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    Oh Schreck: Der Allerlei schließt! In großen Banderolen steht es dran an der Fassade. „Wir schließen“. Prozentsymbole. Sale bei Allerlei? Wie soll das denn gehen, in diesem Laden, wo eh alles maximal billig ist? Kriegt man da Geld zurück?

    Der Allerlei ist, beziehungsweise bald: war, die Mutter aller Ein-Euro-Shops und Nanunanas dieser Welt. Natürlich ist das eine freche Behauptung, aber wer shoppingmäßig in der Münchner Fußgängerzone sozialisiert wurde, für den fühlt es sich eben so an. Der Allerlei, direkt gegenüber vom Oberpollinger in der Neuhauser Straße, war immer eine Institution des Krimskrams, des Billig-Blingbling und des Staubfängertums. Er war die erste Anlaufstelle aller shoppenden Teenies, die aus dem Umland mit den S-Bahnen angefahren kamen. Das erste, was man im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren überhaupt von München sah und begehrte: Rolltreppe hoch, im Augenwinkel die schwarz-weiß gestreiften T-Shirts der Footlocker-Mitarbeiter vorbeiziehen lassen und abtauchen in das Neonlicht des Trash-Universums Allerlei. In acht roten Lettern schwebt der Name über der ganzen Breite des Eingangs. Ein Laden wie ein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt. Hier fühlte sich noch das jämmerlichste Taschengeld an wie der ganz große Reichtum. Hier gab es alles, und zwar für fast nichts: Glitzergürtel, Stimmungsringe, Bilderrahmen, Seifen, Oscar-Trophäen, die man selbst mit Namen bekleben konnte. Singende Enten, coole Caps, Geldbeutel, Taschen, Bauchkettchen, Ohrringe, Kerzenständer, Duftkerzen, Comic-Boxershorts, Partytröten, Murmeln. Allerlei eben. Total irre.

    In so einen Laden wären die eigenen Eltern mit einem nicht gegangen. Mit denen fuhr man nach München, um bei Konen mal wieder eine anständige Hose zu kaufen.


    Typischer Dialog, wenn jemand mit einem coolen neuen Accessoire auf einem Umland-Schulhof ankam: - „Cooles xy!“ - „Das hab ich vom Allerlei“. - „Woah, echt? Will ich auch.“ Primark-Syndrom, bevor es Primark gab, und eben nicht mit Klamotten, sondern mit Tinnef.

    Besonders verführerisch war der Allerlei aber nicht nur wegen der billigen Preise, sondern auch wegen des vagen Gefühls, hier zum ersten Mal selbst zu entscheiden, wo und wie man einkaufte. In so einen Laden wären die eigenen Eltern mit einem nicht gegangen. Mit denen fuhr man nach München, um bei Konen mal wieder eine anständige Hose zu kaufen. Hier das Gegenteil davon: voll, eng, stickig, im Hintergrund unaufhörlich anstrengende Plastikmusik, dazu die giftige Mischung aus Made-in-China-Geruch und billigen Duftkerzenausdünstungen. In jeder Ecke nervte irgendwas, blinkte, piepte, surrte, eierte und war schon kaputtgenudelt bevor überhaupt verkauft. Durch die Gänge schoben sich Jungs und Mädchen, die man hinter vorgehaltener Hand „Gangster“ und „Keulen“ nannte, diese derben gleichaltrigen Stadt-Gang-Kinder, denen das Abhängen unter den Palmen am Stachus und das Fläzen in den McDonald’s-Sitzbänken leider viel besser stand, als einem selbst. Und alle paar Meter natürlich Obszönitäten: Schlechte Sexwitze auf Kochschürzen oder Socken oder Unterhosen, Feuerzeuge in Brust- oder Kondomform. Als Teenie kaufte man da genauso gern ein, wie man hinterher bei McDonald’s aß: Weil’s geil war! Weil man konnte! Weil es zu jedem Stadtbesuch dazu gehörte und weil die Eltern endlich nicht mehr dabei waren.

    >>> Im Allerlei wurdenwohlbehütete Gautinger Wohlstandskinder zu potenziellen Kleinkriminellen.[seitenumbruch]



    Fast jedes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, das man zwischen zwölf und 14 verschenkte, stammte aus dem Allerlei. Der Bilderrahmen für Papa, die Kerze für Mama, das Armband für die kleine Schwester, die Schlüsselkette für den Bruder, der Hanf-Aufnäher für die beste Freundin.

    Und dann – oh ja, auch so ein Allerlei-Moment – plötzlich große Aufregung im Freundeskreis, als plötzlich die Diebstahlkontrollen eingeführt wurden. Bei fast jedem Besuch wurde mindestens ein Mitglied aus der Clique von einem Ladendetektiv ins Hinterzimmer gezogen und musste alle Taschen ausleeren. Standardsatz der Kontrolleure: „Ich glaube, ich hab da vorhin was Glitzerndes in deine Tasche rutschen sehen. Bitte einmal mitkommen.“ Zum Glück kam man meist unbelastet wieder raus aus den trostlosen Hinterzimmerbüros, weil wir uns das Klauen gar nicht trauten. Aber klar: Allerlei war natürlich ein Diebstahlparadies. Immer zu voll, immer zu wuselig, und wie gesagt: diese abgetrashte Sündenpfuhl-Atmosphäre. Im Allerlei wurde das so wohlbehütete Gautinger Wohlstandskind potenziell zum Kleinkriminellen.

    Aber genauso schnell, wie man dem Allerlei-Wahnsinn verfallen war, genauso schnell gewöhnte man ihn sich wieder ab. Man musste nur 15, 16 werden und schon war der Laden nur noch Kulisse. Einkaufsstraßen-Fassade. Ging man nicht mehr rein, ging man jetzt dran vorbei. Der Footlocker nebenan wurde wichtiger. Oder der Mighty Weeny um die Ecke. Aber dass der Allerlei trotzdem immer da blieb, das war wichtig. Fürs Gefühl. Zum Dranvorbeigehen. Da sind sie, die roten Buchstaben, alles ist gut. Der Allerlei war immerhin noch die Illusion einer Zeitkapsel. Als müsse man bei Bedarf nur reingehen und könne sie alle unverändert wiedertreffen, die dreizehnjährigen Freundinnen von damals: Beccy, Coco, Speedy, Lena, Bine, sich selbst auch, da hinten in der Ecke bei den Bauchkettchen.

    Jetzt zerstört diese Zeitkapsel sich selbst. Was auch immer auf den Allerlei folgen wird, es wird wie ein Spiegel sein, in den man schaut und merkt: Früher gibt’s nicht mehr.

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  • 09/17/15--03:59: Ohne Worte



  • Nele Müller, 28, studiert Design an der Hochschule München und arbeitet selbstständig als Kommunikationsdesignerin. Ihre Bachelorarbeit könnte vielen Flüchtlingen, die neu in der Bayernkaserne oder anderen Erstaufnahmelagern ankommen, die Orientierung sehr erleichtern. Nele hat Designs für eine App mit Infokarten entworfen, die vor allem über Piktogramme funktionieren. Der Name des Projekts: „Infomapp“, eine Mischung aus Infomap und App.

     
    jetzt.de: Nele, wohin führen deine Infomapps?
    Nele Müller: Zu allen Angeboten und Anlaufstellen in der Bayernkaserne. Die Karten, die ich für meine Bachelorarbeit entwickelt habe, sind speziell für die Flüchtlinge dort. Aber mittlerweile kann ich mir vorstellen, dass das Konzept auch im Tourismus funktionieren kann.
     
    Da ist es ja ganz gut, dass es so einen neutralen Namen hat.
    Das war die Idee dahinter. Zudem wollte ich dem Ganzen keinen „Flüchtlings-Namen“ geben. Vielleicht haben die Flüchtlinge das ja auch gar nicht so gern und wollen nicht jeden Tag daran erinnert werden, dass sie geflohen sind.

    Wurde dir das Thema in der Uni zugeteilt?
    Nein, ich wollte ein aktuelles Thema und eines, das sich auch real umsetzen lässt. Außerdem wollte ich etwas für die Flüchtlinge tun. Deswegen bin ich öfter zur Bayernkaserne gefahren und habe dort mit den Leuten von der Inneren Mission geredet und mich erkundigt. Die haben dann gesagt, dass es Verständigungsschwierigkeiten bezüglich ihrer Lagepläne gibt.
     
    Welche Verständigungsschwierigkeiten?
    Grundsätzlich war das Problem, dass es Informationsmaterialien nur auf Deutsch und Englisch gab. Viele Flüchtlinge verstanden Wörter wie „House“, „Room“ oder „Catholic Priest“ nicht, weil sie kein Englisch können. Dann mussten sie also andere Flüchtlinge oder einen Dolmetscher fragen, um zu verstehen, worum es bei den jeweiligen Infos überhaupt ging. Der schnelle Zugang zu Informationen ging so natürlich verloren.
     
    Deshalb sollten deine Karten weitgehend ohne Sprache auskommen.
    Ja. Außerdem sind sie der Übersichtlichkeit halber in vier farbige Kategorien unterteilt, wobei es pro Kategorie jeweils einen gefalteten Flyer gibt. Die Farben sind dabei so gewählt, dass auch sie schon eine Assoziation zum Thema zulassen: Grün steht für Sport und Freizeit, rot für Verwaltung und blau für Beratung und Hilfe. Das hilft nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch den Mitarbeitern in der Bayernkaserne. Zur Sicherheit ist der Kategorie-Name aber auch noch einmal in den acht wichtigsten Sprachen abgedruckt.
     
    Und wie sehen die Informationen selbst aus?
    Auf der Vorderseite der Flyer sind vier Piktogramme als eine Art Inhaltsverzeichnis abgebildet. Wenn man den Flyer aufschlägt, sieht man die Angebote der Kategorie im Einzelnen. Die jeweiligen Termine werden als Zeitspanne mit einer Hausnummer und einer Raumnummer dargestellt und auf einer Karte ist verzeichnet, wo man den Ort auf dem Gelände findet.

    >>> Bei den Tests merkte Nele, dass das "i", das für uns eindeutig auf einen Infoschalter hinweist, von vielen Flüchtlingen für einen Menschen mit Kopf und Körper gehalten wurde.
    [seitenumbruch]
    Hast du die Verständlichkeit der Flyer während des Produktionsprozesses auch getestet?
    Ich war immer wieder in der Bayernkaserne, habe mich in Deutschkurse gesetzt und den Teilnehmern meine Piktogramme gezeigt. Daraufhin musste ich auch immer wieder einzelne Piktogramme verändern. Sogar solche, die man hier bei uns als vollkommen selbstverständlich auffassen würde: Manche Flüchtlinge haben nämlich das kleine „i“, bei dem wir einen Informationsschalter erwarten würden, als Person mit Kopf und Körper verstanden. Deshalb habe ich es durch ein Fragezeichen ersetzt, das kennt man nämlich auch im Arabischen.



    Farben, Bilder, wenig Text: damit will Nele Flüchtlingen die Orientierung erleichtern.

    Hast du das Gefühl, dass wir uns zu wenig mit den Sichtweisen oder Gewohnheiten anderer Kulturen auskennen?
    Wenn wir einen Anblick so gewohnt sind wie das Informations- oder auch das Parkplatzzeichen, ja. Wie solche Zeichen in Syrien oder Eritrea dargestellt werden, ist uns in den meisten Fällen ja gar nicht klar. Auch nicht, ob es dort überhaupt Äquivalente gibt. Deshalb dauert es auch so lange, solche Piktogramme zu entwickeln. Um ein einziges Bild zu erhalten, das auf alle Kulturen zugeschnitten ist, muss es viele Kreations- und Testphasen geben. Wenn man so etwas überhaupt erreichen kann. Aber es funktioniert: Das sieht man ja an unseren Bahnhöfen und Flughäfen.
     
