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  • 07/15/15--07:56: Das Prinzessinnen-Phänomen
  • Das Neuste sind die Dinosaurier-Prinzessinnen. Zum Beispiel diese:

    [plugin imagelink link="http://nerdist.com/wp-content/uploads/2015/06/Disney-Princess-Raptors-6-06162015.jpg" imagesrc="http://nerdist.com/wp-content/uploads/2015/06/Disney-Princess-Raptors-6-06162015.jpg"]
    Genauer gesagt ist es eine Velociraptor-Disney-Prinzessin. Und jeder, der in seiner Kindheit und Jugend irgendwie mit Zeichentrickfilmen in Berührung gekommen ist (also fast jeder von uns) wird sofort erkennen, welche Figur als Vorbild diente (für die Ausnahmefälle hier die Auflösung: Schneewittchen). Die Künstlerin Laura Cooper hat diese und weitere Disney-Dino-Damen zum Start des Films „Jurassic World“ im Juni entworfen. Lustig!

    Die Velociraptore sind eine Art vorläufiger Gipfel des Disney-Prinzessinnen-Transformations-Trends. Irgendwann (wann genau ist nicht mehr zu rekonstruieren) hat das Internet angefangen, sich einen Narren an diesen Figuren zu fressen. Auf Tumblr, bei Buzzfeed und an vielen anderen Online-Orten tauchten Bilder von Künstlern und Künstlerinnen auf, die mit den Prinzessinnen herumgespielt haben. Mittlerweile gibt es zum Beispiel Disney-Prinzessinnen mit Kurzhaarfrisuren, mit realistischen Haaren, mit der Nase ihrer Feinde, in mollig, mit Steve Buscemis Augen, ohne Babyface, gone wild, mit Müttern, als Meerjungfrauen, twerking, als mormonische Missionarinnen, mit realistischen Taillen, als 50-Shades-of-Grey-Figuren und in einer WG. Und das sind längst nicht alle.

    [plugin imagelink link="http://static.boredpanda.com/blog/wp-content/uploads/2015/01/disney-princesses-realistic-hair-loryn-brantz-24.jpg" imagesrc="http://static.boredpanda.com/blog/wp-content/uploads/2015/01/disney-princesses-realistic-hair-loryn-brantz-24.jpg"]Wie Ariels Haare eigentlich hätten aussehen müssen

    Warum ausgerechnet die Disney-Prinzessinnen so beliebtes Meme-Material geworden sind, hat wahrscheinlich verschiedene Gründe und manche davon verstecken sich in den unergründlichen Tiefen des Internets. Ein paar scheinen aber auch ganz plausibel. Zum Beispiel diese hier:

    1. Nostalgie. Weil wie gesagt (fast) jeder in seiner Kindheit Disney-Filme gesehen hat, kennt (fast) jeder die Prinzessinnen. Wenn wir sie wiedersehen, weckt das Erinnerungen an erste Kinobesuche oder Videonachmittage mit Freunden auf dem durchgesessenen Sofa im Wohnzimmer. Und wenn wir sie in einer neuen Form wiedersehen, zeigt uns das, mit was für einem unkritischen, kindlichen Blick wir sie damals angeschaut haben. Eine Art nachträglicher Verfremdungseffekt.

    2. Humor durch kulturelles Allgemeinwissen. Die Disney-Prinzessinnen sind die perfekte Schablone für Humor – und auch das, weil (fast) jeder sie kennt. Sie sind Stereotype mit festen, leicht wieder erkennbaren Merkmalen, in den Filmen tauchen sie die ganze Zeit über in der immer gleichen Kleidung mit den immer gleichen Frisuren auf. Darum kann man an ihnen verändern, was immer man will – solange mindestens die Frisur oder die Kleidung (oder beides) noch vorhanden ist, wird jeder sie erkennen, an das Original denken, es mit der neuen Version abgleichen und dann lachen müssen. Bestes Beispiel dafür sind die Dinos, da ist von den eigentlichen Prinzessinnen ja nicht mehr viel übrig. Aber der Schneewittchen-Dino hat halt diese Schleife auf dem Kopf und Pluderärmel.



    Steve "Pocahontas" Buscemi


    3. Feministische Kritik. Üben vor allem die Illustrationen, die mit „What Disney Princesses would look like if/with...“ überschrieben sind. Zum Beispiel die mit realistischen Haaren oder mit Taillen, die auch Frauen außerhalb von Disney-Filmen haben könnten. Da geht es auch wieder drum, dem unkritischen Blick, den man früher hatte, durch einen kritischen zu ersetzen. Aber auch darum, zu sagen: Wir sind doch heute schon viel weiter. Denn nicht nur Ariel und Pocahontas, also Figuren aus den Achtziger und Neunziger Jahren, werden von Disney als Frauen mit unerreichbaren Modelmaßen, Kindchenschema und wallendem Haar dargestellt, sondern zum Beispiel auch Elsa aus „Die Eiskönigin“ – Kinostart November 2013. Disney-Prinzessinnen sind also nicht nur die perfekten Schablonen für Humor, sondern auch Schablonen für ein Frauenbild, dass ein Unternehmen wie Walt Disney Pictures in den 2010er Jahren längst überwunden haben sollte. Und das man darum kritisieren darf und sollte. Vielleicht lassen sich die Drehbuchschreiber ja für den nächsten Film von den Velociraptor-Prinzessinnen inspirieren. Das wäre mal total 2015!

    Nadja Schlüter

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  • 07/15/15--08:50: Trage eine Hose!



  • Das Internet schimpft. Warum? Weil die Bravo-Redaktion für ihre weiblichen Leser "100 Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung" gesammelt hat.

    Darunter zum Beispiel der:





    Oder dieser:




    Wie ungerecht, wie sexistisch, wie pfui! Weil, warum kriegen nur die Mädchen solche Tipps? Die jetzt-Redaktion hat nachgelegt und präsentiert für alle Jungs: 100 superleichte Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung!
     

    1. Putz dir die Zähne nach dem Essen.

    2. Trage eine Hose, wenn du aus dem Haus gehst.

    3. Rauche eine Zigarette an der Bushaltestelle.

    4. Halte ein Referat über irgendwas.

    5. Frag deinen Schwarm in der Pause, ob sie die Bio-Hausaufgabe gemacht hat.

    6. Wenn ja, schreib sie ab. Außer du hast sie selber auch.

    7. Binde dir die Schuhe zu.

    8. Oder lass die Schuhe offen. Wenn du stolperst, finden Girls dich auch süß.

    9. Trage eine Armbanduhr. Oder solche Festival-Bändchen, die nach nassem Hirtenhund riechen.

    10. Wasch dir manchmal die Haare.

    11. Wasch dir manchmal nicht die Haare.

    12. Guck deinen Schwarm manchmal an.

    13. Guck deinen Schwarm manchmal nicht an.

    14. Vermeide es zu rülpsen, wenn du mit deinem Schwarm sprichst.

    15. Zieh dir eine Kapuze über den Kopf, wenn es regnet.

    16. Höre im Schulbus Musik über Kopfhörer.

    17. Schnäuze dich ins Taschentuch, nicht in den Ärmel.

    18. Finde deine innere Mitte.

    19. Erzähl allen, dass du schon Sex hattest.

    20. Fang an zu Rauchen.

    21. Geh öfter mal zum Game Stop, obwohl du nix kaufen willst.

    22. Fang an zu Trinken.

    23. Zieh montags frische Socken an.

    24. Zieh dienstags frische Socken an.

    25. Zieh mittwochs frische Socken an.

    26. Rülpse manchmal laut.

    27. Lass deine Shirts nicht von deiner Mutter bügeln.

    28. Kauf dir ein T-Shirt mit Bandlogo.

    29. Oder nicht. Unbedruckte Shirts sind auch okay.

    30. Melde dich nicht so oft im Unterricht.

    31. Quatsch mehr mit deinem Sitznachbarn.

    32. Zieh auch Donnerstags frische Socken an.

    33. Zieh freitags frische Socken an.

    34. Zieh samstags frische Socken an. (Außer es ist Sommer und du trägst Flip Flops.)

    35. Lächle nicht so viel.

    36. Beende deine Sätze manchmal mit Alter, Digger, Mann oder ähnlichem.

    37. Drücke dich aber auch kultiviert aus, wenn du möchtest.

    38. Treibe Sport, wenn du möchtest.

    39. Schau Fußball und rede mit deinen Kumpels darüber.

    40. Rede mit deinen Kumpels laut über Girls, die ihr heiß findet.

    41. Lache über Witze.

    42. Kaufe dir Hanteln.

    43. Fahre im Sommer mal mit dem Rad.

    44. Begrüße deine Kumpels mit High Five.

    45. Hol dir einen runter, wenn du allein zu Hause bist.

    46. Heule wie ein Wolf, wenn ein Girl in Hotpants vorbeiläuft.

    47. Wenn du Lust hast, kauf dir ein Skateboard.

    48. Wenn du Lust hast, wünsch dir eine Playstation 4 zum Geburtstag.

    49. Lache über Witze von Joko und Klaas.

    50. Springe im Freibad mal vom Fünfer.

    51. Versuche dir einen Bart wachsen zu lassen.

    52. Gehe breitbeinig durch eine Fußgängerzone.

    53. Trage eine Jacke, wenn dir kalt ist.

    54. Trage keine Jacke, wenn dir warm ist.

    55. Außer die Jacke ist echt cool. Dann kannst du sie immer tragen.

    56. Stell dir vor, du hättest Sex mit der Englisch-Referendarin.

    57. Trage im Januar Turnschuhe.

    58. Trage im Februar Turnschuhe.

    59. Trage im März Turnschuhe.

    60. Trage im April Turnschuhe.

    61. Trage im Mai Turnschuhe.

    62. Trage im Juni Turnschuhe oder Flip Flops.

    63. Trage im Juli Turnschuhe oder Flip Flops.

    64. Trage im August Turnschuhe oder Flip Flops.

    65. Trage im September Turnschuhe.

    66. Trage im Oktober Turnschuhe.

    67. Trage im November Turnschuhe.

    68. Trage im Dezember Turnschuhe.

    69. Folge Sido auf Facebook.

    70. Pinkle im Stehen.

    71. Gehe manchmal mit deiner Mutter Klamotten einkaufen.

    72. Mach oft Witze über Justin Bieber.

    73. Geh manchmal ins Fitness-Studio.

    74. Häng dir Poster aus der FHM im Zimmer auf.

    75. Schaue heimlich Germany’s Next Topmodel an.

    76. Sag "Opfer" zu den Jungs, die auf dem Pausenhof Karten spielen.

    77. Verabrede dich zu Pokerabenden mit deinen Freunden.

    78. Wenn du magst, kauf dir ein Instrument und lerne, es möglichst virtuos zu spielen.

    79. Rasiere dir eine Zwei-Millimeter-Frisur.

    80. Lass dir die Haare lang wachsen.

    81. Lass dir einen Undercut schneiden.

    82. Schließe eine Smartphone-Versicherung ab.

    83. Drücke Pickel aus.

    84. Fahre eine Beule in Papas Auto.

    85. Versuche, Wodka an der Tankstelle zu kaufen.

    86. Fahr mal nach Prag.

    87. Wenn du möchtest, fahr auch mal nach Barcelona.

    88. Erzähl einem Fahrkartenkontrolleur, du hättest deine Monatskarte daheim vergessen.

    89. Schreibe einen Tweet darüber, dass Schweinsteiger nach England geht.

    90. Sag deiner Mutter, die Zigaretten in deiner Jacke sind von deinem Freund.

    91. Verarsche deine kleine Schwester.

    92. Wenn du keine kleine Schwester hast, verarsche die kleine Schwester von jemand anderem.

    93. Du kannst aber auch nett zu ihr sein.

    94. Geh auf ein Festival.

    95. Frag Siri, was Null geteilt durch Null ist.

    96. Iss ein Zigeunerschnitzel mit Pommes.

    97. Zieh sonntags frische Socken an. Außer du bleibst barfuß.

    98. Sag mal "Hallo" zu einem Girl.

    99. Sag mal "Tschö" zu einem Girl.

    100. Kauf dir mal eine Bravo.


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  • 07/15/15--09:48: Danke, Fremdenfeinde!
  • Die Daten sind bereits gesammelt, da kann man sie genauso gut für einen guten Zweck nutzen: Auf einer öffentlichen Google-Maps-Karte wurden Asylbewerberheime samt Adressen eingezeichnet (jetzt.de berichtete) – und zwar unter dem Titel "Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft".

