfte im ganzen Stadtgebiet. Viele von ihnen warten noch auf ihr Asylverfahren, viele wissen nicht, ob sie bleiben können, und bei vielen ist schon klar, dass sie wieder gehen müssen. Aber solange sie in München sind, sind sie Teil der Stadt. Sie leben hier, sie schauen sich die Stadt an, sie machen sich ein Bild von ihr. Wie sieht dieses Bild aus?
     
    >>> Best of 2015: Im Dezember posten wir jeden Tag einen unserer besten Texte des Jahres. Weil: wär ja schade, wenn die jemand verpassen würde. <<<

    Wir haben Flüchtlinge gebeten, uns Fotos zu zeigen, die sie mit ihren Handys in München gemacht haben, und uns etwas darüber zu erzählen. Fanden sie etwas besonders schön, wollten sie sich etwas merken oder jemandem etwas zeigen? Und wie sieht München auf diesen Fotos aus? Jeder hat etwas anderes festgehalten. Denn München kann jemandem, der hier strandet, manchmal ein Festival bieten – oder ein Tablett mit farblosem Essen.

    Nathaniel, 20, Nigeria:


     

     

    „Ich bin seit dem 24. Juli in München. Gestern haben wir mit einer Gruppe einen Ausflug in den Olympiapark gemacht, wir haben ein Konzert besucht und das Feuerwerk angeschaut. Ich habe auch das Riesenrad fotografiert, aber ich bin nicht damit gefahren. Es war mir zu hoch . . . Es ist spät geworden, darum bin ich jetzt etwas müde. Aber ich hätte trotzdem gerne noch mehr Zeit im Park gehabt. Sie haben uns erzählt, dass auf dem Gelände alle Sportler gewohnt haben, als die Olympischen Spiele in München waren, und dass oben im Turm ein Restaurant ist, aber wir konnten das leider nicht alles anschauen. Vor ein paar Tagen waren wir baden am Fluss. Dafür sind wir an dieser Haltestelle ausgestiegen, die ich extra fotografiert habe, damit ich den Namen nicht vergesse und später weiß, wo ich wieder in die Bahn steigen muss. Auf einem Foto kann man die Brücke sehen, an der wir waren. An meinem ersten Tag war ich beim Bayern-München-Shop, ich kannte und mochte die Mannschaft schon, bevor ich hergekommen bin. Und auf einer Senegal-Party in der Nähe des Hauptbahnhofs war ich auch schon.
     
    Den Hauptbahnhof fand ich beim ersten Mal sehr verwirrend. Als ich nach München gebracht wurde, hat man mich dort abgesetzt, mir ein Ticket und eine Karte der Züge in die Hand gedrückt und das war’s. Man muss total aufpassen, dass man nicht in den falschen Zug steigt. Ich habe jemandem die Karte gezeigt und er hat mir geholfen, die richtige Bahn zu finden, obwohl er selbst zum Zug musste. Das war sehr nett. Ich mag München, die Leute sind sehr freundlich hier, und ich möchte gerne noch viel mehr über die Stadt und ihre Geschichte wissen. Ich habe gehört, dass es dieses alte Tor gibt, durch das man früher gehen musste, um in die Stadt zu kommen. So etwas finde ich spannend.“

    Julius, 21, und Kelvin, 20, Nigeria:




     

    Kelvin:„Wir haben uns hier im Camp kennengelernt und benutzen zusammen ein Telefon. Heute spielen wir Fußball im Park, gestern waren wir mit einer größeren Gruppe im Olympiapark. Auf dem Weg dahin sind wir am Bahnhof vorbeigekommen, auf dem Foto sieht man Julius vor einem Zug.“
    Julius:„Das da im Wasser ist Kelvin. Wir waren vor drei Tagen baden im Fluss. Sehr erfrischend! Wenn wir in die Stadt fahren, sind wir sonst meistens am Bahnhof und gehen da in der Gegend ein bisschen spazieren. Nimm du das Telefon mal, du musst ein Foto von unserer Fußballgruppe machen!“

     >>> "Ich spreche die Leute gerne an, um sie zum Lachen zu bringen." 
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    Dundu, 29, Senegal





    Das Foto habe ich im Olympia Park gemacht, da war glaube ich gerade ein Festival, als ich dort war. Ich finde Hubschrauber super, im Senegal bin ich mal in einem mitgeflogen und es war toll, die Stadt von oben zu sehen.

    Ich bin seit fünf Monaten in München. Manchmal gehe ich in den Park und die BMW-Welt habe ich zum Beispiel auch schon mal besucht. Ich wohne in der Bayernkaserne und wir machen mit eine Gruppe von Flüchtlingen immer wieder Ausflüge in die Stadt. Ich gehe gerne dahin, wo viele Menschen sind, um mal etwas anderes zu sehen, andere Farben zu sehen. Und München ist sehr bunt, das mag ich. Ich spreche auch immer wieder Menschen an, um mich mit ihnen auszutauschen und ich mag es, sie zum Lachen zu bringen. Es ist aber auch schon passiert, dass Leute nicht mit mir gesprochen haben. Ich habe sie nach dem Weg gefragt und sie haben mich einfach weggeschickt. Aber so ist das Leben – es gibt eben gute und schlechte Menschen.

    Zahid, 24, Pakistan:





    „Ich bin erst vor zwei Tagen angekommen und heute werde ich schon weiterverlegt, nach Gießen. Bisher waren hier alle sehr nett und in Deutschland ist es gut. Es gibt ein Gesundheitssystem und soziale Sicherheit. Das einzige Foto, das ich bisher gemacht habe, ist das von dem Essen in der Kantine der Bayernkaserne. Ich habe es meiner Familie und Freunden bei Whatsapp geschickt, um ihnen zu zeigen, dass ich jetzt in Deutschland bin und etwas zu Essen habe.“

    Ibrahim, 28, Syrien:





    „Ich habe in Damaskus Automechaniker gelernt und will meine Ausbildung hier beenden. Seit einem Jahr bin ich jetzt hier und diese Woche beginnt endlich mein Praktikum in einer kleinen Werkstatt. Mittlerweile ist mein Deutsch ganz gut und ich hoffe, danach in einem größeren Betrieb anfangen zu können. Mein Lieblingsort ist das Deutsche Museum. Als Mechaniker könnte ich mir da stundenlang die ganzen Maschinen anschauen, aber leider ist der Eintritt ziemlich teuer. Im Sommer gibt es aber auch genug andere Dinge zu tun. Meiner Familie in Damaskus schicke ich meine Bilder nicht. Das würde sie nur unnötig traurig machen. Verglichen mit zu Hause ist es hier schließlich wie im Paradies.“

    Adnan, 23, und sein Bruder Ahmad, 26, Syrien




    „Ahmad ist mein Bruder. Vor einem halben Jahr sind wir zusammen in Deggendorf angekommen. Im Winter. Sehr lange wussten wir nicht, ob da überhaupt jemand wohnt. Die Stadt lag im Schnee komplett lahm. Es gab keine Möglichkeit, Anschluss an die Dorfgemeinschaft zu finden oder Deutsch zu lernen. Wir hatten Glück und wurden zusammen in eine Unterkunft in München verlegt. Ahmad hat als Elektriker Arbeit gefunden und ich möchte im Herbst mein Medizinstudium fortsetzen. Dafür muss ich ziemlich viel Stoff nachholen. Gerade leben wir in einer Turnhalle mit 66 anderen Menschen. Da ist Lernen nicht möglich. Ich setze mich deshalb oft mit meinen Büchern in den Englischen Garten oder die Bibliothek am Rosenheimer Platz. In unserer Freizeit klappern wir die ganze Stadt mit dem Rad ab. Ich habe über 500 Fotos aus dem Tierpark, vom Chinesischen Turm, dem Olympiapark, der Allianzarena und allem, was man hier so anschauen kann. Was mich am meisten beeindruckt in München: Die ganzen Baustellen. Die Stadt verändert sich jedenTag.“  

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    Gerade seinen allerletzten Schultag zu haben ist ein richtig geiles Gefühl: Alles scheint machbar, man ist verliebt in die große neue Freiheit. Doch so sehr man auch will, dass jetzt alles anders wird, so sehr fürchten man sich davor, dass es mit den Freundschaften aus der Schule auch so gehen wird. Dass einem die bisher allerbeste Freundin in ein paar Jahren nicht mehr die Haare beim Kotzen hält, sondern einer neuen allerbesten Freundin, die sie beim Studieren in einer hunderte Kilometer weit entfernten Stadt kennengelernt hat und mit der sie sich nun eine Wohnung und auch sonst alles teilt. Man selbst ist dann raus. Bis man das okay findet, muss einige Zeit vergehen, die man in vier Phasen einteilen kann:

    Phase 1: Das Hoch


    Auf der Abifeier schwelgt man noch einmal in gemeinsamen Erinnerungen, sieht sich die alten Jahrbücher an und lacht über die lustige Frisur, die man selber in der fünften Klasse hatte oder erinnert sich noch mal an den Referendar, den alle Mädchen so toll fanden. Die Gefühle springen umher zwischen Melancholie und Euphorie. Jemand am Tisch hebt sein Sektglas und alle stoßen an. Darauf, dass man sich niemals aus den Augen verlieren wird. Darauf, dass es vielleicht allen anderen so geht, aber niemals dem eigenen Freundeskreis. Man schwört sich ein, fühlt sich als Gemeinschaft. Die Melancholie rückt in den Hintergrund und den restlichen Tag und Abend verbringt man gemeinsam in einem Hoch, beflügelt durch Freiheit und Alkohol.

    Phase 2: Der Sommer


    Die Zeit nach dem Abi wird vollgestopft mit Partys, Festivals und Urlauben. Man ist kaum noch zu Hause, will kaum noch zu Hause sein. Die ganze Zeit ist man damit beschäftigt, Pläne zu schmieden und noch beschäftigter damit, alle in die Tat umzusetzen. Der Druck ist groß: Dieser Sommer muss einfach der beste des Lebens werden! Man will all die tollen Sachen machen, die man aus Teenie-Filmen kennt: noch mal am Lagerfeuer sitzen, unter freiem Himmel schlafen, einen Roadtrip machen. Der Facebook-Feed ist gefüllt mit Urlaubsfotos und Meldungen, auf welcher Party man schon wieder war. Man hat eine gute Zeit miteinander, feiert sich selbst und versucht, Erinnerungen für die Ewigkeit zu schaffen. DVD-Abende oder einfach gemeinsam am See rumliegen gehört auch zum Programm, man will sich einfach so oft sehen, wie es nur geht.

    Doch irgendwann wird der Terminkalender wieder leerer. Die ersten Freunde fangen an zu jobben, werden Au-Pair in Australien oder backpacken durch Südostasien. Die ersten Anzeichen sind da, dass es auch noch ein Leben nach Abitur und Selbstzelebrierung gibt.

    Phase 3: Das Tief


    Und irgendwann ist einfach keiner mehr da. Spätestens Anfang Oktober sind fast alle zerstreut in Deutschland oder auf der ganzen Welt. Die Menschen, die man vorher täglich oder zumindest wöchentlich getroffen hat, sind nicht mehr greifbar.

     In der Schulzeit musste man sich nie viel darum kümmern, sich nicht aus den Augen zu verlieren: man hat sich ja eh jeden Tag gesehen, saß nebeneinander in Mathe und ging in der Pause immer zusammen zum Bäcker. Doch jetzt sieht man viele nur noch am Wochenende oder sogar nur einmal im Monat. Und wenn man es mal schafft, sich zu treffen oder sich zufällig in der Bahn über den Weg läuft, dann erzählen die anderen von tollen Erlebnissen mit den neuen Leuten, die sie beim Studieren kennen gelernt haben. Es ist ein schleichender Prozess: Zuerst hat man noch das Gefühl, über alles informiert zu sein, was der andere gerade so treibt. Doch irgendwann driftet jeder in seine eigene neue Lebenswelt ab. Es gibt da diese eine Freundin, mit der man sich früher immer lustige Bilder auf Whats App hin und her geschickt hat. Jetzt ist das letzte Bild schon Wochen her. Man ging immer mit der Clique in der Mittagspause zusammen zum Döner Essen und sprach dabei über alles, was einen beschäftigte. Jetzt hat man keine tägliche Gelegenheit mehr dazu, sich alles sofort von der Seele zu reden. Auf das, was vorher selbstverständlich schien, kann man sich nun nicht mehr verlassen: Man merkt, dass das Pflegen einer Freundschaft Arbeit erfordert. Man muss sich nun Platz im Kalender für ihn freihalten und ein Zugticket kaufen, um den anderen sehen zu können.

    Phase 4: Die Akzeptanz


    Es sind kleine Momente, die dabei helfen, sich mit der veränderten Situation anzufreunden. Vielleicht schafft man es dann doch mal an Weihnachten oder so, wenn der gesamte Schulfreundeskreis wieder in der Heimatstadt versammelt ist, sich zu treffen. Oder man läuft sich zufällig in der Bar über den Weg, in der man zu Schulzeiten jeden Freitagabend war. Der eine Freund, der früher schon immer so schnell betrunken war, sitzt auch an diesem Abend schon nach zwei Bier schlafend irgendwo rum. Es gibt immer noch die gleichen Nicht-Tanzen-Könner, Sprücheklopfer und die, die immer erst drei Stunden nach allen anderen auftauchen. Man redet über neue und alte Geschichten, doch die Melancholie, die sich vorher bei solchen Gesprächen immer breit gemacht hat, ist verschwunden. Man lacht gemeinsam über die alten Sachen, ist interessiert an den Neuigkeiten und kann vielleicht auch selbst etwas Neues erzählen.

    Bei so einem Zusammentreffen realisiert man, dass sich irgendwie doch nicht so viel verändert hat, wie man dachte. Gleichzeitig weiß man, dass sich eigentlich alles verändert hat. Es muss nicht mehr alles so sein wie zu Schulzeiten und doch ist es eben manchmal noch genauso. Natürlich sieht man die meisten nicht mehr so oft wie früher oder hat mit manchen auch gar keinen Kontakt mehr. Vielleicht hat man sich mit manchen ein bisschen mehr aus den Augen verloren, als man sich am Tag der Abifeier noch geschworen hat, aber mittlerweile ist das okay. Viel wichtiger sind einem jetzt die Freundschaften, die durch alle Veränderungen hindurch gehalten haben. Es bedeutet einem nun viel, dass man immer noch in Kontakt steht und sich immer noch gut versteht. Und vielleicht erhebt man bei solchen Treffen wieder die Gläser.

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    Ein herzloses Monster?

    Ein ganz normaler Nachrichtenaustausch zwischen zwei Freunden:

    A: Sollen wir heute noch etwas trinken gehen?
    B: Klingt gut.

    Fällt dir etwas auf? Nein? Diese Antwort hat ein Problem. Es ist klein, rund und steht ganz am Ende: der Punkt.

    Der Punkt war mal ein harmloses Satzzeichen, aber in Zeiten von SMS-Flatrates und Whatsapp sorgt er manchmal für ein komisches Gefühl. Er lässt den Satz irgendwie abgehackt und rau wirken. Der Punkt steht da und klingt unfreundlich. Beendet jemand seine Kurzantworten immer mit einem Punkt, wirkt es so, als sei die Person gestresst, genervt oder sogar sauer.

    Schon vor zwei Jahren wurden Wissenschaftler auf dieses Phänomen aufmerksam und geschrieben: Ein Linguist erklärte, dass das Ende eines Satzes in der digitalen Kommunikation eher mit einem Zeilenumbruch als mit einem Punkt markiert werde. Nach jedem Satz wird einfach auf Senden geklickt. Der Punkt ist also eigentlich unnötig. Wenn er dann doch gesetzt wird, fragt man sich natürlich, wieso.