    Im Namen „Infomapp“ steckt auch „App“ – gibt es deine Flyer auch für Smartphones?
    Noch nicht, aber die Überlegung gibt es. Sehr viele Flüchtlinge haben ja Smartphones, da liegt es nahe, die Informationen auch über eine App rauszugeben. Außerdem wäre es viel einfacher, Änderungen bekannt zu geben, wenn doch einmal ein Termin zu einer anderen Zeit stattfindet, zum Beispiel. Aber ein paar Probleme gibt es da trotzdem noch. Eine App zu entwickeln, ist ja auch wieder eine riesige Aufgabe, erst recht, weil sie auf mehreren Betriebssysteme laufen müsste. Gerade bin ich auf der Suche nach jemandem, der das kann. Vielleicht wird es auch erst einmal eine Website, die bietet ja größtenteils dieselben Vorteile.
     
    Und wer trägt für die gedruckte Version die Kosten? Hast du irgendwelche Sponsoren?
    Nein, dafür habe ich kein Geld verlangt. Ich habe die Flyer ja im Rahmen meiner Bachelorarbeit entwickelt und der Rest ist freiwilliges soziales Engagement. Ich bin einfach sehr froh, wenn meine Karten im „Lighthouse Welcome Center“, der zentralen Anlaufstelle in der Bayernkaserne, ausliegen und sich die Menschen dadurch besser zurecht finden und orientieren können.
     
    Wann bringst du deine Infomapps unter die Leute?
    Einen genauen Termin gibt es noch nicht, weil noch ein paar inhaltliche Anpassungen anstehen und Tigrinisch, die Sprache, die in Eritrea am meisten gesprochen wird, noch mit aufgenommen werden soll. Ansonsten steht aber alles. Wir stecken also im letzten Feinschliff.
     
    Vielerorts wurden in den vergangenen Tagen Notunterkünfte aus dem Boden gestampft. Ließen sich deine Flyer auch darauf anpassen?
    Das ist genau das Ziel von Infomapp: Sie sollen nicht nur in der Bayernkaserne funktionieren, sondern auch in weiteren Unterkünften. Da müssten dann nur die Angebote und der Orientierungsplan an den jeweiligen Standort angepasst werden.

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  • 09/17/15--05:20: Deckname "Duck Hunter"
  • In der Fernseh-Debatte der Republikanischen Bewerber um den Posten des Obama-Herausforderers wurde gestern die hübsche Frage gestellt, welchen Decknamen sich die Kandidaten geben würden, wenn sie Präsident werden würden.

    https://www.youtube.com/watch?v=evjP_l9J5Ko

    Jeder US-Präsident bekommt so einen Decknamen, seine Angehörigen ebenfalls. Vom Secret Service, also von diesen Typen, die in US-Serien immer in superunauffälligen schwarzen Anzügen neben superunauffälligen schwarzen Riesen-SUVs stehen und deren Job es ist, auf den Präsidenten aufzupassen. Damit die über Funk nicht sagen müssen, dass der Präsident jetzt gleich durch den Park des Weißen Hauses joggen geht und Mister Terrorist das mithört, führte man irgendwann Decknamen ein. Heute braucht man sie eigentlich nicht mehr, weil die Kommunikation sowieso verschlüsselt wird, aber naja, erstens weiß man ja nie, und zweitens bringen Decknamen halt viel Spaß in den Aufpasseralltag. Bill Clinton zum Beispiel hieß „Eagle“, Richard Nixon nannte man „Searchlight“.

    Gestern dann also die Frage, wie sich Trump und Co nennen würden. Die Antworten hätte sich ein Satiriker, der Witze über konservative US-Politiker machen will, nicht besser ausdenken können. Chris Christie würde sich „True Heart" nennen, Jeb Bush suchte sich „Ever-Ready“ aus. Scott Walker wollte ein bisschen an seinem Verwegener-Typ-Image schrauben und sagte, er würde sich „Harley“ nennen, Ted Cruz aus Texas sähe sich selbst gerne als die „Cohiba“ seines Landes. Und Donald Trump? Der selbstverliebte, inhaltsbefreite Ober-Angeber, der bislang für die meisten Wahlkampf-Jokes gesorgt hat? Reagierte mit einer Ironie, die man leider ein bisschen cool finden muss, auf diese dämliche Frage: Er würde sich „Humble“ nennen, sagte er. Mit einem Blick, der alles andere als bescheiden war.


    Christian Helten



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    Wenn ein Moderator einen Sportler interviewen soll, ist es für beide Seiten angenehm, wenn der Moderator weiß, wer der Mensch ist, der ihm gegenüber sitzt.

    Diese Moderatorin wusste es nicht. Beziehungsweise, eigentlich war es noch ein bisschen schlimmer: Sie wusste nämlich nicht mal, dass sie es nicht wusste.

    https://www.youtube.com/watch?v=NSx0_18lC5w#t=44

    Ihre netten Redaktionskollegen hatten ihr Nationalspieler und Fußballweltmeister André Schürrle ins Studio gesetzt. Auf dem Zettel, den sie ihr dazu in die Hand gedrückt hatten, standen allerdings Informationen über einen E-Sports-Weltmeister. Und Fragen zu dessen Fachgebiet. Zum Beispiel, ob er der Meinung sei, dass „Denial“ sich verdienterweise durchgesetzt habe gegen „Revenge“ bei den „Call-of-Duty“-Championships? Dass Schürrle die Antwort nur nach einem kleinen Lachanfall hinbekam, machte die Reporterin ein bisschen stutzig. Zuvor hatte sie sich schon gewundert, dass der vermeintliche US-Gamer so gutes Deutsch spricht. Dafür hatte Schürrle aber eine plausible Erklärung parat: Er sei zweisprachig aufgewachsen.

    Das Schönste an dem Film ist aber eigentlich die Reaktion der Verarschten, nachdem sie erfahren hat, wer ihr da wirklich gegenüber sitzt. Nationalmannschaft? Fußball-Weltmeister? Die meisten Menschen wären da wohl in Ehrfurcht erstarrt. Sie nicht. Sie fragt einfach weiter ihre Nerd-Fragen. Und das ist ja auch mal ganz angenehm: Zu sehen, dass es eine Welt gibt, in der millionenschwere Fußballstars vollkommen egal sind.

    Christian Helten

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  • 09/18/15--01:00: Rewind?
  • Bei der Meldung wird es natürlich erstmal warm um viele Nostalgiker-Herzen. „Hipster bringen die Kassette zurück“ titelte das US-Magazin The Daily Dot vergangene Woche. Und erzählte dann von der Firma „National Audio Co.“, die als eines der wenigen tapferen Unternehmen noch Kassetten produziert – und deren Geschäft boomt. Zehn Millionen Kassetten hat die Firma laut eigenen Angaben vergangenes Jahr verkauft und damit Gewinn gemacht. Der Aufnahmegeräte-Hersteller TASCAM würde deshalb bereits wieder anfangen, Kassettenrecorder zu produzieren. Für Daily Dot der ultimative Beweis, dass das ganze nicht nur ein Hipster-Retro-Trend ist, sondern eine langfristige Sache. Aber gilt das auch für Deutschland?


    Mixtapes sind ja immer noch romantisch. Aber kann überhaupt jemand die Dinger noch abspielen?

    Eine kurze Online-Recherche ergibt: Ja, auch in Deutschland werden noch Kassetten produziert. Und zwar von Optimal-Media. Schreiben zumindest Wikipedia und diverse Magazine. Die Firma hat ihren Hauptsitz in Röbel an der Müritz - klingt sympathisch. Einmal nachgefragt stellt sich allerdings raus: Die schöne Geschichte stimmt nicht. „Wir waren lange Zeit der einzige verbliebene Hersteller von Kassetten, fertigen diese aber seit diesem Jahr nicht mehr“ schreibt eine Sprecherin. Vinyl stellten sie aber noch im großen Maßstab her. Hm.

    Also weiter zum europäischen TASCAM-Äquivalent: Philips. Die Firma hat 1963 die erste Kompaktkassette auf der internationalen Funkausstellung vorgestellt, dazugehöre Kassettenrecorder gab es auch. Die müssten ja merken, wenn die Kassette wiederkäme – reißende Absatzzahlen bei Kassettenrecordern und so. Tatsächlich kann man auch in diversen Online-Shops noch Abspielgeräte von Philips kaufen. Und anders als bei Sony, wo es 2010 einen lauten Aufschrei gab, als sie die Walkman- und Kassettenrecorder-Produktion einstellten, sind über Philips keine Meldungen in diese Richtung zu finden.

    Aber auch die Philips Recherche wirkt zunächste wie eine Enttäuschung: Eine sehr nette Dame in der Pressestelle sagt, die Firma stelle ebenfalls keine Kassettenrecorder mehr her. Bei Interesse an der Technologie könne sie ans Archiv weitervermitteln. „Archiv“ - allein der Begriff klingt schon nach dem Tod einer jeden Technologie. Und das soll jetzt wieder im Kommen sein?

    Einen Tag später dann aber doch noch Hoffnung: Eine Mitarbeiterin von Gibson Innovations meldet sich. Die Firma stellt seit 2014 lizenziert von Philips weiterhin Kassettenrecorder her, der Absatz sei dabei seit Jahren konstant. "Die Deutschen sind hörspielverrückt, da werden ganze Kassettensammlungen von Generation zu Generation weitervererbt. Und dementsprechend werden auch weiterhin Abspielgeräte benötigt", erklärt die Sprecherin. Also kein Trend nach oben, aber eben auch nicht das Ende. Puh.

    >> Und was machen die Hipster jetzt mit den Kassetten? >>


    [seitenumbruch]

    "Cassette Store Day" in Deutschland - aber wer macht da mit?



    Die letzte Hoffnung: Die Indie- und Hipsterszene, die der Artikel im Daily Dot ja auch als einen der Gründe für die neue Zukunft der Kassette anführt. Tatsächlich gibt es seit 2013 in England den„Cassette Store Day“, ein Event ähnlich dem „Record Store Day“, bei dem Plattenläden gefeiert werden – nur halt mit Kassetten. Am 17. Oktober 2015 soll es diesen Tag auch in Deutschland geben, maßgeblich initiiert von den beiden Berliner Labels „Späti Palace“ und „Mansions and Millions.“

    Um dabei mitmachen zu können, wurden deutsche Labels und Musikläden aufgerufen, Tapes extra für diesen Anlass zu veröffentlichen, die Läden aufzusperren und Events zu veranstalten. Am Telefon erzählt Amande Dagod von Späti Palace, dass Labels bereits Neuveröffentlichungen auf Kassette für diesen Tag angekündigt hätten, darunter auch große Indie-Labels. 25 Shops in ganz Deutschland würden ebenfalls mitmachen. Für Amande sind Tapes weitaus mehr, als ein Hipstertrend: „Ich glaube, dass Kassetten nie wirklich weg waren. Viele Leute haben immer noch welche aufgenommen: kleine Bands zum Verkauf für ihre Touren oder auch als private Mixtapes. Wir wollen das jetzt nur wieder mehr ins Bewusstsein bringen“, erzählt die 26-Jährige.

    Auf ihrem Label veröffentlichen primär kleine Berliner Bands, das Motto ist „cheap and cheerful … just like your local Späti“. Das passt auch zu Kassetten. Die sind nämlich vielseitig einsetzbar, sie zu bespielen ist günstig und geht schnell. Im Verkauf kosten sie meistens nur fünf Euro, Platten sind selten unter 15 zu haben .„Vinyl boomt gerade, wenn man eine Platte produzieren lassen will, muss man sich anstellen und warten. Außerdem passen auf eine 7-inch-Platte nur zwei bis vier Songs. Auf Kassetten kann kann man hingegen ein ganzes Album veröffentlichen. Und sie bespielen zu lassen, dauert nur zwei Wochen. Notfalls macht man es halt selbst“, sagt Amande. Dieses Selbermachen ist natürlich gerade in Zeiten der Do-it-yourself-Kultur angesagt.