    Was mit einem fremdenfeindlichen Hintergrund begann, daraus haben jetzt.de- und SZ-Leser, die auf Facebook mitdiskutierten, einfach eine gute Sache gemacht: mit einer neuen Karte, auf der die Adressen der Heime nach wie vor eingezeichnet sind, jedoch nicht mehr mit einer fremdenfeindlichen Hetze als Überschrift, sondern mit dem Titel: "Helft mit! Helft Menschen in Not!" 



    (Quelle)

    "Dank des Einsatzes dieser Leute, könnt ihr jetzt schneller helfen denn je!", steht bei der Karte. "Schaut einfach, ob in eurer Nähe eine Unterkunft besteht oder geplant wird. Ruft dort an, geht vorbei - wie auch immer. Fragt ob ihr helfen könnt. Ob Sachspende, einfach mal mit den Leuten dort plaudern, egal."

    Wer genau hinter der zweiten Karte steckt, ist noch nicht klar, ebenso wie bei der ersten. Die ursprüngliche Karte ist leider nach wie vor online.


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    Freiwild zum Beispiel. Die Südtiroler Band füllt in München inzwischen die Olympiahalle. Mit Liedern, von denen Kritiker sagen, sie würden klar eine rechte Gesinnung transportieren. Oder Bushido. Der rappt im Zenith vor ein paar tausend Menschen, dass er auf die Grünen-Politikerin Claudia Roth schießen will. Und im Backstage, wo Freiwild gespielt haben, bevor sie zu berühmt wurden, trat vor ein paar Jahren unter anderem Bounty Killer auf – ein Jamaikanischer Dancehall-Sänger, der findet, dass Homosexuelle erhängt gehören. Will sagen: Pop- und Jugendkultur sind toll, aber man muss hinschauen, was genau transportiert wird. Im Farbenladen des Feierwerk passiert das gerade. Die Ausstellung „Der z/weite Blick“ (noch bis 30. Juli) zeigt, wie vielfältig Jugendkultur geworden ist. Aber eben auch, wo Probleme mit Diskriminierung und Ausgrenzung auftreten. Dazu gibt es Workshops im Graffiti-Sprühen oder Beats-Produzieren. Johannes Scholz von der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München und Christoph Rössler von der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik haben die Ausstellung kuratiert.
     
    jetzt.de München: Freiwild füllen in München jetzt schon die Olympiahalle. Was sagt das über die Stadt aus?
    Johannes: Was wir gerade erleben, ist meiner Meinung nach eine gewisse Konservativität. Das heißt, dass Jugendkulturen sich optisch vielleicht noch rebellisch geben, mit Bodymodifications wie Tattoos und Piercings. Drinnen stecken aber sehr konservative Werte. Jugendkultur gilt ja allgemein als emanzipatorisch und damit über jeden Verdacht von Diskriminierung erhaben. Und genau da erleben wir gerade einen Rollback. Zumindest im Deutschrock.




    Johannes (li.) und Christoph von den Pastinaken.
     
    Heißt das auch, dass der Extremismus zunimmt?
    Christoph: Ich würde den Begriff Extremismus erst mal vermeiden. Es geht darum, dass Subkulturen auch nur ein Teil von Gesellschaft sind. Was wir mit unserer Ausstellung vor allem zeigen wollen, ist, dass es in der gesamten Gesellschaft Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmechanismen gibt. Und damit eben auch in den Jugendkulturen. Nur, weil es zum Beispiel cool ist, zu rappen oder zu skaten, kann es trotzdem Ausgrenzungen geben. Dürfen Mädels auf den Skatepark? Habe ich noch Credibility in der Szene, wenn ich ohne Gewaltsprache rappe?
    Johannes: Man denkt bei Gewalt und Ausgrenzung gegenüber Minderheiten ja immer an Extremisten. Dabei kommt sie sehr wohl auch in der Mitte der Gesellschaft vor. Immer mehr leider.
     
    Die Mitte rückt nach rechts?
    Johannes: Seit ein paar Jahren wieder, ja.
    Christoph: Die Studie „Deutsche Zustände“ der Uni Bielefeld hat etwa herausgefunden, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Mitte in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Und dass es regionale Unterschiede gibt.

    München diskriminiert anders als Köln?
    Christoph: Ja. Das Institut für Soziologie der LMU hat, angelehnt an die Bielefeld-Studie, die „Münchner Zustände“ untersucht. Dabei kam heraus, dass hier ein starker Ökonomismus herrscht: Die Abwertung von Langzeitarbeitslosen und von Obdachlosen ist eklatant im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Der Grad der Islamophobie ist in der Stadt ungefähr im Bundestrend – was aber heißt: sehr hoch. Die Abwertung Homosexueller ist in München dafür deutlich unter dem Durchschnitt. In der Hinsicht scheint München eine sehr moderne Stadt zu sein.
     
    Woher kommt das?
    Christoph: Da müsste man jetzt mit sehr steilen Thesen hantieren. Aber ich würde sagen: Man mag in einer Technologiestadt wie München alles, was mit Moderne konnotiert ist – Rampen für Rollstühle zum Beispiel, neue gläserne Anbauten für Aufzüge, oder einen Christopher Street Day mit bunten Trucks. Und Langzeitarbeitslose, die nichts zum Produktionsprozess beitragen, oder den Islam, dem man moralische Rückständigkeit unterstellt, verbindet man wohl eher mit Vormoderne.
    Johannes: Wir erleben allerdings auch in München eine Zunahme bei den Aktivitäten der „identitären Bewegung“ . . .
    ... eine rechtspopulistische Jugendkultur, die ursprünglich aus Frankreich kommt  und sich als „aktivistischer Arm der neuen Rechten“ versteht ...
    Johannes: ... bis vor ungefähr einem Dreivierteljahr waren die in München nur im Netz präsent. Plötzlich tauchen im Stadtgebiet viel mehr Aufkleber von ihnen auf. Sogar Banner hingen schon von Autobahnbrücken.
     
    Welchen Einfluss hat Musik in einem solchen Milieu? Oder gleich konkreter: Sind Freiwild jetzt gefährlich?
    Johannes: (zögert) Hm, also ich bejahe das jetzt einfach mal. Klar: Nicht jeder, der Freiwild hört, hört am nächsten Tag Endstufe oder ähnliche Nazibands. Genauso wenig, wie jemand, der einmal kifft, sich am nächsten Tag Heroin spritzt. Aber der Weg kann da hingehen. Und zwar, weil eine Tür aufgemacht wird – die der Ungleichwertigkeit. Das ist es auch, was die Grauzonebands mit den Neonazibands verbindet: Menschen sind für sie nicht gleich.
     
    Und diese Aussage übernimmt man als Hörer dann tatsächlich im realen Leben?
    Christoph: Nicht automatisch. Nicht sofort. Aber wir reden hier von Massenveranstaltungen. Es gibt dort ein gewaltiges Potenzial, Legitimation zu erzeugen. Sobald dort etwas gesungen und nicht abgelehnt wird, speichere ich irgendwo ab: Ich habe das in einem Raum mit hundert oder tausend anderen gehört, und niemand hat sich beschwert. Das muss also Legitimation haben.
     
    Wenn Bushido also sexistische Texte rappt oder Bounty Killer sagt, dass Schwule erhängt gehören, bleibt für mich eine Art Norm hängen?
    Christoph: Es bleibt jedenfalls mindestens hängen, wie wenig Leute widersprochen haben. Und wenn das da durchgegangen ist, kann ich ja vielleicht auch mal sehen, wie weit ich damit sonst komme.
     
    Und dafür sind Jugendliche anfälliger?
    Johannes: Ja. Sie haben deutlich weniger politischen Einfluss. Ihre ökonomischen Möglichkeiten sind weitestgehend fremdbestimmt. Und das macht sie im schlimmsten Fall zu reinen Rezipienten. Die Jugend ist leichter eine Gruppe, mit der etwas getan wird. Man könnte sogar mal fragen, inwieweit Jugendkultur überhaupt noch aus sich heraus entsteht und dann erst vermarktet wird, oder ob das nicht meistens schon andersherum geht?
     
    Und wie wäre die Antwort?
    Christoph: Dass es zumindest immer schwieriger wird, sich frei abzugrenzen. Ein Nietengürtel war 1970 wahrscheinlich tatsächlich noch ein Zeichen von Rebellentum. Heute kaufe ich ihn bei H&M – für nicht wenig Geld.
       
    Und wie kann Jugendkultur aus dieser passiven Rolle wieder herauskommen?
    Christoph: Meiner Meinung nach, und das wollen wir hier auch vermitteln, ist der beste Weg immer: Do it yourself. Lass nicht nur auf dich einhageln. Sei nicht nur Rezipient. Deshalb die Workshops, die wir hier anbieten. Und deshalb stehen hier auch überall Gitarren. Die Leute sollen aktiv werden. Unsere Einladung ist: Nimm dir mal eine von den Gitarren. Oder dreh an den Plattenspielern rum. Hauptsache, du machst etwas selber. Das ist immer besser, als nur Konsument zu sein. Mit reinem Konsum bist du nämlich immer maximal entfernt von Jugendkultur.

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    Wann genau ist der Moment? Wenn man weiß, welcher Bäcker in Schwabing sonntagnachmittags noch Semmeln verkauft? Wenn man den Vornamen des Türstehers im Pacha kennt? Oder, noch besser, den des Besitzers?
     


    Die beste Illu des Textes!

    Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, um zu sagen: Ich bin hier. Dies ist jetzt meine Stadt. Ich schlafe hier nicht mehr nur, ich lebe hier. Man kann in Jogginghosen zum Supermarkt gehen. Man kann sich einen Dialekt angewöhnen und nur noch „Lechel“ und „Giasing“ sagen. Oder man kann über Touristen, die zu Fuß auf dem Radweg laufen, die Augen rollen. Aber die beste Formel, also echt die allerbeste, ohne Scheiß jetzt, die beste ever, um auszudrücken, dass man angekommen ist, geht so:

    „Das beste X der Stadt, also das allerbeste, ohne Scheiß jetzt, gibt es im Y.“
     
    Der Satz funktioniert praktischerweise mit quasi allem, von dem es mehr als eins gibt. In deiner Stadt gibt es mehr als eine Bäckerei? Dann gibt es auch die beste! Geht auch mit allem, was sich konsumieren lässt, von der Pizza bis zur Abhyanga-Massage. Von der besten Butterbreze in Berg am Laim über den besten New York Cheesecake außerhalb New Yorks bis zum besten Milchschaum der Maxvorstadt.
     
    Der „Beste“-Satz kann zweierlei sein: eine Empfehlung an den Ortsunkundigen („Du musst unbedingt vor der Abreise noch den Bienenstich im Café Schneller probieren, echt der beste der Stadt“) oder eine Behauptung gegenüber anderen Einwohnern („Ich find ja eh, die beste Schweinsbratenkruste machen die im Schneider“). In jedem Fall signalisiert er aber, dass der Empfehlende hier zu Hause ist. Dass er eingeweiht ist. Und schon einiges probiert hat. Gute Brezen kauft der Zugezogene. Leckeres Eis isst der Erstsemester. Wer aber irgendwas bestes kennt, kann sich eigentlich im nächsten Schritt als Bürgermeisterkandidat aufstellen lassen.
     
    Wenn der Satz nur nicht so schrecklich sinnlos wäre! Denn wer sagt, er kenne das „beste Sashimi Münchens“, sagt ja eigentlich: Ich habe sie alle probiert, vom Aubinger Sashimi bis zum Zamdorfer Sashimi, und nun, 219 Sashimis später, lautet mein Urteil: Das beste gibt es im Tokami in der Theresienstraße.
     
    Absurd? Ja. Denn statt einen Tipp zu geben, mit dem jemand ernsthaft etwas anfangen kann, geht es beim „Beste“-Satz vor allem darum, den Gestus des Ureinwohners zu imitieren. Der schon alles gesehen hat, die guten wie die schlechten Brezen, den wässrigen wie den sahnigen Milchschaum, und der sich heute echt nichts Halbschariges mehr andrehen lässt.
     