    Nun wurde die These vom bösen Punkt von einer Studie bestätigt. Forscher der Binghamton University in den USA haben ihren Testpersonen Unterhaltungen vorgelegt, die, wie in unserem Beispiel, eine Einladung mit einer kurzen Antwort darstellten. Einmal handschriftlich und einmal als Textnachricht. Das Ergebnis: Wenn die Antwort bei den Textnachrichten mit einem Punkt abgeschlossen wurde, empfanden die Probanden sie als weniger herzlich und aufrichtig als ohne Punkt. Bei den handschriftlichen Nachrichten hingegen spürten sie keinen Unterschied.

    Denn was wir in der Face-to-Face-Kommunikation mit Gestik, Mimik und Stimme ausdrücken können, übernehmen bei Textnachrichten eben Emojis, Lautmalereien und die Satzzeichen, sagen die Forscher. Und unter den Satzzeichen ist der Punkt so etwas wie der abfällige Blick, die verschränkten Arme oder die mir-ist-alles-scheißegal-Stimme.

    Der Punkt hat sich also innerhalb der SMS- und Chatkommunikation selbstständig gemacht und ist vom harmlosen Satzzeichen zu einer subtilen Beleidigung aufgestiegen. Was sagt uns das? Zum einen lernen wir mal wieder, dass die zwischenmenschliche Kommunikation voll von Missverständnissen ist – egal ob digital oder real - und das wir uns den Punkt bei SMS, Whatsapp und Co vielleicht lieber sparen sollten, wenn wir Wert darauf legen, nicht als gefühlskalter Eisklotz zu gelten.

    Eine große Frage bleibt allerdings: Sind Leute, die jede Antwort mit einem Punkt beenden, tatsächlich gefühlskalt und herzlos oder wollen sie vielleicht einfach nur grammatikalisch korrekt schreiben? Dazu sollte es dringend mal ne Studie geben. Punkt.

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  • 12/10/15--04:48: Gut, Mensch!
  • Als München in diesem Sommer über Nacht zu einer Drehscheibe für die Verteilung von Flüchtlingen wurde, hätte die Stadt ohne das Engagement der vielen Tausend Freiwilligen vermutlich große Schwierigkeiten gehabt, binnen zwei Monaten mehr als 135 000 Geflüchtete willkommen zu heißen. Mittlerweile ist aus dem improvisierten Helfer-Netzwerk, das von einem Linienbus am Hauptbahnhof aus koordiniert wurde, etwas Neues entstanden: Der Bus wurde gegen ein Büro in der Nähe des Hauptbahnhofes ausgetauscht. Und die beiden freiwilligen Helfer Asya Unger, 30, und Dominik Herold, 23, sind seit Anfang November hauptberuflich damit beschäftigt, die mehr als 6000 Freiwilligen zu koordinieren. Für uns hat Dominik eine Woche lang Tagebuch geschrieben.




    Dominik Herold
     

    10. November


    Anfang der Woche gingen unsere Lebensmittelvorräte am Hauptbahnhof zur Neige. Die ankommenden Geflüchteten bekommen ein sogenanntes „Care-Paket“, das Fisch, Käse, Brot, Saft und andere abgepackte Lebensmittel enthält. Weil die Zahlen der Ankommenden schwanken, können wir die Bestellungen nicht auf Monate vorausplanen. Wir müssten sonst viele Lebensmittel wegschmeißen. Heute rief gegen 14 Uhr die zuständige Schichtleiterin am Hauptbahnhof bei uns an, dass kein Brot mehr da sei – die Lieferung war einfach nicht gekommen. Während wir im Hintergrund bereits die verantwortliche Stelle bei der oberbayrischen Regierung kontaktierten, versuchten wir ad hoc, die Essensbestellung für den Tag zu organisieren. Wir fuhren also mit unserem Transporter diverse Supermarktketten an, um Hunderte von Bananen, Äpfel, Datteln und weitere Lebensmittel zu besorgen.
     
    Weil wir aus Erfahrung wissen, dass die Ankommenden sich sehr über Essen aus ihrem Kulturkreis freuen, hielten wir noch bei einem türkischen Geschäft, um Fladenbrot zu kaufen.
     
    Als wir mit ungefähr 350 Broten an der Kasse standen, bat uns der Verkäufer, diese spenden zu dürfen. Er sei selbst vor einigen Jahren als Geflüchteter über Griechenland nach Deutschland gekommen. Da er zwölf Stunden am Tag arbeite, schaffe er es aber leider nicht, sich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Nun wolle er zumindest das Brot bezahlen.
     
    Ich zögerte kurz, ob ich die Spende annehmen sollte. Der Mann ist in dem Laden nur angestellt. Die 50 Euro sind für ihn vermutlich verhältnismäßig viel Geld. Aber als ich sah, wie wichtig es ihm war, seinen Beitrag leisten zu können, entschied ich mich, sein Angebot anzunehmen. Am Ende verließ ich mit fünf Kisten Fladenbrot den Laden. Hinter mir ein glücklicher Verkäufer, vor mir wartende Geflüchtete, die noch nichts von ihrem kleinen Glück wussten, dass sie heute nicht Toast sondern Fladenbrot bekommen würden.
     

    11. November


    Auch, wenn wir schon seit mehreren Monaten helfen und dabei unser Handy mehrmals stündlich klingelt, gibt es immer wieder Anrufe, die auch uns überraschen. Heute rief uns eine junge Frau an, deren Vater sie gerade etwas panisch kontaktiert hatte: Er stehe irgendwo im oberbayrischen Nirgendwo mit seinem Auto – und einem geflüchteten jungen Mann auf der Rückbank. Die Kommunikation: schwierig. Der Vater konnte weder Arabisch noch Englisch, sondern ausschließlich Bairisch.
     
    Wir riefen den Vater also an und versuchten, mithilfe des Google-Übersetzers herauszufinden, was los war, während wir einen am Bahnhof helfenden Dolmetscher zu uns in den Laden riefen. Der konnte schnell helfen:
     
    Der junge Syrer war mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Weg nach Köln. Während er bereits mit dem Gepäck in den Zug eingestiegen war, verpassten Frau und Kinder den Zustieg. Das Problem: Er hatte sämtliches Gepäck, sie dagegen das Handy, Geld und alle Dokumente. An der nächsten Haltestelle stieg er also aus. Der Bayer hatte den jungen Mann bei dem Versuch aufgegabelt, zu Fuß zurück zum letzten Bahnhof zu laufen. Nachdem die Situation geklärt war, brachte der nette Mann den Syrer zu dem Bahnhof, wo zum Glück seine Familie sehnsüchtig auf ihn wartete. In dem Kommunikationswirrwarr aus arabischen Wortfetzen und bayrischer Hilflosigkeit hat am Ende eines gesiegt: die Geste eines Menschen, trotz aller sprachlichen Barrieren helfen zu wollen – und das Vertrauen, sich helfen zu lassen, auch wenn man den anderen nicht versteht.
     

    12. November


    Immer wieder schreiben uns Menschen, dass sie helfen möchten. Neben den Tausenden Spontanhelfern und Helferinnen gibt es auch viele, die ein Sabbatical einlegen, eine Pause im Studium machen oder im Ruhestand sind und uns ihre Zeit schenken wollen. Heute war zum Beispiel eine Mutter zum ersten Mal bei uns, die gerade in Elternzeit ist und uns mehrmals pro Woche unterstützen will, während ihre Tochter in der Kita ist. Das Bemerkenswerte daran: Die Menschen bieten das von sich aus an. Sie gehen aktiv auf uns zu und fragen nach, ob und wie sie uns unterstützen können. Es geht ihnen um die Sache, sie wollen Helfen, sich einbringen in einem Team und auch die einfachsten Aufgaben übernehmen – auch wenn sie im echten Leben vielleicht mittelständische Unternehmen führen oder Ähnliches tun.
     
    Durch dieses tolle bürgerschaftliche Engagement können wir auf eine unglaublich breitgefächerte Expertise zurückgreifen. Unsere Aufgabe war von Anfang an also weniger, qualifizierte Leute für verschiedene Aufgaben zu finden, als vielmehr, ihre Expertise ausfindig zu machen und das Potenzial umzusetzen. Also: Wo und wie können wir und sie helfen? Was können die Institutionen nicht abdecken? Was liegt im Rahmen unserer Möglichkeiten und was schaffen wir nicht?
     
    Schnell war klar: Es geht darum, eine Struktur zu schaffen und eine gemeinsame Richtung festzulegen. So entstand mit dem Infobus eine mobile Anlaufstelle, von der aus die Kommunikation geleitet wurde. Und der Ankerpunkt unseres Engagements war die Perspektive der Geflüchteten und die Frage, wie wir die ankommenden Menschen konsequent notversorgen können. Und von dieser Basis aus haben wir versucht, die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Münchner zu koordinieren.
     

    13. November


    Neben den Menschen, die Zeit spenden, gibt es viele, die uns Geld oder Kleidung geben. Viele wunderbare Spenden, die uns täglich erreichen und die Arbeit um ein Vielfaches erleichtern – und manchmal auch Dinge, die uns schmunzeln lassen: Kurze Röcke, Hotpants oder High-Heels lassen sich zum Beispiel nur schwer vermitteln. Gerade im Winter.
     
    Aber dass diejenigen, die jahreszeiten-spezifisch spenden, auch manchmal daneben liegen können, zeigte heute ein netter Mann, der uns Skischuhe spenden wollte. Wir mussten ihm leider sagen, dass die weiterreisenden Geflüchteten damit nicht viel anfangen können. Aber vielleicht zeigt diese ungewollt komische Geste auch einen ersten Schritt in Richtung Integration und Kulturaustausch: Wenn man die Spende des Münchners als Zeichen sieht, das sagt: „Skifahren kann man lernen, ich gebe dir die passende Ausrüstung an die Hand. Willkommen in deiner neuen (klimatischen) Heimat.“

    >>>„Wie eine Weste den Westen veränderte – ein Zeichen der Humanität“<<<
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    13. November


    Heute kam ein Anruf von einem unserer Schichtleiter, ob wir Regale und Kartons kaufen könnten. Ohne die würden die Kleiderkammern nicht weiter funktionieren. Eigentlich ein sehr konkretes Anliegen, und trotzdem wurde es dann ein wenig kompliziert.




     
    Der Vorteil unseres so spontanen und zufälligen Zusammenschlusses an Helfern ist dessen Heterogenität. Die Erfahrungen und Kompetenzen sind breit gefächert und das Potenzial immens. Der Nachteil an so einer basisdemokratisch organisierten Vereinigung ist, dass man sehr viel Rücksprache halten muss, um weiter so offen arbeiten zu können.
     
    Heißt im konkreten Fall: Bevor man Regale kaufen kann, müssen sehr viele Menschen ihr Okay geben. Der E-Mail-Verkehr hatte aber eh schon abstruse Ausmaße, und ich erhielt kaum noch Feedback von den Menschen, mit denen ich intern Rücksprache halten muss, wenn ich Geld ausgeben soll. Gleichzeitig wusste ich, dass die Sachen dringend benötigt wurden. Das Beispiel zeigt, dass der Weg von einer spontanen Initiative hin zu einer strukturierten Vereinigung einen Balanceakt darstellt. Wir dürfen unsere Flexibilität und Mobilität nicht verlieren, sind gleichzeitig aber auch nicht gefeit vor Überbürokratisierung. Was hilft? Abwägen und manchmal auch nur etwas abwarten: Am Ende kam die Lösung für unser Regale-Problem ganz einfach über unseren E-Mail-Verteiler. Alle sagten letztlich doch sehr schnell: „Kauf die Sachen“, der Standort bekam seine Regale und die Arbeit konnte weitergehen.
     

    14. November


    Wenn wir die Information bekommen, dass ein Zug mit 500 Menschen ankommt, dann rufen wir als erstes unsere Schichtleiter am Hauptbahnhof an und setzen sie darüber in Kenntnis. Parallel fragen wir ab, ob irgendwer zusätzliche Helfer, Essen oder Kleidung braucht. Wenn irgendwas davon gerade nicht oder nicht mehr da ist, starten wir einen Aufruf über die Social-Media-Kanäle.
     
    Dafür benutzen wir vor allem unsere Website fluechtlingshilfemuenchen.de, die Facebook-Seite München ist bunt und den Twitter-Account MünchenHilft. Und wir versuchen, so transparent wie möglich zu sein und die Münchner mit ins Boot zu holen. Denn uns ist wichtig, dass wir eine Initiative bleiben, bei der alle, die helfen wollen, mitmachen können.
     

    15. November


    Sprache ist eines unser wichtigsten Themen. Menschen, die aus dem Arabischen, Farsi, Paschtu, Urdu oder einer anderen Fremdsprache übersetzen brauchen wir eh immer. Aber auch die eigene, die deutsche Sprache hat manchmal Tücken in unserer Arbeit. Da wäre nur zum Beispiel der Begriff „Flüchtling“. Viele, auch prinzipiell sensibilisierte Menschen, benutzen den natürlich. Aber wir finden, er verdinglicht und verkleinert die Menschen. Deshalb benutzen wir ihn nicht, sondern sprechen eben von Geflüchteten .
     
    Ein Beispiel, dass auch wir Muttersprachler mit dem Deutschen Probleme haben können, ist mir in den vergangenen Wochen aufgefallen: Wir rufen auf unserer Website zu Spenden auf und passen die Liste regelmäßig an. Die Menschen haben dann die Möglichkeit, die Spenden bei uns in der Hirtenstraße vorbeizubringen, von wo aus wir sie an die Unterkünfte verteilen. Da wir bei der ganzen Organisation einen hohen Papierverbrauch haben, haben wir auf der Spendenbedarfsliste auch den Punkt „Kopierpapier“ aufgelistet.
     
    Nachdem heute auch am dritten Tage nacheinander ein älterer Herr mit einem Stapel Toilettenpapier vorbei kam, wurden wir skeptisch und bemerkten nach kurzem Überlegen den offensichtlichen Verleser. Jetzt haben wir das „Kopierpapier“ erst einmal aus der Liste genommen. Die Kopier- ebenso wie die Klopapiervorräte sind fürs Erste ausreichend gefüllt.
     

    16. November


    Nach den vielen Wochen hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingespielt. Wir haben viele tägliche Aufgaben: Essens- und Kleiderbestellungen, das Abtelefonieren der Standorte und die interne Vernetzung. Ich rufe also am Standort Richelstraße an und frage: „Wie ist der Stand? Sind alle bestmöglich ausgestattet? Ist irgendwo Bedarf?“ Parallel zu diesen täglichen Aufgaben gibt es aber noch etwas, das man Projektentwicklung nennen könnte. Da fallen Aufgaben rein, wie die Erweiterung des Helfer-Pools. Wir schulen Leute, die gerne intensiver helfen möchten und genug Zeit haben, auch ein tiefergehendes Engagement zu übernehmen. Denn Integration hört ja nicht in den Notunterkünften auf, sondern ist ein langwieriger Prozess.
     

    17. November


    In den vergangenen Wochen war es in München relativ ruhig, was vor allem daran liegt, dass weniger Geflüchtete bei uns ankommen. Viele Münchner und Münchnerinnen hat besonders die spontane und bürgerbezogene Hilfe angesprochen, bei der man aus einem ganz selbstverständlichen inneren Pflichtgefühl das tat, was getan werden musste: Menschen in Not helfen.
     
