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jetzt.de

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    Es ist eine sehr emotionale Diskussion: Nach der angeblichen Häufung sexueller Übergriffe auf Frauen, haben mehrere Clubbetreiber in Ingolstadt Flüchtlingen prinzipiell den Eintritt verboten. Dabei wird mit der "anderen Mentalität" der jungen Ausländer argumentiert und dass man sich eben nicht mehr anders zu helfen wisse. Der bayerische Flüchtlingsrat hat das Vorgehen bereits als rassistisch verurteilt. Aber ist es deshalb gleichzeitig auch unrechtmäßig? Schließlich darf ein Türsteher jemanden ja auch nicht reinlassen, wenn ihm seine Klamotten nicht gefallen. Oder ist das etwas anderes?

    Stephan Büttner ist Jurist und Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT), ein Fachverband im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. „Vor dem Hintergrund der Vielzahl von Einzelfällen", erklärt er gleich, "sind pauschale Äußerungen in die eine oder andere Richtung nicht möglich." Das Problem sei dafür zu vielschichtig. Clubs und Discotheken seien „weder ausländerfeindlich, noch diskriminierend“. Es gebe zahlreiche „berechtigte Gründe“, Menschen nicht in einen Club zu lassen. Aber auch „unberechtigte“. Ein Gespräch darüber, wann was der Fall ist. Und über die Grauzonen dazwischen.




     
    jetzt-München: Herr Büttner, was sind „berechtigte Gründe“, jemanden an der Tür abzulehnen?
    Stephan Büttner: Wenn ein Besucher offensichtlich stark alkoholisiert ist, muss man ihn nicht in einen Club oder eine Diskothek lassen. Wenn er unter Drogeneinfluss steht oder Drogen mit sich führt . Wenn die Sicherheitskräfte an der Tür den Eindruck haben, dass er gewaltbereit ist, sich aggressiv oder beleidigend aufführt. Natürlich auch, wenn er bereits ein Lokalverbot hat. Der Einlass darf aber einem Besucher auch dann verwehrt werden , wenn er den Dresscode des Abends nicht erfüllt.
     
    Haben Sie ein Beispiel?
    Na ja, wenn ich eine „White-Night“ veranstalte, und jemand kommt in schwarz, wird’s schwierig für ihn.

    Was ist mit abgetragenen Klamotten?
    Da kommen wir in genau die Grauzone, deretwegen wir keine pauschalen Urteile abgeben können. Abgetragene, verwahrloste oder verdreckte Kleidung, Turnschuhe oder Springerstiefel können Ablehnungsgründe darstellen. Entscheidend ist da der Einzelfall. Boris Becker kommt in Jeans wohl ins P1. Andere vielleicht nicht.
     
    Es gibt da also keine allgemeinen Regeln?
    Nein. Und im Übrigen ist ein Club oder eine Diskothek keine staatliche Behörde, bei der grundsätzlich Einlass gewährt werden müsste. Er hat auch keine Monopolstellung, aus der sich gegebenenfalls eine Pflicht zum Einlass jedes Gastes ergeben könnte. Der Gastronom muss den Kreis seiner Gäste selbst bestimmen können. Denn er trägt ja auch das wirtschaftliche Risiko. Er investiert unter Umständen mehrere Millionen Euro in seinen Betrieb und legt dabei auch ein bestimmtes Konzept zugrunde – mit einer bestimmten Musikrichtung, einer bestimmten Inneneinrichtung, einer bestimmten Kleiderordnung und einer bestimmten Zielgruppe. Das Publikum ist ein wesentlicher Faktor im Unternehmenskonzept des Betreibers.
     
    Was wären nun „unberechtigte Gründe“, jemanden abzulehnen?
    All jene, bei denen eine Diskriminierung vorliegt, die der Gesetzgeber auch in allen anderen Bereichen des Lebens erkennt: Es darf niemand diskriminierend abgewiesen werden wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder seinem Alter.

    Eine Ü30-Party wäre also, strenggenommen, eine diskriminierende Veranstaltung.
    Wenn man sich dogmatisch an den Wortlaut hält: ja. Was aber vor allem zeigt, wie realitätsfern Regelungen sein können. Denn es wird ja allen Ernstes niemand meinen, dass eine Ü-30 oder auch Ü-50-Party tatsächlich diskriminierenden Charakter hätte.
     
    Um die ernsten Punkte noch mal konkret zu machen: Ich darf niemand ablehnen, weil er schwarz, Türke, Muslim, schwul oder Deutscher ist.
    Eine Abweisung, die aufgrund der ethnischen Herkunft oder der sexuellen Orientierung ausgesprochen wird, dürfte in der Regel unzulässig sein.
     
    Wenn ein Club also sagt: „Flüchtlinge haben bei uns keinen Zutritt“, dann ist das eindeutig eine Diskriminierung.
    In dieser Pauschalität sollte man in der Tat niemanden an der Tür abweisen. Wenn das tatsächlich passiert sein sollte, dann belegt es nur die Tatsache, dass hier weiter intensiv aufgeklärt werden muss.
     
    Warum taucht der Vorwurf des Rassismus’ immer wieder auf? Dieser Tage jährt sich auch die Klage von Hamado Dipama, Mitglied des Ausländerbeirats München, der gegen zehn Clubs rechtlich vorgegangen war, weil die ihm und anderen bei einer Testaktion den Zutritt verwehrten.
    Eine pauschale Antwort ist hier nicht möglich. Da es oftmals auf jeden Einzelfall ankommt, der genauestens betrachtet und bewertet werden muss, kann niemand im Vorfeld mit Sicherheit sagen, ob die Abweisung tatsächlich unberechtigt erfolgte oder ob nicht doch berechtige Gründe vorlagen. Ungeachtet dessen ist hier weiterhin Aufklärungsarbeit erforderlich, damit es in Zukunft noch weniger Vorfälle gibt.
     
    Können Sie Ihren Mitgliedern Richtlinien oder Verhaltenskodizes mitgeben?
    Der BDT wird die neuerlichen Vorfälle zum Anlass nehmen, seine Mitglieder erneut zu informieren und auf die Vorgaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes hinzuweisen. Nur durch entsprechende Aufklärung können unberechtigte Abweisungen verhindert werden.




    Stephan Büttner ist Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe.


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  • 05/06/15--05:00: Kein Kot im Bart
  • Vor ziemlich genau einem Jahr hatten wir eigentlich schon abgeschlossen mit dem ganzen Bart-Thema. Da riefen nämlich die im Internet (und wir auch, denn wir sind ja im Internet) den "Peak Beard" aus, die Spitze des Bartwuchs-Trends. Von da an sollte es abwärts gehen mit dem Gesichtshaar, beziehungsweise sollte es immer kürzer werden, bis alle Männer wieder milchige Babyfaces tragen. Und weil man ja zu seinen Irrtümern stehen soll, machen wir das jetzt: Der Peak Beard hat sich in den vergangenen zwölf Monaten eher zu einem Plateau entwickelt. Bärte sind immer noch überall. Und es wird immer noch dauernd drüber geredet.



    Saubere Sache, dieser Bart

    In den vergangenen Tagen hat die Bart-Debatte eine neue Ebene erreicht. Da kamen nämlich die Hygiene-Fuzzis, wollten uns weismachen, Bärte seien schmutzig, ja, man könne darin gar Spuren von Fäkalien finden, und beriefen sich dabei auf eine Studie, die das herausgefunden haben wollte. "Some beards contain more poo than a toilet shocking study reveals", schrieb zum Beispiel der Mirror und die Wirtschaftswoche gab hilfreiche Tipps zur Bart-Säuberung ("Wie auch die Haare auf dem Kopf sollte der Bart regelmäßig gewaschen werden. Am Besten eignen sich milde Shampoos, die die Haut nicht austrocknen.") und dem Umgang mit Bartträgern ("Vorsicht ist auch bei intimem Kontakt mit Bartträgern geboten. Die Keime übertragen sich beim Küssen"). Das Ganze erinnerte ein bisschen an alte Zeiten, in denen die Bürgerlichen den Hippies vorwarfen, ihr langen Haare seien unhygienisch. Und das Schmuddel-Argument ist sowieso ein beliebtes bei jenen, die Vollbärte ablehnen.

    Zum Glück ist jetzt jemand eingeschritten. Nick Evershed vom Guardian, seinem Autorenfoto zufolge ziemlich glattrasiert, hat sich die viel zitierte "Studie" mal genauer angesehen. Es handelte sich dabei um den Beitrag einer Fernsehshow aus New Mexico, für die ein Reporter ein paar Bartproben nahm und sie in ein Labor schickte. Ergebnis: Der Mikrobiologe fand einige Darmbakterien. Bakterien, die man in Fäkalien finden kann, aber oft auch auf der Haut. Vor allem fand er aber keine tatsächlichen Fäkalien. Nick Evershed hat sich sogar noch die Mühe gemacht, nach anderen, richtigen Bart-Hygiene-Studien zu suchen, und fand welche, die zwar besagten, dass an Männern mit Bart etwas mehr Bakterien gefunden wurden als an glattrasierten. Aber (und jetzt schreiben wir das Wort einfach doch mal ganz nackt hier rein) Scheiße hatte weiß Gott keiner im Gesicht. Ein Glück, denn dann kann dieser lustige Ire weiterhin anderen Iren spontan den Bart kraulen und die Reaktionen filmen:

    http://www.youtube.com/watch?v=U0xhTzS-vB8

    Und die Bart-Gegner, die sollen sich mal fix beruhigen. Oder müssen es sogar. Bärte sind nicht unhygienisch, die Devise des Bart-Trends lautet ja schließlich "gepflegt ungepflegt". Wenn etwas unhygienisch ist, dann schlicht manche Menschen, und wer sich nach dem Gang zur Toilette nicht die Hände wäscht und sie stattdessen an seinem Bart abwischt, der hat vermutlich andere Probleme.

    nadja-schlueter

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    Wer in den USA die Chance hat zu studieren, der träumt meist von der Ivy League. Die acht US-Universitäten, die unter diesem Label zusammengefasst werden, gelten als besonders prestigeträchtig. Von einem Abschluss in Havard oder Princeton erhofft man sich einen sehr guten Job und ein Leben im Wohlstand. Entsprechend streng sind die Aufnahmekriterien und entsprechend gering die Anzahl an Plätzen. Lange studierte dort nur, wer aus einem wohlhabenden Elternhaus mit Akademiker-Hintergrund kam.



    Ein Studium an einer Elite-Uni kommt mit dem Versprechen, später mal gut zu verdienen – vorher kostet es aber erstmal eine ganze Menge. Und für manche zu viel.

    In den letzten Jahren hat sich das System langsam geöffnet. Immer häufiger können zum Beispiel jetzt auch Arbeiterkinder an einer Ivy-League-Uni studieren. Man möchte mehr Diversität in den Hörsälen und damit auch mehr Diversität auf dem Arbeitsmarkt. Das Problem: So ein Studium kostet Geld. Geld, von dem Kinder aus weniger wohlhabenden Familien nicht so viel haben. Und diese Kinder fühlen sich zwischen den betuchten Studenten oft als Außenseiter. Die Folge ist meist, dass sie schweigen, wenn ihnen das Geld ausgeht. Dass sie nichts essen, sich keine Materialien für ihr Studium leisten können. Und sich dafür auch noch schämen.

    Eine Studentenorganisation der Columbia University, die ebenfalls zur Ivy League gehört, will das ändern. Die Organisation nennt sich „First Generation Low-Income Partnership“, kurz FLIP, und unterstützt, unter anderem per Crowdfunding, Studenten aus nicht-Akademiker-Familien und/oder mit niedrigem Einkommen. FLIP hat im März eine Facebook-Seite und einen Tumblr gestartet, um auf die Probleme dieser Studenten aufmerksam zu machen: Columbia Class Confessions. Dort werden Geschichten aus dem Unialltag gesammelt, in denen es um Geldsorgen und Außenseitergefühle geht. Die Beiträge sind nummeriert, mittlerweile sind es mehr als 550. Ein Beispiel:

    #551: I only had $5 in my bank account one week and I had to figure out how to eat before my next paycheck came. I subsisted off of plain noodles for the whole week. Finally, around Thursday, I passed out in class (due to lack of nutrients, I guess?) and I had to beg them not to call an ambulance because I couldn't afford it. So humiliating.

    Die Geschichten können anonym veröffentlicht werden, es geht um die reine Aufmerksamkeit für das Thema. Die Studenten wollen nicht wirken, als bettelten sie um Almosen. Trotzdem nimmt nicht jeder ihre Nöte ernst. Darum findet man auf der Seite auch kleine Plädoyers wie dieses:

    Please please please recognize that this page isn't about people "complaining." Some of us are literally in such shitty situations that we have to do things like literally not eat for days because we are so broke.

    Laut BBC planen weitere Elite-Unis ähnliche Aktionen. Die Studenten der Columbia hoffen, durch die Class Confessions etwas zu bewegen: Dass neue Hilfs- und Unterstützungsprogramme für Studenten entstehen, die finanzielle Schwierigkeiten haben. Sodass sie auch wirklich studieren können und nicht nebenher (oder vielmehr: stattdessen) Vollzeit arbeiten müssen. Und dass auch der soziale Druck nachlässt und sich Arbeiterkinder zwischen Akademikerkindern nicht mehr als Außenseiter fühlen müssen.

    nadja-schlueter

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  • 05/06/15--09:22: Und weg ist er!
  • jetzt.de: Auf Instagram kursieren gerade zahlreiche Fotos von Männern, die sich den Penis zwischen die Beine klemmen. Als Mangina bezeichnet man das. Haben diese Männer alle eine Sehnsucht eine Frau zu sein?
    Julia König: Beim Mangina-Trend gibt es mindestens zwei unterschiedliche Ebenen. Einerseits gibt es Menschen, die sich mit Transgender-Identitäten und generell der Begrenzung von Geschlechterrollen auseinandersetzen, die also Gegenentwürfe in Szene setzen, wie etwa im Mangina-Magazin. Was anderes sind meinem Eindruck nach die jungen Typen, über die wir jetzt reden: die sich ihren Penis zwischen die Beine klemmen und ihr Selfie dann auf Instagram taggen. Bei denen läuft das ganze Bild darauf hinaus, dass es einen jungen Mann zeigt, bei dem etwas nicht zu sehen ist, und deshalb denke ich, das bedeutet nicht, dass sie gerne eine Frau sein würden. Das ganze Selfie verweist auf die Lücke, auf das, was fehlt. Das ist ja auch das Lustige daran. Und daran wird auch deutlich, dass da etwas Lustvolles mitschwingt in dieser Selbstinszenierung.  


    Momentan äußerst beliebt auf Instagram: Die Mangina.

    Warum denn lustvoll?
    Zunächst ist es schon eine Herausforderung, so ein Bild von sich ins Netz zu stellen. Das muss man sich erstmal trauen. Und im Zusammenhang damit ist dieser spielerische Umgang mit der Vergewisserung, dass „er“ noch da ist und man ihn nur nicht sehen kann, selbst lustvoll. Einerseits traut man sich, die Phantasie zuzulassen, keinen Penis zu haben, und andererseits ist das Ganze ungefährlich, weil es vorübergeht. Es erinnert mich an das „Fort-da-Spiel“.  

