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jetzt.de

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    Wichtigster Tag: Persönlich: Donnerstag, da ziehe ich nach Wien. Und werde versuchen, den Inhalt eines Zimmers auf einen Koffer und ein Handgepäckstück zu reduzieren.
    In der Welt: Habe ich mal wieder das Gefühl, dass es nur schlechte Nachrichten von „denen da oben“ gibt. Umso besser, dass man sich diese Woche wieder auf eine Aktion von „denen da unten“ freuen darf. Einmal wird es sicher noch mehr von Dies Irae geben, der die neusten VW-Skandale auf seine Art kommentiert:

    [plugin imagelink link="https://scontent-iad3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xpa1/t31.0-8/s960x960/12031557_443739445811200_7897830298153488090_o.jpg" imagesrc="https://scontent-iad3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xpa1/t31.0-8/s960x960/12031557_443739445811200_7897830298153488090_o.jpg"] Vielleicht gibt's diese Woche ja noch mehr von Dies Irae

    Und dann hat das das Peng.-Kollektiv über seinen Newsletter eine weitere Guerilla-Aktion für die kommende Woche angekündigt. Nachdem meine Kollegin die Gruppe vor ein paar Wochen bei ihrer Fluchthelfer-Aktion begleitet hat, kann man sich sicher sein, dass es auch diesmal kracht.  

    Kulturelles Highlight:
    Seit diesem Wochenende erwachen die Münchener Theaterbühnen wieder aus dem Sommerschlaf. Von ganz aktuellen Dramen zur Migrationspolitik  bis klassischen Theaterschinken. Endlich wieder an der Abendkasse zittern, ob man noch die 8-Euro-Karten für Studenten abstauben kann oder im Abendkleid mit der U-Bahn zurückfahren muss.

    Kino:
    Ich stehe sehr auf Dokus. Meistens hat da niemand sonst Bock drauf. Aber Sergei Loznitsas MAIDAN muss ich mir vielleicht nicht allein anschauen. Der Dokumentarfilmemacher hat die Wochen der Unruhen in Kiew über ein Jahr mit der Kamera begleitet vom Massengottesdienst bis zu den heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Und jeder wird dabei diese unangenehme Art von Gänsehaut bekommt, die einen fesselt und drei Stunden auf die Leinwand starren lässt - weil alles echt ist. Loznitsa hat mit seinem Film auf den großen Festivals in Cannes, Berlin und Amsterdam abgeräumt.

    http://www.youtube.com/watch?v=JrZAnlIgZpg

    Soundtrack: Es ist immer ein bisschen gruselig, wenn extrem junge Menschen schon sowas Geniales schaffen. Im Oktober wird der 22jährige Leon Bridges sein erstes Konzert in New York spielen. Alle 2000 Tickets sind schon verkauft. Zurecht, der Typ  hat eine Stimme wie aus den 50er Jahren und sieht auch so aus. Sein erstes Album wird in den USA bereits als großes Soul Come-Back und Bridges als neuer Sam Cooke gefeiert.

    http://www.youtube.com/watch?v=MTrKkqE9p1o  

    Wochenlektüre:
    Gerade lese ich Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie. Ein Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft, Überblick über die aktuelle „Black Lives Matter“ Bewegung und Reise in das Nigeria von heute. Adichie wurde durch einen TedTalk berühmt, der wie ihr Buch mit wenigen Worten sehr nachdenklich macht:

    http://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg  

    Geht gut diese Woche:
    Noch die letzte Woche vor dem Unistart genießen und sich von Serien und Sonne berieseln lassen.  

    Geht schlecht:
    Sich schon zu Weihnachtsplänen mit den Eltern verpflichten lassen.

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  • 09/28/15--00:50: Auf der anderen Seite
  • Der Supermarkt schließt in ein paar Minuten. Max* nimmt Tomaten aus der Gemüsekiste und lässt sie in eine Plastiktüte fallen. Dann bemerkt er die Studentin, die neben ihm steht. „Super, dass ich Sie hier treffe“, sagt sie. „Ich wollte Sie noch etwas zur Gliederung meiner Hausarbeit fragen.“ Max legt die Tüte mit den Tomaten in den Einkaufskorb. Und verflucht seinen Job.

    Max hat mit Mitte zwanzig angefangen, Politikwissenschaft an einer Universität zu unterrichten, mittlerweile macht er das seit vier Jahren. Und meistens macht es ihm Spaß. Aber der Job hat für ihn einen großen Nachteil: „Für manche Studenten bin ich immer der Dozent, der Fragen beantwortet. Auch, wenn ich abends in einer Bar stehe. Oder eben in einem Supermarkt.“



    Grad' noch Student – plötzlich Dozent

    Viele Studenten, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, wechseln gleich nach dem Studienabschluss an die Lehrstühle. Über die Probleme, die Jobs an der Uni mit sich bringen – lange Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, wenig Aufstiegsmöglichkeiten – sprechen die meisten nur ungern. Niemand will unangenehm auffallen, der Wettbewerb um die Stellen in der Wissenschaft ist hart. Und das, was Max und anderen zusätzlich zu schaffen macht, wird erst recht nicht thematisiert, weil es im Vergleich zu den bekannten Sorgen wie ein Luxusproblem wirkt: Wie alle jungen Berufstätigen müssen auch Dozenten auf einmal mit einer neuen Rolle zurechtkommen. Sie nehmen fast die gleiche Position wie Lehrer ein – aber sie müssen Autoritätspersonen für Studenten sein, die meist nur wenige Jahre jünger sind als sie selbst. Laut den neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Wintersemester 2014/2015 sind deutsche Studenten im Schnitt 23,5 Jahre alt – und der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs besagt, dass rund die Hälfte der Promovierenden an den Universitäten jünger als 28 Jahre ist. Gerade saßen sie noch selbst Seminar. Jetzt stehen sie vor dem Kurs und dozieren.

    Als Dozent muss man auf einmal Fristen setzen, die man selbst nicht eingehalten hätte


    Das kann zu schwierigen Situationen führen. Auf einmal müssen sie Fristen setzen, die sie selbst als Studenten nur nach durchwachten Nächten in der Uni-Bibliothek einhalten konnten. Sie müssen damit klarkommen, dass sie manche Studenten viel zu sympathisch finden. Oder andere überhaupt nicht mögen.

    Thomas, 31, betreut Übungen in Chemie. Am Abend vor der Abgabefrist für die Hausarbeiten ploppen alle paar Minuten E-Mails auf seinem Handy-Display auf. Studenten entschuldigen sich, dass sie nicht rechtzeitig abgeben können. „Fast ein Drittel des Kurses schafft es nicht fristgerecht“, sagt Thomas, „und es ist super nervig, wenn du merkst, dass dich die Studenten verarschen.“

    In den E-Mails nennen sie sehr unterschiedliche Gründe. Manche schreiben, dass sie einfach zu viel zu tun hatten. Dann hat Thomas kein Problem mit einer späteren Abgabe. „Als Student hatte ich doch selbst ständig Stress mit den Fristen. Das verstehe ich.“ Meistens erzählen die Studenten aber, dass sie wegen wichtiger Familienfeiern oder Krankheiten nicht rechtzeitig fertig geworden sind. Dann hat Thomas das Gefühl, angelogen zu werden: „Das fällt einem doch nicht erst am Abend der Abgabe ein. Ich frage mich manchmal, für wie dumm mich die Studenten halten.“
     
    Er musste lernen, in solchen Situationen deutliche Worte zu finden. Sein erstes Seminar hielt er mit 26, da fiel ihm das noch schwer. „Ich habe immer sehr nett reagiert, wenn mir Studenten geschrieben haben. Weil ich es komisch fand, autoritär aufzutreten – gegenüber Menschen, die nur ein paar Jahre jünger waren als ich.“ Aber er merkte, dass das nicht lange gut gehen würde. Heute spricht er es direkt an, wenn er vermutet, dass ein Student nur eine Ausrede vorschiebt.

    Der Ärger über Studenten kann sich auch auf das Privatleben und die eigene wissenschaftliche Arbeit auswirken. Anne Frenzel ist Psychologieprofessorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erforscht, wie Gefühle die Lehre an Unis und Schulen beeinflussen. „Die Wissenschaft bezeichnet das als Carry-Over-Effekt: Man nimmt Gefühle von einer Situation in die nächste mit“, sagt sie. Für die Dozenten bedeutet das: Der Stress steckt an. Sie sitzen auch mit schlechter Laune am Schreibtisch, wenn sie forschen – und das gleich am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere. Darunter kann die Motivation leiden.

    >>> Lena ist mit einer Studentin befreundet. An einem Tag trinken sie gemeinsam Kaffee, am nächsten Tag sitzt die Freundin wieder in ihrem Seminar.
    [seitenumbruch]

    Manche können das ausgleichen: „Wenn jemand viel Spaß am Forschen hat, kann es sein, dass der Ärger über die Lehre schnell verfliegt“, sagt Anne Frenzel. Anders sieht es aus, wenn die Betroffenen gleichzeitig auch in ihrer Forschung an einem schwierigen Punkt stecken. „Dann frisst sich das richtig in den Köpfen fest.“ Verschiedene Studien zeigen, wie sich negative Gefühle auf das Denken auswirken: „Man schafft es nicht mehr, Querverbindungen herzustellen und kreativ zu sein. Das geht nur in guter Stimmung.“

    Schwierig kann es aber auch sein, wenn das Verhältnis zu den Studenten zu gut ist. Lena zum Beispiel, ebenfalls eine junge wissenschaftliche Mitarbeiterin, hält Seminare in Medienwissenschaft und hat sich mit einer Studentin angefreundet. An einem Tag trinken sie gemeinsam Kaffee, am nächsten Tag sitzt die Freundin wieder als Studentin in ihrem Seminar. Lena ist froh, dass ihre Freundin gute Arbeiten schreibt, „sonst wäre das komisch.“ Sie hat aber nicht das Gefühl, dass die Freundschaft sie bei der Bewertung beeinflusst: „Ich habe klare Bewertungskriterien, da ist nicht viel Spielraum.“

    Von diesen angeblich klaren Bewertungskriterien will Psychologieprofessorin Anne Frenzel nichts hören: „Wir sind viel weniger objektiv, als wir es uns wünschen und eingestehen.“ In der Wissenschaft wird das als Halo-Effekt bezeichnet: Sympathie wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Leistung einer Person aus. Das kann in Studien leicht gemessen werden, erklärt Frenzel: Haben Teilnehmer eine negative Information über den Autor eines Textes, finden sie mehr Rechtschreibfehler. Wirkt der Autor durch eine bestimmte Information sympathisch, übersehen sie die Fehler.

    Max ist mit einer Studentin zusammen. Sie belegt bewusst keine Seminare bei ihm


    Politik-Dozent Max will solche Situationen bewusst vermeiden. Er ist mit einer Studentin zusammen. Die beiden haben sich in einer Hochschulgruppe kennengelernt, die er leitet. Für seinen Professor ist das in Ordnung, solange er nicht ihre Abschlussarbeit betreut. Aber Max will sie überhaupt nicht benoten müssen. Darum belegt seine Freundin seit dem Beginn ihrer Beziehung andere Seminare. Das Getratsche ist sowieso schon groß.