    Die aktuelle Lage erscheint für die meisten potenziellen Helfer etwas intransparent. Und deshalb denken vielleicht viele, dass ihre Hilfe gar nicht mehr gebraucht wird. Aber genau da möchten wir ansetzen: Das, was in München vor allem in den vergangenen drei Monaten geschehen ist, sollte nicht wie ein großes, aber nur kurz brennendes Leuchtfeuer verpuffen, sondern langfristig genutzt werden. Wir müssen den Menschen Plattformen bieten, damit die Unterstützung am Ende auch da ankommt, wo sie gebraucht wird. Hilfe, egal ob spontan oder langfristig, darf nicht an irgendwelchen abstrusen bürokratischen Hürden scheitern.
     

    18. November


    Eigentlich halte ich nichts von Glorifizierung. Oft verliert man dadurch den Fokus auf das Eigentliche und das Ganze wird zu reiner Selbstdarstellung. Heute ist aber etwas passiert, das das Gegenteil für mich bedeutet: Schon in der Hochphase im September bekamen wir Anfragen vom Münchner Stadtmuseum, dem Haus der bayerischen Geschichte in Augsburg und dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn. Sie wollten Dinge ausstellen, die exemplarisch für unsere Arbeit sind. Damals verständigten wir uns darauf, einiges aufzuheben und uns dann in einer ruhigeren Phase zu treffen.
     
    Heute war es soweit: Die Vertreter der Museen besuchten uns im Büro und schauten sich etwaige Exponate an. Mich hat fasziniert, wie interessant die Mitarbeiter all die Dinge fanden, die für uns so banal sind: Organigramme, Helferwesten, selbstgemachte Plakate in ausländischer Sprache, liegengebliebene Taschen von Geflüchteten. Sogar Kuriositäten wie die High Heels oder Skischuhe könnten ihren Platz im Museum finden.
     
    Da wurde mir einmal mehr klar wie wunderbar surreal das sein kann, was wir täglich tun, wenn man es sich bewusst macht. Aber: Durch unser aller Engagement schreiben wir nicht nur die Zeilen einer humaneren Gegenwart, sondern auch den Satzanfang einer Zukunft für weitere Generationen. Vielleicht heißt es in zehn Jahren: „Wie eine Weste den Westen veränderte – ein Zeichen der Humanität“.
     
    Das Büro in der Hirtenstraße 2 ist von Montag bis Samstag zwischen 12 und 17 Uhr besetzt.

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    Was wir hier gleich wieder lernen können:


    • Wer mit einer angeblichen Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, dessen Glaubwürdigkeit wird automatisch angezweifelt. Das gilt für Schreibwarenverkäuferinnen ebenso wie für Pornodarstellerinnen. Bei letzteren vielleicht aber noch ein bisschen mehr – und das sagt leider viel aus.

    • Gleichzeitig gilt aber auch: Wer der Vergewaltigung beschuldigt wird, wird oft bereits verurteilt, bevor er sich überhaupt äußern konnte.

    • In aller Regel ist die Öffentlichkeit nicht in der Lage, den Fall zu beurteilen.

    • Das Internet hilft hier selten. Besonders, wenn die Protagonisten die Diskussion dort selbst befeuern.

    • "Nein" heißt nein. Auch bei Pornodarstellern. Das sollte jeder kapieren. Auch das Internet.


    Die aktuell größte Debatte zum Thema ist deshalb ein besonderes Lehrstück darüber, wie das Netz über Vergewaltigung diskutiert. Nein, halt, wie Menschen im Netz über Vergewaltigung diskutieren. Die Debatte dreht sich um die Pornodarstellerin Stoya (29) und ihren Ex-Freund, den Pornodarsteller James Deen (29). Es steht Aussage gegen Aussage und man merkt auf jeden Fall: Da lief schon lange was falsch im Pornobusiness. Die Geschichte zeigt aber auch, wie durch das Internet das Private öffentlich wird. Und wie es irgendwann unmöglich ist, sowohl für mutmaßliche Opfer, als auch für die Beschuldigten, wieder einzufangen, was mal losgetreten ist. Eine Chronologie.

    28. November 2015


    Pornodarstellerin Stoya setzt folgenden Tweet ab



    Twitter läuft schnell heiß. Vielen ist direkt klar, dass sie mit dem "gefeierten Feministen" nur ihren Ex-Freund James Deen meinen kann. Der galt bis dahin als Ryan Gosling der Pornoindustrie. Ein schmächtiger "Typ von nebenan", der den Frauen beim Sex in die Augen schaut und schon einmal eine Pornoproduktion absagte, in deren Story Frauen mit hartem Sex für ihr Fehlverhalten bestraft werden ("It made me feel icky"). Er und die auf Natürlichkeit getrimmte, wortgewandte Stoya (die bereits für die New York Times schrieb) galten als Traumpaar der Pornoindustrie, der es natürlich gefiel, ein konsensfähiges Vorzeigepaar zu haben. Ende 2014 verkündeten Deen und Stoya nach einer gut einjährigen Beziehung ihre Trennung, blieben allerdings weiterhin auch geschäftsmäßig miteinander verbunden, beispielsweise bot Stoya weiterhin Pornos mit ihm auf ihrer Webseite an.

    Kurz nach dem ersten Tweet konkretisiert Stoya ihre Vorwürfe und bestätigte, was alle vermuteten:




    Sätze, die im Internet daraufhin fallen:
    - Der Arsch gehört für seine Taten bestraft (freundlich formuliert) #solidaritywithstoya
    - Die Frau ist Hardcore-Pornodarstellerin. Gehört das nicht zum Job?
    - Sie hat es doch sicher gewollt
    - Warum geht sie damit erst jetzt an die Öffentlichkeit?
    - Das ist doch alles PR
    - Würde das stimmen, würde sie keine Filme mehr mit ihm bewerben

    Stoya geht nach besagtem Tweet offline. Der Beschuldigte James Deen reagiert zunächst nicht auf die Vorwürfe sondern twittert einen Link zu seinem neusten Anal-Streifen. Joanna Angel, ebenfalls Darstellerin und Exfreundin von Deen, solidarisiert sich hingegen mit Stoya.



    30. November 2015


    Die Pornodarstellerinnen Ashley Fires, Tony Lux und eine unter dem Pseudonym T.M. schreibende Frau erheben ebenfalls Vorwürfe gegen Deen. Sie sagen, er habe sich bei Drehs nicht an Abmachungen gehalten oder sie danach vergewaltigt. Eine Darstellerin berichtet, er habe sie geschlagen und ihr sein Geschlechtsteil in den Mund gedrückt. Sie hätten von da an abgelehnt, mit Deen zu drehen. Er selbst äußert sich an diesem Tag auch zum ersten Mal auf Twitter zu den Vorwürfen - und bestreitet sie.



    Sätze, die im Internet daraufhin fallen:
    - Deen lügt und ist ein mieser Vergewaltiger
    - Warum gehen die anderen Darstellerinnen damit erst jetzt an die Öffentlichkeit?
    - Warum diskutieren die das überhaupt auf Twitter?
    - Warum ist Stoya immer noch offline?

    2. Dezember 2015


    Immer mehr Pornodarstellerinnen erzählen, wie Deen sie bei, aber auch abseits von Drehs missbraucht habe. Deens Ex-Freundin Joanna Angel gibt in einer Radiosendung explizite Einblicke in die sechsjährige Beziehung. Was als einvernehmlicher BDSM-Sex begonnen habe, sei mit der Zeit immer härter geworden. Irgendwann habe Dean ihren Kopf in ein mit Wasser gefülltes Becken gedrückt, während er Sex mit ihr hatte. Zudem habe er sie immer wieder verbal erniedrigt, sie eine Hure genannt, die ihn betrügen würde, dabei habe er selbst ja auch im Pornobusiness gearbeitet. Sie habe nur mithilfe einer Therapie die Trennung geschafft und danach abgelehnt, mit ihm zu drehen. In der Branche sei bekannt gewesen, dass Deen einen miesen Umgang mit Frauen pflege.

    Sätze, die im Internet daraufhin fallen:
    - Warum hat sie noch mit ihm gedreht, wenn er sie so behandelt hat?
    - Warum fällt ihr das erst jetzt ein?
    - Warum hat sie nicht direkt mit ihm Schluss gemacht?
    - Wenn das stimmt, warum hat dann niemand in der Branche was gesagt?

    Diverse Experten führten sich daraufhin genötigt, darauf hinzuweisen, dass auch Pornodarstellerinnen in abhängigen Beziehungen leben können.

    4. Dezember 2015


    Der Guardian veröffentlich eine Exklusivstory mit Stoya, zu diesem Zeitpunkt haben bereits acht Frauen ähnliche Vorwürfe aufgebracht. Stoya erzählt, die Vergewaltigung sei im privaten Umfeld passiert, am Tag drauf sei sie wieder arbeiten gegangen. Wenige Tage später hätte sie sogar eine Szene mit Deen gedreht. Als sie ihn mit ihren Vorwürfen konfrontiert habe, hätte er nur gesagt, sie würde versuchen ihn mit ihren Tränen zu manipulieren.

    Sätze, die im Internet daraufhin fallen:
    - Warum hat sie sich nicht getrennt?
    - Warum ist sie nach der Vergewaltigung wieder zur Arbeit gegangen?
    - Warum promotet sie weiterhin ihre Pornos auf Twitter?
    - Nach diesen alte Tweets von vor drei Jahren hätte sie wissen müssen, dass Deen ein Arsch ist

    7. Dezember 2015


    Farrah Abraham, in den USA bekannt als C-Promi aus der Teen-Mom-Serie "16 and pregnant" behauptet in der Dailymail als neunte, Deen habe auch sie vergewaltigt.

    Sätze, die im Internet daraufhin fallen:
    - Warum hat sie trotzdem ein Sextape mit ihm gedreht?
    - Das ist doch PR
    - Der kann man eh nix glauben

    8. Dezember 2015


    James Deen äußert sich im Daily Beast zu den Vorwürfen. Er sagt, die Trennung von ihm und Stoya sei nicht sauber gelaufen und deutet an, dass sie einen persönlichen Rachefeldzug gegen ihn fahren würde. Er sagt, er verstünde selbst nicht, warum ihr das auf einmal einfiele, nachdem sie sich jahrelang nur positiv über ihn geäußert hätte. Außerdem würde er ja weiterhin in Filmen ihrer Pornofirma mitspielen. Vielleicht habe sie mit den Vorwürfen also nur Traffic auf ihre Seite ziehen wollen. Außerdem verlinkt er auf ein Outtake, in dem Deen beim Sex mit Stoya sofort aufhört, als diese "nein" sagt.

    Zu diesem Zeitpunkt haben nahezu alle Pornoproduktionen und Sextoy-Hersteller ihre Verträge mit Deen gekündigt. Stoya wiederum ist nun die Gallionsfigur einer Bewegung, die sich für bessere Bedingungen im Porno-Business stark macht. Dass die Sache an die Öffentlichkeit kam, war richtig. Auch, damit andere sich raustrauten und sich hoffentlich etwas ändert. Etwas anderes ist aber auch klar: Die Geschichte wird keiner der Beteiligten mehr los. Ein Leben lang.

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  • 12/11/15--02:58: Trolle gegen Terror
  • Humor soll im Kampf gegen Terror ja bekanntlich helfen. Deshalb rief das Hacker-Kollektiv Anonymous den 11. Dezember zum offiziellen "ISIS Trolling Day" aus. Heute soll auf Facebook, Twitter, Instagram und Co. sowie in der realen Welt ganz herzlich über die #Daesh gelacht werden – mit allen Mitteln, die das Internet so zur Verfügung hat.



    Gnihihi.

    Dabei bitten die Hacker um Unterstützung beim Posten von witzigen Memes, Tweets und Bildern. Unter den Hashtags #Daesh#Daeshbags und #TrollingDay könnt ihr die Debatte auf Facebook und Twitter verfolgen. Das Ganze steht in Tradition der Memes von "Allah quack bar", bei der User bereits IS-Terroristen mit Quietscheentchen vertauschten.




     Auf Twitter sind die Terrorenten los.









    Der Trolling-Day ist nur ein weiterer Schachtzug von Anonymous: Nach den Anschlägen von Paris erklärten sie dem IS nochmals den Hacker-Krieg, legte unter anderem mehrere hunderte Twitter-Accounts lahm und ersetze eine IS-Website mit der von Viagra. Auch Drogenboss El Chapo soll momentan nicht gut auf die Organisation zu sprechen sein – vielleicht möchte er auf Twitter seinem Ärger mit einem Meme Luft machen? Wir sind gespannt.

    Sina Pousset

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    In unserer neuen Rubrik "Ende der Diskussion" nehmen wir uns heraus, zu einem Thema einfach mal eine klare Meinung zu haben. Kein Abwägen, kein "aber". Denn manchmal muss man einfach sagen, was schon lange in einem brodelt.

    Als Beispiel die Geschichte einer Freundin: langjährige Beziehung, Freund hat eine Affäre, Tränen, Streit und Diskussionen folgten, in denen der Freund irgendwann sagte: „Ich glaube, es gibt einfach keine Monogamie und man sollte offenen Beziehungen vielleicht eine Chance geben.“ So lange die Beziehung noch gesund war und funktionierte, hatte er dieses Konzept immer abgelehnt. Und wäre selbst fuchsteufelswild geworden, wenn seine Freundin einen anderen gehabt hätte. Jetzt auf einmal der Sinneswandel. Weil es gut in seine Argumentation passte.



    "Ich hab dich nur betrogen, weil es Monogamie nicht gibt"

    Genau wegen solcher Geschichten geht es mir gehörig auf die Nerven, dass seit einiger Zeit überall die Polygamie gepredigt wird. Gerade erst ist wieder ein Text auf Zeit Online erschienen, der in meiner Timeline munter geteilt wurde, zum Beispiel mit den Worten „Monogamie ist Quatsch“. Das Problem ist nicht der Text an sich, der analysiert das alles sehr eingehend und sachlich durch. Das Problem ist: Menschen nehmen die angebliche polygame Neigung unserer Spezies als Ausrede, um andere Menschen zu verletzen, oder um zu rechtfertigen, dass sie jemanden verletzt haben.

    Wir sind keine triebgesteuerten Tiere. Wir haben einen Willen und können "Nein" sagen


    Es gibt Monogamie. Und ja, es gibt auch Polygamie. Es gibt nämlich immer das, auf das sich zwei oder drei oder mehr Menschen einigen. Bevor sie eine intime Beziehung miteinander eingehen. Und an dass sie sich verdammt noch mal zu halten haben. Und wenn sie in einer monogamen Beziehung merken, dass sie doch lieber mit drei Menschen schlafen würden oder auch einfach nur mit einem anderen als dem Partner, dann müssen sie das mit dem Partner besprechen. Sich trennen, wenn der das nicht möchte. Und erst danach das andere anfangen, sei es was Polygames oder was Monogames oder was auch immer. Wir sind nämlich keine triebgesteuerten Tiere mit Fortpflanzungsdrang, dem wir instinktiv nachkommen müssen. Wir sind Menschen, wir können Vernunft und Emotionen und Empathie. Wir sind nie, wirklich niemals Opfer unserer Gefühle und – kaum zu glauben! – wir haben einen Willen! Wir können „Nein!“ sagen, wenn es sich anbietet, Sex mit jemandem zu haben, wir aber mit jemand anderem den Deal haben, es nicht zu tun. Und wenn wir trotzdem „Ja“ sagen, ist das ein Ja zum Sex und ein Ja dazu, zu verletzen. Und dann sollten wir auch dazu stehen und sagen: "Ja, ich habe Mist gebaut", statt irgendwas von "die Natur, der Mensch an sich, die Polygamie..." zu quatschen.