    Und komisch ist ja noch etwas anderes: dass nämlich viele dieser demonstrativ kompromisslosen Empfehlungen zufällig in der Nachbarschaft des Empfehlenden liegen. Das beste Spaghetti-Eis der Stadt gibt es eben nicht zufällig in fußläufiger Entfernung – es ist halt nur das, was der Empfehlende zufällig kennt. Aber wen beeindruckt schon ein okayes Spaghetti-Eis, das aber voll nah liegt?
     
    Umso erstaunlicher, wie oft dieser Satz dann verwendet wird. Im Netz lässt sich das vorzüglich überprüfen – die Bewertungsseiten von Yelp oder Tripadvisor sind voll von Superlativen, von den besten Tapas und vom besten Espresso Macchiato, bei dem sich zum Beispiel im Fall von Vits Kaffeerösterei am Isartor „so mancher Italiener eine Scheibe abschneiden könnte“, was ja tatsächlich enorm gut geschlagenen Milchschaum voraussetzt.
     
    So. Und was ist nun „das Beste“ in München? Also, konkret? Natürlich ist sich da niemand einig. Wenn man die Reviews mal durchzählt, erkennt man: Den besten Burger der Stadt gibt es sowohl in der Schnellen Liebe, als auch im Cosmogrill, dem Fritty Woman oder dem My Stolz. Die beste Suppe (wahlweise „von München“, „von Welt“ oder „weit und breit“) gibt es im Kam Lung, in der Warmi Nudel Bar, im Sushi Express oder im Takumi. Die beste Musik bekommt man, je nachdem, auf wen man hört, im Q-Club, in der Roten Sonne, im Harry Klein oder im Bob Beaman. Die besten Donuts serviert Donut & Candies beziehungsweise Boogie Donuts & Coffee. Und beim Sushi wird es vollends unübersichtlich, da tragen 21 verschiedene Läden das Prädikat „bestes Sushi“.
     
    Und weil wir uns natürlich selbst nicht von der Empfehlerei ausnehmen, ein kurzer Blick in die vergangenen drei Jahre unserer Verstandenliste auf der jetzt.de-Münchenseite: Die „besten Brezen am Hauptbahnhof“ hat, behaupteten wir, der Höflinger. Der „beste Platz für Trinkspiele“ seien die Isarauen. Zugegeben: Wir haben es nicht überall sonst getestet. Die „beste Grabsteinbeschriftung der Welt“, posaunten wir, gebe es auf dem Haidhauser Friedhof. Nun ja, da haben wir auch eher nachlässig recherchiert. Und die „beste Sommerhitze in ganz Deutschland“, schrieben wir, habe München. Zumindest im Vergleich zum Rheinland und zu Berlin. Können wir nicht wasserdicht nachweisen – falls es nicht stimmt: Sorry, Rheinland und Berlin! Und die besten Grüße Münchens.

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    Nehmen wir mal für einen Moment an, ein Facebook-Account spiegelt tatsächlich seinen Besitzer wieder. Oder hängen wir es eine Ebene drunter ein und sagen realistischer: Natürlich bildet ein Account nicht die Persönlichkeit seines Betreibers ab – aber in einer verdichteten oder leicht verzerrten Form doch zumindest Teile davon. Was würde dann also passieren, wenn man einen Account dem ganzen Internet freigibt? Zeigt sich das Wesen des Netzes dann in ihm?

    Der amerikanische Autor und Künstler Joe Veix hat das ausprobiert. Er hat die Zugangsdaten für einen Account unter dem Namen „John Smith“ veröffentlicht. Die ganze Welt konnte ihn also bearbeiten, auf ihm posten und mit ihm liken. Und was machte sie? Änderte das Passwort und sperrte den Acount. Also Reset und zweiter Versuch. Diesmal wurde es spannender:

    [plugin imagelink link="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/18/imagebuzz/webdr11/anigif_optimized-22274-1436912923-1.gif" imagesrc="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/18/imagebuzz/webdr11/anigif_optimized-22274-1436912923-1.gif"]

    Zunächst änderte jemand den Namen in „Maximilien Manning“. Cover und Profilfotos wechselten permanent und „Max“ fing an, dutzende Freunde zu adden – und all ihre Posts zu liken. Und dazu Dinge wie The Buffalo Bills, diverse Seiten von Hochzeitsplanern, Memes über Fußball, Landwirtschaft und vieles andere, die Band Good Charlotte, Charaktere aus dem Spiel „Street Fighter“, die Spin Doctors (das ist eine Band, die du nicht mehr kennst) und Marky Mark and the Funky Bunch (den kennst du nur noch als Schauspieler). Ach, und: Scheiße

    Dazu gab es natürlich viel netztypischen Humor. Max schrieb eine Urlaubsbewertung über den Islamischen Staat:

    [plugin imagelink link="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/18/enhanced/webdr09/enhanced-18471-1436913344-1.png" imagesrc="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/18/enhanced/webdr09/enhanced-18471-1436913344-1.png"]

    Hatte ein Kind mit seinem Schöpfer:

    [plugin imagelink link="https://pbs.twimg.com/media/CJqxJlJUsAAtEbO.jpg" imagesrc="https://pbs.twimg.com/media/CJqxJlJUsAAtEbO.jpg"]

    Oder wurde Frutarier:

    [plugin imagelink link="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/19/enhanced/webdr13/enhanced-10037-1436915608-1.png" imagesrc="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-07/14/19/enhanced/webdr13/enhanced-10037-1436915608-1.png"]

    Wichtiger ist aber: Max wurde berühmt. Und zwar offenbar vor allem, weil er genau das getan hat, was der Algorithmus von Facebook unterstützt. Joe formulierte das gegenüber Buzzfeed so: “The account spammed other people’s feeds like crazy, because it sort of just did what Facebook wants us all to do. This might also explain how so many strangers found it.”

    Was Facebook allerdings bekanntlich nicht mag: Profile, die unter falschen Namen laufen. Am 14. Juli, fünf Tage nachdem Joe das Experiment gestartet hatte, legte das Unternehmen den Account still.

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  • 07/17/15--01:47: "Braune" Karte ist offline
  • Vielleicht wurde der Protest auf Twitter und das Echo in den Medien zu groß, vielleicht haben genug Google-Maps-Nutzer die umstrittene Landkarte, auf der unzählige Asylbewerberheime in Deutschland eingezeichnet waren (jetzt.de berichtete), als Verstoß gegen die Richtlinien des Unternehmens gemeldet. Seit der Nacht auf Freitag ist die Karte jedenfalls nicht mehr erreichbar.


     Google hat die Karte gelöscht.

    „Diese Karte ist wegen eines Verstoßes gegen unsere Nutzungsbedingungen und/oder Richtlinien nicht mehr verfügbar“, heißt es dort jetzt.  Eine Pressesprecherin von Google Deutschland sagte gegenüber jetzt.de: „Wir erachten den Zugang zu Informationen und die freie Meinungsäußerung als außerordentlich wichtig. Wann immer Inhalte illegal sind, entfernen wir sie von unseren Produkten. So verfahren wir auch mit Inhalten, die gegen unsere Richtlinien und Nutzungsbedingungen verstoßen, wozu auch das Zufügen von Schaden sowie die Förderung von Hass gehören.“

    Am Mittwoch wurde die Karte im Netz verbreitet, mit dem Aufruf, sie bei Google als Inhalt, der zu Hass aufruft, zu melden. Zwar stand in der Karte, dass die Macher grundsätzlich den Anspruch auf Asyl bejahen und nur Asylmissbrauch ablehnen. Doch der Titel der Karte ist eindeutig fremdenfeindlich einzustufen: „Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft“.

    Bei Google reagierte man zunächst zögerlich auf den Hinweis. „Wir werden selbstverständlich jede Karte entfernen, die gegen unsere Richtlinien verstößt und überprüfen derzeit, ob das hier der Fall ist“, hieß es am Mittwoch bei Google. Brisanz erhielt die Karte zusätzlich, weil ebenfalls am Mittwoch ein Brandanschlag auf ein leerstehendes Gasthaus im oberbayerischen Reichertshofen gemeldet wurde, in dem ab Herbst Asylbewerber untergebracht werden sollen. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund schließt die Kriminalpolizei nicht aus. Generell häufen sich in den vergangenen Monaten Anschläge und Demonstrationen auf und vor Asylunterkünften.

    Das Gasthaus war in der Google-Maps-Karte eingezeichnet, auf der sehr detaillierte Angaben wie Adresse, Telefonnummer, die Zahl der untergebrachten Asylbewerber und Angaben wie „ehemaliges Telekomgebäude“ zu verzeichnet waren. Auch nach dem Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang mit dem Brandanschlag kam keine Reaktion von Google.

    Nach zwei Tagen Prüfung entschied sich Google nun doch, die "braune"Karte, die offenbar bereits seit Monaten im Netz kursierte, zu löschen. Mit ihr ist nun jedenfalls auch die neue Karte der Heime verschwunden, die Internetnutzer zwischenzeitlich gebaut hatten. Sie war ein Duplikat- versehen mit dem Aufruf, den Menschen dort zu helfen. 

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  • 07/17/15--04:23: Druff, Druff, Druff
  • Ein bisschen sieht er aus wie eine Fee im Zauberwald. Ricardo Villalobos wedelt mit den Armen, tänzelt von links nach rechts, Stößchen hier, Stößchen da und kramt alle paar Minuten in seiner Plattensammlung. Dass hinter seinem Rücken gerade tausende Besucher des Technofestivals „Cocoon in the Park“ in Leeds zu seinem Set abfeiern wollen, scheint dem Berliner DJ nicht so wichtig zu sein. Die Menge steht unbeholfen vor der Bühne, der Track läuft weiter und Villalobos kippt dann mal einen Shot.

    http://www.youtube.com/watch?v=6dM9QRe_Vzk

    Im Netz wird diese Woche heftig über Villalobos Auftritt diskutiert. Unterirdisch sei das Set des bekannten Techno-DJs gewesen, er habe das gesamte Festival versaut. Skandal. Wer ist nun Schuld? Der DJ? Das schlechte Wetter? Oder doch die Erwartungen der Zuschauer, die Entertainment und Musik verwechseln? Villalobos spricht in Interviews oft davon, wie groß der Druck sei, auf der Bühne abzufeiern.

    Beruhigend vielleicht: Villalobos ist damit in bester Gesellschaft. Der Druffi-Auftritt hat im Musikgeschäft lange Tradition. Für Musiker peinlich, für Fans ärgerlich und für alle, die das Ergebnis später zu Gesicht bekommen: Unterhaltsam.

    http://www.youtube.com/watch?v=On_yw9DZa0w

    Dass zugedröhnte Musiker eben auch auf einem Techno-Festival vorkommen, scheint die Villalobos-Hater nicht zu beruhigen.   





    Dabei sieht Villalobos wahrscheinlich so ähnlich aus, wie viele andere DJs in ganz "normalen" Clubnächten eben auch. Ziemlich druff, ein bisschen unkoordiniert und mit einem Drink in der Hand. Nur hat jetzt eben einer das Licht angeknipst.

    sina-pousset

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    Die Jungsfrage

    Ich habe eine Frage, die man mir heute in der Themenkonferenz als schwachsinnig um die Ohren schlug. Deshalb habe ich auch eine Zahl. Sieben Prozent. Die Zahl habe ich von der Website einer Online-Partnervermittlung, sie stammt von einer Diplom-Psychologin und Paarberaterin – also jedenfalls: Sieben Prozent der Frauen nehmen gerne "selbst die Grillzange in die Hand". Anders gesagt: 93 Prozent der Frauen nehmen nicht gerne selbst die Grillzange in die Hand. Die Zahl legt nahe: Praktisch keine von euch grillt gerne.