    Für den Cassette Store Day haben viele Labels Mixtapes eingereicht, es wird auch eine Box geben, in die jeder sein eigenes Mixtape tun und ein anderes herausnehmen kann. Die Veranstalter erhoffen sich durch die ganze Aktion natürlich mehr Aufmerksamkeit für die Kassette – und für ihre Unternehmen. Die richtig großen machen da allerdings nicht mit, Kassetten scheinen hier, anders als Platten, weiterhin eher ein Nischentrend zu sein

    Aber wie soll das denn nun alles funktionieren, wenn in Deutschland niemand mehr Abspielgeräte geschweige denn Kassetten herstellt? Amande überlegt kurz. Dann sagt sie: „Ich glaube nicht, dass jeder Käufer einen Kassettenrecorder hat. Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig. Sie mögen es eher, die Kassetten zu sammeln und die Musik anfassen zu können. Das ist ja etwas besonderes.“

    Damit trotzdem jeder auch anhören kann, was er da gekauft hat, geht man übrigens ins Internet – jeder Kassette liegt mittlerweile ein Downloadcode bei.

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    In den USA gibt es seit den Achtzigerjahren weit mehr Collegeabsolventinnen als -absolventen. Welche Probleme das vor allem für junge, gut ausgebildete Frauen bei der Partnersuche mit sich bringt, hat nun der Journalist und Autor Jon Birger, 46, deutlich gemacht. Mithilfe von Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigt er in seinem neuen Buch “Date-onomics - How dating became a lopsided numbers game”, warum es heutzutage so schwer sein kann, den Richtigen zu finden. Ein Gespräch über Romantik, Online-Dating und ungleiche Verteilungen.


    jetzt.de: Jon, schon im Titel Ihres neuen Buches beschreiben Sie die Liebe als ungleiches Spiel. Warum?
    Jon Birger:
    Wenn man sich hier in den USA die Menschen zwischen zwanzig und dreißig anschaut, die einen College-Abschluss haben, dann kommen auf vier Frauen rechnerisch nur drei Männer. Und das beeinflusst das Kennenlernen untereinander nicht nur statistisch, sondern ganz konkret.

    Inwiefern?
    Naja, da es sozusagen einen Überschuss akademischer Frauen gibt, müssen sich Männer nicht so schnell festlegen. Daraus hat sich die “Hookup-Culture” entwickelt: man hat eher One-Night-Stands und lockere Beziehungen, geheiratet wird spät. Das liegt am Ungleichgewicht zwischen gut ausgebildeten Männern und Frauen. Das ist aber speziell ein amerikanisches Problem; es gibt rund 35 Prozent mehr weibliche Collegeabsolventen als männliche. In Deutschland besuchen nur sieben Prozent mehr Frauen als Männer eine Hochschule.

    Wann hat sich dieses Ungleichgewicht eingestellt?
    Im Jahr 1982 haben letztmals mehr Männer als Frauen einen Collegeabschluss erreicht. Schätzungen zufolge werden im Jahr 2023 47 Prozent mehr Frauen als Männer einen Abschluss machen - das heißt, es kommen dann drei Frauen auf zwei Männer.

    Warum kann man sich denn nicht einfach mit jemandem treffen, der keinen Collgeabschluss hat?
    Richtig! Das alles würde ja keine Rolle spielen, wenn wir gewillt wären, jemanden zu daten, der weniger gebildet ist als wir selbst. Aber weder Akademikerfrauen noch -männer möchten jemanden treffen, der ihnen intellektuell unterlegen ist. Online-Dating hat das allles noch verschlimmert: Hier geben fast alle Akademiker in die Suchmaske ein, dass sie jemanden suchen, der auch einen Collegeabschluss hat. Dabei ist das oft gar kein Kriterium, wenn man sich im echten Leben trifft. Ich habe eine Nachricht von einer Frau bekommen, die erzählt hat, ihr jetziger Ehemann sei ihr unmittelbar dann angezeigt worden, als sie das Häkchen bei “Hochschulabschluss” entfernt hat.




    Journalist Jon Birger, seit 20 Jahren verheiratet und ist auf der Suche nach den Liebesproblemen der Zukunft.

    Die Liebe mit Statistiken und Berechnungen erklären zu wollen, ist ganz schön unromantisch. Gibt es nicht viele, die sowas gar nicht hören wollen?
    Im Gegenteil, ich glaube, viele Frauen haben gemerkt, dass etwas falsch läuft - und ich bin derjenige, der es erklären kann. Es gibt so viele Frauen, die zu Recht keinen rationalen Grund finden, warum sie eigentlich mit Mitte dreißig noch Single sind. Ich habe schon mehrmals mitbekommen, dass Frauen erleichtert waren, nachdem sie mein Buch gelesen haben. Denn ich kann ihnen sagen: Es liegt nicht an dir, es liegt an den Zahlen.

    Wenn du jung und ungebunden bist, zieh nach San Francisco.


    Ist es naiv, heute noch romantisch zu sein?
    Überhaupt nicht. Ich weiß selbst, dass sich die Liebe nicht mithilfe von Statistiken einfangen lässt. Täglich verlieben sich Leute in den zufälligsten Situationen und an den merkwürdigsten Orten. An der Magie der Liebe will ich gar nicht rütteln. Ich erkläre nur, warum es für gebildete Frauen schwieriger geworden ist, sie zu finden.

    Was würden Sie einer solchen Frau raten?
    Also erstmal: Ich bin kein Beziehungsexperte, davon habe ich keine Ahnung. Aber auf der Basis von dem, was ich herausgefunden habe, würde ich sagen: Wenn du jung und ungebunden bist, zieh’ in eine Region, in der viele Männer wohnen. Das ist zum Beispiel in San Jose und San Francisco der Fall. Wenn du nicht wegziehen kannst, dann schau dich einfach mal unterhalb deines intellektuellen Levels um.

    Dann ließe sich ja wieder ein Gleichgewicht herstellen?
    Ganz genau. Die ganze Geschichte hat nämlich zwei Seiten. In den weniger gebildeten Schichten gibt es absoluten Männerüberschuss. Männer ohne Collegeabschluss haben es definitv genauso schwer, einen Partner zu finden - nur schreiben die eben im Gegensatz zu den gebildeten Single-Frauen keine Drehbücher und Romane.

    Sind Sie persönlich denn ein Romantiker?
    Naja, ich bin seit 20 Jahren verheiratet… (lacht). Ich denke, die älteren Generationen sind immer etwas weniger romantisch als die jüngeren. Aber falls meine Frau das lesen sollte, schreib, dass ich zu 100 Prozent Romantiker bin!

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    Die Mädchenfrage





    Meine Kollegin Mercedes schrieb neulich in einem Text über einen Nachtspaziergang im Englischen Garten diesen sehr schönen Satz: „Denen gehört vielleicht eigentlich die ganze Welt: alten Männern, die keine Angst mehr haben, dass sie jemand wegraubt oder ihnen was tut, und die deshalb einfach überall hingehen können, zu jeder Zeit.“ Das ist toll gesagt. Und hat bei mir den folgenden Gedanken ausgelöst: Als Mädchen kann man das nicht. Einfach überall hingehen, zu jeder Zeit, ohne Angst zu haben, weggeraubt zu werden. Oder: Kann man vielleicht schon. Aber es wird einem suggeriert, dass man es nicht kann.

    Das ist eine anerzogene Angst. Klar, kommt so ein bisschen auf das Elternhaus an und wie regelmäßig man dort „Aktenzeichen XY“ angeschaut hat. Aber ich kenne schon viele Mädchen und Frauen, denen man eine gehörige Portion Nachtangst mit auf den Weg gegeben hat. Da war dann ein besorgter Vater oder eine vorsichtige Mutter und er oder sie wollte die Tochter lieber nicht nachts alleine vom Bus nach Hause laufen oder in diesen abgeschrammelten Club gehen lassen. Natürlich sind wir dann doch alleine gelaufen oder in den Club gegangen, aber vorher wurden wir umfassend gewarnt, beratschlagt und ausgefragt: „Pass auf, wenn du spät heimkommst, man weiß ja nie“, „Ist die Miri auch noch dabei? Mir wär wohler, wenn ihr zu zweit wärt“, „Geh besser außenrum, auch wenn der Weg weiter ist, aber da gibt’s wenigstens Straßenlaternen“, „Schreib bitte eine SMS, wenn es später als drei wird“. Einige meiner Mitschülerinnen waren sogar immer mit Pfefferspray bewaffnet.

    Ich erinnere mich auch an diverse Momente, in denen ich selbst diese Angst hatte, die mir von Eltern, Medien, Filmen und Serien mitgegeben worden war. Wenn ich an einer dunklen Straße entlanglief, rechts von mir Gebüsch und ein Park. Oder wenn ich nach Mitternacht in einer fast leeren, rumpelnden Regionalbahn saß, die gerade die tiefste Provinz durchquerte. Dann beäugte ich misstrauisch jeden, der an mir vorbeikam. War es eine Frau: Erleichterung. War es ein Mann: abchecken, ob er vertrauenswürdig oder irgendwie creepy aussieht. Dabei das Handy immer griffbereit haben. Und dann kam das große Reinsteigern: Könnte man einfach an einer Haustür klingeln? Sich auf dem Zugklo einschließen? In eine Sparkasse rennen? Aber was, wenn der fiese Verbrecher auch eine Sparkassen-EC-Karte hat, mit der er die Tür öffnen kann – dann sitze ich ja erst recht in der Falle! Oder schaut jemand die ganze Nacht das Überwachungsvideo an und rettet mich dann? Was, wenn man mich hier wegklaut und keiner merkt’s und dann melden meine Eltern es morgen früh der Polizei, aber die finden mich nicht, und dann bin ich eines von den verschwundenen Mädchen, über die bei „Aktenzeichen XY“ berichtet wird, und nur ich und der Täter wissen, dass ich tot bin oder in einem Keller eingesperrt. Kurz gesagt: Ich hatte harte Paranoia. Manchmal habe ich die heute noch. Ehrlich gesagt: nicht nur manchmal.

    Und weil ich noch gar nicht gesagt habe, wovor wir denn jetzt konkret Angst haben: davor, vergewaltigt zu werden. Davor, dass ein Mann, der sehr viel mehr körperliche Kraft hat als wir, uns in einen Hauseingang drängt oder in einen Straßengraben zieht. Sexuelle Gewalt, das wird uns so beigebracht, kann uns immer und überall erwischen. Und jede von uns kennt dann auch noch mindestens eine Freundin, der so was mal passiert ist.

    So, und nun zur Frage: Was, liebe Jungs, ist euer Pendant zu unserer Nachtangst? Vor was haben Mama und Papa euch gewarnt? Wovor fürchtet ihr euch, wenn ihr im Dunkeln unterwegs seid? Und wo? Auf einsamen Straßen, so wie wir? Oder eher in der Innenstadt? Oder vielleicht auch einfach: gar nicht? Nie? Vor niemandem? Sagt doch mal: Welche „Aktenzeichen XY“-Szenarien haben euch am meisten Angst gemacht?

    >>> Die Jungsantwort von Christian Helten


    [seitenumbruch]

    Die Jungsantwort






    Jetzt sitze ich hier schon eine Weile vor dem leeren Word-Dokument und kämpfe gegen meine Erinnerungslücken. Ich habe in meinem Kopf gegraben und versucht mir vor Augen zu rufen, wie das war, als ich noch zu Hause wohnte und Ausgehen spannender wurde als Wetten-dass-Gucken. Welche Warnungen meine Eltern aussprachen, wenn ich abends das Haus in Richtung Party verließ. Welche Sicherheitsvorkehrungen sie trafen und welche Tipps sie mir mit auf den Weg gaben. Was sie erlaubten und was nicht.

    Aber da ist kaum etwas. Keine deutliche Erinnerung an bestimmte Verbote und Auflagen, die mich vor bösen Fremdeinwirkungen schützen sollten. Keine Szenen oder typischen Mutti-Sorgen, wie sie dir noch heute so deutlich im Kopf herumschwirren und dich auf dem Heimweg ängstigen. Und diese Leere in meinem Kopf ist schon ein erster Anhaltspunkt in Sachen Nachtangst. Sie zeigt, dass wir Jungs deutlich weniger für äußere Gefahren auf unserem Heimweg sensibilisiert wurden - und ergo weniger Angst hatten und haben.