    Anfang des Jahres wurden an der amerikanischen Harvard University Beziehungen zwischen Dozenten und Studenten verboten – in Deutschland würde ein solches Verbot gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen. Das heißt: Max und seine Freundin machen nichts falsch. Psychologieprofessorin Anne Frenzel sieht Freundschaften und Beziehungen zwischen Uni-Mitarbeitern und Studenten auch nur dann kritisch, wenn die Dozenten die Studenten bewerten müssen. Sie meint aber, dass viele Dozenten diese Situation sowieso vermeiden und es verdrängen, wenn sie einen Studenten besonders sympathisch finden. Das Gute: Irgendwann sind auch die mit dem Studium fertig. „Ich glaube, dass viele Dozenten froh sind, wenn sie die Studenten nicht mehr bewerten müssen. Und sie einfach nett finden und auf ein Bier treffen können.“

    Max fühlt sich wohl mit seiner Freundin. Trotzdem findet er manche Situationen komisch. Sie wohnt in einer WG mit anderen Studenten. Abends sitzen sie oft gemeinsam am Küchentisch und diskutieren über ihre Dozenten und den Uni-Stress. „Da merke ich immer, dass ich vor zwei Jahren die gleichen Sorgen und Probleme hatte. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite.“

    *Die Namen der wissenschaftlichen Mitarbeiter wurden geändert.

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    Er verrät nicht seinen Namen, nicht sein Alter, er zeigt nicht sein Gesicht – und er nennt sich wie ein billiges Brötchen, eine Art kleiner Hamburger, den die Schawarma-Buden überall in Kairo verkaufen: Keizer. Damit hat der Street-Art-Aktivist aus Kairo, der gerade ein Jahr in Deutschland verbracht hat, auch schon die Stoßrichtung seiner Kunst definiert: Er will die ganz normalen Ägypter erreichen. Seit dem arabischen Frühling und den Demos auf dem Tahrir-Platz im Jahr 2011 kommentiert er mit seinen satirischen und mehrdeutigen Stencils - Graffiti mit Schablonen - die Tabus und Reizthemen der ägyptischen Politik.

    jetztde: Auf deinen Stencils wird der Adler in der ägyptischen Flagge durch einen Vogelstrauß ersetzt, der den Kopf in den Sand steckt. Wie reagieren die Ägypter auf solche Motive?
    Keizer: Sehr unterschiedlich. Einige sind überglücklich über meine Kunstwerke. Andere fühlen sich provoziert – bis zu gewalttätigen Reaktionen. Das Problem ist: Die Menschen hier sind nach Jahrzehnten der Regierungspropaganda misstrauisch gegenüber allem Zweideutigen. Ich möchte ihre Gewissheiten in Frage stellen und ihre Angst attackieren.

    [plugin bildergalerielight Bild1="Keizer arbeitet gern mit mehrdeutigen Motiven." Bild2="Manche wünschen sich, dass er sie mit Unterschriften erklärt..." Bild3="...aber er will, dass die Betrachter sie selbst deuten." Bild4="Er will mit seinen Werken provozieren." Bild6="Nach diesem Motiv bekam er sogar Morddrohungen." Bild5="Dumm wie ein Schaf, das er immer nur der Herde folgt?"]

    Du meinst die Angst vor dem selbständigen Denken?
    Genau. Manche fordern mich auf, die Bilder doch bitte mit Unterschriften zu versehen – damit sie wissen, was sie denken sollen. Genau das ist das Problem der ägyptischen Gesellschaft: Dass viele sich daran gewöhnt haben, einem Anführer oder einer Agenda zu folgen. Alles schwarz-weiß zu sehen. Die graue Zone dazwischen, die offenen Fragen erleben die meisten als unangenehm.

    „Wir Künstler sind die Einzigen, die der Meinungsdiktatur noch etwas entgegensetzen“


    2011 warst du Teil der Jugend-Revolution. Die Hoffnungen von damals sind verflogen und eine repressive Militär-Junta regiert dein Land. Welche Rolle spielt Street Art in der heutigen ägyptischen Gesellschaft?
    Während der Demonstrationen gegen Mubarak auf dem Tahrir-Platz vor vier Jahren begannen viele Menschen, von der Hausfrau bis zur Tochter und zum halbwüchsigen Sohn, zum ersten Mal mit Straßenkunst zu experimentieren. Vieles war da ästhetisch oder politisch noch nicht ausgereift, trotzdem war diese Vielfalt von witzigen bis aggressiven Stimmen wichtig. Heute sind davon nur eine Handvoll Straßenkünstler übrig geblieben. Wir sind die Einzigen, die der Meinungsdiktatur und Zensur der Militär-Junta noch etwas entgegensetzen. Das Regime kennt die Macht von Graffiti und Street Art sehr gut. Genau deshalb werden wir verfolgt.

    Viele der Revolutions-Graffiti scheinen heute längst zur internationalen Street-Art-Folklore zu gehören, sie wurden von westlichen Zeitschriften und vielen Webseiten aufgegriffen. Wie hat sich deine Kunst in den letzten vier Jahren weiterentwickelt?
    Zu Beginn der Revolution wurde ich mit Stencils wie „We are watching back“ bekannt: Es zeigte einen Jugendlichen mit der Kamera im Anschlag. Wir erinnerten die Autoritäten daran, dass Kameras unsere einzigen Waffen darstellten, und wir alle Abscheulichkeiten und Verbrechen auf den Straßen mitfilmen und veröffentlichen würden. Dann kamen die Muslimbrüder. Wenn man sie effektiv attackieren wollte, musste das auf Arabisch passieren. Darum verdrehte ich arabische Sprichwörter so, dass ich damit die Scheuklappen-Sicht der Islamisten entlarvte, wie sie Religion als politische Waffe missbrauchen und blindlings irgendwelchen Führern folgen.

    Damals bekamst du sogar Morddrohungen.
    Das war, nachdem ich einen Esel auf einem Schiff gemalt hatte, das Ägypten symbolisieren sollte. Das hat die Muslimbrüder provoziert – denn offensichtlich glaubten sie, der sture Esel sei auf sie gemünzt. Damals arbeitete ich ziemlich aggressiv. Ich sprühte einen Sheikh-Typen mit langem Bart, der vom vielen Beten anstatt des üblichen Schorfs an der Stirn an gleicher Stelle ein gezeichnetes Schaf hatte, das ja dafür steht, nicht selbst zu denken und immer nur der Herde zu folgen. Heute tun mir die Muslimbrüder fast schon wieder leid...

    >>> Wieso Keizer am liebsten in den armen Vierteln Kairos sprayt und wieso die deutsche Street-Art-Szene zu Macho-mäßig ist
    [seitenumbruch]

    Das waren doch mal deine ärgsten Gegner?
    Als sie an die Macht kamen, dachten wir nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte. Aber wenn wir einst einen Polizeistaat hatten, dann haben wir heute einen militarisierten Polizeistaat. Viele kritische Journalisten verschwinden hinter Gittern, es gibt keine Redefreiheit mehr. Jeder der es wagt, sich zur Regierung, dem Militär und ihren Institutionen zu äußern, wird überwacht. Die ganze Gesellschaft teilt inzwischen diese Paranoia. Jeder verdächtigt jeden: Wer nicht mit der Regierungslinie konform geht, gilt als Verdächtiger, Agent, Verräter. Und dein Nachbar kann dich jederzeit deswegen anzeigen.

    Stand nicht anfangs eine Mehrheit der Ägypter hinter Präsident Sissis Militär-Regime?
    Viele Ägypter – und dazu gehörten auch meine Familie und meine Freunde – waren zuerst froh, dass er die Muslimbrüder aus dem Amt jagte. Aber heute fühlen sie sich betrogen.

    Welche Gefahren gehst du ein, wenn du als anonymer Straßenkünstler arbeitest?
    Ich riskiere alles. Ich riskiere meine Sicherheit, ich riskiere meine Gesundheit, ich riskiere, gefoltert und ins Gefängnis geworfen zu werden. Drei mal wurde ich bereits erwischt, und kam mit einer Tracht Prügel und ein paar Tagen Gefängnis davon. Die Polizisten wussten nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Sie fanden nichts Relevantes in den Gesetzbüchern. Meine Behandlung hängt also nur von ihrer Tagesform ab. Deshalb hoffe ich immer, dass die Polizisten gut geschlafen, gut gegessen und keine Drogen genommen haben...

    „Ich arbeite lieber in den Slums. Dort haben es die Menschen nötiger, provoziert zu werden“


    Im Gegensatz zu den meisten deiner Kollegen arbeitest du nicht im Stadtzentrum rund um den Tahrir-Platz, sondern in den Vororten und Armen-Vierteln. Warum?
    Viele Künstler haben ihre Kunst nur in Downtown Kairo verbreitet, weil sie da im Schutz von größeren Menschengruppen und Gleichgesinnten arbeiten konnten. Hier sitzen auch die europäischen Kunststiftungen, die manche Werke in Auftrag geben und bezahlen. Deshalb sieht man Street Art fast nur im Stadtzentrum. Ich sprühe meine Botschaften absichtlich außerhalb dieser kommerzialisierten Touristenbezirke. Lieber gehe ich in die Slums, dahin, wo es kaum intellektuelle Debatten gibt, und es die Menschen umso nötiger haben, angeschoben, manchmal auch provoziert zu werden.

    Wie wichtig sind dir westliche Vorbilder?
    Natürlich verdanke ich Typen wie Banksy eine Menge Inspiration. Ohne ihn wären wir alle nur halb so bekannt. Andererseits habe ich im letzten Jahr, als ich wegen meiner Freundin in Halle wohnte, zum Beispiel große Unterschiede zur Street-Art-Szene in Deutschland festgestellt: Da gibt es so wenig politische Botschaften und so viel Macho-mäßiges „Ich war hier“-Tagging. Gerade in unserer Zeit sollten wir uns nicht damit begnügen, Bullshit auf die Wände zu schreiben und unsere Kreativität für Ego-Botschaften zu verschwenden.

    Im Oktober gehst du wieder zurück in deine Heimatstadt Kairo. Hast du schon Pläne für neue Street-Art-Projekte?
    Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit dem Thema Syrien und Kriegsflüchtlinge, aber jetzt scheint es mir besonders dringend, nicht nur weil Kollegen wie Banksy ein paar hippe Arbeiten dazu gemacht haben. Mich schockiert es, dass die reichsten Länder des Nahen Ostens wie Saudi-Arabien und Katar kaum Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Und Ägypten ist kaum besser – stellt bestenfalls auf ein paar Monate befristete Visa aus. Das werde ich bald auf Kairoer Wänden kommentieren.

    Könnte es sein, dass es bei deiner Einreise nach Ägypten Probleme geben wird? Weil du schon mal im Gefängnis warst?
    Ich denke nicht. Einige Street-Art-Künstlern, wie zum Beispiel Ganzeer, haben den Medien-Hype genossen und sich gerne vor der Kamera gezeigt, ein paar von ihnen wurde daraufhin verboten, zu arbeiten. Die Polizei kennt ihre Identitäten und ihre Adressen. Und das alles nur, weil sie ihre Gesichter gezeigt haben. Ich habe diese Probleme nicht, weil ich immer noch anonym bin.

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    [plugin imagelink link="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443187009/mexey1appbgdj5d1g1qc.jpg" imagesrc="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443187009/mexey1appbgdj5d1g1qc.jpg"](Foto: Zentrum für Politische Schönheit)

    "Jean-Monnet-Brücke" soll sie heißen, nach dem französischen Unternehmer, der als Wegbereiter der europäischen Einigung gilt und "Vater Europas" genannt wird. In einem beeindruckenden Video der Gruppe stellen das Land Österreich und der Baukonzern Strabag ein "Jahrhundertwerk der Humanität" vor: eine Steinbrücke von Nordafrika nach Europa, genauer: vom tunesischen Küstenort Al Huwariyah bis nach Agrigento auf Sizilien. Länge: 230 Kilometer. Kosten: 230 Milliarden Euro. Baubeginn: 2017. Fertigstellung: 2030.