    Und, um diese kalte Zahl jetzt noch durch eigene Anschauung etwas anzuwärmen: Es kommt ja noch dicker! Ich kenne nicht nur kein einziges Mädchen, das je die Grillmeisterparole "Würschtel wären dann soweit!" gerufen hätte. Nein, ich kenne auch keins, das sich je mit anderen Mädchen zwanglos zum Grillen verabredet hätte. Keins! Das ganze Ritual vom Befreien des Rosts von den Wursthautresten des Vorjahres und dem mühsamen Anzündeln und Heißpusten der Briketts – immer sind wir Jungs die ausführende Kraft, ihr Mädchen geht halt mit. Frage: Warum? 

    Drei Theorien. Nummer eins: Ihr mögt Grillen gar nicht so. Also, ästhetisch-olfaktorisch findet ihr es nur so mittel. Im Zweifel bevorzugt ihr ein Essen, das nicht nach Ruß schmeckt, weniger Nitritpökelsalz und Benzopyren enthält und keine umgehende Haarwäsche erfordert. Ihr macht das also, wenn ihr es macht, nur unseretwegen.

    Theorie Nummer zwei: Ihr würdet gerne, traut euch aber nicht. Weil wir, in der Sprache der Online-Partnervermittlung, die Grillzange so fest umklammert halten, dass ihr gar nicht drankommt! Dritte Theorie: Das Marketing ist schuld. Ich komme darauf, weil ich kürzlich in einem Kaufhaus die Barbecue-Etage besichtigte und kurz glaubte, ich sei bei der Stihl-Timbersports-WM gelandet. Überall Grills aus Panzerstahl, armlange Greifzangen, Holzkohle aus Whiskyfässern und Werbesprüche auf dem Niveau von Fernfahrerwitzen. Wenn ihr darauf verdammt nochmal keinen Bock hättet – würden wir auch verstehen.

    Aber schade fänden wir's! Deshalb sagt doch mal schnell: Was ist mit eurem Willen zum Grillen?

    >>> Die Mädchenantwort von eva-hoffmann >>>
    [seitenumbruch]





    Die Mädchenantwort

    Also erst mal vorne weg: Ich steh auf Steaks, gerne auch ein bisschen angekokelt. Letztes Jahr habe ich mir sogar einen eigenen Grill angeschafft. Und seit ich dieses machtvolle Gefühl der völligen Kontrolle über Feuer und Fleisch zum ersten Mal erlebt habe, grille ich leidenschaftlich gern. Offenbar gehöre ich damit aber zu den klischeefreien sieben Prozent, denn meine Brutzel-Performance wurde bislang jedes Mal lautstark als ungewöhnlich kommentiert und von den umstehenden Männern argwöhnisch beobachtet. Irgendwas ist also dran an deiner Grill-Phobie-Theorie.

    Es wäre aber verkürzt (und halb falsch), mit einem „ihr lasst uns ja nicht!“ zu antworten. Denn wer von euch würde seine Freundin mit einem „nein, du kannst das nicht“ abweisen, wenn sie wirklich mal an den Rost will? Und trotzdem haben viele Frauen wirklich noch NIE gegrillt. Die Begründung „macht uns keinen Spaß“ stimmt aber auch nicht. Wie soll man wissen, ob etwas Spaß macht, wenn man es noch nie gemacht hat? Früher haben immer Opa oder Papa gegrillt, den Mädels wurde einfach nie die Zange in die Hand gedrückt. Diese eingefleischte Rollenverteilung hat also nichts mit ästhetisierenden Gründen à la „wir riechen nicht gern nach Wurst“ zu tun. Sie ist sozial gewachsen. Und hinzu kommt, dass nach dem Feuer nur eine Sache mit noch mehr klischeehafter Männlichkeit aufgeladen ist: das Fleisch. Da übertrefft ihr euch plötzlich mit Pseudo-Expertenwissen. Leidenschaftlich philosophiert ihr über raw, rare und medium. Und wie man da hinkommt.

    In Gruppenkonstellationen gleicht der Grill dann einer Gladiatorenarena. Sobald eine ordentliche Glut gesichert ist, stürzen sich gleich mehrere Männer auf die Geräte und überbieten sich mit schlauen Tipps. Der Gruppenzwang ist groß, der öffentliche Druck noch größer. Wehe, wenn die Wurst verkokelt oder das Fleisch schon ganz durch ist! Grillen erfordert Perfektion. Jeder halbwegs einsichtige Mensch vermeidet diese Konflikte von vornherein. Und entscheidet sich für die stressfreie Variante: einfach nur essen und sich nett mit Freunden unterhalten. Darum soll’s doch beim Grillen eigentlich gehen, oder?

    Wir vermeiden das Grillen aber auch aus strategischen Gründen. Denn egal ob Mann oder Frau, die Nachteile für den Grillmeister sind immer die Gleichen: Man grillt lauter leckere Sachen und kann diese erst im kalten Zustand verspeisen. Von den mitgebrachten Salaten bekommt man sowieso nichts mehr ab. Man verpasst den Gossip, weil der Grill außerhalb des Esstischs stehen muss. Und wenn am Ende dann noch ein Nachtisch serviert wird, hat der Grillmeister noch nicht mal die erste Wurst intus und muss sich schon um das gemütliche Feuer für danach kümmern. Nass geschwitzt, eingeräuchert und ohne Essen im Bauch kann man es sich dann noch am Lagerfeuer bequem machen. Wer sagt, dass das Spaß macht, lügt. Also Vorschlag zur Güte: Wie wäre es mit Rost-Rotation? Dann riechen am Ende immerhin alle gleich.


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  • 07/17/15--05:24: Wir haben verstanden: KW 29
    • Ab jetzt werden Abgänge nach dem Grexit-Prinzip benannt: Schwexit (Schweinsteiger verlässt Bayern) war da nur der Anfang.

    • Nur dann, wenn man sich vornimmt, mal wieder richtig auszuschlafen, wacht man um 7 Uhr morgens auf.





    • Die besten Ideen sind die, die die Aktionen fremdenfeindlicher Schwachköpfe ins Gegenteil umkehren.

    • Über die Bravo reden die Leute nur noch, wenn sie etwas sehr Dummes tut.

    • In einer Millionenstadt Radfahren ist gar nicht so wild. Die meisten Menschen sind unter der Erde unterwegs.

    • Der neue liebste Sport des Internets ist es, Disney-Prinzessinnen zu verwandeln.

    • Das Problem mit Bandnamen aus der Kindheit ist, dass man erst sehr spät darüber nachdenkt, was die eigentlich so heißen. 

    • Späte Erkenntnis 1: N'Sync soll heißen "In Sync"!! Wegen der Moves! Was geht!?

    • Späte Erkenntnis 2: Wissen schon alle.

    • Sich mit Salat den Magen zu verderben, ist die denkbar frustrierendste Art.

    • Schlimmer, als um vier Uhr morgens von Nachbarn geweckt zu werden, die sehr lauten Sex haben: Um vier Uhr morgens von Nachbarn geweckt werden, die sehr lauten Sex auf einem Hochbett haben.

    • Es gibt Blumen, die vom Regen durchsichtig werden. 

    • Noch blöder, als beim Packen die Socken zu vergessen, ist, nur eine Socke einzupacken.

    • Wer ein Kanu besitzt, sollte es "Wildes Mädchen" nennen.

    • Schöner Name für ein Alkoholiker-Hausboot: "Cirrhosis of the River"

    • Die Bravo ist ein seltsames Heftchen. 

    • Trollen sollte man nicht antworten. 

    • Al Bano und Romina Power (keine Pornostars, Musiker!, Felicita!) machen wieder Musik. 

    • Es gibt (leider) noch Schoko-Zigaretten beim Bäcker. 


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    Das ist...


    Guo Jingming. Sein Kinofilm "Tiny Times 4.0" ist vergangene Woche in China gestartet und – ähnlich wie die ersten drei Teile der Reihe – mit Rekord-Zuschauerzahlen gestartet. Die Filme basieren auf seinen gleichnamigen Romanen, die ihm jährlich bis zu drei Millionen Euro einbrachten und ihn zum reichsten Autoren Chinas machten.

    Der kann...


    ...die Träume und Wünsche von Chinas Kids in Kassenschlager umwandeln. Guos Fans sind vor allem Teenager, er hat Chinas Jugend im Griff wie gerade niemand sonst. Und das sagt auch einiges über die chinesische Gesellschaft aus:

    Seine Romane und Filme sind laut Kritikern nämlich ziemlich oberflächliche und inhaltsleere Geschichten, in denen es eigentlich nur um Konsum und Schönsein geht. Die Helden sind vier junge Freundinnen, die sich durch die chinesische Society shoppen. Es gibt viel Glitzernachtleben, viel leichten Lifestyle, einen Touch „Sex in the City“ und die Maximaldosis Materialismus. Was es nicht gibt: Moral, einfaches Leben und harte Arbeit – also keine der Tugenden, die im Wertekanon des sozialistischen China immer noch hochgehalten werden. Seine ersten Filme wurden deshalb in der Volkszeitung der Kommunistischen Partei auch kritisiert und verurteilt.

    Auf dem Erfolg seiner Romane hat Guo ein Imperium aufgebaut: Er schrieb und verfilmte die Drehbücher zu seinen Romanen, er unterschrieb Fernsehverträge und gründete eine Literaturagentur und eine Firma, die Chinas Teenies mit Magazinen versorgt.

    Der geht...


    ... niemals ungestylt aus dem Haus. Denn auch in seinem Leben sind Glamour und Materialismus das Wichtigste. Er behängt seinen 1,52-Meter-Körper mit Kleidung und Accessoires von Gucci, Dior und Louis Vuitton, er schminkt sich das Gesicht eines 15-Jährigen zurecht, obwohl er schon 32 ist. Guo verkauft nicht nur Bücher und Filme, er verkörpert auch selbst das Leben seiner Romanfiguren, ist Teil seiner Produktpalette, Vorbild und Idol von Millionen von chinesischen Teenagern, die nach Reichtum streben.

    Wir lernen daraus, dass ...


    ... in Chinas jüngster Generation offenbar eine Armee aus Turbokapitalisten heranreift, die in maximalem Marktglauben immer mit dem Strom schwimmt. Am Aufschwung teilzuhaben, beim Boom dabeizusein und das auch zu zeigen, darum geht es den meisten heute 15- bis 25-jährigen Chineses. Alles andere ist egal, vor allem mögliche negative Folgen und auch das, was mal war. Als Guo einmal zu den Ereignissen des Tiananmen-Massakers am 4. Juni 1989 befragt wurde, antwortete er, er möge Geschichte und Politik nicht, sondern wolle nur Karriere machen und seine Firma erweitern.

    Nur Google weiß über ihn, dass...


    ... er schon auch ganz schön polarisiert. Auf Tianya, einem der größten Online-Foren des Landes, wurde er von 2005 bis 2007 drei Mal in Folge zum meistgehassten männlichen Celebrity gewählt.

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    Ein paar Punkte will wahrscheinlich jeder in seinem Leben mal abhaken: eine Fremdsprache lernen, auf Hawaii in einer Hängematte liegen, eine Familie gründen, einen Berg besteigen oder Stardrummer werden. Vielleicht sind es so viele, dass man leicht den Überblick verliert. Was also, wenn man in der Mitte feststellt, dass man statt als Stardrummer in der hawiianischen Hängematte zu baumeln, immer noch in der Versicherungsfirma in Bottrop hockt?

    [plugin imagelink link="http://media.giphy.com/media/w8zDNXjqeWRxu/giphy.gif" imagesrc="http://media.giphy.com/media/w8zDNXjqeWRxu/giphy.gif"]

    Deswegen hatte der Linguist Sir William Jones, ein vermutlich sehr weiser Mensch, vor etwa 300 Jahren eine Idee, die man jetzt mal wiederbeleben könnte: das Andrometer.
    Auf dem Erfolgsbarometer lassen sich sämtliche Lebensziele einfach nacheinander abzeichnen. Die ultimative Bucket-List von Jones würde heute auch bei Obama ein bisschen Sinnkrise auslösen.

    [plugin imagelink link="http://images.mentalfloss.com/sites/default/files/styles/article_640x430/public/andrometer_3.png" imagesrc="http://images.mentalfloss.com/sites/default/files/styles/article_640x430/public/andrometer_3.png"]

    Nach etwa 25 Jahren intensiven Studiums sämtlicher Fächer wie Sprachen, Rhetorik und Philosophie wollte Jones sich in seinen Dreißigern perfekter Eloquenz sowie privaten und sozialen Tugenden widmen. Nachdem er dann um die 40 die Nation verteidigt und erste Werke veröffentlicht hatte, außerdem Politiker und nebenbei Kunstmäzen geworden war, folgten die beispielhafte Erziehung seiner Kinder und weitere Publikationen.  