    Eigentlich müsste ich im vorigen Satz noch ein Wortpaar hervorheben: äußere Gefahren. Denn natürlich warnen Eltern auch uns Jungs. Aber – und das ist etwas ganz anderes – sie warnen uns meistens vor uns selbst. Vor Dingen, die wir wegen unseres dummen Jungsübermuts tun. Wegen unseres Starkseinwollens, wegen unseres Unvernunft produzierenden (post-)pubertären Draufgängertums. Sie haben keine Angst, dass wir vergewaltigt werden. Sie haben Angst, dass wir betrunken ein Auto zu Schrott fahren oder randalieren und dann eine Anzeige am Hals haben. Damit kommen sie bei uns aber nicht weit. Ein 15-Jähriger, der Angst vor sich selbst hat? Come on!

    Und doch gibt es auch bei uns eine Nachtangst. Sie überfällt uns aber weniger auf einsamen, dunklen Wegen, bei denen wir nicht sehen können, ob jemand im Gebüsch lauert. Sondern an belebten Orten, vor allem an solchen, in denen Alkohol auf Testosteron und oder Dummheit trifft. Ganz egal ob in der Innenstadt oder auf dem Parkplatz neben dem Dorffest. Es ist die Angst davor, eine aufs Maul zu bekommen. Von dumpfbackigen Schlägertypen, die ausrasten, wenn wir im Burger King einen falschen Blick auf ihre Pommes werfen. Von Besoffenen, die ihren Frust darüber, an der Clubtür abgewiesen worden zu sein, an irgendwem auslassen müssen. Von Idioten, die aus Langeweile Ärger suchen und provozieren.

    Wir kennen solche Geschichten ja zur Genüge. Wir lesen darüber in den Lokalnachrichten, manche Fälle erregen sogar bundesweit Aufmerksamkeit. Und ich behaupte - und das ist ganz ähnlich wie bei euch in Sachen Vergewaltigung - dass fast jeder von uns schon mal auf einem nächtlichen Heimweg in einer Situation war, die mit einem blauen Auge oder Schlimmerem geendet hat oder beinahe hätte. Oder einen guten Freund hat, der in einer solchen Situation war.

    An diese Situationen denken wir, wenn wir nachts in der S-Bahn angerempelt werden. Wir sagen dann manchmal lieber nichts. Und wir schauen lieber zu Boden, wenn eine Gruppe aggressiv wirkender Jungs neben uns am Dönerstand auftaucht und uns provokant anschaut, weil sie wollen, dass wir zurückschauen und sie dann sagen können „Was guckst du so, Alter?“ und dann weiterprovozieren und draufhauen können. Das mag manchmal auch Einbildung sein. Im Idealfall schützt uns die Nachtangst aber davor, eine in die Fresse zu bekommen. Manchmal wird sie aber verdrängt oder überholt. Von dem alten Starkseinwollen und dem Jungsübermut. Denn die Angst davor, die lernen halt viele von uns nie so richtig.

    Christian Helten

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  • 09/18/15--07:33: Mach mal halbtags
  • Wären wir in Schweden, würde der Artikel nach diesem Satz aufhören. Denn spätestens jetzt wäre ich im Wochenende, würde mit dem Feierabenbier in der Hand die schwedischen Schäfchenwolken zählen und mich freuen, dass es ihn in diesem Land gibt, den Sechs-Stunden-Arbeitstag. 

    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/OUaRCDxnKEkxO/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/OUaRCDxnKEkxO/giphy.gif"] Kein Alkohol ist auch keine Lösung: In früheren Zeiten wurde die Motivation mit dem Pegel gehalten.

    In Göteborg und bald auch im nordschwedischen Umeå wird nun das Modell getestet, dass die Zukunft der modernen Arbeitswelt sein könnte: Der Arbeitstag wird ganz einfach um zwei Stunden verkürzt. Der Stanforder Ökonom John Pecavel stellte bereits vergangenes Jahr die These auf, dass eine verringerte Arbeitszeit positiven Einfluss auf die Produktivität nehmen kann. Denn statt konstant zu verlaufen, sinkt nicht nur die Motivations- sondern auch die Produktivitätskurve nach einigen Stunden. Weiß auch jeder Mensch, der im Nachmittagstief in ein Youtube-Loch fiel (passiert uns nie, wirklich!). Dachten sich die schlauen Schweden: ausprobieren. 

    Weitere Studien scheinen Pecavels These auch im internationalen OECD-Vergleich zu stützen. Denn Länder mit längeren Arbeitszeiten, wie etwa Großbritannien, sind nicht produktiver als ihre weniger betriebsamen Nachbarn.

    Die Menschen, die in den Testbetrieben bereits jetzt weniger Arbeiten dürfen, sind übrigens Ärzte, Pflegepersonal oder Mechaniker im Schichtdienst, also gerade die, die oft schon hoffnungslos überarbeitet sind. Der Effekt, so ergibt das Experiment: weniger Krankheitsfälle, weniger Depressionen, weniger Stress, dafür mehr Energie und Zeit, sich um Arbeit und Patienten zu kümmern. Moment mal – weniger Zeit heißt also mehr Zeit? Zumindest mehr Zeit fürs Wesentliche. Macht Sinn: ein übermüdeter Pfleger hat vermutlich weniger geistige Kapazitäten, sich seinem Patienten zu widmen, als ein erholter.

    Da für die restlichen Stunden Zusatzkräfte eingestellt werden, bedeutet das Modell auch sinkende Arbeitslosigkeit – aber auch steigende Kosten. Gerechnet auf krankheitsbedingte Ausfälle, die Qualität der Arbeit und das allgemeine Arbeitsklima eigentlich ein Preis, der zahlbar sein sollte. Es ist zwar noch nicht auf alle Berufsgruppen anwendbar, aber im Schichtdienst könnte das Modell zumindest bald eingeführt werden. Wir fassen zusammen: Tak, Schweden, für den Mut, gute Ideen auch in die Tat umzusetzen. Vielleicht wäre es eine bessere Welt, in der eine enstpannte Angela Merkel mit einem Lächeln nach 6 Stunden ihr Sakko an den Nagel hängt.

    Was die Schweden übrigens nicht können, sei hier noch mal zusammengefasst.

    sina-pousset 

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  • 09/18/15--08:06: Wir haben verstanden - KW 38


    • Nicht jeder kennt sich mit Fußball aus.

    • Wenn man nachts den Anschlusszug verpasst, zahlt einem die Deutsche Bahn auch mal ein Taxi von Hannover nach Berlin.

    • Bäume können schüchtern sein.

    • Erklärungen und Geschichten zu Geschenken sind meistens noch besser als die Geschenke selbst.

    • Wenn man drei Tage Schnupfen hat, hat man am Ende eine Käsereibe im Bett.

    • Im Herbst sollen Flüchtlinge in Deutschland nun wirklich ohne Papiere studieren können– dank eines engagierten Studenten.

    • Müsli schmeckt am besten aus der Packung.

    • Man kann Flüchtlinge theoretisch auch einfach in ein Flugzeug nach Europa setzen.

    • Muss man mal machen: sich mit den Mittsechzigern aus der Eckkneipe betrinken.

    • Eckkneipen-Weisheiten sind nicht jugendfrei. 

    • Sehr guter Hip-Hop führt zu temporärem Größenwahn: Man bildet sich ein, man könnte krass gut breakdancen.

    • Man sollte sehr guten Hip-Hop deshalb lieber alleine hören.

    • Auch der Mann, der die Einspieler für Game of Thrones zusammenschneidert, verliert im Charaktere-Wust der Serie mal den Überblick. Dafür kann er aber sehr kohärent von seinem Beruf erzählen.

    • Eine Uhr ist keine Bombe

    • Es ist als Erwachsener genau so traurig wie als Kind, aus Versehen einen Luftballon zu verlieren.

    • Freunde schwören sich absurde Dinge.

    • Gegenstand, der nach einem langen Sommer unauffindbar scheint: der Regenschirm.

    • Pete Doherty ist jetzt Mitglied beim KFC Uerdingen.

    • Auch Flughafen-Sicherheitspersonal hat Humor.


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  • 09/18/15--08:58: König der Fieslinge
  • Serienhelden können zur Familie werden. Ganz normal, dass man seine Familie auch mal hasst. Besonders, wenn da dieser eine Fiesling auftaucht, der einfach so abgrundtief mies ist, dass man mal kurz den Bildschirm ankeift, wenn er in einer Szene auftaucht. Und, das geben wir mal zu, ein kleines bisschen macht das Hassen in Serien Spaß.  

    [plugin imagelink link="http://31.media.tumblr.com/632cdf7d1f3cb384dc5731cc37c9e262/tumblr_inline_mucpivhvdJ1qdv5ga.gif" imagesrc="http://31.media.tumblr.com/632cdf7d1f3cb384dc5731cc37c9e262/tumblr_inline_mucpivhvdJ1qdv5ga.gif"]Hinterhältige Kuh: Carrie aus Homeland.

    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/CX8cpKuaFpXRS/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/CX8cpKuaFpXRS/giphy.gif"] Falsche Schlange: Thomas aus Downton Abbey.

    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/8fen5LSZcHQ5O/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/8fen5LSZcHQ5O/giphy.gif"] Kriminell: Mr. Burns.

    [plugin imagelink link="https://media.giphy.com/media/dFhGiaObkb47S/giphy.gif" imagesrc="https://media.giphy.com/media/dFhGiaObkb47S/giphy.gif"]Gemeine Ziege: Claire aus House of Cards.

    Wer aber ist der König der Fieslinge? Ist es die berechnende Carrie aus Homeland, die nervtötende Hannah Horvath aus Girls, die ultra-eisige Claire Underwood aus House of Cards oder doch ihr Mann Frank, der zu Beginn der Serie mal eben einen Hund kaltmachte? Oder doch jemand ganz anderes? Damit es da keine weitere Verwirrung unter Serienfans gibt, sucht The Atlantic nun online nach dem wirklich offiziell verachtenswertesten Ekel der Seriengeschichte. Hurra, der Ärger darf raus und muss nun nicht mehr nur am Laptopscreen verpuffen.

    Einzige Bedingungen:

    • Die Charaktere müssen in einer Episode aus dem Zeitraum 2012 bis heute vorkommen

    • Man darf keinen ganzen Cast nominieren („sorry, Girls“ - Autsch.).

    • Nominierungen müssen sich ausschließlich auf den Kotzfaktor ihres Charakters beziehen und nicht auf ihre Taten

    Nominieren darf jeder, der mitmachen will. Und in der Kommentarbox mal selbst so richtig zum Ekel werden. Wir wünschen den Kollegen von The Atlantic schon jetzt viel Spaß beim Auswerten.

    sina-pousset

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    Wichtigster Tag:
    Für mich: Donnerstag. Da kommt eine Freundin für ein paar Tage mit ihrem Baby zu Besuch. Meine WG freut sich, wischt noch mal schnell den Boden und liest zur Vorbereitung Pias Text. Außerdem planen wir, potentielle Waffen und wackelige Gegenstände zu entfernen. Warum versuchen sich Kinder im Alter von 1-10 eigentlich hauptberuflich umzubringen?
    Für die Welt: Mittwoch. Da ist der EU-Sondergipfel zur Flüchtlingskrise in Brüssel.

    Kulturelles Highlight:
    Bis zum Sonntag war in Berlin die abc Messe und Berlin Art Week. In der ganzen Stadt gab es überall Kunst, Kunst, Kunst. Wie das bei solchen kurzen extrem tollen Events ganz gerne mal ist, fällt mir das erst auf, wenn sie schon vorbei sind. Aber manche Ausstellungen gibt es noch länger zu sehen. Deshalb schaue ich mir ganz in Ruhe die Retrospektive von Cindy Sherman an. Geht jeden was an – die Frau hat schließlich das Selfie erfunden.