    Was ist denn das?

    Ein Spiel, ähnlich wie das Verstecken, das Kinder gerne spielen. Freud hat mal seinen Enkel beobachtet, der in einer Zeit, in der seine Mutter öfter weg war, gerne alle seine Spielsachen durch sein Zimmer schmiss und das mit einem langgezogenem „oooohhh“ kommentierte. Wenn die anderen die Spielsachen dann wieder suchten und schließlich aufhoben, rief der Junge ganz freudig „daaaaaa“. Kinder finden das ja oft ziemlich lustig, wenn Sachen weg sind und dann wieder hervorkommen. Freud hat darin erkannt, dass das Kleinkind die Erfahrung verarbeitete, dass etwas Wichtiges zwar eine Weile weg war, dass es aber auch immer wiederkam. Letzteres hatte deswegen etwas sehr Beruhigendes für den Kleinen, weil er die Beziehung zur Mutter in dem Spiel symbolisch darstellte. Und hier sehe ich dann schon eine Parallele zu dem Mangina-Phänomen auf Instagram: Dass man mit der Idee spielt, dass etwas fort sein könnte und sich gleichzeitig darüber freut, dass es aber eigentlich noch da ist. 

    Ein Mangina-Foto sollte von Instagram gelöscht werden -  es sah zu sehr wie eine echte Vagina aus


    Freud hat ja auch vom Penisneid gesprochen. Gibt es eigentlich auch so was umgedreht, für Männer? Also einen Vaginaneid?
    Ja, wenn man das allgemeiner versteht und sagt, ja Geschlechtlichkeit bedeutet eigentlich immer, dass man nicht alles auf einmal sein kann.  Dann geht der Riss der Geschlechtlichkeit durch alle.  Die Melancholie darüber, nicht alles zu können, gibt es auch bei Männern, was sich zum Beispiel in Neid darauf verwandeln kann, dass Frauen Kinder gebären können.  

    Werden sich die Männer gerade besonders bewusst drüber, dass sie nicht alles können und fotografieren sich deshalb mit Manginas?

    Also den Mangina-Trend würde ich vielleicht schon als Reaktion auf Verunsicherungen hinsichtlich der Geschlechterrollen sehen. Man tut so, als ob man keinen Penis hätte und gibt sich weiblich und findet das total lustig. Ich denke, das Lustige besteht vor allem darin, dass eben auf den Bildern eine unmissverständliche Täuschung in Szene gesetzt wird. Diese Dimension scheint mir ganz stark in den Bildern. In den Videos wird ja vermutlich auch deswegen so viel gekichert und getrunken, weil ja alle wissen, dass sie „in Wirklichkeit“ einen Penis haben.  

    Frauen machen solche Witze hingegen ja selten. Fehlt da die Lockerheit?
    Ja, es ist für Frauen schwieriger, in der öffentlichen Selbstdarstellung ähnlich wahrgenommen zu werden, wie Männer, und das hängt natürlich mit dem bestehenden Geschlechterverhältnis zusammen. Das ist schon daran zu erkennen, dass gerade auf Instagram generell Fotos von Frauen entfernt werden, auf denen etwa ihre Schamhaare zu sehen sind. Das gilt als unschön, unsauber, unhygienisch und soll nicht gesehen werden. Schön zu sehen ist das an einem Post, in dem ein Instagram User klagt, dass sein Mangina-Foto gelöscht wurde, weil es zu feminin, weil es zu sehr „like a vagina“ aussähe. Die Mangina darf man sehen, weil sie keine Vagina ist, die sonst nämlich auf Instagram sofort gelöscht werden müsste. Was auf den Mangina-Fotos also imitiert wird, ist nicht die Vagina, sondern vielmehr die Abwesenheit von einem Penis wie eine Leerstelle, man sieht einfach gar nichts. Nur so ein paar Haare.



    Julia König ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Frankfurt. Sie forscht u.a. zu kindlicher Sexualität.

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    Als der 23-Jährige Feidin Santana im April zufällig filmte, wie in North Charleston (South Carolina) der unbewaffnete Afroamerikaner Walter Scott auf offener Straße von dem weißen Polizisten Michael Slager erschossen wurde, wusste er, dass er wichtiges Beweismaterial auf seinem Smartphone gespeichert hatte. Und auch, dass er Angst um sein Leben haben muss. Ein paar Mal ist auf der Aufnahme zu hören, wie er seuft: „Oh Shit.“ Später sagte er dem Nachrichtensender MSNBC, er habe darüber nachgedacht, das Video zu löschen und North Charleston zu verlassen

    Als Santana den Polizeibericht über Walter Scotts Tod las, dessen Inhalt nicht dem entsprach, was er selbst beobachtet hatte, beschloss er, sein Video zu veröffentlichen.

    Die Aufnahmen zeigen deutlich, dass der Polizist dem flüchtenden Walter Scott mehrmals in den Rücken schießt und ihm, als er auf dem Boden liegt, Handschellen anlegt statt Erste Hilfe zu leisten. Vor Gericht könnten die Aufnahmen als wichtiges Beweismaterial dienen.



    Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners Freddie Gray aus Baltimore, der in Polizeigewahrsam starb. Im Mai verkündete die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen sechs Polizeibeamte eingeleitet zu haben, die im Verdacht stehen, Grays tödliche Verletzungen verursacht zu haben.

    Polizeigewalt und Rassismus sind in den USA ein großes Thema, seit der 18-jährige afroamerikanische Schüler Michael Brown im August 2014 in Ferguson (Missouri) von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Immer wieder werden Fälle von Polizeigewalt bei Festnahmen, Durchsuchungen oder auf Demonstrationen zufällig von Passanten gefilmt und diese Aufnahmen vor Gericht als Beweismittel verwendet. Zeugen begeben sich damit allerdings in Gefahr. Wie die Wired berichtet, wurde einer Passantin Anfang Mai in Los Angeles von einem Polizeibeamten das Handy aus der Hand gerissen und auf den Boden geworfen, nachdem sie eine Verhaftung gefilmt hatte. Dieser Vorgang wiederum wurde ebenfalls auf einem Video festgehalten. In Texas liegt ein Gesetzentwurf vor, der das Filmen von Polizeibeamten bei Einsätzen generell verbietet.

    Die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) hat aus diesem Grund die App „Mobile Justice CA“ entwickelt. Zeichnet man mit diesem Programm ein Video auf, wird es automatisch auf einen Server der ACLU geladen, sobald die Aufnahme beendet wird – was auch passiert, wenn das Handy geschüttelt wird oder herunterfällt. Somit sind sind die Aufnahmen geschützt, falls Beamte verlangen, die Aufnahmen zu löschen, oder das Handy konfiszieren.

    Nach dem Speichern können Nutzer weitere Informationen über Tathergang, Ort, Zeit und die Namen der Beteiligten ergänzen. Auch anonyme Einsendungen und schriftliche Hinweise ohne Videoaufzeichnung sind möglich. Die App enthält außerdem Tipps für Auseinandersetzungen mit der Polizei und informiert über die Rechte, die Bürger in solchen Situationen haben. Außerdem kann man sich über Einsätze in der Umgebung informieren, um womöglich als Zeuge auszusagen. Sobald man ein Video oder Hinweis übermittelt hat, entscheiden die ACLU-Mitarbeiter, ob sie das Video an die Behörden oder an die Medien weitergeben oder auf YouTube hochladen. Momentan ist die „Mobile Justice“-App in Kalifornien, Missouri, New Jersey, New York und Oregon verfügbar.

    http://www.youtube.com/watch?v=fVNChMoBe5A

    In Deutschland ist das Filmen von Polizisten im Einsatz grundsätzlich erlaubt



    Auf ihrer Webseite rät die ACLU, den Polizisten mitzuteilen, dass man das Handy aus der Tasche holt und aufzeichnet. Wenn die Beamten das verbieten, solle man sich an diese Anweisung halten. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Polizisten, egal ob in den USA oder im Rest der Welt, zustimmen, während Verhaftungen oder in anderen potenziell heiklen Situationen gefilmt zu werden. In Deutschland wurde 2012 über die App „Cop Recorder“ diskutiert. Dem Kölner Stadt-Anzeiger zufolge widmete eine deutsche Polizei-Fachzeitschrift diesem Programm sogar einen siebenseitigen Artikel mit warnendem Unterton. Mit dem Programm kann man heimlich Gespräche aufzeichnen und anonym ins Internet stellen. 

    Grundsätzlich ist in Deutschland das Filmen und Fotografieren von Polizisten im Einsatz erlaubt, das erklärt auch eine Polizeisprecherin am Telefon. Auch zufällige Aufnahmen von Passanten, die Polizeibeamte im Dienst zeigen und, seien erlaubt, sagt der Strafrechtler Tobias Singelnstein von der Freien Universität Berlin, auch wenn die Polizisten nicht um Erlaubnis gefragt worden sind, – allerdings nicht die Veröffentlichung ohne Einwilligung der betroffenen Beamten, etwa auf YouTube oder Facebook. Ein Gericht könne solche Aufnahmen jedoch als Beweismittel heranziehen, zum Beispiel in einem Strafverfahren, da dann ein öffentliches Interesse daran besteht. „Hier überwiegt das Interesse an der Sachverhaltsaufklärung gegenüber den Persönlichkeitsrechten des Polizisten“, sagt Tobias Singelnstein.


    Mehr über den Fall Walter Scott auf SZ.de

    Mehr über Polizeigewalt auf SZ.de 

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  • 05/07/15--02:24: Nur mal so am Rande
  • Das attraktive München ist für die meisten das Zentrum: Schwabing, Haidhausen, Glockenbachviertel, die Au. Hier will man als urbaner Jungmensch wohnen, essen, Kaffee trinken, dazugehören. Doch was ist mit dem Rest? München hat schließlich mehr als sechs Stadtteile. In unregelmäßigen Abständen besuchen und untersuchen wir deshalb Viertel, die auf den ersten Blick eher unpopulär erscheinen. Solche, die man vielleicht erst nach dem fünfzehnten gescheiterten Versuch, eine Wohnung zu finden, in die WG-gesucht-Suchmaske eintippt. Bereits in dieser Serie erschienen: Nordhaide, Berg am Laim, Moosach, Laim und Hadern, Freimann, Neuperlach und Allach-Untermenzing. Heute dran: Harlaching, Pasing, Milbertshofen, Johanneskirchen/Englschalking.
     

    Harlaching


    Harlaching ist ein Stadtteil wie die „Dame von Welt“: etwas altmodisch, sehr kultiviert, wohlhabend, aber niemals neureich. Hier gibt es mit dem Perlacher Forst, den Flaucherauen und dem Isarufer viel Natur, die Villendichte ist sehr hoch, die Privatklinik- und Cabriodichte sowieso, und man vermutet viele alleinstehende Frauen mit Hund. Oder Familien der Erbengeneration. Wer hier ein Haus hat, hat es vermutlich schon seit Jahrzehnten. Die Läden heißen „Feinkost Puppe“, „Bistro Mezzogiorno“ oder „Modehaus Krug“. Vor allem die Modeboutiquen, von denen es einige gibt, erinnern in ihrer Ästhetik an die Feine-Tropfen-Pralinenschachtel der Oma, ziemlich Achtziger. Manchmal auch etwas verstaubt. Es gibt auch viele Second-Hand-Läden – die heißen hier aber „First Class Second Hand“. Vielleicht ist Harlaching ja das geheime Shoppingparadies Münchens, auf jeden Fall kann man hier interessanter einkaufen als in der Fußgängerzone.

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    Zwischen den Häusern ist mehr Platz als in anderen Vierteln, auf eine Grünfläche in der Mitte zweier Straßen hat jemand ein Fußballtor gestellt, am Übergang zum Perlacher Forst kicken Kinder und Jugendliche aus dem benachbarten Jugendheim. Fußball ist hier ja insgesamt ein großes Thema: In der Säbener Straße kann man dem FC Bayern schließlich auch beim Training zuschauen.
     
    Das ist aber nur die eine Seite von Harlaching. Die andere ist jene, die so gar nicht mondän ist, aber ebenfalls eine Zeitreise. Die beginnt an der McGraw-Kaserne und führt dann am Gefängnis Stadelheim entlang. Auf der Wand, die die Stadelheimer Straße hinunterschaut, prangt in großen, goldenen Lettern der rätselhafte Schriftzug „EBEN“. Hier säumen die Straßen regelrechte Wohnkasernen, natürlich dem Nationalsozialismus entsprungen. Arbeiter der Reichszeugmeisterei lebten hier. Nach Kriegsende wurde aus der Reichszeugmeisterei dann die McGraw-Kaserne – in der bis in die Neunzigerjahre die Amerikaner stationiert waren. Heute ist unter anderem die Polizei drinnen. Der bröckelige Schriftzug „University of Maryland“ ist an der Fassade geblieben. Und wenn der Himmel dieses weite Blau des nahenden Sommers hat, sieht München hier vielleicht tatsächlich ein bisschen aus wie Baltimore. Mitten in der Kaserne ragt ein gruselig verlassen aussehender Wachturm in die Luft. Da oben würde man gern mal sitzen, die morschen Fenster aufreißen und einen Sektkorken rausknallen lassen.
     
    Wer wohnt hier?
    Zum Beispiel Philipp, 20. Und zwar, weil seine Eltern hier wohnen – und er noch bei ihnen. Essen geht er in der Harlachinger Einkehr, da gibt’s den besten Tafelspitz. Oder im Biergarten Menterschwaige. Nach 20 Uhr noch ein Bier kriegt er an der Tanke am Tiroler Platz oder in Sportbars wie der Goldenen Kanne. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, radelt er durch den Perlacher Forst oder an die Isar. Das gibt’s hier, was es sonst nirgends gibt: ein Beachvolleyballfeld direkt am Wald, für das auch Philipps Freunde aus der Stadt extra nach Harlaching fahren. Er mag hier: das Burschenfest, weil es lustig ist und die Anwohner nervt und mal ein bisschen aus der Ruhe bringt.
     
    Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 16 Euro.
     

    Pasing


    Wer als Besucher mit dem Zug nach München kommt, für den ist Pasing wie Hamburg-Harburg oder Berlin-Spandau: irgendeine komische Vorstation vor der richtigen Stadt, ein Durchgangsding, das jeder kennt und sich doch keiner genauer ansieht. Dabei ist Pasing eigentlich so etwas wie die große Stadt in klein: mit eigenem Marienplatz und eigenem Viktualienmarkt, mit einem großen Villenviertel aus der Gründerzeit und einem schäbigen Gewerbegebiet. Mit der Würm gibt es sogar einen eigenen Fluss.