    Aber irgendwann wollte sich auch Jones zur Ruhe setzen: Um die 60 plante er, die Früchte seiner Arbeit einzufahren und „einen wunderbaren Ruhestand“ im Schoße seiner reizenden Familie zu genießen. Ab 65 war er nur noch mit der Perfektion seines irdischen Glücks beschäftigt, um sich dann ganz auf den Übergang zur Ewigkeit vorzubereiten. Das galt also schon vor Zeiten der Rentenreform: Wer früh anfängt, hat ab 65 Zeit für die Hängematte.  

    Auch wenn Jones Erfindung mehrere Jahrhunderte alt ist, hat sich scheinbar nicht viel geändert. Manche Helikoptereltern würden ihren Kindern heute wohl am liebsten ein Andrometer in die Schultüte stecken. Und wer in Gedanken mal seine eigene To-Do-List anfertigt, der wird sie vielleicht ähnlich bescheuert finden, wie Jones nicht ganz ernst gemeinten Versuch, sein Leben zu ordnen. Er war seinem Lebensplan übrigens mehrere Jahre hinterher, weil er zu viel Zeit mit Sprachen verbrachte. Machte ihm wohl zu viel Spaß.

    sina-pousset

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    Wichtigster Tag der Woche:
    Privat: Freitag. Die Frau, die ich gut kenne, und ich besuchen da nette Menschen in Leipzig. Global relevanter ist aber vielleicht der Montag. Da ist ab 18 Uhr „Love, Beats & Happy Bass“ am Max-Jospeh-Platz. Eine Demo gegen Pegida in München. Lutz Bachmann persönlich holt nämlich seine schweinsgesichtigen Anhänger auf den Marienplatz. Und das muss ja nicht sein. Ich habe vor ein paar Monaten mal geschrieben, dass mich die Gegendemos als Erregungswettbewerb etwas befremden. Aber erstens hat mir ein kluger Mensch da ordentlich den Kopf gewaschen und zweitens klingt das Konzept dieser Veranstaltung – keine Reden, mehr Musik – ganz entspannt.

    Kulturelles Highlight: 
    Ab kommender Woche ist Free&Easy-Festival im Münchner Backstage. Ich war da ewig nicht mehr. Das Backstage ist einer dieser Clubs (eigentlich ist es ein Areal mit ein paar Hallen und einem tollen Garten), aus denen man irgendwann sehr abrupt herauswächst. Außerdem ist es leider die Location, in dem in den vergangenen Jahren am treffsichersten die Künstler gespielt haben, über die politisch diskutiert wurde: homophobe Dancehall-Sänger, sexistische Rapper – dieser Kram halt. Freiwild auch, bis sie endlich berühmt genug für die Olympiahalle waren. Dabei ist es eigentlich ein alternativer Laden. Komplex! Bei dem kostenlosen Festival spielen also jedenfalls Künstler wie Tame Impala, Wanda oder Everlast (und wahnsinnig viel, das ich nicht kenne). Ein Open-Air-Kino gibt es auch und in dem läuft zum Beispiel die schwer geschmähte Kurt-Cobain-Biografie. Und eine Doku über Lemmy.

    Politisch interessiert mich:
    Warum ich die Nachrichten zur Griechenlandkrise nicht mehr verstehe. Ich bin da abgehängt. Inhaltlich, aber auch sprachlich. Ich habe das Gefühl, die Menschen, die sich angeblich noch auskennen, benutzen eine fremde Syntax. Ich kenne die Wörter, aber sie ergeben keinen Sinn mehr für mich.

    Soundtrack: 
    Eine Menge sehr Brauchbares erscheint. Das ist schlecht für Menschen wie mich, die sich gerne an einem Album akustisch überfressen – und dann noch ein paar Happen mehr reinpacken. Diese Woche muss ich das wohl zum Mehrgängemenü splitten:

    „Magnifique“ zum Beispiel, das am Freitag erschienene fünfte Album des New Yorker Soundfrickler-Duos Ratatat, ist schon sehr gelungen. Mike Stroud und Evan Mast verzichten, anders als beim Vorgänger, weitestgehend auf cooles Sounddesign und konzentrieren sich dafür wieder auf tragende Melodien: Die Bässe pluckern wieder eine Spur organischer, die Beats haben die alte reduzierte Eleganz, ohne an Drang zu verlieren. Es gibt eine vielstimmige Gitarrenopulenz, bei der man sich fragt, warum Queens Brian May sich überhaupt noch aus dem Haus traut – und ganz wunderbare Lieblichkeiten von einem Pedal-Steel (der Slidegitarre, die man sonst vor allem aus dem Country kennt). Bei der Spex kann man das ganze Album streamen.

    http://www.youtube.com/watch?v=s_jIGgB5NyQ

    Die Chemical-Brothers haben auch ein neues Album: „Born In The Echoes“. Und seit ich es gehört habe, frage ich mich, ob die Briten vielleicht die cooleren, weil noch etwas abgeklärteren Daft Punk sind. Oder die langweiligeren. Jedenfalls ist das Album weniger krawallig als man es von dem Duo sonst kennt. Aber in ganz gut.

    Und Wilco verschenken ein neues Album auf ihrer Homepage. Also fast: Man muss seine Mailadresse hergeben ...

    Damien Rice kommt übrigens auch bald für ein paar Shows nach Deutschland. Sage ich nur, weil die Karten schon fast alle weg sind – obwohl sie abartig viel Geld kosten.

    Kinogang?
    Logisch! Sharknado 3 kommt in die Kinos. David Hasselhoff spielt mit (Oliver Kalkofe auch, aber den muss man mehr ignorieren). Und überhaupt gibt es ja auf der ganzen Welt nichts Besseres als Haifisch-Filme – und zwar, um den Zustand der Welt zu erkennen!

    http://www.youtube.com/watch?v=mAmYUt1-5Rg

    Geht gut diese Woche:  
    Gewässer aus Angst vor Haien noch etwas weiträumiger meiden als sonst.



    Geht gar nicht: 
    Noch mehr Phrasen über die Griechenlandkrise.

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  • 07/20/15--02:07: Volle Craft voraus!

  • Warum haben es Indie-Biermarken ausgerechnet in Deutschland so schwer? Diese vier Experten diskutieren: Timm Schnigula, Sophia Wenzel, Steffen Münch und Benjamin Brouer.

    jetzt.de: Craft Beer, also von kleinen Brauereien hergestelltes Bier, ist in den USA schon seit den 70ern ein Trend. Warum kommt er in Deutschland erst jetzt an?
    Timm: Der Trend ist ja noch gar nicht angekommen.
    Sophia: In Frankfurt hat der erste Craft-Beer-Laden aufgemacht, Berlin und Hamburg haben jeweils eine große Szene. In den Großstädten ist es definitiv angekommen. Aber bei Onkel und Tante im Kühlschrank noch lange nicht.
    Timm: Angekommen klingt, als könnte man auf die Straße gehen, zehn Leute ansprechen und einer davon hätte schon mal davon gehört. Das ist nicht der Fall.
    Benjamin: Craft Beer ist im Moment vor allem ein medialer Trend. Was schön ist, weil man wieder über Bier reden kann, und nicht nur über Absatzzahlen und Kronkorken-Aktionen.   



    Steffen Münch, 31, ist Brauingenieur bei der Brauereigruppe Anheuser-Busch InBev. Aktuell arbeitet er in der Spaten-Franziskaner-Brauerei.

    Manche sagen, es liegt am Reinheitsgebot, dass Deutschland beim Craft Beer so viel aufzuholen hat.
    Sophia: Die klassischen Brauereien und viele Brauer sagen: Das Reinheitsgebot steht auf der ganzen Welt für Qualität. Dabei gibt es heute viele künstliche Stoffe, die im Brauprozess verwendet werden dürfen. Aber sobald man Kirschen dazugeben will, darf man es nicht als Bier verkaufen. Man darf das Reinheitsgebot nicht schlechtreden, aber es ist nicht immer hilfreich.
    Benjamin: Eigentlich ist es egal. Wenn du Bock hast, braust du nach dem Reinheitsgebot und schreibst „Bier“ auf das Etikett. Und wenn nicht, dann nicht.
    Timm: Man kann die meisten Biere nach dem Reinheitsgebot brauen, mit Ausnahme irgendwelcher Fruchtbiere. In den USA können Brauer den India Pale Ales (IPAs) Zucker zugeben, damit das Ganze einen schlankeren Charakter kriegt und trotzdem viel Alkohol hat. Das ist bei uns nicht möglich, aber das ist auch eine Herausforderung. Wir wollen mit den Rohstoffen, die nach dem Reinheitsgebot erlaubt sind, an die Grenzen gehen. Da ist längst nicht alles ausgereizt.
    Sophia: Zum Beispiel wird Aromahopfen wieder beliebter, der zum Teil nach Lavendel oder grüner Paprika schmeckt. Mit Hopfensorten wird sehr viel experimentiert.   

    Reinheitsgebot: Die älteste Lebensmittelvorschrift der Welt – sie stammt aus dem Jahr 1516. Das Reinheitsgebot besagt, dass Bier nur aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser hergestellt werden darf. 
    Pale Ale: Ein englisches obergäriges Bier mit etwa fünf Prozent Alkoholgehalt. „Pale Ales duften oft zitrusfruchtig und schmecken leicht hopfiger und bitterer als Helles oder Pils“, sagt Biersommelière Sophia Wenzel.   
    India Pale Ale (IPA): Ebenfalls englische Biersorte, die für Soldaten in den indischen Kolonien gebraut wurde. Der Alkohol- und Hopfengehalt wurde erhöht, um das Bier für den Transport nach Indien länger haltbar zu machen. „Dort angekommen, sollte es mit Wasser verdünnt werden – was aber nicht gemacht wurde“, sagt Sophia Wenzel. IPAs haben bis zu 7,5 Prozent Alkohol. „In der Nase hat man extrem fruchtige Aromen, und es schmeckt bitterer als normales Pale Ale.“   


    Auf der einen Seite gibt es Craft-Brauer, die handwerklich arbeiten, auf der anderen Seite die traditionellen Brauereien, die teilweise zu globalen Konzernen gehören. Wie verstehen sich diese beiden Welten?
    Timm: Eigentlich gibt es wenig Berührungspunkte... 
    ...vor ein paar Monaten brachte Beck’s ein Pale Ale heraus, auch Bitburger mischt im Craft-Beer-Markt mit. 
    Benjamin: Da gab es schon Kritik.
    Sophia: Die großen Player nutzen den Begriff und das Image, das die Kleinen aufgebaut haben.



    Sophia Wenzel, 27, ist amtierende Bier-Sommelière des Jahres, arbeitet unter anderem für Tim Mälzer und hat sich auf Craft-Bier spezialisiert.

    In den vergangenen 20 Jahren ist der Bierkonsum in Deutschland um ein Viertel zurückgegangen. In den USA hat Craft Beer auf dem Biermarkt einen Anteil von fast 15 Prozent, Tendenz steigend. Ist es vielleicht der Ausweg aus der Krise?
    Steffen: Die Leute leben bewusster, gesünder, treiben mehr Sport. Der Bierkonsument, der jeden Abend aus Gewohnheit eine Halbe trinkt, wird irgendwann aussterben. Darum kreieren die Brauereien Premium- und auch Craft-Biere.
    Timm: Für uns ist das keine direkte Konkurrenz, unsere Kunden kaufen eher nicht von den großen Marken. Ich bin froh um jeden, der in Deutschland im Regal zu einem Pale Ale greift und sich damit auseinandersetzt. 
    Steffen: Für die Craft-Brauer ist das eigentlich spannend. Wir großen Brauereien machen Fernsehwerbung und damit das Thema bekannter. Einzelne Craft-Brauereien selbst kennt noch kaum jemand. Es ist für alle gut, dass die Leute wieder über Bier reden. Deutschland ist ein Niedrigstpreisland für Bier, die Wertschätzung dafür ist gering. Craft Beer wertet die ganze Branche auf.  