    [plugin imagelink link="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443373427/ryo10z7pxa4ia31ysg9t.jpg" imagesrc="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443373427/ryo10z7pxa4ia31ysg9t.jpg"](Foto: Zentrum für Politische Schönheit)

    Im Image-Video zum Projekt fahren bereits Autos und Busse über die Brücke, auf dem Plan sind sogar Tankstellen auf der Route eingezeichnet. Christian Konrad, der eben zum Flüchtlingskoordinator der Republik Österreich ernannt wurde, sagt aus dem Off, er wolle mit der transkontinentalen Brücke den Beweis antreten, dass "unsere Alpenrepublik über den Tellerrand schauen und der Vision eines offenen und menschenfreundlichen Europas einen wichtigen Dienst erweisen kann."

    http://www.youtube.com/watch?t=9&v=EhY7TMZVWYM

    Der Grund für den Brückenbau ist klar: Jedes Jahr ertrinken 36.000 Flüchtlinge im Mittelmeer. Die Brücke werde "Lebensader zweier Kontinente und das wirksamste Mittel gegen Schleusungen und Schlepper", verspricht eine weitere Stimme in dem Video. Und genauso klar ist: Das Vorhaben ist absolute Utopie.

    Nicht Christian Konrad spricht in dem Video, sondern ein Sprecher, der verdächtig nach Niki-Lauda-Stimmenimitator klingt, und hinter dem Video steckt nicht die Regierung Österreichs, sondern das Zentrum für Politische Schönheit, eine Berliner Künstlergruppe, die schon mal Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer gestorben sind, symbolisch vor dem Kanzleramt bestatten lassen wollte.

    Bis 2030 will die Künstlergruppe ohnehin nicht warten, darum hat sie eben eine Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo gestartet: nicht für die 230 Milliarden teure Brücke, sondern über knapp 20.000 Euro, um damit die erste von 1.000 Rettungsplattformen zu finanzieren, die sie auf dem Mittelmeer installieren will. Die erste Plattform soll bereits am 1. Oktober verankert werden, auf der Route der imaginären Brücke von Afrika nach Europa. Bislang haben 130 Unterstützer gut 3.300 Euro dafür gespendet. (Stand: 28.9.2015)

    [plugin imagelink link="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443351508/ylc3v3j5lzdneqk87suu.jpg" imagesrc="https://c1.iggcdn.com/indiegogo-media-prod-cld/image/upload/c_limit,w_620/v1443351508/ylc3v3j5lzdneqk87suu.jpg"](Foto: Zentrum für Politische Schönheit)

    Auf den sechs mal sechs Meter großen Plattformen sollen 60 Personen Platz haben und notversorgt werden können: Auf den Rettungsinseln befinden sich medizinische Versorgung und Lebensmittel für vier Wochen, Antennen für Notruf und Kommunikation sowie ein Radarreflektor.


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  • 09/29/15--04:20: Happy End für Dismaland?
  • Als Banksy, Englands mysteriösester und gleichzeitig bekanntester Streetart-Künstler, Ende August die zynische Disneyland-Parodie  "Dismaland" eröffnete, waren die Reaktionen geteilt: Während sich in den sozialen Netzwerken die Menschen vor Begeisterung überschlugen und Spiegel Online schrieb, "dass die Ausstellung grandios erdacht, konzeptioniert und kuratiert ist", waren andere enttäuscht. Banksy sei mit dem real gewordenen Anti-Freizeitpark, an dem auch millionenschwere Künstler wie Damien Hirst mitwirkten, endgültig im Mainstream angekommen. Die Vice ätzte sogar, Dismaland sei "nur ein arrogantes und klischeehaftes Monument für Banksys veraltete Agenda".


    Der Orca-Wal aus der Toilette – eine der Installationen in Banksys erfolgreichem Dismaland

    Als dann auch noch in kürzester Zeit online alle Tickets vergriffen waren, Menschen sich in langen Schlangen vor dem Park aufreihten und am Ende bekannt wurde, dass Dismaland der bis dahin tristen südenglischen Kleinstadt Weston-super-Mare innerhalb von fünf Wochen 27 Millionen Dollar in die Kasse gespült hat, war der Vorwurf klar: Banksy, das ist jetzt Kommerz. Kunst, die man sich (wie Jan Böhmermann bereits 2014 twitterte) nur noch ironisch ins Wohnzimmer hängen kann.


    http://www.youtube.com/watch?v=V2NG-MgHqEk Das Eröffnungsvideo zum Dismaland

    Allerdings hat Banksy es jetzt geschafft, auch diesen Kritikern eins auszuwischen: Nachdem der Park Sonntag planmäßig geschlossen wurde, ließ er auf der Webseite bekannt geben, das aus den verwendeten Baumaterialien eine Flüchtlingsunterkunft im nordfranzösischen Calais entstehen soll. Der Ort erlangte in den vergangenen Monaten traurige Berühmtheit, weil dort immer noch zahlreiche Flüchtlinge darauf warten, notfalls illegal durch den Eurotunnel nach England zu kommen. Die Flüchtlings-Zeltstadt in Calais, die momentan 3000 Menschen beherbergen soll, wird auch zynisch "The Jungle" genannt.

    Vielleicht ist die Aktion eine Reaktion auf die Kritik, vielleicht war sie auch von Anfang an geplant und hinter Banksys Kunst steckt tatsächlich mehr als purer Kommerz. Eins hat er auf jeden Fall geschafft: Er hat das letzte Wort in der Sache. Auf der Dismaland-Webseite steht nun als Statement: "All the timber and fixtures from Dismaland are being sent to the 'jungle' refugee camp near Calais to build shelters. No online tickets will be available." Das darf man ruhig als Seitenhieb auf die Kritiker verstehen.

    charlotte-haunhorst


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    Verpeilt an der Pole


    Pole-Dancing ist ja schon lange der Supersport für Menschen, die was Superanstrengendes für ihren Körper tun wollen und dabei auch noch supersexy sind – theoretisch zumindest. Während in den USA nämlich gerade der Hashtag #streetpole die sozialen Netzwerke erobert, bei denen meist knackige, schöne Menschen Alltagsgegenstände als Tanzstange benutzen...

    [plugin imagelink link="https://scontent-fra3-1.cdninstagram.com/hphotos-xaf1/t51.2885-15/e35/11899455_178400525826922_1160673030_n.jpg" imagesrc="https://scontent-fra3-1.cdninstagram.com/hphotos-xaf1/t51.2885-15/e35/11899455_178400525826922_1160673030_n.jpg"]
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    ...hat uns diese Woche dann doch viel stärker dieses Video erfreut.

    Fazit: Fail-Videos sind eine der besten Erfindungen des Internets.

    Sex – jetzt auch im Sportangebot deiner Hochschule


    Zumindest, wenn man in Zürich studiert. Der Hochschulsport bietet dort ab dem kommenden Semester nämlich den Kurs "Yoga – für eine gesunde Sexualität" an. Und wer da jetzt an eine esoterische Kursleiterin denkt, die liebevoll alle mit Räucherstäbchen einnebelt, wird nach diesem Interview mit Kursleiterin Eve Eichenberger enttäuscht sein. Die wird dort nämlich auf die Frage, warum der Kurs auch für Männer interessant sei, mit dem Satz zitiert: "Bei ihnen ist der Druck oft groß, immer sofort hart zu sein, stundenlang bumsen zu können." Danach erzählt sie dann aber doch noch was von Zärtlichkeit. Puh!

    Tinder streitet mit der AIDS-Hilfe und Russland hat Angst vor Emojis


    In den USA steigt die Anzahl an Infektionen mit Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien und Tripper wieder an. Aus Sicht mancher Aufklärungsorganisationen sind daran vor allem Dating-Apps wie Tinder und Grindr schuld, die Menschen zu schnellem Sex verleiten. Um dagegen vorzugehen, hat die AIDS-Hilfe in Los Angeles dieses, ähm, kleine Plakat aufgehangen:



    Blöd nur: Die AIDS-Hilfe hatte bisher auch fleißig bei der Homosexuellen-App Grindr Werbung für Sexualaufklärung geschaltet – die Grindr jetzt beleidigt runtergenommen hat. Tinder droht direkt mit Klage wegen Rufschädigung.

    Zweiter Beef der Woche: Russland prüft eine Klage gegen Apple, weil die in ihre Handys homosexuelle Emojis eingebaut haben. Aus russischer Sicht eindeutige Propaganda für Homosexualität, die da ja unter Strafe steht. Allerdings hatte Russland auch schonmal überlegt, Apple komplett zu boykottieren, weil Chef Tim Cook schwul ist. Scheint ja nicht so gut geklappt zu haben, wenn sie jetzt immer noch Angst vor den Emojis haben müssen.

    Schenkelklopfer der Woche


    oder doch sehr clevere Werbung?

    [plugin imagelink link="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xta1/v/t1.0-9/12039568_996530273736502_3731645141781843675_n.jpg?oh=b1d53ec6d52042601fba0b653cd67f19&oe=565FD53E" imagesrc="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xta1/v/t1.0-9/12039568_996530273736502_3731645141781843675_n.jpg?oh=b1d53ec6d52042601fba0b653cd67f19&oe=565FD53E"] via Tyrosize

    Die Schocknachricht zum Schluss


    Smithers von den Simpsons ist schwul. Naja, okay, doch nicht schockierend und schon gar nicht überraschend. Aber: Er wird sich kommende Staffel angeblich auch gegenüber seiner heimlichen Liebe Mr. Burns outen - behauptet zumindest Produzent Al Jean. Ach so.

    http://www.youtube.com/watch?t=4&v=R0eILBa_cpM

    merle-kolber


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    Der Wiesn-Chat


    Wer schreibt?


    Jens, Moritz, Serdar, Elena und Steffi gehen seit Jahren zusammen auf die Wiesn. Die alte Gang halt.

    Und warum und wie?


    Seit sie alle Smartphones haben, organisieren sie ihren Wiesn-Abend natürlich in einer Chat-Gruppe. Die heißt "Wiesn-Gang", weil das so schön zweideutig ist, oder "Ein Prosit der Megütlichkeit" (alter Witz, der mal vor ein paar Jahren bei der dritten Maß entstanden ist). Die Gruppe dient aber nicht nur der Planung, sondern vor allem der Vorfreude, dem Sich-am-betreffenden-Abend-auch-wirklich-finden (weil nie alle gleichzeitig ankommen), dem Sich-später-am-Abend-betrunken-suchen(-und-nicht-finden), dem Austausch unverständlicher Nachrichten unter Alkohol- und Autokorrektureinfluss und der Nachbereitung am nächsten Morgen.

    Und wie sieht das konkret aus?




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    Okay, wir schenken uns jetzt sämtliche Anspielungen und Witzchen mit Friedenspfeifen und sagen direkt: Seit vergangenem Jahr dürfen die Ureinwohner Amerikas straffrei Marihuana anbauen, unabhängig davon, ob das in ihrem Bundesstaat eigentlich erlaubt ist oder nicht. Diese Entscheidung traf zumindest das Justizministerium der Obama-Regierung vergangenen Dezember,und natürlich ist das alles schon theoretisch hoch kompliziert. Umso spannender wird es jetzt, wo der Santee-Sioux-Stamm angekündigt hat, tatsächlich ins Marihuana-Business einzusteigen und einen sogenannten "Erwachsenenspielplatz" mit Glücksspiel und Drogen im Reservat zu gründen, wie Stammesführer Anthony Reider es nannte. Der Stamm hat seinen Sitz nämlich in South Dakota, wo Marihuana bisher nur zu medizinischen Zwecken verkauft werden darf.



    Wenn Marihuana legal wird, wird alles super? Eher nicht.