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    Von ihrem Ufer gehen die großbürgerlichen Straßen ab, mit Segelbooten im Vorgarten und bunten Kirchenfenstern in der verglasten Veranda. An der Ecke der August-Exter-Straße sitzt der Obstverkäufer neben seinem Stand auf einer Bank im Schatten und liest ein Buch. Ein paar Häuser weiter stehen die Kinder und Eltern am Eiscafé Pinitalia an, dahinter ist der Biergarten der Pasinger Fabrik, einem Kulturzentrum, in dem oft Ausstellungen und Theateraufführungen stattfinden.
     
    Folgt man der Bahntrasse stadteinwärts, an deren Grenzen sich der Stadtteil anschmiegt, und biegt einmal rechts ab, endet dieses Idyll ziemlich plötzlich: Hier beginnt das Gewerbegebiet, das einen erst mal mit der Wandmalerei einer nackten Frau empfängt. Sie gehört zum FKK-Club Sudfass. „Bei uns erwarten Sie charmante Gäste aus aller Welt, von Thailand, über Europa bis Südamerika“, wirbt der auf seiner Homepage. Sonntag und Montag beträgt der Eintritt derzufolge übrigens 30 Euro. Dienstag gibt es Freibier. „Mittwoch ist Dessoustag.“
     
    Es gibt ein paar vergleichbare Läden in der Umgebung. Aber auch anderes: Vor den Eisbach Studios, wo einst schon Michael Jackson das Musikvideo zu „Give In To Me“ drehte, stehen Herren in dunklen Anzügen und warten auf ihre Limousinen, während hinter dem Gebäude die Reste eines Caterings abgeholt werden. Die Brüche sind für Münchner Verhältnisse groß in diesem Stadtteil.
     
    Plötzlich steht man nämlich in einem Kieswerk. Und um die nächste Ecke dann schon wieder im italienischen „Supermercato Farmetani“. In diesem Teil von Pasing ist noch viel von jener abgefuckten Urbanität zu finden, deren angebliche Abwesenheit in München oft beklagt wird.
     
    Und auch das ist typisch hier: Egal, durch welche größere Straße in Pasing man fährt, am Horizont prangen fast immer die vier Sterne der Pasing Arcaden – jenem riesenhaften Einkaufszentrum, das strahlend weiß seit einigen Jahren den Mittelpunkt des gesamten Stadtteils bildet. Die ganze Gegend rund um den Bahnhof, an dem die Arcaden liegen, hat sich in den vergangenen Jahren massiv gewandelt. Alles ist sehr viel moderner und offener geworden, cleaner auch. Trotzdem sind direkt nebenan noch alte Bauernhöfe, deren Landmaschinen von hier aus auf die umliegenden Felder fahren. In der Bar Confetti kann man seit 20 Jahren jeden Sonntag Karaoke mit dem „Karaoke King“ singen. Außerdem gibt es in einem völlig unscheinbaren Bürohaus direkt an der Landsberger Straße das italienische Restaurant La Ruota, in dem man gemütlicher sitzen und besser essen kann als in vielen Läden in der Innenstadt.
     
    Wer wohnt hier?
    Zum Beispiel Simon, 28. Und zwar, weil er übergangsweise wieder bei seiner Familie wohnt. Essen geht er im La Ruota, weil es da so gute Holzofenpizza und super Pasta gibt. Nach 20 Uhr noch ein Bier kriegt er im Pasinger Bahnhof. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, geht er im Nymphenburger Schlosspark oder im Blutenburgpark spazieren. Er mag hier: dass man so schnell an den See fahren kann. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: das modernste Einkaufszentrum der Stadt direkt vor der Tür.
     
    Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 25 Euro.
     

    >>>Milbertshofen: Da, wo Schwabing endet, wird's interessant.<<<

    [seitenumbruch]

    Milbertshofen


    Ziemlich unfair, dass jeder die Maxvorstadt kennt, aber niemand Milbertshofen. Dabei ist das ein mindestens ebenso interessanter, wenn auch grundverschiedener Nachbar. Da, wo Schwabing im Norden endet, beginnt Milbertshofen. Und zwar mit dem Petuelpark. Der, das kann man gleich vorweg sagen, ist ein sehr moderner, großstädtischer Ort. Früher sind hier die Autos vorbeigerauscht, jetzt rauscht nur noch ein Bach, denn die Autos fahren untendrunter durch den Tunnel. Und auf dem Bach gibt es Enten und im Park viele Bänke und das Café Ludwig mit einer tollen Terrasse und in ruhigen Ecken versteckte Sonnenliegen, auf denen man im Sommer tagelang liegen und lesen und dabei noch Blumenranken über dem Kopf haben kann.

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    Seine Verlängerung findet der Park in den Grünflächen entlang der Ricarda-Huch-Straße, die bis an den Frankfurter Ring reicht. Milbertshofen wirkt durch all das ziemlich begrünt. Dabei ist das Viertel eigentlich eingeklemmt, zwischen BMW-Werkshallen und Ausfallstraßen. Ein bisschen ist das hier das Ruhrgebiet Münchens, an manchen Ecken könnte man auch in Bochum sein, alles wirkt so bodenständig und bescheiden.
     
    Das Blücher-Café-Restaurant zum Beispiel ist eine Art Wirtshaus, das man vielleicht mit dem Kaisergarten vergleichen könnte, wenn hier nicht so völlig anderes Publikum sitzen würde: Unter jungen Kastanien schiebt ein Vater seiner Tochter Nudeln in den Mund, ein alter Mann isst ein Jägerschnitzel, zwei ältere Frauen mit wasserstoffblonden Haaren rauchen Kette und sprechen dabei über Hausobjekte und Fluktuation, und zwei junge Elternpaare mit Kinderwagen begrüßen einander am Eingang. Im Gegensatz zu den Eltern des Zentrums tragen sie aber nicht Cos-und Nike-Uniform.
     
    Interessant ist auch der Kontrast zwischen Balkan-Style und Lokalpatriotismus. Einerseits gibt es viele ausländische Supermärkte wie den Sindbad-Markt, den Gün-Gida-Gemüse-Markt mit eigener Metzgerei und den Karpa-Balkanimport. Andererseits sind hier auffallend viele weißblaue Rautenmuster in Geschäften und Vorgärten zu sehen. In „Unserem Brotladen“, dessen Namensschild auch betont bayerisch gestaltet ist, hängt eine Collage aus Hundefotos an der Wand, darüber steht: „Hier genießt Mensch und Tier“. Neben der St-Georgs-Kirche am Curt-Mezger-Platz steht passend zum Kirchenthema der Engel-Imbiss und verkauft Döner, gleich gegenüber ist das moderne Kulturhaus mit seinem verglasten Sportplatz, an das jemand das Graffiti „Für eine Welt ohne Richter und Gesetze“ gesprüht hat. Im Sommer mit dem Rad hier durchzufahren, ist wie in einer ganz anderen Stadt unterwegs zu sein.
     
    Wer wohnt hier?
    Zum Beispiel Sarah, 24. Und zwar, weil sie hier eine günstige Wohnung gefunden hat und es nicht weit zur Uni ist. Essen geht sie am liebsten italienisch beim besten Italiener Milbertshofens: L’angolo. Nach 20 Uhr noch ein Bier gibt es an einer der vier Tankstellen im Viertel, meistens an der Aral in der Schleißheimer. Sonntags, wenn sie das Viertel nicht verlassen will, geht sie ins Freibad Georgenschwaige oder mit Freunden ins Olympia-Bowling am Petuelpark. Das mag sie hier: dass es hier so viele Tankstellen gibt und man schnell im Euroindustriepark zum Großeinkauf ist, aber genauso schnell auch im Stadtzentrum. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: ganz viel BMW-Industrie.
     
    Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 18 Euro.
     

    Englschalking/Johanneskirchen


    Kaum raus aus Bogenhausen, vorbei am Arabellapark und dem Cosima-Wellenbad, das gerade saniert wird, und schon ist man in Englschalking. Beziehungsweise Johanneskirchen, die Stadtteile gehen ineinander über. Zunächst fällt hier die hohe Dichte an Hochhäusern auf, wie es sie ja in München eher selten gibt. Sie sind in den Siebziger- und Achtzigerjahren entstanden. Trotzdem ist das hier keine Trabantenstadt wie Neuperlach, denn es mischen sich immer wieder alte Bauernhäuser, Kirchen oder ein Maibaum zwischen die modernen Siedlungen.

    [plugin bildergalerielight Bild1="" Bild2="" Bild3="" Bild4=""]
     
    Biegt man dann in die Brodersenstraße Richtung S-Bahnstation Englschalking, gibt es etwas, das man nicht häufig sieht: eine perfekt erkennbare Grenze zwischen Stadt und Land. Man hat noch die Hochhäuser im Rücken, fährt auf die Bahngleise zu und plötzlich ist die Stadt vorbei: Pferdeweiden. Eine Hundeschule. Ziegen. Wiesen, Waldorfschule. Fährt man noch ein Stück weiter über Felder, entlang oberirdischer Stromleitungen an Holzmasten, die aussehen wie in der amerikanischen Steppe, gelangt man in den dörflichen Teil des Viertels. Hier steht eine kleine Kirche, wieder Pferde, diesmal ganz nah an der Straße, und weil die Trabrennbahn in Daglfing schon näher rückt auch lauter Sulkybauer-, also Pferdewagenbauerbetriebe. Es riecht nach Heu, Mist und Blumen und begänne nicht direkt hinter den Feldern die Stadt, man wähnte sich in der schönsten Provinz, so ruhig ist es hier.
     
    Zurück über die Bahnlinie in Johanneskirchen gibt es die alte Ziegelei, die seit Jahren leer steht und immer weiter verfällt – ein beliebter Ort für „urban explorer“. Seit einigen Jahren wird es hier oben immer städtischer: Die Tram 16 fährt schon. Und auf der riesigen Brachfläche an der Sentastraße, wo früher die Prinz-Eugen-Kaserne stand, wird bald ein ganz neues Wohnviertel entstehen. Auch an der S-Bahn Johanneskirchen wird es den weiten Blick über sehr voralpenhafte Wiesen und Felder wahrscheinlich nicht mehr lange geben. Es ist schon ein großes Bauschild angebracht, das die Entstehung neuer Wohnungen ankündigt.
     
    Wer wohnt hier?
    Zum Beispiel Manuel, 27. Und zwar, weil er nach dem Abi sofort ausziehen wollte und in Johanneskirchen die erstbeste Wohnung fand. Essen geht er in der Stadt, in Johanneskirchen kann man Essengehen seiner Meinung nach eher „Nahrungsaufnahme“ nennen. Aber um doch noch was Nettes zu nennen: die Dicke Sophie. Nach 20 Uhr noch ein Bier gibt es an der Tankstelle oder zum Mitnehmen aus einem Restaurant. Sonntags, wenn er das Viertel nicht verlassen will, bleibt er auf seinem Balkon. Das mag er hier: das viele Grün rundherum. Das gibt es hier, was es sonst nirgends gibt: Gute Frage. Nicht viel. Zum Wohnen reicht es.

    Ein Taxi vom Stachus nach Hause kostet: 25 Euro.





























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  • 05/07/15--04:34: Kaputt-Kunst
  • Manchmal telefoniert man, ein Magazin liegt auf dem Tisch, ein Kugelschreiber zufällig daneben – und wenn das Gespräch beendet ist, hat die Frau auf dem Magazincover aufgespritzte Lippen, buschige Brauen, schwarze Pupillen, eine Warze auf der Nase, eine Zahnlücke und eine Narbe auf der Wange. Ist einfach so passiert.

    Gesichter laden dazu ein, angemalt zu werden, zumindest die zweidimensionalen, abgedruckten. Und es passiert nicht nur daheim auf dem Magazin, sondern auch im öffentlichen Raum. Man kennt das zum Beispiel bei Wahlplakaten oder bei Werbung in der U-Bahn. In diesen Fällen gilt es dann gleich als Vandalismus. Dabei könnte es doch vielleicht auch einfach Kunst sein. Findest zumindest Lydia Cambron.

    Lydia Cambron ist Designerin, lebt in New York, fährt dort mit der U-Bahn und mag Vandalismus. Sie macht Fotos von beschmierten und veränderten Plakaten – und stellt die Motive dann nach. "Makeup Transit Authority" nennt sich das Projekt, Lydia schminkt sich dafür augeschnittene Augen, geschwärzte Zähne oder krude Schriftzüge ins Gesicht. Die Originale sind als Vergleich daneben zu sehen. Das sieht erstmal lustig aus. Und es wirft auch ein paar Fragen auf. Würde man ohne die abgebildeten Originale erkennen, was die Vorlage für diese Fotos war? Gibt es eine Handschrift des Vandalismus – oder ist er am Ende moderne, abstrakte Kunst (weil er so ja auch aussieht)?

    [plugin bildergalerielight Bild1="©Lydia Cambron" Bild2="©Lydia Cambron" Bild3="©Lydia Cambron" Bild4="©Lydia Cambron"]
    Die Wikipedia definiert Vandalismus unter anderem als „destruktiven Zeitvertreib, aus Lust am Zerstören, aus aggressiver Abreaktion von Wut oder aber als Form von Imponiergehabe ohne darüber hinausgehenden Sinn (aus Mangel / Desinteresse an anderem lustvollem Handeln bzw. als Ergänzung dazu).“ Davon ausgehend müsste man wohl sagen, dass der Vandalismus allein noch keine Kunst ist, weil er sinnfrei ist und nihilistisch. Aber Lydia Cambron nimmt ihn und fügt ihm eine Ebene hinzu, indem sie ihn kopiert. Sie macht aus kleiner Zerstörungswut kleine Kunstwerke. Gute Idee eigentlich.

    nadja-schlueter

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  • 05/07/15--04:59: Sag es laut!
  • Die Speakers’ Corner ist eine Londoner Institution, noch älter als die Tower Bridge. Sie machen dort seit den 70er Jahren Photos. Was hat sich seitdem verändert?
    Es gibt nicht mehr so viele Redner wie früher. Und nicht mehr so viel Publikum. Aber es kommen schon noch viele Leute. Aber fast keine politischen Gruppen mehr. Früher gab es immer viele Polit-Gruppen: Trotzkisten, Kommunisten und so weiter. Jetzt sind alle weg.  Stattdessen wird viel mehr über Religion gesprochen. Und eine große Änderung über die Zeit ist, dass es nicht mehr nur um das Christentum geht: es geht auch oft um den Islam. Zwischen den Anhängern der beiden Religionen sieht man jetzt oft Diskussionen.  

    Was macht die Speakers’ Corner denn so attraktiv?

    Im Speakers’ Corner kann man niemanden ignorieren. Da ist eine Gruppe, die eine Antwort will, und wenn man keine gibt, werden sie dich überschreien. Das ist eine ganz andere Energie, von Angesicht zu Angesicht zu reden, als im Internet. Dort muss man nicht antworten.  

    [plugin bildergalerielight Bild2="Mitlgieder der sozialistischen Partei, 1978" Bild3="Evangelikaler mit Plakat, 1978" Bild4="Die Speakers' Corner 1995" Bild5="Bibel-Schüler im April 2014" Bild6="Eine Gruppe irischer Reisender diskutiert mit einem Muslim über das Christentum und den Islam, März 2014"]


    Sind die Redner eigentlich größtenteils Verrückte und Fanatiker? Auf den Bildern sieht das zumindest so aus.