    Kino: Im Kino sind gerade die Greise los. Finde ich super und schaue mir vielleicht die sympathisch-komödiantischen Großeltern in "Am Ende ein Fest" an, die eine Maschine für Sterbehilfe erfinden.

    http://www.youtube.com/watch?v=OXmuOL-UujM

    Oder, ganz vielleicht, dieses geisteskrank-verstörende Paar. War ja nur eine Frage der Zeit, bis sich Horrorfilme nach Puppen und kleinen Kindern auch noch Oma und Opa vorknöpfen. Schweine! 

    Soundtrack: Disclosure bringt ein neues Album raus, das da heißt "Caracal". Eigentlich egal, denn sie machen wahrscheinlich nie wieder ein Lied, das so schön ist wie dieses hier.

    http://www.youtube.com/watch?v=_zPlr-o-YEQ

    Bis jetzt von mir noch nicht gekannt: dieses Video mit viel Lippenschnalz. Bringen wir mal bisschen Sex rein in die dröge Wochenvorschau. Da! Zungen, soweit das Auge reicht. Höre ich zum Bodenwischen laut und mit viel Bass.  

    Wochenlektüre: „The Art of Travel“ von Alain De Botton, weil ich bald auf eine lange Reise gehe. Alain ist übrigens ein Arschloch, sagen zumindest alle. Dafür schreibt er über jemanden, der im pinken Pyjama sein eigenes Schlafzimmer bereist. Das finde ich zumindest sympathisch.  

    Geht gut diese Woche: Den Spätsommer feiern und im Regen ein Bier am Kanal trinken.  

    Geht schlecht: Anfangen, mit Zimt zu würzen.  

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  • 09/20/15--05:00: Energie zum Lesen



  • Liebe Leserin, lieber Leser,

    „Wie läuft’s?“ Diese Frage wurde dir sicher auch schon oft gestellt. Quälend kann sie werden, wenn man an einem großen Projekt arbeitet - und einfach nicht fertig wird (Seite 6). Oder wenn man einem Naturgesetz widersprechen und ein Perpetuum mobile bauen will (Seite 26). Oder wenn zu Hause dauernd der Strom ausfällt und regelmäßig gar nichts funktioniert (Seite 12). Unser Tipp, wenn es bei dir gerade nicht so gut läuft: zum Auftanken einfach mal aus dem Fenster schauen (Seite 20). Oder eben dieses Heft in die Hand nehmen, in dem wir Geschichten rund um Energie gesammelt haben - die aus der Steckdose und die in unserem Kopf.

    Viel Spaß beim Lesen!

    jetzt liegt am 21. September 2015 in deiner Süddeutschen Zeitung. Außerdem kannst du es digital auf dem Smartphone oder dem Tablet lesen - mit der kostenlosen App der Süddeutschen Zeitung. Du kannst die digitale Ausgabe des Hefts einzeln für 89 Cent oder zusammen mit der SZ vom Montag kaufen - für Abonnenten der Digitalausgabe der SZ ist das Magazin kostenlos.

    Die einzelnen Texte aus dem Heft kannst du ab Montagabend auch auf jetzt.de im Label jetzt_Magazin nachlesen.

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  • 09/21/15--00:23: Moskau aufs Dach steigen
  • Ihr skatet auf sowjetischen Monumentalbauten. Ist es nicht schwer, da rauf zu kommen?
    Pasha Subotich: Du kannst überall hinkommen, wenn du unbedingt willst. Man muss nur ein paar Schlösser kaputt machen. Aber manche Aufstiege waren in der Tat ungemütlich: Wir wollten unbedingt auf das Dach des Olympischen Pools, weil es aussieht wie eine riesige Halfpipe. Um da hin zu kommen, mussten wir eine Wand hochklettern, vorbei am Fenster des Wächters. Die Skateboards zogen wir an einem Seil hoch – das Gebäude ist mehrere Stockwerke hoch, da konnte man sie nicht einfach hochschmeißen.

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    Viele Häuser, auf denen ihr skatet, sind bewacht. Wie seid ihr an der Security vorbei gekommen?

    Wir mussten immer bei Tagesanbruch da sein: Die Wächter schlafen dann meistens, aber es ist noch nicht zu hell. Wir haben den ganzen Sommer gebraucht, um die Dächer abzuklappern, weil wir es selten gebacken bekommen haben, so früh aufzustehen. Andere Gebäude, wie der Moskau-Pavillon am Messegelände VDNcH, sind verlassen und total baufällig. Ein Haufen Eisen und Glas. Selbst wenn du leise trittst, wackelt alles total.

    Warum geht ihr auf die Dächer? Beim Messegelände gibt es doch einen Skatepark.
    Ja, dort wurde mit viel Tamtam der größte Skatepark Europas eröffnet – aber der ist schnell ganz schief geworden und bekam Risse. Profiskater raten davon ab, ihn zu benutzen. Die Regierung tut so, als würde sie etwas für junge Menschen machen, aber letztendlich gibt es immer wieder Leute, die versuchen sich an solchen Projekten zu bereichern.

    Deine Fotos vermitteln das Gefühl der absoluten Freiheit. Fühlst du dich frei?
    Nein. Meiner Meinung nach wohne ich in einem Polizeistaat. Hier ein Beispiel: Vor einem Jahr ist ein ukrainischer Kletterer mit dem Pseudonym Mustang Wanted auf eines der Moskauer Stalin-Hochhäuser gestiegen. Er hat den riesigen Stern auf dem Gebäude in ukrainischen Nationalfarben angemalt. Freunde von mir machten am gleichen Tag einen Basejump von dem Hochhaus. Sie wurden festgenommen, obwohl klar war, dass sie das mit dem Stern nicht waren, sie sind von viel weiter unten gesprungen. Später hat Mustang Wanted die Tat gestanden, trotzdem waren meine Freunde ein Jahr lang unter Hausarrest. Erst vor ein paar Tagen gab es einen Prozess, in dem sie frei gesprochen wurden.

    Die Fotos auf deiner vkontakte-Seite, dem russischen Facebook, sehen wild aus: Motorrad-Rennen, Ruineneinbrüche, Punkkonzerte. Hast du ein adrenalingeladenes Leben?
    Das denken irgendwie alle. Dabei schlafe ich auf einem Klappsofa bei meinen Eltern. Die Leute fragen immer: Woher nehmt ihr die Zeit und die Kohle, so wild unterwegs zu sein? Aber das passiert ein paar Mal im Jahr. Den Rest der Zeit arbeite ich in Kackjobs und schiebe Depressionen.

    2013 standest du unter polizeilichem Hausarrest, weil du auf einem Motorrad durch eine U-Bahn-Station gefahren bist.
    Das Video, wie ich spätnachts durch die Station fahre, ging viral durchs Netz. Und dann war ich dumm. Ich habe für eine kurze Zeit vergessen, in was für einem Land ich lebe und habe, allerdings mit Helm verkleidet, ein paar Interviews gegeben. Später hat ein Kerl, der damals mit uns unterwegs war, mich verraten. Ich saß eine Woche in Untersuchungshaft und dann noch einmal drei Monate zu Hause, mit Fußfessel.

    >> Pasha hat zwei Hochschulabschlüsse. Sein Geld verdient er aber mit etwas ganz Fachfremden (nein, nicht mit fotografieren) >>
    [seitenumbruch]
    So eine Tat hätte aber auch in Deutschland polizeiliche Konsequenzen.
    Ja, aber mir wurde bewaffnetes Rowdytum vorgeworfen und mit fünf bis sieben Jahren Gefängnis gedroht. Ich hatte Glück, dass gerade die Olympischen Spiele bevorstanden und die ganze Welt auf Russland schaute. Es gab eine Amnestie – unter die ich auch gefallen bin. Aber selbst bei dieser Amnestie stört mich die Willkür. Einzelne Menschen haben so viel Macht! Wenn du jemandem nicht gefällst, der die Position hat, dich einzusperren, ist es eine Sache von zwei Telefonanrufen.

    Wie lebt es sich derzeit als junger Mensch in Russland?
    Die Situation ist gerade schwierig: Ich bin 29 und wohne wieder bei meinen Eltern. Weil der Rubelkurs so schlecht ist, sind vor allem die importierten Sachen sehr teuer. Ich habe vorher immer analog fotografiert, jetzt kann ich mir keine Filme mehr leisten. Viele saufen. Vor meinem Haus sitzen welche täglich auf der Bank – die sind fünf, sieben Jahre jünger als ich und täglich blau.

    Ist das Skaten auf den Sowjet-Bauten für dich eine Art Protest?
    Mir ging es um den visuellen Aspekt. Die ersten Bilder entstanden eher zufällig: Ich hing mit Kumpels auf einem Dach ab, einer hatte ein Board dabei und ich eine Kamera. Die Bilder wurden gut und dann haben wir Feuer gefangen. Mir fielen sofort ein Haufen passende Dächer ein: Die Moskauer Olympiahalle, die von oben aussieht wie eine Schale; das schräge Dach des Moskau-Pavillons oder das Velodrom von Krylatskoje.

    Bist du ein ausgebildeter Fotograf?
    Nein. Und ich will mich nicht Fotograf nennen. Es gibt jetzt in Russland einen Haufen Leute mit Kameras, die sich so bezeichnen. Dabei machen sie nur Fotos von hübschen Frauen in unterschiedlichen Nacktheitsstadien – perfekt mit Photoshop bearbeitet und leblos. Mich interessieren aber nur Bilder, auf denen was los ist. Ich bin auch nicht gut in Auftragsarbeiten. Einmal habe ich bei einem Magazin gejobbt. Einrichtungen fotografieren, das ging noch, mit Einrichtungen muss man nicht reden. Aber dann wurde ich beauftragt, Portraits von Fremden zu schießen. Das war schrecklich. Ich kann nur mit meinen Freunden arbeiten, mit Leuten, mit denen ich mich wohl fühle. Ich mache die Fotos eher für mich, nicht für den Verkauf.

    Womit verdienst du dein Geld?
    Ich habe zwei Hochschulabschlüsse, in Marketing und PR, habe aber kaum im Job gearbeitet. Mir fällt es schwer, im Büro zu sitzen. Eine Zeit lang habe ich als Industriekletterer gejobbt. Ein Kollege hat mich dann gefragt, ob ich Lust habe, Stadtuhren zu reparieren, die hoch auf Pfeilern oder auf Türmen hängen. Davon gibt es allein in Moskau 900 und ständig gehen welche kaputt. Als Uhr-Monteur habe ich es am längsten ausgehalten: drei Jahre. Momentan installiere ich Handy-Antennen.

    Willst du weg aus Russland?
    Eine schwierige Frage. Manchmal würde ich gern weg. Aber dann bekomme ich diese sentimentalen Russlandgefühle: Die Birken, die Balalaikas, ach! (lacht) Jetzt im Ernst: Ich mag es schon gerne hier. Das ist schließlich mein Zuhause. Meine Freunde sind in Russland; Menschen, die mir wichtig sind. Ich will bei ihnen sein und nicht mit ihnen skypen.


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    ...für eine eigene Wohnung. Das finde ich manchmal ziemlich erschreckend. Ich habe einen Uniabschluss und arbeite seit zwei Jahren als Erzieherin in einer festen Anstellung mit festem Gehalt. In München kann ich mir aber mehr als ein Zimmer immer noch nicht leisten. Nicht falsch verstehen: Ich liebe meine WG und alleine zu wohnen stelle ich mir tatsächlich auch schrecklich vor. Aber mit 26 hätte ich gerne zumindest die theoretische Option, dass sich mein Leben nicht mehr in einem Raum abspielen muss.
    Außerhalb der Stadt würde ich vielleicht eine Wohnung bekommen, aber das ist für mich keine Option. Hier sind mein Studium, meine Freunde und zur Arbeit sind es fünf Minuten. Dafür verzichte ich lieber noch ein paar Jahre auf ein separates Schlafzimmer. Die beste Lösung wäre, glaube ich, noch zu warten, bis alle meine Freunde mit dem Studium fertig sind und sich dann gemeinsam auf dem Land einen Bauernhof zu kaufen. Wir wären alle zusammen, aber jeder hätte den Raum sein eigenes Ding zu machen. Für den Bauernhof fühle ich mich gerade allerdings tatsächlich noch zu jung.