    2014 haben die deutschen Brauer erstmals seit fast zehn Jahren wieder mehr Bier abgesetzt als im Jahr zuvor. Dem Craft Beer sei Dank?
    Steffen: Ich bin mir nicht sicher, ob der Abwärtstrend schon gestoppt ist. Aber die einzige Chance im Biermarkt ist, sich immer mehr zu individualisieren. Wir kommen von einem irren Niveau. Deutschland ist unter den Top fünf im weltweiten Bierkonsum, und das mit nur 80 Millionen Einwohnern. Aber die auf reine Masse fokussierten Marken werden es in Zukunft schwer haben zu bestehen. 
    Timm: Die stechen sich nur noch gegenseitig durch Preisdumping aus, doch darunter leidet die Qualität.  



    Timm Schnigula, 34, hat 2011 mit einem Freund die "Craft Brewery" gegründet, eine der bekanntesten Mikrobrauereien Münchens. 

    Craft-Biere haben in Deutschland nur einen Marktanteil von einem Prozent. Warum tun die sich hier so schwer?
    Benjamin: Die Craft-Bewegung kommt aus Ländern, in denen der Leidensdruck größer war, in denen es kaum eine Alternative zum normalen Lagerbier gab. Im Vergleich zu den USA oder Skandinavien hinken wir deshalb jetzt zehn bis 15 Jahre hinterher. Gerade weil Deutschland eigentlich ein gutes Bier-Land ist.
    Timm: In Deutschland haben wir ja ohnehin schon eine große Vielfalt. Aber die Leute merken auch, dass sich die Biere in den vergangenen zehn Jahren immer weiter angeglichen haben. Jedes Pils schmeckt gleich.  

    „Craft“ bedeutet Handwerk. Wenn auch Weltkonzerne Craft Beer machen, wie viel sagt der Begriff da noch aus?
    Sophia: Es ist kein geschützter Begriff. Wie „Wellness“ oder „Premium“ wird uns auch „Craft“ irgendwann zu den Ohren rauskommen. In den USA gab es eine lange Diskussion, wie man Craft-Brauer eigentlich definiert. Die Brauvereinigung hat sich schließlich auf „klein, unabhängig und traditionell“ geeinigt. Was aber auch nicht sehr konkret ist.
    Steffen:„Craft“ wird meistens mit der Menge assoziiert. Die bekannten Craft-Marken in den USA, die drei, vier großen Brauereien gehören, kann man demnach eigentlich nicht mehr so bezeichnen. Da wird die Grenze immer wieder verschoben, damit die wichtigsten Mitglieder der Craft Association dabei bleiben.
    Timm: Für mich ist es eine Glaubwürdigkeitsfrage. Den Leuten, die Craft-Biere machen, geht es darum, ihr Produkt so gut wie möglich zu machen, nicht darum, Kosten zu sparen. Aufgrund der Entwicklung in den USA verbindet man Craft Beer mit IPAs und Pale Ales.  



    Benjamin Brouer, 42, ist stellvertretender Chefredakteur des Bierkultur-Magazins "Craft!" und des Gastronomiemagazins "Fizzz" sowie Biersommelier.

    Und das ist falsch?
    Benjamin: Auch ein Pils kann Craft Beer sein!
    Timm: Pale Ales und IPAs sind gut zum Herantasten, finde ich. Sie schmecken so intensiv, dass es sofort jedem auffällt, aber gleichzeitig sind sie verhältnismäßig gut trinkbar. Wenn man mit einem Imperial Stout anfängt, würde man die Leute erst mal abschrecken, weil das so intensiv schmeckt. 
    Benjamin: Die meisten Neugründungen fangen mit Pale Ales oder IPAs an.
    Timm: Aber nicht, weil sie einfacher zu brauen sind. Pils ist in Deutschland einfach deutlich gelernter. Wir und viele andere kleinere Brauereien machen auch deshalb kein Pils, um uns abzugrenzen. 
    Steffen: Ich habe in den USA das Home Brewing kennengelernt. Da macht jeder obergäriges Bier, weil es schwierig ist, mit einfachen Mitteln ein untergäriges Bier zu machen, schon weil man dafür eine Raumtemperatur von vier bis neun Grad braucht.  

    Ober- und untergäriges Bier: Untergärige Hefe arbeitet bei niedrigeren Temperaturen, obergärige mag es wärmer. Beim obergärigen Bier schwimmt die Hefe oben auf dem Sud, beim untergärigen sammelt sie sich unten im Kessel. „Obergärige Biere, Weizenbier zum Beispiel, haben eher fruchtige Aromen. Untergärige, zum Beispiel Pils und Helles, haben eher blumig florale Noten“, sagt Sophia. 
    Porter: Obergäriges, sehr dunkles Bier mit malzigem Geschmack und einem Alkoholgehalt von etwa fünf Prozent. Sophia Wenzel: „Ein Porter schmeckt schokoladig, karamellig und nach braunem Zucker.“ 
    Stout: Der stärkere Vertreter dieser Gattung. „Stouts haben etwas mehr Alkohol, aber vor allem noch stärkere Aromen: Sie schmecken ledrig, rauchig, pflaumig, nach Dörrobst, von der Konsistenz her sind sie cremig“, sagt Sophia Wenzel.    
    Imperial Stout: Enthält noch mehr Alkohol, neun Prozent und mehr. „Und es schmeckt noch intensiver, rauchig, oft nach Asche. 


    >>> Ob man ohne Vorkenntnisse zu Hause Bier brauen kann, das schmeckt – und warum es gut ist, dass alle über Bier fachsimpeln. >>> 
    [seitenumbruch]

    Kann man denn ohne Vorkenntnisse wirklich trinkbares Bier selbst brauen, wie es einem die vielen Bücher und Brau-Sets vormachen?

    Timm: Jedes Bier ist für denjenigen, der es gebraut hat, ein super Bier. (Alle lachen.) Im Ernst: Bei den ersten Bieren, die wir gebraut haben, war es für Außenstehende erst mal nicht nachvollziehbar, dass wir das als Bier empfinden. Um ein gutes Bier hinzubekommen, muss man Erfahrung sammeln. Nicht umsonst ist das ein Beruf, den man lernen und studieren kann. 

    Die Vorbilder haben sich aber geändert. Bayerische Brauereien sind längst nicht mehr maßgebend, die neuen Trends kommen aus den USA oder Skandinavien. 
    Steffen: Ich habe viele amerikanische Freunde, die kommen seit vier Jahren jedes Jahr aufs Oktoberfest, weil sie es so toll finden. 
    Timm: Das hängt nicht nur mit dem Bier zusammen. 
    Steffen: Ja, aber warum soll man im Ausland nach Vorbildern suchen? In Deutschland gibt es so eine Brauereienvielfalt.
    Timm: In den USA ist es ein neuer Trend, Pils zu machen, aber ein ganz anderes als das, was in Deutschland als Pils verkauft wird. In den USA wird das wieder ursprünglicher interpretiert, mit schönen, herben Hopfennoten und zum Teil mehr Alkohol.   

    Welche Trends gibt es noch?
    Steffen: Für mich als Münchner klingt das komisch, aber ein Trend in Deutschland ist Helles. In Hamburg und Berlin trinkt man das aktuell sehr viel. Einerseits werden extreme Biere beliebter, andererseits Helles, das traditionell malziger und süßer, weniger hopfig und aromatisch ist.
    Benjamin: Und das trinken die gleichen Leute. Erst ein Helles zum Durstlöschen und später ein Porter oder Stout. 
    Sophia: Saisonale Biere werden auch stark nachgefragt: Maibock, Summer Ale, Winter Porter. 
    Steffen: Und alkoholfreies Bier, das merkt man in den Marktstudien. Viele wollen es zum Sport oder statt Limonade trinken. 
    Timm: Ich würde nie ein alkoholfreies Bier trinken, nur weil es Bier ist. Da trinke ich lieber Wasser. 
    Benjamin: Leichtbiere sind auch ein Thema, die hatten bisher einen echt schlechten Ruf in Deutschland.
    Sophia: Leichtbier ist aber auch ein beschissener Name!  

    Inzwischen wird für jedes Craft Beer ein anderes Glas empfohlen. Ist das nicht übertrieben?
    Steffen: In Belgien wird das bis zum Exzess getrieben. In einem normalen Bierlokal gibt es 50, 60 verschiedene Biere und für jedes ein eigenes Glas.
    Sophia: Reines Brauerei-Marketing – in der Gastronomie ist das eine Katastrophe! Wenn man sonst nichts zu tun hat und auch kein Geld verdienen will, dann gerne. Ich finde es super verstaubt. Wenn man es ausprobiert, schmeckt man kaum einen Unterschied. Klar, für ein Weizenbier braucht man ein schlankes Glas, in dem die Kohlensäure lange durch das Getränk nach oben steigen kann und in dem es möglichst lange prickelnd bleibt. Es gibt sicher Unterschiede in den Gläsern, je nachdem, ob man das Aroma hinten im Gaumen oder eher vorne auf der Zunge schmecken soll. Aber ich bin ein großer Fan von Allrounder-Gläsern, um den Leuten, die zu Hause Craft Beer trinken, nicht das Gefühl zu geben, dass sie doch wieder irgendetwas falsch machen.
    Timm: Es ist wichtig, dass Bier seine Bodenständigkeit behält und nicht zu sehr in Richtung Wein gedrängt wird. Es ist Bier. Das heißt aber auch nicht, dass man es aus dem Maßkrug trinken muss.   

    Über Bier wird gerade mehr gefachsimpelt als über Rotwein.
    Timm: Die Leute wollen heute genau wissen, was sie zu sich nehmen, warum soll das beim Bier anders sein?
    Steffen: Da sind uns die Winzer noch weit voraus. Wir reden bisher nur über Bittereinheiten, Stammwürze und Alkohol.
    Timm: Keiner hat in Deutschland früher an seinem Bier gerochen. Ich beobachte, dass viele jetzt auch an einem ganz normalen Bier riechen und sich fragen: Mag ich den Geschmack oder trinke ich das nur aus Gewohnheit?
    Benjamin: Den Gesprächsstoff gab es in den Jahren davor nicht, es kamen keine neuen Brauereien dazu, es gab so gut wie keine neuen Biere, außer Biermix und Alkoholfreies.   

    Manchmal hat man den Eindruck, bei Craft-Bieren ist das Etikettendesign wichtiger als der Inhalt.
    Timm: Wegen des Pfandsystems kann man am Flaschendesign nicht viel ändern, aber uns ist wichtig ist, dass die Etiketten nicht klassisch deutsch aussehen. Die Leute sollen gleich sehen, dass sie da kein normales Bier kaufen. 
    Steffen: Das wäre auch fatal. Als ich in den USA mein erstes IPA getrunken habe, hat es mich geschüttelt. Es ist komplett anders als alles, was ich vorher hatte. Bier hat in Deutschland einen Bittereinheitenwert von etwa 20. Und auf einmal trinkt man Biere mit 70 oder 80 Bittereinheiten. Das ist erst einmal ein Schock! Deshalb haben wir unsere neuen Biervarianten, die in diese Richtung gehen, erst mal nur leicht gesteigert, um den Konsumenten behutsam in die neue Welt zu führen.
    Sophia: Die Leute brauchen, bis sie sich eingewöhnen. In der Gastronomie muss man den Gästen viel erklären. Die meisten gehen nicht in ein Lokal und bestellen direkt ein Craft Beer. Sie trinken erst einmal ein Pils und tasten sich langsam heran. Bier kennen die meisten als durstlöschendes, leichtes, süffiges Getränk. Und auf einmal geht das nicht mehr, weil man überfordert ist von den vielen Aromen im Mund, von Kirsche, Schokolade, braunem Zucker, Zitrusfrüchten. Das kann man nicht nebenbei runterkippen. Und da hat nicht jeder Bock drauf.
    Timm: Deshalb wollen wir auch nicht auf Pseudotradition machen, und das müssen wir auch gar nicht. Früher dachte man, nur wenn man alteingesessen ist, kann man Erfolg haben. Das ist das Schöne beim Craft Beer: Man kann sagen, wir sind neu, wir machen das anders.