    Polygamie gilt ja auch gern als Allheilmittel gegen Unglück ­– niemand muss treu sein, alle sind offen miteinander und superhappy. Aber wir würden uns auch gegenseitig verletzen, wenn wir in einer polygamen Gesellschaft leben würden. Menschen verletzen sich immer gegenseitig. Menschen werden auch immer eifersüchtig sein, egal, wie offen sie ihre Beziehungen führen. Eifersucht ist nichts, was die Gesellschaft sich ausgedacht hat. Was sich ändern müsste, damit wir uns nie wieder verletzen? Nicht das vorherrschende Beziehungskonzept, sondern die Art, wie wir miteinander umgehen. Zum Beispiel einfach nicht betrügen und nicht lügen. Machen aber alle andauernd, monogame und polygame Menschen, Männer und Frauen, Alte und Junge, in Beziehungen und in allen anderen Lebenslagen. Ist scheiße. Sollte man lassen.

    Als abschließendes Beispiel noch die Geschichte einer anderen Freundin. Die immer von der großen Liebe und vom Heiraten geschwärmt hatte. Und dann ihren Freund betrog. Und währenddessen plötzlich dauernd sagte, es gäbe keine Monogamie, die Gesellschaft habe ihr diese Fesseln angelegt etc. pp. Dabei ist es so viel einfacher: Wenn man jemanden betrügt und damit sehr verletzt, ist nie die böse monogame Gesellschaft schuld. Auch nicht die Beziehung oder der Partner oder die Affäre oder das One Night Stand. Sondern immer ganz allein man selbst.

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    Eine Supermarktkette und eine Verkehrsgesellschaft: Jetzt nicht unbedingt die Dinge, die junge Menschen sexy finden. Deswegen bekommen wir den nächsten Clip vor den Latz geknallt, der uns mit Clubbeats und lockerem Werbeslogan vom Sexappeal etwas eingestaubter Institutionen überzeugen soll. Der neuste Kandidat: die Berliner Verkehrsgesellschaft. Sie postete ein Video, in dem ein BVG-Mann (alias Musiker und Werbetexter Kazim Akboga) mit Kampfwampe armelupfend durch die gemusterten Sitzreihen schreitet und dazu halbrappend, halbsingend zum Fahrkartenkauf in der Hauptstadt animiert. "Is mir egal" heißt der Clip, der für ein reines Scherzvideo doch ein bisschen zu aufwändig produziert ist.

    http://www.youtube.com/watch?v=xvcpy4WjZMs

    Kommt uns doch bekannt vor. Sowohl der Song als auch die Strategie des Clips. Der Neuköllner Kazim Akboga stand mit "Ist mir egal" nämlich schon vor Dieter Bohlen bei DSDS, damals reimte er noch "Keine Arbeit? Ist mir egal. Zweite Mahnung? Ist mir egal". Der Song wurde später zum Mallorca-Hit. Und der Traditionsbetrieb Edeka verfolgte vor einiger Zeit eine ähnlich extra-freshe Strategie, um den Konzern auch beim jüngeren Publikum beliebt zu machen. Edekas Superopa Friedrich Liechtenstein fand alles „supergeil“ (die New York Times berichtete), der BVG-Mann findet jetzt alles ziemlich „egal“. Und die „jungen Leute“ finden das ziemlich gut.

    http://www.youtube.com/watch?v=jxVcgDMBU94&list=RDjxVcgDMBU94#t=161

    Der Edeka-Clip wurde damals durch die sozialen Netzwerke gejagt, das „Supergeil“-Video auf Youtube Millionenfach geliked. Auch der rappende Fahrkartenkontrolleur funktioniert nach dem Muster „Kurioser Typ plus fetter Spruch“. Das Erfolgsrezept scheint auch hier wieder zu klappen: Auf Facebook hat der Post binnen 3 Stunden bereits 300.000 Klicks. Die BVG kommentierte selbstironisch: „Manche Zeilen widersprechen den Beförderungsbedingungen? Ist uns egal.“ Stimmt – in der Realität können Fahrkartenkontrolleure nämlich auch ganz anders. Edeka-Opasübrigens auch.

    Sina Pousset

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    Liebe Jungs,
     
    neulich haben wir mal wieder zwei Männer dabei beobachtet, wie sie sich umarmt haben. Das ist immer sehr amüsant. Mann 1 geht entschlossen auf Mann 2 zu, Mann 2 zuckt kurz ängstlich, schnallt dann, dass jetzt joviale Instant-Lockerheit angesagt ist, und beide setzen eine entschlossen aufgeschlossene Miene auf, fallen sich in die Arme, bleiben in der Beckengegend aber irritierend auf Abstand, so dass es aussieht, als würden sie durch einen hüfthohen Stacheldrahtzaun voneinander ferngehalten, und lassen sich unter betont unangestrengtem Lachen ein „Haaallo, na, alles gut?“ über die Schultern sausen und dann, Achtung!, klopfen sie. Einmal, zweimal, dreimal, je nach Verve und Charakterstärke der Umarmenden schnell und hektisch, oder zaghaft und schlaff, oder grob und kräftig. Aber sie klopfen, standardmäßig.

    Wir haben mal kurz gebrainstormt, wie der Engländer sagt. Und zwar über die Frage: Wann und warum genau bedient man sich eigentlich der Kulturtechnik des Klopfens? a) Wenn man nicht stören will, sozusagen als eine Art vortastende Ankündigung der Botschaft: Hier komm ich, ist das ok? b) Wenn man der Höflichkeit halber Anerkennung zollen muss, aber auch wirklich nur der Höflichkeit halber und nicht etwa aus innerem Bedürfnis (in der Uni oder in einer Konferenz), c) wenn jemand sich verschluckt hat, oder ein Bäuerchen machen muss, d) Wenn ein Mann, der zwischen 1850 und 1964 geboren worden ist, einem anderen Menschen zu verstehen geben will, dass er stolz auf ihn ist.
     
    So richtig viel schlauer macht uns das jetzt nicht über eure Klopf-Angewohnheit. Eine Gemeinsamkeit aber haben alle Zwecke des Klopfens: Wenn sie nicht gerade der Aufrechterhaltung der Gesundheit dienen, haben sie vor allem etwas mit Zwang zu tun und Etikette und einer etwas altmodischen Form von Respektzollerei.
     
    Ist es das, was ihr sagen wollt, wenn ihr einen Mann umarmt: „Respekt!“? Wir verstehen es nicht. Wir sind ja eher so: Umarmen, loslassen. Oder Bussi. Oder Umarmen, einmal über den Rücken streichen, loslassen. Aber so rumklöpfeln? Nee, das haben wir irgendwie nicht im Programm.
    Erklärt euch bitte!

    >>>Die Jungsantwort von jakob-biazza<<<
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    Liebe Mädchen,

    eine wichtige Frage! Und ein wichtiges Thema! Die Klatschender-Rückenklopfer-Umarmung löst nämlich ein durchaus drängendes Problem: das der Begrüßung mit der richtigen Nähe-Distanz-Balance. Sie ist die Ideallinie, wenn man jemanden sehr gerne mag, sich aber doch noch eine gewisse Kernigkeit im Verhältnis bewahren will. Was auch der Bereich ist, in dem wir sie einsetzen. Und zwar, weil sie von den anderen Begrüßungsmöglichkeiten das Beste nimmt und zu etwas zusammenfügt, das mehr ist, als die bloße Summe der Einzelteile.

    Als andere Möglichkeiten wären da:


    • der einfache, waagrechte Handschlag: viel zu förmlich!

    • der High-Five: viel zu peinlich!

    • der Halbvertikale-Gangsta-Handschlag auf Brusthöhe: viel zu gangsta!

    • der „Ich fang mit dem Halbevertikalen-Gangsta-Handschlag auf Brusthöhe an, rolle mich dann aber noch seltsam in mein Gegenüber rein“-Schulter-Bumper; manchmal auch kombiniert mit einer halben Umarmung: zu abweisend, wenn man jemanden sehr gerne mag; außerdem viel zu eingerollt!

    • die Hüfthohe-Klaps-auf-den-Po-Umarmung: nah dran, aber noch mehr was für Fußballer bei der Einwechslung

    • die „Ich schließe dich mal ganz fest und mit maximalflächiger Berührung wie beim Reibungsklettern in die Arme“-Umarmung; oft einhergehend mit einem „Ich schau mal, ob was geht“-Gefühl: die ist schon drüber; machen wir deshalb aber bei euch manchmal gern – und dann auch eher zur „Verabschiedung“, gerne kombiniert mit leichtem Streicheln von Rücken oder Oberarm


    Ihr seht an dieser Liste vermutlich sofort selbst, wo die Klatschender-Rückenklopfer-Umarmung zu verorten ist. Sie ist alles – und das in sehr fein justierbar:

    • das Heranziehen an die Brust und damit die Nähe, die man von einer guten Umarmung erwartet

    • das Klatschen eines High-Fives (mal „Sons of Anarchy“ schauen und hören, wie saftig das auf den Lederkutten schmatzt, wenn die einander umarmen – herrlich!)

    • die Flexibilität, den Umarmungsteil fest und innig zu gestalten, oder aber nach dem ersten Aufprall wieder etwas Luft zu lassen, womit es alle Nuancen zwischen Reibungsklettern und Schulter-Bumper annehmen kann

    • auch auf Hüfthöhe

    • je nach Klatsch-Höhe können auch Spuren von Klaps auf den Po enthalten sein


    Eine Begrüßung von erhabener Schönheit also. Seltsam eigentlich, dass ihr das nicht so macht.

    Wir drücken euch, fest, maximalflächig und mit leichtem Streicheln von Rücken oder Oberarm,

    Eure Jungs

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  • 12/11/15--08:00: Zeit macht schön

  •  Hurra: Je länger wir einander kennen, desto egaler ist uns das Aussehen. 

    Lernen sich zwei Menschen kennen, der eine schön, der andere nicht so. Ein paar Monate später sind sie ein Paar. Was ist passiert? 

    Es ist kein seltenes Phänomen. Aber eines, das immer wieder Getuschel und Geraune verursacht: Wie hat die nur diesen Typen klargemacht? Beziehungsweise: Was hat der Typ nur, was wir alle nicht sehen?

    Eine gute Frage, um sie mal wissenschaftlich zu untersuchen, dachten sich Forscher an der Universität von Austin, Texas. Also ließen sie Studenten die Attraktivität ihrer Kommilitonen bewerten. Jungs bewerteten Mädchen, Mädchen bewerteten Jungs.

    Am Anfang des Semesters waren sich alle mehr oder weniger einig, wer am attraktivsten sei. Drei Monate später wiederholten die Forscher die Umfrage. Und staunten: Nachdem die Studenten nun lange Tage gemeinsam im Klassenzimmer verbracht hatten, waren sie sich völlig uneinig, wer am attraktivsten sei. Die Heißesten vom Semesteranfang hatten ihre Stellung teilweise verloren – dafür tauchten plötzlich Studenten auf der Rangliste auf, die vorher niemand für attraktiv gehalten hatte.

    Was war passiert?

    [plugin imagelink link="https://cinefilles.files.wordpress.com/2012/12/knocked-up.jpg" imagesrc="https://cinefilles.files.wordpress.com/2012/12/knocked-up.jpg"] Die Schöne und der weniger Schöne: Katherine Heigl und Seth Rogen in "Beim ersten Mal". 

    „Die Wahrnehmung von potenziellen Paarungspartnern ändert sich, je mehr Zeit man mit ihnen verbringt“, erklärte eine der beteiligten Psychologinnen der New York Times. Einerseits gebe es die „Seth-Rogen-Story“ (ein Bezug auf die US-Komödie „Beim ersten Mal“): Ein auf den ersten Blick unattraktiver Mensch wirkt auf eine bestimmte Person plötzlich anziehend. Es funktioniere aber auch andersrum: „Jemand kann unattraktiver werden, wenn man ihn besser kennenlernt.“

    Die Forscher zogen daraus einen Schluss, der ganz schön gut klingt: Wenn wir alle auf lange Sicht verschiedene Menschen für Mr. oder Ms. Right halten, gibt es am Ende mehr Chancen für alle, jemanden abzukriegen. Und weniger Verlierer, für die sich gar niemand interessiert.

    Um das noch genauer zu untersuchen, starteten die Wissenschaftler eine Studie mit Paaren. Sie wurde diesen Monat in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht. Die Forscher luden 167 Paare ein, einige waren seit kurzem zusammen, andere seit Jahrzehnten. Einige waren nach wenigen Wochen ein Paar geworden, andere hatten sich davor schon Jahre gekannt. Nun bewertete eine Jury die Attraktivität der einzelnen Menschen.

    Wenn aus Freunden Liebhaber werden, ist oft einer von beiden hässlicher. 


    Das Ergebnis bestätigte, was die Umfrage unter den Studenten nahegelegt hatte: Paare, die ihre Beziehung direkt nach dem Kennenlernen begonnen hatten, waren tendenziell gleich attraktiv. Hatten sie sich aber vorher schon lange gekannt oder waren gar Freunde, bevor sie zu Liebhabern wurden, war häufiger einer der beiden weniger attraktiv als der andere. In anderen Worten: Die Seth Rogens hatten auf lange Sicht gewonnen. Sie hatten jemanden außerhalb ihrer Liga bekommen.

    Und gleich noch eine gute Nachricht: Das Phänomen tritt immer häufiger auf. Eine Umfrage des Kinsey Institute unter amerikanischen Singles ergibt, dass 33 Prozent der befragten Männer und 43 Prozent der Frauen sich schon mal in jemanden verliebt haben, den sie anfangs nicht attraktiv fanden. Die Herausgeber der Umfrage nennen das Phänomen „Slow Love“ und sagen, es sei stark auf dem Vormarsch. Warum? Weil junge Menschen immer später heiraten. Und weil Zeit, wie wir gerade gelernt haben, der Freund der eher Unattraktiven ist. Was im Klassenzimmer der Studenten in Austin passiert ist, geschieht also gerade mit einer ganzen Generation: Die nicht so Attraktiven bekommen mehr Gelegenheit, als schöner wahrgenommen zu werden.

    Bleibt die Frage, was die eher Unattraktiven denn tun können, um plötzlich heiß zu werden. Diejenigen, die in der Umfrage sagten, schon mal „Slow Love“ erlebt zu haben, verrieten es: „Tolle Gespräche“, „gemeinsame Interessen“ und ein guter „Sinn für Humor“ hätten sie zum Umdenken gebracht.

    Fazit also: Hurra! Denn die Studie entschärft ja nebenbei auch ein weitverbreitetes Vorurteil unserer Zeit - die angebliche Veroberflächlisierung der Liebe durch Tinder. Das Links-Rechts-Wischen aufgrund des Aussehens mag zwar ein oberflächlicher Weg der Liebes-Anbahnung sein. Aber es ist eben auch nur: der Anfang. Wer sich erstmal mit jemand deutlich attraktiverem auf einen Kaffee trifft, kann noch locker zu dessen Partner werden. Er braucht nur Geduld (und, klar: guten Humor und spannende Interessen). Diejenigen, die schon auf den ersten Blick attraktiv sind, haben es da schwerer. Sie können eigentlich nur noch verlieren.

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  • 12/11/15--10:00: Wir haben verstanden: KW 50



    • Ein Ding der Unmöglichkeit: Adventskalendertürchen öffnen, wenn man abgekaute Fingernägel hat.

    • Leichtester Weg zu sehr schlechtem Schlaf: im Bett noch schnell eine Folge "Hannibal" schauen.