    [seitenumbruch]






    ...für Blinkeschuhe. Wenn die Kinder in dem Hort, in dem ich arbeite, die anhaben, bin ich immer neidisch. Ich finde das unfair, dass man für Erwachsene keine kaufen kann. Dafür gibt es keinen plausiblen Grund.
    In meinem Beruf merke ich oft, dass ich eigentlich zu alt für Sachen bin, die mir Spaß machen. Aber deswegen ist er ja perfekt für mich. Ich kann den ganzen Tag Das verrückte Labyrinth spielen, Lego-Schlösser bauen oder basteln, ohne dass ich eine Ausrede dafür brauche. Nur ab und zu wundern sich die Kinder über mich. Letztens stand eine Achtjährige vor mir und sagte: „Sie haben viel zu viel Fantasie.“
    Warum ich Blinkeschuhe toll finde? Weil sie blinken! Und wahrscheinlich, weil ich als Kind nie welche bekommen habe. Ich habe kleine Füße, Größe 37, aber wenn ich mich in Kinderblinkeschuhe zwängen und damit herumlaufen würde, das wäre doch etwas seltsam. Ich glaube, ich werde mal einen Brief an Adidas und Nike schreiben, dass sie auch welche für Erwachsene herstellen sollen. Fällt das sonst nicht unter Altersdiskriminierung?

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  • 09/21/15--04:20: Auch Aliens verschlüsseln
  • Das Wichtigste zuerst: Edward Snowden hat nicht seinen Verstand verloren. Er war im Gespräch mit dem Astrophysiker und Moderator Neil DeGrasse Tyson, als er sich über Außerirdische äußerte. Da ist das durchaus angebracht. Die beiden sprachen in seinem Podcast unter anderem über das Projekt "Breakthrough Listen", das sich der Suche nach außerirdischem Leben widmet und das auch Stephen Hawking unterstützt.

    Snowden wirbt immer wieder für Verschlüsselung, mit der sich jeder, nicht nur Journalisten, vor Ausspähung schützen soll. Im Gespräch mit Tyson wies er nun auf einen Nachteil von Verschlüsselung hin: Wenn nämlich auch Außerirdische ihre Kommunikation verschlüsseln, könnte das die Kommunikation mit ihnen erschweren, vielleicht sogar komplett verhindern.

    [plugin imagelink link="http://www.startalkradio.net/wp-content/uploads/2015/09/Neil-deGrasse-Tyson-and-Edward-Snowden_Credit_Carlos-Valdes-Lora.jpg " imagesrc="http://www.startalkradio.net/wp-content/uploads/2015/09/Neil-deGrasse-Tyson-and-Edward-Snowden_Credit_Carlos-Valdes-Lora.jpg "]Neil DeGrasse Tyson im Gespräch mit Edward Snowden. (Foto: Carlos Valdes-Lora via Startalkradio.net).

    Ordentlich verschlüsselte Kommunikation könne man nicht von zufälligen Signalen unterscheiden, erklärte Snowden. Vielleicht haben wir also schon viele Kontaktversuche von außerirdischen Zivilationen erhalten, aber bislang für kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung gehalten – und so jede Menge kosmische Anrufe verpasst. Während des Gesprächs merkte Tyson an, dass Außerirdische vielleicht nicht so versessen aufs Verschlüsseln sind: "Außer sie haben die gleichen Sicherheitsprobleme wie wir."

    https://soundcloud.com/startalk/a-conversation-with-edward-snowden-part-1

    Kathrin Hollmer 

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  • 09/21/15--06:26: Kraftwerktraining


  • Man kann René Eick einen Spinner nennen. Dabei macht er vermutlich als Einziger etwas sehr Richtiges. Eick ist Fitnesstrainer, er leitet ein Studio in Berlin-Prenzlauer Berg. Er ist aber auch ein Bastler. Vor sechs Jahren schraubte er das erste Trainingsfahrrad in seinem Studio auseinander. Er baute eine Art Dynamo in das Gerät ein, verlegte Kabel und installierte eine koffergroße Batterie in der Putzkammer. Seither laden die Menschen, die in seinem Fitnessstudio Rad fahren, ihre Smartphones mit dem Strom auf, den sie selbst erzeugen. Der nicht genutzte Strom lädt die Batterie in der Putzkammer, die wiederum die Deckenlampen im Studio speist. „Was wir hier machen, ist kein Riesenbringer“, sagt René Eick, „aber es geht mir ums Bewusstmachen.“

    Energie verschwindet ja nicht, sie wird nur verwandelt. Muskelenergie geht auf dem Fahrradergometer nicht verloren – sie wird zu Wärme. Als ich neulich in meinem Fitnessstudio eine halbe Stunde auf dem Fahrrad saß und schwitzte, fragte ich mich: Könnte man diese Energie nicht in etwas Sinnvolleres verwandeln? Müsste man es nicht sogar, in Zeiten der Nachhaltigkeit, der Energiewende und Offshore-Windparks? Ich sah die anderen strampeln und laufen und schwitzen und dachte: Alle tun was für ihren Körper. Aber keiner tut dabei etwas für die Welt.

    Neun Millionen Menschen treten in Deutschland in Fahrradergometer, rennen über Laufbänder, stemmen Gewichte gegen die Schwerkraft. Das sind deutlich mehr als alle Mitglieder von Fußballvereinen zusammengezählt. Fitness ist damit seit ein paar Jahren die teilnehmerstärkste Trainingsform in Deutschland, das hat kürzlich eine Studie ergeben. Und der Markt wächst jedes Jahr um knapp zehn Prozent. Im Vergleich zu anderen Sportarten ist das Verlockende am Fitness-sport: Fahrräder oder Laufbänder wandeln Energie in kontrollierten Bahnen um. Die Muskelbewegung ist wie der Dampf, der in einer Dampfmaschine den Kolben bewegt. Nur dass die Millionen Crosstrainer und Fahrradergometer, also die Dampfmaschinen der Fitnessstudios, keine Lokomotiven antreiben, sondern bloß warm werden. Und die Wärme verpufft. Im Internet stieß ich auf René Eicks modifizierte Fitnessfahrräder in Berlin und fand heraus: Eick ist ein Einzelfall. Aber warum bloß?




    "Ich dachte: Alle tun was für ihren Körper. Aber keiner tut etwas für die Welt."


    Denn die Zweitverwertung von Energie, die der Mensch ohnehin aufbringt, ist eigentlich keine neue Idee. In zwei U-Bahn-Stationen in Tokio werden die Vibrationen, die die Schritte der Pendler im Boden verursachen, in Strom verwandelt. In London und Paris heizt ein neues System seit Kurzem Mietshäuser mit der Körperwärme aus überfüllten U-Bahn-Stationen. Eine Frage setzt sich gerade durch: Warum sollten wir Energie verschenken, deren Erzeugung uns nichts kostet?

    Ein menschlicher Schritt erzeugt etwa acht Watt kinetische Energie. Auf dem Laufband schafft ein Mensch ungefähr hundert. Das ist fast so viel, wie ein Kühlschrank benötigt. Da wäre es doch eigentlich nur logisch, die allerorts wachsenden Fitnessstudios in kleine, nachhaltige Kraftwerke umzurüsten. Dass das ginge, bestreitet auch niemand. Stefan Geier, Sprecher von Life Fitness, einem der weltgrößten Hersteller von Fitnessgeräten, sagt mir: „Aus technischer Sicht ist das kein Problem.“ Allerdings, erklärt er, seien die Kosten für zusätzliche Bauteile und die notwendige Infrastruktur so hoch, „dass sich die Investition aktuell nicht lohnt“. René Eick in Berlin sagt, die Investition in Dynamos und Batterien habe sich auch nach sechs Jahren noch nicht rentiert.

    Wenn es sich überhaupt lohnt, dann über die Masse. Also rufe ich beim Marktführer McFit an, der größten Fitnesskette Europas. Man beschäftige sich immer wieder mit diesem Thema, sagt Unternehmenssprecher Pierre Geisensetter. „Allerdings mussten wir bisher leider feststellen, dass der Aufwand im Verhältnis zum Ertrag unverhältnismäßig ist.“ Die Investitionskosten seien „aktuell noch sehr hoch“. Und abzüglich der Reibungsverluste ließen sich nur 75 Prozent der Energie in Strom umwandeln. Es zahlt sich also nicht aus. Wirklich, bei neun Millionen Fitnessstudio-Mitgliedern? Kleine Überschlagrechnung: Wenn nur eine Million von denen täglich eine Stunde im Studio radelten, ergäbe das (mal ohne Reibungsverluste gedacht) etwa 100 000 Kilowattstunden. Klingt doch super, oder? Der Deutsche verbraucht im Jahresschnitt etwa 1850 Kilowattstunden. Eine Stunde Radelkraftwerk entspräche also dem Jahresverbrauch von, nun ja, 55 Menschen. In einem Jahr könnten die eine Million Radler also ungefähr 20 000 Menschen mit Strom versorgen. Immerhin. Aber im Maßstab auf die Gesamtbevölkerung gesehen, leider auch: verschwindend gering.

    Es klingt also schön. Und natürlich kann man fordern, dass Fitnessstudios zu nachhaltigen Mini-Kraftwerken umgebaut werden. Aber dann sah ich mich ein paar Tage später noch mal in meinem Fitnessstudio um. Es war spät am Abend, die fast leeren Räume waren hell erleuchtet, die Sauna wie immer auf 90 Grad geheizt, die Kühlschränke mit den Iso-Drinks brummten. Und ich dachte: Statt über Watt-Zahlen, Reibungsverluste und Dampfmaschinen nachzudenken, sollte ich vielleicht einfach mal wieder Klimmzüge an einem Baum machen. Denn wenn ich Sport treibe, wo nicht geheizt und beleuchtet wird, wo kein Kühlschrank, kein Protein-Mixer und keine Dusche betrieben werden, dann spare ich wahrscheinlich mehr Strom, als ich mit Körperkraft je produzieren könnte.

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  • 09/21/15--07:16: Mit drumherum
  • Chompoo Baritone, Fotografin aus Bangkok, hat in einer Fotoreihe inszeniert, was auf den verklärenden Instagram-Ausschnitten nie zu sehen ist: Sie zoomt weg vom kleinen Bildausschnitt und zeigt das ganz normale, chaotische, mitunter hässliche große Ganze drumherum. Zum Beispiel beim perfekten Kopfstand...

    [plugin imagelink link="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xpf1/v/t1.0-9/10858589_1050009968352328_6936462362531644900_n.jpg?oh=833c941dc354dab4cbe34887f08307b9&oe=569C4CA8" imagesrc="https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xpf1/v/t1.0-9/10858589_1050009968352328_6936462362531644900_n.jpg?oh=833c941dc354dab4cbe34887f08307b9&oe=569C4CA8"] 



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    Oder beim Stillleben mit Laptop, Tannenzapfen und Mini-Globus ...

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    Nun können Bildausschnitte hochpolitisch sein. Wie im Januar, als eine Million Menschen durch Paris zog, um nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen zu zeigen. Die Fotos, die danach um die Welt gingen,zeigten dutzende Staats- und Regierungschefs, die den Trauermarsch anführen. In Wahrheit wurden sie in einer abgeschiedenen Nebenstraße fotografiert, umgeben von Wachpersonal. Kein Unters-Volk-Mischen. Kein An-vorderster-Front-Mitlaufen. Einfach nur ein geschickter Ausschnitt.

    Oder das Foto des irakischen Soldaten aus dem Irak-Krieg 2003. Ein US-Soldat hält ihm seine Waffe an die Stirn, ein anderer gibt ihm zu trinken. Auf zwei separaten Fotos ist jeweils nur eine Szene zu sehen. Gewalt und Hilfe liegen nah beieinander.   

    Im Alltag ist die Wahl des Bildausschnittes natürlich banaler, dafür begegnet sie uns mehrmals am Tag: jedes Mal, wenn wir durch Instagram oder Facebook wischen, vorbei an perfekten Frühstückstischen, Füßen im Sand und Kräutertöpfchen.   