    Ich will da kein Urteil fällen, wie verrückt diese Leute sind. Da sind zumindest viele Leute, die ganz stark an etwas glauben. Aber es gibt auch junge Leute, die über religiöse und andere Themen reden.  

    Nur religiöse?

    Nicht nur. Aber die religiösen sind immer die lautesten. Waren Sie mal da?  

    Leider nicht, ich kenne die Speakers’ Corner vor allem aus dem Englisch-Unterricht. Es ist ja ein relativ anarchistischer Ort, oder?
    Ja, niemand ist da zuständig, niemand organisiert da was. Keiner sagt, du kannst hier sprechen, du kannst da sprechen. Die Leute tauchen einfach auf, oft sind es dieselben, man kennt sich. Oft stehen sie am selben Platz. Außerdem ist da diese Atmosphäre: es gibt keine Autorität, die etwas bestimmt. Vielleicht fühlt es sich deshalb so anarchisch an, vor allem, wenn man es noch nicht kennt.  



    Der Photograph Philp Wolmuth

    Ist das für die Redner dort der einzige Ort, wo sie gehört werden?
    Naja, ich denke viele Leute werden nicht gehört. Ich meine, außerhalb der Wahlen haben alle Leute, die keine Politiker oder Journalisten sind, ja wenig mitzureden. Ich glaube die Leute kommen da hin, um ihre eigene Stimme zu hören. Da gibt es wenig Verbindung zu den Mainstream-Politik-Themen. Traditionell gibt es natürlich einige Verrückte, aber nicht alle natürlich.  

    Was war das Photo, was Sie zuletzt in der Speakers’ Corner aufgenommen haben?

    Das letzte Photo war vor ein paar Wochen. Ich hab einen Redner fotografiert, der schon seit 20 Jahren herkommt. Der ist auch im Buch. Der ist ein Verschwörungs-Theoretiker. Er glaubt, dass der Holocaust ein Gerücht ist und dass der 11. September von der US-amerikanischen Regierung geplant wurde.  

    Haben Sie sich mit den Menschen dort während Ihrer Photoproduktion angefreundet? Naja, nicht so richtig. Aber wir kennen uns schon. Ich bin da zuerst hingegangen, weil ein Freund von mir gesprochen hat. Der ist auch im Buch und wurde in der Speakers’ Corner in den 70ern auch mal verhaftet.    


    Philip Wolmuth hat in dieser Woche ein Buch mit Photos der Speakers' Corner von den 70er Jahren bis heute veröffentlicht.


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  • 05/07/15--07:27: Besser beistehen
  • Krebs will man nie kriegen, überhaupt schwer erkranken nicht, und erst recht nicht mit 24. Wenn man es aber doch tut, dann hilft es einem nichts, dass man das nicht wollte. Dann hilft nur noch, dass man es so gut wie möglich aushält. Und das geht nur, wenn man gute Unterstützung hat und ein Umfeld, das genau richtig reagiert. Das die richtigen Sachen sagt. Das gute Karten schreibt. Das die richtige Hilfe anbietet und die richtigen Symbole setzt. Weil es aber jeden überfordert, wenn in seinem Umfeld jemand krank wird, ist das mit der angemessenen Reaktion nicht so einfach. Die Hilfosigkeit und Verunsicherung der anderen werden dann schnell zu Verletzungen für den Betroffenen.

    Die Designerin Emily McDowell erkrankte mit 24 Jahren an Krebs, genauer: Am Hodgkin-Lymphom. Sie war im dritten Stadium, als sie davon erfuhr. Nach einer langen Therapie wurde sie wieder gesund. Das Schwierigste an ihrer Krankheit, sagt sie im Nachhinein, waren weder die Chemotherapien, noch die Veränderungen am Körper oder dass sie zeitweise bei Starbucks für einen Mann gehalten wurde. Das Schlimmste, sagt sie, waren die Einsamkeit und die Isolation, mit der sie sich plötzlich konfrontiert sah, weil viele Freunde und Familienmitglieder sich abwendeten, als sie es erfuhren. Nicht aus Bosheit, sondern aus Hilflosigkeit: Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Was sie sagen oder anbieten sollten.

    Heute ist Emily 38 Jahre alt und hat eine Postkarten-Serie herausgebracht mit Worten drauf, die sie gern von Bekannten gehört hätte, als sie erkrankte. Es stehen Worte darauf wie: "I'm so sorry you're sick. I want you to know that I will never try to sell you on some random treatment I read about on the Internet."


    Oder: "Just so you know, I'm totally on board with driving you to the treatment, cleaning your place, helping pick put flattering wigs, coming up with bad-ass visualization exercises, and if you twist my arm, I guess I'd also be cool with lying on the couch and watching trashy TV together. I know. It's a sacrifice I'm willing to make. I love you."

    [plugin imagelink link="http://www.slate.com/content/dam/slate/blogs/the_eye/2015/05/05/150506_EYE_EmpathyCards4.jpg.CROP.original-original.jpg" imagesrc="http://www.slate.com/content/dam/slate/blogs/the_eye/2015/05/05/150506_EYE_EmpathyCards4.jpg.CROP.original-original.jpg"]

    Vielleicht sagt sie, hilft das Menschen, die ebenfalls verunsichert sind, wie sie vertrauten, plötzlich erkrankten Menschen begegnen sollen. Und wenn man die Karten liest, dann ahnt man: Das wird es.

    mercedes-lauenstein

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    Abdo war bei vielen Straßenschlachten an vorderster Front.

    jetzt.de: Jakob, wenn du in einem Satz erklären müsstest, wer Abdo ist – was würdest du sagen?
    Jakob Gross: Ein Mensch, der erwachsen wird und auf der Suche nach sich selbst ist – und der diese Lebensphase mitten in einer Revolution durchlebt.

    Dein Film ist aber kein klassisches Porträt eines jungen Rebellen.
    Stimmt. Ein klassisches Porträt würde Abdo als revolutionären Helden mit klaren politischen Absichten darstellen. Ich sehe in Abdo aber vielmehr einen jungen Typen, der plötzlich in gesellschaftliche Umbrüche reingeworfen wird. Ich will damit nicht sagen, dass Abdo kein Revolutionär ist. Die Frage ist ja: Kann man sich da überhaupt richtig entscheiden oder ist man einfach eh mittendrin?

    http://vimeo.com/125459258
    "Abdo" feiert kommende Woche auf dem Münchner Dok-Fest Premiere.

    Damit stellst du ja letzten Endes auch die Frage, was das überhaupt heißt: ein Revolutionär sein.
    Ja, denn dieser Begriff ist natürlich total aufgeladen. Revolutionäre werden oft als altruistisch handelnde Menschen dargestellt, die gegen das böse System kämpfen. Dabei sind die Motivationen auf die Straße zu gehen um einiges komplexer. Abdo zeigt sich zum Beispiel auch als den harten Kämpfer an der Front, um Mädchen und Freunde zu beeindrucken.

    War die Revolution für ihn also nur ein Mittel der Selbstinszenierung?
    Unter anderem. Es wäre aber falsch zu sagen, er wollte nur den Helden spielen. Abdo hat natürlich auch an die gesellschaftlichen Ziele geglaubt. Vor allem waren Revolution und die Ultras etwas, wo er dazugehören konnte. Er hat sich diesen Gruppen angeschlossen, weil sie ihm Sinn gegeben haben in seinem Leben – Sinn, den er vorher nicht so richtig hatte. Die Revolution brachte ihm neue Freunde, Renommee, Prestige, Mädchen. Es ging nicht nur um Politik. Rumhängen, kiffen, sich ein paar Heavy-Metal-Videos reinziehen, das gehörte genauso zu seinem revolutionären Alltag wie Flyer und Plakate zu basteln und abends noch auf den Tahrir-Platz zu gehen.

    Wie hast du Abdo als Protagonisten ausgewählt?
    Ich wollte eigentlich einen Film über die Ultras in Ägypten und ihre Rolle in der Revolution machen. Abdo war einer von ihnen. Irgendwann habe ich ihm eine Kamera gegeben. Er war davon sofort total fasziniert, hat sie auf eine fast schon kindliche Art für sich entdeckt und alles um sich herum gefilmt. Die Kamera gab ihm zudem eine besondere Rolle in der Revolution und in seiner Gruppe. Statt einfach nur vorne an der Front zu sein, hatte er plötzlich eine Funktion: Er war der Filmer. Der, der alles festhält und dokumentiert. Und da habe ich langsam verstanden: Eigentlich interessiert er mich viel mehr als die Ultras-Szene. Er und die Frage, was es für einen jungen Menschen bedeutet, in der Revolution erwachsen zu werden.

    Welche Rolle hatten die Ultras denn in der Revolution?
    Die Ultras waren schon vor der Revolution mit dem Staat verfeindet. Da ging es aber meist darum, ihre Rechte im Fußballstadion zu verteidigen. Als die Revolution losging, waren viele Ultras sehr schnell vorne mit dabei und wurden gewissermaßen zur Speerspitze der Revolution.

    >>> Warum es während der ägyptischen Revolution plötzlich eine Ultras-Hype gab und welche falschen Hoffnungen sich Jugendliche in dieser chaotischen Zeit machten.
    [seitenumbruch]


    Die Fußball-Ultras wurden Teil der revolutionären Popkultur.

    Wie ist Abdo zu den Ultras gestoßen?
    Abdo hat früher selbst in einer Jugendmannschaft Fußball gespielt. Ich glaube, er ist dann irgendwann reingerutscht und fand das toll. Die Ultras waren eben cool. Später gab es einen richtigen Ultras-Hype: Auf dem Tahrir-Platz boten Verkäufer revolutionäre Artikel wie Fahnen oder T-Shirts an. Am Anfang waren das vor allem Ägypten-Flaggen, aber irgendwann wurden plötzlich auch Fahnen mit Ultra-Motiven verkauft und jeder wollte eine haben – auch wenn er eigentlich gar kein Ultra war. Die Ultras wurden Teil der revolutionären Populärkultur.

    Heißt das auch, dass Fußball bei den Ultras gar keine so große Rolle mehr spielte?
    Fußball spielte natürlich eine wichtige Rolle. Aber es ging eben auch ums Ultrasein: Banner malen, damit rumposen, wer die größte Fahne hat und so weiter. Als ich mit denen im Stadion war, war es ihnen egal, dass ich keine Ahnung von Fußball habe. Ich als Münchner kannte weniger Spieler vom FC Bayern als sie. Das war aber auch nicht wichtig; wichtig war die Freude und das Gemeinschaftsgefühl, die man im Fußballstadion erlebt. Und damit sind wir wieder bei Abdo: Die Revolution und das Ultradasein im Stadion sind beides Massenphänomene. Beides erzeugt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und hilft, Aggressionen zu kanalisieren. Beides hat Abdo fasziniert und motiviert.

    Warum geht es in deinem Film eigentlich so selten um Politik? Es gibt kaum Szenen, wo Abdo und seine Freunde sich konkret darüber unterhalten.
    Das war, glaube ich, ein Grundproblem der ägyptischen Revolution: dass eben niemand wirklich wusste, wo es hingehen sollte. Und ich hatte oft das Gefühl, dass neben politischen Visionen auch andere Motivationen eine große Rolle gespielt haben. Und das war eben mein Ansatz: Nicht die politischen Ereignisse im Blick zu haben, sondern die Frage, was eine Revolution auf der individuellen Ebene bedeutet. Jeder nutzt die Revolution ja auch für sein Leben und versucht, etwas für sich herauszuholen. Das ist auch gar nicht schlimm, das ist zutiefst menschlich.



    Regisseur Jakob Gross

    Stellt man als junger Mensch in Zeiten einer Revolution noch viel mehr in Frage, was man aus seinem Leben macht?
    Klar, eine Revolution lässt die Frage, was man aus sich macht und wo man hin will, noch viel größer erscheinen. Es ist zum einen plötzlich vieles unsicher, was davor gesellschaftlich klar vorgegeben war. Es erscheint aber vor allem plötzlich alles möglich. Alle Wege scheinen offen zu stehen.

    Und war das wirklich so?
    Nicht so sehr, wie viele dachten oder hofften. Die Gesellschaft ändert sich nicht komplett, bloß weil ein Regime abgesetzt worden ist. Die gesellschaftlichen Strukturen bleiben erst mal dieselben. Das sieht man bei Abdo auch. Am Anfang denkt er, er kann jetzt werden, was er will. Dann merkt er: So simpel ist es nicht. Er hat aber die Utopie der vollkommenen Freiheit, die ihm die Revolution gegeben hat, eine Zeitlang gelebt. Und das macht es ihm schwierig, sich davon wieder zu verabschieden.

    Was macht Abdo heute?
    Er wollte kurzfristig selbst Filmemacher werden und hat auch ein paar Jobs als Kameramann bekommen. Das Problem ist: Abdo fängt viele Dinge an und hat sehr viele Ideen, aber kein gutes Durchhaltevermögen. Sein großer Traum ist es auf jeden Fall immer noch, aus Ägypten rauszukommen.


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    Das ist...
    Mhairi Black


    20 Jahre alt und seit gestern Nacht Trägerin des Titels "Jüngste Abgeordnete des britischen Unterhauses seit 1667". Stimmt zwar nicht ganz, denn 1768 saß noch ein gewisser Charles James Fox im Parlament und der war erst 19. Aber das schmälert Blacks Erfolg ja nicht wirklich.

    Eigentlich studiert Mhairi im letzten Jahr Politikwissenschaft an der Universität Glasgow, parallel hat sie sich allerdings noch als Kandidatin für die Schottische Nationalpartei (SNP) im Wahlkreis Paisley und Renfrewshire South aufstellen lassen. Ihr Lebenslauf liest sich wie der Traum eines jeden Personalers: Heimatverbunden (sie hat ihr Leben lang in Paisley, einem Vorort von Glasgow gelebt), politikinteressiert seit ihrem neunten Lebensjahr (damals bekam sie auf einer Anti-Irakkrieg-Demo einen Lolli), ehrenamtliches Engagement bei Oxfam und natürlich glühender Fan von Partick Thistle, einem Glasgower Fußballverein. Ach ja, ihre Dissertation muss sie übrigens auch noch Ende des Monats abgeben. Thema: Wie die SNP mit dem massiven Mitgliederzuwachs der vergangegen Jahre umgehen will.

    Die kann…

    alte Männer in den Senkel stellen. Ihr Gegenkandidat in Schottland war nämlich Douglas Alexander, 47, Wahlkampfmanager der Labourparty und sogenannter "Schattenaußenminister" - bedeutet, im Falle eines Wahlsieges wäre er Außenminister geworden. Vergangene Nacht hat Douglas allerdings nur 38 Prozent aller Wählerstimmen bekommen. Black bekam 51 Prozent. Bei Artikeln über dieses Duell wurde immer gerne süffisant geschrieben, als Douglas mit der Politik anfing, habe Black ja noch in den Windeln gelegen. Aber Alter allein scheint wohl doch nicht mehr das wichtigste Kompetenzmerkmal zu sein.
    http://www.youtube.com/watch?v=8aKbCuCIldQ Mhairi Black nach ihrem Wahlsieg. Sie wünscht ihrem Widersacher Douglas, dass er trotz dieser Niederlage weiterhin in der Politik bleibt. Das Publikum fängt an zu lachen.