    Genaugenommen sieht die Entscheidung des Justizministeriums vor, dass die Stämme die Drogen zukünftig nur innerhalb ihrer Reservate anbauen und konsumieren dürfen. Ob das Ferien im Hanfparadies für US-Bürger aus anderen Gebieten ein- oder ausschließt, ist unklar - manche Behören haben bereits angekündigt, Drogenvergehen von Reservatsbesuchern weiter zu verfolgen. Außerdem dürfen die Stämme selbst entscheiden, ob sie Marihuana anbauen wollen oder den Konsum lieber weiterhin, mithilfe lokaler Behörden, verfolgen wollen - selbst wenn ihr Reservat in einer derjenigen Staaten liegt, in denen Marihuana bereits legalisiert ist.

    Um die Hintergründe dieser Entscheidung zu verstehen, muss man auf die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner schauen: Nach dem die Völker jahrelang zwangsumgesiedelt, vertrieben und ermordet wurden, dürfen sie seit dem Indian Self Determination Act 1975 verstärkt selbst über ihre Wirtschaft bestimmen. Eine Folge waren zahlreiche sogenannte "Indianerkasinos", also legale Spielhöllen in Bundesstaaten, in denen sonst das Glücksspiel verboten ist. Gleichzeitig führte die jahrelange Ausgrenzung und Armut in Reservaten in Kombination mit dem Glücksspiel zu einem verstärkten Alkohol- und Drogenproblem. Eine Studie im Jahr 2011 fand heraus, dass 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen Native Americans ein Drogenproblem haben, bei der erwachsenen Bevölkerung sind es knapp acht Prozent. Verständlich also, dass viele Reservate sich eher eine strengere als eine laschere Drogenpolitik wünschen.

    Die Santee-Sioux, die nun ankündigten, 2017 mit dem Grasanbau zu beginnen, wollen mit den Einnahmen ein neues Krankenhaus und Suchtprogramme finanzieren. Ob das wirklich klappt, hängt allerdings noch von einer ganz anderen Sache ab: Die Sondergenehmigung für Reservate gilt bisher nur unter der Obama-Regierung. Ein neues Staatsoberhaupt könnte sie sofort kippen. Die USA wählen ihren nächsten Präsidenten im Herbst 2016.

    charlotte-haunhorst

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    Bevor jetzt alle präventiv durchdrehen: Nein, Kanada hat keine Reisewarnung für Deutschland ausgesprochen, wie gerade viele Medien schreiben. Wäre es eine Reisewarnung, dann würde das Land von nun an davor warnen, überhaupt nach Ostdeutschland zu reisen und alle sich dort noch befindlichen Kanadier zur Ausreise ermutigen. So weit ist es nicht.



    Ein Grund für die Warnung der kanadischen Regierung: Demos, die in Gewalt enden könnten.

    Trotzdem sollte einem das, was da seit Kurzem auf der Seite der kanadischen Regierung zu Deutschland steht, zu denken geben. Von "extremistischen Jugendgangs" ist dort die Rede, die im kleinstädtischen Bereich und in Ostdeutschland 'ausländisch' aussehende Menschen beleidigen und attackieren könnten. Und von der Flüchtlingskrise, die dazu führt, dass sich der öffentliche Nahverkehr verzögert und Demonstrationen auf einmal in Gewalt umschlagen können. Die kanadische Regierung bittet deshalb darum, sich bei Demonstrationen genau zu informieren, was da gerade vor sich geht.

    Natürlich trifft diese Meldung einen Nerv. Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU wird vom Handelsblatt mit dem Satz zitiert:„Das entspricht nicht der Realität und ist extrem rufschädigend.“ Der Grünen-Politiker Konstantin von Notz kritiserte die Warnung ebenfalls, sagte aber auch: "Eines stimmt: Rechtsextreme, Rassisten und Nazis agieren nicht nur verwerflich, sie schaden Deutschland".

    Tatsächlich sind die Sorgen der Kanadier nicht völlig unbegründet: In der ersten Hälfte des Jahres 2015 gab es bereits fast so viele Übergriffe auf Asylbewerberheime wie im gesamten Jahr 2014. Außerdem ereigneten sich 2014 47% der fremdenfeindlichen Übergriffe in Ostdeutschland, obwohl dort nur 17 Prozent der Gesamtbevölkerung leben. Einer Erhebung des Innenministeriums zufolge ist die Wahrscheinlichkeit eines rechtsextremistischen Übergriffs in Brandenburg am höchsten.

    Das Problem damit auf die neuen Länder zu schieben, wäre allerdings zu einfach. Auch in NRW nimmt die Anzahl der Übergriffe durch Neonazis zu, in Bayern und Baden-Württemberg werden ebenfalls Asylbewerberheime angegriffen.

    Dass Kanada die Warnhinweise demnächst wieder zurück nimmt, ist eher unrealistisch. Insbesondere der Verweis auf Großdemonstrationen, die auch außer Kontrolle geraten können, ist wieder aktueller denn je. In Dresden demonstrierten gestern zum ersten Mal seit Langem wieder über 7000 Menschen - für Pegida.

    charlotte-haunhorst


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  • 10/01/15--02:16: Inseln der Leere
  • In fast jedem Viertel Münchens gibt es einen Platz, der überhaupt nicht zu seiner Umgebung passt. Diese Plätze sind Orte, die zwar jeder kennt, aber niemand in Ruhe ansieht. Es scheint, als würden die Menschen hier immer einen Tick schneller gehen als in den Straßen nebenan. Weil hier niemand bleiben und verweilen will, obwohl die Plätze zumindest formal mit ihren Bänken, Brunnen und Bäumen eigentlich alles bieten, um sich niederzulassen.





    Die Plätze liegen immer überall dazwischen. Zwischen den Zielen, die man eigentlich aufsucht, wenn man zu Fuß durch die Stadt geht. Zwischen den schönen, lieblichen und lebendigen Ecken, die mit ihren Cafés, Läden und Bars die Viertel prägen. Vielleicht ist das aber auch richtig so. Vielleicht braucht die Stadt solche Plätze, an denen es auch mal nichts gibt: Zwischenreiche des Bummelns, Atempausen des Flanierens. Und vielleicht ist es dann auch kein Wunder, dass kaum jemand sie beachtet.

    Wir wollten das ändern. Wir haben uns dort aufgehalten und hingeschaut. Denn bei genauer Betrachtung haben die Plätze alle viel gemeinsam, aber darüber hinaus so viel Einzigartiges, dass man ihnen sogar Charaktereigenschaften und Namen geben kann.

    Der Traditionalist


    Der Rotkreuzplatz, das Zentrum Neuhausens, ist ein echter Nostalgiker. Selbst als er in den Achtzigern mal modern war, haben sich seine Gestalter schon auf Traditionen besonnen. Deshalb sieht man hier auch vor allem eins: Backsteine, die vermutlich eine Hommage an die Ziegelvergangenheit Münchens sind. Auf der einen Seite das Klinkermassiv des Kaufhofs, der für viele Menschen den Hauptgrund darstellt, diesen Platz zu überqueren. Auf der anderen Seite willkürlich platzierte, gemauerte Bänke, in ihrer Materialkonsequenz nur von bunten Kacheln unterbrochen. Den Mittel- und Höhepunkt des Platzes bildet das „Steinerne Paar“, ein massives Wasserspiel aus zwei Personen, die an versteinerte Lego-Figuren erinnern. Eine Bedeutung bleiben sie dem Betrachter zwar schuldig, aber natürlich sind auch sie konsequent aus Backstein geformt.

    Typisch für einen Traditionalisten gibt es am Rotkreuzplatz sogar einen Maibaum. Oder steht der hier nur, damit beim Betreten des Platzes niemand denkt, dass er nach Hannover gebeamt wurde?

    Verlässt man den Platz, herrscht schon eine Straße weiter wieder erfrischende Klarheit und Jetztzeit: Sanierte Altbauen, Sarcletti, Ruffini, hippe Cafés, Kneipen und Pizzerien (siehe auch Text „Meine Straße“ unten).

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    Der Wartende


    Am Hohenzollernplatz zog vor 25 Jahren die „Honzi-Clique“ anderen Jugendlichen die Jacken ab – zumindest in einer Kult gewordenen Folge der Foto-Lovestory der Bravo. Heute wartet hier eine Familie der Zeugen Jehovas vergeblich auf Kundschaft.

    Der Hohenzollernplatz wartet auch. Vielleicht auf den Moment, in dem er endlich im Jetzt ankommt. Erste Anzeichen dafür sind immer wieder zu spüren: Das „Erste Schwabinger Kartoffelhaus“ ist einem französischen Restaurant gewichen, daneben hat eine Frozen-Yogurt-Filiale aufgemacht, in der aber selbst an manchem Augustsonntag keine Kunden zu finden sind. Und an der Ecke zur Hohenzollernstraße ziehen immer neue Restaurants in die Kellerräume ein.

    Aber dann dreht man sich um und sieht doch wieder nur den Brunnen. Er steht hier seit 1980, mit seiner goldenen Schnecke auf dem Rand, deren Bedeutung wahrscheinlich nur der Künstler kennt. Ringsherum stehen Nachkriegsbauten, „Serviced Apartments“ und Billigsupermärkte und es beschleicht einen das Gefühl, dass auch dieser Platz noch sehr lange warten wird. Immerhin Blumen gibt es hier, zwischen herrschaftlicher Herzogstraße und dem klassizistischen Nordbad. Schöne, frische, gepflegte Blumen in großen Kübeln. Aber eben auch die Zeugen Jehovas.
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    Der Vergessene


    Der Platz an der Ecke Schwanthaler-/Schießstättstraße trägt keinen Namen und wirkt auch deshalb so anonym. Vielleicht ist er einfach vergessen worden. Dabei hat er durchaus was zu bieten. Zum Beispiel den sogenannten „Röhrenbrunnen“, der geometrisch leicht versetzt das Zentrum des Platzes markiert. Vielleicht ist diese Asymmetrie ein Versuch, den Platz interessanter zu machen. Vielleicht auch nur ein Ablenkungsmanöver, damit man nicht merkt, dass seine Röhren überhaupt kein Wasser führen. Das wurde wohl auch vergessen.

    Dafür gibt es – wie oft an vergessenen Orten – viel Wildnis in Form von Unkraut. Müll und Reste von irgendwie allem findet man hier mehr als woanders – als kämen sie von den direkt angrenzenden Containern hinübergeweht. Auch fremde Sprachen hört man viele. Die sprechen die alten Männer, die sich hier tagein tagaus auf den Bänken zum Kartenspielen treffen. Frauen und Kinder sieht man hingegen kaum, nur manchmal eilt noch jemand mit einer vollgepackten Saturn-Tüte zu seinem parkenden Auto. Dafür sieht man viel kontrastreiche Architektur: vom ehemaligen Gasthof Riedwirt, der als das verlassene Dönerhaus bekannt ist und seit Jahren verfällt, bis zu den Hochhäusern oberhalb der Theresienwiese, die den Platz umrahmen und ihm seine schattige, schluchtenhafte Anmutung geben.

    Der Platz ist ein ziemlicher Fremdkörper im Westend der italienischen Kaffeemaschinen- und Modeläden. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre hier immer Herbst. Und sogar jetzt zur Wiesnzeit herrscht im Gegensatz zum restlichen Westend überraschende Stille.



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    Der Unentschlossene


    Der Sendlinger-Tor-Platz besteht eigentlich aus drei einzelnen Plätzen, unterbrochen von befahrenen Straßen. Und er ist auch sonst mehr als viele vergleichbare Orte in München: Er ist gleichzeitig Kirchenvorplatz, zentraler Tram-Bahnhof, Teil des anschließenden Nußbaumparks und Tor zwischen Glockenbachviertel und Feierbanane.