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    HAL 9000 wird wohl immer der Prototyp bleiben, an den man beim Thema "künstliche Intelligenz" denken muss. Der Computer im Raumschiff Discovery in Stanley Kubricks Film "2001: A Space Odyssey"  dreht durch, macht sich selbstständig und tötet fast die gesamte Besatzung. Der Film ist von 1968. Der Tenor ist: Erst erschaffen wir künstliche Intelligenz zu unserem Vorteil und dann, wenn sie ein eigenes Bewusstsein und Gefühle entwickelt, verlieren wir die Kontrolle über sie. Der Effekt ist: blanker Grusel.

    Je länger 1968 zurückliegt, desto realer wird künstliche Intelligenz, werden Computer und Roboter, die (scheinbar) menschliche Züge haben. Vor etwa einem Jahr wurde vermeldet, ein Computer habe erstmals den Turing Test bestanden, habe also Chat-Partnern erfolgreich vorgegaukelt, er sein ein Mensch (es gab aber auch Zweifel an der Aussagekraft dieses Ergebnisses). Und jetzt geht es weiter: Laut dem US-Magazin "Popular Science" hat ein Roboter gerade einen Logiktest erfolgreich bestanden und damit bewiesen, dass er eine Art Bewusstsein hat. Der Test lehnte sich an das (sehr viel komplexere) Logi-Rätsel "The King’s Wise Men" an und ging so:

    Drei Robotern wurden so programmiert, dass sie davon ausgingen, dass zwei von ihnen eine Pille geschluckt haben, die sie verstummen lässt – ohne zu wissen, welche beiden. Zwei wurden dann per Knopfdruck stummgeschaltet und alle drei wurden aufgefordert, auf die Frage, wer die Pille geschluckt hat, mit "I don’t know" zu antworten. Der Roboter, der dazu in der Lage war, hörte sich selbst diese drei Worte aussprechen, und fügte hinzu: "Sorry, I know now. I was able to prove that I was not given a dumbing pill." In diesem Video sieht man den Test:

    http://www.youtube.com/watch?v=xcRZzEzZPC0

    Ja, das ist nur ein Video, das für einen Laien erstmal gar nichts beweist, weil ihm ja nichts anderes übrig bleibt, als den Wissenschaftlern einfach zu glauben (und wieso steht der sprechende Roboter eigentlich auf, bevor er etwas sagt und sich selbst hören kann?). Aber die Roboter und der Test sollen zumindest auf der RO-MAN, einer Konferenz zur Künstlichen Intelligenz in Japan vorgestellt werden. Eine Konferenz also, auf der es sicher jede Menge blanken Grusel gibt.

    Nadja Schlüter

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    Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:
     



    Lisa, 26, Studentin


    Die Holzapfelstraße erinnert mich an einen Urlaub in San Francisco, in dem mein Hotel direkt am Eingang von Chinatown lag. Hier sieht es irgendwie ähnlich aus: die riesige, breite, graue Landsberger Straße nebenan, und durch die Holzapfelstraße geht es ins kleinteilige Westend – in eine ganz andere Welt.
     
    Die Straße ist nicht sehr produktiv. Hier gibt’s nichts Schickes und viele Läden stehen leer. Aber ich mag diese uneitle Atmosphäre sehr gern, denn was es gibt, ist dafür gut. Und wenn man es mal etwas belebter oder hipper will, ist die Holzapfelstraße der perfekte Gateway zu den cooleren Straßen wie der Westendstraße oder Schwanthalerstraße.
     
    Zunächst ist da mal das Augustinerbräu, direkt an der Brauerei. Da kann man sich alles zum Mitnehmen holen. Ich habe mir da schon oft abends noch schnell Kinderspätzle für 2,90 Euro die Portion geholt. Der Kellner sagt immer: „Die brauchst du doch nun echt nicht zu kaufen, die kann man doch so schnell selbermachen!“ Aber ich mag das eben so. Oben auf dem Augustiner gibt es eine Dachterrasse, die nicht viele Leute kennen und auf der man eigentlich immer Platz findet.
     
    Im Café Josefa an der Ecke Schwanthalerstraße gibt es sehr guten Kuchen und Kaffee und auch immer ein paar Tagesgerichte. Der Kiosk dort ist super, weil er mindestens bis 22 Uhr offen hat und alles führt, was man so braucht, vom Bier über Klopapier bis zur Sprühsahne. Der Besitzer ist total nett. Früher, als ich noch geraucht habe und einmal nicht genug Geld dabei hatte, hat er mir die Zigaretten einfach geschenkt und ich habe ihm am Tag danach dafür dann Kuchen aus dem Café Kubitschek mitgebracht. Sonntags laufe ich immer um acht noch kurz rüber und besorge bei ihm Snacks und Getränke zum Tatortgucken.
     
    Vor dem Donna Mobile stehen immer ganz viele Frauen, das wird von einem Verein für interkulturellen Austausch betrieben und ist speziell für Migrantinnen konzipiert: Es gibt ein Frauencafé, es werden zehn verschiedene Sprachen gesprochen, man bietet Radlkurse, psychologische Beratung, und sonstige Aktivitäten und Hilfestellungen für den Alltag an. Da kann man sich richtig aufgehoben fühlen, glaube ich, wenn man fremd in der Stadt ist oder irgendwie gerade eine schlechte Zeit durchmacht. Und einige Läden weiter sitzen vor einem Café immer ganz viele Männer, ich frage mich manchmal, ob die zu den Frauen vor dem Frauencafé gehören.
     
    Es gibt auch einen Geigenbauer in meiner Straße. Da habe ich zwar noch nie jemanden reingehen sehen, aber ich freue mich immer wahnsinnig, wenn ich abends vorbeigehe, dass bis spät in die Nacht Licht brennt.
     
    Man sagt ja seit Jahren, dass das Westend das neue In-Viertel wird. Aber irgendwie passiert es doch nie. Das sieht man vor allem daran, dass hier vieles noch immer total brach liegt. Das Haus mit dem Dönerladen an der Ecke beim Saturn zum Beispiel. Das ist leer, seit ich hier wohne. Wobei: Manchmal stehen da die Fenster offen und es weht ein Vorhang im Wind. Und dann frage ich mich: Vielleicht wohnt ja heimlich doch noch jemand dort? Auch nicht besonders kennzeichnend für ein hippes Viertel: Wenn in einen Laden, der zumachen musste, ein Ein-Euro-Shop einzieht statt einer coolen Modeboutique, oder? Das freut mich ja ein bisschen, muss ich zugeben.

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    Alle tun immer so, als seien sie gegen Schubladen – dabei macht fast nichts auf der Welt mehr Spaß, als sich selbst in ebensolche einzuordnen. Dank der University of Missouri gibt’s dafür jetzt wieder eine tolle neue Möglichkeit. Dort hat man nämlich eine Studie zu Persönlichkeitsveränderung unter Alkoholeinfluss durchgeführt und behauptet nun: Es gibt vier verschiedene Arten von Betrunkenen.



    Und wer bist du so, wenn du betrunken bist?

    Für die Studie wurden 374 Personen mit einem Durchschnittsalter von 18,4 Jahren befragt, davon waren 57 Prozent Frauen und 84 Prozent Weiße. Die 374 setzten sich zusammen aus 187 Paaren, von denen der eine die Testperson war, der andere sein oder ihr "Drinking Buddy", also jemand, der den Freund oder die Freundin sowohl nüchtern als auch betrunken kennt. Alle Teilnehmer mussten einen Persönlichkeitstest ausfüllen, die einen für sich selbst, die Drinking Buddies für den/die jeweilige/n Partner/in. Darin wurde nach demographischen Angaben gefragt, nach dem Alkoholkonsum und Konsequenzen, die der Alkohol auf die Persönlichkeit hat. Mithilfe der Testergebnisse haben die Wissenschaftler die vier Betrunkenen-Typen definiert, die nach Personen/Figuren aus der (Pop-)-Kultur benannt sind:

    1. Der Hemingway
    Der Hemingway verändert sich kaum, wenn er betrunken ist. Wie Ernest Hemingway, der sehr viel trinken konnte, ohne betrunken zu werden (behauptete er jedenfalls).

    2. Der Nutty Professor

    Der Nutty Professor ist nüchtern ein eher schüchterner Mensch und dreht mit Alkohol auf, verwandelt sich also in eine Art Gegenteil seiner selbst, so wie der verrückte Professor aus dem gleichnamigen Film.

    3. Die Mary Poppins

    Die Nanny-Version eines Betrunkenen: Als Mary Poppins ist man betrunken mitfühlend und hilfsbereit (und hält den anderen beim Übergeben die Haare – so stellen sie sich das zumindest bei Jezebel vor).

    4. Der Mr Hyde

    Klar, der Mr Hyde wird richtig fies, wenn er trinkt. Bis hin zu Konflikten mit dem Gesetz.

    Die Verteilung der 364 Testteilnehmer war übrigens: 42 Prozent Hemingways, 20 Prozent Nutty Professors, 15 Prozent Marry Poppinses und 23 Prozent Mr Hydes.

    In der Redaktion ist man allerdings der Meinung, die Studie wäre womöglich etwas glaubwürdiger ausgefallen, wenn die Teilnehmer den Test nüchtern ausgefüllt, sich dann gemeinsam betrunken und ihn noch mal ausgefüllt hätten. Aber die werden schon wissen, was sie machen, die Forscher.

    Nadja Schlüter

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  • 07/21/15--03:24: Die Coming-of-Age-Bremse
  • Bei mir sind es zwei Sachen. Die eine mit der Plapperei. Und die andere mit den Schmatzgeräuschen.

    Die mit der Plapperei: Ich habe als Kind extrem viel geredet. Ich habe jedem alles erzählt. Auch mal einem fremden Mann in einem Restaurant vom Familienurlaub in Italien, bis meine Eltern mich peinlich berührt an der Theke einsammelten. Bis heute wird in meiner Familie gerne darauf herumgeritten, wie viel ich immer gesprochen habe. Und obwohl ich heute eher ein Normalmaß spreche (meiner Familie erzähle ich vermutlich sogar unterdurchschnittlich viel), habe ich den Ruf des Plappermauls immer noch weg.

    Die mit den Schmatzgeräuschen: Ich war etwa 14 Jahre alt, sehr pubertär und darum dünnhäutig, als ich eines Tages beim Mittagessen trotzig darauf bestand, dass das Radio laufen müsse, während wir essen – ich könne dieses ekelhafte Gekaue nicht ertragen. Und obwohl ich heute immer und überall und mit oder ohne Geräuschpegel problemlos essen kann (weil: Pubertät passé, Haut dick), passiert es immer wieder, dass einer meiner Elternteile bei einem gemeinsamen Essen sagt: "Sollen wir das Radio anmachen, wegen der Essensgeräusche...?"





    Eine vielleicht nicht repräsentative, aber dennoch interessante Umfrage in der Redaktion hat ergeben: Das geht anderen auch so. Dass ihnen in ihrer Familie immer noch irgendeine Eigenschaft, eine Vorliebe, eine Abneigung oder ein Spleen zugeschrieben wird, die oder der seit Jahren überlebt ist. Die eine Kollegin gilt bei ihrem Opa immer noch als Zicke, die Mutter eines Kollege denkt immer noch, dass er am Wochenende bis mittags schläft und ist jedes Mal überrascht, dass seine Wohnung so aufgeräumt ist.

    Wenn man daheim auszieht, setzen die Eltern die "Coming-of-Age-Bremse" ein


    Sobald man von Zuhause auszieht, passiert nämlich etwas Seltsames, etwas Gegensätzliches auf Seiten der Eltern und der Kinder. Als ausgezogenes Kind fängt man auf einmal an, die Eltern mit Abstand und anderen Augen zu sehen, als Individuen, die nicht nur Eltern sind, sondern eine Frau oder ein Mann, mit einem Leben, bevor es einen selbst gab, und einem Leben, das beginnt, wenn man das Haus verlässt. Und während man staunend zuschaut, wie sich diese Beiden verändern und anders anfühlen, setzen die Eltern ein Mittel ein, das man die "Coming-of-Age-Bremse" nennen könnte. Bei ihrem Blick auf uns Kinder scheint nämlich die Zeit stehengeblieben zu sein, in Teilen jedenfalls. Natürlich sehen sie, dass man jetzt studiert, sich selbst versorgt und erwachsen geworden ist. Und trotzdem halten sie oft an einem Bild ihrer Kinder fest, das sich überholt hat. Oder zumindest an einem Detail dieses Bildes, dem sie kein Coming-of-Age erlauben. Bei anderen Verwandten ist es noch schlimmer, weil die einen noch viel seltener sehen, als die Eltern, und darum Dinge wie "Studium", "sich selbst versorgen", "erwachsen werden" quasi gar nicht wahrnehmen.