    • Wenn neue Bushaltestellen gebaut werden, ist der Kasten für die Werbung Wochen vor Sitzbänken, Fahrplanaushang und allem anderen fertig und befüllt.

    • Unwürdigste Behandlungsmethode für Schnupfen: Nasenduschen.

    • Neu auf der Liste nie umgesetzter Ideen: Ein Rate-Tumblr namens "Hipster oder Zeuge-Jehovas"?

    • Jemand sollte mal die beruhigende Wirkung von Buletten in Stresssituationen erforschen.

    • Ganz schön anstrengend, so ein Leben.

    • Word!

    • Diese Woche von einem sehr witzigen Menschen gelernt: Wenn man gegen Ameisen Backpulver streut, durch das sie aufblähen und platzen, könnte man doch gegen Gentrifizierer einfach Laktose streuen, durch die sie...

    • Eine kubanische Zigarre schmeckt am besten, wenn man mit viel Mojito nachspült.

    • Andere Menschen mag man vor allem ihrer Schwächen wegen.

    • Julian Assange sagt, der Kampf gegen die Überwachung ist eh verloren.

    • Ein Museum kann auch von Feindbildern leben.

    • An einen besseren Lifestyle gewöhnt man sich super schnell. Beim Downgrading dauert's länger.

    • Radtour bei 26 Grad + 98 Prozent Luftfeuchtigkeit - Wasser = einfach keine gute Idee.

    • Wenn im Alltag Dinge wie im Film passieren: irre strange.   

    • Du weißt, dass eine Diskussion grade echt Fahrt aufnimmt, wenn dein Diskussionspartner dabei den Stressball, den er morgens im Adventskalender hatte, in sehr schnellen Intervallen an die Wand wirft.

    • Wenn man bei Frühstücksbuffets direkt neben dem Toaster sitzt, hat man irgendwann sehr viele Krümel auf dem Schoß.

    • Nach der Arbeit endlich mal wieder ein Buch lesen heißt, endlich mal wieder auf dem Sofa einschlafen und um vier Uhr Morgens verstört aufwachen.

    • Nachts sehen ALLE Zimmerpflanzen wie Einbrecher aus.

    • Wer über einen Fleischerei-Großmarkt läuft, wird eventuell zum Vegetarier.

    • Immer wieder faszinierend: wie anders man mit Zopf und Lippenstift aussieht.

    • Schulterklopfen ist so was wie der generationübergreifende Gangster-Clap.


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  • 12/11/15--23:00: Es lebe der Eisbecher!
  • Eigentlich passt der Eisbecher überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Angesagt sind gerade Läden, die Sorten wie Jasminblütensorbet oder Tamarindenmascarpone produzieren, und zwar ausschließlich zum Mitnehmen. Oft gibt es in modernen Eisdielen nicht mal Tische. Denn heute wollen die Leute alles, was mit „to go“ und schnell und zackig zu tun hat. Und mit „gesund und bewusst“. Ein Mensch, der 2015 lebt, bestellt kein Banana Split mit Sahnehaube. Nein, ein „Popsicle“ muss es sein, ein Eis am Stiel, das sich aber unter dem hübschen, amerikanischen Namen gleich ein bisschen teurer verkaufen lässt und am besten nur aus Joghurt oder aus Leitungswasser mit Minzblatt besteht, damit es nicht dick macht.  



    Coppa Bombastico, Sarcletti, München

    Aber: Der klassische Eisbecher ist ganz und gar nicht tot. Man muss nur mal zwischen zehn Uhr morgens und zehn Uhr abends um eine ganz normale, alteingesessene Eisdiele herumscharwenzeln, von denen es ja zum Glück noch einige gibt. Da darf man live miterleben, wie nicht nur ganze Schulschwänzertrupps, Kindergeburtstagsgruppen, mittelalte Freundinnencliquen oder latent grimmig dreinschauende ältere Herren auf der Eisterrasse Platz nehmen und sich noch vor dem Mittagessen einen Eisbecher reinziehen, der üppiger, bunter und übertriebener nicht sein könnte. Spaghettieis, Raffaello-Becher oder einfach nur sechs – ja, genau, sechs! – selbst gewählte Kugeln, von unten ausgepolstert mit großzügigem Sahnefundament und obendrauf – ach, was soll’s! – einfach noch mal Sahne und Erdbeersoße. Und diese Skulptur des Übermuts futtern sie in einem Tempo und mit einer irren Selbstverständlichkeit weg, als gehöre das zu ihren Alltagserledigungen wie Klopapierkaufen und Geldüberweisen.  



    Spaghettieis Italia, Il gelato italiano, München

    >>> Warum sich der Eisbecher so hartnäckig hält

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    Warum sich der Eisbecher so herrlich hartnäckig hält, versteht man vielleicht nur, wenn man sich das Wesen der Eiscreme generell vor Augen führt: Eis ist die natürliche Droge des Sommers. Es kühlt in der Hitze, erfrischt in der Pause, tröstet und belohnt nach einer schweren Aufgabe – und wenn ausnahmsweise mal alles perfekt ist, setzt es einfach noch einen obendrauf. Eis macht jeden Menschen glücklich, vom kleinen Mädchen, das gerade ihr Seepferdchen gemacht hat und zur Belohnung heute so viele Kugeln bestellen darf, wie es will, über den mittags vom Rave nach Hause torkelnden Philosophiestudenten bis zum Krankenpfleger, der gerade zur Nachtschicht aufbricht. Sie alle schrumpfen mit einem Eis vor der Nase innerlich auf das ewige Kind in sich zusammen: Eis wirkt entwaffnend. 



    Banana Split, Il gelato italiano, München

    Denn Eisessen ist so etwas wie das kulinarische Nickerchen, die Flucht ins süße Nichts, in die absolute Selbstvergessenheit. Ein Eis ist die unnötigste Mahlzeit der Welt, und doch können sich alle darauf einigen. Wie schön, wie sommerlich, wie zeitlos ist es, zu sagen: Lass uns ein Eis essen gehen! Eis geht immer, denn Eis hat keine Tageszeit wie Kaffee und Kuchen, nein, für Eis ist immer Platz. Nicht umsonst haben Eisdielen ja auch bis kurz vor Mitternacht geöffnet und in Italien oft noch länger. Italien, natürlich auch das: Eis ist Sehnsucht nach dem Süden und dem Leben des Dolcefarniente. Eis ist die Illusion der ewigen Weltflucht, der geheime Beweis dafür, dass im Leben vor allem das Jetzt zählt: Einmal nicht hingeschaut, einmal zu lang nicht geleckt, und schon ist alles dahingeschmolzen. Es ist süß und unvernünftig und zu nichts anderem als dem sofortigen, maximal leidenschaftlichen Verzehr geeignet, denn sonst ist es schneller zerlaufen, als du hinsehen kannst.  



    Gardesana, Gelateria Azzuro, Gargnano (Italien)

    Diese Eigenschaften des Eisessens sind die Überlebensgarantien für den Eisbecher. Sie alle finden sich in ihm wieder – nur noch um ein Vielfaches potenziert: noch mehr Überfluss, Nonsens, Weltflucht, Kindseindürfen. Und alles noch dicker aufgetragen und unterstrichen von dieser fast schon absurden Optik. Eisbecher sind wie Jahrmarkt oder Feuerwerk: Von allem zu viel, aber Hauptsache es knallt. Allein die Namen der angebotenen Eisbecher durchzulesen ist eine Beschäftigung, die erheiternder nicht sein könnte: Coppa Bombastico, Fresco Fresco, Cup Casablanca, Viva Las Vegas, Vulcano! Man müsste Eisdielen im Grunde ganzheitlich in zeitgenössische Kunstgalerien importieren und den Betrieb weiterlaufen lassen wie eh und je. Ja wirklich, je länger man darüber nachdenkt, desto klarer wird es einem: Im Wesen des Eisbechers steckt die Weltformel.

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    "Ich habe früher ein paar Sachen völlig falsch verstanden."






    Links: Marius mit 20 als angehender Romanistik- und Informatikstudent. Rechts: Marius heute, nach seinem Studienfachwechsel.

    Das sagte Marius 2014:
    „Mein Weg in die Uni war nicht geradlinig. Ich wollte eigentlich Industriedesign studieren, bin aber nicht genommen worden. Dann sagte mir ein Freund, ich solle was Vernünftiges machen. Also wollte ich mich für Elektrotechnik einschreiben, da war aber die Anmeldefrist vorbei. Jetzt studiere ich Romanistik, aber nur, damit ich Informatik im Nebenfach haben kann. Da wäre ich sonst nicht reingekommen. Die Romanistik-Vorlesungen besuche ich eher sporadisch.
    Informatik ist bisher ganz okay, allerdings auch sehr trocken. Es ist langweiliger als ich dachte und doch sehr speziell. Außerdem sind die anderen Studenten totale Nerds und nicht sehr kommunikativ. Ich wollte eigentlich auch neue Leute kennenlernen und dachte, alle seien offen und interessiert, aber irgendwie ist eher das Gegenteil der Fall und ich ecke mit meiner offenen Art ziemlich oft an.
    Neben der Uni habe ich angefangen in einem Restaurant an der Bar zu arbeiten, außerdem verkaufe ich Turnschuhe. Und gerade habe ich einen Personal-Shopping-Dienst gegründet, weil ich mir unbedingt was Eigenes aufbauen will. Bisher läuft es noch nicht so richtig. Außerdem will ich aufhören zu rauchen und weniger trinken. Und Arabisch lernen. Bei meinen Eltern will ich auch ausziehen, aber dieser Plan hängt ein bisschen vom Erfolg meiner diversen Jobs ab, denn sonst kann ich mir das nicht leisten.“

    Das sagt Marius heute:
    „Ich habe früher ein paar Sachen völlig falsch verstanden. Zum Beispiel dachte ich, dass Geld glücklich macht. Deshalb wollte ich auch so gerne Elektrotechnik studieren, weil das eine sichere Sache ist, um später ganz gut zu verdienen. Heute weiß ich: Darum geht es gar nicht im Leben. Ausschlaggebend dabei war Silvester, da habe ich von einem auf den anderen Tag aufgehört zu rauchen. Und meine Teilnahme an der „A year of books“ Challenge von Mark Zuckerberg, bei der er jede Woche ein neues Buch liest.
    Angefangen habe ich mit „The End of Power“ von Moises Naim. Da habe ich mich vier Wochen lang sechs Stunden jeden Tag durchgequält. Irgendwann machte es mir Spaß. Inzwischen bin ich über 40 Bücher hinaus. Parallel habe ich angefangen, viel Sport zu machen und mich mit Yoga und Meditation befasst. Irgendwann wusste ich: Mit meinem Studium geht es so nicht weiter. Durch Zufall stieß ich auf den neuen Studiengang „Gesundheitswissenschaften“. Als ich die Beschreibung las, wurde mir mit jedem Satz klarer: Das ist genau das, was ich machen möchte! Seit ich diese Entscheidung getroffen habe, gibt es keinen Tag mehr, auf den ich mich nicht freue. Ich arbeite nicht mehr im Sneaker-Laden, mit dem Personal-Shopping habe ich auch aufgehört. Jetzt möchte ich andere Menschen coachen und zu ihrem persönlichen Glück führen.“
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    „Skeptiker nehmen mich jetzt ernst“




     Links: Viccy war 19, als sie ihr Studium in Kunstgeschichte, Kunst, Musik, Theater anfing. Rechts: Viccy heute. Sie hofft auf einen Regiestudienplatz.

    Das sagte Viccy 2014:

    „Ich liebe das Theater! Nachdem ich einige Praktika gemacht habe, wollte ich deshalb Regie studieren. Das liegt mir mehr als die Schauspielerei, auch weil ich gerne mitbestimmen möchte. Allerdings bin ich für die meisten Schauspielschulen noch zu jung und habe mich deswegen jetzt für meine zweite Wahl entschieden. Ich hoffe so, noch andere Künste neben dem Theater besser kennenzulernen. Außerdem wollte ich mehr Struktur in mein Leben bringen, um mein Ziel besser verfolgen zu können. Nachdem ich nach der Schule ein Jahr frei gearbeitet habe, brauchte ich wieder einen geregelten Alltag. Auch, weil ich noch bei meinen Eltern wohne. Ich bin aber ganz stolz, dass ich noch kein einziges Mal in der Uni gefehlt habe! Ich schaffe auch plötzlich viel mehr. Allerdings ist das Studium zeitaufwendiger als ich dachte. Was man allein alles lesen muss! Ich dachte, das kann man locker alles nebenher machen.
    Im Laufe des Jahres werde ich mich weiter für Regie bewerben, hoffentlich komme ich dann aber nicht in eine ganze andere Stadt als mein Freund. Der wohnt im Moment auch in München, will aber Schauspiel studieren und bewirbt sich bei Schulen in ganz Deutschland. Außerdem hoffe ich, dass ich irgendwas finden werde, was mich wirklich erfüllt. Im Moment habe ich nämlich den Eindruck, dass ich nur so von Termin zu Termin arbeite.“

    Das sagt Viccy heute:
    „Das Studium ist schon relativ interessant, ich bin aber höchstens mit 60 Prozent dabei. Eigentlich gehe ich nur zu den Veranstaltungen, die mich wirklich interessieren. Trotzdem bin ich sehr gut. Mein Nebenfach „Kunst, Musik, Theater“ kommt mir dagegen mehr wie ein Hobby vor, als wie ein richtiges Studium. Man kann so etwas wie Theater eben nicht auf einer wissenschaftlichen Ebene diskutieren. Da geht es nur um den Moment und darum, was persönlich ankommt, es gibt kein richtig oder falsch.
    Zum Glück arbeite ich neben dem Studium am Theater und durfte bei der Baal-Inszenierung dabei sein. Ich habe den ganzen Probenprozess miterlebt, was unglaublich toll für mich war. Momentan mache ich auch noch die Regieassistenz bei einem Musical für Kinder. Außerdem habe ich mich bei einer Schauspielschule für ein Regiestudium beworben. Leider wurde ich wegen meines Alters nicht genommen, ich habe aber ein sehr gutes Feedback bekommen. Jetzt werde ich weitere Bewerbungen an alle interessanten Schulen schicken. Durch das Studium habe ich eine gute Rechtfertigung anderen Leuten gegenüber, warum ich das tue, was ich tue. Selbst große Skeptiker nehmen meinen Traum, Regie zu studieren, nun ernst, weil ich jetzt schon länger daran arbeite. Das stimmt mich sehr zuversichtlich, dass es auch klappen wird.“
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    "Ich habe einfach gemerkt: Das ist nicht meins!"





    Links: Jonas mit 18 als angehender Jurastudent. Heute (rechtes Bild) studiert er Romanistik und Philosophie.