    Auch ihn ziert natürlich ein Brunnen, an dem sich niemand aufhält. Er hört auf den schlichten wie bezeichnenden Namen „Sendlinger-Tor-Platz-Brunnen“, wirkt ein bisschen wie ein kleiner Stachus und wurde vor ein paar Jahren nicht nur saniert, sondern extra mit einer „Windwächteranlage“ ausgestattet, die seine Fontänen bei Sturm in der Höhe reduziert, damit sein Wasser die Menschen nicht zu sehr belästigt. Von denen gibt es hier allerdings eh nicht so viele.

    Trotzdem fühlt es sich hier großstädtisch an. Die vielen Trams und Busse, die Hektik an den Fußgängerampeln, der Verkehr auf der Sonnenstraße, deren Breite wir dem Größenwahn der Nazis zu verdanken haben. Das alles lässt den Platz sehr lebendig wirken. Und trotzdem tun sich in alle Himmelsrichtungen Stadtviertel auf, die mit dem ranzigen und leicht trüben Gefühl an diesem Ort so gar nichts zu tun haben.
    [seitenumbruch]



    Der Verbindende


    Der Platz hinter dem Altstadtring, der von der Herzog-Wilhelm-Straße umsäumt wird, lässt sich nur schwer einordnen. Das liegt an seiner so uneinheitlichen Umgebung: Am nördlichen Ende findet man eine der wenigen innerstädtischen Tankstellen samt Parkhaus, am südlichen die völlig aus der Zeit gefallene Bar Roy, eines der letzten noch existierenden Zeugnisse der wilden Achtziger in München.

    Dass der namenlose Platz ein Bindeglied zwischen Altstadt und Bahnhofsviertel ist, zeigt sich auch an der Nutzung der Gebäude an seinen lang gezogenen Grenzen: Auf der einen Seite ein Hotel, Passagen, Hinterausgänge und gegenüber kleine Handwerksbetriebe, die sich so auch zwischen Viktualienmarkt und Marienplatz befinden könnten. Noch mehr Innenstadtflair schaffen die Fußgängerzonenleuchten, die es außerhalb ihres natürlichen Lebensraums sonst fast nirgends gibt. Und dann diese Skulpturenauswahl: Klassische, spielende Pferde stehen hier den Achtzigerjahren in Form eines dunklen Kloßes gegenüber, der sich erst bei genauerem Hinsehen als Denkmal für Clemens Brentano zu erkennen gibt.


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    Jetzt also Videos als Profilbild auf Facebook. Wie finden wir das? Irgendwie ja bisschen magisch, erinnert ein bisschen ans Harry Potter-Universum, an die Zauberer-Zeitung „The Daily Prophet“, auf dem sich die Menschen auf den Fotos bewegen. Oder die alten Gemälde in den Treppenhäusern von Hogwarts, die mehr Hologramm als Gemälde sind. Aber irgendwie auch ein bisschen anstrengend, die Vorstellung, dass sich da dann dauernd Leute bewegen. Noch mehr Rummelatmosphäre in der Timeline. Nicht auszudenken, wie es sich anhörte, wenn all diese Videos auch noch mit Ton abgespielt würden.





    Aber ganz so weit ist es ja auch noch gar nicht. Seit dem 30.9. wird die neue Funktion erst einmal einem kleinen Testpublikum in Großbritannien und Kalifornien zum Ausprobieren zur Verfügung gestellt. Und wenn dann alles klappt, werden die Videos auch bei uns bald durch die Timeline flimmern.

    Man kann es sich halt irgendwie schon genau vorstellen, welche Profilvideotypen da auf einen zukommen: die kleine Partymaus im Konfetti- bzw Glitzerregen, der vor türkisem Meer Rad schlagende Hippie, der Poser (Kusspose oder Was-willst-du?-Gangstermove), der bescheiden-dümmlich dreingrinsende Winker oder Daumenhochzeiger, und natürlich der lustige Erschrecker (erst so voll leere Bildfläche, dann haha, buh, schreck, von unten ins Bild schießen). Oh und das Tiervideo natürlich! I am my cat, friends!

    Noch drei weitere Features soll es geben: 1) Das Profilfoto wird nicht nur größer, sondern rückt auch in die Mitte . 2) Unter dem neuen Profilbild bzw. Profilvideo befindet sich dann auch eine Art Kurzbiografie des Users - so ähnlich wie bei Twitter.  3) Das temporäre Profilbild wird eingeführt  - so soll zum Beispiel ein Urlaubsselfie nach einer gewissen Zeit wieder vom Profil verschwinden. An seine Stelle soll dann automatisch ein altes Bild rücken. 

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    Feroz hat in Deutschland studiert und kehrte im Frühjahr zurück in seine Heimat. Er arbeitete dort unter anderem als Übersetzer für die NATO. Für die Fanatiker der Taliban wird er dadurch nun zu einem Ziel.

    jetzt.de: Feroz, wie hast Du die Eroberung von Kundus durch die Taliban erlebt?
    Feroz: 
    Sehr nahe. Ich wollte eigentlich am Montag nach Kabul fahren, da kommt man an Kundus vorbei. Um halb sechs Uhr morgens gab es vor Kundus Straßensperren. Die Polizisten haben mir gesagt, dass die Taliban Kundus angegriffen haben. Ich bin dann zurück nach Hause gefahren. Im Laufe des Tages kamen immer mehr Flüchtlinge an, die uns erzählt haben, dass die Stadt Kundus jetzt von den Taliban erobert wurde.



     
    Kam das überraschend?
    Total. Wir wussten, dass in der Nähe Taliban stationiert waren. Aber niemand hat damit gerechnet, dass sie hier wieder so stark sind, dass sie die Stadt erobern können.

    Unter den Flüchtlingen aus Kundus waren auch Mitglieder Deiner Familie...
    Ja, im Moment leben im Haus meiner Eltern 30 Leute.

    Was haben die erzählt?
    Nach der Eroberung haben die Taliban die Häuser gezielt nach Leuten durchsucht, die im Staatsdienst sind oder für internationale Organisationen arbeiten oder gearbeitet haben. Die wurden dann mitgenommen, was mit ihnen geschehen ist, mag man sich nicht vorstellen. Es wurden auch viele andere verhaftet, vor allem junge Männer, die von den Taliban als „Spione“ bezeichnet wurden. Auch Gebäude und Fahrzeuge von internationalen Organisationen wie der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) haben sie beschlagnahmt. Aber eigentlich war es nach den Kämpfen schnell wieder ruhig. Die meisten Menschen sind einfach zu Hause geblieben.

    Wie ist Deinen Verwandten die Flucht gelungen?
    Die haben sich einfach ins Auto gesetzt und sind los gefahren. Es gab einige Checkpoints, aber weil sie viele Frauen und Kinder dabei hatten und wohl auch weil sie Paschtu sprechen, den bevorzugten Dialekt der Taliban, kamen sie durch. Sie hatten auch Glück, dass sie am Dienstag gefahren sind, am Mittwoch kam niemand mehr aus der Stadt raus.

    Gerade halten die Kämpfe zwischen der afghanische Armee und den Taliban an, es scheint, dass die Armee die Stadt zurückerobern kann. Werden Deine Verwandten dann zurückkehren?
    Natürlich, das ist ja deren Zuhause. Das mag zynisch klingen, aber für uns in Afghanistan ist das nicht so ungewöhnlich. Wir sind schließlich alle damit aufgewachsen, dass ständig Krieg ist.

    Was bedeutet es für Dich, dass die Taliban wieder so stark sind?
    Das ist schlimm, war aber zu erwarten nachdem ein Großteil der westlichen Truppen das Land verlassen hat. Auch wenn sie die Kontrolle über Kundus verlieren sollten, haben sie doch viele Waffen und Panzer erbeutet. Schwächer werden sie also nicht. Auch in meiner Provinz Takhar gibt es immer wieder Berichte, dass Orte von den Taliban kontrolliert werden oder kurz davor stehen. Aber eines ist klar: Wir wollen die Taliban nicht, wir hassen sie. Und wir werden uns bis zum Letzten gegen sie wehren.

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    Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben oder arbeiten. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:

    Christoph, 33, Besitzer der Suppenbar „Gusto“





    Was die Donnersbergerstraße auszeichnet, ist, dass es extrem viel Platz hier gibt, obwohl sie gar nicht viel befahren wird. Die Straße und die Gehwege sind breit, die Terrassen der Cafés großzügig. Eine Freundin aus Haidhausen war neulich total begeistert, dass man hier ohne Probleme mit Kinderwagen entlang spazieren kann.

    Das Schöne ist, dass hier wirklich ständig neue Cafés aufmachen, oder handfeste Läden wie das Wein & Stoff Kontor, und nicht, wie das sonst ja oft der Fall ist, nur Werbeagenturen oder Büros. Man kann hier herrlich flanieren und Leute beobachten.

    Bei uns im Gusto gibts täglich frische Suppen, Eintöpfe, Currys, Salate und Kaffee. Direkt neben uns ist die Landmetzgerei Rendl, in der sich das ganze Viertel seine Leberkassemmeln und sonstigen Fleischbedarf einkauft, und wo man nie, wirklich nie, ohne ein kleines Gespräch rauskommt. Gern weitet sich das auch mal zu einem einstündigen philosophischen Diskurs aus.

    Eine gute Atmosphäre verbreitet aber auch der Lebensmittelladen des Griechen Tasso, dessen Mutter den ganzen Tag lang hinten in der Küche frisches Essen zubereitet. Es duftet aus dem Laden deshalb immer herrlich nach Knoblauch und frisch Gebratenem. Und natürlich der Türke Mustafa mit seinem Gemüseladen. Der räumt oft bis neun Uhr abends noch den Laden auf und man kriegt dann immer noch etwas Bier und Gemüse, wenn man vorbeikommt.

    Eine wirklich treue Seele der Straße ist der Hans-Dieter. Der führt den Zeitungskiosk zwischen dem Inder Bollywood und der Bar Peaches und bringt der ganzen Nachbarschaft von sich aus die Zeitungen in die Läden, hilft mit Wechselgeld aus oder liefert Zigaretten, wenn man mal nicht hinterm Tresen weg kann. Außerdem gibt es mit dem Hans-Dieter immer was zum Ratschen, weil er ja jede Zeitung liest und immer informiert ist.

    Beim Inder Bollywood kann man übrigens gut essen, und sich auch beliefern lassen. Ich empfehle das Gericht Butter Chicken. Und vor der italienischen Bar Piacere Nuovo mit den großen Fenstern kann man sehr gut Aperitivo trinken und in der Abendsonne rumsitzen.

    Man hat hier also eigentlich alles, was man braucht – am Ende der Straße ist ja auch noch der Rotkreuzplatz mit dem Wochenmarkt am Donnerstag und dem großen Kaufhof. Und im Winter gibt es hier einen gemütlichen Weihnachtsmarkt.

    Oft verlasse ich das Viertel wirklich Ewigkeiten nicht, und wenn ich dann mal wieder am Hauptbahnhof bin und sich da schon wieder alles verändert hat, denke ich: Wow, bin ich lang nicht hier gewesen.

    Früher galt die Donnersbergerstraße übrigens angeblich als die „Reeperbahn Neuhausens“, die Gehwege waren dicht gesäumt mit Kneipen. Und in dem Haus, in dem heute das Peaches ist, so eine ziemlich runtergerockte Cocktail-Bar, ist der Monaco Franze, also der Helmut Fischer, aufgewachsen.