    Und weil man anfängt, ein eigenes Leben zu führen, in das die Familie keinen unmittelbaren Einblick mehr hat, kriegen Eltern und andere Verwandte eine leise Verlustangst, die sie mit Erinnerungen bekämpfen wollen. Warum es so oft ausgerechnet die schlechten Eigenschaften sind (Zicke) oder die, die einem selbst unangenehm sind (zu viel reden), auf die sie einen immer wieder ansprechen, das liegt vielleicht daran, dass man dem Kind besonders nahekommt, wenn man es ein bisschen hänselt und pisackt. Wenn man an alte, eigentlich nicht nennenswerte Streitpunkte erinnert, über die man heute ja eigentlich schmunzeln muss. Sie tippen einen wunden Punkt an, um unter der "eigenes Leben"-Hülle an das alte Leben als unschuldiges oder in der Pubertät steckendes Kind heranzukommen, das irgendwo darunter noch da sein muss. Das ihnen vertraut ist. Ein bisschen ist es so, als werde man für die Familie zu einer Sitcom-Figur: Da hat auch jeder eine feste, meist irgendwie komische, anstrengende Eigenschaft, für die er berühmt ist, durch die er aber auch auf eine ganz eigene Art besonders liebenswert ist. Die Familie braucht dieses Vertraute, diesen Wiedererkennungswert, um das Kind, das sie großgezogen hat oder hat aufwachsen sehen, nicht zu verlieren.

    Neulich habe ich mit meiner Mutter telefoniert, da kam eine dritte Sache zum Vorschein, die sie mir noch immer zuschreibt. Sie fragte nach meinen Plänen und ich erzählte, dass ich später für eine Freundin kochen würde. Halb belustigt, halb erstaunt sagte meine Mutter: "DU kochst??? Das kannst du doch gar nicht." Ich bin vor neun Jahren ausgezogen und bisher noch nicht verhungert. Meiner Mutter muss klar sein, dass ich (zumindest leidlich) kochen kann. Aber wahrhaben will sie es trotzdem nicht.

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    In Deutschland kommen auf einen Psychiater bis zu 800 Patienten. Bis man einen Termin bekommt, bis etwa eine Depression diagnostiziert wird, kann es Monate dauern. Auf ein Smartphone dagegen kommt für gewöhnlich nur ein User. Wie praktisch, dass Forscher an der amerikanischen Northwestern University eine App entwickelt haben, die Depressionen frühzeitig erkennen soll: Purple Robot zeichnet das Verhalten des Smartphone-Nutzers auf und bemerkt Anzeichen für eine Erkrankung. 





    Die Wissenschaftler um David C. Mohr, dem Leiter des Zentrums für verhaltenstherapeutische Technologien, werteten die Daten von 28 Teilnehmern aus, die zwei Wochen lang die App auf ihrem Handy installiert hatten. Die App sammelte unter anderem Informationen über die Anzahl der Facebook-Freunde und über die Gebrauchsdauer des Smartphones, außerdem wurde aufgezeichnet, an welchen Orten sich die Teilnehmer aufhielten. Ein Ansatzpunkt für die Auswertung war zum Beispiel, dass Personen, die sich meist nur zwischen Arbeit und Wohnung bewegen, das Haus sonst kaum verlassen und viel Zeit am Smartphone verbringen ohne zu telefonieren, wahrscheinlicher an Depressionen leiden als Menschen mit einem aktiven Sozialleben. 

    Die gute Nachricht ist, dass Purple Robot mit einer Genauigkeit von 86,5 Prozent den mentalen Gesundheitszustands der Probanten berechnen kann. Die schlechte Nachricht  ist, dass selbst die Forscher dem Ergebnis noch nicht recht trauen: Die Teilnehmer schätzten sich zu Beginn der Studie nur selbst anhand eines Fragebogens ein, ein psychologisches Gutachten wurde nicht ausgestellt. Was genau die Teilnehmer mit dem Smartphone machten, erfasste die App  ebenfalls nicht. Außerdem war die Testgruppe zu klein, um eindeutige Ergebnisse zu liefern. Die Forscher wollen deshalb demnächst weitere Tests mit größeren Teilnehmerzahlen über einen längeren Zeitraum hinweg durchführen. 

    Die Daten, die die App sammelt, müssen privat bleiben


    Die Wissenschaftler der Northwestern Universität sind der Meinung, Purple Robot ebne den Weg für verhaltenstherapeutische Technologien. Wie genau sich die Forscher diese Technologien vorstellen, erklären sie aber nicht. Vielleicht wird das Smartphone dann vorschlagen, Kontakt XY auf einen Kaffee zu treffen oder spazieren zu gehen, wenn es bemerkt, dass der User zum einsamen Stubenhocker mutiert. 
    Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 350 Millionen Menschen weltweit an Depressionen. Ohne Behandlung begehen davon schätzungsweise jährlich etwa eine Million Selbstmord. Mehr als fünf Milliarden Menschen werden im Jahr 2025 jedoch ein Smartphone besitzen.

    Apps wie Purple Robot könnten dann in verbesserter Form als Warnsystem funktionieren und den User auf eine mögliche Depression hinweisen. Allerdings müssten die Daten, die die App sammelt, ausreichend gesichert werden. Hätten Arbeitgeber, Versicherungsgesellschaften oder Banken Zugang zu den Informationen, könnte das unter Umständen gravierende Konsequenzen für die Nutzer haben. 

    Magdalena Naporra 

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  • 07/21/15--08:40: Handy aufs Herz
  • Casey Neistat ist ein Meister der Inszenierung. Spätestens seit seinem Clip "Make it count" für Nike 2010 ist der New Yorker Filmemacher einer der populärsten Videoblogger der Welt. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist er genervt vom ständigen Filtern, Posten, Liken. "Social Media sollte eigentlich ein digitales Abbild meiner Persönlichkeit zeigen“, sagt er. "Doch ich teile gar nicht mich selbst. Ich teile eine genau kontrollierte Version von mir". 

    Deswegen hat er mit ein paar anderen Digital-Hipstern eine App namens "Beme" gemacht, deren erklärtes Ziel ist: Weg mit den Masken! Euer echtes, pures Leben sollt Ihr teilen! Vorgestellt hat Neistat die App, natürlich, per Video:

    http://www.youtube.com/embed/mixsze6uJPg

    Beme (gesprochen "Biehm") ist ganz einfach: Hält man das Handy an eine Fläche (die eigene Brust, Stirn, Hand, eine Wand), aktiviert der Abstandsmesser die Aufnahme. Ein kurzer Clip wird aufgenommen. Bewegt man das Handy, versendet die App das Video sofort an alle Kontakte. "No preview, no review", verspricht Neistat. Kein Abwägen, kein Auswählen. Keine Chance auf einen zweiten Take.
    Aus der dritten Reihe den Refrain vom Lieblingssong der Lieblingsband filmen, anschauen, nochmal unverwackelt aufnehmen, schließlich mit einem ironischen Spruch posten, um nicht zu pathetisch rüberzukommen –  geht alles nicht mehr. Den magischen Moment verpassen, aber auch nicht. "Wir wollen, dass du statt deinem Handy weiter den Sonnenuntergang anschaust. Aber ihn trotzdem teilen kannst", sagt Neistat.

    Was auch immer man zeigt: Die anderen können es, wie bei Snapchat, nur einmal sehen. Dann ist es gelöscht. "Alles, was du siehst, siehst du zum ersten Mal. Und zum letzten Mal," so Neistat. Das bedeutet: Alles versendet sich sofort. Wer Quatsch gefilmt hat, blamiert sich wenigstens nicht auf ewig. Das Feedback-System ist ähnlich direkt: Weder Likes noch Kommentare kann man spenden. Sondern nur spontane Selfies. Wer also etwas geteilt hat, bekommt die Lacher und Tränen fast so unmittelbar, als wäre kein Medium dazwischen (Klick zum Video).



    Social-Media-Profi Neistat trat den üblichen Hype los. #beme trendete auf Twitter. Die üblichen Branchenstimmen witterten "das nächste große Ding". Und die Invite-Codes zum Mitmachen sind sofort vergriffen, wenn Neistat sie in seinen Videos freigibt. Wird Beme das Netzwerk, das alle anderen Netzwerke abschafft?
    Die ersten Selbstversuche klingen und machen neugierig. Man ist sich einig: Am Anfang ist es schwer, etwas Sinnvolles zu posten. Es wackelt, rauscht, ist zu dunkel. Das ist natürlich unvermittelt. Bisschen anstrengend. Und, ja, irgendwie schon echter als das, was wir bisher kennen. Nur: Braucht man das?

    >>> Unser Verlangen nach Aufmerksamkeit verkünstelt die Dinge, die wir teilen. 
    [seitenumbruch]Beme – und Neistats Idee von der dringend nötigen Unverstelltheit – klingt spannend und schlau. Und etwas arg optimistisch. Denn dass man sorgfältig auswählt, was man ablässt, dass man überlegen kann, was man wie kommentiert, dass man online der eigenen Identität ein möglichst feines Abbild schnitzen kann – das ist doch der Reiz der Netzwerke, wie wir sie kennen. Impuls, Reflexion, Aktion, Reaktion – erst wenn wir bewusst durch diese Schritte gehen, uns immer wieder überprüfen und bestätigen, spenden sie Glück. Ob der reflexionsgewohnte Mensch bereit ist, sich fallen zu lassen?

    Schon wenige Tagen nach der Veröffentlichung kann man beobachten, was mit Beme passieren wird: Unser menschlicher Durst nach Aufmerksamkeit verkünstelt, ähnlich wie bei Instagram oder dem Kurzclip-Dienst Vine, was wir teilen. Wie in jedem Netzwerk hat auch die ambitionierte Hälfte der Beme-User bald den Dreh raus, was funktioniert und was nicht. So wie Snapchat-Künstler Shaun McBride, dessen Beme-Kurzfilm Neistat so gut gefiel, dass er ihn, nachdem er über sein Handy geflimmert und verschwunden war, vom Handy seiner Frau abfilmte und twitterte. Und damit seine eigene These untergrub (Klick zum Video):  





    Die andere Hälfte der Nutzer wird sich vielleicht wirklich nicht darum scheren, wie sie bei Beme wirkt. Also, derart überhaupt gar nicht, ganz frech und frei, dass es wieder nervt; genau wie Leute, die in verschiedenen Socken und beißenden Farben rumlaufen und betonen, dass sie einfach nur anziehen würden, was gerade sauber ist.
    Anschauen mag man sich das eher weniger.

    Insofern stellt sich die Frage: Was ist wirklich echt? Ist es für einen reflektierten, bewussten Menschen noch authentisch, immer aus dem Handgelenk zu senden? Ist unsere Gefallsucht etwa nicht echt? Muss man bewusst "authentisch" sein, um authentisch zu sein? Kann man überhaupt immer total echt sein? Will man das? 

    Vielleicht macht Beme Schluss mit sorgsam ausgeleuchteten Duckfaces und Konzerten voller hochgestreckter Smartphones. Wäre ja schön! Wahrscheinlich aber eher nicht. Wir waren eitle Geschöpfe lange vor Facebook. Wir werden eitel bleiben.
    Klar, der Mensch wäre heute gerne vor allem echt. Zu glauben, ein technischer Trick würde ihm zu mehr Echtheit verhelfen, ist aber paradox. "Beme überbrückt das unheimliche Tal, in dem die sozialen Medien momentan stecken“, sagt Neistat. Womöglich irrt er sich. Womöglich fällt Beme genau in die Lücke zwischen Realität und Inszenierung, die uns unheimlich ist.
    Denn lieber noch als echt, fühlen wir uns geliebt.

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