    Das sagte Jonas 2014:
    "Ich wollte schon Psychologie, Philosophie, Soziologie, Politik oder irgendwas auf Lehramt studieren, habe mich jetzt aber für Jura entschieden, weil das für mich die ideale Schnittmenge darstellt. Jura umgibt uns schließlich immer und Fächer wie Staatslehre oder Rechtsphilosophie sind da eine ideale Ergänzung.
    Bisher ist das Studium auch sehr interessant. Natürlich ist es ziemlich viel und auch viel anspruchsvoller als alles früher in der Schule, aber das habe ich auch nicht anders erwartet. Ich will das jetzt auf jeden Fall durchziehen, mich anstrengen und dann schauen wo ich stehe und wie es mir damit geht.
    Ich hoffe, dass ich im nächsten Sommer genug Geld haben werde, um eine größere Reise zu machen.
    Ich möchte nämlich bald nach Kuba reisen. Als Nebenjob arbeite ich schon lange im Supermarkt, aber ich habe gehört, dass man nach dem ersten Semester auch in Kanzleien jobben kann. Vielleicht läuft es da finanziell ein bisschen besser.
    Außerdem ziehe ich jetzt mit Freunden zusammen in eine WG und bin schon gespannt, wie das wird. Aber eigentlich plane ich mein Leben gar nicht gerne so weit im Voraus…"

    Das sagt Jonas heute:
    "Das Jurastudium war im letzten Jahr schon ganz spannend, wenn auch nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Zumindest war es nicht interessant genug, um es sieben Jahre lang zu studieren. Ich habe kaum Leute kennengelernt, weil der Studiengang so riesig ist. Wenn da 300 Leute in einer Vorlesung sitzen, kommst du ja kaum mit dem einzelnen ins Gespräch. Trotzdem ist Jura nicht so trocken und langweilig wie viele immer sagen. Ich hab nur einfach gemerkt: Das ist nicht meins.
    Nach dem ersten Semester wollte ich dem Studium trotzdem noch eine Chance geben und habe das zweite Semester auch noch begonnen. Bald habe ich dann nur noch die Vorlesungen besucht, die mich wirklich interessierten und irgendwann bin ich kaum mehr in die Uni gegangen. Dafür habe ich als Werkstudent in einem großen Unternehmen angefangen. Ich bin auch zuhause ausgezogen und wohne seit Anfang des Jahres mit einem Freund zusammen. Das funktioniert super und tut mir sehr gut. Außerdem habe ich im Sommer einige Reisen unternommen.
    Mittlerweile habe ich mich für Romanistik und Philosophie eingeschrieben. Ich glaube, dass das genau das Richtige für mich ist. Ich spreche eh schon Spanisch und kann so meine Kenntnisse in der Sprache verbessern. Außerdem reise ich gern und ich habe gehört, dass man in diesem Fach ziemlich leicht ein Auslandssemester machen kann - oder sogar zwei. Philosophie interessierte mich auch schon immer. Das ist ja auch mit Sprache eng verbunden und es ist total faszinierend, welche Gedankengänge da möglich sind. Beide Studiengänge sind sehr frei und haben wenig Vorgaben, bedürfen aber umso mehr Eigeninitiative. Das ist völlig anders als Jura und das möchte ich mir jetzt einfach mal gönnen."
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    "Ich hätte gerne mehr Zeit für mich"




    Alicia hat mit 19 ein Doppelstudium begonnen. 2015 (rechts) war ihr das zuviel geworden.

    Das sagte Alicia 2014:
    „Seit ich klein bin weiß ich, dass ich etwas mit Musik machen will. Mein Klavierstudium und mein zweites Fach „Elementare Musikpädagogik“ mit Hauptfach Gesang machwn mir bisher auch großen Spaßund ich freue mich jeden Tag auf die Uni. Natürlich ist der Stundenplan bei zwei Studiengängen sehr voll und ich hätte gerne mehr Zeit für mich und um Klavier zu üben. Das kommt gerade noch ein bisschen zu kurz, aber ich hoffe, das pendelt sich noch ein.
    Ansonsten sind meine Kurse sehr klein, das ist super. Insgesamt erhoffe ich mir von meinem Studium meine künstlerische Persönlichkeit zu entdecken und vollkommen zu entfalten. Bereits jetzt singe ich oft bei verschiedenen Chören und Projekten mit. Das beschert mir ein schönes Taschengeld, aber vor allem macht es mir Spaß und ist eine gute Ergänzung zu meinem Studium, da ich so schon viele praktische Erfahrungen sammeln kann.
    Ich würde gerne zu Hause ausziehen, da ich aber kurze Wege zur Uni habe und bei meinen Eltern ein toller Flügel zum Üben steht, wird das wohl nicht so bald passieren. Später möchte ich unbedingt in einer anderen Stadt studieren, das gehört für mich zum Studentendasein einfach dazu.“

    Das sagt Alicia heute:
    „Zwei Fächer gleichzeitig zu studieren, war stressiger als ich dachte. Ich hatte das Gefühl, beides nur halb zu machen, weil ich einfach zu wenig Zeit hatte, mich auf beide gleich gut vorzubereiten. Deshalb habe ich mich für das Klavierstudium entschieden. Es war mir von Anfang an eigentlich wichtiger als Elementare Musikpädagogik.
    Ansonsten hat das Klavierstudium meine Erwartungen erfüllt. Mir war zwar klar, dass es zeitintensiv wird, aber das ganze Ausmaß habe ich erst jetzt begriffen. Es ist nicht einfach, vier Stunden Üben in den Tag zu bekommen. Ich singe immer noch in mehreren Chören und bin sogar jetzt mit einem Vokalensemble bei einer Produktion in den Kammerspielen dabei, darauf freue ich mich sehr.
    Und ich werde bald ausziehen. Meine WG-Partnerin ist eine Kommilitonin und Freundin von mir und bringt ein Klavier mit in unsere Wohnung, somit muss ich nicht immer zu meinen Eltern oder in die Hochschule fahren zum Üben. Ich bin sicher, das wird super.
    Ich will unbedingt noch Gesang studieren. Wenn es schon nächstes Jahr klappt, wäre es toll. Wenn nicht, dann mache ich es ganz in Ruhe nach meinem Klavierstudium.“
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    "Ich habe erst mal den sicheren Weg gewählt"




    Thomas hat 2014 sein Medizinstudium begonnen. Eigentlich möchte er aber im Showbusiness arbeiten. 2015 (rechts) ist er trotzdem noch dabei.

    Das sagte Thomas 2014: „Eigentlich wollte ich Musik oder Schauspiel studieren, damit ich später in der Entertainmentbranche Fuß fassen kann. Gleichzeitig habe ich zu Hause durch meinen Vater viel vom Arztberuf mitgekriegt und es hat mich immer fasziniert, dass er mit seiner Arbeit Menschen helfen kann.
    Jetzt habe ich erst mal sicheren Weg gewählt. Bisher ist das Studium auch sehr interessant, aber es ist auch extrem viel Stoff. Ich brauche allerdings auch immer ein bisschen Stress, um mich wohl zu fühlen. Deshalb spiele ich neben dem Studium noch klassisches Klavier und gehe zweimal die Woche zum Ballet-Training, was für mich sehr selten ist. Ich hoffe, dass ich mich meinen privaten Interessen bald wieder mehr widmen kann, auch wenn mir das momentan utopisch vorkommt. Kurz nach dem Abitur bin ich außerdem mit meiner Freundin zusammengekommen.
    Innerhalb des nächsten Jahres will ich endlich meinen Führerschein machen, außerdem habe ich mir fest vorgenommen, nicht mehr vor jeder Klausur immer erst in letzter Minute mit dem Lernen anzufangen. Und ich will unbedingt in der Showbranche jobben um meinen zweiten Traum nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Und natürlich möchte ich bei meinen Eltern ausziehen, wenn sich irgendwas ergibt. Wenn nicht, genieße ich auch gerne weiterhin die Vorzüge zu Hause.“

    Das sagt Thomas heute:
    „Mir ist es vergangenes Jahr sehr gut ergangen. Das Studium war sehr anstrengend. Das habe ich mir zwar schon vorher gedacht, die inhaltlichen Ansprüche waren aber noch höher als erwartet. Die Dinge, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann, interessieren mich am meisten. Fasziniert hat mich auch die Vorlesung von Dr. Eckart von Hirschhausen bei uns. Er vereint Medizin und Unterhaltung. Das ist etwas, das ich mir auch gut für mich vorstellen könnte: Menschen bilden und über die Medizin aufklären.
    Auch neben der Uni läuft es gut bei mir. Ich spiele jetzt zum ersten Mal als Schauspieler in einem kleinen Werbefilm mit. Das Ballett hat hingegen etwas unter der Uni gelitten. Erst musste ich wegen einer Verletzung mit dem Training aussetzen und danach hat einfach die Zeit nicht mehr gereicht, um wieder direkt anzuknüpfen. Dafür gibt mir das Klavierspielen einen guten Ausgleich zum Lernen. Ich merke sogar, dass ich umso disziplinierter Klavier übe, wenn die Uni besonders stressig ist. Bisher bin ich noch bei keiner Prüfung durchgefallen und schneide überall gut ab.
    Ich wohne immer noch mit meinen Brüdern in einer Art WG in unserem Elternhaus. Die Zeit mit ihnen weiß ich aber inzwischen mehr zu schätzen. Mit meiner Freundin bin ich auch noch zusammen. Und sogar meinen Führerschein habe ich gemacht: Ich habe jetzt ein eigenes Auto!“
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    "Ich hätte nicht gedacht, dass alle das Studium so ernst nehmen."





    Links: Marie mit 19 als Geographie- und Politikwissenschaft-Erstsemestlerin. Rechts ein Jahr später.


    Das sagte Marie 2014:
    "Ich habe mich für Geographie entschieden, nachdem ich jemanden kennengelernt habe, der das studiert hat. Das Studium ist so breit gefächert. Es kombiniert Naturwissenschaft mit gesellschaftlichen Themen, was mir beides sehr liegt. Außerdem denken Geographen  nachhaltig und umweltbewusst, was mir auch sehr sympathisch ist. Ich möchte nämlich später unbedingt etwas machen, das irgendwie „gut“ ist.
    Bisher gefällt mir das Studium eigentlich auch super. Leider habe ich den Arbeitsaufwand ein bisschen unterschätzt. Ich wollte noch viel mehr nebenbei tun, beim Studentenradio mitmachen, mehr arbeiten, aber dafür fehlt mir völlig die Zeit. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass alle das Studium so ernst nehmen. So wird es mit zweimal die Woche Kellnern, meinem Hund und anderen Aktivitäten manchmal echt ein bisschen eng. Dabei habe ich noch nicht mal einen Freund. Zum Glück sind die Geographen aber alle sehr nett.
    Im nächsten Jahr möchte ich unbedingt zuhause ausziehen. Außerdem will ich Portugiesisch lernen und - am allerwichtigsten - mit mir zufrieden sein. Das könnte schwer werden, weil ich zwar ehrgeizig, aber auch schrecklich undiszipliniert bin."

    Das sagt Marie heute:
    "Ich hatte ein sehr gutes Jahr! Das Studium macht mir großen Spaß. Als ich neulich in Berlin war, fand zufällig gerade ein Geographiekongress statt. Da habe ich mir ein paar Vorträge angehört und mir die ganze Zeit nur gedacht: Das ist wirklich genau das Richtige für mich! Ich mag, wie vielfältig das Studium ist und interessiere mich für Dinge, von denen ich vor einem Jahr gar nicht wusste, dass es sie gibt. Die Umweltfernerkundung zum Beispiel ist eins meiner Lieblingsfächer geworden. Da kann man anhand von Satellitenbildern erkennen, was sich auf der Erdoberfläche abspielt. Das ist total faszinierend. 
    Nach einem Semester habe ich auch gemerkt, dass das Studium gar nicht so anstrengend ist, wie ich zu Beginn dachte. Geografie ist wirklich kein harter Studiengang, es gibt nicht sehr viele Fächer und eigentlich kriege ich alles gut hin. Ich habe deshalb auch viel neben dem Studium gemacht: Im zweiten Semester habe ich einen Spanischkurs in der Uni belegt und habe Fußball beim Hochschulsport gespielt - dafür konnte ich mich dann aber ziemlich bald nicht mehr richtig begeistern. Außerdem bin ich endlich zuhause ausgezogen. Jetzt wohne ich mit einem Freund zusammen, den ich im Studium kennengelernt habe. Das läuft richtig gut. Und ich habe endlich aufgehört zu kellnern. Das hat mir im Sommer endgültig gereicht. Jetzt suche ich einen neuen Job - am liebsten in meinem Bereich an der Uni."


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    "Ich würde ich gerne von zuhause ausziehen und mir einen Bart wachsen lassen."





    Links: Philipp 2014 mit 19. Da hatte er gerade sein Politik- und Philosophiestudium begonnen. Rechts im Oktober 2015.

    Das sagte Philipp 2014:
    "Zuerst wollte ich Jura studieren, jetzt habe ich mich aber doch für ein Doppelstudium in Politik und Philosophie entschieden. Das fühlt sich bisher als die richtige Wahl an und ist auch um einiges entspannter als ich dachte, wenn auch inhaltlich noch sehr allgemein gehalten. Aber ich studiere ja auch erst seit zwei Wochen.
    Im Laufe des nächsten Jahres würde ich gerne von zuhause ausziehen und mir, wenn es funktioniert, einen Bart wachsen lassen. Außerdem will ich etwas Eigenes, vielleicht gemeinnütziges, gründen und oder mich in einer der vielen studentischen Initiativen engagieren. Aktuell starte ich zusammen mit drei anderen Studenten einen Workshop für Bambusfahrräder und bin gespannt, wie es damit weitergeht. Ich will auch wieder mehr Musik machen. Und reisen."

    Das sagt Philipp heute:

    "Das Studium ist cool! Besonders bei Politik habe ich viele nette Leute kennengelernt, mit denen ich auch außerhalb der Uni viel mache. So habe ich im vergangenen Jahr zum Beispiel in Brüssel bei einer Simulation der G20 teilgenommen und war zusammen mit einer italienischen Freundin aus der Uni in Mailand auf der Expo. Aber auch neben der Uni läuft es ganz gut bei mir. Ich entwickle gerade eine App zum „Table-Sharing“. Das funktioniert so ähnlich wie eine Mitfahrgelegenheit, nur, dass sich mehrere Leute, die sonst alleine wären, zum gemeinsamen Kochen und Essen treffen. 
    In einem zweiten Projekt arbeite ich an einem neuen System um die Umfragen, die Studenten immer für ihre Bachelor- und Masterarbeiten machen müssen, besser zu gestalten. Bei den Bambusfahrrädern arbeite ich dafür nicht mehr mit. Ich bin mit den anderen im Team einfach nicht klargekommen und deshalb dort ausgestiegen. Das ist schade, aber auch eine sehr interessante Erfahrung, dass eine eigentlich erfolgreiche Idee eben auch an sowas scheitern kann.
    Ich ziehe übrigens auch gerade endlich zuhause aus. In eine WG gleich um die Ecke von der Uni, zusammen mit einem Freund, den ich auch im Studium kennengelernt habe."

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  • 12/14/15--02:28: Ob nah oder fern
  • Da sind diese Menschen, mit denen wir verwandt sind. Und irgendwie ist klar, dass wir zu ihnen gehören und sie zu uns, egal, was passiert. Aber verpflichtet uns das dazu, uns regelmäßig bei ihnen zu melden? Oder müssen wir das eben gerade nicht tun, weil Verwandtschaft ja auch nicht vergeht, wenn man sie nicht pflegt? Und was, wenn uns die Familie mehr schadet als nutzt? Sind wir ihr dann trotzdem etwas schuldig?  Fakt ist: Jede Familie ist anders. Und findet ihr eigenes Nähe-Distanz-System. Sechs Autorinnen erzählen, wie das bei ihnen läuft.




    Abstand


    Es gibt diese Wochenenden an denen meine WG leer ist, weil alle Mitbewohner „heimgefahren“ sind. Für sie bedeutet „heimfahren“, an den Ort zurückzukehren, an dem sie aufgewachsen sind. Bei mir ist das anders. Meine Mutter ist nach meinem Abi umgezogen, mein Vater lebt seit der Scheidung mit zwei neuen Kindern in einem anderen Bundesland. Natürlich fahre ich hin und wieder zu ihnen. Aber ich nenne das etwas kühl „besuchen“, nicht „heimfahren“. Wir gehen dann meistens essen. Richtige Familienrituale gibt es nicht, auch keine Verpflichtungen, dafür ist meine Familie zu zerstritten. Bei uns macht jeder sein Ding. Das ist für alle irgendwie okay. Wir halten Abstand, um uns zu schützen, denn wenn wir streiten, tun wir uns oft sehr weh.  