    Es gibt jedes Jahr im Juli auch ein sehr traditionsreiches Straßenfest hier. Leider wird es in den letzten Jahren immer mehr zu einem Augustinerbräu-Fest, weil die Gaststätte Sappralot es ausrichtet, die da unter Vertrag ist. Die vielen anderen kleinen Läden der Straße werden da leider gar nicht mehr so aktiv eingebunden. Aber das Sappralot ist natürlich trotzdem ein total netter Laden und eine Institution hier in der Straße. Außerdem ist das Haus toll, mit eigenem Zwiebelturm und kleiner Windfahne obendrauf.


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  • 10/01/15--23:59: Wir haben verstanden: KW 40
    • An vier Tagen hintereinander Nudeln Bolognese zu essen, schafft selbst der größte Bolo-Fan nicht.

    • Alle behaupten jemanden zu kennen, der sich hochgeschlafen hat. Aber wenn man dann einen Protagonisten sucht, will es niemand gewesen sein.

    • Wenn Eltern entdecken, dass sie mit ihren Smartphones Emojis verschicken können, rasten sie komplett aus.




    • Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Checker des Aufmerksamkeits-Business als Banksy.

    • Großstadtbolzplätze sind schöne Orte.

    • Das einzige, was man bei Freizeitkicker-Fußballturnieren nicht ernst nehmen darf, sind die vielen Teilnehmer die sagen, sie würden das alles nicht so ernst nehmen.

    • Beim Kneipenquiz sollte man immer mindestens einen Sportexperten dabei haben und einen mit großem Latinum.

    • Es ist die Zeit des Jahres erreicht, ab der man den Mitbewohner schimpfen darf, wenn er über Nacht das Fenster im Bad auflässt.

    • Die Regel ist nicht: Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist. Sondern: Wenn man geht, ist es plötzlich am Schönsten.

    • Man kann tatsächlich vermissen, dass einem jemand auf den Geist geht.

    • Bananen bergen viel Konfliktpotential.

    • Man kann wegen eines Falafels einen Zug verpassen.

    • Ist der Falafel sehr gut, lohnt es sich fast.

    • Eine alternde Katze hat ähnliche Verhaltensmuster wie ein Säugling.

    • Den besten Baumkuchen der Welt gibt es beim ehemaligen Hoflieferanten in Berlin.

    • Schöne Cafés mit noch schöneren Torten machen Lust, im Altersheimalter dort zu sitzen und sich nur noch von Kaffee und Kuchen zu ernähren.


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  • 10/02/15--05:15: Waffennarren
  • Jemand stürmt eine Schule und erschießt Menschen, einfach so. Löscht Leben aus mit einer Waffe, die laut amerikanischem Gesetzt jeder besitzen darf. In Roseburg, Oregon, trauern die Menschen nun um die neun Opfer, die ein Täter am Donnerstag erschoss, bevor er selbst im Schusswechsel zu Tode kam.

    Anlässlich der Tragödie tun viele ihr Unverständnis über die US-Waffenpolitik kund. Besonders auf Facebook und Twitter teilen User Statistiken, die das verheerende Ausmaß der Gesetze veranschaulichen sollen: Ein paar Balken, kleine Waffensymbole, etwas Rot und Blau und plötzlich wird auf einen Blick greifbar, was von Politikern und Waffenrechtlern gerne in der Theorie zerredet wird.

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    Die Schießerei in Oregon ist nur eine von fast 250 in diesem Jahr, das selbst noch nicht mal 250 Tage alt ist. Auch der Vergleich mit anderen Ländern zeigt: Nirgendwo besitzen die Menschen so viele Waffen. Und nirgendwo sterben so viele durch sie. Webseiten wie Fatal Encounters oder Mass Shooting Tracker archivieren die Daten, die jetzt aufbereitet werden.

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    Die Menschen, die die Grafiken teilen, sind betroffen von der Wahrheit, die sie zeigen. Betroffen wirkt auch Präsident Obama, der im Statement nach den jüngsten Ereignissen sagte, Massenschießereien seien mittlerweile eine Routine, die keine sein darf.

    Die Statistiken führen zur selben Erkenntnis. Massenschießereien, also Schießereien, bei denen mehr als vier Menschen verletzt wurden, sind Alltag in den USA. Mehr noch aber veranschaulicht das virale Teilen der Grafiken eine sehr alltägliche Art, mit solchen Meldungen umzugehen: Es braucht eine Visualisierung von Schrecken, bis wir verstehen, was eigentlich los ist.

    Es bleibt zu hoffen, dass diese Bilder nicht nur archiviert und beim nächsten Mal hervorgekramt werden, sondern sich endlich auch in ein paar Köpfen festsetzen. Dann ändert sich hoffentlich eine der schockierendsten Statistiken: die, die den Bürgern ihre unveränderte Einstellung attestiert.

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    sina-pousset

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    "Perspektive hoch 3" ist ein Verein, der sich mit der Frage beschäftigt, was die DDR mit der dritten Generation Ost, also den Kinder, die in den 70er und 80er Jahren dort noch geboren wurden, gemacht hat. In der Fotoausstellung „Der dritte Blick“, die vom 2. Oktober bis 7. November im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen ist, stellen Künstler aus, dazu gibt es Interviews und Diskussionsrunden. Die Frage, die über all dem steht: Hat die Wende auch die Kunst verändert?


    Ina Schoenenburg, geboren 1979 in Ost-Berlin, hat an der Ostkreuzschule für Fotografie studiert. Ihr Werk "Blickwechsel beschäftigt sich mit ihrer eigenen Familie nach der Wende.


    „Als die Mauer fiel, war ich zehn und lebte mit meiner Familie in Berlin Lichtenberg in einer Platte. Wir fanden das dort alle okay, es ging uns gut. Mein Vater war in der DDR politisch aktiv, arbeitete im Zentralkomitee der SED. Als die Mauer dann fiel, gerieten meine Eltern in eine Schräglage. Alles, woran sie glaubten, brach einfach zusammen. Dementsprechend wurde bei uns in der Familie die Wende auch nicht richtig gefeiert. Erst neulich habe ich wieder einen Film gesehen, bei dem die Menschen nach dem Mauerfall auf der Straße feierten und dachte, wie seltsam das ist, dass ich das alles gar nicht mitbekommen habe, obwohl ich da ja in Berlin lebte. Ich erinnere mich nur an die D-Mark in der Hand und wie aufregend es war, dass es überall so viel Spielzeug zu kaufen gab.

    Nach der Wende sind wir nach Schwerin gezogen, mein Vater hat dort die PDS mit aufgebaut. Meine Mutter hat hingegen ihren Job verloren. Ich bin dort ein Jahr auf ein Sportinternat gegangen, getrennt von meinen Eltern. Für mich war das eine schwierige Zeit. Mir fehlte die Zuwendung meiner Eltern. Mein Vater war selten da, meine Mutter hatte den Jobverlust nicht gut verkraftet. Beide waren viel mit sich beschäftigt, da sind mein Bruder und ich ein bisschen hinten runter gekippt. Ich war oft einsam und das findet sich auch in vielen meiner Bilder wieder. Ich merke sowieso, dass ich oft Bilder mache von Menschen, die sich einsam fühlen. Da scheine ich einen Blick für zu haben.

    Mit 19 bin ich zurück nach Berlin gegangen. Als Bewerbung für die Fotoschule habe ich angefangen, meine Eltern zu fotografieren, unsere Beziehung zueinander. Meine Mutter hat da von Anfang gerne mitgemacht, mein Vater mochte es zunächst gar nicht. Er hat sich dann aber peu à peu dran gewöhnt. Meine Dozentin mochte die Bilder und so bin ich da immer weiter reingerutscht. Das Projekt „Blickwechsel“ wurde irgendwann auch mein Diplomarbeit. Natürlich war die Arbeit aber auch eine Art Therapie für mich. Ich war lange Zeit nicht wirklich politisch. Vermutlich auch, weil ich das Gefühl hatte die Politik hat mir meinen Papa weggenommen. Ich habe ihn ja wirklich kaum gesehen. Erst mit Ende 20 habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren. Habe hinterfragt, was er da gemacht hat. Das hat meine Sicht auf die Dinge verändert. Über das Bildermachen haben wir wieder viel miteinander gesprochen – und natürlich auch gestritten. Kurz vor meinem Diplom wollte ich das Projekt sogar abbrechen, ich konnte einfach nicht mehr. Dann gab es aber ein reinigendes Gespräch, was dazu führte, dass ich doch weitermachen konnte. Meine Tochter hat auch viel dazu beigetragen, die versteht sich super mit meinen Eltern. Sie ist jetzt zehn. Über die DDR hat sie gerade in der Schule etwas gelernt, natürlich hat sie auch Gespräche zwischen mir und meinem Vater verfolgt. Aber es ist jetzt kein großes Thema für sie.

    Ihr Lachen war einfach nicht echt


    Ich selbst habe ja auch kaum Erinnerungen an die DDR. Ich war zwar bei den Pionieren und war dann traurig, dass ich wegen der Wende nicht mehr so weit kam, das rote Halstuch noch zu tragen. An ein paar Appelle und die Ferienlager erinnere ich mich auch noch. Aber das war’s. Ich weiß selbst, dass die Bilder eine gewisse Schwere haben. Man spürt die Traurigkeit meine Mutter. Meine Tochter bringt da allerdings frischen Wind rein. Ich würde meine Mutter ja auch fröhlich darstellen, aber immer wenn ich das versuchte, wirkte es unauthentisch. Ihr Lachen war einfach nicht echt."

    [plugin bildergalerielight Bild2="Für Blickwechsel portraitiert Ina Schoenenburg seit 2012 ihre eigene Familie" Bild3="Sich selbst, ihre Tochter und ihre Eltern in deren Haus auf dem Land" Bild4="Schoenenburgs Vater war in die sozialistische Gesellschaft politisch stark eingebunden" Bild5="die Wende stürzte die Eltern in eine Sinnkrise" Bild6="Schoenenburg wurde 1979 in Ost-Berlin geboren" Bild7="Sie lebt auch heute noch in Berlin" Bild8="Bilder im Rahmen der Ausstellung 'Der dritte Blick'"]

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    Anne Heinlein, geboren 1977 in Potsdam, lebt dort immer noch mit ihrer Familie - um die Ecke vom alten Hof ihrer Eltern. Ihr Werk "Wüstungen" beschäftigt sich mit Grenzorten, deren Bewohner vom DDR-Regime umgesiedelt und die Orte danach abgerissen wurde.

    „Ich dachte lange, ich mein Leben wäre auch ohne Wende ähnlich verlaufen. Dass ich trotzdem Künstlerin geworden wäre, der Weg wäre nur schwerer gewesen. Erst durch die Interviews für die Ausstellung „Der dritte Blick“ wurde mir klar, wie viel die Wende wirklich mit mir gemacht hat.

    Als die Mauer fiel, war ich 12, am Beginn der Pubertät und lebte in Potsdam. Dort war die Grenze sehr präsent durch die Glienicker Brücke, die in den Westen führte und die man nicht überqueren konnte. Meine Eltern hatten trotzdem viel Kontakt zu Freunden und Verwandten drüben. Als die Mauer fiel, sind wir allerdings nicht direkt rübergegangen. Meine Mutter war Lehrerin und samstags war noch Schule, sie hat das sehr ernst genommen, obwohl sie und ich die einzigen waren, die an diesem Tag da waren. Erst danach sind wir nach Berlin gefahren und haben unsere Freunde dort besucht, die Stadt angesehen. Das ist für mich eine sehr intensive Erinnerung, ein gesetztes Datum wie der dritte Oktober kann das nicht ersetzen. Deshalb ist das Datum des Mauerfalls, der neunte November, mir auch wichtiger.