    Die geht...


    direkt in Richtung schottische Unabhängigkeit. Das ist nämlich eines der Kernziele ihrer Partei, der SNP. Und Experten vermuten bereits jetzt, dass sie mit aktuell 56 Sitzen im britischen Parlament ziemlich viel Druck in diese Richtung auf die Regierung ausüben werden.

    Wir lernen daraus, dass…


    das Meme "You have the same amount of hours in a day as Beyoncé" auf Mhairi Black umgemünzt werden sollte.
    [plugin imagelink link="http://www.google.de/url?source=imgres&ct=tbn&q=http://cgrcreative.com/blog/wp-content/uploads/2014/08/24-hours-beyonce.jpg&sa=X&ei=94BMVZ2sJMqLsgHK0YCABA&ved=0CAUQ8wc&usg=AFQjCNHR4b4m9DSZpR95woO-u0XvGxmEIA" imagesrc="http://www.google.de/url?source=imgres&ct=tbn&q=http://cgrcreative.com/blog/wp-content/uploads/2014/08/24-hours-beyonce.jpg&sa=X&ei=94BMVZ2sJMqLsgHK0YCABA&ved=0CAUQ8wc&usg=AFQjCNHR4b4m9DSZpR95woO-u0XvGxmEIA"]


    Nur Google weiß über sie, dass...


    es manchmal auch blöd sein kann, sich früh Twitter angeschlossen zu haben. Black ist dort nämlich bereits seit ihrem 14. Lebensjahr und bezeichnete dort unter anderem den Rivalenfußballverein Celtic Glasgow als "Abschaum". Ihr allererster Tweet im März 2010 lautete übrigens:



    Dabei handelt es sich um eine Freundin, die in ihrer Twitter-Bio angibt, mal mit Katy Perry einen Pint geteilt zu haben. Irgendwie beruhigend, dass auch Mhairi Black nicht immer nur sinnvolles getan hat.

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    Keine Ahnung, warum der Typ von allen „Huck“ genannt wird. Verballhornung des echten Namens (den ich nicht kenne)? Englische Beschreibung eines Charakterzugs (engl. to huck: schmeißen)? Aber gerade hatte er die Hand am Arsch eines anderen Typen. Er hatte das angekündigt: „Wetten, der merkt nicht, wenn noch eine dritte Hand im Spiel ist?!“, hatte er gesagt. Der andere Typ – sehr breites Kreuz, sehr breiter Nacken mit Wulstbildung wegen Fett aber auch Muskeln, rasierte Glatze – knutschte da gerade sehr heftig mit einer Frau herum und bemerkte die zusätzliche Hand, da hatte der Huck schon recht, tatsächlich nicht.




    Huck und ich! Abbildung ähnlich.

    Und was macht der Huck jetzt nach diesem, nun ja, Erfolg oder wie man das nennen will? Aufhören und weiterfeiern, gell? Falsch! Der Huck sagt: „Ich glaub, ich geh noch mal hin!“ Und dann geht er natürlich wirklich noch mal hin und fasst dem Stiernacken noch mal an den Arsch und der merkt das diesmal freilich und man kann feststellen, dass er nicht nur einen sehr breiten Nacken auf seinem sehr breiten Kreuz hat, sondern darüber auch noch einen Blick wie fünf Jahre ohne Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung.

    Man musste den Huck also ziemlich schnell aus diesem Blick wegbringen. Das passiert manchmal und ist dann stressig. Aber man bekommt Routine. Und das wirklich bewundernswerte ist, dass Huck und Stiernacken sich am Ende des Abends noch einen Gin Tonic geteilt haben. Ungefähr an diesem Punkt habe ich mich auf eine sehr platonische Art verliebt.

    Huck ist nämlich der lustigste Mensch der Welt. In diesem sehr relativen Raum-Zeit-Wahrnehmungs-Kontinuum oberhalb der Vier-Longdrink-Marke. Da aber absolut. Ich sehe ihn nicht oft. Aber wenn, dann immer beim Weggehen. Und seltsamerweise auch nie unterhalb der genannten Schwelle. Und wenn er dann auftaucht, dann hat das jedes Mal den Effekt, den ein weiterer Drink hätte, wenn er einem gut täte: Ein Euphorie-Schub verbunden mit IQ-Einbußen im Bereich von mindestens 20 Prozent – und mit sehr, sehr viel Gelächter.

    Die Hucks dieser Welt sind kostbarste Eskapismus-Trutzburgen


    Und wenn dieser Text irgendeinen Wert für die echte Welt da draußen haben sollte, dann wohl diesen Appell: Jeder sollte einen Huck haben! Und die dringende Warnung: Hüte dich davor, ihn jemals in die Realität eindringen zu lassen.

    Die Hucks dieser Welt sind schließlich kostbarste Eskapismus-Trutzburgen. Bollwerke gegen das wahre Leben. Partner in Crime für Minimalfluchten in einen Kosmos voll von wunderbarer Blödheit und sorgenloser Unbekümmertheit. Die vielleicht letzten Feenstaub-Wesen, die man sich mit einsetzender Erwachsenenreife noch bewahren kann. Und damit für die psychische Hygiene ab und an vielleicht sogar wichtiger als der eigene Partner oder beste Freund. Aber auch zerbrechlich.

    Diese Wesen mit der echten Welt kollidieren zu lassen, hieße nämlich, ihnen ihre Magie zu nehmen. Zu sehen, dass auch sie abgepackte Leberwurst kaufen oder Mais in Dosen, dass sie dabei schreiende Kinder am Arm haben oder niemanden, dass dumme Aufkleber auf ihren Autos kleben oder dass sie auch an der Brottheke Leuten an den Arsch fassen, wäre fatal. Es ist wie bei einem Geruch, der einen sofort in die Kindheit oder einen fernen Urlaub katapultiert, weil es ihn nur dort gab. Holt man sich den einfach so nach Hause, wird er binnen kürzester Zeit schal und wertlos.

    Deshalb, lieber Huck: Es ist schön, dass es dich gibt! Und drum will ich dich nie bei Tageslicht sehen. Und wenn, dann wenigstens nicht nüchtern.

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  • 05/08/15--05:49: Sing mir ein Lied, Bild!
  • Neulich eine Bekannte so im Museum: „Dieses Gemälde ist richtig laut, wie so ein Orchester!“. Wusste ich natürlich gleich, was gemeint war. Neulich dann ich so zu einer Bekannten: „Das Lied ist so krass, ich weiß genau, wie es aussehen würde, wenn es ein Bild wäre!“ Wusste sie natürlich sofort was gemeint war. Einige Menschen nennen das ja ganz wichtigtuerisch Synästhesie. In Wahrheit ist das aber gar keine Hochbegabung und auch keine Krankheit, sondern etwas, das eigentlich jeder irgendwie kennt. Etwas berührt einen, und weil es einen eben so sehr berührt, spricht es gleich mehrere Sinne an. Logisch? Voll logisch!

    Aber wir wollen auf den Punkt kommen: Die Website musicinimages.com bildet diese Verknüpfung der Sinne sehr schön ab. Zumindest in eine Richtung. Allein weitergedacht dann auch in die andere. Man kann hier ein Bild hochladen und dieses Bild wird dann abgespielt. Musikalisch. Ein kleines Klavier unter dem Bild fängt an zu klimpern und es liest dabei keine Noten, sondern die Farben des Bildes, das es Quadratmilimeter für Quadratmilimeter abtastet wie Braillenschrift.

    Na gut, ganz so wundersam ist es um die Sache mit dem Abtasten natürlich auch wieder nicht bestellt, vermutlich liest ein kleiner Cursor irgendwelche mit den Farbcodes des Bildes verknüpften Algorhythmen-Noten ab und macht dann Töne draus. Aber wie sagt man so schön: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wir jedenfalls nicht. Wir laden lieber Bilder hoch. Stundenlang. Zum Beispiel das Albumcover von Nirvanas Nervermind Platte. Irgendwie ganz schön toll, was dabei rauskommt. Hört sich an wie der Sprung ins Freibadbecken an einem Spätsommertag und die in Zeitlupe erlebten Sekunden danach, unter Wasser. Kann jetzt aber auch was mit dem Bild zu tun haben. Hat es ja auch. Oder ist es in Wahrheit andersrum? Oder ganz anders? Existenzielle Verwirrung!

    mercedes-lauenstein

    [plugin imagelink link="http://covers.box.sk/newsimg/dvdmov/max1322179495-front-cover.jpg" imagesrc="http://covers.box.sk/newsimg/dvdmov/max1322179495-front-cover.jpg"]



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  • 05/08/15--08:29: Kriegslektionen
  • "Wir lernten vor allem etwas über heroische Aktionen 'unserer' Seite"





    Maria Woloszczuk, 24, Grafikerin aus Katowice, Polen


    "Ich habe vom Zweiten Weltkrieg erfahren, als ich ungefähr elf Jahre als war, in meinem fünften Grundschuljahr. Es war eine Geschichtsstunde mit meinem Lieblingslehrer. Er hat anders mit uns geredet, als die anderen Lehrer. Er hat uns eher Geschichten erzählt, anstatt und dazu zu zwingen, Daten auswendig zu lernen. Die Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die er erzählte, handelten von patriotischen polnischen Menschen. Wir lernten vor allem etwas über den Warschauer Aufstand und andere heroische Aktionen "unserer" Seite. Es gab auch viele nationale Feierlichkeiten, bei denen unserer Direktor dann feierliche Reden über Patriotismus und die Opfer des Krieges hielt. Wir haben aber auch viel über die Konzentrationslager gesprochen.

    Durch meinen Geschichtslehrer habe ich mich immer sehr für den Krieg interessiert. Er hat mir zum Beispiel Tagebücher von Menschen aus Konzentrationslagern gezeigt, die meisten waren Polen. Mein Wissen über die deutsche Seite war sehr bruchstückhaft. Ich habe damals nicht so richtig verstanden, warum das alles überhaupt angefangen hat. Ich habe Deutschland aber nicht als verantwortlich dafür empfunden, es gibt überall schlechte Menschen. Das kann man nicht auf ein ganzes Land übertragen.

    Die Geschichte meiner Familie ist mit dem Krieg verbunden und wurde davon stark beeinflusst. Mein Urgroßvater war im Konzentrationslager. Das Dorf, aus dem meine Großeltern kamen, hatte vor dem Krieg ca. 1000 jüdische Bewohner. Fast alle wurden getötet.

    Meine Großmutter hat mir mal erzählt, dass sie gesehen hat, wie zwei Soldaten eine junge Jüdin lebendig begraben haben. Und dass alle diese Leute nicht mal ein Grabmal bekamen. Ich wünschte, die Leute würden sich an all die Verstorbenen erinnern, anstatt irgendwem die Schuld zu geben. Zum Beispiel an dieses junge Mädchen."


    >>> Yvonne aus Brasilien


    [seitenumbruch]

    "Deutschland war ‒ und ist immer noch ‒ mit Hitler verbunden"





    Yvonne, 30, Psychologiestudentin aus São Paulo, Brasilien


    "Der Zweiten Weltkrieg war Teil des Geschichtsunterrichts, genauso wie der Erste Weltkrieg oder das antike Griechenland. Ich weiß noch, dass die Lehrerin das Thema sehr ernst genommen hat, aber es war nur ein Teil des Unterrichts, den ich für die Klausur lernen musste, und nicht wichtiger als andere Themen.

    Ich habe schon mitbekommen, wie schlimm es war, aber es wirkte so weit in der Vergangenheit und Spuren, die der Krieg hinterlassen hat, habe ich in meinem alltäglichen Leben gar nicht wahrgenommen. Ich glaube, dass ich auch zu jung war, um genau zu verstehen was der zweite Weltkrieg bedeutet hat. Interessiert hat es mich trotzdem.

    Über Brasilien wurde gesagt, dass es lange Zeit neutral war, aber aus ökonomischen und politischen Gründe mit den Aliierten verbunden war. Brasilien schickte Soldaten nach Europa, aber Verwandte von mir wurden nicht eingezogen. Die brasilianische Bevölkerung war auch nicht politisch aktiv.

    Über Deutschland habe ich damals nicht so viel nachgedacht, aber Deutschland war ‒ und ist immer noch ‒ mit Hitler verbunden. Ich erinnere mich, dass erklärt wurde, wie Deutschland wieder auf die Beine gekommen ist, aber über das Land wurde auf jeden Fall mehr im Bezug auf den Zweiten Weltkrieg gesprochen als über seine Entwicklung danach.

    Da meine Oma nach dem Krieg aus Holland nach Brasilien migriert ist, habe ich ein bisschen mit ihr darüber gesprochen. Sie hat ein paar Erfahrungen von damals geteilt. Mein Opa ist auch migriert, hat aber mit mir nie darüber gesprochen."

    >>> Eliran aus Israel
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    "Bei uns geht es nie zuerst um den Krieg, sondern immer um den Holocaust."





    Eliran, 31, Journalist und Fotograf aus Tel Aviv, Israel


    "In Israel wird nie zuerst über den Krieg gesprochen. Sondern immer über den Holocaust. Über die sechs Millionen ermordeten Juden und die Nazis. Mit dieser Geschichte wachsen wir auf, meistens geht das so im Alter von acht Jahren los – je nachdem, ob die eigene Familie vom Holocaust betroffen war, oder nicht. In der High School sind wir auch nach Polen geflogen, um die Geschichten aus den Konzentrationslagern zu hören. Das Thema ist einfach so sehr mit unserer Geschichte verwachsen, dass es einem manchmal fast ein bisschen zu viel wird.

    In der High School behandelt man dann zwar auch den Krieg an sich, allerdings eher als ein Thema unter vielen. Ich kann mich da auch nicht an große Diskussionen oder so erinnern. Wir haben eher Fakten gelernt – wie kamen die Nazis an die Macht, was gab es da für Propaganda, wie kann so etwas generell in einer Demokratie passieren?  Wenn ich jetzt also versuche, mir den Krieg abseits vom Holocaust vorzustellen, denke ich an große Truppen und Panzer, Leute, die auf zugefrorenen Feldern sterben. Vielleicht sind das aber auch Filmszenen, die ich da im Kopf habe.

    Erst nach der Schule habe ich angefangen, mich richtig für den Krieg und seine Hintergründe zu interessieren. Und auch für Deutschland. Als ich mich später für ein Stipendium nach Deutschland beworben habe, habe ich in die Bewerbung reingeschrieben, dass wir in Israel mit einem sehr schlechten Bild von Deutschland aufwachsen. Wir sehen beispielsweise Filme wie „Schindlers Liste“, „Der Pianist“ oder „Das Leben ist schön“, in denen ein sehr stereotypisches Bild der deutschen gezeigt wird. Auch die deutsche Sprache hatte immer einen sehr harten und schlechten Ruf.