    An den Wochenenden, an denen alle zu ihren Eltern fahren, sitze ich alleine in meiner Wohnung, stelle mir vor, wie sie mit ihren Familien wandern gehen – und werde neidisch. Das harmonische Zuhause aus ihrer Kindheit existiert noch. Sie sitzen vereint an großen Tischen und spielen Trivial Pursuit oder gehen angeln. Sie tanken sich voll mit Nähe und Geborgenheit, bis sie es nicht mehr aushalten, und kehren dann zufrieden in ihr eigenes Leben zurück.  





    Aber meine Trauer über den fehlenden Familienzusammenhalt zeigt mir auch, wie wichtig stabile Beziehungen sind und wie wichtig es ist, dass man sie pflegt. Ich baue mir jetzt mein eigenes Zuhause in Wien auf. Mein Bruder und meine Oma leben auch hier. Ich möchte die Beziehung zu ihnen immer gut warm halten.

    Simone Grössing

    Prioritäten


    Meine Eltern sind beide verstorben, dafür habe ich noch alle vier Großeltern. Durch den Tod meiner Eltern haben sich die Beziehungen zu meinen Großmüttern intensiviert. Allerdings in völlig unterschiedliche Richtungen. Die eine Oma ist mein Ein und Alles, die andere geht mir auf die Nerven.   Aber von vorne. Als ich klein war, schickten mich meine berufstätigen Eltern jede Ferien die eine Hälfte der Zeit zur einen, die andere Hälfte zu anderen Oma. Die Mutter meiner Mutter war die vermeintlich liebere Oma. Bei ihr durfte ich so viel Eis essen, wie ich wollte, und so lange fernsehen, bis mir die Augen zufielen.  

    Bei der Mutter meines Vaters gab es strikte Regeln. Die wurden auch für mich als einzige Enkelin nicht umgeworfen. Nicht überraschend also, dass ich lieber zur Mama-Oma fuhr. Als Teenager drehte sich das: Denn ich erkannte plötzlich, dass mir meine Mama-Oma nur deshalb alles erlaubte, weil sie mir in Diskussionen unterlegen war. Ihre Weltanschauung stellte mir die Fußnägel auf, ihr Horizont endete nämlich am Gartentürchen. Und da war sie auch noch stolz drauf.
Die andere Oma bot mir immer fair die Stirn. Sie verlor nie den Anschluss. Weder an mein Leben noch an das um sie herum. Heute ist sie mit 80 meine fleißigste Kommentatorin auf Facebook. Sie nimmt an meinem Leben teil, wir telefonieren fast jede Woche, mindestens jede zweite.   Beide Omas wohnen ungefähr 400 Kilometer von mir entfernt. Die Papa-Oma besuche ich mehrmals im Jahr. Aber nur ein- oder zweimal fahre ich dann noch ins Nachbardorf, um die Mama-Oma zu besuchen. Dort halte ich es nie länger als eine Stunde aus. Meine Augen hängen jedes Mal am Minutenzeiger der Küchenuhr, der sich nicht bewegen mag.  

    Als meine Mutter starb, hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen. Immerhin ist diese Frau die einzige Brücke zu ihr. Heute denke ich mir: Ich habe sie mir nicht ausgesucht. Ich muss sie nicht mögen, ihre Werte nicht teilen, nur weil wir verwandt sind. Das bringt meine Mutter nicht zurück. Darum teile ich meine Zeit nicht salomonisch, ich setze mich einfach gleich bei meiner Papa-Oma auf die Terrasse, esse Kuchen und freue mich, dass sie immer noch da ist. Und viele schlaue Dinge sagt.

    Michèle Loetzner

    Große Fische


    Hätte mein Vater kein Online-Zeitungsabo abgeschlossen und daraufhin ein Ritual für uns erschaffen, müssten wir uns immer noch mit verkrampften Pflichtanrufen quälen. Man muss wissen: Mein Papa ist kein Telefonmensch. Unsere Kommunikation war deshalb lange entweder gezwungen oder lief über die Vermittlungsinstanz Mama. Aber eines Tages schickte mir Papa eine E-Mail mit dem Betreff: „Zwei-Meter-Waller aus Garchinger See gefischt“. Von da an wurde alles anders.

    In der E-Mail befanden sich ein Zeitungsartikel aus seinem neuen Abo und die Notiz: „Da sind wir schon geschwommen, Eli.“ Ich musste lachen. Dann antwortete ich mit einem Kommentar zu dem übergroßen Fisch und dem Link zu einer Reportage über Papas Arbeitgeber. Seitdem mailen wir uns alles aus dem Internet, was wir irgendwie wichtig finden oder was den anderen interessieren könnte. Immer schreibe ich in den Betreff: „Lies mal, Papa!“ Und immer beendet er seine Mail mit: „Hab dich lieb, Papa“. An die Artikel knüpfen wir Gespräche über Gott, die Welt und alles aus unseren Leben an – manchmal sogar am Telefon.

    Verkrampft ist dabei keiner von uns, denn: Mit dem Ritual hat Papa uns von allen Ich-muss-mal-wieder-anrufen-Zwängen befreit. Wir melden uns nicht beieinander, weil wir es als unsere Pflicht empfinden – sondern weil uns etwas an den anderen denken lässt. Das ist immer sehr schön – selbst wenn es sich bei dem Etwas um einen angsteinflößend großen Fisch handelt.

    Daniela Gassmann


    >>>> Briefe vom großen Bruder, Salztomaten in der Post und sonntäglicher Kaffeeklatsch
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    Output


    Mein Bruder und ich sind beide als Einzelkinder aufgewachsen: Uns trennt ein so großer Altersunterschied, dass ich schon als Dreijährige die Alleinunterhalterin auf seinem 18. Geburtstag spielen konnte. Als ich in die Schule kam und er ausgezogen war, schrieben wir uns Briefe. Er gestaltete das Briefpapier passend zu dem, was ich gerade cool fand: Tabaluga, Biene Maja, Löwenzahn. Ich kann mit Stolz behaupten, dass wir uns noch nie gestritten haben (ich hörte, das sei üblich unter Geschwistern). Doch je älter wir werden, desto mehr merke ich, dass wir uns eigentlich gar nicht kennen. Wir haben uns noch nie gemeinsam betrunken oder uns Probleme anvertraut. Wenn wir uns sehen, sind meist unsere Eltern, seine Frau oder seine Kinder mit dabei. Wegen der 15 Jahre zwischen uns stecken wir immer in verschiedenen Lebensphasen. Trotzdem – oder gerade deswegen – haben wir etwas gefunden, das uns am Leben des anderen teilhaben lässt: Er macht Musik, ich schreibe, und ganz selbstverständlich kriege ich neue Tracks zu hören, liest er meine Texte. Kommentieren ist oft gar nicht nötig. Wir kennen uns durch unseren Output und durch Empfehlungen. Er prägte meinen Musik- (Tocotronic!) und Filmgeschmack (Absolute Giganten!). Vielleicht müssen wir deswegen nicht mehr voneinander wissen: Uns genügt diese Ebene, die ja durchaus eine emotionale ist; und es ist sowieso klar, dass wir uns gegenseitig schätzen. Nicht aus blutsverwandtem Pflichtgefühl, sondern weil wir Interesse zeigen. Wie schon damals beim Briefpapier.

    Svenja Gräfen 

    Salztomaten


    Die Liebe meiner russischen Eltern ist selbstlos, bedingungslos und absolut planlos. Sie würden mir immer helfen, wenn ich in der Klemme stecke, antworten aber manchmal drei Wochen lang nicht auf meine SMS und rufen dann plötzlich an, um stundenlang zu quatschen. Ein paar Mal haben sie auch schon meinen Geburtstag vergessen. „Liebe braucht keinen Stundenplan“, sagt meine Mama in solchen Fällen. „Man muss doch keine Termine mit seiner Familie ausmachen wie bei der Zahnvorsorge.“ Manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Einerseits möchte ich keine Familie, die ohne ein Skelett aus Sonntagsanrufen und Feiertagsbesuchen zusammenbrechen würde. Andererseits beneide ich das elaborierte dreitägige Weihnachtsprogramm meiner deutschen Freunde. Bei uns ist Weihnachten ein Mischmasch aus Limbotanzen (hat mein Stiefvater bei einer Deutschen Betriebsfeier abgeguckt), ABBA und Dosenwürstchen. Danach fällt uns nichts Weihnachtliches mehr ein und den Rest der Feiertage gucken wir Actionfilme und essen Reste.  

    Aber dieses Chaos ist wohl das, was uns zusammenhält. Es sind die Einweckgläser mit russischen Salztomaten, die sie mir in die USA schickten. Und die Tatsache, dass ich immer, selbst zum unpassendsten Zeitpunkt, ans Telefon gehe, wenn die Nummer meiner Eltern auf dem Display erscheint. Ich weiß, dass sie sofort zu mir gereist kommen, wenn ich sie brauche. An meinem Geburtstag rufe ich sie allerdings vorsichtshalber selbst an.

    Wlada Kolosowa

    Kaffeeklatsch


    Mama und ich wohnen beide in München, trotzdem telefonieren wir jeden Tag. Absolute Ausnahme: Einer von uns ist übers Wochenende weg oder im Urlaub. Ganz selten, wenn viel los ist, schaffen wir es nicht – dann wird zumindest kurz geschrieben: „Wie geht’s dir? Alles klar? Bist du gut angekommen?“ Viele meiner Freunde finden das seltsam. Es ist wahrscheinlich auch nicht „normal“, mit 25 so viel Kontakt zu seiner Mutter zu haben. Aber wir beide finden es gut, wie es ist – und das ist ja alles, was zählt.

    Früher haben wir uns zudem mindestens einmal in der Woche gesehen. Das bekommen wir jetzt, seitdem ich eine Fernbeziehung nach Hamburg habe, nicht mehr ganz so regelmäßig hin. Wenn ich am Wochenende hierbleibe, ist aber klar, dass wir uns treffen. Meistens sonntags und meistens bei ihr zu Hause. Wir trinken Kaffee und wenn ich danach nicht noch verabredet bin, bleibe ich zum Abendessen. Meine Schwester war bis vor kurzem auch immer dabei. Jetzt wohnt sie ein paar Stunden von München weg. Mit ihr habe ich seitdem leider etwas weniger Kontakt, wir schreiben uns alle ein bis zwei Wochen.

    Dass meine Mama und ich eine Art „Spezialverhältnis“ haben, stört niemanden in der Familie. Mein Papa ist da recht unkompliziert, wir sehen uns, wenn es passt, und wenn es mal über ein oder zwei Monate nicht klappt, ist es auch nicht wild. Meine Schwester ist frisch ausgezogen und glaube ich ganz froh, dass sie erst mal nicht mehr täglich von Mama hört.

    Anja Schauberger

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  • 12/14/15--10:30: Ein großes Kind
  • Würde meine Mutter diesen Text lesen, würde sie wahrscheinlich weinen. Vielleicht würde sie mich anschreien und mir vorwerfen, dass ich lüge. Oder beides tun: schreien und weinen. Wir würden vielleicht wochenlang nicht miteinander sprechen. Vielleicht wäre sie aber auch gar nicht böse auf mich, sondern würde sich sogar bei mir entschuldigen. Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht wie sie auf diesen Text reagieren würde, denn ich weiß eigentlich nie, wie meine Mutter reagieren wird.





    Meine Mutter ist anders als die meisten Mütter. Meine Schulfreunde sagten immer wieder, sie sei lustig oder cool. Ich konnte das nie verstehen. Ich stand oft verloren an Bushaltestellen, weil sie vergessen hatte, mich abzuholen, und wenn wir zusammen unterwegs waren, schämte ich mich für sie. Ich wünschte mir eine „normale“ Mutter. Die Mamas der anderen waren doch auch nett und vernünftig. Sie packten ihren Kindern ein Pausenbrot ein, streichelten ihnen liebevoll den Kopf und verbrachten Zeit mit ihnen. Bei mir war das nie so. Und ich wusste nicht, warum. Bis meine Mutter mir vor drei Jahren beiläufig von ihrer ADHS-Diagnose erzählte.

    Wenn man ADHS hört, denkt man sofort an zappelige Kinder. Laut Bundesgesundheitsministerium leiden in Deutschland etwa zwei bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen an der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Der Selbsthilfe-Verein ADHS Deutschland e.V. zitiert auf seiner Webseite eine Studie, nach der die Störung bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen auch im Erwachsenenalter weiter besteht. Über ADHS bei Erwachsenen wird aber kaum gesprochen. Vielleicht , weil wenig darüber bekannt ist. Vielleicht auch, weil die Krankheit umstritten ist. Kritiker sagen, es handle sich um eine Modekrankheit, die zu oft und zu schnell diagnostiziert werde. Manche Ärzte zweifeln sogar daran, ob es ADHS überhaupt gibt. Symptome wie etwa Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität treffen schließlich auch auf andere psychische Erkrankungen zu. Manchmal werden auch Hochbegabte für ADHSler gehalten. Ob es ADHS wirklich gibt oder nicht und ob es bei meiner Mutter richtig diagnostiziert wurde, kann ich nicht beurteilen. Die Symptome decken sich jedenfalls mit ihren.

    Meine Mutter sagt Dinge, die manche vielleicht denken – aber niemals aussprechen würden


    Meine Mutter ist ein lauter Mensch, der Blicke auf sich zieht. Sie ist voller Energie und immer in Bewegung. Sie sagt Dinge, die sich manche vielleicht denken, aber niemals aussprechen würden, sie redet viel und oft unzusammenhängend. Emotionen sprudeln ungefiltert aus ihr raus. Sie streitet wegen Kleinigkeiten mit Fremden oder flirtet ungehemmt mit Kellnern. Mit dem Zuhören hat sie Probleme. „Du hörst mir gar nicht zu“, das habe ich schon unzählige Male zu ihr gesagt. Wenn ich ihr etwas erzähle, unterbricht sie mich oder packt ihr Handy aus und schreibt Nachrichten oder macht Fotos. Sie ist auch ziemlich chaotisch: Ständig glaubt sie, ihr Handy oder ihren Geldbeutel verloren zu haben und gerät in Panik. Meist finden wir dann beides in ihrer Handtasche. Neulich musste ich sie daran erinnern, mir mein versprochenes Geburtstagsgeschenk zu geben.

    Zu den Symptomen von ADHS zählen neben Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit auch Sprunghaftigkeit und Reizbarkeit. Meine Mutter ist launisch und unberechenbar. Sie sagt regelmäßig und kurzfristig Treffen ab – ihr sei etwas dazwischengekommen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sie dann einfach keine Lust hat, jemanden zu sehen. Auch Wutausbrüche sind keine Seltenheit. Ein paar mal schmiss sie sogar mit Gegenständen um sich. Als ich meinen Führerschein machte, weigerte ich mich nach ein paar Versuchen, mit ihr Auto zu fahren, weil sie anfing herumzubrüllen, wenn ich zu langsam fuhr oder mir an einer Kreuzung der Motor abstarb. In meiner Kindheit war ich oft angespannt. Auch heute bin ich es manchmal noch, wenn ich sie sehe. Ich habe dann das Gefühl, mir keine Fehler erlauben zu dürfen, weil es sonst wieder Krach gibt. Ihre extrovertierte Art gleiche ich mit scheinbarer Ruhe aus, tief drinnen koche ich aber meist vor Wut.