    Meine Eltern waren in der Kirche aktiv, deshalb sind wir stets zweigleisig gefahren. Es gab eine Meinung zuhause, die musste aber am Küchentisch bleiben. Und eine, die man draußen vertreten musste. Für mich war es dementsprechend eine tolle Erfahrung nach der Wende, dass man auf einmal auch draußen sagen durfte, was man wirklich denkt. Mein älterer Bruder und ich haben das auch sofort gemacht, meine Eltern haben dafür ein bisschen länger gebraucht.

    Wie sehr mich diese Erfahrung geprägt hat, merke ich jetzt auch in der Kunst. Ich mag es, Position zu beziehen, die Dinge für mich zu klären.  Bei meinem aktuellen Werk „Wüstungen" geht es um Orte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in denen Menschen zwangsumgesiedelt wurden, die Dörfer wurden abgerissen. Viele der Menschen in diesen Orten waren regimekritisch, man hatte Angst, dass sie sonst fliehen könnten. Außerdem blockierten diese Dörfer das Schussfeld.

    Es sollten noch mehr Orte abgerissen werden


    Auf meinen Fotos zeige ich allerdings keine Spuren von den früheren Orten, obwohl es dort zum Teil noch Hofeinfahrten oder überwucherte Küchenkacheln gibt. Ich zeige nur die Natur, die sich alles zurückgeholt hat. Damit will ich Bühnen, die der Betrachter mit dem Wissen, dass dort einmal ein Ort war, selbst füllen soll.

    Ich selbst hatte an diesen Orten ein ähnliches Gefühl wie auf einem Friedhof. Man weiß: „da war etwas, aber es ist nicht mehr.“ Und trotzdem bleibt eine eigentümliche Aura. Deshalb wirken die Bilder vielleicht auch so schwer und getragen. Vielleicht ist das auch auf die gesamte DDR übertragbar: Jeder füllt dieses Gefäß anders, hat da andere Erinnerungen dran. Manche sagen „Es war ja nicht alles schlecht.“ Andere konnten ihr Leben erst leben, als es vorbei war. So funktioniert Erinnerung.

    Meine Recherche an den „Wüstungen“ geht auch nach der Ausstellung weiter. Mein Kollege Göran Gnaudschun schreibt Texte dazu, wir waren in Archiven, haben die ganzen Planungen zu den Abrissen und Umsiedlungen eingesehen. Darüber hinaus treffen wir Zeitzeugen, sammeln Fotos aus der Zeit, als die Orte noch standen. Es sollten noch viel mehr Orte abgerissen werden. Da kam dann aber die Wende dazwischen.“

    [plugin bildergalerielight Bild10="Der ehemalige Grenzort Jahrsau" Bild11="Der ehemalige Grenzort Erlebach I" Bild12="Der ehemalige Grenzort Zarrentin - Strangen"]



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  • 10/02/15--07:22: Bye Bye Postkartenmotiv!
  • Etwas Gras, ein bisschen Stahl gegen den Himmel: Der Eiffelturm ist so ein Parade-Foto-Motiv. Schön. Ikonisch. Und bei allen sieht es gleich aus. Und deswegen ist es ganz schön langweilig.

    Damit wir nicht mehr nur vor den Fontänen, Palästen, Brücken und Plätzen der Welt munter banal vor uns hin fotografieren, hat der Künstler Phillipp Schmitt eine Kamera entwickelt, die kein Postkarten-Motiv mehr zulässt.

    http://www.youtube.com/watch?v=4Ggxd-N7me8

    In die Kamera ist ein GPS integriert, das im Umfeld nach Fotos mit geotag sucht. Wie bei einem Geigerzähler teilt das Gerät über ein Mikrofon mit, wie viele Hobbyfotografen das Motiv vorher schon vor der Linse hatten. Zu viele Fotos von der hübschen Postkarten-Ansicht? Dann fährt die Camera Restricta einfach den Auslöser ein.

    Momentan ist die Kamera noch ein Kunst-Projekt und nicht auf dem freien Markt erhältlich. Aber auf einer City Tour durch Kopenhagen hat sie eine Fotografin schon mal getestet. Da fängt es plötzlich an zu knistern, als sie an einem Fitnesstudio vorbeiläuft: „Ah! Fitness Selfies.“ Auch davor könnte uns die Kamera bewahren.


    sina-pousset

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    Die Mädchenfrage





    Die Wohnungen von Freunden sind wie kleine Alltagsmuseen: perfekt abgestimmtes Geschirr, ausgefallene Posterkollektionen oder Stapel mit dreckiger Wäsche verraten viel über den Lebensstil einer Person. Deshalb sind ja diese Fernsehshows, bei denen die Wohnungen semi-bekannter Leute durchwühlt werden, so beliebt. Ich kann das nachvollziehen. Zwar reiße ich keine Schubladen auf, habe aber auch großen Spaß am Wohnungs-Voyeurismus. Bei euch Jungs stoßen meine hobbypsychologischen Anstrengungen allerdings an ihre Grenzen.

    In meinem männlichen Freundeskreis hat sich ein Einrichtungstrend durchgesetzt, den ich nicht verstehe: Kaum persönliche Gegenstände, keine Bilder, Pflanzen oder Teppiche, kein Schnickschnack. Meistens eine Matratze irgendwo in der Ecke. Bei den Kreativeren liegt sie auf einer Palette oder einem selbstgebauten Bierkistengerüst. Vielleicht noch ein Sessel oder ein Plattenspieler. Und immer Boxen. Teure Boxen.

    Letzteres ist wichtig, weil es bedeutet, dass der Spartaner-Trend nicht aus finanzieller Not geboren wurde. Ihr verzichtet bei eurer Einrichtung also ganz bewusst auf jeglichen Komfort. Unsere Kleiderstange kann man als Provisorium bezeichnen, aber wie lebt man in diesem dauerhaften Übergangsmodus? Denn egal ob in Berlin, München oder Hamburg: Bei vielen meiner Jungsfreunde sieht es so aus, als wären sie gerade erst eingezogen und die eigentlichen Möbel kämen jeden Moment nach. So lange steht der Aschenbecher auf dem Dielenboden und die Matratze liegt eben in der Ecke. Irgendwie stylisch und bohèmehaft, aber nicht gerade wohnlich.

    Was sagt das über euren Lebensstil aus, wenn ihr euch freiwillig auf einem Bett ohne Lattenrost quält, im Winter in einem Teppichlosen Altbauzimmer die Zehen abfriert und euch vom grellen Licht einer nackten Glühbirne terrorisieren lasst? Ich stehe ja auch nicht auf überladene Ramschzimmer mit Blümchentapete und Kissenbergen. Aber ein bisschen möchte man sich doch wohlfühlen, oder? Soll das eine Kampfansage gegenüber dem Ikea-Materialismus sein? Ist es euch schlicht zu banal, Geld für Gemütlichkeit auszugeben? Oder habt ihr letzten Endes doch Angst vor unserem Urteil, sodass ihr eigentlich unseretwegen auf sämtlichen Individualismus verzichtet?

    >>>Die Jungsantwort von Patrick Wehner


    [seitenumbruch]Die Jungsantwort



    Liebe Mädchen, ich muss sagen, die Frage trifft ziemlich ins Schwarze. Verteidigung zwecklos. Deswegen versuchen wir mal, euch das zu erklären. Und fangen bei der Matratze an – weil die ist ein bisschen pars pro toto.

    Die meisten Jungs mit einer Matratze hatten mal ein Bett. Und das hat man ja auch deshalb, weil man von Zuhause auszieht und die Mama und die Oma einem ein bisschen Geld geben, um sich bei Ikea die Basis-Einrichtung kaufen zu können. Töpfe, Besteck. Und ein Bett. Das eine dunkle von Ikea, wo man nicht mehr diesen Stahl-Stangen Schnick-Schnack hat, am Kopfende des Bettes. Weil so was ist immer ein bisschen Jugendzimmer. Nach ein paar Monaten aber: große Ernüchterung. Bett am Arsch. Durchgebrochen. Und weil man zu dem Zeitpunkt weder das Geld noch die Lust noch das Auto mit Anhänger hat, um an den Stadtrand ins Möbelhaus zu fahren, wird man große Teile des Bettes los, indem man es in der Nacht irgendwo zwischen zwei Mülltonnen stellt. Oder es auf den Gang hievt, an die Wand lehnt und ab dann so tut, als wäre es gar nicht mehr da.

    Und dann schläft man zum ersten Mal nur auf der Matratze. Und denkt sich: ist ja eigentlich ganz geil. Die Perspektive ändert sich völlig. Man sieht plötzlich unter den Türspalt und weiß, wann man lieber schnell die Bettdecke hochzieht und die Lautstärke des Computers runterdreht. Beim Sex quietscht und knarrt nix mehr und schöne Momente werden dadurch nicht mehr zu albernen. So geht das meistens  los. Und irgendwann merkt man, dass diese Übergangslösung eigentlich gar keine ist. Sondern ein ziemlicher guter Zustand.

    Wir lieben an dem Provisorischen ja das Cowboyhafte. Die Tatsache, dass wir es uns in der Nacht an einem Feuer gemütlich machen können und alles haben, was uns das Leben schön macht – wir aber am nächsten Tag einfach weiterziehen können. So ein Provisorium, wie ihr das nennt, erinnert einen immer daran, was wichtig ist im Leben. Und bislang hat sich noch kein Mädchen über das Spartanische beschwert. Die meisten finden das ja super. Vielleicht, weil sie den Kontrast zu ihren Wohnungen suchen. Vielleicht, weil sie Potential sehen, selber gestalterisch tätig werden zu können. Vielleicht aber auch aus diesen Gründen:

    Ihr dürft in unserem Bett rauchen, wenn ihr wollt. Euer Weinglas oder die Bierflasche auf den Dielenboden stellen. Der kleine Baum, der zwischen Matratze und dem Altbau-Fenster steht, gibt euch das Gefühl, irgendwie draußen in der Freiheit zu schlafen und trotzdem geborgen zu sein.

    Jungs, die auf einer Matratze schlafen, werden euch auch nie damit nerven, Handstaubsauger kaufen zu wollen. Sie werden auch nie sagen, dass ihr euch bitte nicht mit Straßenklamotten ins Bett legen sollt. Sie versuchen nicht euch mit großen Autos zu beeindrucken. Nein, Jungs auf der Matratze sind Cowboys der besten Sorte.

    Vielleicht leben wir auch gerne in einem Provisorium, weil das Gegenteil uns einfach sehr abschreckt. Die supergemütliche Couch mit dem supernicen Flatscreen davor, die einen daran hindern,  raus zu gehen und den Abend seines Lebens zu suchen und zu verbringen. Vielleicht haben wir so wenig, weil uns dadurch weniger in der Wohnung hält. Möglicherweise haben einige von uns auch Angst vor eurem ästhetischen Urteil, so dass wir auf sämtlichen Individualismus verzichten. Vielleicht lassen wir aber auch Platz, damit eines Tages ein nettes Mädchen kommt und einen Teppich mitbringt.

    Patrick Wehner

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  • 10/03/15--07:04: "Herkunft ist unwichtig"
  • Du bist in Hamburg geboren, als Kleinkind aber nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen, als die Wiedervereinigung längst passiert war. Hast du trotzdem noch Unterschiede gespürt zwischen Ost und West?
    Wenig, ehrlich gesagt. Also die Kids, mit denen ich zu tun hatte, sind alle nach der Wiedervereinigung geboren. Da hat das nicht mehr so eine große Rolle gespielt. Es gab schon mal unterschwellige Kommentare, nach dem Motto "Ossi, Wessi". Ich bin irgendwie beides. Aber wenn wir darüber Witze gemacht haben, dann immer eher freundschaftlich.