    Heute, nachdem ich sechs Monate mit dem Stipendium in Deutschland war, denke ich ganz anders über das Land. Ich mag es richtig und habe auch viele deutsche Freunde. Ich schaue mir auch viel mehr Dokumentationen über das Land an, wie zum Beispiel „The flat“, den finde ich richtig toll."

    >>> Farzaneh aus Iran



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    "Um den Holocaust ging es nie"





    Farzaneh, 28, Biologie-Studentin aus Teheran, Iran


    "Ich habe zum ersten Mal vom Zweiten Weltkrieg gehört, als ich acht oder neun Jahre alt war. Ich habe im Fernsehen eine Serie angeschaut, "Die geheime Armee". Es ging um eine Gruppe von Menschen, die in einem Restaurant in Belgien arbeiten und heimlich englischen Piloten halfen, deren Flugzeuge in Belgien abgestürzt waren. Das war im Iran eine sehr beliebte Serie. Ich weiß nicht mehr, was ich für eine Vorstellung vom Krieg hatte, aber ich habe meinen Vater oft gefragt, ob so ein Krieg noch mal passieren könnte.

    In der Schule haben wir ehrlich gesagt nie viel über den Krieg gelesen oder erfahren. Es gab schon ein paar Geschichtsstunden darüber, aber es ging vor allem um Irans Geschichte und Diplomatie. Als wir über Reza Shah gesprochen haben, der bis 1941 Shah von Persien war, ging es auch um den Zweiten Weltkrieg, zum Beispiel darum, welche Länder wen unterstützt haben und was die iranische Reaktion war. Aber um den Holocaust ging es nie.

    Ich war an dem Thema interessiert und gleichzeitig nicht interessiert. Nachdem ich ein paar Filme über den Krieg gesehen hatte, war ich neugierig, etwas darüber zu erfahren, aber ich fand es auch sehr gruselig und beängstigend. Das gilt zumindest für die Zeit als ich jünger war. Später in der High School wollte ich mehr darüber lesen.

    Ich bin nicht ganz sicher über die Rolle, die mein Land gespielt hat. Ich glaube, wir haben gelernt, dass Reza Shah schnell klar gemacht hat, dass der Iran diesem Krieg neutral gegenüber steht und sich auf keine Seite geschlagen hat. Aber im Iran gab es einige Deutsche und England und Russland wollten, dass sie ausgewiesen werden. Reza Shah hat sich verweigert und wurde dafür angegriffen. England und Russland haben dann einige Teile des Irans okkupiert.

    Seit Kurzem interessiere ich mich sehr für die Rolle normaler Menschen in diesem Krieg. Ich habe Artikel und einige Bücher darüber gelesen. Einige davon diskutieren, ob Hitler das alles ohne die Unterstützung der Gesellschaft hätte machen können."


    >>> Ahmad aus Jordanien



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    "In meiner Klasse war ich derjenige, der am meisten vom deutschen Regime fasziniert war"






    Ahmad, 28,  Salesmanager aus Dubai (zur Schule gegangen in Zarqa, Jordanien)


    "Als ich etwa zwölf Jahre alt war, haben wir in der Schule europäische Geschichte durchgenommen und dabei auch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Am besten erinnere ich mich an Bilder vom zerstörten London nach dem Angriff der Deutschen und an die Rolle der USA, die Atombomben über Japan abgeworfen und Europa vor einer kompletten Einnahme durch die Nazis und Faschisten bewahrt haben. Wir haben uns meistens gefragt, warum Deutschland in alle anderen Länder eingefallen ist, weil uns die Ideologie hinter dem Nazi-Regime nie vollständig erklärt wurde. Wichtige Fakten über den Holocaust und die angebliche Vormachtsstellung der arischen Rasse wurden nie im Detail analysiert. Im Unterricht ging es oft um Demokratie und darum, nicht unter einem Regime zu leben, das sein Volk unterdrückt. Ironischerweise war das die wichtigste Lektion, die man uns in der Arabischen Welt vermittelt hat. Der Holocaust wurde in den Büchern zwar erwähnt, aber Mitleid mit Juden ist in der arabischen Welt nicht gerade üblich.

    Die Rolle meines Landes war die eines Zuschauers, wir waren ja damit beschäftigt unsere Freiheit vom zerbrechenden Britischen Kolonialreich zurück zu gewinnen. Der Krieg war weit weg, anders als der Erste Weltkrieg, in dem Jordanien geholfen hat, die Ottomanen zu unterlaufen.

    Mich persönlich hat europäische Geschichte und die Geschichte der Weltkriege immer besonders interessiert, weil sie zentral für die Menschheit ist und viele Ideologien dahinterstecken. In meiner Klasse war ich derjenige, der am meisten vom deutschen Regime fasziniert war – nicht wegen der Nazi-Ideologie, sondern wegen dieser wahnsinnigen Leistung, das Land nach dem Esten Weltkrieg innerhalb von zwanzig Jahren wieder aufzubauen und als Weltmacht aufzutreten.

    Es gibt bei uns viele Bücher über den Holocaust, aber nicht alle mit dem gleichen Standpunkt, weil der Holocaust wegen des Israelischen Krieges in der Arabischen Welt so ein sensibles Thema ist. Jordanien ist allerdings sehr abhängig von der amerikanischen Kultur und wir haben die amerikanischen Meinungen über Nazis, Faschisten und Kommunisten übernommen – was ein verzerrtes Bild der Realität ist.

    >>> Lukas aus den USA



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    "Die USA wurden in der Schule immer als Held dargestellt, der alles rettet"


    Lucas, 31, aus Milwaukee, USA

    "Das erste Mal habe ich in der siebten Klasse im Geschichtsunterricht bewusst etwas über den Zweiten Weltkrieg gelernt und darüber nachgedacht. Ich glaube, der Schwerpunkt lag hauptsächlich auf Pearl Harbor und der Atombombe. Wir haben das Buch "Hiroshima" von John Hersey gelesen, das sich eingehend mit den Auswirkungen und Folgen der Bombe beschäftigt, ich musste mich also nicht allzu sehr anstrengen, um mir das vorstellen zu können. Das war eine grauenvolle, entsetzliche Sache. Ich habe mich gefragt, wie man Menschen so etwas antun kann. Wir haben ein bisschen was über den Holocaust gelernt, aber viel weniger detailliert als später, als wir schon älter waren. Wir haben auch "Number the Stars" von Lois Lowry gelesen und die Verfilmung von "Das Tagebuch der Anne Frank" angeschaut. Allein der Gedanke, dass Menschen andere Menschen so behandeln, war furchtbar.

    In der High School hatten wir hauptsächlich Bücher mit Texten zum Thema, die wir durchgingen, und die Lehrer haben die Punkte näher ausgeführt, die ihnen wichtig erschienen. Die Texte haben vor allem Eckpunkte abgedeckt wie den Ausbruch des Krieges, der Eintritt der USA, die wichtigsten Schlachten, die Kristallnacht, die Konzentrationslager und so weiter. Es gab auch viele Bilder von der NS-Armee, einige Videos von Hitlerreden und schreckliches Filmmaterial aus den Konzentrationslagern.

    Die Aktionen meines Landes wurden als eine Art "notwendiges Übel" vermittelt. Die USA wurden in der Schule immer als der Held dargestellt, der alles rettet – was natürlich längst nicht immer der Fall ist. Den Vietnamkrieg haben wir auch nicht besonders eingehend durchgenommen.

    In den Medien gibt es sehr viel über den Zweiten Weltkrieg. Die berühmtesten Filme sind wahrscheinlich "Schindlers Liste" und "Das Tagebuch der Anne Frank". Bekannte Bücher zum Thema sind "Slaughter House Five" und "Catch-22". Und es gibt endlos viele Videospiele, in denen Nazis die Feinde sind, aber ich glaube, die sind nicht wirklich informativ.

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  • 05/08/15--08:52: Wir haben verstanden: KW 19



    • Das Internet ist auch nicht mehr das, was es mal war. Da sagt ein Verbandsgeschäftsführer in einem Interview über Flüchtlinge, die nicht mehr in Clubs dürfen: „Na ja, wenn ich eine ‚White-Night’ veranstalte, und jemand kommt in schwarz, wird’s schwierig für ihn“, und auf drei Seiten Kommentaren nimmt niemand diese Steilvorlage auf.

    • Im Iran gibt es nur alkoholfreies Bier. Das kommt dann aber – natürlich – größtenteils aus Deutschland.






    • Nach einem langen Flug auch noch mit dem Zug weiter zu müssen, ist die größte Folter, wenn man sich bereits sehr auf jemanden freut.

    • Das Buch "Fabian" von Erich Kästner ist über 80 Jahre alt - und immer noch modern.

    • Schuhe eintragen kann anstrengend sein. Jeans eintragen ist aber eigentlich noch viel anstrengender.

    • Erwachsenwerden, nächste Stufe: wenn man das uralte Konzertplakat, das einem der beste Freund vor vielen Jahren geklaut und geschenkt hat und das seitdem in jedem Zimmer hing, das man bewohnt hat, einrahmt.

    • Man sollte öfter an die Ränder der eigenen Stadt fahren.

    • Der erste Sommerabend draußen und das erste Sommergewitter sind jedes Jahr wieder toll (im Gegensatz übrigens zum ersten Schnee, der nervt bloß).

    • Ein Emotionen-Kater ist noch viel schlimmer als ein Alkohol-Kater.

    • Eben wiederentdeckte, schwer unterschätzte Knuspersüßspeise: Nippon.

    • Es wirft einen ja schon ein bisschen um, wie's gerade überall so viel riecht!


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    Die Jungsfrage:





    Liebe Mädchen,
     
    ziemlicher Schockmoment für uns. Noch gar nicht lange her. Redaktionskonferenz. Und wie das da eben so geht. Ein Wort gab das andere, bisschen dies und bisschen das, ein paar geistige Pirouetten und zack: Thema Oralverkehr. Genauer die – offenbar schwer naive – Frage: „Aber für euch ist es doch auch irgendwie geil, uns einen zu blasen, oder?“ Und dann: Schweigen. Und dann: Noch einen Moment länger Schweigen. Schon auch betreten. Und dann sinngemäß etwas wie: „Na ja, also ... eigentlich ...“ und noch mal eine Pause mit hilfesuchenden Blickkontakten. Die Worte „Pflichtgefühl“ und „Erwartungen“ fielen in meiner Erinnerung. Und irgendeine Formulierung im Sinne von „Wie du mir, so ich dir“. In Summe jedenfalls eine Serie von Aussagen, durch die bei uns ein verwirrendes Bild zurückblieb. Ein Mosaik eigentlich eher, aus Einzelteilen, die nicht recht zusammenpassen wollen. In diesem Mosaik ist ein Blowjob für euch mal etwas, das wir einfordern, weil es für uns zur Choreographie von anständigem Gepimper dazugehört. Und ich fürchte ja, ihr denkt sogar, dass wir das aus Pornos gelernt haben. Mal ist es etwas, das ihr uns gönnt. Wie beim Hund, der zusätzlich zum Trockenfutter einmal die Woche noch was mit echten Fleischbrocken in den Napf gekippt bekommt. Und mal ist es eine Art »Quid pro quo«-Deal: Kratzt du mir den Buckel, kratz ich deinen. Oder vice versa. Oder so.

    Was es dabei aber offenbar eher nicht ist: Etwas, das euch aus sich heraus Spaß, Lust, Freude oder vielleicht sogar ein bisschen geil macht.

    Frage 1 also: Ist das echt so?! Und falls ja, Frage 2: What the fuck?! Denn dann ist das etwas, bei dem wir euch, mit Verlaub, tatsächlich mal nicht einen Fingerbreit checken. Weil: Auch wenn Cunnilingus für uns jetzt sicher nicht die absolute Erfüllung ist. Spaß macht es uns schon. Zu sehen, wie ihr da abgehen könnt, ist toll. Und spannend. Und erregend. Und überhaupt.

    Wir hätten jetzt also angenommen, dass euch das ähnlich geht. Und in meiner privaten Vorstellung war Dominanz dazu auch immer noch eine Komponente eurer Motivation zu Oralverkehr, und zwar weil eine entferntere Bekannte immer mit einem Buch kokettierte, das sie noch schreiben will. Titel: „Why I blow: Macht statt Befriedigung“.

    Jetzt zu hören, dass das offenbar/vielleicht/wahrscheinlich überhaupt nicht so ist, macht mich etwas bockig. Ziemlich bockig. So bockig, dass ich keine Lust habe, hier lange herumzuspekulieren. Sagt also einfach: Was stimmt denn bei euch bitte nicht?!

    >> Auf der nächsten Seite liest du die Mädchenantwort von martina-holzapfl
    [seitenumbruch]

    Die Mädchenantwort: "Meistens ist es eben doch nur so 20 Prozent hot, und eher so 80 Prozent anstrengend."






    So, Boys!

    Zuerst würde ich ja mal stark relativieren wollen, dass wir in oben genannter Redaktionskonferenz-Szene auf euer superüberzeugtes „Aber ihr wollt es doch auch!“ so hilfesuchend und betreten reagiert haben. Ich persönlich erinnere mich eher daran, dass eine unserer lässigsten Kolleginnen dir innerhalb von Sekunden diesen trockenen Spruch serviert hat, du weißt schon: „Eine Hand wäscht die andere“, nur mit einem anderen Verb eben. Jedenfalls, auf den Spruch hin du so: Schock! Schwere Not! Wie unromantisch! Soviel Irrtum in unserer Welt, oder was?

    So, jetzt sind wir wieder gleichauf. Deshalb, Ärmel hochgekrempelt, und zur Antwort angesetzt: Ja, wir haben schon sehr früh mitbekommen, dass zu einem modernen, leidenschaftlichen Sexleben der Oralverkehr dazugehört. Also: Dass er es angeblich tut. Oralverkehr, speicherten wir damals ab, gehört zum guten Sex wie die Orangenlimo ins Spezi – ohne wär’s halt eintöniger. Also haben wir uns die Skills draufgeschafft und versucht, es zu mögen. Was das Mögen angeht, waren wir damit bis heute eher mäßig erfolgreich.

    Ich will hier natürlich keiner Frau ihre Vorliebe für die orale Befriedigung des männliches Geschlechts absprechen. Aber für die meisten von uns ist es eben doch eher, wie du sagst, so halbaufregendes Beiwerk. Meinetwegen auch ein Hundegutti, nenn’ es, wie du willst. Wir machen es schon gern, aber eben nur im Sinne von: Gern geschehen. Wir wissen, ihr steht drauf. Und wir stehen auf euch. Deshalb mögen wir es, wenn ihr glücklich seid. Und wenn ihr glücklich seid, seid ihr sexy. Außerdem tut ihr es ja auch für uns, wenn wir es brauchen. Wir sind da ziemlich pragmatisch: Eine Hand wäscht die andere. Und das gilt ja nicht einmal nur für Oralsex, das gilt ja immer dann, wenn es um die bloße Befriedigung des anderen geht, ohne dass man selbst etwas davon hat, weil man eben gerade der ist, der sich sehr, sehr anstrengt, die andere Person auf ihre Kosten zu bringen. Natürlich kann das auch ziemlich scharf sein. Dieses Dabei-Zusehen, wie der andere ausrastet vor Erregung. Aber meistens ist es eben doch nur so 20 Prozent hot, und eher so 80 Prozent anstrengend. Der Mund spannt, die Zunge wird taub, der Arm tut weh. Tut bitte nicht so, als würdet ihr das gar nicht kennen, bitte tut uns das nicht an! Sex ist anstrengend. Schön, aber anstrengend. Mal mehr, mal weniger.