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    Dass sich im Netz alle von ihrer besten Seite zeigen und alles andere lieber wegschneiden, wussten wir zwar auch so. Aber es tut ziemlich gut, ab und zu daran erinnert zu werden. Vor allem wenn das jemand so lustig macht wie Chompoo Baritone.

    Kathrin Hollmer 

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    Ein Gespräch über Rückschläge, bei einer Partie Mensch, ärgere Dich nicht. Sonderregel: Schmeißt der Reporter eine Figur des Interviewten, darf er eine unangenehme Frage stellen. Umgekehrt darf der schamlos bewerben, was er will, wenn er es schafft, eine Figur des Reporters zu schmeißen.



    Jesper Munk läuft mit schwarzem Tanktop, schwarzer Jeans, einem schweren Silberarmreif und einem dicken Totenkopfring ein. Wenn man nicht Keith Richards ist, wirkt man damit leicht wie in Piratenverkleidung. Er nicht. Er kann das sehr glaubwürdig tragen. Wie er überhaupt viel kann, was man einem 23-Jährigen eigentlich nicht abnimmt: Blues-Rock spielen zum Beispiel und dabei als großer Schmerzensmann weltgewandt leiden. Der weiß bestimmt was übers Scheitern. Schnell los also! Mit der ersten Sechs beim zweiten Wurf.

    Womit bist du zuletzt richtig gescheitert?
    (überlegt lang) Puh, bei mir läuft es grad extrem gut. Ein kleineres Scheitern habe ich neulich beim Check-in am Flughafen erlebt. Unser Drummer durfte nicht mit in den Flieger. Also habe ich allen Charme zusammengekratzt, um das total g’schaftelhubermäßig zu regeln.

    Und?
    Hat die Frau am Schalter auch nicht ein kleines bisschen interessiert.

    Das ist echt alles, was du an Rückschlägen zu bieten hast? Ziemlich fatal für einen Bluesmusiker.
    Natürlich ist das nicht alles. Aber über das echte Zeug rede ich nicht gerne öffentlich.

    Aber eine Idee davon könntest du doch geben.
    Na, ganz natürliche Sachen eben: gescheiterte Beziehungen. Tod. Themen, die vielleicht doch nicht ganz zu einem Brettspiel passen.

    Das ist natürlich falsch. Jedes Thema passt zu einem Brettspiel. Leider schlägt er jetzt schon die erste Figur des Spiels. Sehr nebenbei. Und überlegt dann lang, was er bewerben kann. Sehr lang. Dann bewirbt er:

    Ah, vielleicht die Tour! Wir sind in Triobesetzung unterwegs von Ende Oktober bis Mitte November.

    Erkennst du ein Muster, wie du mit Rückschlägen umgehst?
    Das kommt sehr auf den Rückschlag an. Ich bin ein relativ verkopfter Mensch. Wenn vor dem Rückschlag also eine Entscheidung stand, die ich zu lange zerdacht habe, dann hängt mir das manchmal ziemlich nach.

    Warum?
    Weil es sich so anfühlt, als hätte ich mich beim Grübeln von mir entfernt. Bei einer unterbewussten Entscheidung kann ich mir viel eher sagen, dass sie wenigstens aus meinem Kern kam.

    Dein Ziel wäre also: mehr Bauch?
    Ja. Auch wenn man dadurch manchmal wohl etwas weird rüberkommt, weil der Prozess weniger rational erscheint. Ich finde es wichtig, Entscheidungen mehr in der Gegenwart zu treffen. Zu viele Entscheidungen kommen aus der Vergangenheit. Weißt du, was ich meine?

    Nicht ganz.
    Wir analysieren die Vergangenheit ja deshalb oft so sehr, weil wir denken, damit die Zukunft vorhersehen zu können. Und das ist fast immer Unsinn. Die Gegenwart ist doch der viel realistischere Ort für eine Entscheidung.

    Schon klar, was man jetzt denken will: Ein 23-Jähriger erklärt der Welt, wie man Entscheidungen treffen sollte – wie anmaßend. Aber Jesper Munk kann nicht nur sehr glaubwürdig schwarze Tanktopstragen, er kann solche Sätze auch so sagen, dass sie gleichzeitig überzeugend und trotzdem noch suchend klingen. Nach einer Antwort, in der die Frage mitschwingt.

    Wie hältst du den Kopf aus der Musik raus?
    Das finde ich überhaupt nicht schwierig. Songs zu schreiben ist pures Bauchgefühl. Wenn ich merke, dass ich gerade gesagt habe, was ich sagen wollte, dann muss die Reflexion auch genau an diesem Punkt aufhören. Zumindest von mir kann danach schließlich nichts mehr kommen. Es ist raus aus meinem Kopf.

    Ist das auch dein Antrieb beim Songwriting – etwas aus dem Kopf bekommen, damit es dich nicht mehr umtreibt?
    Ja. Ich habe das tatsächlich erst vor Kurzem gecheckt: Ich kann ganz schlecht mit mir selbst Probleme ausmachen. Ich muss Dinge aussprechen, um durchs Reden meine Gedanken zu organisieren. Und aufschreiben hilft eben auch.

    Schluss mit der Gemütlichkeit. Ich schlage eine seiner Figuren. Und habe eine Frage dabei, die vielleicht ein bisschen boulevard-saftig ist. Aber geht auch mal:

    Warum hast du „Guilty“ gecovert, einen Randy-Newman-Song über einen Typen, der vor Schnaps und Selbstmitleid triefend mitten in der Nacht bei seiner Freundin aufschlägt?
    (überlegt) Hm, schon weil ich einen Bezug dazu habe. Ich hab oft auf eine ähnliche Art in Beziehungen gefailt. Auch wegen Besoffenseins.

    Du bist also ein Dirty Stayout?
    Mein Gott, was heißt Dirty Stayout?! Ich versumpfe schon gerne mal in Bars und komme erst in der Früh heim. Aber ich bin halt auch in einem Alter, in dem man das noch machen sollte. Später muss man zu krass dafür bezahlen.

    Eines deiner Ziele als Musiker ist, nachhaltig zu wachsen. Wie geht das?
    Um ehrlich zu sein, kann ich dir das gerade sehr schwer beantworten, weil Wachstum für mich auf vielen Ebenen momentan zu langsam geht.

    Kommerziell oder persönlich?
    Persönlich. Mich treibt zurzeit ein sehr rastloses Gefühl um. Ich bin mit meiner Entwicklung wahnsinnig ungeduldig.

    Was geht dir zu langsam?
    Ach, Dinge, die vor allem etwas mit Konsequenz und Inkonsequenz zu tun haben.

    Dinge, die zu privat für Brettspiele sind?
    Genau.

    Und damit zieht er die letzte Figur nach Hause und gewinnt. Ein bisschen höhnisch. Und mit leicht gehustetem Lachen. Und sagt noch so einen glaubwürdigen Satz:

    Komm, wir gehen lieber eine rauchen!


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  • 09/21/15--09:00: Fertig machen
  • Eine Frau sitzt in einer Kneipe in Cambridge, vor ihr auf dem Tresen ihr Computer und ein Bier. Sogar einen zweiten Bildschirm hat sie mitgebracht. Die Frau, nennen wir sie Emily, schreibt an ihrer Dissertation, noch drei Wochen bis zur Abgabe. Als sie mit der Arbeit begann, war sie 24, heute ist sie 31. Sieben Jahre.Michael Kranz sitzt in einem Schneideraum an der Münchner Filmhochschule und klickt sich durch sein Rohmaterial. Man sieht eine Frau in einem Bordell in Bangladesch, sie bittet Michael um Hilfe für ihren zwölfjährigen Sohn. 2012 hatte Michael die Idee für diesen Film, das Geld dafür kam von der Filmhochschule. Michael hätte also wenige Wochen nach seiner Idee mit den Dreharbeiten beginnen können. Stattdessen verstrichen drei Jahre, ehe er nach Bangladesch flog.

    Johannes Müßig schiebt sich die staubige Brille zurück auf die Nasenwurzel, will schnell alles zeigen, den Steinboden unter der Abdeckfolie, den zum Trocknen ausgelegten Stuck, die Fenster hier, die Treppe dort. Aber bitte zügig, er will ja noch was schaffen heute. Johannes ist Unfallchirurg, aber in seiner Freizeit renoviert er auf einem Grundstück in Murnau drei alte Häuser. Johannes’ Oma, seine Eltern, drei Schwestern mit Familien, er und seine Freundin – vier Generationen teilen ein Zuhause, das war die Idee. Als sie das Grundstück kauften, war er 30, heute ist er 36. Nie hätte er gedacht, dass sechs Jahre später das größte der drei Häuser immer noch eine Baustelle ist. Sechs Jahre, in denen er jedes Wochenende, jeden Feierabend auf seiner Baustelle steht.

    Ein Haus renovieren, einen Film drehen, promovieren. Drei Langzeitprojekte, drei Menschen, zusammen 16 Lebensjahre. Das Bauprojekt dauert länger als geplant, viel länger. Das Projekt von Regiestudent Michael hat sich mit der Zeit verwandelt, von einem Film- in ein Hilfsprojekt. Und Emily, die Frau aus der Bar in Cambridge, ist nach sieben Jahren mit ihrer Doktorarbeit gescheitert. 

    Woran liegt es, dass manche Langzeitprojekte gelingen, andere nicht? Warum fangen wir an, die Arbeit an unserer Aufgabe aufzuschieben, obwohl wir es gar nicht wollen? Und warum fällt es uns so schwer, Langzeitprojekte, die uns nur noch quälen, endlich aufzugeben? All das hat mit der Art des Projekts zu tun, mit den Umständen, auch mit dem Zufall. Vor allem aber hat es mit uns selbst zu tun. Vielleicht ist ein Langzeitprojekt der kürzeste Weg, uns selbst besser zu verstehen.
      




    Michael Kranz zweifelte lange an seinem geplanten Film, erst nach drei Jahren wagte er die Reise nach Bangladesch - und fand dort einen neuen Sinn in seinem Projekt.


    Michael wollte mit seinem Film zunächst einen Widerspruch verstehen: Vor drei Jahren sah er einen Film über den Alltag Prostituierter in Bangladesch. „Gerade im Dokumentarfilm erfahren wir oft vom Leid anderer“, sagt er. „Wir sind ergriffen, aber unternehmen nichts.“ Er beschloss, das Helfen zum Thema seines nächsten Films zu machen: Er würde sich selbst filmen, wie er versucht, in Bangladesch zu helfen, zumindest dieser einen Prostituierten aus dem Film.

    Es heißt: Wer leiden kann, wird es weit bringen.


    Michael rückte also den Prozess ins Zentrum seines Vorhabens und machte damit schon mal eine wichtige Sache richtig. Denn: Der Weg ist das Ziel. Was nach einem platten Kalenderspruch klingt, wird nicht selten vernachlässigt und dann zum Problem, sagt der Psychologe Hans-Werner Rückert. Wer es gut mit sich meine, ziehe nicht nur aus dem Ergebnis Befriedigung, sondern aus dem Weg dorthin. Und der darf ruhig steinig sein. „Die Motivationsforschung zeigt“, sagt Rückert, „wenn wir uns Aufgaben stellen, die uns stark fordern, macht uns das Ankämpfen gegen unsere Grenzen glücklich.“ 




    Michael beim Schnitt seines Langzeitprojekts.

    Sich selbst fordern, ja. Das Problem ist, dass viele nicht erkennen, wann die Quälerei destruktiv wird. So ging es Emily, der Doktorandin, die im Frühjahr mit ihrem Computer in der Cambridger Kneipe saß – ihre letzte Abgabefrist ist mittlerweile verstrichen. Sie will ihre Geschichte teilen, aber es fällt ihr schwer, darüber zu sprechen. Ihren Namen, das Thema ihrer Arbeit, auch das Fach, in dem sie promovieren wollte, das alles will sie nicht in der Zeitung lesen. Per Skype lässt sie eine Freundin für sich erzählen. „In Cambridge ist Leiden Kult“, sagt die Freundin. Es herrsche das Narrativ, die Promotion müsse hart sein. Wenn Doktoranden ins Stocken geraten und Kollegen von ihren Problemen erzählen, spielen die das oft herunter: Was erwartest du? Das muss so sein!
     