    >>>> "Während manche Eltern sich um ihre zappeligen, hyperaktiven Kinder kümmern müssen, war es bei uns umgekehrt: Ich musste immer Rücksicht auf meine Mutter nehmen."
    [seitenumbruch]

    Menschen mit ADHS wirken oft unsensibel und egoistisch. Auch ich hielt meine Mutter lange für einen unsensiblen Trampel. Aber das stimmt nicht unbedingt. Sie ist vielleicht sogar sensibler als andere. Sie hat nur Probleme, sich in sie hineinzuversetzen, behandelt sie schlecht und merkt es gar nicht. Wenn man ihr das vorwirft, findet sie das ungerecht. Oft reicht eine kleine Kritik aus, um sie zum Weinen zu bringen oder sie wütend zu machen. Dann legt sie das Telefon auf oder haut während eines Streits einfach ab.

    Während manche Eltern sich um ihre zappeligen, hyperaktiven Kinder kümmern müssen, war es bei uns umgekehrt: Ich musste immer Rücksicht auf meine Mutter nehmen. Im Grunde ist sie wie ein großes Kind. Es fällt ihr schwer, sich an gesellschaftliche Normen zu halten. Ihre Mutterrolle überforderte sie. Kinder von Erwachsenen mit ADHS leiden oft ebenfalls an der Störung, ich zum Glück nicht. Manchmal denke ich aber, es wäre einfacher mit ihr gewesen, wenn wir uns ähnlicher wären. Ich bin so ziemlich das Gegenteil von ihr: ruhig und zurückhaltend, Harmonie und Stabilität sind mir wichtig, lauten Konflikten gehe ich aus dem Weg. Ich stehe ungern im Mittelpunkt. Während meine Mutter meist bunt zusammengewürfelte und ausgefallene Kleidung bevorzugt, trage ich am liebsten schwarz.

    Obwohl ich mir noch immer eine „normale Mutter“ wünsche, habe ich eingesehen, dass sie sich nicht ändern kann und wird


    Lange fiel es mir schwer zu glauben, dass meine Mutter krank ist. Weil es bedeutet, dass sie für manche Dinge, die sie macht, nichts kann, und man sie dafür nicht zur Verantwortung ziehen kann. Das zu akzeptieren ist verdammt hart, wenn man so wütend auf jemanden ist, weil er einen oft verletzt hat. Obwohl ich mir noch immer eine „normale Mutter“ wünsche, habe ich nach jahrelangen Konflikten eingesehen, dass sie sich nicht ändern kann und wird. Sie lebt in einer anderen Welt, in der die Dinge eben anders aussehen. Dafür habe ich eine Mutter die lustiger, lockerer und intelligenter ist als die meisten anderen.

    Vor ein paar Jahren noch hätte ich diesen Text nicht geschrieben – ich hätte die Gefühle meiner Mutter wichtiger genommen als meine eigenen. In den letzten Jahren habe ich aber gelernt, auch meine Gefühle ernst zu nehmen. Denn Kinder mit kranken Eltern haben zwar früh gelernt, für andere da zu sein, aber nicht für sich selbst. Wenn ich einmal Kinder habe, will ich ihnen das beibringen. Sie sollen einen solchen Text schreiben können, ohne zu zögern und ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen.

    Um ihre Identität und die ihrer Mutter zu schützen, möchte die Autorin dieses Textes nicht namentlich genannt werden.

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    In Europa werden wieder Zäune gebaut – um die Grenzen zu schützen und, wie es heißt, um die Einreise von Flüchtlingen besser zu kontrollieren. In Slowenien zum Beispiel wird seit einem Monat ein meterhoher Stacheldrahtzaun durch Teile der Landesgrenze zu Kroatien gezogen.

    In der Region „Bela Krajina“ wehrten sich ein paar Bewohner deshalb nun mit einem stillen Protest. Sie verzierten den Zaun auf einem kleinen Stück mit blauen und goldenen Weihnachtskugeln – die Farben der Europaflagge. Wirkungsvoll? Keine Ahnung! Aber: Der sinnvollste Einsatz von Weihnachtsdeko, der uns gerade einfällt, ist es in jedem Fall.  

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    (Quelle)

    Der mit Widerhaken versehene Draht, der in zwei oder drei Rollen aufeinander getürmt wird und sich kilometerlang über die Wiesen und an den Flussufern entlang zieht, wird von den Behörden offiziell als eine „temporäre physische Barriere“ bezeichnet. Laut Regierungschef Miro Cerar soll so die Einreise von Flüchtlingen und Migranten aus Kroatien in Richtung Österreich und Deutschland besser kontrolliert werden. Manchmal sieht das dann auch so aus:

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    (Quelle)

    Obwohl EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Österreichs Bundeskanzler Werner Fayman im Oktober noch sagten, dass „Zäune keinen Platz in Europa haben“ , wird auch in Österreich eine Barriere an der Grenze zu Slowenien errichtet.

    In Slowenien geht der Bau unterdessen immer weiter. Seit Samstag verlegen dort Soldaten auf der kroatisch-slowenischen Halbinsel Istrien Stacheldrahtrollen – zum Leidwesen der Einwohner auf beiden Seiten. Viele fürchten ein Ausbleiben der Touristen in der beliebten Ferienregion und eine Bedrohung für die Menschen.


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    Wer schreibt?


    Jens und seine Geschwister Moritz und Hannah in der Gruppe "Auf die Kinder unserer Eltern”, die Hannah irgendwann mal angelegt hat. Jens ist der Älteste, Moritz der mittlere Bruder und Hannah das Nesthäckchen.

    Und warum und wie?


    Jetzt ist wirklich bald Weihnachten (und Mama weiß jetzt auch sicher, wann alle kommen). Beide Jungs haben darauf spekuliert, dass sie wie immer in Hannahs Geschenkepläne für die Familie einsteigen können. War ja bisher immer so. Und Hannah macht das ja auch wirklich gut. Aber dieses Mal läuft alles anders.

    Und wie sieht das konkret aus?




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    Ein verwaistes Eisenbahnareal in einem Wald nahe Daglfing: Seit mehreren Jahren errichten dort Flüchtlinge im Sommer ein Zeltlager aus Planen, Ästen und Gestrüpp. Ohne Wasser, ohne Strom, ohne alles. Der Münchner Künstler, Musiker und DJ Dompteur Mooner, bürgerlich Emanuel Günther, holt dieses Areal im Rahmen seiner aktuellen Ausstellung in die Stadt. „Ash Reignite“ heißt sie und wird am Freitag in der Miao Bar am Hauptbahnhof eröffnet. Dort zu sehen: eine Installation aus Buschwerk, Konservendosen und Stoffresten, die die Flüchtlinge zurückgelassen haben. Dompteur Mooner strickt seine Ausstellungen stets um konkrete Orte. Mal in der Lokomotivhalle am Zenith-Gelände, mal funktioniert er zusammen mit Polina Lapkovskaja die Unterführung des Maximiliansforum zum „Pollyester Parking Lot“ um. Außerdem ist er DJ der Zombocombo, eine monatliche Partyreihe, die ihren Gästen gerne mit Kunstaktionen zwischen die Ohren greift.




    Dompteur Mooner
     
    jetzt.de München: Emanuel, erzählen Orte Geschichten, die Menschen nicht erzählen können?
    Dompteur Mooner: Sie erzählen auf jeden Fall unverfälschter. Wenn ich eine Oral History von jemandem lese, ist die meistens emotional gefärbt. Wenn ich aber einen Ort sehe, nehme ich ihn nur so wahr, wie er mir erscheint. Ich frage mich dann, was mir der Ort vermittelt: Wirkt er aggressiv, bedrohlich, verlassen?
     
    Brauchst du als Künstler einen Ort, auf den du dich beziehen kannst?
    Ja, ich finde vor allem die Atmosphäre von Orten sehr inspirierend. In einer verlassenen Lokomotivhalle zum Beispiel herrscht eine ganz bestimmte Stimmung. Um die einzufangen, braucht man sich nur hineinzustellen und seine Fühler auszufahren. Ich versuche, da für mich so ein Grundgefühl rauszuziehen und baue das in meine Arbeit ein.
     
    Welches Gefühl hattest du, als du das Zeltlager gesehen hast?
    Ich kenne den Fleck schon lange, weil ich dort regelmäßig Motocross fahre. Vor etwa drei Jahren ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass in den Sommermonaten Menschen ihre Zelte in das Gestrüpp bauen und dort übernachten. Diesen Sommer waren es so viele, dass im Grunde genommen das ganze Waldstück von Flüchtlingen bewohnt war. Zwischen deren Feuerstelle und den Zelten geht meine Motocross-Route durch und ich kam mir da dieses Jahr irgendwie schuldig vor.




     
    Weil du deine Freizeit verbracht hast, wo es bei anderen ums Überleben ging?
    Das zum einen. Zum anderen aber, weil ich mehr oder weniger durch deren Wohnzimmer gefahren bin und eine Abgaswolke hinterlassen habe. Aber die hat das nicht gestört. Stattdessen haben sie mich jedes Mal gegrüßt, wenn ich an ihnen vorbei gefahren bin.
     
    Seid ihr ins Gespräch gekommen?
    Ja, wenn auch nur mit Händen und Füßen. Die meisten Menschen dort waren aus Rumänien und haben fast kein Deutsch gesprochen. Ich wiederum kann kein Rumänisch. Ich habe versucht herauszufinden, ob sie irgendwas brauchen, ob ich ihnen etwas besorgen kann. Das waren dann vor allem Zeltplanen, Schlafsäcke und Schuhe.
     
    Wie kam es dann, dass du dazu eine Ausstellung machen wolltest?
    Es hat mich fasziniert, wie die Menschen dort in der Natur überleben. Ich habe mich gefragt: Würde ich das auch schaffen? Mit einfachsten Mitteln im Wald, wenn ich nur ein Messer und meine Kleidung hätte? Die Art, wie diese Menschen ihre Zelte bauen, wie sie mit der Natur leben: das ist ein Paralleluniversum.
     
    Das du jetzt in die Stadt trägst.
    Weil es einen Teil von München zeigt, den sich niemand vorstellen kann. Kaum jemand weiß, dass es so etwas direkt vor unserer Haustür gibt. In unserem Alltag kommen wir mit den Menschen dort ja nicht in Berührung. Sie leben unsichtbar. In der Stadt kann man sich auch gar nicht vorstellen, ohne Besitz zu leben, ohne Wasser, ohne Strom.
     
    Kommentierst du mit „Ash Reignite“ also die Situation der Flüchtlinge?
    Ja, das ist aber nur eine Ebene. Eine andere Ebene ist das Überleben in der Natur, das uns in den Industriestaaten völlig abhanden gekommen ist. Der Titel bedeutet ja: Asche, entzünde dich neu. Eigentlich ist das nicht möglich, weshalb das für mich eine gewisse Hilflosigkeit ausdrückt. Die Hilflosigkeit, mit der Flüchtlingssituation umzugehen und die Hilflosigkeit, in der Natur zu überleben.
     
    Was haben denn Flüchtlinge damit zu tun, dass wir in der freien Natur nicht mehr überleben können?
    Nun ja, der Ausgangspunkt der Ausstellung ist: Die Flüchtlinge haben den Sommer über in dem Waldstück gewohnt und dieses Zeltlager zurückgelassen. Von dort habe ich die ganzen Gegenstände mitgebracht, ich dokumentiere das quasi. Diese Hinterlassenschaften erzählen davon, wie Menschen es schaffen, unter widrigen Umständen zu überleben. Das Überleben in der Natur ist deren tägliche Realität, und genau die können wir in unserer sehr gepflegten Millionenstadt einfach nicht nachvollziehen. Obwohl das nur ein paar Kilometer außerhalb von München passiert.




     
    Hätten wir mehr Gefühl für das Leben in der Natur, würden wir Flüchtlinge also besser verstehen?
    Definitiv. Uns wäre klarer, was diese Menschen während ihrer langen Reisen auf sich nehmen müssen. Die machen das ja nicht freiwillig, sondern sind dazu gezwungen. Die Flüchtlinge, die ich getroffen habe, waren dadurch sehr geübt darin, ohne jeglichen Besitz auszukommen. Möglicherweise ist es auch das, was auf Teile unserer Gesellschaft so fremd und unbekannt wirkt: dass sie ohne Behausung leben. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Berührungsängste auslöst.

    Im vergangenen Jahr hat die Kunst mehrmals auf das Thema Flucht geantwortet, vor allem das Zentrum für Politische Schönheit. Braucht’s Künstler bei solchen Themen überhaupt?
    Das ist mir eigentlich egal. Gefragt sind sie bestimmt. Die Kunst gibt zwar keine klaren Statements – das wäre auch langweilig –, aber als Künstler hat man schon die Verantwortung, politisch zu denken und zu reflektieren.
     
    Welchen Beitrag kann die Kunst da überhaupt leisten?
    Sie kann den Blickwinkel verändern. In meinem Fall geht es eben um eine Information, die ich liefern möchte: „Vor euren Augen passiert etwas, das ihr gar nicht mitbekommt.“ Ich führe die Besucher zu diesem Waldstück, indem ich Teile davon in einen Ausstellungsraum bringe. Es ist eine Art, das Thema den Leuten bewusst zu machen.
     
    Passiert das in München zu wenig?
    Gerade politisch hat München in den vergangenen Monaten ganz gut reagiert. Wobei klar ist: Ohne die freiwilligen Helfer wären wir im Chaos erstickt. Umso großartiger fand ich diese Welle der Hilfsbereitschaft, die in der Stadt aufkam. Nur gilt es jetzt halt, diese Hilfsbereitschaft über die nächsten Monate und Jahre auch zu halten.
     
    Hast du den Eindruck, dass auch andere Künstler hier das Thema ausreichend aufgreifen?
    Die meisten Menschen, die ich kenne und die sich aktiv damit auseinander setzten, machen tatsächlich keine Kunst. Ein Teil der Subkultur ist schon aktiv, aber das ist nur ein gewisser Prozentsatz.




     
    Clubs wie das Import Export und Initiativen wie Bellevue die Monaco sind ja sehr engagiert.
    Stimmt, das sind so die beiden Inseln in der Stadt, die mir dazu auch einfallen. Und deren Art, sich zu engagieren, ist tatsächlich auch neu: Früher ist die Subkultur eher zu Demonstrationen gegangen und hat damit ihren Teil beigetragen. Jetzt entstehen Projekte, bei denen sich Leute zusammen tun, konkrete Ziele abstecken und selbst aktiv werden. Die setzen auf einer ziemlich hohen Ebene an und machen das sehr intelligent.
     
    Du zeigst deine Ausstellung nun ab Freitag in der Miao Bar – einer Location, in der Menschen sonst feiern. Warum ausgerechnet da?
    Das hat sich eher so ergeben, weil mir die Idee zu „Ash Reignite“ relativ spontan kam und ich die Ausstellung woanders nicht so schnell hätte umsetzen können. Aber ich finde es natürlich gut, die Leute genau dann zu konfrontieren, wenn sie nicht damit rechnen. Bei der Zombocombo ist das ja ähnlich: Wir versuchen Partys zu veranstalten, bei denen man nicht weiß, was einen erwartet. Wo wir die Clubgänger mit einem spontanen Kunstspektakel überrumpeln und damit den normalen Rhythmus eines Samstagabends außer Kraft setzen. Das kann ich mittlerweile ganz gut, glaube ich.
     
    Ash Reignite, Fr., 18. bis Do., 24. Dez., Miao Bar, Dachauer Str. 14

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