    Hinzu kommt, dass man gerade beim Sex sehr schnell in die Position des „Hidden Observers“ gerät, meist dann, wenn man nicht gerade selbst im ultimativen Trancemodus unterwegs ist. Und als „Hidden Observer“ schaut man nüchtern von außen drauf und denkt sich: Was zur Hölle machen wir hier denn eigentlich? Wie sieht das denn aus? Was soll das? Was sind wir Menschen für komische Wesen, dass wir so aufeinander rumkrabbeln und dabei Geräusche machen und einander gewisse Körperextremitäten in den Mund schieben?

    Und dann wird das Ganze eben schnell etwas merkwürdig, beziehungsweise: unromantisch. Und wir werden pragmatisch. Sagen uns: Hey, halt durch, mach noch kurz weiter, gönn es ihm, das nächste Mal bist du wieder auf der anderen Seite.

    So, und jetzt noch schnell zum Thema „Macht“ beziehungsweise Buchtitel „Why I blow: Macht statt Befriedigung.“ Klar, wenn wir euch oral befriedigen, dann seid ihr uns, wenn man so will, untergeben. Je nach Ausprägung und Gewichtung der eigenen Sadomaso-Veranlagung fahren wir auf dieses Gefühl der Macht ab, oder auch nicht. Deine Blowjob-Autorin-in-spe-Freundin scheint sehr darauf abzufahren. Sogar noch mehr, als darauf, ihrem Gegenüber einen Gefallen zu tun. Gut für sie! „Eine Hand wäscht die andere“ scheint für sie nicht so zu gelten, für sie ist der Blowjob eher Ego-Fetischbefriedigung. Voll okay ist das, sogar wünschenswert, denn da haben ja am Ende auch beide was davon. Bleibt aber eine Nischenvorliebe, glaube ich.

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    Wichtigster Tag der Woche
    Sonntag – das beste zum Schluss! Weil Sonntagsgefühl in der Gaszählerwerkstadt ist. Das ist für mich die optimale Art, die voraussichtlich fantastische Woche Revue passieren zu lassen – und die perfekte Mischung aus Party und Harmonie. Es gibt nämlich eine Area zum Tanzen und eine, in der man einfach mit Freunden entspannen kann.

    http://youtu.be/SluYcBymTXE

    Kulturelles Highlight ...
    ... oder besser, kulturelle Highlights: 
Am Donnerstag kann man ausschlafen, deshalb am Mittwoch dringend mal wieder zur Panda Party in die Muffathalle gehen. DJ Freez, der die Reihe seit vielen Jahren mitveranstaltet, dürfte die größte Mash-Up-Sammlung wenigstens Münchens haben. Und weil sie ständig größer wird, lohnt es sich, immer mal wieder reinzuhören.

    Und am Samstag geht es dann aufs Streetlife-Festival in der Ludwig- und Leopoldstraße. Weil: Gute Musik, gutes Essen und als Ruheoase eine grüne Insel am Siegestor.





    Politisch interessieren mich ...
    ... die vielen Arbeitskämpfe. Was beim großen Thema GDL ja etwas untergeht: Nicht nur die Lokführer streiken, auch Erzieher und Hebammen fordern mehr Gehalt beziehungsweise bessere Arbeitsbedingungen. Ich finde das sehr wichtig. Vor allem im sozialen Bereich ist da schließlich definitiv Luft nach oben.

    Soundtrack
    Immer wichtig: Schon mit guter Musik aufwachen. Im Moment Platz 1 der Gute-Laune-Songs ist „New Orleans“ von Naxxox – das Saxophon ist einfach unbeschreiblich schön!

    http://www.youtube.com/watch?v=2daor2cv264

    Wochenlektüre
    Man muss ja nicht immer in Büchern schmökern, deswegen schau ich mir zur Zeit am liebsten Foodblogs an. Besonders gefallen mir die Torten von Cake Couture– eine wirkliche Inspiration!

    Kinogang
    Weil es für Open Air noch ein bisschen zu kalt ist, weiche ich noch mal aufs Autokino aus. „Hot Tub Time Machine 2“ läuft in Aschheim, der stört nicht bei selbstgebackenen Muffins essen und in den Sternenhimmel schauen! Letzteren sieht man ja leider in der Stadt meistens nicht so gut, also rentiert sich der Ausflug gleich doppelt.


    http://www.youtube.com/watch?v=uTpVHX9iT1M

    Geht gut diese Woche
    Backen! Als leidenschaftliche Köchin und Bäckerin habe ich für meine Mama einen Macadamia-Granatapfel-Kuchen gemacht.


    Geht gar nicht
    Nach dem Muttertag den Vatertag vergessen. Deshalb bekommt der Papa am Donnerstag natürlich auch noch was …



    Und sonst so
    Außerdem steht diese Woche mein lang erwarteter Fotokurs an. Volkshochschule. Sehr viel besser als ihr Ruf! Für alle die sich gerne weiterbilden, kann ich die Kurse da sehr empfehlen.

    Eine wundervolle Woche wünsche ich euch!

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    Nach einer guten Stunde ist die Aufmerksamkeit weg. Weggespült von dieser Flut an Bildern, Schnitten, Sounds. Katzen und Blitze und Skater und Killer aus Lego. Zu viele Ideen, zu viele Geschichten. Einerseits ist es gut, dass einen das so sehr überwältigt. Andererseits ist es schade, dass man deswegen irgendwann abschaltet.  

    Denn die Webvideos, die hier „in Full HD und Dolby“ vor der Bühne 6 der Berliner Netzkonferenz re-publica gezeigt werden, sind die besten ihrer Art. „Es soll wie ein kleines Filmfestival sein“, sagt Markus Hündgen, Geschäftsführer des Webvideo-Preises. Also schaut man hier alle in diesem Jahr nominierten Clips hintereinander. Banal ausgedrückt bedeutet das: zwei Stunden Youtube-Binge-Watching. Nach diesem Abend gehen die Filme auf Kinotour nach Köln, Hamburg und München. 

    Gesponsert wird die Tour von MLP, dem Finanzdienstleister. Dessen Vertreter erklärt: „Wir haben viel mit jungen Menschen zu tun. Deswegen sind wir hier.“ Auch der schwächelnde Internet-Pionier Yahoo schickt jemanden im Kapuzenpulli. Yahoo ist nämlich seit Kurzem ebenfalls mit selbst produzierten Videos präsent, pardon, „mit einer großen Video-Strategie am Start“. Die Film- und Medienstiftung NRW ist Schirmherr. Youtube, das bedeutet inzwischen auch Geld und Prestige. Aber jetzt los, keine Zeit mehr verlieren. Immerhin werden jeweils drei Nominierte in 19 Kategorien gezeigt. 



    Der rote Faden: unernste Zitate und hintergründige Witze.


    Den Anfang macht die Kategorie „Arthouse“ mit einem leicht sinnlosen, aber irgendwie auch schönen Film: Ein Techniker versucht sein Glück an zwei Türen, gerät in eine Schleife, rennt rein und raus, es wird dadaistisch. Dann eine Lego-Stop-Motion-Animation, die zum Splatter-Film mutiert. Es folgt eine Satire über Prokrastination, den Luxus-Lapsus der Generation Internet, die alles immer vor sich herschiebt. Dann: eine kurze Tour durch die Menschheitsgeschichte als Infografik. Dann: ein leicht hyperaktiv moderierter, aber stilsicherer Exkurs durch die musikalische Genetik des Hiphop, der in ein Musikvideo mündet. Dann: die gezeichnete Nacherzählung des Mauerfalls (Grenzsoldaten sagen: „Ist die Grenze jetzt offen? Whatthefuck!?"). 

    Es ist nur wenig Publikum da, weil die Abendsonne scheint und die meisten beim Bier im Innenhof sitzen. Drei Studentinnen (Medien) sind zufällig vorbeigekommen. Sie diskutieren, welcher Youtube-Star eine gute Figur macht, und kichern über gelungene Gags. Sie sehen liebevoll produzierte, superschnell geschnittene Clips von nie mehr als ein paar Minuten Länge. Und Terrabyte voll Ironie. Wie ein geheimer Code durchziehen das nie ernst gemeinte Zitieren und Referieren und der hintergründige Witz alle Videos. Es ist dieser schnelle, intelligente Humor, für den man Kontextwissen und Denkbereitschaft braucht, der im Fernsehen fast keinen Platz hat. Ob im Publikum auch Fernsehschaffende sitzen? Und wenn ja, ob sie sich so alt, langweilig und trocken fühlen, wie das Fernsehprogramm gegen diesen Kreativitätstsunami aussieht? Was haben früher eigentlich „junge Leute“ gemacht, die Lust hatten, Bilder in die Welt zu schicken?  

    Die Frage ist: Wer braucht alle drei Sekunden eine Pointe? Und gleich noch eine?



    Nicht alle Clips sind gelungen. Manche verlieren sich in Nerdtum oder technischen Spielereien. Die Kategorie „Gaming“ zum Beispiel gerät arg selbstreferenziell, wenn persifliert wird, was die Mutter vom Daddeln hält (nichts). In der Kategorie „Comedy“ regiert der Flachwitz, wenn ausgerechnet Friedrich Lichtensteins „Supergeil“ und andere Werbespots parodiert werden: „Parshit – denn Singles haben viel Geld“. Und wer braucht alle drei Sekunden eine Pointe? Noch eine? Und noch eine? 

    Aber: In ein paar Dutzend Sekunden Do-it-yourself-Erklärung des Dubsteps von „theclavinova“ steckt mehr Musik und Gefühl für Musik als in zwanzig Stunden Arte-Doku. Sehr spezielles Thema, klar, aber in dieser Form packt es einen. In der Kategorie „Special Effects“ leuchten liebevolle visuelle Spielereien heller als jeder Hollywood-Zauber. Und die Musikvideos sind spannender als alles, was noch läuft auf den siechenden Musiksendern. Zum Song „Barfuß am Klavier“ (Video: Martin Lamberty) sitzt Henning May von der Kölner Band AnnenMayKantereit im Abendlicht am Klavier auf der Straße. In einem Take aufgenommen singt er sein Lied. Mehr nicht. Das ist einfach, mutig, echt. Worte, die das Fernsehen gerne verwendet, um die Hüllen, die es als Inhalt verkauft, aufzuwerten. Und die man deswegen schon gar nicht mehr verwenden will. Aber sogar „authentisch“, die leerste Phrase der Medienwelt, wird von den Webvideos wieder brauchbar gemacht. Allein dafür muss man ihnen dankbar sein.  

    Sie sind zu viel, diese zwei Stunden. Aber wie gut tut dieser Überfluss an eigenwilligen Bildern und Geschichten auch! Eine kreative Stoßlüftung für das Hirn. Und zum Glück kann man sich ja alles noch mal in Ruhe auf Youtube anschauen. 

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  • 05/11/15--00:54: Miss Deutschland
  • Lena sitzt auf dem Sofa und erzählt von einer Frau im Bunker. Das Sofa steht im Warteraum eines Radiosenders in Köln, Lena ist in zehn Minuten auf Sendung und quatscht mit ihrem Team, der Managerin, der Maskenbildnerin und dem Mann vom Label.  

    Die Frau im Bunker also. Die Hauptfigur von "Unbreakable Kimmy Schmidt", das ist ihre neue Lieblingsserie. Hat sie gestern Abend auf Netflix angefangen. Lena erzählt: Diese Kimmy Schmidt sitzt 15 Jahre lang in einem Bunker irgendwo in Indiana. Sie ist Teil einer Sekte, die glaubt, draußen sei die Welt untergegangen. Dann wird sie befreit, erzählt Lena, und muss irgendwie klarkommen in der normalen Welt. Lena klatscht sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel. "So super!" 

    Lena hat ein neues Album. Sie hatte dabei komplett freie Hand. Deshalb verbringt sie in diesen Tagen viel Zeit in Warteräumen von Radiosendern. Lena war selbst noch nie in einem Bunker und noch nie in Indiana. Aber die Sache mit dem Mädchen, das plötzlich in der normalen Welt klarkommen muss, die passt schon auch zu ihr. 



    Seit Lena auf sich allein gestellt ist, ist sie selbstkritisch geworden - sehr sogar. 
    Diese Woche erscheint ihr neues Album "Crystal Sky", das zweite ohne Hilfe von Stefan Raab.


    Wie übrigens auch die Sofas. Typische Lena-Momente passieren oft auf Sofas. Ein paar Wochen vorher sitzt sie zum Beispiel auf dem Sofa eines Münchner Hotelzimmers, beide Beine hochgezogen. Pressetermin, alle 20 Minuten kommt ein neuer Journalist ins Zimmer. Sie ist perfekt gekleidet, professionell geschminkt, sie macht seit kurzem Werbung für L’Oreal. Sie antwortet brav und fummelt sich dabei abwesend an der dunklen Strumpfhose rum. Und – Ratsch! – ist da ein Riesenloch.  

    Typischer Lena-Moment auch: Am vergangenen Montag, sie sitzt beim ARD-Morgenmagazin in Köln auf der aggressiv ausgeleuchteten Studio-Couch. Es ist kurz vor sieben, die Moderatoren scherzen, ob sie sehr müde sei? Und Lena: zieht live im Fernsehen die Beine hoch und rollt sich zum Embryo, als würde sie schlafen.  

    Lena und die Sofas. Schon vor fünf Jahren, als alles losging, schrieben ja alle darüber. Das Zeitungsarchiv ist voll von Reportagen, die beschreiben, wie sich die 18-jährige Lena beim Interview auf Sofas wälzt, rollt, herumhüpft oder Saft darauf verpritschelt. Wenn man Lena Meyer-Landrut ein bisschen begleitet, erkennt man: Sie macht das, wenn sie unsicher ist. Der Lena-Reflex ist nämlich: Bei Nervosität Beine anziehen und irgendwie rumhibbeln. Oder, wenn gerade kein Sofa zur Hand ist, die Stimme zur Kindchenstimme machen, und zum Beispiel was über "Robbenbeeeebis" erzählen. Das macht sie am selben Tag, an dem sie von der Frau im Bunker erzählt, noch bei einem Video-Interview. 

    Sie meldete sich bei dieser Castingshow an. Vier Monate später stand sie mit drei Songs gleichzeitig in den Top Five - Rekord.