    Problematisch für diejenigen, die wirklich nicht mehr weiterwissen. Denn es führt dazu, dass sie Warnsignale zu lange ignorieren. Auch Emilys Freunde wurden erst misstrauisch, als sie sich komplett abschottete. Gegen Ende traute sie sich eine Woche lang nicht mehr aus ihrer Wohnung. Aus Angst, sie könnte ihrer Professorin begegnen.
     
    [seitenumbruch]
    Nicht nur an den Unis herrscht die Vorstellung: Wer ausdauernd ist und leiden kann, wird es weit bringen. Es ist das große Versprechen unserer Gesellschaft. „Diesem protestantischen Arbeitsethos entkommen wir nicht“, sagt der Psychologe Rückert. Paradoxerweise fordert genau dasselbe Gesellschaftssystem, dass wir unsere Bedürfnisse sofort befriedigen. „Wir sollen jedem Impuls folgen“, so Rückert. „Bei Frust sofort losgehen, kaufen, Wachstum generieren.“ Diese entgegengesetzten Appelle reißen nicht nur von außen an uns. Sie wohnen auch uns selbst inne. Und produzieren ein Phänomen, das sowohl Symptom als auch Ursache eines ausufernden Langzeitprojekts sein kann: Prokrastination, das fortwährende Aufschieben von als notwendig erachteten Aufgaben. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, es leitet sich ab von „pro“ (= für) und „cras“ (= morgen). „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“ – noch so ein Kalenderspruch. Aber ein schwachsinniger. Prokrastination hat komplexe Ursachen.

    Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie mit unserer Wahrnehmung von Zeit zu tun hat, insbesondere mit dem Phänomen des „hyperbolic discounting“, der „übermäßigen Abzinsung“. Gemeint ist eine extragroß erscheinende Belohnung. Ein Beispiel: Sollen Menschen zwischen hundert Euro heute oder hundertzehn Euro morgen wählen, entscheidet sich die Mehrzahl für hundert Euro heute. Aber bei der Wahl zwischen hundert Euro in 30 oder hundertzehn Euro in 31 Tagen entscheiden sich die meisten Probanden, einen Tag länger zu warten. Heißt: Je ¬näher die Belohnung, desto irrationaler unser Verhalten. 

    Den Reiz und die Macht der Belohnung verspüren wir immer nur im Jetzt, nicht für die Zukunft. Den komplizierten Vortrag arbeite ich morgen aus, denken wir; heute lieber erst mal das Leichte, Schnelle: aufräumen, ein Bild aufhängen, Zeitung lesen. Prokrastination ist also das Ergebnis einer inneren Verhandlung, die unser Kurzzeit-Ziele-Ich gewonnen hat. Unser Langzeit-Ziele-Ich (Dissertation, Film, Renovierung) hat es dagegen schwer. Es kämpft gegen den Effekt des „hyperbolic discounting“ – und wir belasten es außerdem mit unseren Vorstellungen vom idealen Arbeiten. 

    Ängste sind der Terminator jedes Langzeitprojekts.


    Das beobachtet auch Psychologe Rückert, der an der Freien Universität in Berlin prokrastinierende Studierende berät. Während der Beratung erzählten sie ihm ganze Kataloge über den perfekten Arbeitstag: um sieben Uhr aufstehen, um acht am Schreibtisch, acht Stunden durcharbeiten, mittags kurz was essen. „Und bei wem läuft das tatsächlich so?“, fragt Rückert und kennt die Antwort schon. Denn wir planen, wie wir gern arbeiten würden; nicht so, wie wir es tatsächlich tun. Warum? „Aus Angst“, sagt Rückert. „Vielleicht habe ich schon mal erlebt, dass mir etwas misslungen ist, weil ich getrödelt habe.“ Weil es unangenehm ist, sich mit negativen Erfahrungen zu konfrontieren, machen wir uns lieber Idealvorstellungen von unserem Projektverlauf – aber wir haben einen inneren Beobachter, der überprüft, ob wir sie umsetzen, und uns danach bewertet. Diese Selbsteinschätzung, sagt Rückert, sei bei den meisten kritisch und von Ängsten getönt. Und Ängste sind der Terminator jedes Langzeitprojekts. Sie schüren Zweifel.  

    Darum hätte auch Michael sein Projekt beinahe aufgegeben, noch bevor er überhaupt nach Bangladesch aufgebrochen war. „Ich zweifelte selbst und die anderen zweifelten auch an mir“, sagt er. „Mein Professor schrieb: ‚Wollen Sie auf einem Schimmel ins Bordell reiten und Ihren Mantel teilen?‘“ Michael verstand es als gut gemeinte Provokation, war aber trotzdem verunsichert: Ist meine Idee tatsächlich nur ein selbstgefälliges Hirngespinst?
     

    Ob ein Langzeitprojekt gelingt, ist also auch eine Frage der Zuversicht. „Ich muss mir ausmalen können, dass mein Projekt aufgehen wird“, sagt Rückert. „Außerdem, dass der Erfolg für mich persönlich bedeutsam ist und binnen der für mich relevanten Zeit eintreten wird.“
     

    Bei Johannes war das der Fall. Dass die Häuser eines Tages so aussehen würden, wie er es sich wünschte, daran zweifelte er trotz aller Verzögerungen nie. Weil es das Zuhause seiner Familie werden würde und Johannes und seine Oma schon bald auf dem Grundstück wohnten, musste er Sinn und Bedeutung seiner Arbeit nie hinterfragen. Und weil er sieht, dass es vorangeht, quält ihn nicht, dass der Umbau länger dauert. 




    Johannes Müßig renoviert schon seit sechs Jahren drei alte Häuser in Murnau, hat aber noch keine Sekunde an seinem Vorhaben gezweifelt. Sein Ziel ist ihm ganz klar: ein Zuhause für seine Familie schaffen.

    Bei Michael kam die Zuversicht zurück, als er endlich in Faridpur, Bangladesch, stand: „Ich kam gar nicht mehr zum Zweifeln, alles war ganz klar.“ Er traf Mitarbeiter einer NGO, sprach mit den Frauen, schaute sich an, wie und wo sie arbeiten. Schnell erkannte er, dass er nicht nur den Frauen helfen müsste, sondern auch deren Kindern. Über Facebook sammelte Michael mehr als zehntausend Euro und finanzierte damit ein Wohnheim. Im Moment sucht er regelmäßige Spender und einen Mitstreiter, mit dem er das Projekt vorantreiben kann.
    [seitenumbruch]
    Emily hatte es viel schwerer, zuversichtlich zu bleiben. Sie arbeitete auf das ferne Ziel „Doktortitel“ hin, dessen Sinn, der Einstieg in die Wissenschaftslaufbahn, längst nicht mehr als sicher gilt. „Viele fangen während der Doktorarbeit an, zu zweifeln, ob eine Laufbahn in der Wissenschaft das Richtige ist“, sagt Emilys Freundin. Weil sie aber zu diesem Zeitpunkt bereits so viele Jahre investiert und keine anderen Qualifikationen, keine Berufserfahrung gesammelt hätten, sei Umschwenken keine Option.  

    Dieser Druck ließ auch Emily viel zu lange verharren. Man kann sich den Verlauf ihrer Doktorarbeit als Kette unglücklicher Ereignisse und falscher Entscheidungen vorstellen. Ihr Projekt sah eine Feldforschung in Russland vor, aber sie fand nicht richtig Zugang, kämpfte mit der Verständigung, kam mit sehr dünnen Beobachtungen zurück. Nach der Hälfte der Zeit startete Emily ein neues Thema. Neue Forschungsreise, neuer Stress. Schlechte Vorbereitung, Widerstände, kein Plan B, dünne Ergebnisse. Der ganze Prozess wiederholte sich, Emily machte trotzdem weiter. Mit immer größerer Angst und immer weniger Zuversicht. Die Motivationsforschung, sagt Psychologe Rückert, geht davon aus, dass uns eine Tätigkeit dann leicht fällt, wenn sie mindestens zu siebzig Prozent mit guten Gefühlen verbunden ist. Alles andere kostet uns Kraft und Mühe. Dann ist es ratsam, „Hilfsmotoren“ anzuschmeißen.
     

    Das kann zum Beispiel die verhasste, aber eben auch sehr effektive Deadline sein. Neben einem klaren Zeitplan geht es aber vor allem darum, das eigene Vorhaben so umzudeuten, dass es wieder für positive Gefühle sorgt. Zum Beispiel, indem man Zuspruch aus dem sozialen Umfeld einfordert, so lässt sich die Lücke zwischen Anstrengung und Belohnung verringern. Außerdem hilft es, Projekte in Aufgaben zu zerlegen, die binnen kurzer Zeit erledigt werden müssen. Und man sollte die eigenen Wahlmöglichkeiten beschneiden, besser noch beschneiden lassen, von Kommilitonen, Kollegen, Chefs. Denn je mehr Möglichkeiten, desto größer die Furcht, uns falsch zu entscheiden – und dann machen wir vorsichtshalber gar nichts.
     




    "Womit bloß anfangen? Welchen Weg dann weitergehen?" Wenn wir in einem großen Projekt zu viele Wahlmöglichkeiten haben, kriegen wir Angst, uns falsch zu entscheiden - und machen lieber erst mal gar nichts.

    Sich 'voranzuscheitern', das kennen wir nicht.


    Aber wer die Zuversicht nicht mehr oder nicht wieder entwickeln kann, sollte sein Projekt besser abbrechen, sagt Hans-Werner Rückert. Warum fällt uns das so schwer? „Versagen und Scheitern“, sagt Rückert, „sind in Deutschland sehr negativ besetzt. Sich voran­zuscheitern, dieses Konzept kennen wir nicht.“ Zwar sei die Idee vom erfolgreichen Scheitern derzeit en vogue, vor allem bei jungen Start-up-Gründern. Aber gesellschaft­liche Werthaltungen änderten sich eben nur langsam, wenn überhaupt. „Das Reden vom Scheitern, das gar nicht so schlimm sei, ist ein modisches Ober­flächenphänomen.“ Es wäre viel gewonnen, für den Einzelnen und für uns als Gesellschaft, wenn sich daran ­etwas änderte. Bis es so weit ist, hilft vielleicht eine ­zweite, nach innen gerichtete Überlegung, wenn wir uns mit einem Langzeitprojekt quälen: Macht das, was ich glaube, tun zu müssen, wirklich Sinn? Vielleicht sollten wir unsere Langzeitprojekte in zwei Gruppen sortieren: die Projekte, die wir aufschieben und die uns Kraft kosten, weil wir so ­gestrickt sind, wie wir sind; und jene, bei denen wir das tun, weil wir eigentlich längst nicht mehr dahinterstehen. Die große Kunst besteht darin, zu erkennen, welches Projekt in welche Gruppe fällt.

    Michael hat sein Projekt umgedeutet und dadurch einen neuen Sinn gefunden: nicht nur vom Helfen erzählen, sondern wirklich helfen. Emily hingegen hat auf dem Weg den Sinn verloren – und aufgegeben. Und Johannes? Als die Bauarbeiten losgingen, liefen alle möglichen Murnauer auf dem Grundstück ein. Jeder wusste etwas Schlaues über Johannes’ Vorhaben zu sagen: Bausubstanz völlig hinüber, ein einziges Geldgrab, ob der Doktor überhaupt das Zeug zum Renovieren habe? „Zusammenschieben!“, befahl ein Bauer, der sich nur noch eine Lösung für die Häuser vorstellen konnte: die Planierraupe. Trotzdem zweifelte Johannes nicht ein Mal am Sinn seines Projekts: ein Zuhause für seine Familie zu schaffen. Neulich kam der kritische Bauer nach Jahren wieder vorbei und stand staunend in der Auffahrt: „Johannes, dass das so schön werden kann, hätt’ ich nie gedacht!“
     




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