    Und du hast immer Freunde aus beiden Teilen von Deutschland gehabt?
    Ja. Auf jeden Fall. Die Frage kommt mir schon fast absurd vor, weil das für mich gar keine Rolle spielt, wer aus dem ehemaligen Osten oder Westen ist.


    Felix Jaehn war mit seiner Remix-Version des Songs "Cheerleader" vom jamaikanischen Sänger Omi als erster deutscher Künstler seit Langem auf Platz 1 der US-Charts

    Hat der Mauerfall oder die Wiedervereinigung dann überhaupt eine große Bedeutung für dich?

    Ich bin einerseits relativ cool damit, weil das für mich nie anders war. Aber mir ist schon bewusst, was das für eine große Bedeutung hat für unser Land. Deshalb bin ich happy, heute beim Festival der Einheit mit so vielen Menschen zusammen feiern zu können. Ich habe natürlich auch über meine Eltern oder Großeltern viele Geschichten gehört und wir hatten das in der Schule. Die lag unmittelbar in der Nähe der ehemaligen Grenze.

    Du hast ja auch mal in Berlin gewohnt. Wurde das Thema dann nochmal lebendiger?

    Also, ich habe nur knapp drei Monate in Berlin gelebt. In der Zeit war ich mit anderen Sachen beschäftigt. Aber vor fünf Jahren waren zum 20. Jubiläum der Wiedervereinigung Dominosteine entlang der ehemaligen Grenze aufgebaut, die dann umfielen. Das habe ich mir mit meinem Dad in Berlin angesehen. Da wurde mir sehr bewusst wurde, was das für eine Bedeutung hat.


    "Bis ich jemand in New York oder Las Vegas erklärt habe, wo Mecklenburg-Vorpommern liegt, ist einfach zu viel Zeit vergangen."


    Was sagst du den Leuten in den USA, wenn sie dich fragen, woher du kommst?
    Ich sag in der Regel aus Deutschland oder aus Hamburg. Das ist ja die nächste große Stadt, die man so kennt. Bis ich jemand in New York oder Las Vegas erklärt habe, wo Mecklenburg-Vorpommern liegt, ist einfach zu viel Zeit vergangen. Deshalb sage ich Hamburg oder Norddeutschland oder einfach an der Ostsee.

    Und wenn die Leute dann mitkriegen, dass du in Ostdeutschland aufgewachsen bist, interessiert die das?

    Mit den Menschen, mit denen ich spreche, geht es meistens eher um Musik. Die Herkunft ist da eher unwichtig.



    Die Party-Kultur in den USA unterscheidet sich ja sehr von Deutschland, also zum Beispiel von Berlin, oder?

    Was mir erstmal als Grundunterschied aufgefallen ist, dass es in Amerika schneller vorbei ist. Die haben nicht die Lizenz, ewig durchzufeiern. Da ist der Höhepunkt meistens schon um zwölf. Um drei müssen die den Laden dichtmachen. Ich habe das Gefühl, deshalb betrinken sich die Leute meistens viel exzessiver. Und dann ist der Abend aber auch wieder schnell vorbei.

    Würdest du da eher die deutsche Party-Kultur vorziehen?

    Ich finde es schon wesentlich angenehmer, wenn der Abend gemütlich verläuft. Ich war aber auch noch nicht so oft in Amerika, dass ich da abschließend was sagen könnte. Aber bisher hatte ich bei meinen DJ-Auftritten in Deutschland mehr Spaß. Weil auch das Publikum die Genres besser versteht und es einfach eine etabliertere Dance-Kultur gibt.

    Wenn du lange nicht in deiner Heimat warst, vermisst du Mecklenburg dann manchmal trotz der schönen kalifornischen Strände?

    Auf jeden Fall. Ich komme so oft wie es geht nach Hause, auch wenn es manchmal nur für 20 Stunden ist und es dann wieder zum Flieger geht. Ich wohne in Mecklenburg fast am Strand. Die Felder, die Weite, das ist schon wunderschön. Das genieße ich immer sehr.

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  • 10/07/15--08:23: Der Ungeliebte



  • Vorweg eins: Ich weiß, dass es normal ist, einige Menschen anderen vorzuziehen. Das hat nichts mit Boshaftigkeit oder Unhöflichkeit zu tun. Sondern mit einer, nennen wir sie klischeehaft: zwischenmenschlichen Chemie. Dass man deshalb nicht nur unter Bekannten, sondern auch innerhalb der engsten Familie einige Menschen anderen vorzieht, ist logisch. Freunde aber kann man sich aussuchen. Familie nicht. Wen man hier nicht mag, den wird man nicht los. Er hängt zu sehr an den anderen mit dran: Vater, Mutter, Geschwister, manchmal auch Großeltern, werden regelmäßig gemeinsam besucht, antelefoniert, und so weiter.

    Man tut also gut dran, alle so zu nehmen, wie sie sind. Aber so einfach ist das nicht. Manchmal mag man ein Familienmitglied lieber als andere und das ist ein großes Problem. Denn irgendwo steht im ungeschriebenen Moralkodex die Regel, dass man in der Familie keine Liebesunterschiede machen darf. Beziehungsweise, dass man versuchen muss, sie zu relativieren und wegzudrücken. Wo käme man da auch hin, wenn die Eltern einem sagten: Es tut mir leid, dass ich die nie frage, ob wir gemeinsam wandern gehen, ich habe eben deinen Bruder lieber.

    Wir sind drei Brüder. Der älteste lebt in Köln, mein kleiner Bruder und ich leben in Berlin. Wir jüngsten hängen viel zusammen rum. Wir gehen zusammen boxen, treffen uns am Wochenende zum Frühstück oder Filmabend und oft übernachtet er auch bei mir, obwohl er nur ein paar Straßen weiter wohnt. Wir haben keine Vereinbarung, wir müssen uns voreinander an nichts halten, wir spüren uns einfach und wissen, was der jeweils andere braucht. Das macht es so einfach und so angenehm.

    Man kann nicht jeden Menschen mögen. Aber weil wir Geschwister sind, bekommt dieses Ungleichgewicht der Liebe eine grausame Dimension.


    Unser großer Bruder ist der Außenseiter. Nicht nur wohnt er weit weg, auch haben wir zu ihm ein kühleres Verhältnis. Mein kleiner Bruder versteht sich etwas besser mit ihm als ich. Er findet ihn zwar auch manchmal seltsam, aber er beißt sich daran nicht so fest. Er begegnet ihm unbekümmerter. Mich hingegen nervt mein großer Bruder meistens. Wir telefonieren deshalb so gut wie nie. Auf seine gutgemeinten, interessierten Nachrichten oder seine Urlaubsbilder reagiere ich knapp und effizient. Mit ihm zu kommunizieren ist für mich lästige Pflicht. Geschwisterpflicht. Familienpflicht. Ich halte zu ihm Kontakt, weil mir die Vorstellung, ihn auszuschließen, das Herz bricht. Er gehört mit dazu, wir sind eine Familie. Aber wenn ich ehrlich bin, fühle ich nicht viel, wenn ich an ihn denke.

    Ich kann das nicht einmal konkret begründen. Er ist ein gutmütiger Typ, aufgeschlossen, freundlich. Aber irgendwie haben wir uns schon als Kinder nicht besonders gut verstanden. All das, für das er sich interessierte, hat mich kein bisschen interessiert. Seine Freunde fand ich langweilig, seinen Musikgeschmack auch. Keine Tangenten irgendwie. Seit wir erwachsen sind, bemüht er sich um ein herzliches Verhältnis zu mir, aber ich bleibe meist verschlossen. Er hat eine laute Stimme, eine naiv-altkluge Art. Wenn ich viel Zeit mit ihm verbringen muss, nerven mich diese Eigenschaften irgendwann. Mit ihm darüber zu sprechen, würde ihn nur unnötig verletzen. Es ist einfach seine Art, und die kann er nicht ändern. Soll er ja auch gar nicht. Dass ich damit nicht so gut klarkomme, ist mein Problem. Man kann nicht jeden Menschen mögen. Aber weil wir Geschwister sind, bekommt dieses Ungleichgewicht der Liebe eine grausame Dimension.

    Neulich wollte er zu Besuch nach Berlin kommen. Meistens wohnt er dann bei meinem kleinen Bruder. Dieser hat aber gerade eine etwas komplizierte Affäre und noch dazu mit seinem dualen Studium viel zu tun, also verwies er ihn diesmal auf mich als Gastgeber. Ich hätte sogar etwas Zeit gehabt, aber die wollte ich lieber zu etwas nutzen, das mir Spaß macht. Meine Ruhe haben, lesen, zu Hause rumhängen, vielleicht mal Freunde zum Essen einladen, sowas. Die Vorstellung, stattdessen vier Nächte lang meinen für mich anstrengenden Bruder in meinem Bett schlafen zu lassen, hat mich fast körperlich beklemmt. Ich wollte das nicht. Und wenn unsere Eltern uns eine Sache beigebracht haben, dann, dass man nie etwas machen muss, was man nicht will. Aber ich wusste nicht, wie ich meinem großen Bruder das sagen sollte. Es hätte ihn verletzt.

    Ich habe also meinen kleinen Bruder gefragt, was ich jetzt machen soll. Er konnte nichts dazu sagen. Er wollte nichts dazu sagen. Ich habe gemerkt, dass ihn mein Geständnis traurig gemacht hat. Die Liebeserklärung, die es umgekehrt ja an ihn bedeutet hat, hat ihn beschämt und stellvertretend für unseren großen Bruder furchtbar traurig gemacht. Ich habe ihm dadurch eine Art Schuld aufgeladen. Die Schuld, der Liebling zu sein. Da wurde mir die Tragweite der Familienverpflichtung erst richtig bewusst. Sich gegen einen zu entscheiden, heißt, alle zu verletzen.

    Mein kleiner Bruder war dafür, dass ich unseren großen Bruder trotzdem einlade. Ich habe drüber geschlafen und noch mal drüber geschlafen und mich dagegen entschieden. Kurz hatte ich überlegt, es zum Wohle aller einfach über mich ergehen lassen. Aber dann habe ich alle Male, die wir uns in den letzten Jahren sahen, noch mal Revue passieren lassen und wusste: Ich will das nicht. Es wird mich langweilen und nerven. Es wäre unehrlich, ihn einzuladen und zu riskieren, dass er spürt, wie wenig er willkommen ist. Ich bin nicht gut drin, meine Sympathien und Unsympathien zu verbergen.

    Ich habe dann eine Ausrede benutzt und gesagt, dass ich auf eine wichtige Prüfung lernen muss, von der ziemlich viel abhängt. Ich habe ihn gebeten, ein anderes Mal zu kommen. Natürlich in der heimlichen Hoffnung, dass mein anderer Bruder ihn dann wieder beherbergt und ich raus bin aus der Nummer. Hätte sich so eine Situation in einer Freundschaft abgespielt, wäre dies der Punkt gewesen, an dem man sie endgültig beendet. Man hätte gesagt: Du, das mit uns, das ist nichts, das wird auch nichts mehr. Ich fühle das nicht. Lass uns keine Freunde mehr sein. Ist doch für uns beide nicht gut. Schönes Leben noch.

    Aber Geschwister sind eben keine Freunde. Man kann sich nicht gegen sie entscheiden, ohne sich damit nicht auch gegen die ganze Familie zu entscheiden. Das klingt mittelalterlich, das klingt revolutionsbedürftig, unaufgeklärt, leblos – aber es scheint so zu sein.

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