    Fünf Jahre ist es jetzt her, dass sie sich bei Stefan Raabs Castingshow angemeldet hat. Vier Monate später waren drei ihrer Songs gleichzeitig in den Top Five der deutschen Charts. Das hat niemand vor ihr geschafft, weder die Beatles noch Michael Jackson. In den vier Monaten hatte sich Deutschland in eine 18-jährige Abiturientin aus Hannover verliebt. Lena Meyer-Landrut hatte zuvor noch nie auf einer Bühne gesungen, es war absurd und ein bisschen gespenstisch, der Spiegel erfand das Wort "Lenaismus". Kurz darauf gewann sie den Eurovision Song Contest in Oslo und schrieb den Satz "Verdammte Axt, ist das geil!" ins Goldene Buch der Stadt Hannover, während der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff grinsend hinter ihr stand.  

    Fünf Jahre ist das her, das heißt auch: Lena ist heute immer noch erst 23. Sie macht jetzt alleine weiter. Ohne Stefan Raab, der die ersten beiden Alben schrieb. Ohne Eurovision Song Contest im Rücken und ohne grinsende Ministerpräsidenten im Schlepptau. Wenn man dieses etwas gespreizte Bild mal weiterdenken will, ist Lena jetzt sozusagen aus dem Bunker raus.  

    Das neue Album ist ihr viertes. "Aber es fühlt sich eigentlich an wie mein zweites", sagt Lena im ARD-Morgenmagazin. Es ist das zweite, bei dem sie bestimmte. In den letzten Jahren hat sie sich mit mehr als 30 Songwritern getroffen, erzählt sie, ein paar in L.A., ein paar in London. Einer hat mal was mit Kylie Minogue gemacht, das wollen die Radiomoderatoren jetzt immer ganz genau wissen. Dabei lief es immer so ab: Die Songwriter setzten sich ans Klavier und hörten sich an, was diese Lena aus Germany so mitgebracht hatte. Und Lena summte oder sang ihre Ideen vor. Ein Instrument spielt sie ja immer noch nicht.  

    Das zweite Album verkauft sich nur halb so gut, beim ESC landet sie hinter Georgien: Die Liebe der Deutschen ist nicht mehr bedingungslos. 



    Das ist so ein Punkt, mit dem sie gehadert hat. Ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten Auftritt fing das an. Da änderte sich etwas: Die Liebe der Deutschen war nicht mehr bedingungslos. Das zweite Album verkaufte sich nur halb so gut wie das erste. Lena musste beim ESC in Düsseldorf ihren Titel verteidigen – eine Raab-Idee, die sie schon damals nicht so gut fand – und landete auf Platz zehn, hinter Georgien. Die Zeitungen schrieben von halbleeren Hallen. "Ein Jahr lang lief alles perfekt", erinnerte sich Lena kürzlich in einem Interview, "dann war alles schlecht, was ich gemacht habe."  

    >>> Für die Deutschen wird Lena zur Zicke. Und sie fängt an zu zweifeln. >>>  

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    In dieser Zeit ändert sich ihr Image. Lena ist nicht mehr die unbekümmerte Selfmade-Sängerin mit den Pausbäckchen und dem Joe-Cocker-Tanzstil. Sie ist plötzlich die Zicke. Für Arte fährt sie mal eine Nacht lang mit Casper durch Berlin und mosert ziemlich viel vor der Kamera herum. "Ich hatte da einfach einen schlechten Tag", sagt sie. Aber der Auftritt zementiert ihr Zicken-Image. Vorherrschende Meinung in den Kommentarspalten des Internets: Lena, die undankbare Kuh. Drei Jahre danach fragen sie Leute noch immer nach diesem Arte-Auftritt, sagt sie. "So ist das Geschäft: Du machst eine oder zwei dumme Sachen und wirst jahrelang darauf angesprochen. Ich fucke mich da nicht mega drüber ab. Aber seither weiß ich, was das für Auswirkungen hat. Auf der Ebene bin ich nicht mehr so unbeschwert." 

    Damals ist Lena mitten in ihrer Zweifel-Phase. Von der Abiturientin mit den Prüfungsfächern Biologie, Geschichte, Sport, ist sie zur öffentlichen Person geworden. Zu einem Popstar mit national beladener Bedeutung. Andere arbeiten an so was Jahrzehnte – sie bekommt es praktisch über Nacht.  

    "Es hat gedauert, bis ich mir das eingestanden hab: Du hattest irre viel Glück - aber schon auch sowas wie Talent."



    "Ich wollte immer nur Sachen ausprobieren", sagt sie damals. Singen, Schauspielen, Reisen, Kellnern. "Nur hat das Erste sofort geklappt." Wie stolz kann man auf etwas sein, das man so läppisch-nebenbei erreicht hat, quasi leistungsfrei? Und wie viel Gegenwind hält man dann aus? Das sind so Fragen, die damals in Lena arbeiten. 

    Heute, noch mal vier Jahre später, sitzt sie im Warteraum des Radiosenders und sagt: "Es hat eine Zeit gebraucht, bis ich mir das eingestanden hab: Du hattest irre viel Glück, aber auch nicht nur Glück. Vielleicht hast du schon auch sowas wie", sie zögert – "Talent." 

    Das ist eine Seite der Lena Meyer-Landrut, die man damals eher nicht mitbekommt. Vielleicht ist es überhaupt der entscheidende Unterschied zwischen der Bunker-Lena 2010 und der freien Lena 2015: Seit sie auf sich allein gestellt ist, ist sie kritisch mit sich. Extrem kritisch. 

    http://www.youtube.com/watch?v=a4IZxku8N7w Die neue Single von Lena, "Traffic Lights".

    Kurz nach acht, beim Morgenmagazin hat Lena ihre neue Single gesungen, aber sie ist unzufrieden. Sie steigt von der Bühne, packt ihre Sachen in den Louis-Vuitton-Rucksack. Am Hinterausgang wartet ein Junge mit Stift und Autogrammzetteln, sie unterschreibt, steigt in den Van und fährt zum nächsten Interviewtermin. Der übliche Ablauf: Händeschütteln, Warteraum, was ist hier das W-Lan-Passwort? Sie öffnet auf dem Smartphone die ARD-Mediathek und sucht den Auftritt von gerade eben. Sie fummelt sich einen Stecker ins Ohr und hält den anderen der Managerin hin: "Willst du mithören?" Dann drückt sie auf Play und legt das Handy neben sich. Mit dem Display nach unten. 

    "Wie ich aussehe, weiß ich ja", sagt sie später. "Aber wenn ein Auftritt nicht gut läuft, muss ich meinen Gesang das nächste Mal besser machen."  

    In der Krise sehnt sie sich nach Struktur, Terminen. Sie schreibt sich an der Uni ein - und geht kein einziges Mal hin.



    Als sie damals, nach dem zweiten Album, ihr Tief hat, sucht sie nach einem Ausweg. Sie ist von daheim ausgezogen, wohnt jetzt in Köln. Aber sie will Struktur, Termine. Sie schreibt sich an der Uni ein, Afrikanistik und Philosophie, wie die Bild-Zeitung sofort vermeldet. Und Lena geht kein einziges Mal hin. Stattdessen beginnt sie die Arbeit am nächsten Album. Und schafft sich einen Hund an. 

    In Köln-Mülheim sitzen zwei Männer unter einem Sonnenschirm und reden über den Beginn ihrer Leidenschaft. Sie wissen genau, wann das war: 2. Februar 2010. Lenas erster Auftritt bei "Unser Star für Oslo". "Das war plötzlich wie eine Sucht", sagt der eine, er heißt Berthold Kunz. "Man hat die ganze Zeit im Internet geguckt: Was macht die Kleine jetzt?"  

    Aus der Leidenschaft wurde der Fanclub von Lena Meyer-Landrut. Kunz, 42, ist Schatzmeister, der andere Mann, er heißt Peter Hartmann und ist 56, ist der erste Vorsitzende. Die Vereinsmitglieder nennen sich "Lenaisten", ihre Mails enden "mit lenaistischen Grüßen". Zur letzten Tour haben sie unter anderem 15 000 Knicklichter besorgt und vom Bühnengraben aus an die Fans verteilt, gerade planen sie das nächste Sommerfest. Dort soll ein Schützling von Lena aus "The Voice Kids" auftreten, wo sie in der Jury sitzt. Lena selbst hatte keine Zeit. 

    Wenn man den Chefs ihres Fanclubs zuhört, versteht man, warum Deutschland sich 2010 so hemmungslos in Lena verliebt hat. Und warum es in Teilen bis heute noch verliebt ist.

    "Deutschland beim ESC, das war ja nur noch peinlich", sagt Peter Hartmann. Dann nahm Raab das in die Hand, schon mal ein gutes Zeichen, sagt Hartmann, und dann trat da plötzlich dieses Mädchen auf. Und was für eins! "Die haben ihr geraten: Sing was, das die Leute kennen!", sagt Hartmann. "Und was singt sie? Einen unbekannten Song von Adele. Ein paar Runden später sagten die ihr: Sing bloß keine Ballade, funktioniert im Fernsehen nicht! Und was singt sie? Eine Ballade!" Er lacht und schüttelt den Kopf. "Die macht Fehler, die haut daneben", sagt Kunz, "aber sie überspielt es genial!" Lena berührt die Deutschen damals an einem Punkt, den sonst kaum jemand im Showgeschäft berührt. Endlich eine Deutsche, die im Rampenlicht einer Castingshow nicht zur Biedersäule erstarrt oder strategische Heulattacken einlegt. Eine mit normalem Tanztalent, normalem Tattoo am Oberarm und normalem Doppelnamen.

    Der Fanclub liebt Lena seither ungebrochen. Obwohl sie sich musikalisch weiterentwickelt hat und längst nicht mehr wie Joe Cocker tanzt. Die Lenaisten haben 250 zahlende Mitglieder, ein paar sogar in Russland, sagt Kunz. Die meisten Deutschen aber wollten weiterhin genau die Lena von 2010. "Typisch Lena" war ja schon vor Oslo ein geflügeltes Wort. Wenn sie mal wieder in einer Pressekonferenz das Wort "geil" verwendete – typisch Lena! Wenn sie "Castingscheiße" sagte, obwohl sie ja selbst einem Casting entsprungen war – typisch Lena! Problematisch war das nur für Lena. Weil Veränderung schwieriger wird, je stärker man für eine Sache geliebt wird.

    Lena, die öffentliche Marke, nervt sie irgendwann. "Den Satz mit der verdammten Axt hab ich nie wieder verwendet."



    "Den Satz mit der verdammten Axt hab ich zum Beispiel nie wieder verwendet", sagt sie. Die Festlegung hat sie genervt. Neulich gab es im Zeit-Magazin wieder ein großes Porträt über sie. Alles super, nur stand wieder was von ihrem Freund drin, angeblich ist sie mit einem Basketballprofi zusammen, dabei habe sie das nie gesagt. "Eine Scheißsache in einem Text, zehn gute – damit muss man wahrscheinlich rechnen." 

    Man merkt es nicht sofort, aber das Hoch und Runter, das fünfjährige Stahlbad der Öffentlichkeit, hat Lena abgeklärt. Sie ist aufgekratzt und hibbelig und turnt auf Sofas herum wie immer – aber wenn man länger mit ihr spricht, ist da immer eine unsichtbare Mauer, an die man im Gespräch stößt. "Nächste Woche fahre ich in Urlaub." – Oh, wohin geht’s? – Stummes Kopfschütteln, Mauer. Einmal fragt ein Moderator von 1Live im Scherz: Was ist das Beste daran, einen Basketballer zum Freund zu haben? – Stummes Kopfschütteln.  

    Die unsichtbare Mauer ist einerseits ein guter Rat von Stefan Raab, sagt sie. Nichts Privates in die Öffentlichkeit! Sie hält sich daran, auch jetzt, wo sie aus dem Bunker draußen ist. Andererseits ist diese Mauer vermutlich auch einer der Gründe, weshalb Lena bis heute fasziniert: "Ich hab mich eben nicht so auf einen Schlag verpulvert", sagt sie. Lena hätte schon viel Geld mit Nacktfotos verdienen können, erzählt sie. Ganz zu schweigen von Schauspielrollen, die bekommt sie ständig angeboten. Das wollte sie ja eigentlich mal machen: Schauspielen, Heike Makatsch war ihr Vorbild. Aber sie sagt immer ab.  

    Vielleicht hat sie vor allem dieses aus den letzten fünf Jahren gelernt: Nur weil zufällig gleich das Erste klappt, was man ausprobiert, muss man das nicht weitermachen. Aber wenn es sich gut anfühlt, macht man es lieber gleich richtig.

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  • 05/11/15--06:47: Das Instagram-Menü
  • Als Restaurant hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten, um mit Food-fotografierenden Gästen umzugehen: Man kann es verbieten, wie es dem Guardian zufolge zum Beispiel das New Yorker Restaurant Momofuku Ko gemacht hat. Oder man sorgt dafür, dass das, was die Gäste fotografisch festhalten, möglichst appetitlich aussieht. Bereits 2013 fing die spanische Restaurantkette Grupo Gourmet an, Fotografie-Workshops für Privatleute und Foodblogger zu veranstalten.

    Das israelische Weingut Carmel hat dies nun perfektioniert und bietet zusammen mit dem Restaurant Catit in Tel Aviv nicht nur Food-Foto-Workshops an, sondern auch spezielle, Instagram-taugliche Menüs. Das Ergebnis sieht dann so aus:






    Für das Instagram-Menü mit dem wenig kreativen Namen "Foodography" wurden sogar spezielle Teller entworfen, auf denen das Essen besonders gut aussieht, – Smartphone-Halterung (im optimalen Food-Foto-Winkel) und dezenter Bildhintergrund inklusive: 

    [plugin imagelink link="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-05/4/16/enhanced/webdr07/enhanced-14794-1430772928-2.png" imagesrc="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-05/4/16/enhanced/webdr07/enhanced-14794-1430772928-2.png"] (Quelle: Carmel Winery, via Buzzfeed)

    Ein Gang – mit dem ebenfalls wenig kreativen Namen "360°" – wird auf einem drehbaren Teller serviert, damit man das Essen von jeder Seite festhalten kann:

    [plugin imagelink link="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-05/4/16/imagebuzz/webdr15/anigif_optimized-16268-1430772796-3.gif " imagesrc="http://ak-hdl.buzzfed.com/static/2015-05/4/16/imagebuzz/webdr15/anigif_optimized-16268-1430772796-3.gif "] (Quelle: Carmel Winery, via Buzzfeed)

    Die Fotos unter dem Hashtag #fdgr sind so ästhetisch wie Food-Fotos im Netz es selten sind. Den ambitionierten Instagram-User mag das sicher freuen. Vor allem aber die Restaurantbetreiber: Appetitliche Fotos in sozialen Netzwerken sind das beste Marketing, das sie kriegen können. Und ein Menü für mehr als 150 Dollar anzubieten, bei dem sich niemand beschweren kann, dass das Essen auf dem Teller kalt ist, ist am Ende vor allem eines: ziemlich genial.

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